{"id":10058,"date":"2021-09-06T16:20:52","date_gmt":"2021-09-06T14:20:52","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10058"},"modified":"2021-09-06T16:41:50","modified_gmt":"2021-09-06T14:41:50","slug":"gdl-streik-die-streikmacht-der-gdl-kommt-aus-dem-osten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10058","title":{"rendered":"GDL-Streik: Die Streikmacht der GDL kommt aus dem Osten"},"content":{"rendered":"<p><em>Rainer Balcerowiak.<\/em> &nbsp;Die erbitterte Tarifauseinandersetzung bei der Deutschen Bahn hat nicht zum ersten Mal eine Organisation in den Mittelpunkt des \u00f6ffentlichen Interesses ger\u00fcckt, die bis vor 15 Jahren weitgehend unbekannt war. Doch seitdem hat es die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivf\u00fchrer (GDL) geschafft, sich als kampfkr\u00e4ftige Gewerkschaft zu profilieren,&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1156224.lokfuehrerstreik-ein-vergiftetes-angebot.html?sstr=GDL\">die bereit ist, ihre Durchsetzungsmacht im Sinne ihrer Mitglieder einzusetzen<\/a>. Dabei<!--more--> wird immer wieder konstatiert, dass die GDL in den neuen Bundesl\u00e4ndern besonders schlagkr\u00e4ftig ist, was sich bei Arbeitsk\u00e4mpfen darin manifestiert, dass die Ersatz- und Notfahrpl\u00e4ne der Deutschen Bahn wesentlich d\u00fcnner ausfallen als im Rest der Republik. Das erkl\u00e4rt sich aus den radikalen Umbr\u00fcchen im Eisenbahnverkehr nach der Wende 1990.<\/p>\n<p>Die Zusammenf\u00fchrung der Bundesbahn und der Deutschen Reichsbahn war eine Herkulesaufgabe. In der DDR hatte der Schienenverkehr einen wesentlich h\u00f6heren Stellenwert als in der BRD. Ihr Anteil an der Gesamtbef\u00f6rderungsleistung lag im Personenverkehr bei deutlich \u00fcber 40 Prozent, im G\u00fcterverkehr waren es sogar 77 Prozent. In der DDR war per Gesetz vorgeschrieben, dass G\u00fcter ab 50 Kilometer Entfernung auf die Schiene m\u00fcssen, wenn Versender und Empf\u00e4nger einen Gleisanschluss haben. Ab 1981 galt dies sogar ab zehn Kilometern. In der BRD lag der Marktanteil der Schiene im Personenverkehr zu diesem Zeitpunkt nur noch bei sechs Prozent, im G\u00fcterverkehr waren es 21 Prozent. Die Bundesbahn hatte bereits eine erhebliche Schrumpfkur hinter sich. Viele Gleise wurden bereits in den 1970er und 1980er Jahren stillgelegt, die Belegschaft wurde von 1949 bis 1989 mehr als halbiert, von 539 000 auf 255 000.<\/p>\n<p>Von vornherein war klar, dass bei der Reichsbahn ein gro\u00dfer Personalabbau bevorsteht. Teilweise geschah das durch Vorruhestandsregelungen und \u00bbfreiwilliges\u00ab Ausscheiden mit einer Abfindung, doch sp\u00e4ter gab es auch Entlassungen. Davor mussten sich Mitarbeiter der Bundesbahn nicht f\u00fcrchten, denn die befanden sich gr\u00f6\u00dftenteils im Beamtenverh\u00e4ltnis, auch Lokf\u00fchrer. Demzufolge war die GDL zu dieser Zeit eine reine Beamtengewerkschaft, ohne Tarifmacht und Streikrecht.<\/p>\n<p>In der DDR waren die Reichsbahner wie faktisch alle Besch\u00e4ftigten im Freien Deutschen Gewerkschaftsbund organisiert, der nach der Wende rasch zerfiel. Die Angst und Wut der Reichsbahner \u00fcber die absehbare Entwicklung wuchs schnell, zumal die alten Betriebsgewerkschaftsleitungen schnell von abgesandten Bundesbahnbeamten instrumentalisiert wurden. Einige Kollegen wandten sich dann an die GDL in Westdeutschland und baten um Unterst\u00fctzung. Das nahm schnell Formen an, und am 24. Januar 1990 fand auf einer Versammlung im Bahnbetriebswerk Halle die Gr\u00fcndungsversammlung der GDL als erste freie Gewerkschaft der DDR statt. Die ersten Mitglieder waren knapp 500 der insgesamt 600 Lokf\u00fchrer aus Halle.<\/p>\n<p>Der Aufbau der GDL ging z\u00fcgig voran. Anfangs forderte sie die Eingliederung der Reichsbahner als Beamte in die Bundesbahn, was nicht durchsetzbar war. Aber sie nutzte den \u00bbVorteil\u00ab, dass die Reichsbahner normale Tarifbesch\u00e4ftigte waren. Im Juli 1990 gab es massive Warnstreiks, da die jetzt in DM auszuzahlenden L\u00f6hne gegen\u00fcber der alten Verg\u00fctung halbiert werden sollten. Die Reichsbahndirektion lenkte schnell ein, die L\u00f6hne wurden 1:1 ausgezahlt, die GDL wurde offiziell als Tarifpartner anerkannt und von der gro\u00dfen Mehrheit der Reichbahn-Lokf\u00fchrer als deren Interessenvertretung wahrgenommen. Daran hat sich bis heute nichts ge\u00e4ndert. Es gab weitere Streiks, etwa im Juli 1991 gegen die Eingruppierung aller Reichsbahner als Berufsanf\u00e4nger. Auch der war erfolgreich.<\/p>\n<p>Es dauerte lange, bis die GDL auch im Westen eine vergleichbare Durchsetzungsmacht erreichte. Mit der Bahnreform von 1994 wurden die Bundesbahn und die Deutsche Reichsbahn in die neu gebildete Deutsche Bahn AG eingegliedert, die sich im Alleinbesitz des Bundes befindet. Damit gab es bei Neueinstellungen keine Verbeamtungen mehr, was der GDL neue Spielr\u00e4ume erm\u00f6glichte. Sp\u00e4ter plante der Bund, die Bahn in Teilen an die B\u00f6rse zu bringen, verbunden mit einem rigorosen Sparprogramm. In der DGB-Gewerkschaft Transnet und besonders in deren Vorsitzenden Norbert Hansen fand die Bahn AG einen willigen Unterst\u00fctzer.<\/p>\n<p>Die GDL l\u00f6ste sich 2005 aus der Tarifgemeinschaft mit Transnet und erk\u00e4mpfte im Winter 2007\/2008 mit massiven Streiks einen eigenst\u00e4ndigen Tarifvertrag mit einer Lohnerh\u00f6hung um elf Prozent und der Verk\u00fcrzung der Wochenarbeitszeit um eine Stunde bei vollem Lohnausgleich. Auch 2014\/2015 setzte sich die GDL mit mehreren Streikwellen weitgehend durch.&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1155580.tarifstreit-bei-der-bahn-weselsky-wir-werden-immer-staerker.html?sstr=GDL\">L\u00e4ngst ist sie zu einer gesamtdeutschen Tarifmacht geworden<\/a>. Und in Ostdeutschland, wo es keine Beamten aus dem Altbestand gibt, die von der Bahn w\u00e4hrend der Streiks eingesetzt werden k\u00f6nnen, ist ihre Kampfkraft besonders stark.<\/p>\n<p><em>#Bild: Gespr\u00e4ch unter Kollegen am Hauptbahnhof Dresden w\u00e4hrend eines Streiks der GDL 2011: Dass die Gewerkschaft in Ostdeutschland st\u00e4rker ist, hat mit der Wende zu tun. Foto: dpa\/Arno Burgi<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1156247.bahn-streik-die-streikmacht-der-gdl-kommt-aus-dem-osten.html\"><em>nd-aktuell.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 6. September 2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rainer Balcerowiak. &nbsp;Die erbitterte Tarifauseinandersetzung bei der Deutschen Bahn hat nicht zum ersten Mal eine Organisation in den Mittelpunkt des \u00f6ffentlichen Interesses ger\u00fcckt, die bis vor 15 Jahren weitgehend unbekannt war. 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