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Kronstadt 1921: Wahrheit und Lüge

Eingereicht on 21. März 2016 – 12:10

Bastian Schmidt, Hovhannes Gevorkian. In diesen Tagen jährt sich zum 95. Mal die Niederschlagung des Kronstädter Matrosenaufstands von 1921. Vor allem Anarchist*innen verteidigen bis heute diesen Aufstand und greifen dabei vor allem Trotzki an. Doch was ist wirklich an den Anschuldigungen vieler Anarchist*innen dran?

Der Aufstand der Kronstädter Matros*innen unterschied sich grundsätzlich nicht von anderen kleinbürgerlichen Aufständen. Nur die Außenwirkung war bedeutend größer, waren es doch auch Matros*innen aus Kronstadt, die 1917 maßgeblich den Oktoberumsturz vorangetrieben hatten. Doch die Zeiten hatten sich geändert. Viele der früheren Matros*innen waren längst Kommissar*innen der Bolschewiki, Parteiführer*innen oder Leiter*innen von Ausschüssen in den befreiten Gebieten. Rund die Hälfte der Arbeiter*innen war nicht mehr in den Städten. Die Aufständischen waren jedoch auch nicht im Auftrag der zaristischen Truppen unterwegs. Vielmehr haben vor allem die bäuerlichen Massen die kleinbürgerliche Ideologie eingefangen – denn viele von den neu rekrutierten Kronstädter Matros*innen kamen aus den bäuerlichen Gegenden der Ukraine. Keineswegs war es vorbestimmt, dass die Entwicklung in der gewaltsamen Niederschlagung enden musste.

Die Bolschewiki hatten bereits vorher den Kronstädter*innen einige Zugeständnisse gemacht. Die Einführung der Neuen Ökonomischen Politik sollte vor allem den bäuerlichen Massen wieder die Möglichkeit geben selbst anzubauen. Auch hatten die Bolschewiki immer wieder ihre Verhandlungsbereitschaft gegenüber den Matros*innen erklärt. Der Aufstand wurde jedoch nicht von mythologischen Freiheitskämpfer*innen angeführt. Selbst der frühere Anarchist und Schriftsteller Victor Serge konstatierte: Kronstadt war nicht mehr die Heimstatt der politischen Leidenschaften und Ideen von 1917 und 1918. Arbeiter und Matrosen, die treuesten Anhänger, waren verschwunden, über ganz Rußland verstreut, im Kampfeinsatz an verantwortlichen Stellen. […] die, die sich noch in der Festung und bei der Flotte befanden, waren mit wenigen Ausnahmen nicht gerade die Fortschrittlichsten …

Der damalige General Koslowski hatte beispielsweise selbst mit zaristischen Truppen um General Wrangel zusammengearbeitet. Auch die Bewegung um den Anarchisten Nester Machno war in der Zeit davor verantwortlich für die Erschießung von Kommunist*innen und für Überfälle auf Fabriken der Roten Armee. Der Aufstand selbst wurde dabei angefeuert von verschiedensten Gerüchten über die Niederschlagung von Arbeiter*innenaufständen, unter anderem in Moskau Ende Februar 1921. Daraufhin wurden in Kronstadt rund 300 Kommunist*innen festgenommen.

Die Niederschlagung

Das Zentralkomitee ließ sich dabei nicht darauf ein, die Kronstädter*innen einfach nur aushungern zu lassen, wie es zum Beispiel von Stalin gefordert wurde. Am 4. März stellte das Petrograder Verteidigungskomitee ein letztes Ultimatum an die Matros*innen. „Wenn ihr nicht nachgebt, wird man euch der Reihe nach wie Rebhühner abschießen“, hieß es dabei recht unverblümt von Grigori Sinowjew. Am 5. März erschien Trotzki persönlich in Kronstadt, um dem Kommandeur Tuchatschewski aufzutragen, einen Angriffsplan zu erstellen. Die Zeit drängte dabei vor allem deshalb, weil der geplante Weg nach Kronstadt über das Eis zu schmelzen drohte. So erreichte die Rote Armee unter großen Verlusten am 8. März die Seefestung. Über 10.000 Soldat*innen der Roten Armee fanden dabei den Tod. Der Aufstand selbst dauerte zwei Wochen und wurde am 18. März endgültig niedergeschlagen.

Der Kronstädter Matrosenaufstand kann als ein Nachbeben des blutigen Bürger*innenkrieges nach der Revolution bezeichnet werden. Auch der Kampf gegen diesen Aufstand war geteilt in zwei Lager: Revolution und Konterrevolution. Es ist dabei zu bedenken, dass jeder bewaffneter Aufstand gegen die führenden Kräfte der Revolution, ganz gleich mit welchen Motiven er begründet wird, im Laufe der Revolution nichts anderes als Konterrevolution ist. Im Februar/März 1921 war die Oktoberrevolution noch unter Beschuss und erst kurz vorher waren die Kämpfe in Georgien und Sibirien zu Ende gegangen bzw. dauerten noch vereinzelt an.

Permanenten Angriffen ausgesetzt

Nach drei Jahren Kriegskommunismus, nach Trotzki im Grunde ein System zur Reglementierung des Verbrauchs in einer belagerten Festung war die Zeit gekommen, diese Politik aufzugeben. Die Neue Ökonomische Politik (NEP) sollte wenig später unter großen Schwierigkeiten eingeführt werden. Die Einführung der NEP, die Trotzki befürwortete und schon ein Jahr zuvor angeregt hatte, bedeutete dabei große Konzessionen an das Bauern- und Kleinbürger*innentum. Sie war das Ergebnis einer ständigen Bedrohung der Sowjetmacht durch den Weltimperialismus und des Ausbleibens der proletarischen Revolution im Westen.

Diese Bedrohung besonders durch die Mächte Frankreich und Großbritannien war jederzeit real und ein Erfolg des Kronstädter Aufstandes die Möglichkeit für eine weitere imperialistische Intervention eröffnet. Dies galt insbesondere durch die strategische Position der Festung auf der Insel Kotlin mitten vor den Toren Petrograds. Unter diesen Bedingungen war der Aufstand also keinesfalls ein berechtigter Protest, sondern ein offener konterrevolutionärer Akt. Trotzki selbst notierte polemisch in seinen Artikeln in der damaligen Zeit, wie sich die bürgerlichen Zeitungen im Ausland über den Aufstand freuten und ein Ende der Sowjetmacht herbeisehnten.

Warum so viel Aufsehen?

Die Niederschlagung führte besonders unter Anarchist*innen und „Linkskommunist*innen“ zu einer Verteuflung der Person Leo Trotzkis. Mensch bezeichnete ihn als „fanatischen, machttrunkenen Kommunisten“, der die sogenannte „Dritte Revolution“ verhindert hatte und maßgeblich dazu beitrug, dass sich die Bürokratisierung und später die Stalinisierung der Sowjetmacht vollziehen sollten. Doch diese Anschuldigungen konnten sich nur als haltlos zeigen, da selbst Oppositionsgruppen an der Niederschlagung teilnahmen.

Denn parallel dazu tagte der X. Parteikongress und es mangelte gerade bei diesem Kongress nicht an Kontroversen und Kritik an der Linie Lenin-Trotzkis zur Frage der Durchsetzung der NEP. Es ist dabei erstaunlich, dass eben jene Oppositionsgruppen die Einschätzung Trotzkis teilten, denn wie Pierre Broué schreibt: Sofort darauf [nach Trotzkis Lagebericht] meldeten sich 200 Delegierte – ungefähr ein Viertel – als Freiwillige, um am Sturmangriff teilzunehmen: unter ihnen die Delegierten der beiden Oppositionsgruppen, Dezisten und Arbeiteropposition.

Mittlerweile ist nicht zuletzt durch die Öffnung der ex-sowjetischen Archive bewiesen, welchen Charakter der Aufstand hatte: einen konterrevolutionären zwar, weswegen die Niederschlagung gerechtfertigt war. Aber auch einen tragischen, denn der Kronstädter Matrosenaufstand war keineswegs eine rein weißgardistische Provokation.

Die Bürokratisierung und Stalinisierung schließlich lagen nicht in der Verteidigung der Revolution, die natürlich auch gewaltsam geschehen muss, begründet. Sondern ihre Ursache war die fehlende Ausweitung der Revolution auf Europa, deren Notwendigkeit Lenin und Trotzki immer betont hatten. Die NEP selbst war nur ein Hilfsmittel, um die Zeit zu überstehen, in der die Revolution auf die Weltebene gehoben wird – isoliert würde jeder Arbeiter*innenstaat zugrunde gehen.

In Gedenken an die gefallenen Rotarmist*innen

Am 3. April nahm Trotzki die Parade zu Ehren der vor Kronstadt gefallenen Soldat*innen der Roten Armee ab. Auch wir wollen ihr Erbe hochhalten und zitieren deshalb die kurze Rede Trotzkis:

Wir warteten solange wie möglich, damit unsere verblendeten Matrosengenossen mit ihren eigenen Augen sehen konnten, wohin die Revolte sie führte. Aber wir wurden mit der Gefahr konfrontiert, daß das Eis schmelzen würde, und waren gezwungen, kurz, scharf und entscheidend zuzuschlagen.

Mit unvergleichlichem Heroismus, in einem Waffengang ohnegleichen in der Militärgeschichte nahmen unsere kursanti (Militärkadetten) – und die von ihnen inspirierten Einheiten der Roten Armee – eine vorzügliche Seefestung im Sturm.

Ohne einen einzigen Schuß abzugeben, gingen diese Söhne des Rußlands der Arbeiter und Bauern, würdig der Revolution, über das Eis vor. Einige gingen ohne ein Wort der Klage zugrunde, aber der Rest ging weiter vor bis zum endgültigen Sieg. Sie werden von den arbeitenden Massen Rußlands und der ganzen Welt niemals vergessen werden.

Quelle: www.klassegegenklasse.org vom 21. März 2016

 

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