{"id":10050,"date":"2021-09-04T15:59:30","date_gmt":"2021-09-04T13:59:30","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10050"},"modified":"2021-09-04T15:59:31","modified_gmt":"2021-09-04T13:59:31","slug":"zoya-ueber-gewalt-gegen-frauen-und-die-internationalen-truppen-in-afghanistan","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10050","title":{"rendered":"\u00bbZoya\u00ab \u00fcber Gewalt gegen Frauen und die internationalen Truppen in Afghanistan"},"content":{"rendered":"<p><strong>Das folgende Gespr\u00e4ch mit Frauen der Gruppe <\/strong><a href=\"http:\/\/www.rawa.org\/rawa\/2019\/09\/24\/die-rolle-von-rawa-in-afghanistan-beim-kampf-f-r-eine-freie-gesellschaft.html\"><strong>RAWA<\/strong><\/a><strong> wurde am 2. Oktober 2008 gef\u00fchrt. Es widerlegt die seit 20 Jahren vorgebrachten Vorw\u00e4nde der imperialistischen Intervention, dass es sich um eine &#8222;zivilisatorische Mission&#8220; zur Schaffung der Voraussetzungen f\u00fcr &#8222;Demokratie&#8220; und vor allem zugunsten der Frauenrechte gehandelt habe. Leider fand diese heuchlerische Propaganda ungefilterten Einlass<\/strong><!--more--> <strong>in weite Teile der Frauenbewegung in Europa und den USA, vor allem in deren b\u00fcrgerlich-liberalen Fl\u00fcgel. Das Gespr\u00e4ch wurde von Matthias Galle von jungle world gef\u00fchrt. [Redaktion maulwuerfe.ch]<\/strong><\/p>\n<p><strong>Die Frauenrechtsgruppe Rawa (Revolutionary Association of the Women of Afghanistan) engagiert sich seit 1977 sozial und politisch f\u00fcr die Durchsetzung von Menschen\u00adrechten f\u00fcr Frauen in Afghanistan. In der Organisation sind 2000 Frauen in Afghanistan und Pakistan aktiv. Eine von ihnen ist die 1978 geborene \u00bbZoya\u00ab, die nach der Ermordung ihrer Eltern selbst in einer Schule der Rawa in Pakistan das erste Mal eine Schulbildung erhielt. Wie alle RAWA-Aktivis\u00adtinnen tritt sie aus Sicherheitsgr\u00fcnden nur unter Pseudonym an die \u00d6ffentlichkeit und l\u00e4sst sich nicht fotografieren.<\/strong><\/p>\n<p><strong>&#8212;&#8211; <\/strong><\/p>\n<p><strong>Vor zwei Jahren beschrieb Ihre Kollegin Sahar Saba in der Jungle World (38\/06) die Lage f\u00fcr Frauen in Afghanistan auch f\u00fcnf Jahre nach dem Sturz der Taliban als katastrophal. Hat sich die Situation f\u00fcr Frauen in den letzten zwei Jahren verbessert?<\/strong><\/p>\n<p>Nein. Die Situation hat sich eher verschlechtert. Dabei werden Frauen von zwei Seiten unterdr\u00fcckt. Zum einen durch h\u00e4usliche Gewalt, zum anderen durch Gewalt, die von Fundamentalisten aus\u00adgeht. Frauen werden von den bewaffneten Anh\u00e4ngern der m\u00e4chtigen Warlords in den verschie\u00addenen Provinzen vergewaltigt, entf\u00fchrt, gefoltert und ermordet. Dabei steigt die Gewalt gegen Frauen t\u00e4glich an und es gibt hunderte Beispiele. Eines ist das Schicksal der 14j\u00e4hrigen Bashira, die von einer Gruppe von M\u00e4nnern, der auch der Sohn eines Parlamentsmitgliedes angeh\u00f6rte, ver\u00adgewaltigt wurde. Bis heute gab es keinen Prozess gegen den 22j\u00e4hrigen.<\/p>\n<p><strong>Wie reagieren die Soldaten der internationalen Truppen, wenn sie mit Gewalt gegen Frauen konfrontiert werden?<\/strong><\/p>\n<p>Dann gibt es keine Reaktion. Sie sind gegen\u00ad\u00fcber Gewalt gegen Frauen v\u00f6llig nachl\u00e4ssig. Wenn sie jemandem Schutz geben, dann den Warlords. Die M\u00e4dchen, welche unter Schock stehen und weinen, weil sie vergewaltigt und gefoltert wurden, kann man sogar im Fernsehen sehen. Da wurden zum Beispiel Szenen gezeigt, in \u00addenen die M\u00e4dchen fragen: \u00bbWohin sollen wir denn gehen? Es gibt niemanden, der uns Gerechtigkeit bieten kann.\u00ab Das zeigt, dass diese Truppen niemals ver\u00adsucht haben, den Menschen zu helfen.<\/p>\n<p><strong>Was f\u00fcr Auswirkungen haben diese Gewalt\u00aderfahrungen auf den Alltag von Frauen?<\/strong><\/p>\n<p>Dass es vor allem Frauen in den Provinzen weiter\u00adhin vorziehen, sich mit der Burka zu bekleiden, ob\u00adwohl es seit dem Ende der Taliban-Herrschaft kei\u00adnen Zwang mehr zum Tragen der Burka gibt. Sie bekleiden sich zu ihrem eigenen Schutz mit dem Ganzk\u00f6rperschleier. W\u00fcrden sie als junge, h\u00fcbsche Frauen die Aufmerksamkeit eines Warlords in der Provinz auf sich ziehen, m\u00fcssten sie Angst haben, \u00fcberfallen, vergewaltigt, entf\u00fchrt oder gefoltert zu werden.<\/p>\n<p><strong>W\u00e4hrend der Taliban-Herrschaft hat RAWA ein zu der Zeit illegales Netzwerk von M\u00e4dchenschulen und Bildungsprogrammen f\u00fcr Frauen aufgebaut. Nun gibt es wieder Schulen in Afghanistan\u00a0\u2013 auch f\u00fcr Frauen. Die Organisation Rawa f\u00fchrte jedoch ihre Bildungsarbeit fort. Warum ist das notwendig?<\/strong><\/p>\n<p>Viele Menschen sagen, die Schulen in Afghanistan seien offen f\u00fcr alle, was ein Zeichen f\u00fcr die Demo\u00adkratisierung und die St\u00e4rkung der Rechte der Frau in Afghanistan sei. Angesicht der Milliarden von US-Dollar, die in das Land geflossen sind, hat sich beim Wiederaufbau der Schulen allerdings eher wenig getan. An den Schulen, die es gibt, arbeiten keine guten Lehrer, zudem ist die Ausstattung mangelhaft. Wenn es die M\u00f6glichkeit f\u00fcr Kinder gibt, eine Schule zu besuchen, schicken Eltern ihre T\u00f6chter jedoch nur ungern dorthin, vor allem aus Angst, ihre M\u00e4dchen k\u00f6nnten auf dem Weg zur Schule vergewaltigt oder entf\u00fchrt werden. Die miserable Sicherheitslage ist das Hauptpro\u00adblem. Wenn es einmal zu einem Zwischenfall auf dem Schulweg gekommen ist oder wenn ein M\u00e4d\u00adchen zwangsverheiratet worden ist, dann hat es sich mit der Schulbildung f\u00fcr viele M\u00e4dchen erledigt. Einem funktionierenden Bildungssystem steht au\u00dferdem die mangelnde Nahrungsmittel- und medizinische Versorgung entgegen. Wie soll man mit einem leerem Magen oder Fieber offen f\u00fcr Bildung sein?<\/p>\n<p><strong>Wie sehen die Bildungsprogramme von Rawa aus?<\/strong><\/p>\n<p>Wir organisieren Lese- und Schreibkurse f\u00fcr Frauen, welche nicht mehr ganz so geheim geplant werden m\u00fcssen wie zu Zeiten der Taliban. Unsere Kurse finden sowohl in den Provinzen als auch in Kabul sowie in den afghanischen Fl\u00fccht\u00adlingslagern in Pakistan statt. Dar\u00fcber hinaus haben wir auch Programme zur Gesundheitsvorsorge. Wir konzentrieren uns auf die D\u00f6rfer und l\u00e4ndlichen Gegenden, die von NGO und anderen Organisationen nicht erreicht werden. Dort treffen wir uns dann zum Beispiel im Haus einer Lehrerin, laden die Nachbarinnen ein, \u00fcber diese bekommen dann auch andere Frauen und Fami\u00adlien von dem Vorhaben mit, und am Ende wissen alle in der Gegend von dem Lese- und Schreibkurs und k\u00f6nnen mitmachen. Die Teilnahme ist kosten\u00adlos.<\/p>\n<p><strong>Viele konservative Familien haben aber doch sicher ein Problem damit, ihren T\u00f6chtern die Teilnahme an Bildung zu gew\u00e4hren.<\/strong><\/p>\n<p>Das stimmt, es gibt \u00fcberall sehr konservative Familien, aber die Mehrheit der Menschen in Afghanistan hat inzwischen verstanden, dass auch M\u00e4dchen Bildung genie\u00dfen sollten. Die Welt entwickelt sich immer weiter, und das hat auch einen Einfluss auf Afghanistan. Trotzdem gibt es Probleme mit Familien, die ihren T\u00f6chtern nicht erlauben, an Bildung teilzuhaben.<\/p>\n<p><strong>Ihre Kollegin Sahar Saba forderte noch im Jahr 2006 mehr internationale Truppen in Afghanistan. Ihre Meinung heute ist jedoch, dass sich die ausl\u00e4ndischen Truppen zur\u00fcckziehen sollten. Warum diese Meinungs\u00e4nderung?<\/strong><\/p>\n<p>Von Anfang an war unsere Haltung zu den internationalen Truppen an Bedingungen gekn\u00fcpft. Was seine Dauer angeht, h\u00e4tte der Einsatz auf eine kurze Zeit angelegt werden sollen. Au\u00dferdem h\u00e4tte das Ziel der Soldaten sein m\u00fcssen, die fundamentalistischen Parteien und Privatarmeen zu entwaffnen, die Kriegsverbrecher zu entmach\u00adten und die Verantwortlichen f\u00fcr Kriegsverbrechen vor ein internationales Gericht zu stellen. Da\u00adneben w\u00e4re es ihre Aufgabe gewesen, den demokratischen Kr\u00e4ften Schutz zu bieten, um den Aufbau einer echten Demokratie zu gew\u00e4hrleisten. Unter diesen Umst\u00e4nden h\u00e4tten wir Truppen in Afghanistan akzeptiert und begr\u00fc\u00dft.<\/p>\n<p>Aber schon kurz nach Stationierung der Soldaten war abzusehen, dass sie nicht die Aufgaben \u00fcbernahmen, Schutz f\u00fcr den Aufbau einer Demo\u00adkratie zu bieten oder fundamentalistische Gruppen zu entwaffnen. Sie unterst\u00fctzten sogar noch die jihadistische Nordallianz. Unter diesen Bedingungen sagen wir nun nach sieben Jahren der Pr\u00e4senz internationaler Truppen, dass ihre Sta\u00adtio\u00ad\u00adnierung in Afghanistan keinen Beitrag zu einer positiven Ver\u00e4nderung leistet. Im Gegenteil sorgen sie f\u00fcr zus\u00e4tzliche politische Konflikte. Deshalb fordern wir einen Truppenr\u00fcckzug.<\/p>\n<p><strong>Im Dezember 2007 erkl\u00e4rte Rawa, dass die Men\u00adschen in Afghanistan bei einem Truppenr\u00fcckzug kein Vakuum sp\u00fcren w\u00fcrden, sondern stattdessen ein positiver Neuanfang m\u00f6glich w\u00e4re. Im S\u00fcdlibanon \u00fcbernahm die islamistische Hizbollah direkt die Macht, nachdem sich israelische Truppen im Jahr 2000 aus dem Gebiet zur\u00fcckgezogen hatten.<\/strong><\/p>\n<p>Wir wissen um die Gefahr eines B\u00fcrgerkrieges. Wenn die internationale Gemeinschaft uns jedoch wirklich helfen will, dann ist ein erster Schritt in diese Richtung der R\u00fcckzug der Truppen\u00a0\u2013 in Verbindung mit anderen Ma\u00dfnahmen. Dazu \u00adgeh\u00f6ren die Entwaffnung der fundamentalistischen Gruppen und Prozesse gegen die afghanischen Kriegsverbrecher vor internationalen Gerichten. Wenn diese Schritte nach einem Abzug der Truppen unternommen werden, glauben wir, dass es eine kraftvolle demokratische Alterna\u00adtive gegen Fundamentalismus geben kann, ein Aufstreben demokratischer Bewegungen mit \u00adUnterst\u00fctzung der Bev\u00f6lkerung m\u00f6glich ist und sich Afghanistan auf diesem Weg zu einem demokratischen Staat wandeln kann.<\/p>\n<p><strong>Wer soll die Fundamentalisten entmachten und die demokratischen Kr\u00e4fte sch\u00fctzen, wenn die internationalen Truppen abziehen? Immerhin nehmen sie es mit bewaffneten und gewaltbereiten Gruppierungen auf.<\/strong><\/p>\n<p>Zum einen sehen wir auch mit den tausenden Soldaten im Land nicht, dass demokratische Organisationen vor Fundamentalisten gesch\u00fctzt werden, zum anderen erwartet niemand eine Ver\u00ad\u00e4nderung von einem Tag auf den anderen. Ein demokratischer Wandel ist keine Tagesaufgabe\u00a0\u2013 sondern eine, die vielleicht drei Jahrzehnte dauern k\u00f6nnte. Diese Aufgabe kann nicht nur von Afgha\u00adnistan aus bew\u00e4ltigt werden. Das ist der Grund, warum Rawa-Aktivistinnen auch in den westlichen L\u00e4ndern Menschen erreichen wollen. Denn diese k\u00f6nnen auf ihre Regierungen Druck aus\u00ad\u00fcben, die Afghanistan-Politik zu \u00e4ndern, das hei\u00dft, die Unterst\u00fctzung fundamentalistischer Gruppen zu beenden und stattdessen auf demokratische Stimmen zu setzen. Ohne den Druck der Menschen wird sich nichts \u00e4ndern\u00a0\u2013 damit sind sowohl die Menschen in Afghanistan als auch in den westlichen L\u00e4ndern gemeint.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/www.rawa.org\/rawa\/2008\/10\/02\/interview-zoya-im-gespr-ch-ber-gewalt-gegen-frauen-und-die-internationalen-truppen-in-afghanistan.html\"><em>jungle.world&#8230;<\/em><\/a><em> vom 4. September 2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das folgende Gespr\u00e4ch mit Frauen der Gruppe RAWA wurde am 2. Oktober 2008 gef\u00fchrt. 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