{"id":10008,"date":"2021-08-26T08:14:38","date_gmt":"2021-08-26T06:14:38","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10008"},"modified":"2021-08-26T08:14:39","modified_gmt":"2021-08-26T06:14:39","slug":"afghanistan-der-sieg-der-taliban-und-seine-internationale-bedeutung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10008","title":{"rendered":"Afghanistan: Der Sieg der Taliban und seine internationale Bedeutung"},"content":{"rendered":"<p><em>Internationales Sekretariat der Liga f\u00fcr die F\u00fcnfte Internationale. <\/em>Der Sieg der Taliban und der Sturz der Regierung Ghani sind eine dem\u00fctigende Niederlage von globaler Bedeutung f\u00fcr die USA und ihre westlichen Verb\u00fcndeten. Das Bild der Hubschrauber, die fliehende DiplomatInnen vom Dach der US-Botschaft heben, erinnert stark an den Fall von Saigon im Jahr 1975. Aber der Unterschied ist noch wichtiger. Damals <!--more-->war die einzige globale Rivalin der USA, die Sowjetunion, selbst schon eine schwindende Macht. Heute ist China ein kr\u00e4ftiger Imperialismus, der durch sein eigenes Wachstum getrieben ist, seine Macht und seinen Einflussbereich auf Kosten der USA auszuweiten.<\/p>\n<p>Trumps Entscheidung, den R\u00fcckzug der USA mit den Taliban in Doha zu vereinbaren, ohne auch nur den Anschein zu erwecken, die Regierung in Kabul zu konsultieren, war nicht nur eine pers\u00f6nliche Laune eines exzentrischen Pr\u00e4sidenten. Sie war Ausdruck der zunehmenden Erkenntnis, dass dieser Krieg nicht zu gewinnen und es besser ist, sich zur\u00fcckzuziehen und zu verschwinden. Diese Schlussfolgerung wurde nicht nur von vielen Mitgliedern der Republikanischen Partei geteilt, sondern auch von Joe Biden, der sich als Vizepr\u00e4sident gegen Obamas \u201eEingriff\u201c ausgesprochen hatte.<\/p>\n<p>In Doha stimmte eine neue Generation von Taliban-F\u00fchrern, die von jenen Teilen des pakistanischen Staates, die sie im Exil unterst\u00fctzt hatten, beraten, wenn nicht gar gelenkt wurden, taktisch einem Abkommen zu, das eine Art Machtteilung in einer k\u00fcnftigen Regierung vorsah. W\u00e4hrend dies f\u00fcr die USA gesichtswahrend war, wussten die Taliban, dass sich die sozialen Verh\u00e4ltnisse im gr\u00f6\u00dften Teil ihres Heimatlandes nicht ge\u00e4ndert hatten und das gesamte Regime vollst\u00e4ndig von der US-Pr\u00e4senz abh\u00e4ngig war. Eine fortschrittliche wirtschaftliche und soziale Entwicklung h\u00e4tte den Sturz der landbesitzenden Klasse erfordert, was unter den USA oder ihren HandlangerInnen in Kabul niemals geschehen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Die Taliban haben vielleicht nicht mit der au\u00dfergew\u00f6hnlichen Geschwindigkeit gerechnet, mit der sie das ganze Land erobert haben, aber sie waren immer zuversichtlich, dass das Regime und seine Truppen zusammenbrechen w\u00fcrden, sobald die imperialistischen Besatzungstruppen abgezogen sind, was die harte Wahrheit ans Licht bringt, dass die Regierung keine wirklichen sozialen Wurzeln in der afghanischen Gesellschaft hatte.<\/p>\n<p>Nach 20 Jahren Besatzung, Hunderttausenden von Toten und 7 Millionen Fl\u00fcchtlingen, die der lange asymmetrischen Krieg hervorgebracht hat, wurde das Land von seinen BesatzerInnen in einem Zustand der Verw\u00fcstung zur\u00fcckgelassen. Rund 80 Prozent der Bev\u00f6lkerung sind arbeitslos oder unterbesch\u00e4ftigt, und 60 Prozent der Kinder leiden an Hunger und Unterern\u00e4hrung.<\/p>\n<p>Die Kombination aus Armut und Krieg trieb nicht nur Millionen von Menschen aus dem Land, die oft von den Taliban rekrutiert wurden, sondern auch in die St\u00e4dte. Hier haben sich die sozialen Beziehungen ver\u00e4ndert, vor allem f\u00fcr die Frauen, aber auch in Bezug auf Arbeitspl\u00e4tze und ein gewisses Ma\u00df an politischer Demokratie. Wie das Regime selbst sind jedoch auch diese stark von den Ressourcen abh\u00e4ngig, die von den USA und ihren Verb\u00fcndeten bereitgestellt werden.<\/p>\n<p><strong>Pakistan<\/strong><\/p>\n<p>Die Tatsache, dass die Taliban in der Lage waren, nicht nur gegen den m\u00e4chtigsten Staat der Welt zu \u00fcberleben, sondern auch so weit zu wachsen und sich zu entwickeln, dass sie innerhalb weniger Wochen das ganze Land \u00fcbernehmen konnten, hing offensichtlich nicht nur von der Rekrutierung verarmter Fl\u00fcchtlinge ab. Der Schl\u00fcssel dazu war die Unterst\u00fctzung Pakistans, insbesondere des Geheimdienstes ISI, der Afghanistan seit langem als potenziellen Faktor in seiner Fehde mit Indien ansieht.<\/p>\n<p>Nach der sowjetischen Invasion in Afghanistan, als das halbkoloniale Pakistan ein williger Verb\u00fcndeter der USA war, spielte der ISI eine wichtige Rolle beim Aufbau der reaktion\u00e4ren Mudschahidin-Guerilla und sammelte wertvolle Erfahrungen und Fachkenntnisse bei der Kanalisierung der US-Hilfe f\u00fcr ihre Guerillak\u00e4mpferInnen. Doch die Zeiten \u00e4ndern sich, und mit ihnen die Loyalit\u00e4ten. Die zwanzig Jahre der US-Besatzung Afghanistans waren auch die Jahre des Aufstiegs Chinas, das heute die wichtigste Quelle wirtschaftlicher Hilfe f\u00fcr Pakistan verk\u00f6rpert und f\u00fcr das letzteres im Rahmen von Pekings Neuer Seidenstra\u00dfe eine strategische Bedeutung einnimmt. Zweifellos gibt es im pakistanischen Staatsapparat immer noch prowestliche Elemente, aber die Geschwindigkeit, mit der Premierminister Imran Khan den Sieg der Taliban begr\u00fc\u00dft hat, deutet darauf hin, dass die prochinesische Fraktion jetzt die Oberhand gewonnen hat.<\/p>\n<p>Die globale, vielleicht historische Bedeutung des Sieges der Taliban liegt darin, dass die US-Invasion, wie auch die anschlie\u00dfende im Irak, nicht nur der Demonstration der US-Macht diente, sondern auch der Konsolidierung dieser Macht, indem sie den gesamten Nahen und Mittleren Osten unter ihre Kontrolle brachte. Damit sollte der Boden f\u00fcr das neue amerikanische Jahrhundert bereitet werden, das durch den Zusammenbruch der Sowjetunion und die Globalisierung eingel\u00e4utet wurde.<\/p>\n<p>Der barbarische und reaktion\u00e4re Angriff auf die Zwillingst\u00fcrme in New York diente als Vorwand, als Rechtfertigung f\u00fcr den \u201eKrieg gegen den Terror\u201c, in dem Washington das Recht beanspruchte, \u00fcberall dort milit\u00e4risch zu intervenieren, wo es seine Interessen bedroht sah. Heute, nach den milit\u00e4rischen Niederlagen im Irak und in Afghanistan und der Wirtschaftskrise von 2008\/9, steht diese ganze Weltsicht in Frage. Die USA stellen zweifelsohne immer noch einen sehr m\u00e4chtigen Staat dar, aber sie sind kein unangefochtener Hegemon mehr.<\/p>\n<p>Das ver\u00e4nderte Kr\u00e4ftegleichgewicht wird nicht nur die rivalisierenden Imperialismen China und Russland, sondern auch regionale M\u00e4chte wie Pakistan, Iran, die T\u00fcrkei und Indien dazu ermutigen, die Situation zu ihrem Vorteil zu nutzen. Auch L\u00e4nder, die die Unterst\u00fctzung der USA als selbstverst\u00e4ndlich angesehen haben, wie Taiwan, m\u00fcssen sich fragen, was die Zukunft bringt. Selbst EU-Imperialismen wie Deutschland und Frankreich werden abw\u00e4gen, wie weit sie von den Priorit\u00e4ten der USA abweichen sollen.<\/p>\n<p>In Afghanistan selbst wird die Wiedereinsetzung einer Taliban-Regierung eindeutig nicht den Weg zu Frieden und Wohlstand er\u00f6ffnen. Zwanzig Jahre Exil in Pakistan und den Golfstaaten, die Entwicklung neuer F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten, die Herausforderung, ein Regierungssystem in einem stark ver\u00e4nderten Land zu bilden, und die M\u00f6glichkeit von Spannungen zwischen den zur\u00fcckkehrenden ExilantInnen und denjenigen, die die Organisation im Land unter der Besatzung aufrechterhalten haben, werden wahrscheinlich zu internen Spannungen f\u00fchren, denn der Sieg trennt immer die SiegerInnen.<\/p>\n<p><strong>Taliban-Regime<\/strong><\/p>\n<p>Auf seiner ersten Pressekonferenz verk\u00fcndete der Vertreter des neuen Regimes eine Generalamnestie f\u00fcr alle, die f\u00fcr die vorherige Regierung gearbeitet hatten, und versicherte den Frauen, dass ihre Rechte auf Bildung, Arbeit und Teilnahme am \u00f6ffentlichen Leben garantiert w\u00fcrden, sofern die islamischen Normen eingehalten w\u00fcrden. Es wurde betont, dass die Taliban keine Rache wollen und sich bem\u00fchen werden, andere in die Verwaltung des geplanten theokratischen Emirats einzubeziehen. Es erging eine Aufforderung, wieder normal an die Arbeit zur\u00fcckzukehren.<\/p>\n<p>Zweifellos ist ein solch pragmatischer Ansatz f\u00fcr eine Bewegung, die \u00fcber keinen eigenen zivilen Verwaltungsapparat verf\u00fcgt, praktisch sinnvoll und war der Ratschlag ihrer potenziellen internationalen Unterst\u00fctzerInnen. Die Zeit wird zeigen, ob dies von Dauer sein wird oder die reaktion\u00e4rsten Str\u00f6mungen im Lande bereit sind, solche Zugest\u00e4ndnisse zu tolerieren, nachdem sie zwanzig Jahre lang f\u00fcr die R\u00fcckkehr zu den von ihnen bevorzugten Normen gek\u00e4mpft haben. Klar ist, dass es derzeit keine Kr\u00e4fte wie politische Parteien oder Gewerkschaften gibt, die mobilisieren k\u00f6nnten, um einen R\u00fcckschritt zu verhindern.<\/p>\n<p>Auf internationaler Ebene sollten die VerfechterInnen der demokratischen Rechte der Ausgebeuteten und Unterdr\u00fcckten in Afghanistan alles in ihrer Macht Stehende tun, um Racheakte der besiegten ImperialistInnen zu verhindern. Alle Versuche, Sanktionen zu verh\u00e4ngen oder der jetzigen De-facto-Regierung des Landes die Anerkennung zu verweigern, m\u00fcssen abgelehnt werden, da sie das bereits erlittene Elend und die Armut nur noch vergr\u00f6\u00dfern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Massen in Afghanistan brechen dunkle Zeiten an. Der Sieg der Taliban wird alle demokratischen, Frauenorganisationen, Gewerkschaften und sozialistischen oder kommunistischen Kr\u00e4fte in die Illegalit\u00e4t treiben. Gleichzeitig werden aber, wie in allen theokratischen Regimen zu beobachten, die sozialen Widerspr\u00fcche keineswegs verschwinden. Klassengegens\u00e4tze und andere soziale Konflikte sind fr\u00fcher oder sp\u00e4ter unvermeidlich. Die Jugendproteste in Dschalalabad sind ein erstes Anzeichen daf\u00fcr. Darauf m\u00fcssen sich die Revolution\u00e4rInnen in Afghanistan organisatorisch, politisch und programmatisch unter den Bedingungen der Illegalit\u00e4t, der konspirativen Arbeit vorbereiten.<\/p>\n<p><strong>Partei<\/strong><\/p>\n<p>Zwei Lehren werden von zentraler Bedeutung sein: Erstens, im Kampf f\u00fcr demokratische und soziale Forderungen kann man sich auf keine der imperialistischen M\u00e4chte oder ihre regionalen VertreterInnen verlassen, politische Unabh\u00e4ngigkeit wird entscheidend sein. Wirkliche Verb\u00fcndete werden sich nur unter den Kr\u00e4ften in der Region und dar\u00fcber hinaus finden, die ihre Unabh\u00e4ngigkeit von \u201eihren\u201c Regierungen bewiesen haben. Zweitens m\u00fcssen die afghanischen Revolution\u00e4rInnen eine neue Parteiorganisation aufbauen, die sich auf ein Programm st\u00fctzt, das die unvermeidlichen sozialen und politischen K\u00e4mpfe mit dem Aufbau von Organisationen der ArbeiterInnenklasse und der Bauern und B\u00e4uerinnen verbindet, die mit der Zeit zu Tr\u00e4gerInnen des Sturzes des bestehenden Regimes und seiner Ersetzung durch eine ArbeiterInnen- und B\u00e4uerInnenregierung geraten k\u00f6nnen, mit anderen Worten: die Strategie der permanenten Revolution.<\/p>\n<p>Der Aufbau einer solchen Organisation ist zweifelsohne eine langfristige Angelegenheit. Unmittelbar sind Millionen Menschen von brutaler politischer Unterdr\u00fcckung bedroht. Andere versuchen, in Nachbarl\u00e4nder oder nach Europa zu fliehen. Die Linke und die internationale ArbeiterInnenbewegung m\u00fcssen einen gemeinsamen Kampf f\u00fcr die bedingungslose \u00d6ffnung der Grenzen f\u00fchren und sich f\u00fcr die Beschaffung materieller Mittel f\u00fcr die Fl\u00fcchtlinge einsetzen, die in den Nachbarl\u00e4ndern Afghanistans bleiben.<\/p>\n<p>Die dramatischen Ereignisse in Afghanistan best\u00e4tigen, dass wir in einer Zeit zunehmender zwischenimperialistischer Rivalit\u00e4t leben, einer Zeit, in der \u00f6konomische Konkurrenz zu Handelskriegen f\u00fchren kann, Sanktionen zu Blockaden werden und regionale Konflikte zu gr\u00f6\u00dferen Kriegen f\u00fchren k\u00f6nnen. Die f\u00fcr das zwanzigste Jahrhundert typischen wirtschaftlichen und territorialen Reibungen entfalten sich nun im Kontext der sich entwickelnden Klimakatastrophe, die naturgem\u00e4\u00df die Notwendigkeit einer internationalen L\u00f6sung best\u00e4tigt. Voraussetzung daf\u00fcr ist eine internationale Organisation, eine internationale Partei \u2013 das ist die Hauptaufgabe der Revolution\u00e4rInnen in aller Welt, der Aufbau einer F\u00fcnften Internationale!<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/08\/20\/afghanistan\/\"><em>arbeiterinnenmacht.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 26. August 2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Internationales Sekretariat der Liga f\u00fcr die F\u00fcnfte Internationale. Der Sieg der Taliban und der Sturz der Regierung Ghani sind eine dem\u00fctigende Niederlage von globaler Bedeutung f\u00fcr die USA und ihre westlichen Verb\u00fcndeten. 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