{"id":10005,"date":"2021-08-25T16:09:23","date_gmt":"2021-08-25T14:09:23","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10005"},"modified":"2021-08-25T16:09:24","modified_gmt":"2021-08-25T14:09:24","slug":"die-leninsche-konzeption-der-partei-mythen-und-wirklichkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10005","title":{"rendered":"Die Leninsche Konzeption der Partei: Mythen und Wirklichkeit"},"content":{"rendered":"<p><em>Marina Garrisi. <\/em><strong>In den letzten Jahren ist der Leninismus wieder zu einem Bezugspunkt f\u00fcr Debatten in der radikalen Linken geworden [1]. Nachdem der Name Lenin jahrzehntelang zu Unrecht mit den Erfahrungen des \u00abrealen Sozialismus\u00bb und dem Stalinismus in Verbindung gebracht wurde, kann man sich dar\u00fcber nur freuen. Bisher wurde jedoch eine Frage bei dieser Wiederkehr des Bezugs auf Lenin ausgeklammert<\/strong><!--more--><strong>. Es geht dabei um die Frage der Partei. Diese entscheidende und sogar zentrale Frage der Parteikonzeption Lenins ist zweifellos auch die am schwierigsten zu kl\u00e4rende, da sie durch viele Mythen und Phantasien verstellt ist. Der folgende Aufsatz ist ein Beitrag zur Wiederbelebung dieser Debatten.<\/strong><\/p>\n<p>Um die Frage nach der Partei Lenins neu zu stellen, muss man sich mit mindestens zwei Arten von Interpretationsschemata auseinandersetzen. Die erste Interpretation, die sich leider lange durchgesetzt hat, setzt den Leninismus mit Autoritarismus und die \u00ableninistische Partei\u00bb mit der Diktatur einer \u00abselbsternannten Elite (oder Avantgarde)\u00bb gleich, die den Keim einer totalit\u00e4ren Obsession in sich tr\u00e4gt und den Stalinismus vorwegnimmt. Das Fortbestehen dieser Leseart im Kontext der internationalen Reaktion hat zur Disqualifizierung des Bezugs auf den Parteileninismus innerhalb der extremen Linken beigetragen, auch bei Sektoren, die historisch mit diesem politischen Bezug verbunden sind \u2013 wie im Fall der historischen Str\u00f6mung der NPA-exLCR und ihrer internationalen Str\u00f6mung \u2013, f\u00fcr die dieser Bezug fortan bestenfalls ohnm\u00e4chtige Folklore, schlimmstenfalls eine im Wesentlichen sektiererische Auffassung ist, die in jedem Fall \u00fcberwunden werden sollte.<\/p>\n<p>In j\u00fcngerer Zeit wurde die Debatte \u00fcber Lenins Parteivorstellung durch die Forschung in der englischsprachigen akademischen Welt, insbesondere durch die Arbeit von Lars Lih, teilweise neu gepr\u00e4gt. Seine akribische Untersuchung von Lenins <em>Was tun?<\/em>, die in dem beeindruckenden Buch <em>Lenin Rediscovered, What is to be done? in context<\/em> m\u00fcndete, stellt die Mythen, die um dieses ber\u00fchmte Pamphlet gemacht wurden, das lange Zeit als \u00abHandbuch\u00bb f\u00fcr die systematische Ausarbeitung eines neuen Organisationskonzepts gelesen und dargestellt wurde, radikal in Frage. Die Studie von Lars Lih hat zu zahlreichen und ergiebigen Diskussionen gef\u00fchrt [2], aber seine These ist auch ernsthaft kritisiert worden, weil sie besagt, dass Lenin auch nach seinem Bruch mit der Zweiten Internationale bis zum Schluss ein \u00abrussischer Sozialdemokrat\u00bb geblieben sei. Letztlich tendiert seine Lesart dazu, einige der originellsten und politisch entscheidenden Merkmale von Lenins Beitr\u00e4gen auszul\u00f6schen; das geht so weit, dass er bestreitet, von einer Leninschen Konzeption der Partei sprechen zu k\u00f6nnen [3]. Bislang hat sich Frankreich leider aus diesen Diskussionen herausgehalten, obwohl dadurch diese Debatten auf breiter Ebene neu belebt wurden. In diesem Aufsatz werden wir versuchen, uns jeweils auf diese verschiedenen Lesarten zu beziehen.<\/p>\n<p><strong>Lenin und der \u00abLeninismus\u00bb nach dem 20. Jahrhundert<\/strong><\/p>\n<p>Um \u00fcber den Leninismus im 21. Jahrhundert zu sprechen, muss man wahrscheinlich zun\u00e4chst sagen, was der Leninismus nicht ist. Im Jahr 2017, <a href=\"https:\/\/www.revolutionpermanente.fr\/1917-le-spectre-du-communisme-hante-l-Europe\">als der hundertste Jahrestag der Russischen Revolution gefeiert wurde<\/a>, ver\u00f6ffentlichte St\u00e9phane Courtois ein Buch mit einem Titel, der von den von einigen liberalen Ideologen benutzten intellektuellen Unredlichkeiten gezeichnet ist: <em>L\u00e9nine, inventeur du totalitarisme<\/em>. Auf dieser Seite des politischen Spektrums ist die D\u00e4monisierung von Lenin nicht neu. In seinem Buch <em>Lenin and the Revolutionary Party<\/em> stellt der nordamerikanische Historiker und trotzkistische Aktivist Paul Le Blanc fest: \u00abSeit dem Triumph der bolschewistischen Revolution bis zum heutigen Tag haben liberale und konservative Ideologen des kapitalistischen Status quo immense Mittel eingesetzt, um die Idee zu verbreiten, dass Lenin und sein Wirken \u2013 insbesondere sein Konzept der revolution\u00e4ren Partei \u2013 eine abscheuliche Bedrohung f\u00fcr Recht und Ordnung, den einfachen menschlichen Anstand und die westliche Zivilisation darstellen. Der Hass und die Angst, die Lenin in der internationalen Bourgeoisie hervorruft, ist unter diesem Gesichtspunkt von grosser Bedeutung. Was sie ihm im Grunde vorwerfen, ist, dass er an der F\u00fchrung und dem <a href=\"https:\/\/www.revolutionpermanente.fr\/1917-quand-les-ouvriers-ont-decide-de-partir-a-l-assaut-du-ciel\">Sieg der sozialistischen Oktoberrevolution<\/a> beteiligt war und auf diese Weise die Hoffnung ganzer Generationen gen\u00e4hrt hat.<\/p>\n<p>Aber eine R\u00fcckkehr zu Lenin ist umso schwieriger, als es bez\u00fcglich seiner Auffassungen innerhalb der kommunistischen Bewegung selbst zu weiteren starken Verzerrungen gekommen ist. Wie kann man die Tatsache ignorieren, dass Stalin, der Vertreter der b\u00fcrokratischen Konterrevolution im Arbeiterstaat nach Lenins Tod, durch eine systematische Berufung auf Lenin, versuchte, sich zu legitimieren. So hat der Stalinismus unter dem Deckmantel des \u00abLeninismus\u00bb mit Hilfe und unter Missbrauch von verk\u00fcrzten, aus dem Zusammenhang gerissenen und in ewige Wahrheiten umgewandelten Zitaten ein regelrechtes dogmatisches und verkn\u00f6chertes Denken entwickelt, das er als Argument der Autorit\u00e4t bezeichnete [5]. Diese umfassende theoretische und politische Revision hat die internationale kommunistische Bewegung tiefgreifend gepr\u00e4gt, so sehr, dass man, wie Daniel Bensa\u00efd es ausdr\u00fcckt, \u00abdazu neigt, den spezifischen Beitrag Lenins zur Konzeption der Partei mit dem kodifizierten &#8218;Leninismus&#8216; zu verwechseln, der mit Bolschewisierung [6], mit Monolithismus [7] gleichgesetzt wird.\u00bb Es ist im \u00dcbrigen bemerkenswert, dass liberale und stalinistische Beschreibungen der Leninschen Partei in der Darstellung eines im Wesentlichen autorit\u00e4ren Lenin \u00fcbereinstimmen, als Architekten einer Partei mit \u00abvon oben auferlegter eiserner Disziplin\u00bb, die \u00abkeine Kritik\u00bb duldet, usw. In diesem Zusammenhang und wenn wir uns an diese oberfl\u00e4chliche Leseart halten, k\u00f6nnen wir mit Paul Le Blanc sagen, dass \u00abes nicht verwunderlich ist, dass viele revolution\u00e4r gesinnte Menschen zu dem Schluss kamen, dass, sofern dies der Leninismus war, er nichts f\u00fcr sie sei\u00bb [8]! Doch trotz der Klischees, in die ihn viele zu pressen versucht haben, bleibt Lenin eine Schl\u00fcsselfigur f\u00fcr diejenigen, die heute \u00fcber die M\u00f6glichkeiten des Aufbaus einer revolution\u00e4ren Organisation nachdenken wollen. Und zwar aus einem einfachen, aber tiefliegenden Grund, den Pierre Brou\u00e9 in seinem Werk <em>Le Parti Bolchevique. Histoire du PC de l\u2019URSS treffend<\/em> formuliert hat:<\/p>\n<p>\u00abDie Partei in den H\u00e4nden von Lenin war ein unvergleichliches historisches Instrument. Denn die etwa zehntausend illegalen Aktivisten, die sich nach den Revolutionstagen im Februar 1917 wieder meldeten, bildeten in weniger als acht Monaten eine Organisation, die von der breiten Masse der Arbeiter und in geringerem Masse auch der Bauern als die ihre anerkannt wurde. Sie sollte sie im Kampf gegen die provisorische Regierung anf\u00fchren, um die Macht zu erobern und zu behalten. Lenin und seine Genossen sollten also durch Fraktionsk\u00e4mpfe und Repression dort Erfolg haben, wo andere Sozialisten unter zun\u00e4chst g\u00fcnstigeren Bedingungen letztlich gescheitert waren; zum ersten Mal seit Bestehen der sozialistischen Parteien sollte eine von ihnen gewinnen [9].\u00bb<\/p>\n<p>Gerade weil die Notwendigkeit eines solchen \u00abhistorischen Instruments\u00bb f\u00fcr die heutige Zeit immer dringlicher wird, schlagen wir vor, zu Lenin, zu seiner Theorie und Praxis der Organisation zur\u00fcckzukehren. Dies gilt umso mehr, als die Krise des Kapitalismus sich versch\u00e4rft und wir einen Aufschwung des internationalen Klassenkampfes erleben, vor dem Hintergrund der Radikalisierung sowohl auf der Linken als auch auf der Rechten und des zunehmenden Autoritarismus vieler Regierungen; gleichzeitig aber ist die \u00abneue\u00bb radikale Linke vorderhand nicht in der Lage, Perspektiven vorzuschlagen, die diese Energien in Richtung einer Konfrontation mit dem b\u00fcrgerlichen Staat und einer \u00dcberwindung des kapitalistischen Horizonts lenken k\u00f6nnen. Schlimmer noch: Wir haben erlebt, wie diese \u00abneuen\u00bb politischen Projekte wie Syriza oder Podemos in Rekordzeit zu Erf\u00fcllungsgehilfen der neoliberalen Politik geworden sind. In diesem Zusammenhang k\u00f6nnte eine R\u00fcckkehr zu Lenin n\u00fctzlich sein. Nicht um fertige L\u00f6sungen f\u00fcr die gegenw\u00e4rtige Situation zu finden, sondern um dar\u00fcber nachzudenken, wie wieder Kampforganisationen aufgebaut werden k\u00f6nnen, die es verstehen, die sich bietenden Chancen zu erkennen, zu ergreifen und zu nutzen, um den Weg zur Revolution und zum Sozialismus im 21. Jahrhundert zu \u00f6ffnen und der Gefahr zu begegnen, dass diese Situationen dem Konservatismus und schliesslich dem Faschismus Vorschub leisten.<\/p>\n<p>In diesem Aufsatz schlagen wir eine R\u00fcckkehr zu Lenin vor [10], ausgehend von einer Reihe von Momenten und Debatten, die die Geschichte des Bolschewismus zu Lebzeiten Lenins gepr\u00e4gt haben, von den Gr\u00fcndungsjahren der POSDR (1895) bis zur Oktoberrevolution. Der Umfang des Themas zwingt uns nat\u00fcrlich, eine Reihe von Entscheidungen \u00fcber die Art und Weise der Darstellung zu treffen. Unsere Fragestellung geht der Bedeutung von Lenins Beitrag zur Konzeption der Partei nach, der laut Daniel Bensa\u00efd \u00abeine Revolution innerhalb der Revolution\u00bb darstellt.<\/p>\n<p>Wenn wir uns mit den verschiedenen Versionen von \u00abMythen\u00bb auseinandersetzen, die um die \u00abLeninsche Partei\u00bb konstruiert worden sind, und wenn wir dabei zeigen wollen, dass es bei Lenin keine systematische Theorie der Partei gibt, so zeigt sich, dass trotz des fragmentarischen Charakters seiner entsprechenden \u00c4usserungen eine Koh\u00e4renz zwischen Lenins theoretischen Organisationskonzepten und seiner Praxis des Bolschewismus besteht; eine Koh\u00e4renz, die, wie wir ebenfalls sehen werden, eine andere Tradition einleitet, die sich von der damals vorherrschenden Sozialdemokratie abhebt. Lenin bezieht sich zwar bis 1914 immer wieder auf die Sozialdemokratie und insbesondere auf ihre deutsche Sektion.\u00a0 Aber die spezifischen Bedingungen der Entwicklung der Revolution in Russland und sein eigener theoretisch-politischer Weg bringen ihn im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts dazu, das Verh\u00e4ltnis zwischen Klasse, Partei und F\u00fchrung neu zu formulieren und der Rolle der Partei in der revolution\u00e4ren Dynamik eine neue Bedeutung zu geben. Dies ist eine qualitative \u00c4nderung gegen\u00fcber der internationalen Sozialdemokratie, in der seit Ende des 19. Jahrhunderts starke Vereinheitlichungstendenzen vorherrschten, die zum Aufbau echter Massenparteien, insbesondere in Deutschland, gef\u00fchrt haben. In dieser Hinsicht vers\u00e4umten es Lenin und die von ihm gef\u00fchrte bolschewistische Str\u00f6mung (nacheinander Tendenz, Fraktion und dann ab 1912 unabh\u00e4ngige Partei) nicht, innerhalb der Zweiten Internationale gegen sie zu polemisieren. Diese einzigartige Position brachte die Partei Lenins im Sommer 1914, zum Zeitpunkt des grossen Verrats der Mehrheit der F\u00fchrer der Zweiten Internationale, die bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs hinter ihren eigenen Bourgeoisien standen, in eine bessere Position; dies erm\u00f6glichte der Partei auch, eine entscheidende Rolle im revolution\u00e4ren Prozess Russlands von 1917 zu spielen. Vorerst jedoch skizzieren wir die wichtigsten \u00abEtappen\u00bb in der Entwicklung der Leninschen Organisationskonzeption und ihrer Praxis des Bolschewismus innerhalb der russischen Sozialdemokratie.<\/p>\n<p><strong>Lenin mit 20: Eine Zeitung f\u00fcr ganz Russland<\/strong><\/p>\n<p>Lenin f\u00fchrte seinen Kampf f\u00fcr die sozialistische Revolution unter schwierigen Bedingungen, vor allem den spezifischen Bedingungen [11] der kapitalistischen Entwicklung in Russland geschuldet. Die H\u00e4rte der Repression des zaristischen Regimes war eine grundlegende Tatsache: Sie erkl\u00e4rte sowohl die Schw\u00e4che der liberalen politischen Bewegung als auch die Suche nach revolution\u00e4ren Wegen [12] seitens der Arbeiter- und Volksbewegung [13]. In diesem Kontext entstanden in der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts die ersten Debatten innerhalb der russischen revolution\u00e4ren Bewegung: Die Narodniki (populistische Str\u00f6mung) versuchten, die Unzufriedenheit auf dem Lande zu nutzen, wurden jedoch schnell durch die Apathie der Bauernmassen entmutigt und beschlossen, zu terroristischen Methoden \u00fcberzugehen. Dieser Trend spielte eine entscheidende Rolle im Prozess der politischen Differenzierung in Russland und sollte Lenin stark beeinflussen, insbesondere nachdem sein Bruder Alexander Uljanow, ein Narodnik-Aktivist, vom Regime wegen eines versuchten Attentats auf Zar Alexander II. hingerichtet worden war. Vor allem gegen diese populistische Str\u00f6mung (und sp\u00e4ter gegen die so genannte \u00ablegale marxistische\u00bb Str\u00f6mung) entwickelte sich der Marxismus in Russland in den 1880er Jahren, insbesondere dank der Pionierarbeit von Georgi Plechanow bei der \u00dcbersetzung der Werke von Marx und Engels ins Russische. 1881 gr\u00fcndete Plechanow die \u00abEmanzipation der Arbeit\u00bb, die erste als marxistisch zu bezeichnende Gruppe, der sich bald Lenin anschloss, um sie in eine echte Partei zu verwandeln. Wie Pierre Brou\u00e9 erkl\u00e4rt, war die Rolle des letzteren von Anfang an entscheidend:<\/p>\n<p>\u00abNach den gl\u00e4nzenden theoretischen K\u00e4mpfen, die von Plechanow gef\u00fchrt wurden, stellt sich f\u00fcr seine Sch\u00fcler und Weggef\u00e4hrten das praktische Problem: Mehr als andere werden die russischen Sozialdemokraten aufgrund der Unermesslichkeit der Hindernisse, die die Autokratie jeder Organisation, selbst auf elementarer Ebene, entgegensetzt, versuchen, als konsequente Marxisten das Werkzeug zu schaffen, das ihnen zur Umgestaltung einer Welt dienen wird, die sie in Anlehnung an Marx nicht nur interpretieren wollen. Es ist der junge Uljanow \u2013 Lenin \u2013, der diese Suche am besten zum Ausdruck bringt\u00bb [14].<\/p>\n<p>Ein erster entscheidender Schritt wurde 1898 mit dem Gr\u00fcndungskongress der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (SDAPR) getan. In Wirklichkeit war die Partei jedoch weit davon entfernt, einheitlich zu sein, und die lokalen Gruppen, aus denen sie sich zusammensetzte, blieben weitgehend verstreut. Lenin schrieb dazu: \u00abDieser sehr grosse Schritt nach vorn scheint vor\u00fcbergehend alle Kr\u00e4fte der russischen Sozialdemokratie ersch\u00f6pft und sie auf die zersplitterte Arbeit der Vergangenheit zur\u00fcckgeworfen zu haben, die von den verschiedenen lokalen Organisationen geleistet wurde\u00bb [15]. Dies war Lenins erster grosser Kampf: Von 1895 bis 1903 k\u00e4mpfte er gegen die, wie er es nannte, \u00abhandwerklichen Methoden\u00bb der sozialdemokratischen Bewegung und setzte alles daran, die \u00abVereinigung der Partei\u00bb [16] zu erreichen.<\/p>\n<p>Lenin war aus zwei Gr\u00fcnden motiviert. Erstens die \u00dcberzeugung, dass es der Partei gelingen muss, die Aktionen isolierter und verstreuter Gruppen zu zentralisieren, wenn sie eine entscheidende Rolle gegen das zentralisierte Monster der zaristischen Autokratie spielen will. Er schreibt in diesem Sinne:<\/p>\n<p>\u00abNur der Zusammenschluss in einer einzigen Partei wird es erm\u00f6glichen, die Prinzipien der Arbeitsteilung und der \u00d6konomie der Kr\u00e4fte methodisch anzuwenden, was notwendig ist, um die Verluste zu verringern und ein mehr oder weniger solides Bollwerk gegen das Joch der autokratischen Regierung und ihrer Politik der hemmungslosen Unterdr\u00fcckung zu errichten.\u00bb [17]<\/p>\n<p>Zweitens sein Wunsch, die Errungenschaften jedes punktuellen Kampfes der entstehenden Arbeiterbewegung zu koordinieren und herauszukristallisieren, um ihren \u00abWert als Beispiel\u00bb herauszuarbeiten, der ohne eine Partei isoliert bleiben w\u00fcrde. Er schreibt:<\/p>\n<p>\u00abWegen dieses handwerklichen Charakters bleiben viele k\u00e4mpferischen Aktionen der Arbeiterbewegung in Russland rein lokale Veranstaltungen und verlieren viel von ihrem Wert als Beispiel f\u00fcr die gesamte russische Sozialdemokratie, von ihrer Bedeutung als Etappe der gesamten russischen Arbeiterbewegung. (&#8230;) Wenn sie nicht durch das Organ der Gesamtpartei vereinheitlicht werden, verlieren alle diese Formen des revolution\u00e4ren Kampfes neun Zehntel ihrer Bedeutung, tragen nicht dazu bei, die allgemeine Erfahrung der Partei zu erwerben, Traditionen und Kontinuit\u00e4t der Aktion in der Partei zu schaffen.\u00bb [18]<\/p>\n<p>Die Partei erscheint somit als \u00abKatalysator\u00bb f\u00fcr die Zentralisierung, die den Kampferfahrungen der Ausgebeuteten und Unterdr\u00fcckten Koh\u00e4renz und Kontinuit\u00e4t verleiht. Dasselbe gilt f\u00fcr den Streik, der als Kriegsschule f\u00fcr die Arbeiterklasse und die Revolution\u00e4re angesehen wird: \u00abeine Schule, in der die Arbeiter lernen, Krieg gegen ihre Feinde zu f\u00fchren.\u00bb [19] Es ist nicht \u00fcberfl\u00fcssig, an die geografische Fl\u00e4che Russlands (die 30-mal so gross ist wie die Frankreichs &#8230;) oder an sein sehr niedriges wirtschaftliches und kulturelles Entwicklungsniveau zu erinnern, um den ganzen Ehrgeiz und die Schwierigkeit der Aufgabe zu ermessen, die sich Lenin gestellt hatte.<\/p>\n<p>Auf diesem Weg zur Vereinigung der sozialdemokratischen Kr\u00e4fte ist es die Zeitung, die sehr schnell als das wirksamste Instrument erscheint. So schreibt Lenin:<\/p>\n<p>\u00ab&#8230; nur die Schaffung eines Zentralorgans [Zeitung] der Partei kann jedem isolierten K\u00e4mpfer\u00bb der revolution\u00e4ren Sache das Gef\u00fchl geben, \u00abin den Reihen\u00bb zu marschieren, das Bewusstsein, dass seine Arbeit unmittelbar f\u00fcr die Partei notwendig ist, dass er einer der Ringe in der Kette ist, die den schlimmsten Feind des russischen Proletariats und des ganzen russischen Volkes erw\u00fcrgen wird.\u00bb [20]<\/p>\n<p>So gelangte Lenin zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu einer ersten Skizze seiner Auffassung von der Partei: Die grundlegende Aufgabe der Partei besteht darin, den Initiativen des Proletariats eine gemeinsame und organisierte Richtung zu geben. Dieses Konzept ist im Grossen und Ganzen \u00e4hnlich, wenn nicht sogar identisch mit dem der damaligen internationalen Sozialdemokratie und vor allem mit dem der deutschen Sektion, die in Bezug auf die Organisation das fortschrittlichste Beispiel darstellt. Im \u00dcbrigen sei erw\u00e4hnt, dass Lenin parallel zu seinem Kampf um die Vereinigung der russischen sozialdemokratischen Bewegung in die programmatischen Debatten eingriff, die die Zweite Internationale in jenen Jahren polarisierten, die durch den ersten offenen Kampf gegen den Opportunismus und insbesondere gegen den Bernsteinschen Revisionismus [21] gekennzeichnet waren und die nicht ohne Einfluss auf bestimmte russische Str\u00f6mungen blieben.<\/p>\n<p><strong>1902-1903. <em>Was tun?<\/em> und die erste Spaltung innerhalb der SDAPR<\/strong><\/p>\n<p>Im Jahr 1903 fand der zweite Kongress der SDAPR statt, von dem man erwartete, dass er die \u00abwahre\u00bb Vereinigung bringen w\u00fcrde. Stattdessen war der II. Kongress in der Geschichte derjenige des urspr\u00fcnglichen Bruchs, der ersten Spaltung zwischen Menschewiki (w\u00f6rtlich \u00abdie Minderheiten\u00bb) und Bolschewiki (\u00abMehrheiten\u00bb, gef\u00fchrt von Lenin) bleiben wird. Im Rahmen der Vorbereitungsdebatte f\u00fcr diesen Zweiten Kongress verfasste Lenin sein ber\u00fchmtes Pamphlet [22]: <em>Was tun?<\/em> [23]. Dieses Pamphlet ist im Wesentlichen eine Polemik gegen die von Martynow gef\u00fchrte und von Lenin als \u00ab\u00d6konomisten\u00bb [24] bezeichnete Gruppe und schliesst logischerweise bestimmte konjunkturelle Entwicklungen ein. Wenn <em>Was tun?<\/em> als Dreh- und Angelpunkt f\u00fcr dogmatische und \u00abmythisierte\u00bb Lesarten des leninistischen Organisationskonzepts gedient hat, insbesondere innerhalb der marxistisch-leninistischen Tradition, so bietet es doch wichtige Elemente f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis des Leninschen Organisationskonzepts. Da es unm\u00f6glich ist, auf alle in diesem Text aufgeworfenen Debatten einzugehen, werden wir insbesondere zwei Ideen betrachten, die Lenin bei dieser Gelegenheit entwickelt: sein Verh\u00e4ltnis zur Klassenspontaneit\u00e4t und sein Beharren darauf, dass das Proletariat und an seiner Spitze die Sozialdemokratie das Terrain des politischen Kampfes einnimmt.<\/p>\n<p>In seinem Pamphlet kritisiert Lenin die Auffassung, dass die Arbeiter \u00abspontan\u00bb (d. h. durch die Entwicklung des Kapitalismus und seiner Krisen) zu einem revolution\u00e4ren Bewusstsein gelangen k\u00f6nnten. Dieser Glaube an die Allmacht der Spontaneit\u00e4t der Massen, den er auch als \u00abKult des Spontanen\u00bb bezeichnet, seiner Meinung nach eine Sackgasse und hindert die russische Sozialdemokratie daran, sich richtig an ihre organisatorischen Aufgaben heranzugehen. Erstens betont er, dass der Spontanismus aus dem Klassenbewusstseins einen Gefangenen der geschichtlichen Unw\u00e4gbarkeiten macht, die nicht einer geraden Linie folgen (einer langen, progressiven und ununterbrochenen Entwicklung), sondern eher einer Pendelbewegung, mit Perioden des Flusses, aber auch des R\u00fcckflusses: \u00abdie Zertr\u00fcmmerung des Bewusstseins (&#8230;) geschah auch spontan\u00bb. Zweitens: Lenins Hinweis darauf, dass sich das Klassenbewusstsein nicht auf neutralem Boden entwickelt, sondern dass es im Gegenteil in einem historisch bestimmten Rahmen Gestalt annehmen muss, in dem die b\u00fcrgerliche Ideologie \u00fcber Mittel verf\u00fcgt, die denen des Proletariats tausendmal \u00fcberlegen sind:<\/p>\n<p>\u00abMan spricht von Spontaneit\u00e4t. Aber die spontane Entwicklung der Arbeiterbewegung resultiert gerade in ihrer Unterordnung unter die b\u00fcrgerliche Ideologie [25] (&#8230;) Aus dem einfachen Grund, dass die b\u00fcrgerliche Ideologie zeitlich gesehen viel \u00e4lter ist als die sozialistische Ideologie, dass sie in all ihren Formen vollst\u00e4ndiger ist und unendlich mehr Mittel zur Verbreitung besitzt.\u00bb [26]<\/p>\n<p>Im Kampf gegen diejenigen, die dem Kult des Spontanen fr\u00f6nen, schrieb Lenin sogar: \u00abUnsere Aufgabe, die Aufgabe der Sozialdemokratie, ist der Kampf gegen die Spontaneit\u00e4t\u00bb. Aber entgegen mancher Interpretation, und wie Lars Lih zeigt, sind Lenins Interventionen nicht so sein mangelndes Vertrauen in die Spontaneit\u00e4t der Massen, sondern die \u00dcberzeugung von einer kommenden Gelegenheit wo sich grosse Arbeiter- und Volksexplosionen entladen werden, und die Angst, dass die Revolution\u00e4re nicht darauf vorbereitet sind. Es ist also die Unvorbereitetheit der Revolution\u00e4re, die R\u00fcckst\u00e4ndigkeit der organisierten sozialdemokratischen Kr\u00e4fte, von der Lenin besessen ist, und nicht sein angebliches Misstrauen oder sein Hass gegen die Spontaneit\u00e4t der Massen. Im letzten Kapitel des Pamphlets skizziert Lenin einige \u00abpraktische Schlussfolgerungen\u00bb: Auf diesen Seiten radikalisiert Lenin seine Vorstellungen gegen handwerkliche Methoden und r\u00e4umt der \u00abZentralisierung\u00bb und der professionellen Militanz einen zentralen Platz ein [27]. Wir sehen auch die Umrisse eines Organisationsschemas, das aus verschiedenen Kreisen und Organisationen besteht: Lenin unterscheidet zum Beispiel zwischen der Arbeiterorganisation, der Gewerkschaft, den Berufsverb\u00e4nden, die sehr breit gef\u00e4chert sein m\u00fcssen, und der Organisation der Revolution\u00e4re \u2013 der Partei.<\/p>\n<p>Die andere auff\u00e4llige Dimension von Lenins Pamphlet, diesmal auf einer direkt programmatischen Ebene, ist seine Polemik mit Martynow, dem er vorwirft, die politische Agitation in Richtung der Arbeiterklasse zu \u00abverengen\u00bb und zu \u00abverarmen\u00bb, indem er sie auf \u00abden kollektiven Kampf der Arbeiter gegen die Bosse, um ihre Arbeitskraft vorteilhaft zu verkaufen, um ihre Arbeits- und Existenzbedingungen zu verbessern [28]\u00bb reduziert. F\u00fcr Lenin ist der wirtschaftliche und allt\u00e4gliche Kampf im Sinne der Arbeiterklasse zwar absolut notwendig, aber nicht ausreichend, um das Klassenbewusstsein vom revolution\u00e4ren Standpunkt aus zu sch\u00e4rfen. Im Gegenteil, der politische Kampf ist zumindest auf zwei Ebenen absolut notwendig: f\u00fcr die Erziehung der Klasse und der Revolution\u00e4re, die lernen m\u00fcssen, die kapitalistische Gesellschaft in all ihren Erscheinungsformen zu begreifen, um ihren zutiefst reaktion\u00e4ren Charakter zu erfassen, aber auch, um die f\u00fcr den Sieg der proletarischen Revolution notwendigen B\u00fcndnisse zu schmieden. In diesem Sinne schreibt Lenin:<\/p>\n<p>\u00abKlassenpolitisches Bewusstsein kann dem Arbeiter nur von aussen [29] vermittelt werden, d.h. von ausserhalb des \u00f6konomischen Kampfes, von ausserhalb der Sph\u00e4re der Beziehungen zwischen Arbeitern und Unternehmern. Der einzige Bereich, aus dem dieses Wissen gesch\u00f6pft werden k\u00f6nnte, ist der der Beziehungen aller Klassen und Schichten der Bev\u00f6lkerung zum Staat und zur Regierung, der Bereich der Beziehungen aller Klassen untereinander [30].\u00bb<\/p>\n<p>Und weiter:<\/p>\n<p>\u00abDas Ideal des Sozialdemokraten darf nicht der Gewerkschaftssekret\u00e4r sein, sondern der Volkstribun, der es versteht, gegen jede Erscheinungsform von Willk\u00fcr und Unterdr\u00fcckung vorzugehen, wo immer sie auftritt, welche Klasse oder soziale Schicht auch immer darunter zu leiden hat, der es versteht, all diese Tatsachen zu verallgemeinern, um ein vollst\u00e4ndiges Bild der Polizeigewalt und der kapitalistischen Ausbeutung zu zeichnen, der es versteht, die kleinste Gelegenheit zu nutzen, um seine sozialistischen \u00dcberzeugungen und demokratischen Forderungen vor aller Welt darzulegen, um jedem und jeder die historische und weltweite Bedeutung des emanzipatorischen Kampfes des Proletariats zu erkl\u00e4ren [31]. \u00ab<\/p>\n<p>Im Kern geht es um die \u00dcberzeugung, dass die Arbeiterklasse, um das kapitalistische System zu st\u00fcrzen, eine hegemoniale Position [32] einnehmen muss, d.h. sich nicht auf eine wirtschaftlich-unternehmerische Position beschr\u00e4nken darf, sondern B\u00fcndnisse anstreben muss, um die Forderungen aller Ausgebeuteten und Unterdr\u00fcckten zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>Wir haben bereits erw\u00e4hnt, dass Lenins <em>Was tun?<\/em> Teil der Vorbereitungsdebatten f\u00fcr den Zweiten Kongress der SDAPR war. Auch wenn der Kongress in programmatischer Hinsicht einen Fortschritt darstellte (wobei insbesondere die \u00d6konomisten in die Minderheit gerieten), traten in organisatorischen Fragen unerwartete Divergenzen auf [33]. Die Debatten kristallisieren sich insbesondere um den \u00abParagraph 1 der Satzung\u00bb der SDAPR heraus, der die Kriterien f\u00fcr die Mitgliedschaft in der SDAPR betrifft. Zwei Versionen der Statuten stiessen aufeinander: die eine wurde von Lenin, die andere von Martow vorgelegt. Im Gegensatz zu Martov besteht Lenins Version auf der \u00abTeilnahme\u00bb der Mitglieder an der T\u00e4tigkeit der Partei (und nicht nur auf ihrer \u00abMitarbeit\u00bb wie in Martovs Version) [34]. Der von Lenin eingebrachte Antrag verlor die Abstimmung des Kongresses, aber bei der Wahl der k\u00fcnftigen F\u00fchrung der SDAPR und ihres Zentralorgans, der Iskra, gewann Lenin die Mehrheit [35]. Diese letzte Abstimmung wurde dann von den Anh\u00e4ngern des Martov-Antrags angefochten, die das, was sie f\u00fcr einen Unfall hielten, als Vorwand nutzten, um mit den Anh\u00e4ngern Lenins zu brechen [36].<\/p>\n<p>In den Monaten nach dem Zweiten Kongress mehrten die Menschewiki ihre Anschuldigungen gegen Lenin und beschuldigten seine \u00abb\u00fcrokratische, formalistische und tyrannische Auffassung des Zentralismus\u00bb [37], f\u00fcr die Spaltung verantwortlich zu sein. In einem langen Artikel \u00abEin Schritt vorw\u00e4rts, zwei Schritte zur\u00fcck\u00bb kehrt Lenin zu den Ereignissen des Kongresses von 1904 zur\u00fcck und zeigt die Koh\u00e4renz zwischen den beiden Str\u00f6mungen und ihren Organisationskonzepten auf. Gegen die Auffassung der Menschewiki und Axelrods, die als Parteimitglieder \u00abeine Menge Leute, die der Organisation nicht angeh\u00f6ren, ihr aber auf die eine oder andere Weise geholfen haben\u00bb [38], betrachteten, erkl\u00e4rt Lenin:<\/p>\n<p>\u00abIch fordere, dass die Partei als Avantgarde der Klasse so weit wie m\u00f6glich organisiert ist, dass die Partei nur Elemente aufnimmt, die zumindest ein Minimum an Organisation beherrschen. Im Gegenteil, mein Gegner verwechselt organisierte und unorganisierte Elemente in der Partei, solche, die gelenkt werden k\u00f6nnen und solche, die daf\u00fcr nicht geeignet sind\u00bb [39].<\/p>\n<p>Er wehrt sich auch gegen Karikaturen, die seine Position in eine im Wesentlichen konspirative oder sektiererische Auffassung verwandeln:<\/p>\n<p>\u00abIn der Tat ist es nicht zul\u00e4ssig, die Partei, die Avantgarde der Arbeiterklasse, mit der gesamten Klasse zu verwechseln (&#8230;), aber man darf nicht glauben, dass die Organisationen der Partei nur aus Berufsrevolution\u00e4ren bestehen m\u00fcssen. Wir brauchen die unterschiedlichsten Organisationen aller Arten, R\u00e4nge und Schattierungen, von extrem engen und konspirativen Organisationen bis hin zu sehr breiten und freien Organisationen.\u00bb [40]<\/p>\n<p>Wir finden die Idee eines Organisationsschemas mit verschiedenen konzentrischen Kreisen.<\/p>\n<p>Letztlich geht es Lenin nicht so sehr um eine \u00abavantgardistische\u00bb Konzeption der Partei (oder \u00abBlanquismus\u00bb, wie ihm seine Gegner oft vorgeworfen haben), sondern um eine Neudefinition des Verh\u00e4ltnisses zwischen der Partei, die die Avantgarde (die bewusstesten und entschlossensten Schichten der Klasse) bildet, und den Massen. Es ist interessant festzustellen, dass, auch wenn die internationale Sozialdemokratie nicht ausdr\u00fccklich von Lenin angesprochen wird, seine Konzeption indirekt einen ersten Bruch mit den damals vorherrschenden Auffassungen darstellt. Und als solche wird sie Anlass zu mehreren Kritiken geben, auch auf internationaler Ebene, angefangen bei denen von Rosa Luxemburg [41].<\/p>\n<p>Schliesslich sei daran erinnert, dass Lenin, obwohl er der Kl\u00e4rung der im Statutenstreit enthaltenen Fragen [42] grosse Bedeutung beimass, dies nicht als ausreichenden Grund betrachtete, um die Spaltung der Partei anzustreben \u2013 und entgegen der marxistisch-leninistischen Interpretation waren es tats\u00e4chlich die Menschewiki, die die Spaltung der Partei initiierten. Wie Paul Le Blanc in Erinnerung ruft, \u00abversuchte Lenin bis zum Herbst 1904, diese Wunde zu heilen, und schlug nie vor, eine separate bolschewistische Partei zu gr\u00fcnden\u00bb [43]. Diese Episode veranschaulicht Lenins Verh\u00e4ltnis zur Frage der Parteieinheit: Er war weit davon entfernt, eine Spaltung um jeden Preis zu bef\u00fcrworten (sonst w\u00fcrde man weder seine Entschlossenheit zur Vereinigung der russischen Sozialdemokratie in der vorangegangenen Periode noch seine Position in der darauf folgenden Periode, die zum Stockholmer Vereinigungskongress f\u00fchrte, verstehen), weigerte sich aber, die Parteieinheit vom opportunistischen Fl\u00fcgel instrumentalisieren zu lassen, um politische oder programmatische Zugest\u00e4ndnisse zu erpressen, die er f\u00fcr undiskutierbar hielt. Wie Hal Draper zusammenfasst:<\/p>\n<p>\u00ab&#8230; [Lenins] Position war damals: Einheit ja, aber nicht um den Preis der Aufgabe der Eroberung der Mehrheit. Einheit ja, aber auf der gleichen demokratischen Grundlage f\u00fcr alle: Der rechte Fl\u00fcgel konnte darauf hinarbeiten, den n\u00e4chsten Kongress zu gewinnen, aber es war nicht hinnehmbar, dass er politische Zugest\u00e4ndnisse als Belohnung daf\u00fcr verlangte, dass er sich nicht abspaltete.\u00bb [44]<\/p>\n<ol start=\"1905\">\n<li><strong> Die Revolution, die Partei und die Volksmassen<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Das Jahr 1905 war zweifellos ein entscheidender Wendepunkt in Lenins theoretisch-politischem Werdegang. Wie er selbst sagt, wird die erste russische Revolution die Gelegenheit sein, die Vorstellungen der einen und der anderen auf den Pr\u00fcfstand der Praxis zu stellen [45]. In diesem Sinne ist das Jahr 1905 gleichzeitig Ausdruck des Sieges der programmatischen Thesen der Bolschewiki \u00fcber die der Menschewiki und der Moment, in dem Lenin die Beziehungen zwischen der Avantgarde und den Massen im revolution\u00e4ren Prozess neu untersucht.<\/p>\n<p>Zu jener Zeit findet in der gesamten Sozialdemokratie eine strategische Debatte \u00fcber die erwartete Revolution statt. Wir k\u00f6nnen nicht im Detail auf diese Debatte zur\u00fcckkommen, also beschr\u00e4nken wir uns auf die Feststellung, dass, wenn die Mehrheit der Str\u00f6mungen der Arbeiterbewegung global gesehen darin \u00fcbereinstimmt, zu sagen, dass der Inhalt der kommenden Revolution b\u00fcrgerlich ist (demokratische und landwirtschaftliche Aufgaben), so gibt es elementare Unterschiede zwischen Menschewiki und Bolschewiki in Bezug auf die Rolle, die das Proletariat in dieser Revolution spielen muss. F\u00fcr die Menschewiki, die mechanisch die \u00abEtappen\u00bb der europ\u00e4ischen kapitalistischen Entwicklung auf Russland \u00fcbertragen, muss die Sozialdemokratie versuchen, die von den Liberalen (der konstitutionell-demokratischen Partei, den so genannten Kadetten) gef\u00fchrte b\u00fcrgerliche Revolution zu begleiten. F\u00fcr Lenin \u2013 der in dieser Debatte eine Zwischenposition zwischen der Auffassung der Menschewiki und der von Leo Trotzki einnimmt [46] \u2013 muss die revolution\u00e4re Sozialdemokratie im Gegenteil die Initiative ergreifen und den Zorn der Massen auf die Perspektive des Aufstands richten. Gerade weil Zeiten intensiver Massenaktivit\u00e4t die M\u00f6glichkeit bieten, Theorien in der Praxis zu erproben, werden die Erfahrungen des Jahres 1905 die M\u00f6glichkeit bieten, diese Debatten zu kl\u00e4ren:<\/p>\n<p>\u00abDie neue Iskra [in der jetzt die menschewistischen Positionen zum Ausdruck kommen] entwickelt sich unter dem Einfluss der Ereignisse und nimmt in der Praxis die Positionen ihrer Gegner des Dritten Kongresses an, entgegen ihren eigenen Beschl\u00fcssen [47]. Es gibt keine bessere Kritik an einer falschen Doktrin als revolution\u00e4re Ereignisse.\u00bb<\/p>\n<p>Auf dieser Grundlage und im Vertrauen auf die Tatsache, dass der Marsch der Revolution die Menschewiki nur auf ihrer Linken einbeziehen und ihre Positionen zusammenf\u00fchren kann, setzt sich Lenin erneut f\u00fcr eine Wiedervereinigung der Partei und ihrer bolschewistischen und menschewistischen Str\u00f6mungen ein.<\/p>\n<p>Um den Druck des Volkes zu mildern, beauftragt der Zar seinen Innenminister Boulyguine mit der Bildung einer Duma (gesetzgebende Versammlung). Diese erste Duma, deren Wahlprinzipien weitgehend unzureichend blieben, l\u00f6ste bei den Sozialdemokraten eine lebhafte Debatte aus. Die Bolschewiki sprachen sich f\u00fcr einen aktiven Boykott aus, und wurden dabei von der Mehrheit der sozialdemokratischen Organisationen unterst\u00fctzt [48], und starteten eine Propaganda- und Agitationskampagne gegen Verfassungsillusionen. Die Menschewiki hingegen weigerten sich, f\u00fcr die Resolution zum Boykott zu stimmen [49]. Als Lenin ins Ausland emigrierte, verfolgte er die Streiks und Strassenk\u00e4mpfe des russischen Proletariats, insbesondere in Petersburg und Moskau, aufmerksam und war von ihnen fasziniert [50].<\/p>\n<p>Aber die grosse Neuheit, die \u00aboriginellste Sch\u00f6pfung\u00bb (dixit Marcel Liebman) der Revolution von 1905, ist nat\u00fcrlich das Auftreten der Sowjets. Diese Massenbetriebsr\u00e4te, die auf der Ebene der Fabriken und sp\u00e4ter der Stadtviertel gew\u00e4hlt wurden, traten w\u00e4hrend der Revolution auf und breiteten sich im Laufe des Sommers in vielen St\u00e4dten aus. Der prestigetr\u00e4chtigste, der Sankt Petersburger Sowjet [51], der im Oktober 1905 gegr\u00fcndet wurde, umfasste Delegierte von 250.000 Arbeitern. Diese R\u00e4te erm\u00f6glichten es, die verschiedenen Initiativen der k\u00e4mpfenden Massen umfassend zu organisieren und zu koordinieren. Im Gegensatz zu den menschewistischen Aktivisten f\u00fchlten sich die Bolschewiki von diesen neuen Rahmenbedingungen zun\u00e4chst weitgehend desorientiert. Brou\u00e9 bemerkt dazu: \u00abIn der Tat haben sich die Bolschewiki nur langsam an die neuen revolution\u00e4ren Bedingungen angepasst: Die Verschw\u00f6rer wissen nicht von einem Tag auf den anderen, wie sie zu Rednern werden und Menschenmengen versammeln k\u00f6nnen.\u00bb Aus zahlreichen historischen Quellen geht hervor, dass unter ihnen eine Zur\u00fcckhaltung, ja fast ein Misstrauen herrscht, das so weit geht, dass die Petersburger Ortsgruppe eine Resolution verabschiedet, in der erkl\u00e4rt wird, der Sowjet riskiere, das Proletariat auf einem niedrigen Entwicklungsstand zu halten. Diese Vorstellungen sind weit entfernt von denen Lenins, der aus dem Ausland nicht z\u00f6gert, die Vorurteile seiner bolschewistischen Genossen gegen\u00fcber den Sowjets zu bek\u00e4mpfen:<\/p>\n<p>\u00abMir scheint, dass Genosse Radin falsch liegt, wenn er (&#8230;) diese Frage stellt: der Sowjet der Arbeiterdeputierten oder die Partei? Ich denke, dass die Frage so nicht gestellt werden kann; dass wir unbedingt zu dieser L\u00f6sung kommen m\u00fcssen: sowohl der Sowjet der Arbeiterdeputierten als auch die Partei. Die Frage \u2013 eine sehr wichtige Frage \u2013 ist nur, wie die Aufgaben des Sowjets und die der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands [52] geteilt und koordiniert werden k\u00f6nnen.\u00bb<\/p>\n<p>Das Auftreten der Sowjets ist f\u00fcr Lenin die Gelegenheit, seine theoretische Konzeption der Dialektik zwischen der Organisation (der Avantgarde) und der Spontaneit\u00e4t der Massen zu erweitern. Den bolschewistischen Kadern, die damals versuchten, die aus und im Kampf der revolution\u00e4ren Klasse geborenen Organe den Entscheidungen der Partei unterzuordnen, stellte Lenin die Perspektive ihrer Erweiterung entgegen: \u00abMeiner Meinung nach ist der Sowjet der Arbeiterdeputierten als revolution\u00e4res Zentrum der politischen Leitung keine Organisation, die zu breit ist, sondern im Gegenteil zu eng.\u00bb Diese neue Konzeption des revolution\u00e4ren Prozesses wird Lenin immer beibehalten; sie nimmt nicht nur die Orientierung vorweg, die er w\u00e4hrend der russischen Revolutionen von 1917 haben wird, sondern auch die sp\u00e4teren Debatten in der Kommunistischen Internationale der ersten Jahre \u00fcber die Taktik der Einheitsfront der Arbeiter. Sie zeugt von einer nicht bin\u00e4ren Auffassung des Verh\u00e4ltnisses zwischen den beiden Begriffen der revolution\u00e4ren Gleichung, dem Kampf f\u00fcr die Einheit der Klasse in der Aktion und dem politischen Kampf f\u00fcr ihre revolution\u00e4re F\u00fchrung, die zu widerlegen falsch w\u00e4re.<\/p>\n<p>Auf der organisatorischen Ebene, wo er die Bilanz der Revolution von 1905 zieht, k\u00e4mpft Lenin f\u00fcr eine echte \u00abReorganisation der Partei\u00bb. Diese hat im Wesentlichen zwei Dimensionen. Die erste ist konjunktureller Natur: Es ist notwendig, die sehr begrenzten, aber bedeutenden demokratischen Fortschritte zur Kenntnis zu nehmen, die durch die Revolution erzielt wurden und die nun eine legale Arbeit [53] und eine Demokratisierung der Partei erm\u00f6glichen. So bek\u00e4mpft Lenin den Konservatismus der \u00abbolschewistischen Komitees\u00bb [54] und pl\u00e4diert gegen sie f\u00fcr eine \u00ab\u00d6ffnung der T\u00fcren\u00bb [55] der Partei, die seiner Meinung nach durch neue Organisationsmethoden erfolgen soll: die Vergr\u00f6sserung der lokalen Kreise und vor allem das Wahlprinzip. Lenin schreibt:<\/p>\n<p>\u00abDie Bedingungen f\u00fcr die T\u00e4tigkeit unserer Partei haben sich radikal ver\u00e4ndert: Zugang zur Versammlungs-, Vereinigungs- und Pressefreiheit. Nat\u00fcrlich sind diese Rechte \u00e4usserst prek\u00e4r, und es w\u00e4re t\u00f6richt, wenn nicht gar kriminell, sich auf die derzeitigen Freiheiten zu verlassen. Ein unerbittlicher Kampf liegt noch vor uns, und die Vorbereitung auf diesen Kampf muss an erster Stelle stehen. Der konspirative Apparat der Partei muss erhalten bleiben. Dennoch ist es unbedingt erforderlich, den relativ grossen Handlungsspielraum jetzt so weit wie m\u00f6glich auszusch\u00f6pfen. Neben dem konspirativen Apparat ist es unabdingbar, st\u00e4ndig neue legale und halblegale Parteiorganisationen (und parteinahe Organisationen) aufzubauen. Ohne diese T\u00e4tigkeit w\u00e4re es undenkbar, unsere Arbeit an neue Bedingungen anzupassen, neue Probleme zu l\u00f6sen&#8230;\u00bb [56]<\/p>\n<p>Unter diesem Gesichtspunkt war das Jahr 1905 f\u00fcr die Einf\u00fchrung der Demokratie in der Partei von entscheidender Bedeutung. Bis dahin war sie durch die politischen Bedingungen des Landes, die ihre Aus\u00fcbung nicht zuliessen, weitgehend eingeschr\u00e4nkt. Die Revolution \u00e4nderte diese Situation, und die Bolschewiki f\u00fchrten in der Partei den Begriff des \u00abdemokratischen Zentralismus\u00bb ein, den es bis dahin nicht gegeben hatte. Das bedeutete nat\u00fcrlich Zentralismus in der Kontinuit\u00e4t von <em>Was tun?<\/em>, aber auch und zus\u00e4tzlich Demokratie \u2013 und Lenin wurde ihr Hauptverfechter innerhalb der Partei. Als scharfe Reaktion auf eine Resolution des Zentralkomitees \u00fcber \u00abFreiheit der Kritik und Einheit der Aktion\u00bb formulierte Lenin den demokratischen Zentralismus wie folgt:<\/p>\n<p>\u00abDas Prinzip des demokratischen Zentralismus und der Autonomie der lokalen Organisationen bedeutet gerade die Freiheit der Kritik, ganz und \u00fcberall, solange sie die Einheit einer bestimmten Aktion nicht behindert, und die Unzul\u00e4ssigkeit jeder Kritik, die die Einheit einer von der Partei beschlossenen Aktion zerst\u00f6rt oder behindert.\u00bb [57]<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen diese Frage nicht im Detail behandeln, aber angesichts der Mythen, die sich \u00fcber den Autoritarismus und die Vertikalit\u00e4t der Partei Lenins hartn\u00e4ckig halten, ist es nicht \u00fcberfl\u00fcssig, auf die zahlreichen Referenzen zu verweisen, die zu diesem Thema existieren [58].<\/p>\n<p>Zweitens sind die Revolution und das Auftreten der Sowjets f\u00fcr Lenin der Anlass, die Verbindung zwischen Partei und Massen in der revolution\u00e4ren Dynamik neu zu erarbeiten. Wenn man Lenin seit dem Kongress von 1903 vorgeworfen hat (oft zu Unrecht, wie wir gesehen haben), das \u00abspontane Element\u00bb unterzubewerten, so ist 1905 der Beweis daf\u00fcr, dass Lenin ihm im Gegenteil eine entscheidende Bedeutung zugesteht. Die Verbindung zwischen Spontaneit\u00e4t (den Massen) und Organisation (der Avantgarde) ist unter einem dialektischen Gesichtspunkt zu betrachten. Manchmal, insbesondere in Zeiten pl\u00f6tzlicher Ver\u00e4nderungen der Situation, kann das spontane Element dem organisierten Element zuvorkommen: \u00abDie Ver\u00e4nderung der objektiven Bedingungen des Kampfes, die den \u00dcbergang vom Streik zum Aufstand notwendig machte, wurde vom Proletariat lange vor seinen F\u00fchrern wahrgenommen.\u00bb Aber auch wenn Lenin seine Parteikonzeption bereichert, bleibt sie in dem Punkt, der ihn 1903 gegen die menschewistischen Positionen aufbrachte, grunds\u00e4tzlich gleich: Auch in Zeiten der Revolution (und man k\u00f6nnte sagen, gerade in Zeiten der Revolution) ist die Existenz einer zusammengeschweissten und zentralisierten Partei von entscheidender Bedeutung.<\/p>\n<p>Wenn Lenin auch nicht von seiner Konzeption der Partei als Vorhut der Klasse abr\u00fcckt, so veranlasst ihn doch die ver\u00e4nderte politische Situation, von nun an mit Nachdruck auf der Notwendigkeit zu bestehen, dass die bolschewistischen Kader sich \u00fcberall und st\u00e4ndig mit den Massen auseinandersetzen m\u00fcssen. Dies zeigt, dass es keineswegs eine mechanische Beziehung zwischen der Klasse\/Masse und der Partei\/Vorhut gibt, sondern vielmehr eine \u00abBewegung des st\u00e4ndigen Austauschs zwischen der Partei und den angesammelten Erfahrungen der Klasse\u00bb, um es mit den Worten von Daniel Bensa\u00efd zu sagen. Das ist es, was die Partei Lenins so flexibel macht (und was in krassem Gegensatz zu dem Bild eines monolithischen Konzepts steht, das er vertritt, wenn man bestimmten Lesarten Glauben schenken will): ihre F\u00e4higkeit, die Ver\u00e4nderungen der politischen Situation aufzugreifen, um sich selbst zu aktualisieren und jedem Konservatismus zu entgehen. Die Organisation dient also nicht als Bollwerk gegen Spontaneit\u00e4t, sondern ihre Disziplin ist eine wesentliche Voraussetzung daf\u00fcr, dass sie sich schnell an ver\u00e4nderte Situationen anpassen kann. Oder, mit den Worten von Luk\u00e1cs:<\/p>\n<p>\u00abEs ist nicht die Aufgabe der Partei, den Massen irgendwelche abstrakt ausgearbeiteten Verhaltensweisen aufzuzwingen, sondern im Gegenteil, st\u00e4ndig von den K\u00e4mpfen und Kampfmethoden der Massen zu lernen (&#8230;) Das erkl\u00e4rt, warum jeder Dogmatismus in der Theorie und jede Versteinerung in der Organisation f\u00fcr die Partei fatal sind.\u00bb [59]<\/p>\n<p>Diese Auffassung steht im Gegensatz zur Auffassung der Mehrheit der deutschen Sozialdemokratie, die die Spontaneit\u00e4t der Massen als eine Hilfskraft ansieht, die von der Partei punktuell mobilisiert werden kann, die aber im Wesentlichen ein Faktor der \u00abDesorganisation\u00bb\/Ausdruck der \u00abUnreife\u00bb des Proletariats bleibt. Dies ist jedenfalls die Position, die Kautsky in der Debatte von 1910 bis 1913 vertrat, die die \u00abNeue Zeit\u00bb um den \u00abMassenstreik\u00bb bewegte, die ihm Rosa Luxemburg und Anton Pannekoek gegen\u00fcberstellte [60] und die insbesondere auf einer Bewertung der russischen Revolution von 1905 beruhte. Es scheint, dass Lenin sich dieser Debatte damals nicht direkt bewusst war, aber es ist unbestreitbar, dass er eine Position vertrat, die der von Luxemburg viel n\u00e4her stand als der von Kautsky.<\/p>\n<p>Schliesslich best\u00e4tigte und beschleunigte das Jahr 1905 auch die Ann\u00e4herung zwischen den menschewistischen und bolschewistischen Str\u00f6mungen. Obwohl die Revolution das Ausmass der politischen und programmatischen Divergenzen zwischen den beiden Str\u00f6mungen offenbart hat [61], ist Lenin zuversichtlich, dass die Menschewiki unter dem Druck der Situation und der Politik der Bolschewiki gezwungen sein werden, sich ihren Vorstellungen anzuschliessen. In Wirklichkeit standen Bolschewiki und Menschewiki w\u00e4hrend der Revolution von 1905 gemeinsam auf der gleichen Seite der Barrikaden. F\u00fcr ihn kann und muss sich der politische Kampf im Rahmen einer wiedervereinigten Partei entwickeln, wenn er gef\u00fchrt werden soll:<\/p>\n<p>\u00abWir m\u00fcssen den entschlossensten, offensten und r\u00fccksichtslosesten ideologischen Kampf gegen diese rechten Tendenzen unserer Sozialdemokraten f\u00fchren. (&#8230;) Aber in einer vereinigten Partei darf dieser ideologische Kampf die Organisationen nicht spalten, er darf die Einheit der Aktion des Proletariats nicht behindern.\u00bb [62]<\/p>\n<p>So wurde im April 1906 in Stockholm ein Vereinigungskongress abgehalten. Auch hier ist das, was Lenin leitet, neben der Analyse der neuen Koordinaten der politischen Situation, die \u00dcberzeugung, dass die Revolution eine Perspektive ist, die entschlossen vorbereitet werden muss [63]:<\/p>\n<p>\u00abDenkt daran, dass euch morgen oder \u00fcbermorgen die Ereignisse auf jeden Fall und unweigerlich zum Aufstand aufrufen werden und dass es nur eine Frage des Wissens ist, ob ihr im Augenblick der Aktion bereit und vereint oder zerstreut und desorientiert sein werdet.\u00bb [64]<\/p>\n<p><strong>1907-1912. Die Jahre der Reaktion und die endg\u00fcltige Trennung<\/strong><\/p>\n<p>Der Vereinigungskongress, der im April 1906 in Stockholm stattfand, verschaffte den Menschewiki eine Mehrheit: 62 Delegierte, die 34.000 Menschewiki vertraten, standen 46 bolschewistischen Delegierten gegen\u00fcber, die 14.000 Aktivisten vertraten. Lenin und die Bolschewiki behalten ihre Fraktion bei, aber Lenin erkl\u00e4rt, dass diese nicht dazu berufen ist, in eine neue Partei umgewandelt zu werden, sondern einfach \u00abein Block ist, um in der Arbeiterpartei eine bestimmte Taktik anzuwenden\u00bb. Auf dem Londoner Kongress im Mai 1907 kehrte sich das interne Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis um, und es gab nun eine knappe Mehrheit der Bolschewiki. Dies erkl\u00e4rt sich vor allem durch die Ablehnung der aufst\u00e4ndischen Aktionen von 1905 seitens der Menschewiki, den Zusammenhalt und die Organisationsarbeit der bolschewistischen Kader. Doch schon bald sah sich die SDAPR mit einer neuen, viel ung\u00fcnstigeren Situation konfrontiert. Ab der zweiten H\u00e4lfte des Jahres 1907 und noch st\u00e4rker im Jahr 1908 setzte die Repression des Regimes gegen die sozialdemokratische Bewegung ein: Zusammenbruch der Arbeiterbewegung und der Streiks, Aufl\u00f6sung der sozialdemokratischen Komitees, Verhaftungen, Verbannung&#8230; Zur Mitgliederzahl der SDAPR bemerkt Pierre Brou\u00e9: \u00abVon mehreren Tausend in Moskau im Jahr 1907 waren es Ende 1908 nur noch 500, Ende 1909 150: 1910 gab es keine Organisation mehr. Im gesamten Land sank die Zahl der Mitglieder von fast 100.000 auf weniger als 10.000 [65]. Kurz gesagt, nach der revolution\u00e4ren Phase von 1905-1906 war die Reaktion heftig und die Ebbe allgemein.<\/p>\n<p>Diese neuen Verh\u00e4ltnisse tragen in besonderem Masse dazu bei, die Spannungen und Meinungsverschiedenheiten innerhalb der verbliebenen Partei zu versch\u00e4rfen. Die Polemik \u00fcber den Ausgang der Revolution von 1905 und \u00fcber die in der neuen Situation zu verfolgende Politik wird wieder ernsthaft aufgenommen. Die Meinungsverschiedenheiten kristallisierten sich im Wesentlichen in der Frage heraus, welche Politik gegen\u00fcber der Dritten Duma verfolgt werden sollte und ob die Partei ihre illegalen Aktivit\u00e4ten beibehalten sollte. Die Meinungsverschiedenheiten werden sowohl auf der Seite der Menschewiki als auch der Bolschewiki zum Ausdruck kommen und zu neuen Konfigurationen f\u00fchren. Innerhalb der bolschewistischen Str\u00f6mung vertrat Lenin eine Minderheitenposition gegen\u00fcber den Oztowisten, Anh\u00e4ngern von Bodganow, die sich gegen Lenin stellten und die Aussicht auf ausschliesslich illegale Arbeit und den Boykott der Duma verteidigten. Im Gegenteil, Lenin leitet aus der Situation die Notwendigkeit ab, dass die Revolution\u00e4re alle Mittel, auch legale oder halblegale, einsetzen, um \u00abKr\u00e4fte vorzubereiten und zu sammeln\u00bb und ihr Programm bekannt zu machen. So wird Lenin, obwohl er den reaktion\u00e4ren Charakter der Dritten Duma anerkennt und gegen verfassungsrechtliche Illusionen k\u00e4mpft, nicht z\u00f6gern, mit den Menschewiki gegen den Boykott der Wahlen zu stimmen. Zu den Anh\u00e4ngern Bodganows gesellte sich die als Ultimatisten bekannte bolschewistische Str\u00f6mung, die gegen jede legale Massnahme war, einschliesslich der Beteiligung an den Gewerkschaften. Auf der menschewistischen Seite entwickelt sich eine entgegengesetzte Tendenz, die f\u00fcr den Verzicht auf klandestine Aktivit\u00e4ten und die grunds\u00e4tzliche Ablehnung illegaler Aktionen eintritt. Dies ist die Tendenz der Liquidatoren, gegen die Lenin versucht, im B\u00fcndnis mit dem von Plechanow gef\u00fchrten Fl\u00fcgel der Menschewiki, der sich \u00abdie Partei\u00bb nennt, eine interne Front zu organisieren. Die Offensive der Liquidatoren setzte auf dem Kongress im Dezember 1908 ein, und Lenin schrieb, es handle sich um<\/p>\n<p>\u00abeinen Versuch eines bestimmten Teils der Parteiintellektuellen, die bestehende Organisation der SDAPR zu liquidieren und durch eine formlose Gruppierung im Rahmen der Legalit\u00e4t um jeden Preis zu ersetzen, wobei diese Legalit\u00e4t mit einem offensichtlichen Verzicht auf das Programm, die Taktik und die Traditionen der Partei erkauft werden muss.\u00bb [66]<\/p>\n<p>So wurde die SDAPR von 1908 bis 1912 nicht nur quantitativ geschw\u00e4cht, sondern auch durch zahlreiche interne K\u00e4mpfe aufgezehrt. Der reaktion\u00e4re Charakter der politischen Entwicklungen dr\u00e4ngte jedoch auf Einheit in den Reihen der Partei. In einem Text von 1910 mit dem Titel \u00abNotiz eines Publizisten\u00bb stellt Lenin eine \u00abKrise der Vereinigung\u00bb fest. Er identifiziert zwei Methoden der Vereinigung: \u00abzwei grundlegend unterschiedliche Ansichten \u00fcber das Wesen und die Bedeutung der Parteivereinigung\u00bb und k\u00e4mpft gegen die vers\u00f6hnlerischen Tendenzen, die sowohl auf der bolschewistischen als auch auf der menschewistischen Seite bestehen. Er schreibt:<\/p>\n<p>\u00abEine dieser beiden Auffassungen von Einigung stellt die \u00abVermittlung\u00bb durch \u00abbestimmte Personen, Gruppen und Institutionen\u00bb in den Vordergrund. Ihre Einigkeit \u00fcber die Arbeit der Partei, \u00fcber die Linie dieser Arbeit wird zweitrangig. Man muss versuchen, die Meinungsverschiedenheiten stillschweigend zu \u00fcbergehen, anstatt ihre Wurzeln, ihre Tragweite und die objektiven Bedingungen, die sie hervorrufen, ans Licht zu bringen. (&#8230;) Es gibt eine zweite Sichtweise auf die besagte Vereinheitlichung. Dieser zweite Gesichtspunkt beruht auf der Tatsache, dass es eine ganze Reihe tiefgreifender objektiver Ursachen gibt (&#8230;), Ursachen, die schon seit langem innerhalb der beiden alten, der beiden grossen russischen Fraktionen der Sozialdemokratie zu Ver\u00e4nderungen gef\u00fchrt haben und weiter f\u00fchren werden, so dass \u2013 manchmal gegen den Willen oder sogar ohne das Wissen eines Teils der \u00abentschlossenen Individuen, Gruppen und Institutionen\u00bb &#8211; die ideologischen und organisatorischen Grundlagen der Vereinigung geschaffen werden.\u00bb [67]<\/p>\n<p>Mit anderen Worten: F\u00fcr Lenin kann die Einheit und der Zusammenhalt der Partei nicht erreicht werden, ohne sich den programmatischen und politischen Diskussionen zu stellen, die die russische Sozialdemokratie durchziehen, ohne \u00aban beiden Fronten zu k\u00e4mpfen\u00bb gegen die beiden entgegengesetzten Bedrohungen des Liquidationismus (Opportunismus) und des Oztowismus (Linksradikalismus). Die Wiederaufnahme des Klassenkampfes ab 1910 und insbesondere in den Jahren 1911 und 1912 und Lenins \u00dcberzeugung, dass sich neue revolution\u00e4re Ereignisse anbahnten, veranlassten Lenin zu einer Radikalisierung seiner Vorstellungen. Revolution\u00e4re m\u00fcssen sich auf den n\u00e4chsten revolution\u00e4ren Aufschwung vorbereiten, und dies kann nicht ohne eine solide strukturierte Organisation geschehen. Ausgestattet mit dieser Erkenntnis nutzte Lenin die Prager Konferenz vom Januar 1912, um den Ausschluss der Liquidatoren zu verk\u00fcnden und die Schaffung \u00abillegaler sozialdemokratischer Kerne, die von einem m\u00f6glichst grossen Netz legaler Arbeitervereinigungen umgeben sind\u00bb, voranzutreiben. Die Bolschewiki existieren endlich als unabh\u00e4ngige Partei. Diesbez\u00fcglich bemerkt Paul Le Blanc:<\/p>\n<p>\u00abDiese Perspektive der Spaltung bedeutete einen Bruch mit dem klassischen Beispiel der deutschen Sozialdemokratie, und zwar in einer Weise, die tiefer ging als alle Formulierungen von <em>Was tun?<\/em> oder <em>Ein Schritt vorw\u00e4rts, zwei Schritte zur\u00fcck<\/em>.\u00bb [68]<\/p>\n<p>Diese Entscheidung rief in der internationalen Sozialdemokratie heftige Reaktionen hervor und brachte Lenin Kritik von Rosa Luxemburg, aber auch von Karl Kautsky ein, der den Bolschewiki vorwarf, eine Partei mit \u00abanderem Inhalt\u00bb aufzubauen.<\/p>\n<p><strong>Das Jahr 1917. Die Partei der Revolution<\/strong><\/p>\n<p>Wir haben gesehen, dass sich der Bolschewismus seit seiner Entstehung im Rahmen recht unterschiedlicher Organisationsformen entwickelt hat. Dies gilt umso mehr f\u00fcr die acht turbulentesten Monate ihrer Geschichte, die zwischen Februar und Oktober 1917 liegen.<\/p>\n<p>Anfang M\u00e4rz, nach den Tagen des Aufstands, der zum Zusammenbruch des zaristischen Regimes f\u00fchrte, war die Aufregung noch nicht abgeklungen. Es kam zu Streiks, und die gerade ernannte provisorische Regierung war machtlos, die Situation zu kontrollieren. Von Anfang an war sie mit dem Sowjet konfrontiert, der damals von den reformistischen Str\u00f6mungen (Menschewiki und Sozialrevolution\u00e4re) angef\u00fchrt wurde, der nach dem Vorbild von 1905 wieder aufgetaucht war. Der Petrograder Sowjet (und alle anderen, die sich im Rest des Landes entwickelten) hatte in vielerlei Hinsicht eine potenziell gr\u00f6ssere Macht, weigerte sich aber, diese auszu\u00fcben, und beschr\u00e4nkte sich auf eine beratende Rolle und Druck auf die b\u00fcrgerliche Regierung. Wie die Revolution von 1905 kan auch die Revolution vom Februar 1917 f\u00fcr die Revolution\u00e4re \u00fcberraschend. Die bolschewistische Partei wurde in Petrograd von einem \u00abrussischen B\u00fcro des Zentralkomitees\u00bb um den Metallarbeiter Alexander Schljapnikow geleitet. Diese F\u00fchrung hinkte den Ereignissen hinterher und hatte Schwierigkeiten, ihren Weg zu finden. Als am 12. M\u00e4rz zwei Mitglieder des Zentralkomitees, Stalin und Kamenjew, aus ihrer Verbannung nach Sibirien zur\u00fcckkehren, geht die Partei zu einer Position der nationalen Verteidigung, der bedingten Unterst\u00fctzung und des \u00abDrucks\u00bb auf die provisorische Regierung \u00fcber. [69] Diese Positionen stehen in diametralem Gegensatz zum Inhalt der \u00abBriefe aus der Ferne\u00bb [70], die Lenin zwischen dem 7. und 12. M\u00e4rz aus der Schweiz schrieb und verschickte.<\/p>\n<p>Nach seiner R\u00fcckkehr nach Petrograd am 3. April nahm Lenin sofort den Kampf mit seiner eigenen \u00abmenschewistischen\u00bb Partei auf. In seiner ersten Rede, als er aus seinem &#8222;gef\u00fchrten Zug&#8220; ausstieg, bekr\u00e4ftigte er, dass die Februarrevolution die grundlegenden Probleme des Proletariats nicht gel\u00f6st habe, dass man nicht auf halbem Wege stehen bleiben d\u00fcrfe und dass die Arbeiterklasse im B\u00fcndnis mit der Masse der Soldaten die demokratische Revolution in eine sozialistische proletarische Revolution umwandeln m\u00fcsse. Er schloss mit den Worten: \u00abVon einem Moment auf den anderen, jeden Tag, k\u00f6nnen wir den Zusammenbruch des gesamten europ\u00e4ischen Imperialismus erwarten. Die russische Revolution, die ihr vollbracht habt, hat den Anfang davon markiert und den Grundstein f\u00fcr eine neue Epoche gelegt. Es lebe die sozialistische Weltrevolution!\u00bb [71] Am n\u00e4chsten Tag ver\u00f6ffentlicht er die \u00abAprilthesen\u00bb [72], in denen er die von ihm vorgeschlagenen Orientierungen f\u00fcr die Partei und die Revolution entwickelt: keine Unterst\u00fctzung der provisorischen Regierung, sondern ein entschlossener Kampf gegen sie, Ablehnung jeglicher \u00abrevolution\u00e4rer Defensive\u00bb (d.h. Fortsetzung des Krieges im Namen der Verteidigung der Revolution), keine Ann\u00e4herung an die Menschewiki, \u00aballe Macht den Sowjets\u00bb, Schaffung einer revolution\u00e4ren Regierung, die die R\u00e4teregierung hervorbringen und das Land auf den Weg des Sozialismus verpflichten w\u00fcrde. Diese Positionen wurden von der Mehrheit des Zentralkomitees abgelehnt, aber von den meisten Kadern und der k\u00e4mpfenden Basis unterst\u00fctzt, deren Zahl t\u00e4glich zunahm. Lenin siegt mit einer Geschwindigkeit, die erstaunlich erscheint, da seine Positionen schon auf der ersten bolschewistischen Konferenz von Petrograd (14. oder 22. April) und dann auf der siebten gesamtrussischen Konferenz der (bolschewistischen) SDSAPR, die vom 24. bis 29. April stattfand, ganz klar angenommen werden.<\/p>\n<p>Nachdem er sich auf die radikale Basis der Partei gest\u00fctzt hatte, musste Lenin sie bremsen und versuchen, ihren Schwung zu kontrollieren. Mit der weiteren Versch\u00e4rfung der politischen und sozialen Krise gingen die Demonstrationen in Unruhen \u00fcber (zum ersten Mal in den Tagen des 20. und 21. April), und innerhalb der Arbeiterklasse und der Petrograder Garnison bildete sich nun ein Massensektor, der die provisorische Regierung so schnell wie m\u00f6glich st\u00fcrzen wollte. Die halbaufst\u00e4ndischen Tage des 3., 4. und 5. Juli sind der h\u00f6chste Ausdruck dieses Vorstosses, w\u00e4hrend die Situation noch nicht reif ist, um die Machtergreifung mit vern\u00fcnftigen Erfolgsaussichten in Betracht zu ziehen. In dieser Zeit ist die bolschewistische Partei das Gegenteil des Bildes eines monolithischen Blocks, der hinter einer allm\u00e4chtigen F\u00fchrung und einem F\u00fchrer steht. Wie die Sowjets und die Fabrikkomitees funktionierte sie hyperdemokratisch, mit Tendenzen von rechts, links und der Mitte, die sich st\u00e4ndig neu zusammensetzten. In der Praxis enth\u00e4lt sie aber auch eine starke Komponente von F\u00f6deralismus und Autonomie. Wir sehen, wie lokale oder sektorale Organisationen ihre Vorrechte und ihre Entscheidungen verteidigen, manchmal sogar gegen das Zentralkomitee. Die wichtigsten Entscheidungen, die in der Hauptstadt getroffen werden, sind oft das Ergebnis langer Diskussionen und letztlich von Kompromissen zwischen der nationalen F\u00fchrung und diesen halbautonomen Strukturen. Dar\u00fcber hinaus handelt es sich vor allem um zwei Zusammenh\u00e4nge: zum einen das Petrograder Komitee, das die Partei leitet und ihr t\u00e4gliches Eingreifen in den Bezirken und Fabriken der Hauptstadt organisiert, zum anderen die F\u00fchrung der Milit\u00e4rorganisation, die an der Spitze der politischen und organisatorischen Arbeit innerhalb einer Garnison steht, die je nach Zeit (und den Sch\u00e4tzungen der Historiker) zwischen 215.000 und 300.000 Mitglieder umfasst. Diese beiden Strukturen, vor allem die Milit\u00e4rorganisation, waren massgeblich f\u00fcr die Julitage verantwortlich. Letztere waren Ausdruck und Kombination einerseits von massenrevolution\u00e4rer Spontaneit\u00e4t, andererseits von Entscheidungen revolution\u00e4rer Sektoren, vor allem der Bolschewiki; teilweise entgegen der Position von Lenin und Trotzki, die damals Ereignisse begleiteten, die sie weder organisiert noch wirklich gewollt hatten. [73]<\/p>\n<p>Zwischen Februar und Oktober vollzog die Partei zwei weitere gleichzeitige Ver\u00e4nderungen. Erstens integrierte sie Zehntausende von Vork\u00e4mpfern (kurz vor dem Oktoberaufstand z\u00e4hlte sie \u00fcber 100.000 Mitglieder, w\u00e4hrend es am Vorabend der Februarrevolution sch\u00e4tzungsweise nur 20.000 waren), die ihr neues Blut einbrachten und die Partei in gewisser Weise revolutionierten. Zweitens schloss sie sich auf dem 6. so genannten \u00abVereinigungskongress\u00bb (26. Juli bis 3. August 1917) mit einer ganzen Reihe von Gruppen und Einzelpersonen zusammen, die sowohl den alten bolschewistischen als auch den menschewistischen Organisationen angeh\u00f6rten bzw. von beiden unabh\u00e4ngig geblieben waren. Der bedeutendste Sektor ist die Organisation der Inter-Rayonnisten, die 4000 Mitglieder umfasste, darunter auch Leo Trotzki [74]. Derjenige, den Lenin bei vielen Gelegenheiten sarkastisch beschuldigt hatte, von dem er immer wieder gesagt hatte, dass nichts jemals m\u00f6glich sein w\u00fcrde, wurde so quasi sein Alter Ego an der Spitze der Partei und bald auch der Revolution und des entstehenden Arbeiterstaates. F\u00fcr Lenin ist das entscheidende Kriterium das der Revolution: Es ist das Programm, das nicht abstrakt betrachtet wird, sondern in der Hitze der revolution\u00e4ren Ereignisse in die Tat umgesetzt und in Bewegung gesetzt wird. In diesem Zusammenhang ist oft gesagt worden, dass Trotzki 1917 Lenins Position hinsichtlich der Partei unterst\u00fctzte, w\u00e4hrend Lenin die G\u00fcltigkeit von Trotzkis Schlussfolgerungen zur sozialistischen Dynamik der Revolution anerkannte. Auch wenn daran etwas Wahres dran ist, muss betont werden, dass die trotzkistischen und leninistischen Vorstellungen von der Revolution nicht so weit auseinander lagen, wie es manchmal den Anschein hatte. So bekr\u00e4ftigte Lenin bereits 1905: \u00abSobald die demokratische Revolution vollzogen ist, werden wir sofort und im genauen Umfang unserer Kr\u00e4fte, der Kr\u00e4fte des bewussten und organisierten Proletariats, den Weg zur sozialistischen Revolution einschlagen. Wir sind f\u00fcr eine permanente Revolution. Wir werden nicht auf halbem Weg stehen bleiben. [75]<\/p>\n<p>Nach den Julitagen kommt es zu einer Phase von Reaktion und Repression, die die Bolschewiki zwingt, sich zu verstecken. Diese Bedingungen verschlechterten sich jedoch nach einigen Wochen und kehrten sich Ende August vollst\u00e4ndig um, als der Putschversuch von General Kornilow (der von Kerenski, dem Pr\u00e4sidenten der provisorischen Regierung, zum Stabschef der Streitkr\u00e4fte ernannt worden war) die Diskreditierung der offiziellen Beh\u00f6rden beendete und sie in der Luft h\u00e4ngen liess, ebenso wie die reformistischen Str\u00f6mungen, die sie weiterhin unterst\u00fctzten. Im September war der Aufstieg der Bolschewiki unaufhaltsam. Sie bildeten die Mehrheit in den Sowjets, zun\u00e4chst in Petrograd (Trotzki gewann den Vorsitz zur\u00fcck, den er 1905 innegehabt hatte), dann in Moskau und in vielen Provinzen. Lenin erkannte diese neue Situation und begr\u00fcsste sie, dr\u00e4ngte die bolschewistische F\u00fchrung aber weiterhin, unverz\u00fcglich mit den Vorbereitungen f\u00fcr den Aufstand zu beginnen. Der Weg war frei f\u00fcr den Sieg der Revolution und die offizielle Macht\u00fcbernahme durch den Nationalen Sowjetkongress am 24. und 25. Oktober. Diese Sequenz (Februar-Oktober 1917), die nur kurz umrissen wurde, verdient einer ausf\u00fchrlicheren Darstellung. Es ist diese Abfolge, die es uns erlaubt, die soziale Revolution konkret und in der Praxis als einen Prozess zu verstehen, der sich aus der engen Verbindung zwischen einer Partei und einer F\u00fchrung ergibt, die auf die Revolution und die Selbstorganisation der Massen vorbereitet und ausgerichtet ist \u2013 gem\u00e4ss der ber\u00fchmten Metapher vom Kolben und dem Dampf. [76] Wenn der Leninismus und die Leninsche Organisation zu einem Leitfaden, einem Ideal und einem Modell f\u00fcr einen wichtigen Fl\u00fcgel der Arbeiterbewegung geworden sind, so ist dies eindeutig auf seinen Triumph im Jahr 1917 zur\u00fcckzuf\u00fchren. Es war dieser Triumph des Bolschewismus, der die Aufmerksamkeit auf ihn lenkte \u2013 \u00abin Hass oder Begeisterung, Abscheu oder Verehrung.\u00bb [77]<\/p>\n<p><strong>Die Partei von Lenin. Eine \u00abneue Art\u00bb von Partei?<\/strong><\/p>\n<p>Kehren wir schliesslich zu unserer Ausgangsfrage zur\u00fcck: Inwieweit war Lenin an der Erneuerung der Konzeption der revolution\u00e4ren Organisation beteiligt? In diesem Artikel haben wir gezeigt, dass es keine systematische Theorie der \u00abLeninschen Partei\u00bb und keine monolithische Form davon gibt. Im Gegenteil, wir haben darauf bestanden, dass Lenin st\u00e4ndig an der \u00dcberarbeitung arbeitet, vor allem im Hinblick auf die Ver\u00e4nderungen der politischen Situation. Im Gegensatz zum stalinistischen Interpretationsschema, das aus <em>Was tun?<\/em> ein fertiges Handbuch der \u00ableninistischen Partei\u00bb macht, haben wir gesehen, dass Lenin bis 1914 nicht versucht hat, einen \u00abneuen Typ\u00bb von Partei aufzubauen, und zumindest auf theoretischer Ebene bleiben seine Bez\u00fcge global die der deutschen Sozialdemokratie als dem fortgeschrittensten Teil der internationalen Sozialdemokratie. Das hindert ihn nicht daran, wie wir ebenfalls gesehen haben, in der Praxis singul\u00e4re Positionen zu entwickeln, die der damaligen Mehrheitsauffassung innerhalb der internationalen Arbeiterbewegung oft zuwiderlaufen (zum Verh\u00e4ltnis zwischen Klasse, Partei und F\u00fchrung; zur Spontaneit\u00e4t der Massen oder zur Frage der Parteieinheit). Das hindert ihn nicht daran, dass seine Positionen innerhalb der Zweiten Internationale heftig kritisiert werden \u2013 wir haben die Kritik von Rosa Luxemburg erw\u00e4hnt, aber erw\u00e4hnen wir auch die von Kautsky, der die Position der Bolschewiki auf der Prager Konferenz 1912 bedauert, eine unabh\u00e4ngige bolschewistische Partei zu gr\u00fcnden. Lenin blieb jedoch davon \u00fcberzeugt, dass seine Orientierung der der internationalen Sozialdemokratie entsprach, und seine Organisationskonzepte wurden nicht \u00fcber den Rahmen des zaristischen Russlands hinaus verallgemeinert. Wie Daniel Bensa\u00efd zu Recht schreibt:<\/p>\n<p>\u00abBis 1914 handelt es sich eher noch um einen Halbbruch mit der herrschenden Orthodoxie, die sich auf die russischen Besonderheiten st\u00fctzt, ohne verallgemeinerbare Elemente ihres Ansatzes zu entwickeln. (&#8230;) seine Problematik wird ab 1914 systematisiert.\u00bb [78]<\/p>\n<p>Es war der Erste Weltkrieg, der die Widerspr\u00fcche innerhalb der Zweiten Internationale zutiefst offenbarte und eine v\u00f6llige Neuordnung der internationalen Arbeiterbewegung ausl\u00f6ste. Im Sommer 1914 st\u00fcrzte der Kriegseintritt der europ\u00e4ischen Grossm\u00e4chte zur Aufteilung der Welt in Einflusszonen die Arbeiterparteien in ein brennendes Dilemma: die heilige Allianz zu brechen und damit das Risiko einzugehen, illegal zu werden, oder sich den Interessen der eigenen Bourgeoisie anzuschliessen. Mit wenigen Ausnahmen stellte sich die Mehrheit der F\u00fchrer der Zweiten Internationale hinter das Banner des \u00abSozialchauvinismus\u00bb und stimmte f\u00fcr die Kriegskredite und brach damit mit den Grunds\u00e4tzen des proletarischen Internationalismus, die auf dem Stuttgarter Kongress 1907 bekr\u00e4ftigt worden waren. Als Lenin diese Nachricht h\u00f6rte, konnte er sie zun\u00e4chst gar nicht glauben und hielt sie f\u00fcr eine Verleumdung, um Zwietracht in der revolution\u00e4ren Bewegung zu s\u00e4en. Als kein Zweifel mehr daran bestand, dass die Organisationen der Arbeiterklasse und insbesondere ihre F\u00fchrungen die Interessen der sozialistischen Revolution und der Klassensolidarit\u00e4t verraten hatten, machte Lenin das Verst\u00e4ndnis dieser Situation zur obersten Priorit\u00e4t. Es ist dringend notwendig, die historische Bedeutung dieses Verrats zu begreifen und die praktischen und vor allem organisatorischen Konsequenzen daraus zu ziehen. Er schreibt:<\/p>\n<p>\u00abDie meisten sozialdemokratischen Parteien, allen voran die gr\u00f6sste und einflussreichste von ihnen, die deutsche Partei, haben sich auf die Seite ihres Personals, ihrer Regierung, ihrer Bourgeoisie, gegen das Proletariat gestellt. Es handelt sich um ein Ereignis von weltgeschichtlicher Bedeutung, und man kann nicht anders, als es in seinen verschiedensten Aspekten zu analysieren.\u00bb [79]<\/p>\n<p>Diese Trag\u00f6die ist der Anlass f\u00fcr Lenin, eine tiefgreifende politische Aufr\u00fcstung vorzunehmen. Um das Ausmass dieser Aufr\u00fcstung auf theoretischer Ebene zu begreifen, sei beispielsweise erw\u00e4hnt, dass die Jahre 1914-1915 gleichzeitig die Jahre des eingehenden Studiums und der kritischen Aneignung des Werks von Carl Clausewitz, des preussischen Generals und Theoretikers der Kriegskunst, und die Zeit einer aufmerksamen Lekt\u00fcre von Hegel und einer erneuten Pr\u00fcfung seiner Dialektik waren. [80] Einer der zentralen Gedanken Lenins ist, dass der imperialistische Krieg einen Bruch mit der vorangegangenen Periode der \u00abfriedlichen Entwicklung\u00bb markiert, dass er eine Neukodierung des globalen historischen und strategischen Rahmens ausl\u00f6st. Diesbez\u00fcglich schreibt er:<\/p>\n<p>&#8222;Der europ\u00e4ische Krieg stellt eine sehr tiefe historische Krise dar, er markiert den Beginn einer neuen Epoche. Wie jede Krise hat sie tiefe Widerspr\u00fcche akzentuiert und ans Licht gebracht (&#8230;) Die Zweite Internationale, der es gelungen ist, in f\u00fcnfundzwanzig oder f\u00fcnfundvierzig Jahren (je nachdem, ob man von 1870 oder 1889 an z\u00e4hlt) ein \u00e4usserst wichtiges und n\u00fctzliches Werk zu vollbringen, n\u00e4mlich die Verbreitung des Sozialismus und die ersten Ans\u00e4tze der Organisation seiner Kr\u00e4fte, hat ihre historische Aufgabe erf\u00fcllt.\u00bb [81]<\/p>\n<p>Die imperialistische Epoche und die durch 1914 ausgel\u00f6ste Krise veranlassten Lenin, die Rolle des Opportunismus innerhalb der Arbeiterbewegung neu zu bewerten. Schon vor dem Krieg war Lenin mehrfach auf den Kampf gegen den Opportunismus innerhalb der internationalen Sozialdemokratie zur\u00fcckgekommen. Man denke zum Beispiel an das Vorwort zu seiner 1907 erschienenen Sammlung \u00abIn zw\u00f6lf Jahren\u00bb, in dem er die politischen K\u00e4mpfe innerhalb der SDAPR seit ihrer Gr\u00fcndung schildert. Es war derselbe Kampf gegen den Opportunismus, der ihn dazu brachte, sich von der SDAPR zu l\u00f6sen und eine unabh\u00e4ngige politische Organisation aufzubauen. Und auch Lenin war sich bewusst, dass es in den verschiedenen Sektionen der Zweiten Internationale \u00e4hnliche Tendenzen gab. Was sich mit der Trag\u00f6die von 1914 tats\u00e4chlich ver\u00e4nderte, ist die Bedeutung dieser opportunistischen Str\u00f6mungen innerhalb der Arbeiterbewegung:<\/p>\n<p>\u00abDie durch den Ersten Weltkrieg ausgel\u00f6ste Krise hat den Schleier weggerissen, die Konventionen hinweggefegt, den lange gereiften Abszess zum Platzen gebracht und den Opportunismus in seiner wahren Rolle als Verb\u00fcndeter der Bourgeoisie gezeigt.\u00bb [82]<\/p>\n<p>Mit anderen Worten: Der Opportunismus hat f\u00fcr Lenin den historischen Beweis seiner konterrevolution\u00e4ren Rolle erbracht und er kann deshalb nicht mehr wie bisher als &#8218;legitime Nuance&#8216; innerhalb einer einzigen Partei\u00bb [83] betrachtet werden. Der Kampf gegen den Opportunismus \u00e4ndert seinen Charakter, und Lenin zieht daraus Schlussfolgerungen auf politischer und organisatorischer Ebene. Es geht nicht mehr nur um einen Kampf zwischen Tendenzen innerhalb derselben Organisation: \u00abEs ist jetzt notwendig, dass dieser [Opportunismus] auf dem organisatorischen Terrain v\u00f6llig von den Arbeiterparteien getrennt wird. Deshalb rief Lenin bereits im August 1914 zum Bruch mit der Zweiten Internationale auf und machte sich an die Arbeit, sich international gegen den Opportunismus (oder \u00abSozialchauvinismus\u00bb und Klassenvers\u00f6hnung) neu zu gruppieren, eine Arbeit, die zu den Konferenzen von Zimmerwald (1915), Kiental (1916) und dann zur Gr\u00fcndung der Dritten Internationale (1919) f\u00fchrte. Diese neue politische Spaltung und die Notwendigkeit, politisch und strategisch vom Opportunismus abgegrenzte Organisationen aufzubauen, sowohl auf nationalem als auch auf internationalem Terrain, ist die grundlegende Lehre, die er aus dem Verrat von 1914 zieht. Diejenigen, die sich wie die \u00abzentristischen\u00bb Fl\u00fcgel (und insbesondere Kautsky, Lenins wichtigster \u00abAbtr\u00fcnniger\u00bb) weigern, in dieser neuen Situation entsprechend zu handeln, und die glauben, dass der Kampf gegen den Sozialchauvinismus innerhalb einer gemeinsamen Partei gef\u00fchrt werden kann, sind seiner Meinung nach ein Hindernis auf dem Weg zum Wiederaufbau der revolution\u00e4ren Organisationen und m\u00fcssen als solches bek\u00e4mpft werden:<\/p>\n<p>\u00abDer schlechteste Dienst, den man dem Proletariat erweisen kann, besteht darin, zwischen Opportunismus und revolution\u00e4rer Sozialdemokratie hin und her zu schwanken, wie es das \u00abZentrum\u00bb der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands tut, und sich darauf zu beschr\u00e4nken, den Bankrott der Zweiten Internationale stillschweigend zu \u00fcbergehen oder unter diplomatischen Phrasen zu verschleiern.\u00bb [84]<\/p>\n<p>Auf theoretischer und praktischer Ebene ist der Bruch von 1914 ein vollendeter Bruch mit dem \u00abMarxismus der Zweiten Internationale\u00bb [85] und seiner Leitfigur Karl Kautsky sowie mit dessen Auffassung von der Revolution als einem allm\u00e4hlichen (\u00abevolution\u00e4ren\u00bb) und quasi \u00abnat\u00fcrlichen\u00bb (\u00aborganischen\u00bb) Prozess, der \u2013 um mit Karl Kautskys Worten zu sprechen [86] \u2013 \u00abnicht vorbereitet\u00bb ist und die Sozialdemokratie zu einer Art \u00abzeitlosem Sozialismus\u00bb (oder \u00abpassivem Radikalismus\u00bb [87]) f\u00fchrte. In diesen Koordinaten kann die politische Organisation nur durch eine passive und geduldige Ansammlung von Kr\u00e4ften entstehen. Die Rolle Lenins wird bei dieser theoretischen und politischen Neuordnung innerhalb der jungen Dritten Internationale (vor ihrer B\u00fcrokratisierung) entscheidend sein. Er war der Auffasung, dass der imperialistische Krieg das Zeichen f\u00fcr den Eintritt in eine neue Epoche war, die Lenin die imperialistische Epoche nannte, in der die politische Zeit nicht mehr \u00abhomogen und leer\u00bb war, sondern aus Diskontinuit\u00e4ten, Br\u00fcchen, \u00abKrisen\u00bb besteht (in diesen Jahren sollte sein seit 1905 gereifter Begriff der \u00abrevolution\u00e4ren Krise\u00bb seine volle Bedeutung erlangen), in der die Partei es verstehen musste, einzugreifen, um die Situation zu nutzen und die Energie der Massen auf die Konfrontation mit dem Staat zu richten. \u00dcbrigens wird auch in dieser Frage des Staates der Beitrag von Lenin entscheidend sein und sein Gegensatz zu Kautsky klar hervortreten [88]. In diesem Zusammenhang ist die Partei nicht mehr nur ein einfaches Sammelgef\u00e4ss des Klassenbewusstseins, eine passive Ansammlung von Kr\u00e4ften, sondern ein echter strategischer Akteur, ein grundlegender Faktor im Umgang mit neuen Situationen, um ein taktisches Arsenal zu entwickeln und zu artikulieren, ohne dabei das strategische Ziel aus den Augen zu verlieren \u2013 die sozialistische Revolution. Die Tatsache, dass sich Lenin auch nach 1914 weiterhin auf den \u00abKautsky von vor 1914\u00bb bezog, wie Lars Lih bemerkt hat [89], scheint nicht im Widerspruch zu dem Bruch zu stehen, der dann stattfand [90]. Sie rechtfertigt auch nicht die \u00abWiederentdeckung\u00bb der Leninschen Parteikonzeption allein durch seine Texte von 1902, wie Emilio Albamonte und Matias Maiello zu Recht schreiben:<\/p>\n<p>\u00abEs geht nicht nur um ein \u2018Parteimodell\u2019, sondern um die Arbeit an der Strategie f\u00fcr seine Umsetzung. Es ist daher unm\u00f6glich, die Entstehung von Lenins Parteikonzeption losgel\u00f6st von allen gef\u00fchrten K\u00e4mpfen und dem Kampf gegen den \u00abSozialchauvinismus\u00bb [91] zu verstehen.<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p>Heute haben sich die stalinistischen sozialdemokratischen und kommunistischen Apparate infolge ihrer Ausrichtung auf den \u00abSozialliberalismus\u00bb und des Zusammenbruchs des Stalinismus und der Sowjetunion weitgehend zur\u00fcckgezogen. Die Verwandlung dieser Klassenorganisationen in Apparate zur Domestizierung der Arbeiterbewegung unter dem Wirken ihrer F\u00fchrungen, die zunehmend in den b\u00fcrgerlichen Staat integriert wurden, hatte dramatische Folgen f\u00fcr die Arbeiterbewegung. Sie wirkten mit an einer Reihe von Niederlagen, insbesondere nach dem Scheitern des internationalen revolution\u00e4ren Aufstands von 1968 und der imperialistischen und b\u00fcrgerlichen Restaurations-Gegenoffensive der neoliberalen Periode, was zu einem Bruch der revolution\u00e4ren Kontinuit\u00e4t f\u00fchrte. All dies hatte nachhaltige Auswirkungen auf das Proletariat, seine Organisationsf\u00e4higkeit und sein Klassenbewusstsein, auch wenn es auf der \u00abobjektiven\u00bb Ebene zu einer beispiellosen Entwicklung der Weltarbeiterklasse \u00abAn-sich\u00bb kam. In j\u00fcngster Zeit scheinen jedoch verschiedene Symptome einen Prozess der subjektiven Neuzusammensetzung innerhalb bestimmter Sektoren des Proletariats und der Volksschichten vorwegzunehmen. Dies ist zumindest eine Hypothese, die vor dem Hintergrund des zunehmenden internationalen Klassenkampfes seit 2019 formuliert werden kann, in dem Aufst\u00e4nde und Revolten, die manchmal zu Massenstreiks f\u00fchren, einem gelegentlichen Massenradikalismus, der sich mit den Grenzen der b\u00fcrgerlichen Legalit\u00e4t auseinandersetzt, und eine diffuse Politisierung wichtiger Teile der Jugend gegen den systemischen Rassismus oder die Zerst\u00f6rung des Planeten zusammenkommen. Diese Elemente sind nur bruchst\u00fcckhaft vorhanden, aber von grosser Bedeutung. Sie sind ein wahres Geschenk des Himmels f\u00fcr diejenigen, die die Perspektive der Revolution noch nicht aufgegeben haben, da das Entstehen echter Kampforganisationen in hohem Masse von der F\u00e4higkeit abh\u00e4ngt, sich mit solchen Avantgarde-Sektoren zusammenzuschliessen.<\/p>\n<p><strong>Endnoten<\/strong><\/p>\n<p>[1] In Frankreich denkt man insbesondere an Andreas Malm, La chauve-souris et le capital, La Fabrique, 2020, und Fr\u00e9d\u00e9ric Lordon, Vivre sans, La Fabrique, 2019, oder seinen j\u00fcngsten Beitrag &#8222;Pour un n\u00e9o-l\u00e9ninisme&#8220;, Acta, 2021. Wir haben Malms \u00ab\u00f6kologischen Leninismus\u00bb <a href=\"https:\/\/www.revolutionpermanente.fr\/Pandemies-crise-climatique-et-leninisme-ecologique-Debat-avec-Andreas-Malm\">in einem anderen Artikel<\/a> diskutiert.<\/p>\n<p>[2] Siehe z.B. Historischer Materialismus, Bd. 18:3, 2010.<\/p>\n<p>[3] Lih bezeichnet Lenin als \u00abErfurter\u00bb, in Anspielung auf den Erfurter Kongress der SPD 1891 und das damals verabschiedete Programm, das innerhalb der Zweiten Internationale als massgebend galt.<\/p>\n<p>[4] Paul Le Blanc, <em>Lenin and the Revolutionary Party<\/em>, Haymarket, 2015 [1990], von uns \u00fcbersetzt.<\/p>\n<p>[5] Dies ist es, was insbesondere als \u00abMarxismus-Leninismus\u00bb bezeichnet wurde. Ein erbauliches Beispiel daf\u00fcr sind die <em>Prinzipien des Leninismus<\/em>, eine von Stalin unterzeichnete Brosch\u00fcre. \u00dcber die Partei kann man lesen: \u00abDie Partei [ist] eine Einheit des Willens, die mit der Existenz von Fraktionen unvereinbar ist\u00bb, \u00abdie Partei st\u00e4rkt sich selbst, indem sie sich von opportunistischen Elementen s\u00e4ubert\u00bb, usw. <a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/francais\/general\/staline\/works\/1924\/staline_principes.pdf\">Hier<\/a> verf\u00fcgbar.<\/p>\n<p>[6] Als \u00abBolschewisierung\u00bb wird die Entwicklung bezeichnet, die in der Kommunistischen Internationale ab 1924 zur Durchsetzung des Stalinschen Diktats und zur drastischen Einschr\u00e4nkung des Rechts auf Kritik innerhalb der kommunistischen Parteien gef\u00fchrt hat.<\/p>\n<p>[7] Daniel Bensa\u00efd, <em>Strat\u00e9gie et parti<\/em>, Les prairies ordinaires, 2016 [1986].<\/p>\n<p>[8] Paul Le Blanc, <em>Lenin and the Revolutionary Party<\/em>, op. cit, \u00fcbersetzt von uns<\/p>\n<p>[9] Pierre Brou\u00e9, <em>Le parti bolch\u00e9vique. Histoire du P.C. de l\u2019U.R.S.S.<\/em>, Editions de Minuit, 1963. Hier erh\u00e4ltlich<\/p>\n<p>[10] Wer sich mit diesen Fragen n\u00e4her befassen m\u00f6chte, sei auf die Hinweise in den Fussnoten verwiesen. Im Grossen und Ganzen haben wir uns daf\u00fcr entschieden, die online verf\u00fcgbaren Referenzen zu erw\u00e4hnen, aber denjenigen, die dazu in der Lage sind, empfehlen wir dringend, die B\u00fccher im Buchhandel zu kaufen.<\/p>\n<p>[11] Ohne ins Detail zu gehen, sei nur erw\u00e4hnt, dass sie sich vor allem durch die Langsamkeit ihrer Entwicklung, die ungleichm\u00e4ssige und kombinierte \u00dcbernahme einiger der fortschrittlichsten Merkmale westlicher kapitalistischer Gesellschaften und durch das Fehlen minimaler politischer Freiheiten auszeichnet, die von der zaristischen Autokratie abgelehnt wurden. Diese besonderen Merkmale der kapitalistischen Entwicklung in Russland sind f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis der Entwicklung des Leninismus und der umfassenderen Debatten in der russischen Sozialdemokratie von grundlegender Bedeutung. Zur Untersuchung dieser Fragen siehe Pierre Brou\u00e9s Geschichte der bolschewistischen Partei, a.a.O., oder Leo Trotzkis <em>Histoire de la r\u00e9volution russe<\/em>, Seuil, 1995 [1930], auch <a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/trotzki\/1930\/grr\/index.htm\">hier<\/a> [auf Deutsch] verf\u00fcgbar.<\/p>\n<p>[12] Vgl. Pierre Brou\u00e9: \u00abAngesichts eines Regimes, das \u2013 wie Alexander II. sagte, und was keiner seiner Nachfolger je zu leugnen gedachte \u2013 nur zul\u00e4sst, sich von oben her umzuwandeln, um keine Revolution von unten zu erleiden, das bei Gefahr des Selbstmordes keine noch so friedliche Form der Opposition gegen sich selbst zulassen kann, gibt es keinen anderen Weg als den der revolution\u00e4ren Gewalt\u00bb, in <em>Histoire du Parti bolch\u00e9vique<\/em>, op. cit.<\/p>\n<p>[13] Die russische Bourgeoisie entwickelte sich langsam und m\u00fchsam zwischen dem Gewicht der antiliberalen Autokratie, der russischen Grossgrundbesitzer und der westlichen Bourgeoisien einerseits und den armen Massen der Bauernschaft und der aufkeimenden, aber bereits stark konzentrierten Arbeiterbewegung andererseits. Aus diesem Grund suchte sie nach M\u00f6glichkeiten der \u00dcbereinkunft mit der Autokratie, da sie eine Radikalisierung der Arbeiterbewegung bef\u00fcrchtete.<\/p>\n<p>[14] Pierre Brou\u00e9, <em>Histoire du parti bolch\u00e9vique<\/em>, op. cit.<\/p>\n<p>[15] Lenin, \u00abUnsere unmittelbare Aufgabe\u00bb [1899], in <em>\u0152uvres<\/em>, \u00e9ditions de Moscou, t. 4.<\/p>\n<p>[16] Idem. Siehe auch: \u00abDiese Vereinheitlichung zu erreichen, eine geeignete Form auszuarbeiten, den engen Rahmen der lokalen Zersplitterung ein f\u00fcr alle Mal zu beseitigen, das ist die unmittelbare und dringendste Aufgabe der russischen Sozialdemokraten\u00bb; \u00abWas wir jetzt brauchen, ist die Konzentration all dieser lokalen Aktivit\u00e4ten in der Aktion einer einzigen Partei\u00bb, oder \u00abEs geht also darum, zu wissen, ob man die Arbeit, die bereits geleistet wird, im \u2018handwerklichen\u2019 Modus fortsetzt oder ob man sie so organisiert, dass sie die der ganzen vereinigten Partei wird, und daf\u00fcr sorgt, dass sie sich in ihrer Gesamtheit in einem einzigen gemeinsamen Organ widerspiegelt\u00bb, in Lenin, \u00abEine dr\u00e4ngende Frage\u00bb, idem. Zur weiteren Lekt\u00fcre sei auf die Artikelserie verwiesen, die Lenin zwischen 1898 und 1901 in der Rabotcheia Gazeta ver\u00f6ffentlichte, in: <em>\u0152uvres<\/em>, t. 4,\u00a0<em>op. cit.<\/em><\/p>\n<p>[17] Lenin, \u00abUnsere unmittelbare Aufgabe\u00bb, in: <em>\u0152uvres<\/em>, t. 4,\u00a0<em>op. cit.<\/em><\/p>\n<p>[18] Idem.<\/p>\n<p>[19] Lenin, \u00ab\u00dcber die Streiks\u00bb, in: <em>\u0152uvres<\/em>, t. 4,\u00a0<em>op. cit.<\/em><\/p>\n<p>[20] Lenin, \u00abUnsere unmittelbare Aufgabe\u00bb, ebd.<\/p>\n<p>[21] Siehe \u00abUnser Programm\u00bb, wo er den Ideen Bernsteins in der Arbeiterinternationale und in Russland den Kampf ansagt, und seinem \u00abProgrammentwurf f\u00fcr unsere Partei\u00bb, in: <em>\u0152uvres<\/em>, t. 4,\u00a0<em>op. cit.<\/em><\/p>\n<p>[22] Marcel Liebman ging so weit zu sagen, dass dieses Pamphlet \u00abdie koh\u00e4renteste Darstellung der Ideen eines Marxisten ist, der daran arbeitet, das Instrument zu schaffen, mit dem das revolution\u00e4re Projekt verwirklicht werden kann\u00bb, in <em>Le l\u00e9ninisme sous L\u00e9nine<\/em>, Samsa, 2017 [1975].<\/p>\n<p>[23] Lenin, <em>Was tun?<\/em>, Marxist Science Publishing, 2004 [1902].<\/p>\n<p>[24] Lars Lih zufolge benutzte Lenin den Begriff \u00ab\u00d6konomisten\u00bb als diskursives Mittel, um einen politischen Kampf zu f\u00fchren. Lih schreibt: \u00abDie Polemik in <em>Was tun?<\/em> richtet sich nicht gegen den \u00d6konomismus \u2013 vielmehr ist es eine Polemik, die den \u00d6konomismus als Kn\u00fcppel benutzt, um die Hauptkonkurrenten der Iskra-F\u00fchrung (die Rabochee Dielo-Gruppe) zu schlagen. Lenin ging zu Recht davon aus, dass seine Konkurrenten diskreditiert w\u00fcrden, wenn er ihnen das Etikett &#8218;\u00d6konomisten&#8216; anheften k\u00f6nnte\u00bb, in <em>Lenin Rediscovered<\/em>, op. cit, \u00fcbersetzt von uns.<\/p>\n<p>[25] Im \u00dcbrigen ist zu bemerken, wie Marcel Liebman feststellt, dass Lenins Kritik \u00abweniger auf die spontane Aktion der Arbeiterklasse als auf ihr spontanes, instinktives und daher mangelhaftes Bewusstsein abzielt\u00bb, in <em>Le l\u00e9ninisme sous L\u00e9nine<\/em>, op. cit.<\/p>\n<p>[26] Es scheint, dass wir hier einen Gedanken wiederfinden, den Marx und Engels bereits in der <em>Deutschen Ideologie<\/em> formuliert haben: \u00abIn jeder Epoche sind die Ideen der herrschenden Klasse die herrschenden Ideen; mit anderen Worten, die Klasse, die die herrschende materielle Macht der Gesellschaft ist, ist zugleich die herrschende geistige Macht.\u00bb<\/p>\n<p>[27] Sein Konzept des Berufsrevolution\u00e4rs ist nicht zu verwechseln mit der Praxis der Festangestellten, d. h. der Anstellung von Aktivisten durch die Partei selbst. Lenins Idee \u00e4hnelt eher der Rekrutierung und Ausbildung von Revolution\u00e4ren, deren \u00abAufgabe\u00bb es ist, die Revolution zu machen.<\/p>\n<p>[28] Lenin, <em>Was tun?<\/em>, op. cit.<\/p>\n<p>[29] Diese Formel, die er in der Tat von Kautsky \u00fcbernommen hat, hat zu zahlreichen Interpretationen und Debatten gef\u00fchrt, auf die wir hier nicht im Einzelnen eingehen k\u00f6nnen. Es sei nur erw\u00e4hnt, dass Lenin Kautskys Formel zwar unver\u00e4ndert aufgreift, ihr aber eine andere Bedeutung gibt: F\u00fcr Lenin geht es nicht darum, auf der Rolle der kleinb\u00fcrgerlichen Intellektuellen innerhalb der revolution\u00e4ren Bewegung zu bestehen, sondern auf der Notwendigkeit des politischen Kampfes zur Entwicklung des Klassenbewusstseins. Vgl. Hal Drapper, \u00ab Le mythe de la conception l\u00e9niniste du parti ou Qu\u2019ont-ils fait \u00e0 Que faire\u00a0?\u00bb, P\u00e9riode, 1990, <a href=\"http:\/\/revueperiode.net\/le-mythe-de-la-conception-leniniste-du-parti-ou-quont-ils-fait-a-que-faire\/\">hier<\/a> verf\u00fcgbar oder Daniel Bensa\u00efd, &#8220; \u00ab\u00a0De Marx \u00e0 la IIIe Internationale\u00a0\u00bb, 2007, <a href=\"https:\/\/danielbensaid.org\/De-Marx-a-la-IIIe-Internationale#nh10\">hier<\/a> verf\u00fcgbar.<\/p>\n<p>[30] Lenin, <em>Was tun?<\/em>, op. cit.<\/p>\n<p>[31] Idem.<\/p>\n<p>[32] Diese Vorstellung von der Hegemonie der Arbeiter wurde einige Jahrzehnte sp\u00e4ter von Gramsci weiterentwickelt.<\/p>\n<p>[33] Ironischerweise wurden beide Antr\u00e4ge von Mitgliedern der gleichen Str\u00f6mung innerhalb der Iska eingereicht.<\/p>\n<p>[34] Hier die beiden vorgelegten Fassungen: \u00a7 1 des von Martow vorgelegten Entwurfs: \u00abAls Mitglied der Russischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei gilt, wer ihr Programm anerkennt und aktiv an der Verwirklichung ihrer Aufgaben unter der Kontrolle und Leitung der Parteiorganisationen mitarbeitet\u00bb, \u00a7 1 des Entwurfs von Lenin: \u00abMitglied der Partei ist, wer ihr Programm anerkennt und die Partei sowohl materiell als auch durch seine pers\u00f6nliche Mitarbeit in einer der Parteiorganisationen unterst\u00fctzt\u00bb, in &#8222;Ein Schritt vorw\u00e4rts, zwei Schritte zur\u00fcck&#8220;, [1904], Werke, op. cit, t. 7.<\/p>\n<p>[35] In Wirklichkeit waren die zuk\u00fcnftigen \u00abBolschewiki\u00bb zu Beginn des Kongresses in der Minderheit und wurden am Ende des Kongresses aufgrund eines unerwarteten Ereignisses zu echten Bolschewiki (Mehrheit). Vor dem Ende verliessen sieben Delegierte den Kongress: die f\u00fcnf Delegierten vom <em>Bund<\/em> (Organisation j\u00fcdischer Sozialisten), die unzufrieden damit waren, dass eine Mehrheit (mit den meisten der zuk\u00fcnftigen Bolschewiki wie auch einige Menschewiki) ihnen die v\u00f6llige Autonomie im Rahmen einer \u00abF\u00f6deration\u00bb mit der russischen Partei verweigert hatte; ihnen folgten, aus anderen Gr\u00fcnden, die beiden Vertreter der \u00d6konomisten\u00bb. So werden die Mehrheiten zu Beginn des Kongresses zu Minderheiten (\u00abMenschewiki\u00bb) und umgekehrt. Vgl. \u00abEin Schritt vorw\u00e4rts, zwei Schritte zur\u00fcck\u00bb, op. cit.<\/p>\n<p>[36] In den Wochen nach dem Zweiten Kongress verweigerten die Menschewiki unter der F\u00fchrung von Martow trotz Lenins Vorschl\u00e4gen jede Zusammenarbeit mit der Iskra, es sei denn, diese erkl\u00e4rte sich bereit, die Zusammensetzung der Redaktion zu ihren Gunsten zu \u00e4ndern. Plechanow, der zun\u00e4chst mit Lenin verb\u00fcndet war, gab schliesslich den W\u00fcnschen des Martow-Fl\u00fcgels nach, kooptierte die alte (den Menschewiki zugeneigte) Redaktion und Lenin beschloss, das Iskra-Komitee zu verlassen. Lenin schrieb mehrere \u00f6ffentliche Briefe zu diesem Thema, \u00abBrief an die Redaktion der Iskra\u00bb und \u00abWarum ich die Redaktion der Iskra verliess\u00bb, im November 1903, siehe <em>\u0152uvres<\/em>, op. cit.<\/p>\n<p>[37] Bemerkungen von Lenin in seinem Artikel \u00abEin Schritt vorw\u00e4rts, zwei Schritte zur\u00fcck\u00bb, ebd.<\/p>\n<p>[38] Axelrod schreibt auch: \u00abWir schaffen nat\u00fcrlich vor allem eine Organisation der aktivsten Elemente der Partei, eine Organisation von Revolution\u00e4ren; aber als Klassenpartei m\u00fcssen wir uns davor h\u00fcten, diejenigen aus der Partei auszuschliessen, die sich bewusst, wenn auch vielleicht ohne sich v\u00f6llig aktiv zu zeigen, der Partei anschliessen\u00bb, worauf Lenin antwortet: \u00abAus welchem Grund und aufgrund welcher Logik k\u00f6nnte man aus der Tatsache, dass wir eine Klassenpartei sind, schliessen, dass kein Unterschied gemacht werden darf zwischen denen, die der Partei angeh\u00f6ren, und denen, die ihr angeschlossen sind? Das Gegenteil ist der Fall: Angesichts der unterschiedlichen Bewusstseins- und Aktivit\u00e4tsgrade ist es wichtig, einen Unterschied im Grad der N\u00e4he zur Partei festzustellen. Wir sind die Partei der Klasse, und deshalb muss fast die ganze Klasse (und in Kriegszeiten, in Zeiten des B\u00fcrgerkriegs, absolut die ganze Klasse) unter der F\u00fchrung unserer Partei handeln, muss sich so weit wie m\u00f6glich um sie scharen. Aber es w\u00e4re Manilowismus und \u00abNachtraberei\u00bb zu glauben, dass im Kapitalismus fast die gesamte Klasse oder die gesamte Klasse jemals in der Lage sein wird, den Grad des Bewusstseins und der Aktivit\u00e4t ihrer Vorhut, ihrer sozialdemokratischen Partei zu erreichen. Im Kapitalismus ist selbst die (primitivere, f\u00fcr die unterentwickelten Schichten leichter zug\u00e4ngliche) gewerkschaftliche Organisation nicht in der Lage, fast alle oder die gesamte Arbeiterklasse zu erfassen. Und kein vern\u00fcnftiger Sozialdemokrat hat dies je bezweifelt. Es hiesse, uns selbst zu t\u00e4uschen, die Augen vor der Unermesslichkeit unserer Aufgaben zu verschliessen, diese Aufgaben einzuschr\u00e4nken, den Unterschied zwischen der Vorhut und den sie umgebenden Massen zu vergessen, die st\u00e4ndige Verpflichtung der Vorhut zu vergessen, immer breitere Schichten auf diese fortgeschrittene Stufe zu heben. Und genau das ist es, den Unterschied zwischen Sympathisanten und Anh\u00e4ngern, zwischen den bewussten und aktiven Elementen und denen, die uns helfen, zu verwischen\u00bb, in Lenin, \u00abEin Schritt vorw\u00e4rts, zwei Schritte zur\u00fcck\u00bb, ebd.<\/p>\n<p>[39] Lenin, \u00abEinen Schritt vor, zwei Schritte zur\u00fcck\u00bb, ebd.<\/p>\n<p>[40] Idem.<\/p>\n<p>[41] Wir kennen die ber\u00fchmte Polemik von Rosa Luxemburg anl\u00e4sslich ihres Artikels \u00abOrganisationsfragen der russischen Sozialdemokratie\u00bb aus dem Jahr 1904 (<a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/luxemburg\/1904\/orgfrage\/text.htm\">hier<\/a> verf\u00fcgbar), die zu einer Antwort von Lenin f\u00fchrte (<a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/francais\/lenin\/works\/1904\/09\/vil19040915.htm\">hier<\/a> verf\u00fcgbar), deren Ver\u00f6ffentlichung in der Neuen Zeit, der theoretischen Zeitschrift der SPD, Kautsky ablehnte. F\u00fcr weitere Details zu diesen Debatten siehe Daniel Gu\u00e9rin, <em>Rosa Luxemburg et la spontan\u00e9it\u00e9 r\u00e9volutionnaire<\/em>, Amis de Spartacus edition, 1999 [1971], oder die Werke von Paul Le Blanc, von denen einige ins Franz\u00f6sische \u00fcbersetzt wurden \u00abLenin und Rosa Luxemburg \u00fcber die revolution\u00e4re Organisation. \u00dcber die Debatte von 1904 und ihre Folgen\u00bb, in \u00abMarxisme et parti. 1903-1917\u00bb, Cahiers d&#8217;Etudes et de recherches, n14, 1990, <a href=\"https:\/\/iire.org\/sites\/default\/files\/iire-shop\/pdf_cer_14.pdf\">hier<\/a> verf\u00fcgbar.<\/p>\n<p>[42] Lenin unternimmt es auch, diese Debatte zwischen Menschewiki und Bolschewiki innerhalb der internationalen Sozialdemokratie neu zu verorten: \u00abEs ist hochinteressant festzustellen, dass alle diese prinzipiellen Merkmale des Opportunismus im Bereich der Organisation (Autonomismus, intellektueller Anarchismus, Gefolgschaft und Girondismus) mutatis mutandis in allen sozialdemokratischen Parteien der Welt zu finden sind, in denen die Spaltung in einen revolution\u00e4ren und einen opportunistischen Fl\u00fcgel besteht\u00bb, in \u00abEin Schritt vorw\u00e4rts, zwei Schritte zur\u00fcck\u00bb, op. cit.<\/p>\n<p>[43] Siehe Paul Le Blanc, \u00abLenin und Rosa Luxemburg \u00fcber die revolution\u00e4re Organisation. \u00dcber die Debatte von 1904 und ihre Folgen\u00bb, op. cit.<\/p>\n<p>[44] Hal Draper, \u00abThe Myth of the Leninist Conception&#8230;\u00bb, op. cit.<\/p>\n<p>[45] Siehe Lenin, \u00abPolitischer Streik und Strassenkampf in Moskau&#8220; und \u00abDie Revolution erzieht\u00bb, <em>\u0152uvres<\/em>, a.a.O., Bd. 9. Lenin schreibt: \u00abDie Erfahrung des Kampfes wirft mehr Licht und Tiefe, als es jahrelange Propaganda unter anderen Umst\u00e4nden tun w\u00fcrde\u00bb; \u00abmehr als jede andere bietet eine revolution\u00e4re Epoche dank der schwindelerregenden Geschwindigkeit der politischen Entwicklung und der \u00dcberreizung der politischen Zusammenst\u00f6sse die Gelegenheit, diesen Test zu erproben.\u00bb<\/p>\n<p>[46] Nach der Revolution von 1905 vertrat Lenin die Auffassung, dass die kommende Revolution eine b\u00fcrgerlich-demokratische Revolution sein w\u00fcrde, \u00abwas den wirtschaftlichen und sozialen Inhalt der Umw\u00e4lzung betrifft, die sie hervorbringt\u00bb (\u00abDie Agrarfrage und die Kr\u00e4fte der Revolution\u00bb, 1907). Da die Bourgeoisie jedoch nicht in der Lage sein w\u00fcrde, diese b\u00fcrgerliche Revolution zu verwirklichen, weil \u00abder totale Sieg der Revolution eine Bedrohung f\u00fcr die Bourgeoisie w\u00e4re\u00bb, bedeutete dies die Notwendigkeit einer \u00abrevolution\u00e4ren und demokratischen Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft\u00bb, eine algebraische Formel, die er im Sommer 1905 in \u00abZwei Taktiken der Sozialdemokratie\u00bb ausformulierte. Er nimmt damit eine Zwischenstellung zwischen der Konzeption der Menschewiki und derjenigen Trotzkis ein, der seinerseits in \u00abBilanz und Perspektiven\u00bb (1906) eine erste Fassung der Theorie der permanenten Revolution entwickelt hat. Erst ab 1917, insbesondere anl\u00e4sslich seiner \u00abAprilthesen\u00bb (April 1917), bekr\u00e4ftigt Lenin, dass die Dualit\u00e4t der Macht eine Situation des \u00ab\u00dcbergangs\u00bb zwischen der ersten, b\u00fcrgerlichen, Etappe und der kommenden zweiten Etappe widerspiegelt, die \u00abdie Macht in die H\u00e4nde des Proletariats und der armen Schichten der Bauernschaft legen sollte\u00bb, und stimmt von da an mit Trotzkis fr\u00fcheren Ansichten \u00fcberein.<\/p>\n<p>[47] Der 3. Kongress der SDAPR fand im April 1905 statt und versammelte nur den bolschewistischen Fl\u00fcgel. Die Menschewiki trafen sich im selben Jahr, ihr Treffen wurde als Konferenz bezeichnet.<\/p>\n<p>[48] \u00abDie Konferenz der sozialdemokratischen Parteien und Organisationen (Zentralkomitee der SDAPR, Bund, Lettische Sozialdemokratische Arbeiterpartei, Polnische Sozialdemokratie, Ukrainische Revolution\u00e4re Partei) hat einstimmig die Taktik des aktiven Boykotts der Staatsduma angenommen (&#8230;). ) Die Prinzipien der Taktik, die vom ZK der SDAPR angenommen wurden und die wir in der Proletari verteidigt haben, (&#8230;) sind jetzt zu den taktischen Prinzipien der gesamten Sozialdemokratie in Russland geworden, mit einer traurigen Ausnahme. Diese Ausnahme ist, wie der Leser weiss, die der Iskra und der &#8218;Minderheit'&#8220;, vgl. Lenin, \u00abEine erste Einsch\u00e4tzung der politischen Gruppierungen\u00bb, [1905], <em>\u0152uvres<\/em>, op. cit.<\/p>\n<p>[49] Diese politische Unentschlossenheit best\u00e4tigt Lenin in seiner Auffassung, dass die Menschewiki \u00abder opportunistische Fl\u00fcgel der Sozialdemokratie\u00bb sind.<\/p>\n<p>[50] Aber auch \u00abradikale Studenten, die sich in Petersburg und Moskau die Parolen der revolution\u00e4ren Sozialdemokratie zu eigen gemacht haben\u00bb und die \u00abdie Vorhut aller demokratischen Kr\u00e4fte bilden, die sich \u00fcber die Niedertracht der &#8218;konstitutionell-demokratischen&#8216; Reformisten emp\u00f6ren, die in die Duma eingezogen sind\u00bb, in Politischer Streik und Strassenk\u00e4mpfe in Moskau\u00bb, \u0152uvres, op. cit.<\/p>\n<p>[51] Leo Trotzki, ein unabh\u00e4ngiger menschewistischer Aktivist, wurde w\u00e4hrend der Revolution von 1905 zum Vorsitzenden des Petrograder Sowjets gew\u00e4hlt.<\/p>\n<p>[52] In Lenins Konzeption sind die Sowjets mit der Partei verbunden, um die Entwicklung des revolution\u00e4ren Prozesses vorw\u00e4rtszutreiben: \u00abDer Sowjet der Arbeiterdeputierten ist aus dem Generalstreik heraus entstanden, aus Anlass des Streiks, f\u00fcr die Ziele des Streiks. (&#8230;) Ich denke, um den politischen Kampf zu f\u00fchren, sind sowohl der Sowjet (der in dem Sinne umgewandelt wurde, wie wir ihn gleich besprechen werden) als auch die Partei zum jetzigen Zeitpunkt absolut notwendig.\u00bb Lenin schreibt auch in \u00abNeue Ziele, neue Kr\u00e4fte\u00bb [1905]: \u00abJe mehr die Volksbewegung w\u00e4chst, desto deutlicher tritt das wahre Wesen der verschiedenen Klassen hervor, und die Aufgabe der Partei, die Klasse zu f\u00fchren und zu organisieren, statt den Ereignissen hinterherzulaufen, wird immer dringlicher (&#8230;) Je breiter die immer neuen Str\u00f6me der sozialdemokratischen Bewegung werden, desto wichtiger wird eine solide sozialdemokratische Organisation.\u00bb Siehe Band 8 und 9 der <em>\u0152uvres<\/em>, op. cit.<\/p>\n<p>[53] Von da an sollte die legale Arbeit in der russischen Sozialdemokratie ein st\u00e4ndiger Gegenstand von Debatten und Auseinandersetzungen sein.<\/p>\n<p>[54] Lenin spottete \u00fcber diejenigen, die \u00abFormeln auswendig gelernt haben, die sie wiederholen\u00bb.<\/p>\n<p>[55] Den bolschewistischen Kadern, die sich Sorgen machen, die T\u00fcren der Partei zu \u00f6ffnen, antwortet Lenin: \u00abNein, Genossen, wir werden diese Gefahr nicht \u00fcbertreiben. Die Sozialdemokratie hat sich einen Namen gemacht, eine Orientierung, Kader der sozialdemokratischen Arbeiter. Und in der heutigen Zeit, in der das heldenhafte Proletariat durch Taten seinen Kampfeswillen und seine F\u00e4higkeit bewiesen hat, geschlossen und kompromisslos f\u00fcr Ziele zu k\u00e4mpfen, deren es sich klar bewusst geworden ist, in einem rein sozialdemokratischen Geist zu k\u00e4mpfen, &#8211; in einem solchen Moment w\u00e4re es einfach l\u00e4cherlich, daran zu zweifeln, dass die Arbeiter, die Mitglieder unserer Partei sind oder morgen auf Einladung des Z.K. sein werden, keine Sozialdemokraten sind, Instinktiv, spontan ist die Arbeiterklasse sozialdemokratisch, und mehr als zehn Jahre sozialdemokratischer T\u00e4tigkeit haben viel dazu beigetragen, diese Spontaneit\u00e4t in Bewusstsein zu verwandeln. Stellt euch keine Schrecken vor, Kameraden! Vergesst nicht, dass es in jeder lebendigen und sich entwickelnden Partei immer Elemente der Instabilit\u00e4t, des Schwankens und des Z\u00f6gerns geben wird. Aber diese Elemente eignen sich und werden sich eignen f\u00fcr die Aktion des koh\u00e4renten und unersch\u00fctterlichen Kerns der Sozialdemokraten\u00bb, in \u00abDie Reorganisation der Partei\u00bb, [1906], <em>\u0152uvres<\/em>, op. cit, Bd. 10, verf\u00fcgbar <a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/francais\/lenin\/works\/1905\/11\/vil19051116.html\">hier<\/a><\/p>\n<p>[56] \u00abDie Reorganisation der Partei\u00bb, ebd.<\/p>\n<p>[57] Lenin, \u00abFreiheit der Kritik und Einheit der Aktion\u00bb, [1906], <em>\u0152uvres<\/em>, op. cit.<\/p>\n<p>[58] Siehe insbesondere die Entwicklungen von Marcel Liebman, in \u00abLe l\u00e9ninisme sous L\u00e9nine\u00bb, op. cit.<\/p>\n<p>[59] Georg Lukacs, <em>Lenin. Studie \u00fcber den Zusammenhang seiner Gedanken. <\/em><a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/lukacs\/1924\/lenin\/index.htm\">Hier<\/a> verf\u00fcgbar<\/p>\n<p>[60] Vgl. Henri Weber, <em>Socialisme\u00a0: la voie occidentale. Kautsky, Luxemburg, Pannekoek<\/em>, PUF, 1983.<\/p>\n<p>[61] Lenin, \u00abBericht \u00fcber den Vereinigungskongress\u00bb, [1906], \u0152uvres, a.a.O., Bd. 10: \u00abUnsere Rechte glaubt nicht an den vollst\u00e4ndigen Sieg der gegenw\u00e4rtigen Revolution, d.h. der b\u00fcrgerlich-demokratischen Revolution in Russland, sie f\u00fcrchtet diesen Sieg, sie schl\u00e4gt dem Volk diesen Sieg nicht klar und entschieden als Losung vor. Sie ist immer noch verblendet von der radikal falschen und entw\u00fcrdigenden Idee, dass nur die Bourgeoisie die b\u00fcrgerliche Revolution selbst \u2018machen\u2019 kann oder dass es nur der Bourgeoisie zusteht, die b\u00fcrgerliche Revolution zu f\u00fchren. Der rechte Fl\u00fcgel der Sozialdemokratie versteht nicht die Rolle des Proletariats als Vorhut f\u00fcr den vollst\u00e4ndigen und entscheidenden Sieg der b\u00fcrgerlichen Revolution. (&#8230;) Daher die Skepsis (um es h\u00f6flich auszudr\u00fccken) unserer rechten Sozialdemokraten gegen\u00fcber dem Aufstand, daher ihre Tendenz, sich von den Erfahrungen des Oktobers und Dezembers, von den damals erarbeiteten Kampfformen abzuwenden. Daher ihre Unentschlossenheit und Passivit\u00e4t im Kampf gegen die konstitutionellen Illusionen, ein Kampf, den jede wirklich revolution\u00e4re Periode in den Vordergrund stellt.\u00bb<\/p>\n<p>[62] Lenin, \u00abBericht \u00fcber den Vereinigungskongress\u00bb, [1906], ebd.<\/p>\n<p>[63] Diese wahre Besessenheit Lenins, die Partei auf revolution\u00e4re M\u00f6glichkeiten vorzubereiten, steht im Gegensatz zu der deterministisch-naturalistischen Interpretation des Marxismus der Zweiten Internationale, insbesondere durch Kautsky. Man f\u00fchlt sich an die ber\u00fchmten S\u00e4tze des letzteren erinnert: \u00abDie sozialistische Partei ist eine revolution\u00e4re Partei, sie ist keine Partei, die Revolutionen macht. Wir wissen, dass unser Ziel nur durch eine Revolution erreicht werden kann, aber wir wissen auch, dass es weder von uns abh\u00e4ngt, diese Revolution durchzuf\u00fchren, noch von unseren Gegnern, sie zu verhindern. Wir haben daher nicht die Absicht, eine Revolution zu provozieren oder vorzubereiten. Und da wir die Revolution nicht nach Belieben machen k\u00f6nnen, k\u00f6nnen wir auch nicht im Geringsten sagen, wann, unter welchen Umst\u00e4nden und in welchen Formen sie vollzogen wird.\u00bb Zur Vertiefung siehe Jean Qu\u00e9tier, \u00ab\u00a0La question de la volont\u00e9 chez Karl Kautsky\u00a0\u00bb, La Pens\u00e9e, n380, 2014, <a href=\"https:\/\/www.cairn.info\/revue-la-pensee-2014-4-page-117.htm\">hier<\/a> verf\u00fcgbar.<\/p>\n<p>[64] Lenin, \u00ab\u00a0Les enseignements des \u00e9v\u00e9nements de Moscou\u00a0\u00bb, \u0152uvres, op. cit, t. 11.<\/p>\n<p>[65] Pierre Brou\u00e9, <em>Geschichte der bolschewistischen Partei<\/em>, op. cit.<\/p>\n<p>[66] Lenin, \u00abNotiz eines Publizisten\u00bb, [1910], \u0152uvres, op. cit.<\/p>\n<p>[67] Idem.<\/p>\n<p>[68] Paul Le Blanc, <em>Lenin and the Revolutionary Party<\/em>, op. cit, \u00fcbersetzt von uns.<\/p>\n<p>[69] Siehe Alexander Rabinowitch, <em>Prelude to Revolution. The Petrograd Bolsheviks and the July 1917 Uprising<\/em> (Die Petrograder Bolschewiki und der Aufstand vom Juli 1917), Indiana University Press, 1968, Neudruck 1991; Pierre Brou\u00e9, <em>Le parti bolchevique. <\/em><em>Histoire du PC de l\u2019URSS<\/em>, op. cit; Edward Hallet Carr, <em>La r\u00e9volution bolchevique<\/em>, tome 1\u00a0<em>La formation de l\u2019URSS<\/em>, Editions de Minuit, 1969.<\/p>\n<p>[70] Lenin, \u0152uvres, a.a.O., Bd. 23.<\/p>\n<p>[71] Idem.<\/p>\n<p>[72] Lenin, \u0152uvres, op. cit.<\/p>\n<p>[73] Siehe Leo Trotzki, <em>Histoire de la r\u00e9volution russe<\/em>, op. cit.<\/p>\n<p>[74] Aber auch andere zuk\u00fcnftige bolschewistische F\u00fchrer ersten Ranges wie Ouritski, Ioff\u00e9, Lounatcharski oder Rjasanow.<\/p>\n<p>[75] \u00abDie Haltung der Sozialdemokratie zur Bauernbewegung\u00bb, [1905], \u0152uvres, op. cit.<\/p>\n<p>[76] Leo Trotzki, <em>Histoire de la r\u00e9volution russe<\/em>, op. cit. \u00ab\u00a0Nur wenn man die politischen Prozesse in den Massen studiert, kann man die Rolle der Parteien und der F\u00fchrer verstehen, die wir nicht im Geringsten ignorieren wollen. Sie sind ein nicht-autonomer, aber sehr wichtiger Teil des Prozesses. Ohne eine f\u00fchrende Organisation w\u00fcrde die Energie der Massen verschwinden wie Dampf, der nicht in einem Kolbenzylinder eingeschlossen ist. Die Bewegung kommt jedoch nicht vom Zylinder oder vom Kolben, sondern vom Dampf.\u00bb<\/p>\n<p>[77] Marcel Liebman, <em>Le l\u00e9ninisme sous L\u00e9nine<\/em>, op. cit.<\/p>\n<p>[78] Daniel Bensa\u00efd, <em>Strat\u00e9gie et parti<\/em>, op. cit.<\/p>\n<p>[79] Lenin, &#8222;Der Bankrott der Zweiten Internationale&#8220;, [1914], Werke, op. cit.<\/p>\n<p>[80] Siehe Emilio Albamonte und Matias Maiello, <em>Marxismus, Strategie und Milit\u00e4rkunst<\/em>, demn\u00e4chst erh\u00e4ltlich bei Communard.e.s, und Stathis Kouv\u00e9lakis, \u00abL\u00e9nine, lecteur de Hegel\u00bb,\u00a0P\u00e9riode, <a href=\"http:\/\/revueperiode.net\/lenine-lecteur-de-hegel\/chez%20L%C3%A9nine\">hier<\/a> verf\u00fcgbar.<\/p>\n<p>[81] Lenin, \u0152uvres, a.a.O., Band 21.<\/p>\n<p>[82] Idem.<\/p>\n<p>[83] Idem.<\/p>\n<p>[84] Idem.<\/p>\n<p>[85] F\u00fcr eine eingehendere Untersuchung dieser Fragen siehe insbesondere Karl Korsch, L&#8217;Anti-Kautsky, ; Georg Lukacs, <em>Lenin. Studie \u00fcber den Zusammenhang seiner Gedanken<\/em>, op. cit. oder <em>Geschichte und Klassenbewusstsein<\/em>, 1968 [1923], oder die Ausf\u00fchrungen von Gramsci, siehe Collectif, \u00abUne nouvelle conception du monde\u00bb. <em>Gramsci et le marxisme<\/em>, Editions sociales, 2021.<\/p>\n<p>[86] Siehe Anmerkung 65 zu diesem Aufsatz.<\/p>\n<p>[87] Ausdruck von Anton Pannekoek in seiner Polemik mit Karl Kautsky \u00fcber Massenstreiks, siehe Henri Weber, <em>Socialisme, la voie occidentale<\/em>, op. cit.<\/p>\n<p>[88] Vgl. <em>Staat und Revolution<\/em>, <em>Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky<\/em>.<\/p>\n<p>[89] Lars Lih, \u00abKautsky as marxist data base\u00bb, Historical Materialism, 2008-2011, <a href=\"https:\/\/www.historicalmaterialism.org\/journal\/online-articles\/kautsky-as-marxist-data-base\/Kautsky%20Post-1914%20Data%20Base.pdf\">hier<\/a> verf\u00fcgbar.<\/p>\n<p>[90] Diese Debatte w\u00fcrde eine weitere Entwicklung verdienen, die hier nicht direkt relevant ist, obwohl sie faszinierend ist. Wir werden vielleicht in einem sp\u00e4teren Artikel darauf zur\u00fcckkommen.<\/p>\n<p>[91] Siehe Emilio Albamonte, Matias Maiello, Estrategia socialista y arte militar, IPS, 2016, demn\u00e4chst auf Franz\u00f6sisch erh\u00e4ltlich bei Communard.e.s unter dem Titel Marxisme, strat\u00e9gie et art militaire.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.revolutionpermanente.fr\/La-conception-leniniste-du-parti-entre-mythes-et-realites\"><em>revolutionpermanente.fr&#8230;<\/em><\/a><em> vom 6. August 2021; \u00dcbersetzung durch Redaktion maulwuerfe.ch. <strong>Anmerkung zur \u00dcbersetzung<\/strong>: die Zitate und Referenzen wurden zum allergr\u00f6ssten Teil direkt dem Franz\u00f6sischen entnommen. Nur in Ausnahmef\u00e4llen wurden die deutschen Referenzen verwendet.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Marina Garrisi. In den letzten Jahren ist der Leninismus wieder zu einem Bezugspunkt f\u00fcr Debatten in der radikalen Linken geworden [1]. 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