{"id":10107,"date":"2021-09-18T08:19:00","date_gmt":"2021-09-18T06:19:00","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10107"},"modified":"2021-09-18T09:21:28","modified_gmt":"2021-09-18T07:21:28","slug":"gdl-bleibt-hinter-den-moeglichkeiten-der-streikbewegung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10107","title":{"rendered":"GDL bleibt hinter den M\u00f6glichkeiten der Streikbewegung"},"content":{"rendered":"<p><em>Dustin Hirschfeld. <\/em><strong>Kurz vor einer m\u00f6glichen vierten Streikrunde kam es zu einer Einigung zwischen der Eisenbahner:innen-Gewerkschaft GDL und dem DB-Konzern. Das Ergebnis entspricht eher einer Routine-Tarifrunde &#8211; dabei h\u00e4tte der Streik nicht nur \u00f6konomische Forderungen sondern auch notwendige politische Ver\u00e4nderungen durchsetzen k\u00f6nnen.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Das Ergebnis: 3,3 Prozent mit einer Laufzeit von 32 Monaten. Das bleibt deutlich hinter den urspr\u00fcnglich geforderten 4,8 Prozent f\u00fcr zwei Jahre zur\u00fcck. Es bedeutet f\u00fcr die Besch\u00e4ftigten angesichts der Inflation seit der letzten Tariferh\u00f6hung eine Reallohnsenkung. Allerdings war die GDL-F\u00fchrung schon vor dem ersten Streik bereit, ihre Forderungen in diesen Bereich zu senken.<\/p>\n<p>Auch das zweite gro\u00dfe Ziel der GDL, die Erhaltung der Betriebsrente, wurde nur f\u00fcr Altbesch\u00e4ftigte erreicht. Ab 2022 eingestellte Kolleg:innen fallen unter das DB-Rentensystem, bei dem die H\u00f6he der Rente von der Entwicklung der Aktienm\u00e4rkte abh\u00e4ngig ist. W\u00e4hrend die GDL bisher den Erhalt des alten, sichereren Systems forderte, hat sie sich nun auf eine Spaltung in Alt- und Neubesch\u00e4ftigte in der Rentenfrage eingelassen.<\/p>\n<p>Relativ nah an ihren Forderungen blieb die GDL bei der Corona-Pr\u00e4mie. Insgesamt werden Besch\u00e4ftigte 800 oder 1000 Euro Pr\u00e4mie erhalten, abh\u00e4ngig von ihrem Gehalt. Aber eine solche Einmalzahlung ist f\u00fcr die DB nat\u00fcrlich leichter verkraftbar, als eine dauerhafte Gehaltssteigerung.<\/p>\n<p>Der Streik hat erneut gezeigt, welche Macht strategische Sektoren der Arbeiter:innenklasse, wie Lokf\u00fchrer:innen und Zugpersonal haben k\u00f6nnen. Besonders im G\u00fcterverkehr entstehen schnell Milliardeneinbu\u00dfen \u2013 nicht nur f\u00fcr die Bahn, sondern auch f\u00fcr die Industrie, die auf Materiallieferungen angewiesen ist. Und trotz einer massiven Hetzkampagne konnte zumindest ein Teil der Forderungen durchgesetzt werden. DB-F\u00fchrung, der Vorsitzende der Konkurrenzgewerkschaft EVG, b\u00fcrgerliche Politiker:innen bis hin zu\u00a0<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/dietmar-bartsch-fordert-bundesregierung-zur-verhinderung-des-bahnstreiks-auf\/\"><strong>Dietmar Bartsch<\/strong><\/a>\u00a0und die b\u00fcrgerlichen Medien arbeiteten mit daran, den Tarifkampf der GDL zu delegitimieren. Selbst der Chef des DGB,\u00a0<a href=\"https:\/\/www.zdf.de\/nachrichten\/politik\/bahn-streik-dgb-gdl-hoffmann-100.html\"><strong>Reiner Hoffmann<\/strong><\/a>, erdreistete sich, die GDL f\u00fcr ihren Arbeitskampf zu kritisieren.<\/p>\n<p>Unter diesen Bedingungen ist das Ergebnis zwar positiv \u2013 aber es handelt sich vor allem um einen taktischen Sieg f\u00fcr die GDL-F\u00fchrung. Das Tarifeinheitsgesetz und die Klagen der Bahn konnten den Streik nicht verhindern. Und der GDL-Vorsitzende Klaus Weselsky konnte sich erneut als wichtiger Vermittler zwischen Bahn, Staat und einem zentralen Sektor der Arbeiter:innenklasse positionieren. Und nun hat er diesen wichtigen Sektor p\u00fcnktlich vor der Bundestagswahl wieder befriedet.<\/p>\n<p>Auch wenn Weselsky als besonders \u201ekompromisslos\u201d gilt, zeigt sich doch schon an den urspr\u00fcnglichen Forderungen und auch am Ergebnis, dass er von Anfang an auf einen sozialpartnerschaftlichen Kompromiss zugesteuert hat. G\u00e4be es dieses bremsende Element der F\u00fchrung nicht, h\u00e4tten durchaus h\u00f6here Lohnforderungen und Verbesserungen der Arbeitsbedingungen durchgesetzt werden k\u00f6nnen. Aber die verpassten Chancen gehen noch weit dar\u00fcber hinaus: Gerade im Kontext der Klimakrise haben die Bahnbesch\u00e4ftigten eine besondere Rolle, da sie auch ein unmittelbares Interesse an einem umweltvertr\u00e4glichen Umbau des Verkehrswesens haben. Wenn sich die Streikenden der Bahn mit der Umweltbewegung verb\u00fcnden w\u00fcrden, k\u00f6nnten sie einen massiven Ausbau des \u00d6PNV, eine Senkung der Kosten und weitere notwendige Forderungen durchsetzen.<\/p>\n<p>Um die Fragen zur Zukunft der Bahn im Interesse der Besch\u00e4ftigten zu l\u00f6sen, bedarf es Arbeitszeitverk\u00fcrzungen bei vollem Lohn- und Personalausgleich sowie die Verstaatlichung der Gro\u00dfindustrie und Infrastruktur unter Kontrolle der Arbeiter:innen. Um das zu erreichen, m\u00fcssen sich die Gewerkschaften aus der Sozialpartnerschaft l\u00f6sen. Dies gilt nicht nur f\u00fcr EVG und GDL. Auch die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di, die etwa Teile des Nahverkehrs und der Servicebereiche der Bahnh\u00f6fe organisiert, muss eine solche Perspektive entwickeln. Der Kampf darf auch nicht getrennt von den Kolleg:innen der Automobilindustrie stattfinden, nur mit ihnen zusammen wird es m\u00f6glich sein, moderne und umweltfreundliche Verkehrskonzepte zu entwickeln.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/gdl-bleibt-hinter-ihren-forderungen-streik-fuer-inflationsausgleich-ist-nicht-genug\/\"><em>klassegegenklasse.org\/&#8230;<\/em><\/a><em> vom 18. September 2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dustin Hirschfeld. Kurz vor einer m\u00f6glichen vierten Streikrunde kam es zu einer Einigung zwischen der Eisenbahner:innen-Gewerkschaft GDL und dem DB-Konzern. 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