{"id":10002,"date":"2021-08-25T14:53:54","date_gmt":"2021-08-25T12:53:54","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10002"},"modified":"2021-08-25T14:53:55","modified_gmt":"2021-08-25T12:53:55","slug":"ford-streik-1973-es-waere-das-falsche-signal-auf-den-staat-zu-hoeren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10002","title":{"rendered":"Ford-Streik 1973: \u00bbEs w\u00e4re das falsche Signal, auf den Staat zu h\u00f6ren\u00ab"},"content":{"rendered":"<p><em>Yusuf As. <\/em><strong>Am 24. August 1973 begann der \u00bbwilde Streik\u00ab bei Ford in K\u00f6ln. Ein Gespr\u00e4ch mit dem damaligen Streikkomiteemitglied Hasan Dogan. Hasan Dogan war neben Baha Targ\u00fcn, dem mittlerweile verstorbenen Anf\u00fchrer des Arbeitskampfes bei Ford, Mitglied des zw\u00f6lfk\u00f6pfigen Streikkomitees.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p><strong>Im Januar 1973 hatten Streiks in der Metall- und Stahlindustrie begonnen, auch bei den Werften wurde gestreikt. Die schlechten Tarifabschl\u00fcsse und schlechte Arbeitsbedingungen hatten das Fass zum \u00dcberlaufen gebracht. Ein Streik nach dem anderen folgte. Streikforscher z\u00e4hlten \u00fcber 300 Ausst\u00e4nde mit einer Beteiligung von mehr als 300.000 Kolleginnen und Kollegen in Westdeutschland.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Zwei besondere K\u00e4mpfe hatten in der Umgebung von K\u00f6ln f\u00fcr Aufsehen gesorgt: die Arbeitsniederlegungen der Frauen bei den Automobilzulieferern Hella in Lippstadt und Pierburg in Neuss. Dort k\u00e4mpften Frauen verschiedener Nationalit\u00e4ten f\u00fcr \u00bbgleichen Lohn f\u00fcr gleiche Arbeit\u00ab, f\u00fcr die Abschaffung der niedrigen Lohnklasse 2, die nur f\u00fcr Frauen vorgesehen war. Die Frauen waren am Ende siegreich. (ys)<\/strong><\/p>\n<p><strong>Wann haben Sie bei Ford angefangen zu arbeiten, und wie gut waren Sie vernetzt?<\/strong><\/p>\n<p>Ich bekam ca. drei Monate vor dem Streik dort eine Anstellung. Damals arbeiteten 32.000 Menschen bei Ford, davon 12.000 aus der T\u00fcrkei. In einigen Hallen waren bis zu 90 Prozent T\u00fcrkeist\u00e4mmige. Wir haben meist die Drecksarbeit verrichtet. Ich habe relativ schnell die k\u00e4mpferischen Arbeiter kennengelernt. Baha Targ\u00fcn, die Galionsfigur des Streiks, lernte ich direkt bei meiner Ankunft kennen. Wir freundeten uns an. Baha kannte viele im Betrieb und war ein angesehener Arbeiter. Er war sehr gut vernetzt. Mit den k\u00e4mpferischen Arbeitern diskutierten wir oft \u00fcber unsere Situation im Betrieb und in den Wohnheimen.<\/p>\n<p><strong>1973 gab es unz\u00e4hlige Streiks. Sie haben sich ihnen erst im August angeschlossen. Wa\u00adrum so sp\u00e4t?<\/strong><\/p>\n<p>Als die Streikwelle in Westdeutschland ausbrach, schloss sich ein Betrieb nach dem anderen den Arbeitsk\u00e4mpfen an. Linke Gruppierungen versuchten, auch bei Ford in K\u00f6ln zu mobilisieren. Es wurden Flyer vor den Toren verteilt mit dem Aufruf: \u00bbWann streikt Ford?\u00ab Der Betrieb war fest in der Hand der IG Metall und der Betriebsr\u00e4te, die jeglichen Streik verhindern wollten und mit der Betriebsleitung kooperierten. So wurde bei Ford lange nicht gestreikt.<\/p>\n<p><strong>Wie kam es dann zum Ausstand? Was waren die Vorbedingungen?<\/strong><\/p>\n<p>Wir hatten sehr schlechte Arbeitsbedingungen. Unsere Wohnheime waren eine Katastrophe. Wir haben teils mit sechs M\u00e4nnern ein kleines Zimmer geteilt und hatten f\u00fcr zwei Zimmer eine Dusche, f\u00fcr drei Zimmer eine K\u00fcche. Im Wechsel arbeiteten wir im Akkord. Zudem hatten fast alle von uns die Entgeltgruppe vier. Fast alle deutschen Kollegen hatten die Entgeltgruppe sechs oder sieben. Nach den Sommerferien kam dann der letzte Tropfen, der das Fass zum \u00dcberlaufen brachte. Mehrere hundert t\u00fcrkeist\u00e4mmige Kollegen wurden nach dem Urlaub fristlos gek\u00fcndigt. Sie kamen zu sp\u00e4t aus den Ferien zur\u00fcck. Sie hatten gr\u00f6\u00dftenteils Krankmeldungen oder erkl\u00e4rliche Entschuldigungen. Das Problem hatten die Arbeiter schon immer gehabt. Damals dauerte eine einfache Fahrt mit dem Auto in die Heimat nicht unter drei Tagen. Deswegen wollten alle sechs Wochen am St\u00fcck Urlaub haben. Die Sehnsucht nach der Heimat und der Familie war sehr gro\u00df. Viele hatten, wie ich auch, Frau und Kinder zur\u00fcckgelassen, um hier einige Jahre zu arbeiten. Dann wurden Hunderte Kollegen fristlos gek\u00fcndigt, das hie\u00df f\u00fcr uns, mit weniger Leuten weiter den Akkord zu stemmen. Das ging aber nicht, wir waren schon am Limit angelangt. Dann platzte uns der Kragen.<\/p>\n<p><strong>Was geschah am 24.\u00a0August?<\/strong><\/p>\n<p>In der Sp\u00e4tschicht war es dann soweit. Wir waren in der \u00bbH\u00f6lle\u00ab von Ford, in der Y-Halle. Wir sollten die Arbeit der entlassenen Kollegen mitmachen. Wir sind schon dem normalen Akkord nicht nachgekommen. Da riss einem Kollegen pl\u00f6tzlich der Geduldsfaden, und er fing an zu br\u00fcllen. Und sofort stimmten wir alle mit ein. Baha hatte eine sehr kr\u00e4ftige Stimme. Er schrie ganz laut, dass wir durch die Hallen demonstrieren sollen. Wir liefen von Abteilung zu Abteilung, alle, Arm in Arm, fast jeder schloss sich uns an \u2013 meist die t\u00fcrkeist\u00e4mmigen, aber auch deutsche Kollegen. Wir liefen raus zur n\u00e4chsten Halle und dann \u00fcber die Br\u00fccke zum Westgel\u00e4nde. Als wir dort ankamen, standen Tausende Arbeiter hinter uns. Wir haben alle Tore blockiert. Keiner kam rein oder raus.<\/p>\n<p><strong>Was waren Ihre Forderungen, und wie haben sich der Betriebsrat und die IG Metall verhalten?<\/strong><\/p>\n<p>Vor der Personalabteilung machten wir eine gro\u00dfe Versammlung mit den Kollegen, besprachen unsere Forderungen: eine Mark mehr, sechs Wochen Urlaub am St\u00fcck, die Wiedereinstellung der entlassenen Kollegen und die Angleichung der Entgeltgruppen. Alle stimmten zu. Die IG Metall und der Betriebsrat versuchten, den Streik zu vereinnahmen und f\u00fchrten ohne uns Verhandlungen. Das war uns aber egal. Wir hatten die Macht im Betrieb. Wir bezeichneten die B\u00fcrokraten als \u00bbsatilmis sendika\u00ab (\u00bbgekaufte Gewerkschaften\u00ab). Die Sp\u00e4tschicht ging dann geschlossen nach Hause, die Nachtschicht wurde von Ford abgesagt. Am Montag ging der Streik mit der Fr\u00fchschicht weiter. Als wir aber sahen, dass der Betriebsrat auf der anderen Seite steht, haben wir ein eigenes Streikkomitee gegr\u00fcndet und eigene Verhandlungen aufgenommen.<\/p>\n<p><strong>Wie liefen die Verhandlungen?<\/strong><\/p>\n<p>Die Fabrikleitung hat versucht uns zu bestechen. Millionen von Mark und Autos wurden uns versprochen, wenn wir mit dem Streik aufh\u00f6ren. Wir hatten als Komitee die gesamte Leitung des Ausstands unter unserer Kontrolle. Das wusste auch die Betriebsleitung. Wir lehnten ab und sagten, was unsere Forderungen sind. H\u00e4tten wir uns kaufen lassen, h\u00e4tten wir gleich sterben k\u00f6nnen. Was h\u00e4tte das Leben als Verr\u00e4ter noch f\u00fcr einen Sinn gehabt?<\/p>\n<p><strong>Wie ging es weiter, als Ihren Forderungen nicht zugestimmt wurde? Gab es Solidarit\u00e4t von au\u00dfen?<\/strong><\/p>\n<p>Ab Montag haben wir den Laden wieder dichtgemacht. Wir fingen an, im Betrieb zu schlafen. Unser Streik sprach sich ganz schnell in der \u00d6ffentlichkeit herum. Jeder h\u00f6rte davon. Mit Lkw kam Essen und Trinken zu uns. Die Solidarit\u00e4t wuchs und gab uns noch mehr Mut. Am Montag schliefen etwa 400 Kollegen im Betrieb, am Dienstag wurden es \u00fcber 800 und am Mittwoch weit \u00fcber 2.000. Da merkte die Betriebsleitung, dass die Sache sehr ernst wurde und nur ein Ende in Sicht war, wenn unsere Forderungen angenommen werden.<\/p>\n<p>Sogar Willy Brandt rief uns auf, den Streik zu beenden. Wir haben ihn aber ignoriert und nicht auf ihn geh\u00f6rt. Was w\u00e4re das f\u00fcr ein Signal an die Kollegen gewesen, wenn wir auf den Staat h\u00f6ren w\u00fcrden.<\/p>\n<p><strong>Am f\u00fcnften Tag wurde der Streik niedergeschlagen. Was ist passiert?<\/strong><\/p>\n<p>Am Donnerstag liefen wir wieder durch die Hallen, um alle zu mobilisieren. Als wir uns der Halle G n\u00e4herten, kam uns eine Gegendemonstration entgegen. Sie provozierten und griffen uns an. Die Betriebsleitung hatte die Polizei und andere Leute, die wir nicht zuordnen konnten, herbeigeholt. Als wir aus der G-Halle kamen, wurde pl\u00f6tzlich das Tor hinter uns geschlossen. Pl\u00f6tzlich waren wir mit dem Komitee und einer Handvoll weiterer Arbeiter von der Masse getrennt. Ein gro\u00dfer Fehler von uns, den wir nicht hatten kommen sehen. Die Polizei und die Schl\u00e4ger pr\u00fcgelten auf uns ein und warfen die Streikleitung in den bereitstehenden Wagen. Baha haben sie beinahe zu Tode gepr\u00fcgelt. Die restlichen Kollegen kamen nur einzeln an kleinen T\u00fcren durch und es gab eine Schl\u00e4gerei zwischen Arbeitern und Polizei.<\/p>\n<p>Das Komitee und ein Dutzend der Anf\u00fchrer wurden verhaftet. Als wir weg waren, wusste keiner so richtig, was er tun sollte und wie es weitergeht. Damit hatten auch wir nicht gerechnet. Der Streik wurde blutig niedergeschlagen.<\/p>\n<p><strong>Wie ging es danach weiter?<\/strong><\/p>\n<p>Wir, die verhafteten Arbeiter, wurden alle fristlos gek\u00fcndigt. Sch\u00e4tzungsweise kamen nach dieser Zerschlagung 250\u00a0bis 600 Arbeiter (Zahlen von Ford und den Arbeiter variieren, Anmerkung vom Autor) nicht mehr zur Arbeit. Einige aus Angst und viele wegen der Drohungen der Betriebsleitung, weil sie sich am Streik beteiligt hatten. Wir wurden n\u00e4mlich mit Anzeigen und direkter Abschiebung bedroht. Das ist auch bei einigen eingetroffen.<\/p>\n<p><strong>Was haben Sie erreicht?<\/strong><\/p>\n<p>Unser Streik l\u00f6ste gro\u00dfen Respekt und Angst bei der Betriebsleitung gegen\u00fcber den T\u00fcrkeist\u00e4mmigen aus. Wir wurden nicht mehr als Gastarbeiter wahrgenommen, sondern als Arbeiter. Ein Kollege sagte nach dem Streik zu mir: \u00bbDas ist der Tag, wo wir keine Gastarbeiter mehr sind, sondern Arbeiter wurden\u00ab. Nach mehr als zehn Jahren h\u00f6rten wir noch, welche Spuren unser Streik bei denen da oben hinterlassen hat. Sie gingen sofort runter zu den Arbeitern, sobald ihnen was zu Ohren kam, um es ins reine zu bringen. Wir haben gezeigt, dass wir Arbeiter eine Macht waren und dass ohne uns im Werk nichts geht. Wir haben nicht alles durchsetzen k\u00f6nnen. Aber wir haben bei Tausenden Arbeitern ein Bewusstsein f\u00fcr ihre Lage geschaffen.<\/p>\n<p><em>#Bild: Von der IG Metall und dem Betriebsrat verraten: Die streikenden Arbeiter bei Ford in K\u00f6ln Ende August 1973. imago images\/Klaus Rose<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/408993.arbeitskampf-es-w%C3%A4re-das-falsche-signal-auf-den-staat-zu-h%C3%B6ren.html\"><em>jungewelt.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 25. August 2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Yusuf As. Am 24. August 1973 begann der \u00bbwilde Streik\u00ab bei Ford in K\u00f6ln. 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