{"id":10153,"date":"2021-10-08T15:15:43","date_gmt":"2021-10-08T13:15:43","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10153"},"modified":"2021-10-08T17:08:17","modified_gmt":"2021-10-08T15:08:17","slug":"anti-imperialismus-und-sozialistisch-feministische-perspektive","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10153","title":{"rendered":"Anti-Imperialismus und sozialistisch-feministische Perspektive"},"content":{"rendered":"<p><strong>Vor zwanzig Jahren setzten liberale Feministinnen, gemeinsam mit anderen linksliberalen und sozialdemokratischen Kr\u00e4ften auf die Nato-Intervention in Afghanistan. Angeblich, um gegen die Unterdr\u00fcckung der Frauen und undemokratische Verh\u00e4ltnisse und den islamischen Terrorismus vorzugehen. Die aus dieser imperialistischen Intervention hervorgehende Zerst\u00f6rung der Lebensgrundlagen des eh schon \u00e4usserst<\/strong><!--more--> <strong>armen Landes und die Erstarkung der reaktion\u00e4rsten Kr\u00e4fte, wie der Taliban und weiterer religi\u00f6s fundamentalistischen Kr\u00e4ften war vorhersehbar. Zudem wurden die Frauen in der l\u00e4ndlichen Bev\u00f6lkerung und in der kleinen Arbeiterklasse vollends zur\u00fcckgeworfen \u2013 auch dies war vorhersehbar. Das katastrophale Ergebnis dieser Intervention ist f\u00fcr revolution\u00e4re Marxisten keine \u00dcberraschung: sie waren \u2013 neben pazifistischen und kirchlichen Kreisen \u2013 beinahe die Einzigen, die damals gegen diesen Feldzug der Zerst\u00f6rung mobilisierten. <\/strong><\/p>\n<p><strong>Der Feminismus tr\u00e4gt seit dem Ende der 1960er Jahre schon immer auch irrationalistische-antimarxistische Str\u00f6mungen mit sich, die sich vor allem in postmodernistischen und diskurstheoretischen Ans\u00e4tzen \u00e4ussern; dies ist unter anderem auf seine organische Verbindung zu dem Aufstieg der Neuen Mittelschichten geschuldet. [Siehe <a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6562\">Diskurs gegen Klasse. \u00dcber anti-marxistische Modestr\u00f6mungen<\/a>] Diese Mittelschichten sind in der sozialen und politischen Realit\u00e4t vor allem der imperialistischen Zentren so verankert, dass sie sich durch die neoliberale Umgestaltung der globalen polit-\u00f6konomische Ordnung eine individuelle Perspektive versprechen. Dies ergibt oft eine beinahe \u00abnat\u00fcrliche\u00bb Affinit\u00e4t zu den imperialistischen Offensiven, seien diese milit\u00e4rischer, politischer, kultureller, humanit\u00e4rer oder \u00f6konomischer Natur. <\/strong><\/p>\n<p><strong>Die neoliberale Offensive der vergangenen 4 bis 5 Jahrzehnte richtete sich in erster Linie gegen die k\u00e4mpferischen Ans\u00e4tze in der Arbeiterbewegung in den Zentren, um die Warenform und damit das private Eigentum an den Produktionsmitteln weiter durchzusetzen. Dies geschah auf verschiedenen Achsen. Haupts\u00e4chlich wurde die internationale Arbeitsteilung durch die Erschliessung der L\u00e4nder der imperialistischen Peripherie auf der Suche nach billigen und wehrlosen Arbeitern und Arbeiterinnen neu strukturiert. Mittlerweile ist beinahe die H\u00e4lfte der weltweiten Arbeiterklasse weiblich, deren Arbeits- und Lebensbedingungen sind gepr\u00e4gt durch die spezifischen Formen der Geschlechterunterdr\u00fcckung. Von daher haben weder die je lokalen noch die imperialistischen Eliten ein wirkliches Interesse an der Beseitigung der Geschlechterunterdr\u00fcckung. <\/strong><\/p>\n<p><strong>Die Notlage der afghanischen Frauen und Kinder wurde lange Zeit als Vorwand f\u00fcr eine ausl\u00e4ndische Intervention in dem Land missbraucht. Dieselben Argumente werden auch heute wieder angef\u00fchrt, um die fortgesetzte US-Pr\u00e4senz trotz des offiziellen Abzugs der US-Truppen aus dem Land zu rechtfertigen. Die schrecklichen Bedingungen, denen afghanische Frauen heute unter der brutalen Kontrolle der Taliban ausgesetzt sind, sind in Wirklichkeit das Ergebnis des US-Imperialismus, des religi\u00f6sen Fundamentalismus und des B\u00fcrgerkriegs. Sie sind das Ergebnis eines imperialistischen Systems, das auf der Ausbeutung der grossen Mehrheit f\u00fcr den Profit einiger weniger beruht. <\/strong><\/p>\n<p><strong>Es ist dringend notwendig, eine antiimperialistische Perspektive einzunehmen, um gegen die reaktion\u00e4ren Massnahmen der Taliban zu k\u00e4mpfen und die Befreiung aller Frauen vom Joch der kapitalistischen Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung zu erreichen. Aus einer sozialistischen feministischen Perspektive greift dieser Artikel die Frage des Imperialismus und des liberalen Feminismus sowie die Geschichte der feministischen Bewegung in Afghanistan auf und diskutiert andere Str\u00f6mungen des antiimperialistischen Feminismus. [Redaktion maulwuerfe.ch]<\/strong><\/p>\n<p>***<\/p>\n<p><em>Madeleine Freeman und Sou Mi.<\/em> Der verheerende R\u00fcckzug der US-Truppen aus Afghanistan hat die Regierung Biden in eine tiefe Krise gest\u00fcrzt und das h\u00e4ssliche Gesicht des US-Imperialismus und seiner schwindenden Hegemonie offengelegt. Selbst wenn sie Bidens Entscheidung zum Abzug verurteilen, m\u00fcssen grosse Teile des b\u00fcrgerlichen politischen und medialen Establishments eingestehen, dass 20 Jahre US-Besatzung in Afghanistan \u2013 und davor jahrzehntelange Konflikte im Rahmen des Kalten Krieges und von B\u00fcrgerkriegen \u2013 die grosse Mehrheit der Bev\u00f6lkerung des Landes nur in immer prek\u00e4rere Verh\u00e4ltnisse gebracht haben: v\u00f6llige Abh\u00e4ngigkeit von internationaler Hilfe, krasse Spaltung zwischen st\u00e4dtischen und l\u00e4ndlichen Gebieten, Massenarmut und Arbeitslosigkeit, weit verbreitete Vertreibung, zerfallende oder nicht vorhandene Infrastruktur und die Vorherrschaft reaktion\u00e4rer und repressiver lokaler Herrschaft durch die Taliban und andere Kr\u00e4fte.<\/p>\n<p>Diese Niederlage der US-Hegemonie auf internationaler Ebene hat die L\u00fcge des liberalen Feminismus in Frage gestellt, die Frauen und Kinder Afghanistans durch kapitalistische Entwicklung aus den Fesseln des islamischen Fundamentalismus und der Frauenfeindlichkeit zu befreien, sei es mit der Waffe oder mit dem Geldbeutel einer NGO. Diese besondere Form des liberalen Feminismus vertrat die Auffassung, dass die Befreiung der Frauen am besten durch imperialistische Intervention erreicht werden kann, indem kapitalistische \u00abDemokratie\u00bb und Gleichheit vor dem Gesetz durch B\u00fcndnisse mit Marionettenregierungen durchgesetzt werden k\u00f6nnen; dabei wurde ein kleiner Teil der Frauen \u00fcber die grosse Mehrheit der arbeitenden und armen Frauen im ganzen Land gestellt, deren Lebensbedingungen sich nach Jahren des B\u00fcrgerkriegs und der Invasion kaum ver\u00e4ndert oder sogar meistens verschlechtert haben.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend viele Politiker und Analysten den raschen Fall Afghanistans durch die Taliban als Beweis daf\u00fcr anf\u00fchren, dass eine fortgesetzte US-Intervention die n\u00f6tige Stabilit\u00e4t zur Verbesserung der Lebensbedingungen der afghanischen Frauen gebracht h\u00e4tte, spricht die 20-j\u00e4hrige Geschichte der US-Besatzung \u2013 einer der teuersten Kriege in der Geschichte der USA \u2013 eine andere Sprache.<\/p>\n<p>Die durch die US-Invasion versprochene neue kapitalistische \u00c4ra konnte die Frauen in Afghanistan niemals emanzipieren. Eine neue Verfassung, in der von Frauenrechten die Rede ist, bedeutet f\u00fcr die Arbeiterklasse in einem Land, in dem mehr als 47 % der Bev\u00f6lkerung unterhalb der Armutsgrenze leben und Millionen von Menschen durch den Bombenhagel der USA und der Taliban vertrieben wurden, wenig. Das leere Versprechen der Gleichstellung von M\u00e4nnern und Frauen bedeutet noch weniger, wenn Allianzen mit regionalen Kriegsherren es zulassen, dass Frauen regelm\u00e4ssig verpr\u00fcgelt werden, wenn sie ohne Anstandsdame das Haus verlassen, und wenn abweichende Meinungen von der Polizei und den mit US-Waffen bewaffneten Milizen brutal unterdr\u00fcckt werden. Die US-Intervention \u2013 in all ihren Formen \u2013 war nie dazu gedacht, afghanischen Frauen zu helfen. Wie wir bereits erkl\u00e4rt haben:<\/p>\n<p>\u00abAufrufe, die Frauen Afghanistans im Namen von &#8222;Menschenrechten&#8220; und &#8222;Demokratie&#8220; aus den Klauen der reaktion\u00e4ren Taliban zu &#8222;retten&#8220;, sind kaum mehr als eine erneute Rechtfertigung f\u00fcr die fortgesetzte imperialistische Intervention in Afghanistan und anderswo, sei es in Form von milit\u00e4rischer Unterst\u00fctzung oder &#8222;humanit\u00e4rer Hilfe&#8220;.\u00bb<\/p>\n<p>Der liberale Feminismus ist nicht in der Lage, einen Weg nach vorne zu bieten Damit \u00f6ffnet sich der Raum f\u00fcr eine Debatte um die Bedeutung des Kampfes f\u00fcr die Emanzipation der Frauen, der sich an einer entschieden antiimperialistischen Perspektive orientiert, die den falschen Universalismus des liberalen Feminismus ablehnt, der lediglich einen Unterdr\u00fccker durch einen anderen ersetzt. Dies ist eine dringende Frage der Strategie f\u00fcr Feministinnen in der ganzen Welt, sowohl in imperialistischen als auch in halbkolonialen L\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Die reiche Geschichte des feministischen Kampfes in Afghanistan deutet auf einen alternativen Weg hin, der mit den K\u00e4mpfen gegen Kolonialismus, Imperialismus und religi\u00f6sen Autoritarismus verwoben ist. Aber ein wirklich antiimperialistischer Feminismus ist einer, der \u00fcber einen bestimmten nationalen Kontext hinausgeht, um zu verstehen, wie diese Bedingungen der Geschlechterunterdr\u00fcckung als Produkt eines globalen Systems kapitalistischer Herrschaft geschaffen werden, das alle Ressourcen der Welt in die H\u00e4nde einiger weniger legt, um sie durch die Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung des Rests von uns in Profit zu verwandeln. Ein solcher Feminismus erkennt die Schl\u00fcsselrolle an, die Frauen in der globalen Wirtschaft spielen, und k\u00e4mpft f\u00fcr die Befreiung der gesamten Menschheit, wobei er davon ausgeht, dass der Kampf gegen Unterdr\u00fcckung der Kampf gegen kapitalistische Ausbeutung ist.<\/p>\n<p><strong>Anti-imperialistischer Feminismus ohne Strategie<\/strong><\/p>\n<p>In ihrem Essay \u00ab<a href=\"http:\/\/www.iheal.univ-paris3.fr\/sites\/www.iheal.univ-paris3.fr\/files\/towards%20a%20decolonial%20feminism.pdf\">Auf dem Weg zu einem dekolonialen Feminismus<\/a>\u00bb argumentiert Mar\u00eda Lugones, dass das bin\u00e4re Geschlecht im kolonialen Projekt verwurzelt ist. Anhand von Beispielen vorkolonialer, einheimischer Formationen argumentiert Lugones, dass das Geschlecht eine koloniale Auferlegung ist, die weiterhin alle Aspekte der sozialen Existenz durchdringt und neue soziale und geokulturelle Identit\u00e4ten hervorbringt, wodurch geschlechtsspezifische Identit\u00e4ten ebenso wie rassische Identit\u00e4ten und Klassenidentit\u00e4ten entstehen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Lugones verfolgt in ihrem Verst\u00e4ndnis der Konstruktion dieser Identit\u00e4ten einen klassisch intersektionalen Ansatz und behauptet, dass jede Spezifit\u00e4t \u2013 die in ihrem Ansatz auf \u00abHierarchie\u00bb reduziert wird \u2013 f\u00fcr diese Kategorien eine inh\u00e4rent kolonialisierte Logik bedeutet. In diesem Schema wird die Klasse als eine weitere Identit\u00e4t in einem Meer von Identit\u00e4ten verw\u00e4ssert, wodurch die Grenzen zwischen Unterdr\u00fcckung und Ausbeutung verschwimmen.<\/p>\n<p>F\u00fcr Lugones ist es notwendig, den Feminismus zu dekolonisieren, indem man die \u00abKolonialit\u00e4t des Geschlechts\u00bb abstreift, vor allem indem man diese kolonialen Beziehungen durch einen st\u00e4ndigen Prozess des individuellen und gemeinschaftlichen \u00abWiderstands\u00bb verlernt. Aber bez\u00fcglich dieser Aufgabe des Widerstands scheinen Lugones und der Rahmen des dekolonialen Feminismus, der abstrakte Begriffe von \u00abMacht\u00bb in den Mittelpunkt stellt, etwas vager zu sein. Lugones stellt klar, dass die Aufgabe nicht darin besteht, die \u00abAuferlegung der Dichotomien Mensch\/Nicht-Mensch, Mann\/Frau oder m\u00e4nnlich\/weiblich\u00bb im t\u00e4glichen Leben zu \u00fcbersehen. \u00abMan widersetzt sich ihr von einer Art und Weise aus, die Welt zu verstehen\u00bb, schreibt sie, \u00abund in ihr zu leben, die geteilt wird und die die eigenen Handlungen verstehen kann und somit Anerkennung bietet\u00bb. Der Akt des Widerstands ist also nicht individuell, sondern gemeinschaftlich; er zielt auf eine Gemeinschaft und das menschliche Leben, die \u00fcber den Profit gestellt werden. F\u00fcr Lugones ist es diese Bejahung der Vielf\u00e4ltigkeit, die zur Aufgabe des Widerstands wird, im Gegensatz zur Umgestaltung der materiellen Bedingungen, die die Beziehung zwischen Unterdr\u00fccker und Unterdr\u00fcckten hervorbringen und aufrechterhalten, die sich scheinbar von selbst ergibt. Die Frage des feministischen Widerstands erfordert in dieser Perspektive, die vorkoloniale Pluralit\u00e4t und Gemeinschaft anzunehmen und einer solchen Pluralit\u00e4t in der Welt Raum zu geben, um das patriarchalische, profitgetriebene kapitalistische System zu ersetzen.<\/p>\n<p>Was in diesen Argumenten fehlt, ist die Rolle, die der Kapitalismus und der ihn st\u00fctzende Staat spielen, der das heteronormative patriarchale Geschlechterbin\u00e4rsystem zu seinem eigenen Vorteil aufrechterh\u00e4lt. Indem sie die Grenze zwischen Kolonialismus und Imperialismus verwischt, ignoriert Lugones die Tatsache, dass, wie Jos\u00e9 Carlos Mar\u00edategui einmal erkl\u00e4rte, \u00abder internationale Charakter der heutigen Wirtschaft &#8230; es keinem Land erlaubt, sich den Transformationen zu entziehen, die sich aus den gegenw\u00e4rtigen Produktionsbedingungen ergeben\u00bb.[1] Es stimmt, dass der Kolonialismus, indem er den unterdr\u00fcckten Nationen neue Produktionsverh\u00e4ltnisse aufzwang, auch gewaltsam neue soziale Beziehungen, einschliesslich der Geschlechterrollen, auferlegte. Er tat dies, wie Marx einmal sagte, \u00abvon Kopf bis Fuss aus jeder Pore mit Blut und Schmutz triefend\u00bb. Doch diese Beziehungen ver\u00e4nderten sich und wurden w\u00e4hrend der imperialistischen Epoche auf neue Weise durchgesetzt und erreichten einen neuen H\u00f6hepunkt, als die Weltwirtschaft tiefgreifende strukturelle Ver\u00e4nderungen erfuhr. W\u00e4hrend der Kolonialismus das Entstehen des Industriekapitalismus erm\u00f6glichte, bedeutete die imperialistische Durchdringung die massive Integration von Menschen \u2013 insbesondere von Frauen \u2013 in das Proletariat. Der Imperialismus setzte auch eine neue internationale Arbeitsteilung durch, die auf imperialistischer Unterdr\u00fcckung, der Auspl\u00fcnderung der nat\u00fcrlichen Ressourcen der Halbkolonien und in j\u00fcngster Zeit auf der Schaffung billiger Arbeitskr\u00e4fte in den Halbkolonien beruht, die die Profite der grossen imperialistischen Konzerne in die H\u00f6he treiben.<\/p>\n<p>Auch wenn Lugones einr\u00e4umt, dass es kein Zur\u00fcck zu einer utopischen Vision \u00abvorkolonialer\u00bb sozialer Beziehungen in einer vorderhand durch den Kolonialismus ver\u00e4nderten Welt gibt, untersch\u00e4tzt sie die tiefgreifenden strukturellen Ver\u00e4nderungen, die der Imperialismus bewirkt hat. Und so untersch\u00e4tzt Lugones auch die Aufgabe der Emanzipation als eine des realen Kampfes zum Sturz der kapitalistischen Produktionsverh\u00e4ltnisse in ihrer gegenw\u00e4rtigen Form. Die Unterdr\u00fcckung der Frauen ist nicht nur eine ideologische H\u00fcrde, die es zu \u00fcberwinden gilt, um danach die Gesellschaft nach dem Bild des Pluralismus umzugestalten, sondern sie hat die Form einer aktiven sozialen, politischen und wirtschaftlichen Barriere, die die Frauen in der Prekarit\u00e4t h\u00e4lt.<\/p>\n<p>F\u00fcr uns als sozialistische Feministinnen beginnt die Aufgabe des Widerstands daher nicht im Bereich der ideologischen Transformation. Der Widerstand beginnt mit dem kompromisslosen Kampf, der kollektiven Aktion der Arbeiterklasse und der Unterdr\u00fcckten auf der Strasse und am Arbeitsplatz, die gegen jeden Angriff auf ihre sozialen und politischen Rechte k\u00e4mpfen. Die Befreiung beginnt insbesondere auf der am weitest fortgeschrittenen Stufe dieses Kampfes, auf der Ebene der sozialen Umgestaltung der Gesellschaft und des Umsturzes der kapitalistischen Produktionsverh\u00e4ltnisse in der derzeitigen Periode der imperialistischen Epoche. W\u00e4hrend die Zerst\u00f6rung der Fesseln dieser ausbeuterischen Produktions- und Gesellschaftsverh\u00e4ltnisse nicht automatisch Sexismus, Rassismus, Transphobie oder jede andere Unterdr\u00fcckung ausl\u00f6scht, ist es die materielle Ver\u00e4nderung im Leben der Unterdr\u00fcckten \u2013 in diesem Fall das Leben der afghanischen Frauen \u2013 die die Bedingungen f\u00fcr eine st\u00e4rkere soziale und politische Teilhabe und ideologische Transformation schaffen wird.<\/p>\n<p>Der Kolonialismus hat, um im Zuge des gesellschaftlichen Wandels vom Feudalismus zum Kapitalismus neue Absatzm\u00e4rkte zu finden, die kulturelle Pluralit\u00e4t in der Welt nicht einfach durch einen ideologischen Apparat ausgel\u00f6scht, sondern er hat die bestehenden sozialen Beziehungen durch die Institutionen der b\u00fcrgerlichen Familie, des Privateigentums und der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung ersetzt oder ihnen angepasst. Der Kapitalismus hat sich jahrhundertelang des Sexismus bedient, um die H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung zu unterdr\u00fccken, das Privateigentum zu erhalten, die Arbeit der gesellschaftlichen Reproduktion zu subventionieren und die Arbeiterklasse zu spalten. Die Schaffung einer Gesellschaft, die frei von geschlechtlicher und sexueller Ausbeutung ist und in der alle ihre Identit\u00e4t zum Ausdruck bringen k\u00f6nnen, ist nur m\u00f6glich, wenn zun\u00e4chst die materielle gesellschaftliche Grundlage des Geschlechts beseitigt wird, die im Kapitalismus tief verwurzelt ist. Wir k\u00f6nnen es nicht einfach abschaffen oder als soziale Konstruktion ignorieren; wir m\u00fcssen es durch neue soziale und wirtschaftliche Beziehungen ersetzen, die die Grundlage f\u00fcr eine \u00dcberwindung der b\u00fcrgerlichen Familienordnung bilden k\u00f6nnen. Indem das Projekt der Dekolonialisierung die materiellen Grundlagen der sehr realen Unterdr\u00fcckung ignoriert, der Frauen auf der ganzen Welt tagt\u00e4glich ausgesetzt sind, gibt es den wirklichen Kampf f\u00fcr die Emanzipation von imperialistischer Unterdr\u00fcckung auf und macht seinen Antiimperialismus zahnlos und ohne Verb\u00fcndete.<\/p>\n<p><strong>F\u00fcr einen internationalistischen Feminismus, nicht f\u00fcr internationale Wohlt\u00e4tigkeit<\/strong><\/p>\n<p>In Afghanistan spielen die Frauen eine Schl\u00fcsselrolle in der Wirtschaft. Wie wir bereits erkl\u00e4rt haben:<\/p>\n<p>\u00abDiese Frauen sind nicht nur passive Opfer der Unterdr\u00fcckung, sondern tragen auch zum Funktionieren eines Grossteils der Gesellschaft bei. Selbst in der Vorkriegszeit war ein Grossteil der l\u00e4ndlichen Gesellschaft verwandtschaftlich organisiert und die Arbeit weitestgehend aufgeteilt. Neben Aufgaben der sozialen Reproduktion wie Kinderbetreuung, Kochen und Haushaltsf\u00fchrung spielen Frauen auch eine zentrale Rolle auf dem Feld, von der Ernte \u00fcber die Vorbereitung des Bodens f\u00fcr die Saison bis hin zur Bodenbearbeitung. Frauen sind auch die traditionellen Sch\u00f6pferinnen der ber\u00fchmten Teppiche und des Kunsthandwerks in Afghanistan. Heute beteiligen sie sich auch zunehmend an der Viehzucht und der Milchverarbeitung.\u00bb<\/p>\n<p>Dank der wichtigen Stellung, die sie in der Wirtschaft einnehmen, k\u00f6nnen die Frauen sowohl gegen die anhaltende Unterdr\u00fcckung durch ausl\u00e4ndische M\u00e4chte als auch gegen die zunehmend autorit\u00e4re Herrschaft der Taliban k\u00e4mpfen. Dies allein reicht jedoch nicht aus. Die Mehrheit der Frauen wird \u00fcberwiegend in der informellen Arbeitswelt gehalten, ist an traditionelle Geschlechterrollen gebunden und wird mit gewaltt\u00e4tigen \u00dcbergriffen diszipliniert. Daher muss der Kampf f\u00fcr die Rechte der Frauen notwendigerweise zuerst die feudalen und kapitalistischen Verh\u00e4ltnisse angreifen, die die Grundlage f\u00fcr diese Unterdr\u00fcckung bilden.<\/p>\n<p>Proletarische Frauen in Afghanistan, wie auch in den L\u00e4ndern des Globalen S\u00fcdens, haben mehr mit anderen arbeitenden Frauen in der ganzen Welt gemeinsam als mit den b\u00fcrgerlichen Frauen in ihrem eigenen Land. Die st\u00e4dtische Bourgeoisie und das Kleinb\u00fcrgertum haben nicht nur Zugang zu den B\u00fcrgerrechten, die Millionen anderen verwehrt wurden, sondern halten durch ihre Beteiligung an der Regierung, an der Armee oder durch ihre Zusammenarbeit mit den vielen Organisationen, die internationale \u00abHilfe\u00bb f\u00f6rdern, weiterhin einen kapitalistischen Staatsapparat aufrecht, der von der Unterdr\u00fcckung der Frauen auf dem Lande und der Arbeiterinnen profitiert. Von Myanmar bis Bolivien standen die Frauen der Arbeiterklasse in den letzten Jahren an vorderster Front des Klassenkampfes und zeigten deutlich den Zusammenhang zwischen ihrer Identit\u00e4t als Frauen und der Klassenunterdr\u00fcckung, der sie unter kapitalistischer Ausbeutung ausgesetzt sind.<\/p>\n<p>Doch in einem Land, in dem die Arbeiterklasse schwach und unterentwickelt ist und in dem Millionen von Menschen immer noch von der Subsistenzlandwirtschaft leben, ist die internationale Solidarit\u00e4t von entscheidender Bedeutung f\u00fcr den Kampf gegen die Unterdr\u00fcckung der Geschlechter und f\u00fcr eine eventuelle revolution\u00e4re Umgestaltung der Gesellschaft. Es ist von entscheidender Bedeutung, dass die Arbeiter auf der ganzen Welt nicht auf den guten Willen ihrer Unterdr\u00fccker und des Staates, der sie unterst\u00fctzt, angewiesen sind, sondern sich unabh\u00e4ngig organisieren und den Kampf der Unterdr\u00fcckten auf der ganzen Welt unterst\u00fctzen. Wie Trotzki schreibt:<\/p>\n<p>\u00abInternationalismus ist kein abstraktes Prinzip, sondern eine theoretische und politische Widerspiegelung des Charakters der Weltwirtschaft, der weltweiten Entwicklung der Produktivkr\u00e4fte und des weltweiten Ausmasses des Klassenkampfes.\u00bb<\/p>\n<p>Diese Produktivkr\u00e4fte haben in der Weltwirtschaft zwar Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung ausgeweitet, sie haben aber auch unsere gemeinsamen Feinde zum Vorschein gebracht. F\u00fcr Feministinnen bedeutet dies, dass der Kampf gegen die Unterdr\u00fcckung der Geschlechter einen internationalen Charakter hat. Weit davon entfernt, einen falschen Universalismus anzubieten, der die kulturellen Besonderheiten der Unterdr\u00fcckung ausl\u00f6scht und die Ziele der Frauenbefreiung auf die der am besten gestellten Frauen in der Gesellschaft reduziert, bedeutet diese Erkenntnis, wie sich die Besonderheiten dieser Unterdr\u00fcckung in ein gr\u00f6sseres Schema kapitalistischer Herrschaft einf\u00fcgen, und diese K\u00e4mpfe \u00fcber Grenzen und andere fabrizierte Trennungen hinweg mit einer vereinten Faust aufzunehmen, die den Kapitalismus an seinen Wurzeln angreift. Dieser gemeinsame Kampf muss von Feministinnen sowohl in imperialistischen als auch in halbkolonialen L\u00e4ndern aufgenommen werden.<\/p>\n<p>Als Reaktion auf die Grausamkeiten, die der Imperialismus auf der ganzen Welt angerichtet hat, und unter dem Einfluss des postmodernen Kulturrelativismus leugnen einige Feministinnen die M\u00f6glichkeit dieses gemeinsamen Kampfes, indem sie sagen, dass es keine gemeinsame Erfahrung f\u00fcr \u00aballe Frauen\u00bb gibt und daher eine gemeinsame Vision der Befreiung nur begrenzt oder gar nicht m\u00f6glich ist. F\u00fcr manche bedeutet dies, alle Menschen, die in imperialistischen L\u00e4ndern leben, als \u00abKolonisatoren\u00bb zu bezeichnen, sie mit den b\u00fcrgerlichen Kapitalisten gleichzusetzen, die die arbeitenden Menschen im In- und Ausland unterdr\u00fccken und ausbeuten, und die Spaltungen zu verst\u00e4rken, die der Kapitalismus der internationalen Arbeiterklasse auferlegt. Diese Sichtweise beschr\u00e4nkt uns bestenfalls auf abstrakte Vorstellungen von Solidarit\u00e4t zwischen atomisierten K\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>In einer solchen Weltanschauung nimmt \u00abSolidarit\u00e4t\u00bb die Form an, dass man die Kr\u00e4fte unterst\u00fctzt, die sich dem US-Imperialismus widersetzen \u2013 seien es ausl\u00e4ndische M\u00e4chte, die ihren internationalen Einfluss ausbauen wollen, oder nationale Kapitalisten und Politiker, die Demokratie versprechen \u2013 und den \u00abrichtigen\u00bb Organisationen oder Einzelpersonen als eine Art Wiedergutmachung spendet. Auch wenn sie sich in eine radikalere Rhetorik h\u00fcllen, ist dies letztlich nichts anderes als eine Anpassung an die Konturen des Neoliberalismus, der den Einfluss des Staates durch die Vorherrschaft von Nichtregierungsorganisationen (NGO) und anderen sozialen und gewerkschaftlichen Organisationen ausweitete, um die Klassengegens\u00e4tze eind\u00e4mmen und zerstreuen zu k\u00f6nnen. Seit dem Friedensabkommen zwischen den USA und den Taliban im Februar 2020 haben immer mehr NGOs begonnen, mit den Taliban zusammenzuarbeiten, um die kapitalistische Stabilit\u00e4t aufrechtzuerhalten und &#8222;business as usual&#8220; fortzusetzen, selbst wenn die Frauen, denen sie angeblich dienen, zunehmenden Einschr\u00e4nkungen und Unterdr\u00fcckung ausgesetzt sind. Anstatt einen k\u00e4mpferischen Pol zu schmieden, unterhalten die NGO eine klientelistische Beziehung zu denjenigen, denen sie Hilfe leisten, und halten sie als passive Kraft in Abh\u00e4ngigkeit von den Brosamen des globalen Kapitalismus.<\/p>\n<p>Es stimmt zwar, dass die Geschlechtsidentit\u00e4t die K\u00e4mpfe der Frauen nicht als eine gemeinsame Erfahrung eint, und es stimmt auch, dass die spezifischen Formen der Geschlechterunterdr\u00fcckung in nationalen und kulturellen Kontexten wirken, aber eine solche Sichtweise verleugnet die globale Reichweite des Kapitalismus und seine Auswirkungen auf die sozialen Beziehungen. Wie Andrea D&#8217;Atri in <a href=\"https:\/\/www.plutobooks.com\/9780745341187\/bread-and-roses\/\">Bread and Roses<\/a> erkl\u00e4rt:<\/p>\n<p>\u00abIm kapitalistischen System wird jede Einzigartigkeit der Gebrauchswerte unter die universelle Abstraktion der Tauschwerte subsumiert; jede Individualit\u00e4t der Subjekte \u2013 ob sie nun ausgebeutet werden k\u00f6nnen oder im Gegenteil Ausbeuter sind \u2013 wird unter die Formalit\u00e4t der Gleichheit vor dem Gesetz in der Figur des freien B\u00fcrgers subsumiert. Die Willk\u00fcr der Universalisierung auf rechtlicher oder politischer Ebene ist nur die Kehrseite einer in Klassen zersplitterten Gesellschaft. Ersteres in Frage zu stellen, ohne letzteres zu verurteilen, bedeutet, die materielle Grundlage der Klassengesellschaft, die in den \u00f6konomischen Strukturen der gesellschaftlichen Produktionsverh\u00e4ltnisse verankert ist, durch Auslassung aufrechtzuerhalten.\u00bb<\/p>\n<p>Indem sie die materielle Grundlage der Klassengesellschaft ausblenden und sie durch abstrakte Begriffe wie Intersektionalit\u00e4t und Machtdynamik ersetzen, verkennen diese Feministinnen, dass der Kampf gegen die Unterdr\u00fcckung der Geschlechter in der Kultur und im \u00abDiskurs\u00bb verwurzelt ist. Sie untersch\u00e4tzen den Staatsapparat und die Produktionsverh\u00e4ltnisse, die die Geschlechterunterdr\u00fcckung aufrechterhalten, und geben damit jede Hoffnung auf einen wirklich antiimperialistischen Feminismus auf, der f\u00fcr die Befreiung k\u00e4mpft \u2013 denn der Kampf zum Sturz der imperialistischen Unterdr\u00fccker ist der Kampf gegen den Kapitalismus als Ganzes, ein globales Projekt, das die Anstrengungen einer vereinigten Arbeiterklasse erfordert.<\/p>\n<p>Hinzu kommt, dass die Pr\u00e4misse des Kulturrelativismus, die von solchen Ansichten \u00fcbernommen wird, Unterdr\u00fcckung zu einer moralischen Kategorie macht, die jeder Kultur eigen ist, was bedeutet, dass das, was zum Beispiel als Geschlechterunterdr\u00fcckung gilt oder nicht, von Kultur zu Kultur unterschiedlich ist und daher nur innerhalb dieser Kulturen selbst gel\u00f6st werden kann. Die gewaltsame Unterdr\u00fcckung afghanischer Frauen unter der Herrschaft des religi\u00f6sen Autoritarismus, die nicht nur die Taliban betrifft, kann jedoch nicht einfach dadurch gel\u00f6st werden, dass man die Lehren des Islams \u00fcberpr\u00fcft oder sie auf magische Weise vom Einfluss des Kolonialismus befreit. Eine solche Sichtweise verkennt die Urspr\u00fcnge dieser Unterdr\u00fcckung und f\u00fchrt zu einer Zersplitterung und \u00dcberlokalisierung des Kampfes gegen die Unterdr\u00fcckung der Geschlechter. Sie kann sogar so weit gehen, die Unterdr\u00fcckung im Namen des Respekts f\u00fcr kulturelle Unterschiede zu entschuldigen.<\/p>\n<p>Aber die imperialistische Auferlegung \u00abuniverseller\u00bb Frauenrechte ist auch nicht die Antwort. Die Unterdr\u00fcckung der Geschlechter kann nicht mit dem \u00abkleineren \u00dcbel\u00bb der milit\u00e4rischen Besatzung und finanziellen Abh\u00e4ngigkeit bek\u00e4mpft werden. Sie l\u00e4sst sich auch nicht durch islamfeindliche Dekrete zum Verbot des Schleiers beseitigen. Diese dienen lediglich dazu, Unterdr\u00fcckung und Intervention unter dem Deckmantel der Menschenrechte zu rechtfertigen.<\/p>\n<p>Stattdessen m\u00fcssen wir den Kampf gegen alle Formen des religi\u00f6sen Fundamentalismus und die Versuche, den K\u00f6rper der Frauen zu kontrollieren, anprangern und unterst\u00fctzen. In Afghanistan bedeutet dies, gegen die Einschr\u00e4nkungen und die Gewalt der Taliban sowie gegen die imperialistische Islamophobie zu k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Dieser Kampf beginnt mit der Bewegung afghanischer Feministinnen, die ihre Rechte vor dem Ansturm der Taliban sch\u00fctzen wollen. Selbst jetzt, da die Auswirkungen der Taliban-Herrschaft sp\u00fcrbar werden, verschwinden immer mehr Frauen wieder in ihre H\u00e4user. Aber sie gehen nicht stillschweigend. Selbst angesichts der brutalen Unterdr\u00fcckung <a href=\"https:\/\/www.npr.org\/2021\/09\/09\/1035214735\/women-afghanistan-protest-taliban\">stehen Frauen und Jugendliche an vorderster Front im Kampf gegen die Taliban-Herrschaft<\/a>. Wir m\u00fcssen alle Bem\u00fchungen der afghanischen Feministinnen unterst\u00fctzen, ihre Zahl und St\u00e4rke zu nutzen, um sich sowohl gegen Taliban-Funktion\u00e4re als auch gegen die Mitglieder der gest\u00fcrzten afghanischen Regierung zu wehren, die jetzt mit ihren vermeintlichen Feinden kollaborieren. Der Kampf um den Schutz der Errungenschaften, die die feministische Bewegung im Laufe der Jahre erreicht hat, wird von der Selbstorganisation der Afghanen gegen die Taliban und andere nationalistische Kr\u00e4fte sowie von der imperialistischen Einmischung in den Kampf um ihr Schicksal abh\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen uns jedoch dar\u00fcber im Klaren sein, dass es sich um einen Kampf gegen den kapitalistischen Staat handelt, sei es in Afghanistan oder in den Vereinigten Staaten. W\u00e4hrend einige antiimperialistische Feministinnen die Notwendigkeit eines gemeinsamen und internationalen Kampfes anerkennen, sehen sie dies als Teil der Umgestaltung des kapitalistischen Staates in ein humaneres und \u00abfeministisches\u00bb Gebilde, als ob wir Kapitalismus und Imperialismus trennen k\u00f6nnten. Internationale Nichtregierungsorganisationen wie <a href=\"https:\/\/www.madre.org\/\">MADRE<\/a>, die sich sowohl gegen die US-Intervention als auch gegen die Lage der Frauen in Afghanistan unter der Taliban-Herrschaft ausgesprochen haben, sehen den Weg nach vorn in Afghanistan in der Schaffung einer globalen \u00abfeministischen Wirtschaft\u00bb und der Unterst\u00fctzung vor Ort. In diesem Schema sollte die US-Milit\u00e4rintervention durch humanit\u00e4re Hilfe ersetzt werden, die in irgendeiner Weise gerecht und unter Mitwirkung des afghanischen Volkes verteilt wird. Aber das gibt der imperialistischen Ausbeutung nur ein neues Gesicht und ignoriert die realen Hindernisse, mit denen arbeitende Frauen und alle unterdr\u00fcckten Menschen in Afghanistan konfrontiert sind, einem Land in Aufruhr und mit wenig Ressourcen oder Infrastruktur. Stattdessen wird die treibende Kraft des gesellschaftlichen Wandels nicht dem afghanischen Volk zugeschrieben, das diese Organisationen aus Unterdr\u00fcckung und Elend befreien wollen, sondern dem verl\u00e4ngerten Arm des kapitalistischen Staates und in Zusammenarbeit mit den nationalen Regierungen, in diesem Fall den Taliban. Indem sie den Kampf gegen die Unterdr\u00fcckung der Geschlechter an die Regierungen und Beh\u00f6rden verweisen, die das System aufrechterhalten, das diese Unterdr\u00fcckung \u00fcberhaupt erst geschaffen hat, genau wie Feministinnen, die ein Lippenbekenntnis zum Antikapitalismus ablegen, wenn sie von Dekolonisierung sprechen, beschr\u00e4nkt sich ihre Strategie darauf, die Symptome der Geschlechterunterdr\u00fcckung zu behandeln, anstatt deren Ursache zu bek\u00e4mpfen. Sie beschr\u00e4nkt sich auf st\u00e4ndigen Widerstand, ohne jemals die Frage zu stellen, wie man die Wurzeln der Geschlechterunterdr\u00fcckung endg\u00fcltig beseitigen kann.<\/p>\n<p>Der sozialistische Internationalismus bietet eine alternative L\u00f6sung. Der Kampf gegen geschlechtsspezifische Gewalt und Unterdr\u00fcckung wird, wie schon immer, von Feministinnen in Afghanistan gef\u00fchrt werden. Aber ihr Erfolg h\u00e4ngt davon ab, dass sie jede Allianz mit den wenigen Leuten ablehnen, die von der Entwicklung des Kapitalismus in Afghanistan profitiert haben. Da Afghanistan von einer fortgesetzten internationalen Intervention als Reaktion auf die Taliban-Herrschaft bedroht ist, m\u00fcssen wir bedingungslos das Recht des Landes auf Selbstbestimmung unterst\u00fctzen, ohne dabei stillschweigend nationale b\u00fcrgerliche Kr\u00e4fte zu unterst\u00fctzen, die versprechen, die Taliban zu bek\u00e4mpfen und wieder \u00abDemokratie\u00bb einzuf\u00fchren \u2013 das haben die letzten 20 Jahre bewiesen. Stattdessen muss anerkannt werden, dass sie in der Arbeiterklasse und den armen Frauen, von denen viele selbst afghanische Fl\u00fcchtlinge sind, entscheidende Verb\u00fcndete haben, die in imperialistischen L\u00e4ndern leben und schuften und die in einer besonderen Position sind, um gegen die imperialistischen Machenschaften ihrer eigenen Bourgeoisie zu k\u00e4mpfen. Und die Feministinnen in diesen imperialistischen L\u00e4ndern m\u00fcssen erkennen, dass ihr eigener Befreiungskampf mit der Zerst\u00f6rung dieser imperialistischen Maschinerie mit der Kraft der vereinigten internationalen Arbeiterklasse verbunden ist. Die Politiker, die jetzt ihre H\u00e4nde ob der Notlage der afghanischen Frauen ringen, die unter dem Joch des religi\u00f6sen Fundamentalismus leiden, sind diejenigen, die jetzt den Weg f\u00fcr die Zur\u00fccknahme der reproduktiven Rechte im Namen des religi\u00f6sen Fundamentalismus in den Vereinigten Staaten ebnen.<\/p>\n<p>Ein wahrhaft internationalistischer Feminismus in Afghanistan muss den Kampf f\u00fcr die Befreiung der Frauen sowohl innerhalb Afghanistans als auch in den L\u00e4ndern aufnehmen, die die Bedingungen der Unterdr\u00fcckung und Armut geschaffen haben, denen afghanische Frauen heute ausgesetzt sind. In den Vereinigten Staaten bedeutet dies, dass sich die feministische Bewegung nicht darauf beschr\u00e4nken kann, nur f\u00fcr die Rechte der Frauen in den Vereinigten Staaten zu k\u00e4mpfen. Die j\u00fcngsten Angriffe auf die reproduktiven Rechte schaffen die Voraussetzungen f\u00fcr ein Wiederaufleben der feministischen Bewegung in den Vereinigten Staaten; aber jede Bewegung, die f\u00fcr den Schutz dieser Rechte k\u00e4mpft \u2013 ohne nur um ihre formale Anerkennung durch den Staat zu betteln \u2013, muss den Antiimperialismus zu einem zentralen Bestandteil dieses Kampfes machen. Denn die Intervention der USA im Ausland schw\u00e4cht die internationale feministische Bewegung und schafft die Grundlage f\u00fcr eine fortgesetzte Unterdr\u00fcckung in der ganzen Welt. Wie wir deutlich gemacht haben, sind unser Feind oder der Feind der afghanischen Frauen nicht die Arbeiter und Unterdr\u00fcckten in anderen Teilen der Welt, sondern eine kapitalistische Weltordnung, die uns spaltet und isoliert, so dass wir uns nicht wehren k\u00f6nnen. Anstatt sich zur\u00fcckzulehnen und passive Unterst\u00fctzung anzubieten, m\u00fcssen Feministinnen hier in den USA aktiv den Kampf aufnehmen \u2013 mit all unserer Macht als Arbeiterinnen und in der feministischen Bewegung \u2013, um alle Finanzmittel f\u00fcr das US-Milit\u00e4r zu streichen, alle US-Basen zu schliessen und die Grenzen f\u00fcr alle Menschen zu \u00f6ffnen, die vor der Unterdr\u00fcckung in ihren Heimatl\u00e4ndern fliehen.<\/p>\n<p><strong>Schlussfolgerung: \u00dcber die permanente Revolution und den Kampf gegen die Unterdr\u00fcckung der Geschlechter<\/strong><\/p>\n<p>Angesichts der Instabilit\u00e4t und Unterdr\u00fcckung durch die Taliban-Herrschaft, die die Lage der afghanischen Frauen noch verschlimmert, haben wir argumentiert, dass der Kampf gegen geschlechtsspezifische Gewalt und der Kampf zum Schutz der Errungenschaften der afghanischen Frauenbewegung nicht in den H\u00e4nden von Politikern, Entscheidungstr\u00e4gern und Kapitalisten liegt, sondern in der unabh\u00e4ngigen Organisation der afghanischen Frauenbewegung mit der Unterst\u00fctzung der afghanischen und internationalen Arbeiterklasse. Doch um die Beseitigung der Geschlechterunterdr\u00fcckung zu erm\u00f6glichen, m\u00fcssen die kapitalistischen Gesellschaftsverh\u00e4ltnisse gest\u00fcrzt und die Gesellschaft so umgestaltet werden, dass sie ohne Klassen funktioniert. Aber wie ist dies in einem Land wie Afghanistan m\u00f6glich, dessen Wirtschaft am Boden liegt und dessen Arbeiterklasse durch den jahrzehntelangen Krieg dezimiert wurde? Trotzkis Theorie der permanenten Revolution bietet einen Ausweg.<\/p>\n<p>Wie die Geschichte gezeigt hat, ist der kapitalistische Staat, selbst wenn er vielf\u00e4ltige Formen annimmt, nicht in der Lage, f\u00fcr die grosse Mehrheit der Menschen Gerechtigkeit zu schaffen. Obwohl aus unterschiedlichen Gr\u00fcnden, verweisen sowohl liberale Feministinnen als auch selbsternannte antiimperialistische Feministinnen auf die komplizierte und turbulente Geschichte des Fraktionszwangs in der feudalistischen Gesellschaft Afghanistans, um zu erkl\u00e4ren, warum die ausl\u00e4ndische Intervention keine Stabilit\u00e4t im Lande geschaffen hat, die die Bedingungen f\u00fcr afghanische Frauen verbessert h\u00e4tte. Erstere benutzen dies, um die aktive Rolle des US-Imperialismus bei der Schaffung der heutigen Situation in Afghanistan zu entschuldigen; letztere benutzen dies, wie wir gezeigt haben, um einen Kulturrelativismus zu rechtfertigen, der die Klasse zu einem weiteren Glied in einer Reihe von Unterdr\u00fcckungsverh\u00e4ltnissen macht, die lokal und individuell bek\u00e4mpft werden m\u00fcssen, was echte internationale Solidarit\u00e4t und Kampf unm\u00f6glich macht.<\/p>\n<p>Dagegen bietet die Theorie der permanenten Revolution einen anderen Weg nach vorn. F\u00fcr die werkt\u00e4tigen Massen muss der Kampf um die Befreiung von imperialistischer Unterdr\u00fcckung und islamischem Fundamentalismus der Kampf um den Sturz ihrer nationalen Bourgeoisie sein, die sich an ausl\u00e4ndischer Hilfe bereichert und den arbeitenden und b\u00e4uerlichen Massen nichts ausser Elend zu bieten hat. Um soziale, wirtschaftliche und demokratische Rechte f\u00fcr die Arbeiterklasse und die Unterdr\u00fcckten zu erringen, sich gegen die imperialistische Kontrolle zu wehren und die Gesellschaft in eine von jeglicher Unterdr\u00fcckung freie umzugestalten, ist es notwendig, den Weg hin zu der sozialistischen Revolution einzuschlagen.<\/p>\n<p>Die nationale Bourgeoisie ist aufgrund ihrer Schw\u00e4che und ihrer Bindung an den Imperialismus nicht in der Lage, den Kampf f\u00fcr nationale Befreiung, Demokratie, Industrie- und Agrarreform erfolgreich zu f\u00fchren. Nur die unabh\u00e4ngige Aktion der Arbeiterklasse im B\u00fcndnis mit der Bauernschaft kann die demokratischen Aufgaben, vor denen die Gesellschaft steht, erf\u00fcllen. Auf diese Weise k\u00f6nnte ein revolution\u00e4rer Prozess in einem r\u00fcckst\u00e4ndigen Land direkt von seinem demokratischen Stadium zu einem sozialistischen \u00fcbergehen. Trotzki schreibt,<\/p>\n<p>\u00abW\u00e4hrend die traditionelle Auffassung war, dass der Weg zur Diktatur des Proletariats \u00fcber eine lange Periode der Demokratie f\u00fchrt, hat die Theorie der permanenten Revolution die Tatsache festgestellt, dass f\u00fcr r\u00fcckst\u00e4ndige L\u00e4nder der Weg zur Demokratie \u00fcber die Diktatur des Proletariats f\u00fchrt. Die Demokratie ist also kein Regime, das sich jahrzehntelang selbst gen\u00fcgt, sondern nur ein unmittelbares Vorspiel zur sozialistischen Revolution. Das eine ist mit dem anderen durch eine ununterbrochene Kette verbunden. So entsteht zwischen der demokratischen Revolution und dem sozialistischen Umbau der Gesellschaft ein permanenter Zustand der revolution\u00e4ren Entwicklung.\u00bb<\/p>\n<p>Aber die Revolution h\u00f6rt nicht am Punkt des revolution\u00e4ren Umsturzes auf. Da die Arbeiterklasse im B\u00fcndnis mit der Bauernschaft mit der Aufgabe konfrontiert ist, dem Kapitalismus und dem Privateigentum ein Ende zu setzen, verwandeln sie alle Produktionskapazit\u00e4ten des Landes nicht in Richtung Profit, sondern in Richtung der Entwicklung der Gesellschaft.<\/p>\n<p>Diese Umwandlung der Eigentumsverh\u00e4ltnisse geschieht in dem Masse, wie der Arbeiterstaat die strukturellen Aufgaben der b\u00fcrgerlichen Revolution \u00fcbernimmt, wie die Frage der nationalen Unabh\u00e4ngigkeit und Einheit, die Umverteilung und Neuordnung des Bodens unter der Bauernschaft und andere, die den Funken einer solchen Revolution entz\u00fcndet h\u00e4tten. Die Revolution ist von Dauer, weil die Ver\u00e4nderung der materiellen Bedingungen nicht nur die politischen und wirtschaftlichen Verh\u00e4ltnisse ver\u00e4ndert, sondern auch gesellschaftliche und kulturelle Umw\u00e4lzungen zur Folge hat. Die Umgestaltung der Arbeit von einer kapitalistischen Produktionsweise zu einer sozialistischen Produktionsweise er\u00f6ffnet neue Wege f\u00fcr Ver\u00e4nderungen und schafft die Grundlagen f\u00fcr die Umgestaltung der materiellen Bedingungen, die die Massen, einschliesslich der Frauen, unterdr\u00fccken. Unbeeinflusst von der Verzweiflung, Mehrwert und Profite f\u00fcr die Kapitalisten zu produzieren, kann ein solcher Staat die Kinderbetreuung und die Hausarbeit sozialisieren und den Zugang zu Bildung und gleichem Lohn f\u00fcr gleiche Arbeit durchsetzen, was die Frauen aus den traditionellen Geschlechterrollen befreit, in denen die Klassengesellschaft sie gefangen h\u00e4lt, und sie f\u00fcr neue Ideen im andauernden Kampf f\u00fcr die Emanzipation der Frauen bei der revolution\u00e4ren Umgestaltung der Gesellschaft \u00f6ffnet. Obwohl dieser Prozess nicht unmittelbar ist und einen aktiven Kampf gegen Frauenfeindlichkeit und alle anderen Unterdr\u00fcckungen erfordert, sind mit der Beseitigung der materiellen Grundlagen dieser Unterdr\u00fcckungen die Voraussetzungen f\u00fcr die Entstehung einer Gesellschaft geschaffen, die wirklich gleichberechtigt und befreiend f\u00fcr alle ist, frei von dem Elend der Ausbeutung und Unterwerfung.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.leftvoice.org\/anti-imperialism-is-inseparable-from-anti-capitalism-a-socialist-feminist-perspective\/\"><em>leftvoice.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 8. Oktober 2021; \u00dcbersetzung durch Redaktion maulwuerfe.ch <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor zwanzig Jahren setzten liberale Feministinnen, gemeinsam mit anderen linksliberalen und sozialdemokratischen Kr\u00e4ften auf die Nato-Intervention in Afghanistan. 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