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Vietnam – Die Niederlage nach dem Sieg von 1975

Eingereicht on 25. Mai 2015 – 10:26

Vor vierzig Jahren fügte die vietnamesische Bevölkerung der imperialistischen Supermacht USA eine vernichtende Niederlage bei – und sie lebt nun unter dem Joch des globalisierten Kapitalismus. Ja, schlimmer noch: Vietnam wird heute von den USA in ihrem Aufmarsch gegen China erneut als militärischer Brückenkopf aufgebaut. Was geschah?

Der Fall von Saigon war ein beeindruckender Sieg einer unterdrückten Bevölkerung gegen die mächtigste imperialistische Nation der Welt. Aber trotz alles Heldenmutes und aller Opfer, die die vietnamesische Bevölkerung in 30 Jahren Krieg – zuerst gegen den französischen Kolonialismus, dann gegen den US-Imperialismus – gebracht hat, lässt sich nicht abstreiten, dass sie vierzig Jahre nach ihrem Sieg tragische Helden sind.

Vietnam konnte sich trotz seines tapferen Kampfes nicht aus dem Status einer unterdrückten ehemaligen Kolonie befreien. Vierzig Jahre nach dem Fall von Saigon hat sich Vietnam zu einem Billiglohnland für ausländische transnationale Konzerne entwickelt, die sich von der Ausbeutung vietnamesischer Arbeiterinnen und  Arbeiter riesige Profite erhoffen.

Vierzig Jahre nachdem die letzten US-Truppen aus Vietnam vertrieben wurden, kehrt das amerikanische Militär zurück: Washington schickt Kriegsschiffe in das Land und liefert Waffen an die vietnamesische Armee, um das Land in seine imperialistische Strategie des «Pivot to Asia» einzuspannen. Somit könnte Vietnam, das in einem der blutigsten Kriege der Region den Sieg über die amerikanischen Truppen errungen hat, zu einer Schachfigur der USA bei der Vorbereitung eines möglicherweise noch katastrophaleren Krieges werden – diesmal gegen die Atommacht China.

Washington versucht außerdem, Hanoi in die Transpazifische Partnerschaft (TPP) einzubeziehen, einen Freihandelsblock, der Chinas Aufstieg zur vorherrschenden Wirtschaftsmacht in der Region ausbremsen soll. Die Bedingungen des Vertrags würden Vietnam zur Zerschlagung von Staatsunternehmen zwingen, und dem amerikanischen Kapital einen noch größeren Teil seiner Wirtschaft zur Ausbeutung eröffnen.

Zwar ist China der größte Handelspartner Vietnams, aber die USA sind sein größter Exportmarkt.

Der wichtigste Grund für das Schicksal der vietnamesischen Revolution ist ihre Isolation, die wiederum durch die nationalistische Perspektive der vietnamesischen Führung gefördert wurde. Eine noch entscheidendere Rolle bei der Isolierung der vietnamesischen Revolution haben jedoch die Führungen der stalinistischen und sozialdemokratischen Parteien und der Gewerkschaften gespielt, welche die Arbeiterklasse im gleichen Zeitraum in einem Land nach dem anderen bewusst vom Pfad der sozialen Revolution abgebracht hatten – 1968 in Frankreich, 1969 in Italien, 1973 in Chile, 1974 in Portugal und Griechenland, 1975 in Spanien.

Die Erfahrung in Vietnam hatte die herrschende Eliten der USA traumatisiert. Sie versuchten jahrzehntelang, das «Vietnam-Syndrom» zu überwinden, wie die Ablehnung des Militarismus in der amerikanischen Bevölkerung nach dieser Erfahrung genannt wurde. Allerdings hat die Führung der machtvollen Antikriegsbewegung in den USA gegen die Intervention in Vietnam alles in ihrer Macht stehende getan, um den Kampf gegen Krieg vom Kampf gegen den Kapitalismus zu trennen, während das Land gleichzeitig von einer massiven Streikwelle und einer Reihe von Rebellionen der am stärksten unterdrückten Schichten der Arbeiterklasse in den Innenstädten erschüttert wurde. Sie ordnete diese Bewegung der Demokratischen Partei unter. Nach dem Krieg rückten diese Schichten, genau wie die Demokratische Partei selbst, schnell nach rechts.

Im nachfolgenden Beitrag geht Pierre Rousset den Ereignissen nach. Der Autor ist Führungsmitglied der Vierten Internationale und des französischen Nouveau Parti Anticapitaliste (NPA). Er hat mehrere Publikationen zu den politischen Entwicklungen in Asien verfasst. Der Beitrag wurde von der Redaktion maulwuerfe.ch ins Deutsche übertragen. Er erscheint in der Inprekorr vom Juli – August 2015.

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Heute ist es nicht ungewöhnlich, dass die USA einen Krieg verlieren. Im vergangenen Jahrhundert war dem nicht so. Vor genau vierzig Jahren war die Niederlage der USA in Vietnam ein umso bedeutsameres Ereignis, als die USA während Jahren ihre ungeheure Kriegsmaschine mobilisierten, um den Krieg zu gewinnen; dadurch erlangte der Indochina-Krieg eine erstrangige internationale Bedeutung. Vietnam stand damals im Fokus der weltpolitischen Spannungslinien von Revolution und Konterrevolution, der Ost-West Blockkonfrontation  und dem sino-sowjetischen Konflikt. Dies war eine seither nie mehr dagewesene Konfiguration.

Am 30. April 1975 eroberte die Volksbefreiungsarmee im Rahmen einer Blitzoffensive Saigon, ohne dabei auf Widerstand zu stossen. Das Saigoner Regime, ein Handlanger Washingtons, brach zusammen wie ein Kartenhaus. Überrumpelt mussten die USA ihre Niederlassungen Hals über Kopf räumen, Helikopter evakuierten ihre Staatsbürgerinnen und –bürger ab dem Dach der US-Botschaft – und dies unter den Augen aller Welt! Welch schreckliche Demütigung für die imperialistische Supermacht, die damals als unbesiegbar galt.

Damals standen die USA bereits seit mehr als zwanzig Jahre im Krieg mit der vietnamesischen Befreiungsbewegung; dieser Krieg begann bereits vor der französischen Niederlage von 1954 und sie bereiteten sich darauf vor, das in rasantem Niedergang befindliche französische Kolonialregime abzulösen. Für die USA ging es nicht um die Verteidigung spezifischer Wirtschaftsinteressen (Marktzugang, Investitionen, …). Es ging vielmehr um geostrategische Ziele: jeder revolutionären Dynamik in Asien definitiv Einhalt zu gebieten.

Zurückdrängung der asiatischen Revolutionen

Asien wurde sehr früh zum wichtigsten Brennpunkt der antiimperialistischen Kämpfe. Zwar waren die Folgen des Ersten Weltkrieges und der Russischen Revolution zuerst in Europa spürbar. Aber nach der letzten Niederlage der Deutschen Revolution (1923) verschob sich die Aufmerksamkeit gegen Osten. Das islamische Zentralasien geriet in Aufruhr. Ab 1925 standen sich in China revolutionäre und konterrevolutionäre Kräfte gegenüber. In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg bildeten sich bewaffnete Befreiungsbewegungen von Lateinamerika über Afrika bis in den Mittleren Osten; ihre leuchtenden Beispiele waren Kuba, Algerien, Palästina, Angola, Moçambique… Der Imperialismus setzte seine Ordnung mittels besonders blutigen Diktaturen (Chile, Argentinien, …) und mit Hilfe von Staaten wie Israel durch. Dies betraf die gesamte Dritte Welt, aber es war im Fernen Osten, wo mit dem Sieg der Chinesischen Revolution (1949) der Konflikt eine ganz besondere Dimension annahm. China ist das bevölkerungsreichste Land der Erde, gefolgt von Indien, das, obwohl kapitalistisch, sich an Moskau anlehnte, um eine gewisse Unabhängigkeit zu gewinnen. Frankreich erwies sich als ausserstande, den Kampf des vietnamesischen Volkes zu zerschlagen. Die revolutionären Brennpunkte in der Region weiteten sich aus. Washinton wollte die Welle der asiatischen Befreiung « eindämmen und zurückdrängen » und knauserte dabei nicht mit seinen Mitteln.

Gegen China wurde keine Blockade aufgezogen wie gegen Kuba. Vielmehr wollten die USA einen riesigen politischen, wirtschaftlichen und militärischen Sicherheitsgürtel aufbauen, der sich in einem weiten Bogen ab der koreanischen Halbinsel bis zur indonesischen Halbinsel erstrecken sollte. Washington schob den Riegel im Osten: Es war der Koreakrieg (1950 – 1953), der ein bis heute geteiltes Korea geschaffen hat. Und schob den Riegel im Süden und baute Taiwan zu einer Festung aus – dorthin haben sich die konterrevolutionären chineschen Truppen zum grossen Missfallen der einheimischen Bevölkerung zurückgezogen. Das autoritäre Regime der Goumindang repräsentierte im Sicherheitsrat der UNO [bis 1971; Anm. d. Ü.]  ganz China. Um die Regimes in Südkorea und in Taiwan zu stabilisieren, förderten die USA Agrarreformen und liess den reichen Familien, die den diktatorischen Staat kontrollierten mehr Handlungsspielraum. Von daher rührt die ungewöhnliche Entwicklung eines vergleichsweise autonomen koreanischen und taiwanesischen Kapitalismus.

Die Vereinigten Staaten halfen Japan beim Wiederaufbau (wie in Westeuropa mit dem Marshallplan), und stellten dieses unter seinen strategischen Schutz. Auf Okinawa, in Südkorea, auf den Philippinen, in Thailand wurden sehr grosse US-Militärbasen errichtet. Die VII. Flotte und ihre Flugzeugträger besetzten das Chinesische Meer. Washington schob den Riegel erneut, dieses Mal im südasiatischen Archipel – mit Hilfe des indonesischen Staatsstreiches von Suharto (1965). Die Kommunistische Partei Indonesiens (PKI), die als die grösste KP der kapitalistischen Welt galt, wurde zum Preis von vermutlich zwei Millionen Toten und einem Repressionsstaat, der über dreissig Jahre andauerte, ausgelöscht.

Für das Projekt der Einkreisung Chinas fehlte noch das kontinentale Südostasien. In Thailand und Malaysia waren damals maoistische Guerillas tätig. Und vor allem hatten in Vietnam die Kämpfe wieder eingesetzt. Die in den Genfer Verträgen festgelegte Teilung des Landes konnte nicht von langer Dauer sein; die darin vereinbarten Wahlen wären mit Sicherheit durch den Vietminh und Ho Chi Minh gewonnen worden. Für Washington, das die Verträge nicht unterzeichnet hatte, kamen deshalb solche Wahlen nicht in Frage. Im Gegenteil: Das Saigoner Regime und seine amerikanischen Berater begannen mit der systematischen Ermordung der revolutionären Kader, die im Süden lebten. An der Wende zu den sechziger Jahren hatte die KPV deshalb beschlossen, die Kämpfe erneut aufzunehmen, wohl wissend, dass sie diesmal direkt den Vereinigten Staaten und nicht mehr nur Frankreich gegenüberstehen würde.

Den «Sowjetblock» in die Knie zwingen

Die Zurückdrängung der asiatischen Revolutionen war nicht das einzige Ziel der US-Intervention in Vietnam. Hinter Peking war auch Moskau im Visier. Washington wollte Schluss machen mit dem «Blocksystem», das seit dem Zweiten Weltkrieg die internationale Szene beherrschte. Dabei ging es um einen grossen Einsatz: dem imperialistischen Kapital zu ermöglichen, erneut in die unendlichen Weiten des «Ostblocks» einzudringen.

Obwohl er in Indochina stattfand, war der Vietnamkonflikt kein lokaler Krieg, nicht einmal nur ein regionaler. Er hatte eine weltweite Dimension. Unmittelbare Folge: Sämtliche Widersprüche der internationalen Politik brachen hier durch und beeinflussten den Befreiungskampf: die Mobilisierungen der Arbeiterbewegung und der fortschrittlichen Kräfte in Europa und in den Vereinigten Staaten, die Solidaritätsbewegungen, die Eröffnung (oder eben nicht) neuer revolutionärer Fronten in der Dritten Welt, Widersprüchlichkeiten der Moskauer oder Pekinger Diplomatie…. Denn Widersprüchlichkeiten, die gab es.

Es gab keine einfache Gleichwertigkeit zwischen dem «revolutionären Lager» und dem «sowjetischen Lager». Sosehr der Ost-West Konflikt eine Realität war, sosehr konnte der Imperialismus auf die Eigeninteressen der sowjetischen Bürokratie spielen (wie später auf diejenigen der chinesischen Bürokratie), um in entscheidenden Momenten auf die Befreiungsbewegungen Druck auszuüben. Die asiatischen Kommunisten haben dies sehr früh zu ihrem Schaden erfahren. Am Ende des Zweiten Weltkrieges hat Moskau in den Abkommen von Jalta und Potsdam akzeptiert, dass China und Vietnam im westlichen Herrschaftsbereich verbleiben sollen. Weder die KPCh noch die KPV haben diese Aufteilung der Welt hingenommen, die geheim und hinter ihrem Rücken von den Allierten ausgehandelt wurde.

1954 zwangen Moskau und Peking die KPV noch gemeinsam, um während den Genfer Verhandlungen ein Abkommen zu akzeptieren, das keineswegs den wirklichen Kräfteverhältnissen entsprach und das im Keime einen neuen Krieg mit sich brachte – den amerikanischen Krieg, der grausamste von allen. Die Vietnamesen haben aus dieser bitteren Erfahrung gelernt: Fünfzehn Jahre später haben sie den «grossen Brüdern» China und Sowjetunion die Beteiligung an den Verhandlungen in Paris verweigert; diese wurden bilateral mit Washington geführt aus denen dann die Verträge von 1973 hervorgingen – diesmal jedoch vorteilhaft für Vietnam.

Mit dem Hervortreten des sino-sowjetischen Konflikts Mitte der 1960er Jahre wurde die Geopolitik noch komplexer. Damals hatte sich China gegen das hinter seinem Rücken von Moskau mit Washington ausgehandelte Nuklearabkommen gestellt. Das Schisma, das den «Ostblock» von innen her aufbrechen liess, bereitete der KPV ein wahres Kopfzerbrechen, denn sie benötigte die Hilfe beider Rivalen aus dem «sozialisten Lager». Im Gegenzug bedeutete dieses Schisma einen Glücksfall für die Vereinigten Staaten, die diesen neuen Widerspruch auszunutzen verstanden. Dieser Trumpf erlaubte ihnen zwar nicht, das Debakel von 1975 zu vermeiden, aber er erwies sich in den Folgejahren für die Bildung eines Bündnisses USA-China-Rote Khmer als entscheidend, als versucht wurde, Vietnam in die Zange zu nehmen.

Bei all dem darf jedoch keinesfalls vergessen werden, dass die während des Krieges gegen die USA von Moskau und Peking geleistete wirtschaftliche und militärische Hilfe an Hanoi sehr wichtig war. Die UdSSR und China wussten sehr wohl, dass sie die wahren Ziele der US-Intervention in Vietnam waren. Wären die USA siegreich gewesen, so hätten sie weiteren Druck aufbauen können. Die sino-sowjetische Hilfe war von daher einer der Faktoren des vietnamesischen Widerstandes. Obwohl sie beträchtlichen Umfang hatte, so wurde sie doch politisch so abgemessen, dass dadurch nicht die Gesprächsmöglichkeiten mit Washington bedroht wurden: Die Raketen, die den nordvietnamesischen Himmel gegen die B-52 Bomber hätten schützen können, wurden nicht geliefert, das Angebot eines (faulen) Kompromisses wurde aufrechterhalten – nur dass die KPV ihn nicht wollte.

Der vietnamesische Faktor

Die geopolitische Lage nach 1949 (Sieg der Chinesischen Revolution) und 1954 (französische Niederlage) macht aus Vietnam den «Brennpunkt» der internationalen Situation, den «vorgeschobenen Schützengraben» des revolutionären Kampfes, um an einen langen Kampfruf an den Solidaritätsdemos anzuknüpfen: «Seid gegrüsst, vietnamesische Brüder, Soldaten an der allervordersten Front». Es war weiterhin notwendig, dass die Befreiungsbewegung in diesem Lande imstande war, eine sehr schwierige Aufgabe zu übernehmen: An «vorderster Front» gegen die Vereinigten Staaten zu stehen.

Die antikolonialen Kämpfe in Vietnam haben erst spät das spektakuläre Ausmass angenommen, wie wir es von China ab den zwanziger Jahren kennen. Gleichwohl sind die nationale Bewegung und vor allem die KPV zur selben Zeit wie die KPCh entstanden. Der Kern der ersten Führungen dieser beiden Parteien  hat sich unmittelbar nach der Russischen Revolution gebildet, vor der Stalinisierung der UdSSR. Alle beide haben sich nichtsdestotrotz mit dem «sozialistischen Lager» identifiziert und haben dabei jedoch eine Autonomie in ihren Entscheidungen beibehalten, die mit der direkten Unterordnung anderer KPs kontrastiert. Beide haben sie sich unterschiedliche Kampferfahrungen angeeignet, bevor sie sich in einem verlängerten Volkskrieg engagiert haben – ab der Wende in die dreissiger Jahre in China, ein Jahrzehnt später in Vietnam.

Vor dem Krieg gegen die USA hatte der Vietminh im August durch die Erklärung der Unabhängigkeit eine solide nationale Legitimität gewonnen. Diese wurde dann noch gefestigt durch die Führung des «Volkskrieges», der dem französischen Expeditionskorps  die Niederlage von  Diên Biên Phu beifügte, ein bislang weltweit einmaliger Erfolg gegenüber einer Kolonialmacht. Die Vereinigten Staaten griffen also einen kriegserprobten und gut verwurzelten Gegner an; sie zweifelten nicht an ihrem Sieg, so sehr waren sie von ihrer Macht überzeugt.

In seiner Dauer stellt der vietnamesische Befreiungskampf eine ganze Periode dar, die durch die Russische Revolution eröffnet wurde. Der Sieg von 1975 war dabei auf seine Art der Höhepunkt: Das Land siegte in einem frontalen Konflikt gegen den amerikanischen Imperialismus. Er kündigte auch das Ende dieser Periode an, obschon dies nicht sogleich sichtbar ist: Die sowjetischen und chinesischen Regimes zersetzten sich aufgrund von bürokratischen Konflikten und Krisen immer mehr.

Ein totaler Krieg

Die amerikanische Intervention war in erster Linie eine – abgesehen von den beiden Weltkriegen – bislang beispiellose militärische Eskalation. Die ungeheuren in der Region bereitgestellten Mittel wurden eingesetzt, die Militärbasen von Okinawa bis Thailand wurden in «bodengestützte Flugzeugträger» verwandelt. Die VII. Flotte bombardierte die vietnamesischen Küsten pausenlos, während die Luftwaffe in sehr kurzer Zeit vor Ort sein konnte. Die riesigen B-52 Bomber konnten ihr zerstörerisches Werk aus grosser Höhe ausführen. Zum ersten Male wurden in den Kämpfen im grossen Massstabe Helikopter eingesetzt (Frankreich hatte bereits in Algerien welche benutzt). Napalm, Entlaubungsmittel (Agent Orange, das das Land immer noch vergiftet), Splitterbomben…. Abgesehen von der Atombombe und der Zerstörung der wichtigsten Dämme, was einen Teil Nordvietnams unter den Fluten ertränkt hätte (zwei Massnahmen, deren internationale Konsequenzen vorhersehbar gewesen wären) wurden alle Mittel eingesetzt. Das US-Expeditionskorps war bis zu 550´000 Mann stark. Auf das kleine Gebiet in Indochina wurden doppelt so viele Tonnen an Bomben abgeworfen, wie durch die Allierten im Zweiten Weltkrieg insgesamt. Alles in allem nahmen annähernd 9 Millionen US-Militärs am Krieg teil.

Der Krieg wurde auf mehreren Ebenen geführt. Ein Plan zur Ermordung der Kader der Nationalen Befreiungsfront im Süden, der Plan Phoenix, führte zu mehreren Zehntausend Opfern. Es wurde eine Agrarreform angestossen, um derjenigen der Vietminh etwas entgegenzusetzen und dem Saigoner Regime, das sich auf kapitalistische Farmer abstützte, eine soziale Basis zu verschaffen. Die Landbevölkerung wurden in strategische Dörfer umgesiedelt und es wurde bis in die einzelnen Haushalte hinein ein System der Polizeikontrolle errichtet, das bis in die Städte reichte, um alle nicht registrierten Personen ausfindig zu machen. Um die Zahl der Opfer unter dem Expeditionskorps zu verringern, wurde die «Vietnamisierung» der konterrevolutionären Einheiten vorangetrieben – dabei ging es darum, «die Hautfarbe der Leichen zu verändern»….

In den Vereinigten Staaten wurde die Wirtschaft in die Kriegsproduktion eingespannt wie auch die Forschergemeinschaft, von der die Regierung verlangte, neue Tötungsmaschinen zu erfinden, Sprengbomben, um die Tunnels zu zerstören, Wärmedetektoren um Menschen aufzuspüren, Anti-Personenminen, die sich im natürlichen Umfeld einfügen, … Die sehr grosse Mehrheit der Wissenschafter hat sich ohne grosse Bedenken an die Arbeit gemacht, bis zu dem Moment, als die Antikriegsbewegung angesichts der grossen Verluste der US-Armee an Kraft gewann; 60´000 GIs fanden den Tod, während drei Millionen Vietnamesinnen und Vietnamesen getötet wurden, bei fünf Millionen Verletzten und zehn Millionen Vertriebenen….

Trotz der schweren Verluste, die nach dem Sieg ernste Folgen hatten (so wurde die Ausstattung mit revolutionären Kadern vor allem im Süden sehr geschwächt), hielt der vietnamesische Widerstand stand. Die wirtschaftlichen Kosten für die USA waren enorm. Die Antikriegsbewegung wurde zu einem Faktor innenpolitischer Destabilisierung. Das Jahr 1968 hat den Westen erschüttert…. Washington wurde zu Verhandlungen gezwungen. Zwei Jahre nach der Unterzeichnung der Pariser Verträge brach das Saigoner Regime zusammen.

Schach, jedoch nicht matt

Im Jahre 1975, gleich nach dem vietnamesischen Sieg, erklärten Moçambique (im Juni) und Angola (im November) ihre Unabhängigkeit – worauf Süd-Afrika in beide einfällt. In diesem wiederum kommt das Apartheid – Regime 1994  an sein Ende….

Die Vereinigten Staaten werden in Vietnam zwar in Schach gesetzt, aber der König ist deswegen nicht matt. Die Pariser Verträge liefen nicht auf einen Kompromis hinaus, etwa nach dem Muster der Verträge von Evian zwischen dem französischen Imperialismus und dem neuen algerischen Regime, ganz im Gegenteil. Washington sann auf politische Rache, und der Konflikt dauerte in anderer Form fort. Bereits 1972 begab sich Richard Nixon in einer spektakulären Geste nach Peking, während die Kämpfe auf der indochinesischen Halbinsel wüteten. Es entstand ein Gelegenheitsbündnis, das nach 1975 zu einer anti-vietnamesischen Front zwischen dem amerikanischen Imperialismus, China (wo Deng Xiaoping die Zügel übernahm) und … den Roten Khmer (hinter dem offiziellen Rauchvorhang von Sihanuk) führte.

Der Krieg war nicht vorüber. Washington hielt den diplomatischen Druck auf das Land aufrecht und erliess ein Embargo; es wird bis zum Februar 1994 dauern und verunmöglicht internationale Investitionen. Die Roten Khmer ihrerseits treten in Kambodscha selbst eine mörderische Flucht nach vorne an, verstärken die Angriffe auf die Grenze und fordern von Vietnam das Mekong Delta. Im Dezember 1978 interveniert die vietnamesische Armee im grossen Massstab und das Pol Pot Regime fällt in sich zusammen, während die vertriebene Bevölkerung wieder nach Hause zurückkehrt. Im Februar-März 1979 überfällt die chinesische Armee mit ca. 120´000 Mann an mehreren Orten die Nordgrenze; die lokalen und regionalen Milizverbände mussten sich diesem Angriff entgegenstellen, da die reguläre vietnamesische Armee im kambodschanischen Kriegsgebiet gebunden war. Für die KPCh ging es vor allem darum, Hanoi seine Ansprüche auf die Inselgruppen der Spratley und der Paracelsus Inseln klarzumachen, als ein Vorspiel auf heutige maritime Gebietskonflikte.

Der Krieg nach dem Kriege stürzte Vietnam in eine Krise. Wie in Russland, in China oder in Kuba lässt der Imperialismus seine Niederlage durch einen hohen Preis bezahlen, während die Bevölkerung durch 30 Jahre Krieg schwer geschwächt wurde. Das Regime verhärtete sich noch mehr – bereits in der Vergangenheit wurde Ho Chi Minh (verstorben 1969) mehr oder weniger zum Alleinherrscher; er drängte Giap mehr als einmal an die Wand und führte in der Führung eine geheime Säuberung durch, angebliche «Sowjettreue» wurden während langer Jahre unter Hausarrest gestellt. Das Regime befürchtete, dass die chinesische Gemeinschaft im Süden des Landes zu einer fünften Kolonne würde und griff die grossen kapitalistischen Händler an…, die oft Chinesen sind. Peking heizte den Konflikt seinerseits an, was den starken Exodus der «Boat people» nur noch verstärkte.

Die Niederlage der Vereinigten Staaten von 1975 hatte nachhaltige Folgen. Der US-Imperialismus erlebte einen relative Niedergang, von dem Europa hätte profitieren können. Während Jahren war es ihm nicht mehr möglich, sich direkt in neue Kriege zu verwickeln. Es hätte sich ein neues Fenster für Befreiungskämpfe öffnen können, wenn nicht der chinesisch-sowjetische Konflikt dieses sofort wieder geschlossen hätte. Die Niederlage im Sieg kam nicht durch den äusseren Feind, sondern durch den inneren Feind jeder sozialen Revolution: von der Bürokratie.

Diese Niederlage im Sieg kam auch, dies sollte nicht vergessen werden, durch die Schwäche der internationalen Solidarität zustande – einer nach wie vor aktuellen Frage. Obwohl dies nicht der einzige Faktor war, so wurden doch im Rahmen der Radikalisierung der Jugend in zahlreichen Ländern in den Jahren 1965 bis 1975 viele sehr schöne internationalistische Seiten darüber geschrieben. Aber dies war bereits recht spät. Das vietnamesische Volk hätte seine Freiheit zur Zeit der Volksfront-Regierung in Frankreich 1936-37 gewinnen können; oder 1945, wenn Paris damals kein Expeditionskorps hätte entsenden können, um die ehemalige Kolonie zurückzuerobern; oder 1954, wenn Moskau und Peking keinen Deal mit Paris geschlossen hätten; oder dann 1968, im Anschluss an die Têt-Offensive. Man musste bis 1975 warten, nach Jahrzehnten der Zerstörung und der schweren Prüfungen, die der Befreiungsbewegung und der gesamten Bevölkerung hätten erspart werden können.

 

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