{"id":10168,"date":"2021-10-11T11:52:56","date_gmt":"2021-10-11T09:52:56","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10168"},"modified":"2021-10-11T11:52:58","modified_gmt":"2021-10-11T09:52:58","slug":"brigitte-studer-reisende-der-weltrevolution-generalstab-der-weltrevolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10168","title":{"rendered":"Brigitte Studer: Reisende der Weltrevolution. Generalstab der Weltrevolution"},"content":{"rendered":"<p><em>Jens Renner.<\/em><strong> Die Kommunistische Internationale ist zwar gescheitert, doch im Buch von Brigitte Studer [Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 618 Seiten, ca. 37.00 SFr, ISBN 978-3-518-29929-6] werden sie und die Beteiligten dieses welthistorischen Experiments kritisch gew\u00fcrdigt.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Revolution braucht Organisation. Und Weltrevolution? \u201eKader und ein globales Netzwerk\u201c, schreibt die Schweizer Historikerin Brigitte Studer in ihrem lesenswerten Buch \u201eReisende der Weltrevolution &#8211; Eine Globalgeschichte der Kommunistischen Internationale\u201c. Deren Gr\u00fcndung Anfang M\u00e4rz 1919 in Moskau habe \u201eden Nerv der Zeit\u201c (S. 19) getroffen. Der Rote Oktober 1917 in Russland galt den Gr\u00fcnder*innen der \u201eKomintern\u201c (oder einfach KI) nur als Prolog weiterer revolution\u00e4rer Umw\u00e4lzungen, nicht zuletzt in Deutschland. Als die Revolution im Westen ausblieb, gerieten zunehmend auch antiimperialistische Bewegungen ausserhalb Europas in den Blick.<\/p>\n<p>Lenin und Trotzki wandten sich direkt an die \u201eKolonialsklaven Afrikas und Asiens\u201c, um ihnen ein B\u00fcndnis anzubieten. Internationalismus war keine hohle Phrase: \u201e\u00dcber die nationalen und ethnischen Grenzen hinweg bewegte ein Elan der Solidarit\u00e4t die Beteiligten\u201c (S. 72), schreibt Studer. L\u00e4ngst nicht alle definierten sich als Kommunist*innen. Zum zweiten Weltkongress der KI im Sommer 1920 kamen neben \u201elinksradikalen Gruppen und Individuen anarchistischen, syndikalistischen und revolution\u00e4ren Zuschnitts\u201c (S. 63) auch Beobachter*innen sozialdemokratischer Parteien.<\/p>\n<p><strong>Aktivistisches Kapital<\/strong><\/p>\n<p>Dass die KI ab Ende der 1920er Jahre, zeitgleich mit der Stalinisierung der KPdSU, zum Instrument machtpolitischer Interessen der Sowjetunion und der Moskauer \u201eApparat\u201c immer b\u00fcrokratischer wurden, bestreitet Studer nicht. Ihr Buch ist mehr als eine weitere Geschichte der Komintern. Im Zentrum stehen einige Frauen und M\u00e4nner und deren Lebensentscheidung, aus der revolution\u00e4ren T\u00e4tigkeit einen Beruf zu machen \u2013 einen bezahlten und mit ein paar Privilegien, aber auch mit Entbehrungen und Gefahren verbundenen Beruf.<\/p>\n<p>320 Revolution\u00e4r*innen erw\u00e4hnt sie namentlich; die f\u00fcnf, deren Lebensweg sie ausf\u00fchrlich schildert, sind der Inder Manabendra Nath Roy (1887-1954), die Italienerin Tina Modotti (1896-1942), der Schweizer Jules Humbert-Droz (1891-1971) sowie die Deutschen Willi M\u00fcnzenberg (1889-1940) und Hilde Kramer (1900-1974).<\/p>\n<p>Letztere ist zwar die am wenigsten \u201eProminente\u201c, an ihrem Beispiel wird aber besonders gut nachvollziehbar, wie die Aufbruchstimmung der fr\u00fchen 1920er Jahre junge Revolution\u00e4r*innen motivierte. KPD-Mitglied seit Ende 1918, arbeitete Kramer ab 1920 in Moskau als \u00dcbersetzerin und Stenografin f\u00fcr die KI. In einem Brief an eine Berliner Freundin schrieb sie \u00fcber den Empfang der KI-Delegierten im August 1920: \u201e\u00dcberall rote Fahnen, \u00fcberall der Klang der Internationale. Und das alles trotz der herrschenden Not, die man sich im Auslande kaum vorstellen kann.\u201c (S. 75) Mitunter l\u00e4sst sich auch Studer von der Begeisterung ihrer Protagonist*innen mitreissen. Mehrfach hebt sie hervor, wie deren aktivistisches Kapital Chancen er\u00f6ffnete. Das galt auch f\u00fcr Frauen, die allerdings in den Entscheidungsgremien kaum vertreten waren, sondern \u2013 wie Hilde Kramer \u2013 \u00fcberwiegend unverzichtbare \u201etechnische\u201c Zuarbeit leisteten.<\/p>\n<p>Spektakul\u00e4rer vollzog sich die T\u00e4tigkeit der Reisenden. Die Schaupl\u00e4tze, an denen Studers Revolution\u00e4r*innen agieren, sind neben Moskau auch Baku und Taschkent, Berlin und andere europ\u00e4ische Metropolen, China und Spanien nach Francos Putsch 1936. Verfolgt, wenig vertraut mit der Landessprache, h\u00e4ufig im Konflikt mit den nationalen kommunistischen Parteien \u2013 fast immer waren die von der Moskauer Zentrale entsandten Berater mit ihren Aufgaben \u00fcberfordert. Viel Zeit beanspruchte das Abfassen von Berichten und die Kommunikation mit dem Apparat. Dieser erwartete Linientreue und st\u00e4ndige Wachsamkeit gegen\u00fcber mutmasslichen Abweichler*innen. Nicht nur in Spanien entstand ein Klima des Verdachts und der Denunziation; \u201eTrotzkismus\u201c wurde zur allgegenw\u00e4rtigen und f\u00fcr die Betroffenen lebensgef\u00e4hrlichen Anklage. Etwa 100 der 320 Komintern-Kader, die Studer namentlich erw\u00e4hnt, kamen gewaltsam ums Leben; 58 von ihnen wurden Opfer stalinistischer \u201eS\u00e4uberungen\u201c.<\/p>\n<p><strong>Kollektiver Enthusiasmus<\/strong><\/p>\n<p>Als Stalin die KI 1943 kurzerhand aufl\u00f6ste, war sie, gemessen an ihrem Ziel, gescheitert. Die Idee, mithilfe eines revolution\u00e4ren Generalstabs die Geschichte zu beschleunigen, liess sich nicht umsetzen, die Revolution nicht beliebig exportieren. Statt sich \u00fcber den Voluntarismus der Beteiligten zu erheben, macht Studer deren kollektiven Enthusiasmus nachvollziehbar. Die Welt der Kommunist*innen der Zwischenkriegszeit sei \u201eeiner weitverzweigten Grossfamilie vergleichbar\u201c gewesen: \u201eSolange man sich nicht von ihr losgesagt hatte, geh\u00f6rte man irgendwie dazu.\u201c (S. 538) Es sei denn, man wurde \u2013 teils unter absurden Beschuldigungen \u2013 aus ihr ausgestossen und als Feind*in ge\u00e4chtet. Dann half auch das \u201eGeflecht von Bekanntschaften, Freundschaften, Liebschaften\u201c nicht mehr; \u201eaus Freundschaften wurden auch Feindschaften.\u201c (S. 539)<\/p>\n<p>Brigitte Studer ist weit davon entfernt, ihre Protagonist*innen zu heroisieren. In den mit \u201eAusblick\u201c \u00fcberschriebenen drei Seiten am Ende des Buches w\u00fcrdigt sie aber deren \u201eselbst gew\u00e4hlte Mission\u201c und die Komintern als \u201ewelthistorisches Experiment\u201c. Die Kommunistische Internationale ist Geschichte, die ihrer Gr\u00fcndung zugrundeliegende Idee aber keineswegs erledigt.<\/p>\n<p><em>#Bild: Gruppe von Mitgliedern des Proletkult B\u00fcros im August 1920. Darunter findet sich auch der Schweizer Jules Humbert-Droz (ganz rechts), welcher f\u00fcr das Komintern aktiv war und dessen Lebensweg im Buch ausf\u00fchrlich geschildert wird. \/\u00a0<\/em><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:A_group_of_members_of_the_International_Bureau_of_Proletkult,_1920.png\"><em>Anonymous<\/em><\/a><em>\u00a0<\/em><a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/4.0\/deed.en\"><em>(CC BY-SA 4.0 cropped)<\/em><\/a><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch\/buchrezensionen\/sachliteratur\/brigitte-studer-reisende-der-weltrevolution-6641.html\"><em>untergrund-bl\u00e4ttle.ch&#8230;<\/em><\/a><em> vom 11. Oktober 2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jens Renner. 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