{"id":10087,"date":"2021-09-13T14:38:02","date_gmt":"2021-09-13T12:38:02","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10087"},"modified":"2021-09-13T17:33:07","modified_gmt":"2021-09-13T15:33:07","slug":"die-koalition-der-narren-am-ende-ihrer-afghanistan-mission","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10087","title":{"rendered":"Die Koalition der Narren am Ende ihrer Afghanistan-Mission"},"content":{"rendered":"<p><em>Helmut Dahmer. <\/em>Seit 500 <strong>Jahren kolonisieren europ\u00e4ische Staaten und ihre nordamerikanischen Ableger die au\u00dfereurop\u00e4ische Welt. Die in Europa (und nur dort) entstandene kapitalistische Wirtschaftsweise, deren Motor die profitable Verwertung privater Kapitale ist, braucht die permanente internationale Expansion und deren milit\u00e4rische Absicherung.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Billige Massenware, ungleicher Tausch, \u00fcberlegene Milit\u00e4rtechnik und eine (christlich verbr\u00e4mte) Herrenmenschen- und Modernisierungs-Ideologie haben \u2013 seit den Tagen der Konquistadoren in Mexiko und Per\u00fa \u2013 traditionale, n\u00e4mlich vorkapitalistische Produktionsweisen und die in deren Rahmen erwachsenen Kulturen ruiniert und die Weltbev\u00f6lkerung in eine ungeheure, von Verelendung bedrohte, eigentumslose Lohnarbeiterschaft \u2013 samt wachsender \u201eReservearmee\u201c \u2013 verwandelt. Rosa Luxemburg zog im I. Weltkrieg (1915) eine Zwischenbilanz:<\/p>\n<p>\u201eDer Imperialismus f\u00fchrt [\u2026] die Katastrophe als Daseinsform aus der Peripherie der kapitalistischen Entwicklung nach ihrem Ausgangspunkt zur\u00fcck. Nachdem die Expansion des Kapitals vier Jahrhunderte lang die Existenz und die Kultur aller nichtkapitalistischen V\u00f6lker in Asien, Afrika, Amerika und Australien unaufh\u00f6rlichen Konvulsionen und dem massenhaften Untergang preisgegeben hatte, st\u00fcrzt sie jetzt die Kulturv\u00f6lker Europas selbst in eine Serie von Katastrophen, deren Schlu\u00dfergebnis nur der Untergang der Kultur oder der \u00dcbergang zur sozialistischen Produktionsweise sein kann.\u201c<a href=\"https:\/\/www.sozonline.de\/2021\/09\/die-koalition-der-ahnungslosen\/#sdfootnote1sym\">1<\/a><\/p>\n<p>Die der Kolonisierung unterworfenen V\u00f6lker haben sich in Hunderten von Aufst\u00e4nden diesem \u201eFortschritt\u201c widersetzt. Ihre Versuche, \u201epr\u00e4moderne\u201c Lebensformen gegen\u00fcber den europ\u00e4ischen Invasoren zu verteidigen \u2013 modern gesprochen: ihr Recht auf \u201eSelbstbestimmung\u201c (Lenin, 1914) zu behaupten \u2013, wurden zumeist von den Kolonialm\u00e4chten (und ihren \u201eeingeborenen\u201c Hilfskr\u00e4ften) in entsetzlichen Massakern niedergeschlagen \u2013 man denke an den Vernichtungskrieg gegen Herero und Nama in Deutsch-S\u00fcdwest (in den Jahren 1904-08). In Ausnahmef\u00e4llen errangen die Aufst\u00e4ndischen aber auch (zeitweilige) Siege.<a href=\"https:\/\/www.sozonline.de\/2021\/09\/die-koalition-der-ahnungslosen\/#sdfootnote2sym\">2<\/a><\/p>\n<p>Nach dem Zweiten Weltkrieg gingen die imperialistischen M\u00e4chte im Rahmen des Kalten Krieges unter dem Druck von Unabh\u00e4ngigkeitsbewegungen nach und nach von der direkten Beherrschung der Kolonien zu deren indirekter, \u00f6konomischer Beherrschung \u00fcber und bedienten sich dabei \u201ewestlich\u201c oder auch \u201esozialistisch\u201c orientierter, leicht korrumpierbarer einheimischer \u201eEliten\u201c. Jede von demokratischen Massenbewegungen getragene, nationalistisch-antikapitalistische Regierung \u2013 vor allem solche, deren F\u00fchrungen nicht von sowjetischer Hilfe abh\u00e4ngig waren, also auch nicht von stalinistischen \u201eBeratern\u201c kontrolliert wurden (man denke an die iranische von 1953, die guatemaltekische von 1954, die kongolesische von 1961, die chilenische von 1973\u2026) \u2013, wurde von \u201ewestlichen\u201c Geheimdiensten und ihren S\u00f6ldnern unterminiert, sodann gewaltsam gest\u00fcrzt und durch eine f\u00fcgsame Marionettenregierung ersetzt.<a href=\"https:\/\/www.sozonline.de\/2021\/09\/die-koalition-der-ahnungslosen\/#sdfootnote3sym\">3<\/a><\/p>\n<p><strong><em>Afghanistan, Afghanistan\u2026<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Das j\u00fcngste Beispiel in der langen Kette blutiger Eroberungen und gescheiterter Modernisierungen ist das ungl\u00fcckliche Afghanistan, dessen Fl\u00e4che (vor allem unzug\u00e4ngliche Gebirgsregionen) fast doppelt so gro\u00df wie diejenige Deutschlands ist und das nur halb so viele Einwohner (39 Millionen) z\u00e4hlt, von denen 9 Millionen in St\u00e4dten leben.<a href=\"https:\/\/www.sozonline.de\/2021\/09\/die-koalition-der-ahnungslosen\/#sdfootnote4sym\">4<\/a>&nbsp;Der Binnenstaat, der an Iran, Turkmenistan, Tadschikistan, Usbekistan, China und Pakistan grenzt (also von drei, oder, Indien mitgerechnet, von vier Atomm\u00e4chten umgeben ist), war seit eh und je als Puffer, Drehscheibe und Durchgangszone von hohem geopolitischem (\u201estrategischem\u201c) Interesse. Darum wurde das Land zumeist von m\u00e4chtigeren Anrainerstaaten kontrolliert und erlangte nur selten (wie in der Mitte des 18. Jahrhunderts) Selbst\u00e4ndigkeit. Im 19. Jahrhundert versuchten vor allem Gro\u00dfbritannien (in drei verlorenen Kriegen) und Russland, ihre Einflusszonen zu erweitern \u2013 die Briten, um Afghanistan Britisch-Indien anzugliedern und russischen Expansions-Interessen einen Riegel vorzuschieben, die Russen, um einen Zugang zum Arabischen Meer (und zu Indien) zu finden. Im 20. Jahrhundert gewann Afghanistan neuerlich wegen seiner bedeutenden (vor allem von sowjetischen Exploratoren entdeckten) Bodensch\u00e4tze an Interesse (Eisen, Kupfer, Gold, Erd\u00f6l, Erdgas, Uran, seltene Erden, Lithium\u2026); f\u00fchrend ist das Land zudem im Mohnanbau und beim \u201eExport\u201c von Rauschdrogen.<\/p>\n<p>Nach dem dritten britisch-afghanischen Krieg wurde garantierten Gro\u00dfbritannien und das revolution\u00e4re Russland (1921) die Unabh\u00e4ngigkeit des Landes. Seit 1925 bestand eine Art konstitutionelle Monarchie. Nach dem ersten Weltkrieg kam es zu ersten Abkommen mit der Weimarer Republik, in der zweiten H\u00e4lfte der drei\u00dfiger Jahre dann zu einer Zusammenarbeit mit Hitlerdeutschland; w\u00e4hrend des Krieges blieb Afghanistan aber neutral und trat 1946 den Vereinten Nationen bei. 1964\/65 bekr\u00e4ftigte eine neue Verfassung die konstitutionelle Monarchie und es kam zu den ersten freien Wahlen. 1973 putschte der General Daoud Khan und erkl\u00e4rte Afghanistan zur Republik. Khans Diktatur wurde 1978 durch das Milit\u00e4r und die national-revolution\u00e4re Khalq-Partei gest\u00fcrzt, die sich an einer radikalen Modernisierung des Landes nach stalinistischem Muster (Bodenreform, Bildungsreform etc.) versuchte, damit eine Aufstandsbewegung ausl\u00f6ste und zunehmend in Abh\u00e4ngigkeit von der Sowjetunion geriet. Nach einigem politischen Hin und Her wurde Afghanistan Ende 1979 f\u00fcr zehn Jahre von der sowjetischen Armee besetzt, die schlie\u00dflich durch die vor allem von den USA unterst\u00fctzte Partisanenarmee der \u201eMudschaheddin\u201c (im Februar 1989) zum R\u00fcckzug gezwungen wurde. Den imperialistischen M\u00e4chten England, Russland, den USA (und inzwischen auch China) ging und geht es in Afghanistan \u2013 unter variablen Legitimationen (\u201eFortschritt\u201c, Demokratie, Freiheit und \u201eMenschenrechte\u201c; \u201eKommunismus\u201c; \u201eGottesstaat\u201c) \u2013 um Rohstoffe, Arbeitskr\u00e4fte und Absatzm\u00e4rkte, profitable Investitionen, Milit\u00e4rbasen und m\u00f6gliche Aufmarschgebiete. Gegen die sowjetische Besatzungsmacht und die von ihr eingesetzte \u201ekommunistische\u201c, also&nbsp;<em>weltliche<\/em>&nbsp;Regierung mobilisierten die USA, Pakistan und Saudi-Arabien die&nbsp;<em>religi\u00f6s<\/em>&nbsp;(auf den Kampf gegen die \u201eUngl\u00e4ubigen\u201c und die Errichtung eines neuen Gottesstaats) orientierten Mudschaheddin-K\u00e4mpfer, ein nach Zehntausenden z\u00e4hlendes S\u00f6ldnerheer.<a href=\"https:\/\/www.sozonline.de\/2021\/09\/die-koalition-der-ahnungslosen\/#sdfootnote5sym\">5<\/a><\/p>\n<p>Die in Religionsschulen f\u00fcr afghanische Fl\u00fcchtlinge entstandene, von Pakistan ausgebildete und protegierte Taliban-Bewegung eroberte 1996 (von Kandahar aus) die Hauptstadt Kabul und hielt f\u00fcnf Jahre lang die Bev\u00f6lkerung des \u201eIslamischen Emirats Afghanistan\u201c terroristisch in Schach. Nach den Flugzeug-Attentaten der noch radikaleren Al-Qaida-Sekte auf das \u201eWorld Trade Center\u201c (in New York) und auf das Pentagon (im September 2001) er\u00f6ffneten die USA einen \u201eKrieg gegen Terror\u201c&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.sozonline.de\/2021\/09\/die-koalition-der-ahnungslosen\/#sdfootnote6sym\">6<\/a>, fielen (mit britischer Unterst\u00fctzung) in Afghanistan ein, vertrieben die Taliban \u2013 unter Mithilfe der (unter dem Warlord Ahmed Schah Massud) gegen die Taliban k\u00e4mpfenden afghanischen \u201eNordallianz\u201c \u2013 und zerst\u00f6rten die Basislager von Al-Quaida. Indem sie als Invasoren das Erbe der (untergegangenen) Sowjetunion antraten, hofften sie (und ihre Bundesgenossen), in Afghanistan einen Vasallenstaat gewinnen und am Leben erhalten zu k\u00f6nnen. In den folgenden beiden Jahrzehnten verlor die afghanische Regierung (unter dem von den US- und NATO-Einheiten gest\u00fctzten und gesch\u00fctzten Pr\u00e4sidenten Karzai) trotz enormer finanzieller und milit\u00e4rischer Unterst\u00fctzung<a href=\"https:\/\/www.sozonline.de\/2021\/09\/die-koalition-der-ahnungslosen\/#sdfootnote7sym\">7<\/a>&nbsp;seitens der USA und der ISAF mehr und mehr an Legitimation, weil sie au\u00dferstande war, das Land zu befrieden, die um sich greifende Korruption zu bek\u00e4mpfen und den Lebensstandard der l\u00e4ndlichen Bev\u00f6lkerung (also der Mehrheit von 70 Prozent, die nicht in St\u00e4dten lebt) zu heben.<a href=\"https:\/\/www.sozonline.de\/2021\/09\/die-koalition-der-ahnungslosen\/#sdfootnote8sym\">8<\/a>&nbsp;Die Taliban aber verlie\u00dfen bald wieder ihre Zuflucht in Pakistan, hielten die fremden Armeen in Trab und bauten im Untergrund einen Schattenstaat auf.<\/p>\n<p><strong><em>Fetisch \u201eSicherheit\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Solange in unserer Welt Paradiese der Reichen und die H\u00f6lle der Armen koexistieren, bleibt die Sicherheit der luxurierenden Minderheit in den Oasenl\u00e4ndern der Weltw\u00fcste prek\u00e4r. Sie wird mit Hilfe von Armeen und Destruktionsmitteln verteidigt, die (seit 1945) die Herbeif\u00fchrung eines j\u00e4hen Endes der Menschheitsgeschichte erm\u00f6glichen und deren Kosten hinreichen w\u00fcrden, den Hunger abzuschaffen und eine Egalisierung der weltweit ungleichen Lebensverh\u00e4ltnisse in die Wege zu leiten. Die USA-Regierungen begannen ihre letzten Interventionskriege, den gegen Nordvietnam und den gegen den Irak, mit L\u00fcgenkampagnen. Im Fall Afghanistans deutete die Bush-Regierung die Terroranschl\u00e4ge (analog zum japanischen Luftangriff auf die US-Flotte in Pearl Harbor im Dezember 1941) als Kriegserkl\u00e4rung, was bereits die \u201eAntwort\u201c in Gestalt eines Rache-\u201eKreuzzugs\u201c gegen die Taliban und die \u201eAchse des B\u00f6sen\u201c implizierte. Anstelle einer internationalen Polizei-Aktion gegen die Polit-Gang Bin Ladens in Afghanistan wurde der Taliban-Staat (der deren Auslieferung verweigerte) angegriffen. Dieser Krieg wurde mit strategischen Bombern, Raketen und Kampfhubschraubern als Blitzkrieg gegen einen mit Maschinengewehren, Gel\u00e4ndewagen und veralteten Flugabwehr-Raketen ausger\u00fcsteten Gegner gef\u00fchrt, also als ein klassischer (\u201easymmetrischer\u201c) Kolonialkrieg, der sich im Fall von Al-Qaida gegen einen Gegner ohne eigenes Territorium richtete.<\/p>\n<p>Die westdeutsche Armee wurde 1955 (gegen lebhafte Opposition der Remilitarisierungs-Gegner) auf Dr\u00e4ngen der Westm\u00e4chte gegr\u00fcndet, die DDR zog ein Jahr sp\u00e4ter nach. Die \u201eBundeswehr\u201c war in die NATO eingebunden, die \u201eNationale Volksarmee\u201c in den \u201eWarschauer Pakt\u201c; beide sollten der Verteidigung ihrer Teilstaaten und des Gesellschaftssystems dienen, in das sie eingebunden waren. Seit der Wiedervereinigung von BRD und DDR wurden kleinere Kontingente der deutschen Armee f\u00fcr insgesamt etwa 120 Auslandsoperationen eingesetzt.<\/p>\n<p>Der sozialdemokratische deutsche Verteidigungsminister Struck suchte im Dezember 2002 die Beteiligung von Bundeswehrkr\u00e4ften am Afghanistan-Krieg mit der These zu rechtfertigen, \u201edie Sicherheit der Bundesrepublik [werde] auch am Hindukusch verteidigt\u201c. Sp\u00e4ter setzte er in aller Einfalt noch eins drauf und t\u00f6nte, \u201edas Einsatzgebiet der Bundeswehr [sei] die ganze Welt.\u201c Es lohnt sich, \u00fcber Strucks \u201espontane\u201c Formulierung von 2002 nachzudenken. Zun\u00e4chst einmal ist \u201eSicherheit\u201c ja nicht etwas, das sich \u201everteidigen\u201c lie\u00dfe. Man kann sicher (also unbesorgt) sein oder auch einer Sache sicher sein, beim Schie\u00dfen gibt es die sichere Hand, beim Schlie\u00dfen das sichere Urteil, einen \u201esicheren Ort\u201c kann man ohne Sorge, verfolgt zu werden, aufsuchen, und schlie\u00dflich werden \u201eSicherheiten\u201c verlangt, wenn es um Kredite geht.<\/p>\n<p>Struck aber sprach von einer \u201eSicherheit&nbsp;<em>der<\/em>&nbsp;<em>Republik<\/em>\u201c, die \u201eam Hindukusch\u201c verteidigt werden m\u00fcsse. Keine Rede war von der Befriedung Afghanistans und schon gar nicht vom Schutz der deutschen Bev\u00f6lkerung vor aktuellen Gefahren, die keineswegs vom \u201eHindukusch\u201c ausgingen (oder ausgehen), sondern vom xenophoben Terror gegen \u201eFremde\u201c, der in den neunziger Jahren schon mehr als 100 Opfer gekostet hatte, vom Wiederauftauchen des verdr\u00e4ngten NS-Untergrunds und von den \u201eUntergangsmagneten\u201c \u2013 den seit den Tagen des \u201eKalten Kriegs\u201c in Deutschland eingelagerten (derzeit 20) US-Atombomben. Strucks einziges \u201eSicherheits\u201c-Thema war aber der US-Vergeltungskrieg gegen Al-Qaida und die unbotm\u00e4\u00dfigen Taliban, die die afghanische Bev\u00f6lkerung terrorisierten. Wie die deutsche Beteiligung an dem in diesen Tagen gescheiterten Unternehmen zustande kam, wei\u00df der seit 2018 amtierende sozialdemokratische Au\u00dfenminister Heiko Maas:<\/p>\n<p>\u201eDer Grund f\u00fcr den Afghanistaneinsatz waren die Anschl\u00e4ge vom 11. September 2001. Die NATO-Mission sollte sicherstellen, dass von afghanischem Boden aus keine terroristischen Anschl\u00e4ge mehr ver\u00fcbt werden.&nbsp;<em>Als dies erreicht war, ging der Einsatz aber trotzdem weiter. Pl\u00f6tzlich ging es um die Zukunft von Afghanistan.<\/em>&nbsp;Ist es unsere Aufgabe, f\u00fcr Frieden zu sorgen? F\u00fcr die Einhaltung der Menschenrechte? Geh\u00f6rt es auch dazu, unsere Staatsform zu exportieren? [\u2026] Zuweilen werden die Entscheidungen der NATO faktisch in Washington getroffen, und die NATO in Br\u00fcssel hat kaum die M\u00f6glichkeit mitzusprechen, sondern operationalisiert sie nur noch. Wir m\u00fcssen viel politischer diskutieren, ehe wir unsere Soldaten irgendwo hinschicken.\u201c<a href=\"https:\/\/www.sozonline.de\/2021\/09\/die-koalition-der-ahnungslosen\/#sdfootnote9sym\">9<\/a><\/p>\n<p>Maas\u2019 Schilderung der Afghanistan-Expedition und der deutschen Beteiligung an dem von der Bush-Regierung zuerst \u201eInfinite Justice\u201c, dann \u201eEnduring Freedom\u201c getauften Interventionskrieg vermittelt den Eindruck, dass die Verb\u00fcndeten der USA ahnungs- und willenlos wie Schlafwandler das ihnen suggerierte (chiliastische) Heilsversprechen des (damaligen) US-Pr\u00e4sidenten f\u00fcr bare M\u00fcnze nahmen und seinem Ruf zu den Waffen Folge leisteten, als gelte es, einen posthypnotischen Auftrag auszuf\u00fchren.<a href=\"https:\/\/www.sozonline.de\/2021\/09\/die-koalition-der-ahnungslosen\/#sdfootnote10sym\">10<\/a><\/p>\n<p>Die Leerformel \u201eSicherheit\u201c ist an die Stelle der millenaristischen Verhei\u00dfungen der \u00c4ra Bush getreten, und sie hat l\u00e4ngst Vorrang gegen\u00fcber der \u00e4lteren Rechtfertigung interventionistischer Unternehmungen, es gehe dabei um die Durchsetzung von Menschenrechten. Geht es um \u201eSicherheit\u201c, darf offen-bleiben, f\u00fcr wen und f\u00fcr was \u2013 und wer kann schon etwas gegen mehr \u201eSicherheit\u201c haben? So ist die Versicherung, es gehe um&nbsp;<em>mehr<\/em>&nbsp;Sicherheit, innen- wie au\u00dfenpolitisch ein idealer Tranquilizer. Wie bei \u201eGerechtigkeit\u201c, \u201eFreiheit\u201c oder eben \u201eVerantwortung\u201c handelt es sich auch bei \u201eSicherheit\u201c um einen&nbsp;<em>negativen<\/em>&nbsp;Begriff \u2013 er meint etwas, das es noch nicht (oder nicht mehr) gibt. Und w\u00e4hrend die Mehrheit der Erdbev\u00f6lkerung weder Sicherheit, noch Gerechtigkeit oder Freiheit kennt und f\u00fcr \u201egro\u00dfe\u201c und \u201ekleinere\u201c Menschheitsverbrechen niemand \u201everantwortlich\u201c sein will, rufen privilegierte Minderheiten und die von ihnen gew\u00e4hlten Repr\u00e4sentanten unabl\u00e4ssig nach mehr und mehr \u201eSicherheit\u201c, also nach der Absicherung des (unhaltbaren) internationalen und nationalen Status quo. \u201eSicherheit\u201c ist die Staatsr\u00e4son privilegierter Nationen, und Legitimit\u00e4t genie\u00dft bei ihnen, wer Sicherheit verspricht (\u201eSie kennen mich\u201c, und \u201eWir schaffen das!\u201c). 2020 waren weltweit 82 Millionen Menschen auf der Flucht; das entspricht einem Prozent der Erdbev\u00f6lkerung oder eben der Gesamtbev\u00f6lkerung der Bundesrepublik. Es handelt sich um Binnenfl\u00fcchtlinge, Fl\u00fcchtlinge oder Vertriebene aus Nachbarl\u00e4ndern und um transkontinentale Fl\u00fcchtlinge. Gleichzeitig erreichten die weltweiten R\u00fcstungsausgaben mit 20 Billionen Dollar einen neuen H\u00f6chststand. Wo immer Armutszonen an Zonen relativen Wohlstands grenzen, werden auf allen Kontinenten Mauern und Stacheldrahtverhaue hochgezogen, die die Klima-, Kriegs- und Elendsfl\u00fcchtlinge von den L\u00e4ndern ihrer Sehnsucht fernhalten sollen. \u201eReiche\u201c Nationalstaaten schotten sich gegen die Verelendungsregionen ab, und als 2015 die Vorhut der internationalen Fl\u00fcchtlings-Migration (etwa eine Million Menschen) an die T\u00fcren der Europ\u00e4er pochte und Einlass (vor allem nach Deutschland und Schweden) begehrte, kam es \u2013 nach kurzen, \u201ehumanit\u00e4r\u201c begr\u00fcndeten Grenz\u00f6ffnungen \u2013 zu einer hysterischen Reaktion der meisten Regierungen, die feierlich beschworen, die Interessen der wieder einmal \u201everunsicherten\u201c W\u00e4hlermehrheit k\u00fcnftig zu wahren. Die Politik der Abschreckung und Zur\u00fcckweisung wird seither als \u201eBek\u00e4mpfung des Schlepper-Unwesens\u201c deklariert, und an vorderster Front f\u00fchrt die \u201eFrontex\u201c-Organisation mit modernster Technologie den Kampf gegen \u201eillegale\u201c Migration. Dieser Abwehrkampf wird mit der euphemistischen Formel \u201e<em>Sicherung<\/em>&nbsp;der EU-Au\u00dfengrenzen\u201c umschrieben.<a href=\"https:\/\/www.sozonline.de\/2021\/09\/die-koalition-der-ahnungslosen\/#sdfootnote11sym\">11<\/a>&nbsp;Anstelle der Bek\u00e4mpfung der \u201eUrsachen\u201c der Migration, die eine Umverteilung des Weltreichtums voraussetzt und die darum nur als Verlegenheitsfloskel in den Reden von \u201eEntwicklungs\u201c-Politikern auftaucht, werden die Regierungen von Pufferstaaten (wie der T\u00fcrkei oder Libyen) mit Milliarden-Summen bestochen, asiatische und afrikanische Migranten von Europa fernzuhalten und in riesigen Auffanglagern zu isolieren und auf Dauer zu alimentieren. Das ist auch in der aktuellen Afghanistan-Krise, die eine neue Fl\u00fcchtlingswelle ausl\u00f6sen wird, das Mittel der Wahl, und die hartgesottenen christlichen Innenminister Deutschlands (Zimmermann) und \u00d6sterreichs (Nehammer) hielten noch in diesen August-Tagen an ihrem Plan fest, nicht als Asylanten anerkannte (oder straff\u00e4llig gewordene) Afghanistan-Fl\u00fcchtlinge mit Flugzeugen ins afghanische Chaos abzuschieben, weil sie f\u00fcrchten, dass sie mit jedem nicht-abgeschobenen Fl\u00fcchtling weitere W\u00e4hler an die rechtsextremen Parteien (AfD und FP\u00d6) verlieren\u2026 Derweil wird schon an einem neuen Mythos gestrickt: Die \u201eFl\u00fcchtlings-Krise\u201c von 2015 wird zur \u201eFl\u00fcchtlings-Katastrophe\u201c aufgebauscht, um mit diesem Schreckgespenst den weiteren Ausbau der Festung Europa zu legitimieren.<\/p>\n<p>Der 2012 verstorbene Struck konnte (2002) bei seiner Begr\u00fcndung f\u00fcr die Beteiligung der Bundeswehr an der millenaristisch aufgemotzten US-Intervention in Afghanistan die \u201eFl\u00fcchtlingskrise\u201c von 2015 nicht voraussehen, doch hatte seine Partei, die SPD, schon 1993 der (prophylaktischen) Einschr\u00e4nkung des Asylrechts durch eine Grundgesetz-\u00c4nderung zugestimmt, und eben das war die Weichenstellung f\u00fcr die deutsche Anti-Migrations-Politik, die jetzt die Opfer der vor zwei Jahrzehnten gestarteten Afghanistan-Intervention trifft.<\/p>\n<p>Strucks Rechtfertigungsversuch war die deutsche Einleitung zum Afghanistan-M\u00e4rchen, das amerikanische Spindoctors seit dem milit\u00e4rischen Sturz der Taliban (im Jahr 2001) verbreiteten: Auch nach Liquidierung von Al-Qaida \u2013 und ihres Anf\u00fchrers Bin Laden (2011) \u2013 sei es, angesichts der \u201eSicherheitslage\u201c, geboten, in Afghanistan milit\u00e4risch pr\u00e4sent zu bleiben und wenigstens Teile des Landes vor der Unterwanderung durch (aus Pakistan) zur\u00fcckkehrende Taliban zu sch\u00fctzen. Die milit\u00e4risch geschlagenen Taliban hatten bereits im November 2001 den USA einen \u201edeal\u201c angeboten \u2013 bedingungslose Kapitulation gegen Amnestie \u2013, den diese freilich ausschlugen.<a href=\"https:\/\/www.sozonline.de\/2021\/09\/die-koalition-der-ahnungslosen\/#sdfootnote12sym\">12<\/a>&nbsp;Nach dem \u201eregime-change\u201c wollten sie das \u201enation-building\u201c in Angriff nehmen, mit dem Ziel, in Afghanistan eine parlamentarische Demokratie zu installieren und eine neue Armee aufzubauen, die die Kabuler Marionetten-Regierung gegen Islamisten und Warlords verteidigen k\u00f6nne. Diese mit Dollarmilliarden kreierte, mit modernsten Destruktionsmitteln ausger\u00fcstete und von alliierten (unter anderem deutschen) Ausbildern geschulte Armee l\u00f6ste sich in der ersten Augusth\u00e4lfte 2021 in Luft auf. 300.000 Mann (denen nur 30.000 bis 60.000 Taliban gegen\u00fcberstanden) verschwanden fast widerstandslos, gerade so wie ihre \u201ewestlichen\u201c Mitk\u00e4mpfer, Ausbilder und Aufseher.<a href=\"https:\/\/www.sozonline.de\/2021\/09\/die-koalition-der-ahnungslosen\/#sdfootnote13sym\">13<\/a><\/p>\n<p>Struck war blind f\u00fcr seine Gegenwart, k\u00fcmmerte sich nicht um die (absehbare) Zukunft und ignorierte die Vergangenheit.<a href=\"https:\/\/www.sozonline.de\/2021\/09\/die-koalition-der-ahnungslosen\/#sdfootnote14sym\">14<\/a>&nbsp;Welche? Die der \u2013 im Rahmen der deutschen Kolonialgeschichte \u2013 seit dem ersten Weltkrieg, wie immer diskontinuierlich, unterhaltenen Freundschafts-Beziehungen zwischen wechselnden deutschen und afghanischen Regimen. Schon im ersten Weltkrieg entsandte das Kaiserreich eine Expedition, die (vergeblich) versuchte, Afghanistan \u2013 als Bundesgenossen der Mittelm\u00e4chte \u2013 gegen Britisch-Indien in Stellung zu bringen. Nach der 1919\/21 erlangten Unabh\u00e4ngigkeit schlossen die Regierungen der Weimarer Republik dann eine Reihe von Handels- und Entwicklungshilfe-Vertr\u00e4gen mit Kabul ab, und das (nicht mehr als Kolonialmacht diskreditierte) Deutschland r\u00fcckte bald zum wichtigsten Modernisierer des Landes auf. Diese Zusammenarbeit wurde auch von Hitler-Deutschland \u2013 im Hinblick auf die Bed\u00fcrfnisse der deutschen Aufr\u00fcstung und Kriegs-Wirtschaft \u2013 fortgef\u00fchrt. Firmen wie Siemens, die IG-Farben oder die Hartmann-AG bauten Stra\u00dfen, Kan\u00e4le und Talsperren, investierten in die Elektrifizierung des Landes, bauten ein Telefonnetz auf etc. Neben 200 technischen Experten waren insgeheim auch deutsche Offiziere und Berater in der (damaligen) afghanischen Armee t\u00e4tig.<a href=\"https:\/\/www.sozonline.de\/2021\/09\/die-koalition-der-ahnungslosen\/#sdfootnote15sym\">15<\/a><\/p>\n<p>\u201eOffiziere der Wehrmacht modernisierten Afghanistans Armee; Polizei und Geheimdienst wurden von Deutschen reorganisiert. Deutschland wurde f\u00fcr die gesamte landwirtschaftliche und industrielle Planung sowie den Ausbau des Stra\u00dfenwesens Afghanistans federf\u00fchrend. Auch in das gesamte Erziehungs- und Ausbildungswesen schalteten sich die Nationalsozialisten ein.\u201c<a href=\"https:\/\/www.sozonline.de\/2021\/09\/die-koalition-der-ahnungslosen\/#sdfootnote16sym\">16<\/a><\/p>\n<p>Doch auch dieser Traum von einem profaschistischen Keil zwischen Britisch-Indien und der Sowjetunion ging nicht auf; Afghanistan blieb auch im zweiten Weltkrieg neutral.<\/p>\n<p>Angst vor&nbsp;<em>Verunsicherung<\/em>&nbsp;blockiert nicht nur den Blick \u00fcber Landes- und Block-Grenzen hinaus, sondern auch den \u00fcber die Grenzen der Gegenwart. Das bewusstlose Leben im isolierten Pr\u00e4sens ist allemal angenehmer als der Versuch, zuerst einmal die jeweilige Gegenwart in ihrem Zusammenhang mit der angestrengt vergessenen Vergangenheit zu begreifen.<a href=\"https:\/\/www.sozonline.de\/2021\/09\/die-koalition-der-ahnungslosen\/#sdfootnote17sym\">17<\/a>&nbsp;Doch solche Simplifizierung r\u00e4cht sich, denn ahnungs- und bedenkenloses, folgenblindes Agieren f\u00fchrt dazu, dass den Vergesslichen die fatale Vergangenheit als ihre Zukunft wieder entgegenkommt.<\/p>\n<p><strong>Vom Wunschtraum zum Albtraum<\/strong><\/p>\n<p>Die korrupte Regierung in Kabul war (wie die Interventionstruppen) au\u00dferstande, das Land zu befrieden; notgedrungen paktierte sie mit terroristischen Warlords und konnte sich nur durch Wahlf\u00e4lschung am Ruder halten. Die USA-Regierung sah aber keine Alternative zum Pr\u00e4sidenten Karzai und seinem Nachfolger Ghani (der sich noch am Nachmittag des 15. August samt Kriegskasse in die Golfstaaten rettete) und verteidigte sie jahrelang auf Gedeih und Verderb. L\u00e4ngst hatten sich die milit\u00e4rischen Mittel gegen\u00fcber den propagierten hehren Zielen verselbst\u00e4ndigt, und die US-Armee, die einmarschiert war, um das Land von islamistischer Despotie zu befreien, galt der (von \u201eKollateralsch\u00e4den\u201c vielfach betroffenen) Bev\u00f6lkerung mehr und mehr nur als eine weitere fremde Besatzungsmacht. Christian Neef berichtet von einem Besuch im Sommer des Jahres 2000 bei Ahmed Massud, der gegen die sowjetischen Truppen wie gegen die Taliban k\u00e4mpfte. \u201e&gt;Worum wird eigentlich noch gek\u00e4mpft in Afghanistan&lt;, fragten wir ihn [\u2026]. Massud sagte: &gt;Gegen das Eingreifen des Auslands in unsere Angelegenheiten&lt;. [Er] w\u00e4hlte damit die einzige Formel, auf die sich alle afghanischen Streitparteien immer wieder einigen konnten und die der Westen seit fast 200 Jahren, seit dem ersten Eingreifen der Engl\u00e4nder, noch immer nicht begriffen hat.\u201c<a href=\"https:\/\/www.sozonline.de\/2021\/09\/die-koalition-der-ahnungslosen\/#sdfootnote18sym\">18<\/a><\/p>\n<p>Am Ende war es derungehobelte Immobilien-Mogul Trump, den viele Millionen ratloser US-W\u00e4hler f\u00fcr einen der Ihren hielten und der (mit skurrilen Auftritten und Twitter-Botschaften) ein paar Jahre lang den politischen Repr\u00e4sentanten des Weltkapitals mimte, der im Fr\u00fchjahr 2020 zu dem Schluss kam, die Intervention in Afghanistan habe sich als Fehlinvestition erwiesen und sei darum abzubrechen. Der zwischen den USA und den Taliban Ende Februar 2020 in Doha (Katar) direkt (n\u00e4mlich ohne Beteiligung der Verb\u00fcndeten oder der afghanischen Regierung) ausgehandelte \u201eDeal\u201c sah (im Tausch gegen eine Zusicherung der Taliban-Vertreter, k\u00fcnftig keine Angriffe auf die USA und ihre Verb\u00fcndeten mehr zu unternehmen) schlicht den Abzug der US-Truppen bis April 2021 vor.<a href=\"https:\/\/www.sozonline.de\/2021\/09\/die-koalition-der-ahnungslosen\/#sdfootnote19sym\">19<\/a>&nbsp;Die gro\u00dfe Illusion, f\u00fcr deren Aufrechterhaltung Zehntausende von Menschenleben geopfert<a href=\"https:\/\/www.sozonline.de\/2021\/09\/die-koalition-der-ahnungslosen\/#sdfootnote20sym\">20<\/a>&nbsp;und Billionen Dollar und Euro verpulvert worden waren, zerplatzte wie eine Seifenblase. Trumps \u201edeal\u201c wurde von seinem Nachfolger Biden nicht widerrufen, und die Folgen dieses \u201edeals\u201c diskreditieren nun dessen Pr\u00e4sidentschaft, zumal er noch f\u00fcnf Wochen vor dem 15. August, an dem die Taliban Kabul erreichten, im R\u00fcckblick auf die chaotische Flucht von Amerikanern und \u201eOrtskr\u00e4ften\u201c aus Saigon am 29.\/30. April 1975 gesagt hatte, dass sich \u201eso etwas\u201c in Kabul wiederhole, sei h\u00f6chst unwahrscheinlich.<\/p>\n<p>In Deutschland schienen die f\u00fcr den Bundeswehreinsatz Verantwortlichen \u2013 die Kanzlerin, die Regierungskoalition, das Parlament, die Verteidigungs- und der Au\u00dfenminister, ganz zu schweigen von der Generalit\u00e4t \u2013 von all\u2019 dem nichts zu bemerken. Sie lie\u00dfen den Dingen anderthalb Jahre lang ihren Lauf, als sei nichts geschehen. Noch halb im Tagtraum der \u201eDemokratisierung\u201c Afghanistans befangen, wurden sie vom Einmarsch der Taliban in Kabul \u00fcberrascht und stehen nun nicht nur vorm Tr\u00fcmmerhaufen ihrer Illusionen, sondern vor dem Faktum, dass es inzwischen technisch und politisch nicht mehr m\u00f6glich ist, ein paar Hunderttausend afghanische Helfer (\u201eOrtskr\u00e4fte\u201c) rechtzeitig zu retten, ganz zu schweigen von den Millionen Afghanen, die aus Angst vor einer neuerlichen Taliban-Herrschaft aus dem Land fliehen wollen. Verdatterte Politiker der deutschen Regierung stimmen nun aber erst einmal ein Loblied auf das Bundeswehr-Kommando an, das zu guter Letzt noch 5.200 deutschen und afghanischen Fl\u00fcchtlingen aus Kabul heraushalf. Sie tun das in der Hoffnung, dass dar\u00fcber in Vergessenheit ger\u00e4t, was die Bundeswehr in Afghanistan&nbsp;<em>eigentlich<\/em>&nbsp;sollte und dass die deutsche Regierung (und ihr Nachrichtendienst) die aktuelle Notlage der Fl\u00fcchtlinge selbst mitverschuldet haben. Unsanft aus dem Schlaf der Unvernunft geweckt, finden Kanzlerin und Kabinett sich in einem h\u00f6chst realen Albtraum wieder, und es ist bemerkenswert, wie rasch sie sich auch mit der neuartigen Rolle der Bundeswehr abfinden, die nun als Fluchthelfer und Schleuser fungiert. Im Hintergrund aber stricken, nachdem der US-Kreuzzugs-Mythos diskreditiert ist, Nazis und Konservative l\u00e4ngst an einem neuen. Der Phantasie, die wilden Taliban (wie alle \u201eFeinde unserer Freiheit und Sicherheit\u201c) z\u00e4hmen oder massakrieren zu k\u00f6nnen, folgt nun die hysterische Furcht, Heerscharen fremdartiger, darum h\u00f6chst gef\u00e4hrlicher Afghanistan-Fl\u00fcchtlinge st\u00fcnden demn\u00e4chst vor den Toren Europas, um die Einheimischen \u2013 wie 2015 geprobt \u2013 zu \u00fcberrennen und Deutschland in eine muslimische Kolonie zu verwandeln.<a href=\"https:\/\/www.sozonline.de\/2021\/09\/die-koalition-der-ahnungslosen\/#sdfootnote21sym\">21<\/a><\/p>\n<p>Was die Menschen in Deutschland, \u00d6sterreich und \u00e4hnlich privilegierten L\u00e4ndern unabl\u00e4ssig \u201eirritiert\u201c und \u201everunsichert\u201c, ist, dass die Folgen der profitorientierten Wirtschaftsweise nicht nur die au\u00dfereurop\u00e4isch-au\u00dferamerikanische Welt verheeren, sondern auch in den Zentren der kapitalistischen Entwicklung sp\u00fcrbar werden, die nun von neuartigen Unwettern (Fluten und St\u00fcrmen), von \u201echinesischen\u201c oder \u201eafrikanischen\u201c Krankheiten und Fl\u00fcchtlings-\u201eWellen\u201c heimgesucht werden. Ihre politischen Tranquilizer aber sind, wenn die Katastrophe der Politik, die sie als \u201ealternativlos\u201c anpriesen, eingetreten ist, stets rasch bei der Hand, das Tor zur ruin\u00f6sen Vergangenheit, die sie uns eingebrockt haben, hinter sich zuzuschlagen und lauthals zu verk\u00fcnden,&nbsp;<em>jetzt<\/em>&nbsp;gehe es&nbsp;<em>nicht<\/em>&nbsp;<em>darum<\/em>, dar\u00fcber&nbsp;<em>nachzudenken<\/em>, wer wann was falsch gemacht habe (wer also daf\u00fcr \u201everantwortlich\u201c sei). Eilig salvieren sie sich und ihre W\u00e4hler, indem sie sie aufrufen, unentwegt nach vorn zu blicken, wo uns freilich nichts anderes erwartet als die dem Vergessen \u00fcberantwortete Vergangenheit: die Wiederholung aller Fehler, die nie als solche benannt wurden und f\u00fcr die sich nie jemand verantworten musste.<\/p>\n<p><strong>Bilanzen<\/strong><\/p>\n<p>Am 15. August 2021 zerriss (wieder einmal) der Schleier der kollektiven IIlusion, dass die Oasenbewohner sich die sie umgebende Weltw\u00fcste mit Geld und Waffen dauerhaft vom Leib halten k\u00f6nnten und dass die bedeutendste Wirtschafts- und Milit\u00e4rmacht das Wunder zustande bringen werde, in ein paar Jahren oder Jahrzehnten ein r\u00fcckst\u00e4ndiges und von jahrzehntelangen Kriegen verheertes Land mit Hilfe modernster Destruktionsmittel nicht nur dauerhaft zu befrieden, sondern es auch noch zu \u201edemokratisieren\u201c (was immer das hei\u00dfen mag). Der Wirklichkeitssinn bekam f\u00fcr kurze Zeit eine Chance, und einige der versp\u00e4teten (und bald wieder vergessenen) Einsichten aus diesen Tagen der Ern\u00fcchterung seien hier festgehalten:<\/p>\n<p>Nach zwei Jahrzehnten riesiger Milit\u00e4r- und Aufbauhilfen<a href=\"https:\/\/www.sozonline.de\/2021\/09\/die-koalition-der-ahnungslosen\/#sdfootnote22sym\">22<\/a>&nbsp;und ungeheurer Menschenopfer res\u00fcmiert Nikolaus Busse in der&nbsp;<em>Frankfurter Allgemeinen<\/em>: \u201eWestliche Interventionen in der islamischen Welt haben zu Instabilit\u00e4t, Migration nach Europa und geopolitischen Gel\u00e4ndegewinnen von China und Russland gef\u00fchrt.\u201c<a href=\"https:\/\/www.sozonline.de\/2021\/09\/die-koalition-der-ahnungslosen\/#sdfootnote23sym\">23<\/a>&nbsp;12 Tage sp\u00e4ter folgt ihm Gerald Braunberger:<\/p>\n<p>\u201eGescheitert sind die Versuche, in daf\u00fcr nicht geeigneten L\u00e4ndern eine Staatenbildung von au\u00dfen und unter Zuhilfenahme erheblicher milit\u00e4rischer Mittel zu erzwingen. Gescheitert sind Versuche, unter Einsatz gro\u00dfer Geldsummen moderne wirtschaftliche Strukturen zu etablieren und damit den Aufbau einer stabilen Zivilgesellschaft zu unterst\u00fctzen. Ein nicht geringer Teil des Geldes ist auf dem Wege der Korruption versickert.\u201c<a href=\"https:\/\/www.sozonline.de\/2021\/09\/die-koalition-der-ahnungslosen\/#sdfootnote24sym\">24<\/a><\/p>\n<p>Aufschlussreich sind die Voten dreier Irak- beziehungsweise Afghanistan-Veteranen:<\/p>\n<p>Marcel Bohnert schreibt, die Bundeswehr sei 2001 in das geschundene Land am Hindukusch hineingestolpert. \u201eWir waren unendlich naiv: zwei Jahrzehnte hat der Einsatz gedauert, es gab rund 160.000 Entsendungen deutscher Soldatinnen und Soldaten nach Afghanistan. 59 von ihnen kamen nicht lebend zur\u00fcck, 35 davon starben bei Anschl\u00e4gen und in Gefechten. Mehrere Hundert wurden verwundet, Tausende traumatisiert.\u201c<a href=\"https:\/\/www.sozonline.de\/2021\/09\/die-koalition-der-ahnungslosen\/#sdfootnote25sym\">25<\/a>&nbsp;Bohnert vermisst die Anerkennung von Staat und Bev\u00f6lkerung f\u00fcr diesen Einsatz; der Gedanke, die \u201epolitische Leitung\u201c zur Rechenschaft zu ziehen, die \u2013 selbst \u201eunendlich naiv\u201c \u2013 das Heer der \u201eunendlich naiv\u201c gehaltenen Soldaten in diesen aussichtslosen Kolonialkrieg schickte, liegt ihm fern.<a href=\"https:\/\/www.sozonline.de\/2021\/09\/die-koalition-der-ahnungslosen\/#sdfootnote26sym\">26<\/a><\/p>\n<p>Anders Timothy Kudo: \u201eJetzt [aus Afghanistan] abzuziehen, mag f\u00fcr Amerika die richtige Entscheidung gewesen sein, doch es ist eine Katastrophe f\u00fcr die afghanische Bev\u00f6lkerung, die wir betrogen haben.\u201c Nicht nur Pr\u00e4sident Obama, auch die hauptverantwortlichen Kommandeure, die f\u00fcr das jetzige Desaster verantwortlich sind, verdienen keine Bewunderung, so wenig wie diejenigen, die sich nun Tag f\u00fcr Tag dar\u00fcber wundern, \u201edass wir den besten Teil unseres Lebens einer solchen L\u00fcge opfern konnten\u201c. Und was soll man schlie\u00dflich von meinen Landsleuten sagen, die 20 Jahre lang f\u00fcr die Pr\u00e4sidenten und Abgeordneten gestimmt haben, die uns diese Niederlage eingebrockt haben. \u201eDiese nationale Schande h\u00e4ngt uns wie ein M\u00fchlstein am Hals.\u201c<a href=\"https:\/\/www.sozonline.de\/2021\/09\/die-koalition-der-ahnungslosen\/#sdfootnote27sym\">27<\/a>&nbsp;Denn W\u00e4hler und Soldaten haben es in den USA wie in der Bundesrepublik vers\u00e4umt, gegen eine Regierung zu rebellieren, die sie in das hoffnungslose Afghanistan-Abenteuer hineingef\u00fchrt hat.<\/p>\n<p>Jeffrey Montrose k\u00e4mpfte seit 2004 im Irak und sagt (in einem Interview mit Ph. Albrechtsberger): \u201eDie langfristige Rechtfertigung f\u00fcr beide Eins\u00e4tze [Afghanistan und Irak] war ident: Es ging darum, demokratische Strukturen zu schaffen [\u2026]. Nicht nur wir Soldaten verstanden die eigene Mission nicht wirklich, auch die irakische Bev\u00f6lkerung verstand den Einsatz kaum. Parallelen gibt es auch in Afghanistan. [\u2026] Das Problem ist einfach, dass die Armee die falsche Organisation ist, um Demokratie zu f\u00f6rdern. [\u2026] Als ich aus dem Irak zur\u00fcckkam, wusste ich, ich muss vielleicht irgendwann wieder meine Kompanie in einen [solchen] Einsatz f\u00fchren. Das konnte ich mit meinem Gewissen nicht mehr vereinbaren.\u201c<a href=\"https:\/\/www.sozonline.de\/2021\/09\/die-koalition-der-ahnungslosen\/#sdfootnote28sym\">28<\/a><\/p>\n<p>Einer, der nicht erst heute den Afghanistan-Krieg prinzipiell in Frage stellt, ist Jochen Hippler, der hier abschlie\u00dfend zu Wort kommen soll. Ob Analytiker wie er jetzt geh\u00f6rt werden, steht freilich dahin\u2026 Hippler schrieb (2016):<\/p>\n<p>\u201eEs gab seitens des Westens nie wirklich eine koh\u00e4rente Strategie und Politik des Aufbaus demokratischer Staatlichkeit, trotz aller anderslautenden Rhetorik und allem siegesgewissen Selbstbetrug. Zuerst glaubte man, die immensen Probleme ignorieren zu k\u00f6nnen und mit wenigen Tausend Soldaten zurechtzukommen. [\u2026] Als dann die Sicherheitslage immer schlechter wurde, versuchten es die USA und die NATO mit Repression, die \u2013 so die Aussage beteiligter britischer Soldaten \u2013 mit der \u00dcberbetonung milit\u00e4rischer Feuerkraft an das gescheiterte Vorgehen der Sowjetunion erinnerte. [Die politisch und milit\u00e4risch Verantwortlichen schafften es nicht,] sich aus dem selbst gebauten Gef\u00e4ngnis der Missverst\u00e4ndnisse zu befreien. [\u2026] In vielen F\u00e4llen haben NATO-Einheiten \u2013 voran das Milit\u00e4r und ihre Special Forces \u2013 in der Bev\u00f6lkerung diskreditierte Warlords [wie etwa Gul Agha Schersai in Kandahar] erst wieder m\u00e4chtig gemacht und sogar mit Staats\u00e4mtern versorgt. In anderen F\u00e4llen haben sie dabei zugesehen, wenn die afghanische Regierung dies tat. Tolerierte Wahlf\u00e4lschung und der Ausbau Afghanistans zu einem Narco-Staat kommen dazu \u2013 alles trotz wiederholter Proteste durchgewinkt, um den &gt;Kampf gegen die Taliban&lt; nicht zu st\u00f6ren. Dies ist am Ende eine der zentralen Ursachen, warum die Befriedung und Entwicklung Afghanistans politisch scheiterte und der Krieg verloren ging. Der Aufbau demokratischer Strukturen blieb eine Schim\u00e4re [\u2026] Und den Krieg wird letztlich derjenige gewinnen, der von der Bev\u00f6lkerung als das kleinere \u00dcbel akzeptiert wird.\u201c<a href=\"https:\/\/www.sozonline.de\/2021\/09\/die-koalition-der-ahnungslosen\/#sdfootnote29sym\">29<\/a><\/p>\n<p>(1. 9. 2021)<\/p>\n<p><strong>Fussnoten<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.sozonline.de\/2021\/09\/die-koalition-der-ahnungslosen\/#sdfootnote1anc\">1<\/a>&nbsp;<em>Gesammelte Werke<\/em>, Bd. 5, Berlin 1975, S. 521. Vgl. auch Davis, Mike (2001):&nbsp;<em>Die Geburt der Dritten Welt<\/em>. Hungerkatastrophen und Massenvernichtung im imperialistischen Zeitalter. Berlin (Assoziation A) 2005.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.sozonline.de\/2021\/09\/die-koalition-der-ahnungslosen\/#sdfootnote2anc\">2<\/a>&nbsp;Die osmanische Provinz \u00c4gypten kam, nachdem deren autokratisch regierender Gouverneur Gro\u00dfbritannien um Hilfe gegen eine nationalistische Bewegung gebeten hatte (die sich gegen die internationale Finanzkontrolle des Landes richtete), 1882 unter britische Herrschaft. 1885 organisierte der charismatische Prediger Muhammad al-Mahdi einen islamistisch-chiliastischen Aufstand gegen die \u00e4gyptisch-britische Herrschaft und gr\u00fcndete ein Kalifat, das sich bis 1899 milit\u00e4risch behaupten konnte. Dies sudanesische war eine Art Vorl\u00e4ufer des 2014 (in Teilen Syriens und des Iraks) proklamierten Kalifats des \u201eIslamischen Staats\u201c.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.sozonline.de\/2021\/09\/die-koalition-der-ahnungslosen\/#sdfootnote3anc\">3<\/a>&nbsp;Die kubanische Guerilla-Bewegung, der es 1959 gelungen war, den Diktator Batista zu st\u00fcrzen, hatte 1961 gen\u00fcgend R\u00fcckhalt in der Bev\u00f6lkerung, um die CIA-gest\u00fctzte Invasion exilkubanischer S\u00f6ldner abzuwehren. Die von den USA \u00fcber den Inselstaat verh\u00e4ngte Wirtschaftsblockade trieb 1964 die Fidel-Castro-F\u00fchrung in die Arme der Sowjetunion\u2026<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.sozonline.de\/2021\/09\/die-koalition-der-ahnungslosen\/#sdfootnote4anc\">4<\/a>&nbsp;Afghanistan hat eine der h\u00f6chsten Geburtenraten der Welt, ein Viertel seiner Bev\u00f6lkerung ist unterern\u00e4hrt, ein Drittel analphabetisch. Lebensmittel machen ein Drittel der Importe aus. Diverse Auslandshilfen betrugen im Jahr 2020 etwa 50 Prozent des Bruttoinlands-Produkts. Vgl. dazu Piller, Tobias (2021): \u201eAfghanistan vom Hunger bedroht.\u201c&nbsp;<em>Frankfurter Allgemeine Zeitung<\/em>, 20. 8. 2021, S. 15.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.sozonline.de\/2021\/09\/die-koalition-der-ahnungslosen\/#sdfootnote5anc\">5<\/a>&nbsp;Die \u201eTaliban\u201c, die in Afghanistan schlie\u00dflich die Oberhand gewannen, waren in pakistanischen Religionsschulen und Milit\u00e4rlagern ausgebildet worden. CIA und ISI (der pakistanische Geheimdienst) gaben den theokratisch orientierten Taliban als potentieller Ordnungsmacht zun\u00e4chst den Vorzug gegen\u00fcber den rivalisierenden Warlords, die nach dem Abzug der Sowjets das Land unter sich aufgeteilt hatten. Dann aber liefen die favorisierten Koransch\u00fcler, die zwischen den verschiedenen Fraktionen von \u201eUngl\u00e4ubigen\u201c (Russen und Amerikanern) nur taktisch unterschieden, aus dem Ruder und wandten sich gegen ihre Finanziers und Kontrolleure. Al-Quaida war ein von den USA gegen die Sowjetunion geschleuderter Bumerang, der Jahre sp\u00e4ter im Pentagon einschlug\u2026<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.sozonline.de\/2021\/09\/die-koalition-der-ahnungslosen\/#sdfootnote6anc\">6<\/a>&nbsp;Vgl. dazu meinen Artikel \u201eKrieg gegen Terror\u201c in: Dahmer (2009):&nbsp;<em>Divergenzen<\/em>. M\u00fcnster (Westf\u00e4lisches Dampfboot), S. 190-208.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.sozonline.de\/2021\/09\/die-koalition-der-ahnungslosen\/#sdfootnote7anc\">7<\/a>&nbsp;47 NATO-Staaten und einige nicht der NATO zugeh\u00f6rige Staaten entsandten im Rahmen der ISAF (der Internationalen Sicherheits-Unterst\u00fctzungstruppe) ein Interventionsheer, das 2003 weit \u00fcber 100.000 Mann umfasste (was etwa der St\u00e4rke der (legalen) deutschen \u201eReichswehr\u201c zur Zeit der Weimarer Republik entsprach). \u2013 Einen \u00dcberblick \u00fcber die in Afghanistan \u201eversickerten\u201c Gelder gibt \u201ewvp\u201c in seinem Artikel \u201eWo ist das ganze Geld f\u00fcr Afghanistan geblieben? Hunderte Milliarden Dollar Entwicklungshilfe haben kaum geholfen. Gelder versickern in Briefkastenunternehmen in Steueroasen.\u201c F.A.Z. vom 30. 8. 2021, S. 19.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.sozonline.de\/2021\/09\/die-koalition-der-ahnungslosen\/#sdfootnote8anc\">8<\/a>&nbsp;Zwei Drittel der Bev\u00f6lkerung sind verarmt und werden von internationalen Hilfsorganisationen erhalten; Millionen sind in den letzten Jahrzehnten aus Afghanistan in die Nachbarl\u00e4nder (vor allem Pakistan und Iran) geflohen, weitere Millionen haben eine R\u00fcckkehr versucht; zudem gibt es Hunderttausende von Binnenfl\u00fcchtlingen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.sozonline.de\/2021\/09\/die-koalition-der-ahnungslosen\/#sdfootnote9anc\">9<\/a>&nbsp;\u201eAfghanistan darf sich nicht wiederholen\u201c,&nbsp;<em>Spiegel<\/em>-Gespr\u00e4ch mit H. Maas (\u00fcber R\u00fccktrittsforderungen, die gef\u00e4hrliche Rettung der afghanischen Ortskr\u00e4fte und die milit\u00e4rische Abh\u00e4ngigkeit von den USA);&nbsp;<em>Der Spiegel<\/em>, 21. 8. 2021, S. 28 ff. (von mir unterstrichen, H. D.). Dass eine Niederlage (des \u201eWestens\u201c) wie die jetzige in Afghanistan \u201esich nicht wiederholen d\u00fcrfe\u201c, haben die Kolonialm\u00e4chte \u2013 seit den Tagen von Tenochtitl\u00e1n (1520) oder Khartum (1885), nach der Niederlage in der Schweinebucht (1961) oder der Flucht aus Saigon (1975) \u2013 stets wieder beschworen. Maas sieht die Schuld f\u00fcr das aktuelle Desaster bei den US-Pr\u00e4sidenten Trump und Biden (die ohne Konsultation der amtierenden afghanischen Regierung und ihrer Verb\u00fcndeten agierten), m\u00f6chte aber der Nato den Weg zu weiteren Abenteuern solcher Art nicht verbauen: Es \u201ebleibt die Frage, ob solche Missionen nicht auch in Zukunft unter Nato-F\u00fchrung m\u00f6glich sein m\u00fcssen. [\u2026] Das Scheitern in Afghanistan darf nicht dazu f\u00fchren, dass wir uns au\u00dfen- und sicherheitspolitisch komplett der Verantwortung auf der Welt verweigern.\u201c Maas meint es wirklich so: \u201eWir\u201c (die Deutschen bzw. die Bundeswehr)&nbsp;<em>m\u00fcssen<\/em>&nbsp;\u201eVerantwortung\u201c auf der ganzen Welt \u00fcbernehmen\u2026<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.sozonline.de\/2021\/09\/die-koalition-der-ahnungslosen\/#sdfootnote10anc\">10<\/a>&nbsp;Dass sich auch die US-Planer \u201eahnungslos\u201c in ihr Afghanistan-Abenteuer st\u00fcrzten, bezeugt General Douglas E. Lute, der in den Jahren 2013-17 Sicherheitsberater des Pr\u00e4sidenten G. W. Bush f\u00fcr Irak und Afghanistan war. In einem Interview, das in den Bericht \u00fcber die \u201eFehler\u201c der Regierung, die zum l\u00e4ngsten Krieg der USA f\u00fchrten (n\u00e4mlich die 2019 von der&nbsp;<em>Washington Post<\/em>&nbsp;ver\u00f6ffentlichten<em>&nbsp;Afghanistan Papers<\/em>), aufgenommen wurde, sagte er: \u201eWir hatten kein Grundverst\u00e4ndnis von Afghanistan \u2013 wir wussten nicht, was wir taten. [\u2026] Wir hatten nicht die geringste Ahnung von dem, was wir vorhatten.\u201c Tariq Ali zitiert dies Statement in seinem (f\u00fcr den Blog der&nbsp;<em>New Left Review&nbsp;<\/em>geschriebenen) Artikel \u201eDebacle in Afghanistan\u201c vom 16. 8. 2021. (Ich zitiere Douglas Lute nach der deutschen \u00dcbersetzung von Angela Klein f\u00fcr die K\u00f6lner&nbsp;<em>Sozialistische Zeitung<\/em>, H. D.)<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.sozonline.de\/2021\/09\/die-koalition-der-ahnungslosen\/#sdfootnote11anc\">11<\/a>&nbsp;In den letzten 7 Jahren sind nach Sch\u00e4tzungen etwa 22.000 Fl\u00fcchtlinge beim Versuch, \u00fcber das Mittelmeer nach Europa zu gelangen, ertrunken.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.sozonline.de\/2021\/09\/die-koalition-der-ahnungslosen\/#sdfootnote12anc\">12<\/a>&nbsp;Strucks Partner Richard Armitage, der damalige Vize-Au\u00dfenminister der USA, schnitt (im September 2001) dem pakistanischen General und Geheimdienstchef Mahmood Ahmed das Wort ab, als der ihn daran erinnerte, dass viele Taliban an dem von den USA gest\u00fctzten Kampf gegen die sowjetischen Besatzungstruppen in Afghanistan teilgenommen hatten. Armitage w\u00f6rtlich: \u201eNein, die Geschichte beginnt heute!\u201c Rubin, Alissa, J. (2021): \u201eA long war that might have ended in months.\u201c&nbsp;<em>The New York Times<\/em>, International Edition, 24. 8. 2021, S. 1 und S. 4 (Zitat auf S. 4).<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.sozonline.de\/2021\/09\/die-koalition-der-ahnungslosen\/#sdfootnote13anc\">13<\/a>&nbsp;Eine solche rasche Neutralisierung und Aufl\u00f6sung moderner Armeen ist keineswegs einzigartig. Als die deutschen NS-Taliban im M\u00e4rz 1938 \u00d6sterreich annektierten, \u201everschwand\u201c die Armee der austrofaschistischen Republik \u00fcber Nacht kampflos in der Versenkung. Und als im Fr\u00fchjahr 1979 das Schah-Regime zusammenbrach, weigerte sich die (von den USA) hochger\u00fcstete iranische Armee \u2013 damals die f\u00fcnftgr\u00f6\u00dfte Milit\u00e4rmacht der Welt \u2013, gegen die revolution\u00e4ren, religi\u00f6s oder sozialistisch orientierten Massenbewegungen vorzugehen, und wurde (nach vielen Desertationen und einem Putschversuch) \u201eges\u00e4ubert\u201c und aufgel\u00f6st.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.sozonline.de\/2021\/09\/die-koalition-der-ahnungslosen\/#sdfootnote14anc\">14<\/a>&nbsp;Vgl. dazu Rubin, Alissa (2021), a. a. O. (Anm. 12).<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.sozonline.de\/2021\/09\/die-koalition-der-ahnungslosen\/#sdfootnote15anc\">15<\/a>&nbsp;Die wirtschaftlich-milit\u00e4rische Zusammenarbeit Deutschlands und Afghanistans wurde von manchen afghanischen Intellektuellen auch deshalb begr\u00fc\u00dft, weil sie der Legende von der Herkunft der \u201eArier\u201c aus dem sagenhaften antiken Reich \u201eAriana\u201c anhingen. Vgl. dazu Jan Kuhlmann, \u201eBr\u00fcder im Geiste, Br\u00fcder im Wahn\u201c,&nbsp;<em>taz<\/em>&nbsp;vom 13. 1. 2003.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.sozonline.de\/2021\/09\/die-koalition-der-ahnungslosen\/#sdfootnote16anc\">16<\/a>&nbsp;<em>Wikipedia<\/em>-Artikel \u201eGeschichte Afghanistans\u201c (2021). Siehe auch Conrad Schetters&nbsp;<em>Kleine Geschichte Afghanistans<\/em>&nbsp;(M\u00fcnchen, Beck, 2017, S. 14-18) und den (von der \u201eBundeszentrale f\u00fcr politische Bildung\u201c ver\u00f6ffentlichten) Aufsatz Reinhard M\u00f6llers, \u201eDeutschlands Engagement in Afghanistan. Vom Ersten Weltkrieg bis zur Gegenwart\u201c.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.sozonline.de\/2021\/09\/die-koalition-der-ahnungslosen\/#sdfootnote17anc\">17<\/a>&nbsp;Angestrengtes Vergessen-Wollen (phobische Erinnerungsvermeidung) schl\u00e4gt schlie\u00dflich in wirkliches Vergessen um. Vgl. dazu Dahmer, H. (2019):&nbsp;<em>Antisemitismus, Xenophobie und pathisches Vergessen<\/em>. Warum&nbsp;<em>nach<\/em>&nbsp;\u201eHalle\u201c&nbsp;<em>vor<\/em>&nbsp;\u201eHalle\u201c ist. M\u00fcnster (Westf\u00e4lisches Dampfboot) 2020.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.sozonline.de\/2021\/09\/die-koalition-der-ahnungslosen\/#sdfootnote18anc\">18<\/a>&nbsp;Chr. Neef, \u201eBeim L\u00f6wen des Pandschir-Tals\u201c;&nbsp;<em>Der Spiegel<\/em>, 21. 8. 2021, S. 20 ff. (Zitat auf S. 21).<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.sozonline.de\/2021\/09\/die-koalition-der-ahnungslosen\/#sdfootnote19anc\">19<\/a>&nbsp;Vgl. dazu den Artikel von Kori Schake, \u201eThe folly of personal diplomacy\u201c;&nbsp;<em>The New York Times<\/em>, International Edition, 30. 8. 2021, S. 12.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.sozonline.de\/2021\/09\/die-koalition-der-ahnungslosen\/#sdfootnote20anc\">20<\/a>&nbsp;Man rechnet mit etwa 3.900 Opfern auf Seiten der Interventionstruppen; fast 2.500 US-Soldaten fielen, 20.589 wurden verwundet. Auf Seiten der Regierungsarmee gab es etwa 66.000 Tote. Die Zahl der get\u00f6teten Taliban-K\u00e4mpfer ist unbekannt; die Zahl der ums Leben gekommenen afghanischen Zivilisten wird auf 50.000 (oder auch das Doppelte) gesch\u00e4tzt. Vgl. dazu u. a. den Artikel von Tariq Ali (Anm. 10).<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.sozonline.de\/2021\/09\/die-koalition-der-ahnungslosen\/#sdfootnote21anc\">21<\/a>&nbsp;Vgl. dazu auch Armin Nassehis Artikel \u201eAfghanistan als Spiegel\u201c; F.A.Z. vom 18. 8. 2021, S.9.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.sozonline.de\/2021\/09\/die-koalition-der-ahnungslosen\/#sdfootnote22anc\">22<\/a>&nbsp;\u201eEs scheint, als h\u00e4tten [\u2026] die mehr als 1.000 Milliarden Dollar, die [in den vergangenen beiden Jahrzehnten] in das Land geflossen [sind], es nicht vermocht, Afghanistans Mehrheit entschlossen auf die Seite der Geldgeber zu ziehen.\u201c Christoph Reuter, \u201eDie Unbezwingbaren\u201c;&nbsp;<em>Der Spiegel<\/em>, 21. 8. 2021, S. 10. Reuter spricht vom bisher \u201eteuersten Selbstbetrug des 21. Jahrhunderts\u201c. Die deutsche Hilfe betrug etwa 400 Millionen Euro pro Jahr. Die westlichen Hilfsgelder dienten als Quelle der Korruption, die den \u201eweder funktionsf\u00e4higen, noch legitimen Potemkinschen Staat\u201c zerfra\u00df (J. Hippler, Anm. 29).<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.sozonline.de\/2021\/09\/die-koalition-der-ahnungslosen\/#sdfootnote23anc\">23<\/a>&nbsp;\u201eAfghanistan ist nicht zu retten.\u201c Leitartikel der F.A.Z. vom 18. 8. 2021, S. 1.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.sozonline.de\/2021\/09\/die-koalition-der-ahnungslosen\/#sdfootnote24anc\">24<\/a>&nbsp;\u201eDie Angst des wei\u00dfen Mannes.\u201c Leitartikel der F.A.Z. vom 30. 8. 2021, S. 1.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.sozonline.de\/2021\/09\/die-koalition-der-ahnungslosen\/#sdfootnote25anc\">25<\/a>&nbsp;\u201eIch war in einem Krieg, den es nicht geben durfte.\u201c&nbsp;<em>Der Spiegel<\/em>, 7. 8. 2021, S. 24.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.sozonline.de\/2021\/09\/die-koalition-der-ahnungslosen\/#sdfootnote26anc\">26<\/a>&nbsp;Statt die Frage nach dem \u201eSinn\u201c des Bundeswehreinsatzes zu stellen, dessen Resultat die R\u00fcckkehr der Taliban an die Macht \u2013 und ihre Anerkennung als einzige Ordnungsmacht durch die USA \u2013 ist, nimmt er Zuflucht zu den von der SS verschlissenen Leerformeln feudalistischen Ursprungs: \u201eEhre\u201c, \u201eTreue\u201c, \u201eTapferkeit\u201c\u2026<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.sozonline.de\/2021\/09\/die-koalition-der-ahnungslosen\/#sdfootnote27anc\">27<\/a>&nbsp;\u201eMy 10-year Afghanistan nightmare is now real\u201c;&nbsp;<em>The New York Times<\/em>, International Edition; 18. 8. 2021, S. 9.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.sozonline.de\/2021\/09\/die-koalition-der-ahnungslosen\/#sdfootnote28anc\">28<\/a>&nbsp;\u201eAm Ende waren wir alle kaputt.\u201c (Wiener)&nbsp;<em>Kurier<\/em>, 29. 8. 2021, S. 11.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.sozonline.de\/2021\/09\/die-koalition-der-ahnungslosen\/#sdfootnote29anc\">29<\/a>&nbsp;J. Hippler, \u201eMeinung: Afghanistan \u2013 wie weiter?\u201c (21. 4. 2016); ver\u00f6ffentlicht von der Bundeszentrale f\u00fcr politische Bildung. \u2013 F\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter zieht Spencer Bokat-Lindell \u2013 zun\u00e4chst mit den Worten Pr\u00e4sident Bidens \u2013 folgende Bilanz: \u201e\u00dcber das Erreichte hinaus ist kein Fortschritt m\u00f6glich; nach 20 verlorenen Jahren, dem Verlust von 2 Billionen Dollar und 2.448 amerikanischen Leben haben die Vereinigten Staaten genug Opfer gebracht. &gt;Wie viele Leben \u2013 amerikanische Leben \u2013 ist das wert \u2013 wieviel endlose Reihen von Grabsteinen auf dem [Milit\u00e4r-]Friedhof von Arlington?&lt;.\u201c. Dann res\u00fcmiert Bokat-Lindell das Ergebnis der Intervention f\u00fcr Afghanistan: \u201eIn wenigen Tagen haben sich die Taliban wieder eines Landes bem\u00e4chtigt, das ihrer Herrschaft nicht weniger schutzlos ausgeliefert ist [als vor 20 Jahren]; doch es ist heute korrupt, v\u00f6llig verarmt, von amerikanischen Waffen durchsiebt, und es hat das Leben von 47.000 Zivilisten verloren. Zehntausende Afghanen wollen verzweifelt ihr Land verlassen und haben gehofft, es verlassen zu k\u00f6nnen.\u201c \u201eDid America betray Afghanistan?\u201c;&nbsp;<em>The New York Times<\/em>, International Edition, 20.8. 2021, S. 12 und S. 13 (Zitat auf S. 12).<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.sozonline.de\/2021\/09\/die-koalition-der-ahnungslosen\/\"><em>sozonline.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 13. September 2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Helmut Dahmer. 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