{"id":10021,"date":"2021-08-28T15:42:37","date_gmt":"2021-08-28T13:42:37","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10021"},"modified":"2021-08-28T15:42:38","modified_gmt":"2021-08-28T13:42:38","slug":"afghanistan-militaristische-wahlkampf-und-presseshow","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10021","title":{"rendered":"Afghanistan: Militaristische Wahlkampf- und Presseshow"},"content":{"rendered":"<p><em>Kristian Stemmler. <\/em>\u201eKabul: KSK-Helden retten M\u00fcnchener Familie aus Taliban-H\u00f6lle\u201c, titelte Bild am 23. August. F\u00fcr das Boulevard- und Hetzblatt aus dem Hause Springer ist die Macht\u00fcbernahme der Taliban in Afghanistan ein wahres Geschenk. Endlich kann sie wieder das tun, was sie am liebsten tut: eine Art Kriegsberichterstattung im Landser-Stil aufziehen und die Soldat*innen der Bundeswehr Tag f\u00fcr Tag als Helden<!--more--> bejubeln \u2013 auch das in faschistische Netzwerke verstrickte Kommando Spezialkr\u00e4fte (KSK). Bild-Kolumnist Franz Josef Wagner harfte unter der \u00dcberschrift \u201eUnsere Soldaten, unsere Helden\u201c<strong>: \u201e<\/strong>Es gibt wenig in Deutschland, auf das wir stolz sein k\u00f6nnen. Auf euch Soldaten in Kabul bin ich stolz. Ihr rettet Leben und setzt euer eigenes Leben daf\u00fcr ein. So viele Medaillen gibt es nicht, die ich euch verleihen m\u00f6chte.\u201c<\/p>\n<p>Das ist halt Bild, k\u00f6nnte man diese durchgeknallte Heldenprosa abtun. Aber es sind auch andere b\u00fcrgerliche Medien, die die Gelegenheit nutzen, um die Bundeswehr und ihre Verb\u00fcndeten in Afghanistan aus der Schusslinie zu nehmen. Die Zust\u00e4nde am Flughafen von Kabul, die schlimme Lage der noch im Lande verbliebenen \u201eOrtskr\u00e4fte\u201c und die Evakuierungsaktionen der westlichen Allianz werden genutzt, um die Milit\u00e4rs von jeder Verantwortung f\u00fcr die von Anfang an verfehlte Besetzung Afghanistans reinzuwaschen. Nicht nur in Boulevardmedien werden uns Soldaten pl\u00f6tzlich als barmherzige Samariter pr\u00e4sentiert. Berichte zum Thema wurden zuletzt allenthalben mit Fotos von Soldaten bebildert, die Babys oder Kleinkinder im Arm halten. Bei Twitter sorgte das Foto eines norwegischen Soldaten, der einen schlafenden S\u00e4ugling auf dem Scho\u00df hat, f\u00fcr Furore.<\/p>\n<p>Man kann das einen gelungenen PR-Coup nennen. Irgendwie erscheint manches in der momentanen Medieninszenierung wie eine moderne Version der Dolchsto\u00dflegende, mit der es der Obersten Heeresleitung des Deutschen Reiches nach dem 1918 verlorenen Ersten Weltkrieg gelang, die Schuld auf andere abzuw\u00e4lzen. \u201eUnsere Soldaten\u201c kehren \u201eim Felde unbesiegt\u201c nach Hause zur\u00fcck, an der Katastrophe sind allein die unf\u00e4higen Politiker*innen in der Heimat schuld. Ganz so wird das heute nat\u00fcrlich nicht mehr formuliert. Heute sagt man: Die Bundeswehr hat einen \u201eguten Job\u201c gemacht. Sie m\u00fcsse jetzt in Kabul ausbaden, dass die Bundesregierung das Ausfliegen der Ortskr\u00e4fte behindert und verz\u00f6gert hat.<\/p>\n<p>Als bemitleidens- und unterst\u00fctzenswert werden uns Soldat*innen von den Medien derzeit auch in vielen Beitr\u00e4gen \u00fcber psychische Probleme der \u201eVeteranen\u201c pr\u00e4sentiert. Sogar die \u00c4rztezeitung griff das Thema auf, befragte einen Psychiater und Psychotherapeut, der als Oberstarzt der Reserve zweimal in Afghanistan im Einsatz war. Im Vorspann zu dem Interview hei\u00dft es, die aktuellen Bilder von der Macht\u00fcbernahme der Taliban lie\u00dfen \u201ebei manchem alte Traumata wieder aufleben\u201c. Es stelle sich auch \u201edie Sinnfrage: War alles umsonst? Der Einsatz, die Lebensgefahr, in die man sich begeben hat, das alles f\u00fcr nichts?\u201c Im Deutschlandfunk barmte ein Soldat, der siebenmal am Hindukusch im Einsatz war: \u201eDieser Einsatz war umsonst, unsere Toten waren umsonst. Unser Engagement der letzten 20 Jahre war damit sinnlos. Umsonst in dem Sinne, dass ich nicht erkennen kann, dass die Ziele, die wir uns gesetzt hatten \u2013 Stabilit\u00e4t und Sicherheit reinzubringen \u2013 erreicht wurden.\u201c<\/p>\n<p>F\u00fcr solche \u00c4u\u00dferungen gibt es aus linker Sicht eigentlich nur eine Antwort: Wer den Beteuerungen geglaubt hat, dem Westen sei es mit dem Einsatz in Afghanistan ums Brunnen bohren, die Rechte der dort lebenden Frauen und den Aufbau eines demokratischen Staates \u2013 Nation building, wie man das heute nennt \u2013 gegangen, der ist einfach nur grenzenlos naiv. Oder noch drastischer formuliert: So bl\u00f6d kann doch heute eigentlich keiner und keine mehr sein, zu glauben, bei den Kriegen und milit\u00e4rischen Interventionen des von den USA angef\u00fchrten kapitalistischen Westens gehe es im Kern um Menschenrechte und \u201eunsere Werte\u201c. Nat\u00fcrlich geht es \u2013 zuletzt etwa im Kosovo, im Irak, in Libyen und Syrien \u2013 immer nur um geostrategische und wirtschaftliche Vorteile, um Rohstoffe, um Profit- und Machtzuwachs f\u00fcr den milit\u00e4risch-industriellen Komplex.<\/p>\n<p>Darum gibt es nicht den geringsten Grund, angesichts der Situation in Kabul die Bundeswehr oder Soldaten anderer Staaten zu bejubeln. Das Milit\u00e4r und die Verengung auf das Milit\u00e4rische sind Teil, wenn nicht Kern des Problems. Es gibt auch keinen Grund, der Bundeswehr daf\u00fcr zu danken, dass sie Ortskr\u00e4fte und ihre Angeh\u00f6rigen ausfliegt, selbst wenn das richtig und wichtig ist. Die deutsche Bundesregierung und ihre Beh\u00f6rden, das schlie\u00dft die Bundeswehr ein, geh\u00f6ren zu denen, die f\u00fcr die Katastrophe am Hindukusch verantwortlich sind. Wenn sie jetzt Afghanen helfen, die f\u00fcr deutsche Stellen in den vergangenen Jahren gearbeitet haben oder noch arbeiten, ist das nur recht und billig.<\/p>\n<p>Dass das Bundesinnenministerium und andere Ministerien wochenlang mit b\u00fcrokratischen Tricks eine schnelle und unkomplizierte Ausreise der Ortskr\u00e4fte behindert haben, ist nat\u00fcrlich ein Skandal. Er best\u00e4tigt aber nur aufs Neue den bodenlosen Zynismus b\u00fcrgerlicher Politiker hierzulande. So hat Innenminister Horst Seehofer (CSU) auch diesmal wieder gezeigt, wie er wirklich tickt, und damit unfreiwillig seine Charakterisierung\u00a0<a href=\"https:\/\/lowerclassmag.com\/2021\/07\/05\/abschied-vom-lachenden-totengraber-horst-seehofer-abschiebung\/\">in diesem Beitrag<\/a>\u00a0voll und ganz best\u00e4tigt.<\/p>\n<p>Auch der CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet und andere CDU-Politiker wie der baden-w\u00fcrttembergische Innenminister Thomas Strobl haben in den vergangenen Tagen gezeigt, wes Geistes Kind sie sind. Keine 24 Stunden nachdem die Taliban in Kabul einmarschiert waren, diktierten sie der Presse schon \u2013 jeweils nur leicht variiert \u2013 den Satz in die Bl\u00f6cke, mit dem die Reaktion in diesem Land am liebsten die Bev\u00f6lkerung in Angst versetzt: \u201e2015 darf sich nicht wiederholen.\u201c Auch die AfD argumentierte \u00fcbrigens so. Ob die CDU mit einer solchen Angstkampagne im Bundestagswahlkampf noch das Ruder herumrei\u00dfen kann, sei dahin gestellt. Eine Aussage, wie sich das Thema Afghanistan, das die Themen Corona und Hochwasserkatastrophe ansatzlos aus den Schlagzeilen verdr\u00e4ngt hat, auf die Wahl am 26. September auswirkt, l\u00e4sst sich nicht zuverl\u00e4ssig treffen.<\/p>\n<p>Feststellen l\u00e4sst sich dagegen, dass wir in sehr unruhigen Zeiten leben. Wenn die W\u00e4hler*innen demn\u00e4chst wirklich begreifen, dass Angela Merkel nicht mehr zur Wahl steht und endg\u00fcltig die Br\u00fccke verl\u00e4sst, sind alle m\u00f6glichen Reaktionen und Konstellationen vorstellbar. Denn \u201eMutti\u201c hat es immer meisterhaft verstanden, eine Zuverl\u00e4ssigkeit und Kontinuit\u00e4t zu simulieren, die es in dieser sp\u00e4tkapitalistischen Endzeit tats\u00e4chlich gar nicht geben kann. Wohin die Menschen sich fl\u00fcchten, wenn sie anfangen, das zu ahnen, ist v\u00f6llig offen.<\/p>\n<p><em>#Bild: Bundeswehr\/Marc Tessensohn<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/lowerclassmag.com\/2021\/08\/28\/afghanistan-militaristische-wahlkampf-und-presseshow\/\"><em>lowerclassmag.com&#8230;<\/em><\/a><em> vom 28. August 2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kristian Stemmler. \u201eKabul: KSK-Helden retten M\u00fcnchener Familie aus Taliban-H\u00f6lle\u201c, titelte Bild am 23. August. F\u00fcr das Boulevard- und Hetzblatt aus dem Hause Springer ist die Macht\u00fcbernahme der Taliban in Afghanistan ein wahres Geschenk. 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