{"id":10065,"date":"2021-09-07T09:33:41","date_gmt":"2021-09-07T07:33:41","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10065"},"modified":"2021-09-07T09:33:42","modified_gmt":"2021-09-07T07:33:42","slug":"afghanistan-humanitaere-katastrophe-nach-20-jahren-imperialistischer-besatzung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10065","title":{"rendered":"Afghanistan: Humanit\u00e4re Katastrophe nach 20 Jahren imperialistischer Besatzung"},"content":{"rendered":"<p><em>Jean Shaoul. <\/em>Der Generalsekret\u00e4r der Vereinten Nationen (UN), Antonio Guterres, hat vor einer \u201ehumanit\u00e4ren Katastrophe\u201c in Afghanistan gewarnt. Etwa 18 Millionen Menschen, d.h. fast die H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung, brauchen zum \u00dcberleben dringend humanit\u00e4re Unterst\u00fctzung.<!--more--><\/p>\n<p>Guterres erkl\u00e4rte: \u201eEiner von drei Afghanen wei\u00df nicht, wo er seine n\u00e4chste Mahlzeit herbekommen wird. Mehr als die H\u00e4lfte aller Kinder unter f\u00fcnf Jahren werden voraussichtlich im n\u00e4chsten Jahr unter akuter Unterern\u00e4hrung leiden.\u201c<\/p>\n<p>Die UN haben f\u00fcr Afghanistan 1,3 Milliarden Dollar humanit\u00e4re Hilfe vorgesehen, von denen jedoch nur 39 Prozent vorhanden sind. Es besteht die dringende Notwendigkeit, weitere Gelder zur Verf\u00fcgung zu stellen, um Lebensmittel ins Land zu bringen, bevor in ein paar Monaten der Winter beginnt und der Schnee die Stra\u00dfen blockiert.<\/p>\n<p>Guterres&#8216; \u00c4u\u00dferungen verdeutlichen die Tatsache, dass trotz der umfangreichen Berichterstattung der Mainstreammedien \u00fcber die Evakuierung von Ausl\u00e4ndern und Afghanen, die mit den USA und ihren Verb\u00fcndeten zusammengearbeitet haben, kaum etwas \u00fcber die wirtschaftliche und soziale Zerst\u00f6rung des Landes selbst berichtet wurde.<\/p>\n<p>Vor dem US-Krieg und der Besatzung ab 2001 hatte die CIA in dem \u00e4rmsten Land Asiens bereits seit mehr als zwei Jahrzehnten geheime Operationen organisiert, die von regionalen und lokalen Stellvertretern durchgef\u00fchrt wurden. Die Invasion Afghanistans war bereits lange vor den Anschl\u00e4gen am 11. September geplant, die lediglich als Vorwand dienten. Ihr Ziel war nicht der \u201eKrieg gegen den Terrorismus\u201c, sondern die Durchsetzung von Washingtons geostrategischen Interessen: die Kontrolle \u00fcber ein Land, das an die \u00f6lreichen ehemaligen Sowjetrepubliken im Kaspischen Becken und China angrenzt, um die Vorherrschaft der USA \u00fcber Zentral- und S\u00fcdasien zu sichern.<\/p>\n<p>Afghanistan selbst verf\u00fcgt \u00fcber betr\u00e4chtliche, noch unerschlossene Bodensch\u00e4tze, die zwischen einer und drei Billionen Dollar wert sind.<\/p>\n<p>Der Krieg, der f\u00fcr diese r\u00e4uberischen Ziele gef\u00fchrt wurde, war ein Angriffskrieg, vertuscht durch massive L\u00fcgen, und hatte keinen R\u00fcckhalt in der Bev\u00f6lkerung der Nato-Staaten, geschweige denn in Afghanistan selbst. Er verstie\u00df gegen das V\u00f6lkerrecht und f\u00fchrte zu zahlreichen anderen Verbrechen, darunter Massaker an Zivilisten, \u201eau\u00dferordentliche \u00dcberstellung\u201c und Folter, Guantanamo Bay und CIA-Geheimgef\u00e4ngnisse.<\/p>\n<p>Der \u00dcberfall und die Besatzung haben die USA mindestens zwei Billionen Dollar gekostet, die afghanische Wirtschaft zerst\u00f6rt und die Bev\u00f6lkerung in Armut gest\u00fcrzt. Im Jahr 2020 lag das Land auf Platz 169 der 189 \u00e4rmsten L\u00e4nder der Welt auf dem Index der menschlichen Entwicklung des UN-Entwicklungsprogramms. Jetzt droht ihm durch das Vorgehen der USA und der anderen imperialistischen M\u00e4chte ein weiterer Wirtschaftseinbruch.<\/p>\n<p>Die amerikanische Regierung hat die afghanischen Devisenbest\u00e4nde im Wert von neun Milliarden Dollar eingefroren, die sich auf amerikanischen Banken befinden, sodass die Taliban nur Zugang zu 0,1 bis 0,2 Prozent der internationalen Reserven des Landes haben. Die Weltbank und der Internationale W\u00e4hrungsfonds, an dem die USA eine kontrollierende Beteiligung besitzen, sowie der US-Finanzdienstleister Western Union, der weltweit zweitgr\u00f6\u00dfte Anbieter von Geldtransfers, haben den Betrieb in Afghanistan eingestellt. Der IWF hat au\u00dferdem einen erst vor Kurzem gew\u00e4hrten Kredit in H\u00f6he von 340 Millionen Dollar aus Sonderziehungsrechten eingefroren.<\/p>\n<p>Die afghanische W\u00e4hrung hat zehn Prozent an Wert verloren, weil die physische Zufuhr an US-Dollar, die ihren Wert bisher gest\u00fctzt hat, abrupt aufgeh\u00f6rt hat. Die meisten Banken blieben geschlossen, und vor den wenigen ge\u00f6ffneten stehen lange Schlangen von Kunden, die ihre Ersparnisse abheben wollen. Deshalb haben die Taliban die Maximalsumme, die abgehoben werden kann, auf umgerechnet 200 Dollar pro Woche begrenzt.<\/p>\n<p>Angesichts des anhaltenden Wertverlusts der W\u00e4hrung wird mit stark steigenden Preisen gerechnet. Aufgrund der Bef\u00fcrchtung von Engp\u00e4ssen in den kommenden Monaten sind sie bereits gestiegen. Versch\u00e4rft wird die Situation von einer schweren D\u00fcrre \u2013 der zweiten in drei Jahren \u2013, die zum Verlust von 40 Prozent der Feldfr\u00fcchte und \u201everheerenden Folgen\u201c f\u00fcr die Viehzucht gef\u00fchrt hat. Die Preise f\u00fcr Linsen sind um mehr als das Doppelte gestiegen, die Preis f\u00fcr Pflanzen\u00f6l, Kichererbsen und Bohnen um 25 Prozent.<\/p>\n<p>Laut\u00a0<em>Reliefweb\u00a0<\/em>litten bereits vor der aktuellen Krise 3,1 Millionen Kinder an Unterern\u00e4hrung. In der Provinz Ghor waren im Dezember 2020 15,9 Prozent aller Kinder unter f\u00fcnf Jahren akut unterern\u00e4hrt, 3,4 Prozent davon litten an schwerer akuter Unterern\u00e4hrung, der t\u00f6dlichsten Form des Hungers. Ganze 45,5 Prozent der Kinder waren unterentwickelt oder chronisch unterern\u00e4hrt.<\/p>\n<p>Laut der Asiatischen Entwicklungsbank lebten im Jahr 2020 fast die H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung, darunter mehr als ein Drittel aller Besch\u00e4ftigten, von einem Einkommen unterhalb der nationalen Armutsgrenze. Etwa ein Drittel der Bev\u00f6lkerung ist so arm, dass sie sich Grundg\u00fcter wie angemessene Ern\u00e4hrung nicht leisten kann. Weitere Millionen Menschen leben nur knapp oberhalb der Armutsgrenze.<\/p>\n<p>Etwa 70 Prozent der Bev\u00f6lkerung leben als Bauern auf einer Fl\u00e4che, von der nur 12 Prozent f\u00fcr Ackerbau und 46 Prozent f\u00fcr Viehzucht geeignet sind. Mehr als 40 Prozent der Erwerbsbev\u00f6lkerung sind entweder arbeitslos oder unterbesch\u00e4ftigt.<\/p>\n<p>Mehr als 70 Prozent der Bev\u00f6lkerung sind j\u00fcnger als 25 Jahre, und der Arbeitsmarkt w\u00e4chst jedes Jahr um 400.000 Menschen. Abgesehen von Posten beim Staat und dem Milit\u00e4r gibt es haupts\u00e4chlich schlecht bezahlte Tagel\u00f6hner- oder Gelegenheitsarbeit, sodass junge M\u00e4nner kaum eine Alternative zu den vom Ausland unterst\u00fctzten militanten Gruppen oder kriminellen Banden haben, die vor allem im Drogenschmuggel aktiv sind.<\/p>\n<p>Laut der Weltbank werden fast 75 Prozent der Staatsausgaben von anderen Regierungen oder internationalen Organisationen finanziert. Die Taliban haben zwar erkl\u00e4rt, sie w\u00fcrden Regierungsangestellte wie Gesundheitsexperten und die Streitkr\u00e4fte weiterhin bezahlen, allerdings ist unklar, wie sie dies tun wollen. hunderttausenden Afghanen droht deshalb der Verlust ihrer Lebensgrundlage.<\/p>\n<p>Fast 40 Prozent des Bruttoinlandsprodukts kommt aus Entwicklungshilfe und hat oft die lokale Wirtschaft geschw\u00e4cht. Dies und die Unsicherheit, D\u00fcrren und Naturkatastrophen haben den Warlords und Drogenbossen in die H\u00e4nde gespielt, da verarmte Bauern ihr Heil in Mohnanbau und Opiumhandel suchen.<\/p>\n<p>Das Verm\u00f6gen des Landes befindet sich in den H\u00e4nden einiger weniger Familien, die von der immensen Zunahme an ausl\u00e4ndischen Milit\u00e4rvertr\u00e4gen und ihrer Kontrolle \u00fcber die Wirtschaft profitiert haben. Die reichsten zehn Prozent der afghanischen Bev\u00f6lkerung kontrollieren die Wirtschaft und die Regierung.<\/p>\n<p>Gleichzeitig hat der Krieg, der gr\u00f6\u00dftenteils im S\u00fcden und Osten des Landes gef\u00fchrt wurde, zu erheblichen Unterschieden bei Einkommen, Reichtum und wirtschaftlichen Chancen zwischen dem S\u00fcden und dem Norden Afghanistans gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Vier Jahrzehnte Konflikt und deren Folgen haben Afghanistan zu einem der L\u00e4nder gemacht, aus denen die meisten Fl\u00fcchtlinge auf der Welt kommen. Laut dem UN-Fl\u00fcchtlingshilfswerk sind die Afghanen die Bev\u00f6lkerung auf der Welt, die am l\u00e4ngsten vertrieben und enteignet wurde; ganze drei Viertel der Bev\u00f6lkerung wurden im Lauf ihres Lebens zu Binnenfl\u00fcchtlingen oder fl\u00fcchteten ins Ausland.<\/p>\n<p>Die gro\u00dfe Mehrheit der afghanischen Fl\u00fcchtlinge lebt in Pakistan oder dem Iran \u2013 jeweils drei Millionen gemeldete und nicht gemeldete. Viele weitere leben in den Vereinigten Arabischen Emiraten, Deutschland oder anderen europ\u00e4ischen Staaten, au\u00dferdem in den USA, wo die Zahl in den letzten Jahren jedoch stark gesunken ist, nachdem die Trump-Regierung die ohnehin schon geringe Zahl an Fl\u00fcchtlingsaufnahmen noch weiter verringert hat. Letztes Jahr akzeptierten die USA nur noch 604 afghanische Fl\u00fcchtlinge.<\/p>\n<p>Laut einem Bericht von Amnesty International vom August 2020 gibt es in Afghanistan selbst weitere vier Millionen Binnenfl\u00fcchtlinge. Sie haben kaum Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen wie Trinkwasser oder Gesundheitseinrichtungen, leben in bitterer Armut, in unzureichenden Wohnungen und leiden unter Ern\u00e4hrungsunsicherheit und unzureichendem Zugang zu sanit\u00e4ren Einrichtungen. Durch die Pandemie ist diese Situation noch gef\u00e4hrlicher geworden. Die Gesundheitsversorgung und Behandlung in \u00f6ffentlichen Einrichtungen ist zwar kostenlos, doch viele Familien k\u00f6nnen sich nicht einmal die Fahrt zum Krankenhaus leisten.<\/p>\n<p>In den letzten Tagen meldete das UN-Fl\u00fcchtlingshilfswerk (UNHCR), dass seit Januar angesichts der schlechteren Sicherheitslage in Afghanistan nach dem R\u00fcckzug der Nato-Truppen und dem Vormarsch der Taliban weitere 360.000 Menschen aus ihrer Heimat fliehen mussten.<\/p>\n<p>Die Auswirkung dieser verheerenden Bedingungen auf das Bewusstsein der afghanischen Bev\u00f6lkerung war die Ursache f\u00fcr den schnellen Zusammenbruch von Washingtons Marionettenregime, nachdem US-Pr\u00e4sident Joe Biden den R\u00fcckzug der US-Truppen angek\u00fcndigt hatte. Der schnelle Untergang von Ashraf Ghanis Regierung kann nur durch das Ausma\u00df der Verbrechen erkl\u00e4rt werden, die gegen das afghanische Volk ver\u00fcbt wurden: Seine Gesellschaft wurde zerst\u00f6rt, etwa 170.000 wurden direkt durch den Krieg get\u00f6tet und weitere 360.000 indirekt durch Krankheit, Unterern\u00e4hrung und Landminen.<\/p>\n<p>Die Verantwortlichen f\u00fcr diese Verbrechen von weltgeschichtlichem Ausma\u00df bleiben ungestraft und bekleiden h\u00f6chste Machtpositionen in den USA, Gro\u00dfbritannien, Deutschland, Frankreich und anderen Zentren des Imperialismus.<\/p>\n<p><em>#Bild: Ein afghanisches Binnenfl\u00fcchtlingskind sucht auf einer M\u00fcllhalde in Kabul nach Plastik und anderen Gegenst\u00e4nden, die als Brennstoff dienen k\u00f6nnten. Laut Statistiken der UN ist Afghanistan eins der \u00e4rmsten L\u00e4nder der Welt. Kinder sind t\u00e4glich mit extremer Armut und Gewalt konfrontiert. Aufgenommen am Sonntag, dem 15. Dezember 2019 (AP Photo\/Altaf Qadri)<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2021\/09\/05\/afgh-s05.html\">wsws.org&#8230;<\/a> vom 7. September 2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jean Shaoul. Der Generalsekret\u00e4r der Vereinten Nationen (UN), Antonio Guterres, hat vor einer \u201ehumanit\u00e4ren Katastrophe\u201c in Afghanistan gewarnt. 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