{"id":10217,"date":"2021-10-18T16:33:39","date_gmt":"2021-10-18T14:33:39","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10217"},"modified":"2021-10-18T16:33:41","modified_gmt":"2021-10-18T14:33:41","slug":"von-ausrottung-und-vergessen-haiti-die-erste-schwarze-republik-der-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10217","title":{"rendered":"Von Ausrottung und Vergessen: Haiti, die erste Schwarze Republik der Welt"},"content":{"rendered":"<p><em>Camila Koenigstein, Jean Jackson. <\/em><strong>Die von Schwarzen in Amerika angef\u00fchrten aufst\u00e4ndischen und revolution\u00e4ren Bewegungen werden noch immer marginalisiert und totgeschwiegen.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p><strong>Ein kurzes Bild der Lage<\/strong><\/p>\n<p>Wie zu erwarten war, ist die lateinamerikanische akademische Lehre einer der Bereiche, in denen schon immer die verschiedenen Ungleichheiten hervorgehoben und untersucht worden sind. Die Themen, die auf den Gebieten der Human- und Gesellschaftswissenschaften behandelt wurden, trugen zun\u00e4chst zur Verbreitung einer Geschichtsschreibung bei, die auf der Grundlage dessen strukturiert war, was man als zivilisatorisches Fundament betrachtete und dem europ\u00e4ischen Denken folgte. Doch gegen\u00fcber dieser Hegemonie gab es regionale historische Prozesse und eine von Schwarzen Intellektuellen entwickelte theoretische Produktion, die vergessen und verschwiegen wurde.<\/p>\n<p>Die Freisetzung dieses \u2013 gef\u00fchlt \u2013 gar nicht Existenten ist von grundlegender Bedeutung, wenn man an m\u00f6gliche erkenntnistheoretische und diskursive Z\u00e4suren denkt, die eine effektivere Lekt\u00fcre der Merkmale unserer eigenen Realit\u00e4ten angesichts eines scheinbar unanfechtbar dominanten und kolonialen Wissens hervorbringen.<\/p>\n<p>&#8222;Wer die Definitionsmacht hat, hat auch die Macht, dem definierten Gegenstand Relevanz, Identit\u00e4t, Klassifizierung und Bedeutung zu verleihen&#8220; (Ramose, 2011).<\/p>\n<p>Die Beitr\u00e4ge der neuen Geschichtsschreibung sind indes vielf\u00e4ltig; angefangen von einer Untersuchung der europ\u00e4ischen Expansion und ihrer Wirkung auf die indigenen Gesellschaften Amerikas, die da sind: Beherrschung, Gewalt und Widerstand im Kontext einer Kolonialisierung, der es, von Ausnahmen abgesehen, an jeglicher Sensibilit\u00e4t f\u00fcr das Anderssein fehlte.<\/p>\n<p>Ramose benennt in seiner Kritik auch genau die Stringenz, mit der die akademische Lehre immer noch im eurozentristischen Sinn die Priorit\u00e4ten f\u00fcr die Analyse oder die Unterdr\u00fcckung einiger bei der Herausbildung der lateinamerikanischen Identit\u00e4t entscheidenden Prozesse festlegt und einordnet. Zu diesen Prozessen geh\u00f6rt auch die Haitianische Revolution selbst.<\/p>\n<p>Ein klares Beispiel ist die falsche Symmetrie, die hergestellt wird zwischen den Revolutionen im 18. Jahrhundert und der sekund\u00e4ren Rolle, die der Haitianischen Revolution zugeschrieben wird.<\/p>\n<p>Es ist ganz offensichtlich, dass an den Lehrst\u00fchlen f\u00fcr Gesellschaftswissenschaften der lateinamerikanischen Universit\u00e4ten weiterhin diese Vorurteile bestehen, trotz der Erneuerung der Lehrpl\u00e4ne und der Fortschritte in der Forschung in den letzten vier Jahrzehnten besonders im Bereich Sozialgeschichte. So marginalisiert man weiterhin die Mehrzahl der von Schwarzen in Amerika angef\u00fchrten aufst\u00e4ndischen und revolution\u00e4ren Bewegungen und schweigt sie tot. Sie werden aufgrund einer rassistischen Denkweise, die sie als reine Ausnahme-Ereignisse ansieht, historisch in die zweite Reihe verbannt. Warum betrachtet man sie nicht stattdessen eingeordnet in den Verlauf der Revolutionen im Gebiet des Atlantischen Ozeans ?<\/p>\n<p>Alle diese Fragen er\u00f6ffnen Wege, um \u00fcber die Rolle der P\u00e4dagogik und der Geschichtslehre nachzudenken und auch \u00fcber die Wichtigkeit, sowohl Inhalte als auch Methodologie in bestimmten Fachrichtungen zu \u00fcberdenken. Das k\u00f6nnte \u2013 neben einem besseren Verst\u00e4ndnis der lokalen, regionalen und weltumspannenden Prozesse \u2013 eine bessere Ann\u00e4herung an unsere geschichtlichen Vorl\u00e4ufer hervorbringen.<\/p>\n<p>N\u00fctzlich bei der Betrachtung ist unserer Meinung nach, die Perspektive der &#8222;sich \u00fcberschneidenden Historien&#8220;; ein Standpunkt, der die Nationalismen relativiert, die Gesellschaften von ihren Ber\u00fchrungspunkten her analysiert und versucht, alle Eigenschaften und Erscheinungsformen, die das Anderssein hervorbringt, zueinander in Verbindung zu setzen.<\/p>\n<p>Haiti wurde zum ersten Land, das ehemalige Sklaven regierten. Ohne Zweifel war das eine Revolution, die in verschiedenen geografischen R\u00e4umen \u2013 \u00fcber Frankreich und seine Kolonie Saint-Domingue hinaus \u2013 ein Echo fand.<\/p>\n<p>Haiti ist grundlegender Bestandteil des zivilisatorischen Prozesses in Lateinamerika. Die europ\u00e4ische Kultur und die der anderen Machtzentren verbreitet weiterhin Emanzipationsrhetoriken gegen jede Art von Unterdr\u00fcckung, aber sie erleiden weiterhin Schiffbruch mit ihrem Rassismus und impliziten Kolonialismus, wenn es darum geht, das Beispiel Haiti zu erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p><strong>Vergessen: Die Haitianische Revolution und die Schlacht von Verti\u00e8res<\/strong><\/p>\n<p>Erst im Februar 2019 findet das Wort\u00a0<em>Verti\u00e8res<\/em>\u00a0Eingang in das W\u00f6rterbuch der Acad\u00e9mie fran\u00e7aise; ein Ereignis, das der intellektuellen Arbeit des haitianisch-kanadischen Wissenschaftlers Dany Laferri\u00e8re zu verdanken ist. Zu dieser inakzeptablen Verz\u00f6gerung kam es genau deshalb, weil dieses Wort sich auf den geostrategischen Ort bezieht, an dem Frankreich vom sogenannten &#8222;Indigenen Heer&#8220; besiegt wurde, das nach der historischen Erz\u00e4hlung diesen Namen zu Ehren der eingeborenen V\u00f6lker und ihrer Rebellionen annahm; es besiegte das napoleonische Heer verk\u00fcndete die Freiheit der Sklaven. Gleichzeitig entschieden die Aufst\u00e4ndischen, alle Ausl\u00e4nder zu sch\u00fctzen, die den Boden des westlichen Teils der Insel Santo Domingo (heute Haiti) auf der Flucht vor Sklaverei, Unterdr\u00fcckung oder politischer Verfolgung durch die Kolonisatoren betreten.<\/p>\n<p>Die Schlacht von Verti\u00e8res, kaum erw\u00e4hnt und noch weniger anerkannt, war die letzte gro\u00dfe Schlacht der Haitianischen Revolution; die Schlacht, die das Paradigma brach, das der Europ\u00e4er der sozialen Struktur auferlegt hatte. Im Unterschied zur Franz\u00f6sischen Revolution strebte der Aufstand tats\u00e4chlich die Freiheit, die Gleichheit und die Br\u00fcderlichkeit an, unabh\u00e4ngig von Hautfarbe, Geschlecht, sozialer Klasse und Bildungsniveau.<\/p>\n<p>So kommt es, dass heute auf haitianischem Boden selbst bei einer ethnisch unterschiedlichen Bev\u00f6lkerung \u2013 besonders aufgrund der Mischung von Afrikanern, eingeborenen Indigenen, Polen, Engl\u00e4ndern, Deutschen, Juden, Libanesen, Arabern etc \u2013 die Bewohner durch eine einzige Sprache, das Kreol oder Criollo vereint sind, durch eine gemeinsame Kosmovision und durch eine einzige Kultur: die nationale haitianische Kultur.<\/p>\n<p>Aber welches waren nun die bemerkenswertesten Fortschritte, die wir beim Indigenen Heer und bei der Schlacht von Verti\u00e8res feststellen k\u00f6nnen? Wir k\u00f6nnen unter anderem die sexuelle und die ethnisch-rassische Inklusion und die F\u00f6rderung humanit\u00e4rer Grunds\u00e4tze erw\u00e4hnen.<\/p>\n<p>Im Indigenen Heer gab es mehr Frauen als M\u00e4nner. Jaques Houdaille best\u00e4tigt, dass drei Schwarze Frauen auf jeden Mann kamen und dass viele aktiven Anteil an der Schlacht nahmen und auch hohe R\u00e4nge in der Hierarchie innehatten. Bemerkenswert war etwa die Beteiligung von C\u00e9cile Fatiman an der Spitze der Rebellion seit der Zeremonie von Bois Caiman; ebenso von Romaine Rivi\u00e8re, &#8222;der Prophet&#8220;, einem der F\u00fchrer der Aufst\u00e4ndischen, der sich als Frau betrachtete und auf dem Schlachtfeld\u00a0Frauenkleider trug; von Catherine Flon, die das Banner des Heeres n\u00e4hte; von Marie-Jeanne Lamartini\u00e8re, als Mann gekleidet und als Soldat anerkannt; von Sanite Belair, die den Rang eines Leutnants hatte; von Marie-Claire Heureuse F\u00e9licit\u00e9 Bonheur, Krankenschwester im Heer, die sich sowohl um die Truppe als auch um die verletzten franz\u00f6sischen Soldaten auf dem Schlachtfeld k\u00fcmmerte.<\/p>\n<p>Jedoch erz\u00e4hlen uns die Berichte der traditionellen Geschichtsschreibung von einem wahrhaften &#8222;Massaker&#8220; an den Wei\u00dfen. Es ist notwendig hervorzuheben, dass sich das Indigene Heer nicht nur aus Schwarzen zusammensetzte, sondern es darin auch Wei\u00dfe und Mulatten gab.<\/p>\n<p>Im Juni 1802 landeten rund 2.270 polnische Soldaten am Cabo Franc\u00e9s \u2013 heute Cabo Haitiano, damals die koloniale Hauptstadt von\u00a0<em>Saint-Domingue<\/em>, w\u00e4hrend im September weitere 2.500 in Puerto Republicano \u2013 heute Puerto Pr\u00edncipe \u2013 landeten. Diese Polen, Deutschen und Schweizer bildeten aber letztlich nur eine unbedeutende Fraktion innerhalb der franz\u00f6sischen Expeditionstruppe, die entsandt worden war, um die Rebellion niederzuringen. Von Napoleon betrogen und verlassen, entschieden sie sich am 18.November 1803, zum Indigenen Heer \u00fcberzulaufen.<\/p>\n<p>Nach dem Krieg baten einige Polen darum, nach Europa zur\u00fcckzukehren, um sich mit ihren Familien wiederzuvereinen. Jean-Jacques Dessalines selbst organisierte diese R\u00fcckkehr-Operation, die vollst\u00e4ndig vom haitianischen Staat finanziert wurde. Der polnische General Ludwik Mateusz Dembowski schrieb dann sehr eindr\u00fccklich an den General des franz\u00f6sischen Heeres Rochambeau: &#8222;Ich hatte die Gelegenheit, den Anf\u00fchrer der Aufst\u00e4ndischen, Dessalines, kennenzulernen (\u2026). Trotz der gro\u00dfen Rohheit , die sie \u00fcblicherweise zeigen, haben sie mich empfangen, und ungeachtet der Ignoranz, die wir in ihnen vermuten, argumentieren sie auf ihre Art und Weise und gerecht.&#8220;<\/p>\n<p>Obwohl der Befehl von Dessalines w\u00e4hrend des Konfliktes lautete &#8222;den wei\u00dfen Soldaten die K\u00f6pfe abzuschneiden und alle ihre H\u00e4user anzuz\u00fcnden&#8220;, wies er doch an, den Krankenschwestern, \u00c4rzten und Sanit\u00e4tern keinen Schaden zuzuf\u00fcgen und wandte sich auch nicht gegen die Familien der Kolonisten, die im Allgemeinen in ihren Ursprungsl\u00e4ndern verblieben waren. Am 19. November 1803 ergaben sich die Offiziere des franz\u00f6sischen Heeres und Dessalines gew\u00e4hrte ihnen drei Tage Waffenruhe, um nach Frankreich zur\u00fcckzukehren.<\/p>\n<p>James M&#8217;Kewan, ein Menschenh\u00e4ndler, fragte Alexandre P\u00e9tion einmal wegen der M\u00e4nner und Frauen, die sein &#8222;Eigentum&#8220; gewesen seien. P\u00e9tion antwortete ihm: &#8222;Kolonialist, die Menschen, die Du suchst, sind jetzt frei und B\u00fcrger der Republik Haiti. Sie sind nicht mehr Dein Eigentum. Was Dich betrifft: Ich gebe dir 24 Stunden, um haitianischen Boden zu verlassen.\u201c<\/p>\n<p>Nach der Schlacht schmiedete Dessalines im Mai 1806 Pl\u00e4ne zur Befreiung der Inseln Martinique und Guadalupe. Jahre sp\u00e4ter \u2013 zwischen 1815 und 1816 \u2013 sollte Pr\u00e4sident P\u00e9tion, Ex-General des Indigenen Heeres, Sim\u00f3n Bol\u00edvar empfangen und ihm Munition und mehr als 300 Offiziere zur Verf\u00fcgung stellen, um\u00a0<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gro%C3%9Fkolumbien\"><em>Gran Colombia<\/em><\/a>\u00a0zu befreien. Au\u00dferdem empfing er Francisco de Miranda und bot ihm das Befreiungsschwert Haitis an, damit er weiter f\u00fcr die Emanzipation der Vereinigten Staaten k\u00e4mpfe.<\/p>\n<p>P\u00e9tion bot 1814 auch dem f\u00f6deralen Argentinier Manuel Derrego politisches Asyl an. Francisco Xavier Miranda y Morfi bat ebenfalls um Hilfe: General P\u00e9tion bot seine Unterst\u00fctzung an und stellte ein haitianisches Schiff zur Verf\u00fcgung, das Miranda y Morfi nach Mexiko brachte, um dort f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit dieses Landes zu k\u00e4mpfen. Im April 1817 erhielt der damalige Pr\u00e4sident P\u00e9tion einen Brief des argentinischen Politikers Juan Mart\u00edn de Pueyrred\u00f3n bez\u00fcglich der Konsolidierung der Unabh\u00e4ngigkeit der Vereinigten Provinzen. Wie man sieht, entstanden viele Bewegungen zur Befreiung von der Kolonialherrschaft im Dialog mit der Haitianischen Revolution, aber ihre Bedeutung und ihre Verbindungen wurden von der rassistischen Geschichtsschreibung negiert.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zu Verti\u00e8res. Es besteht gro\u00dfe Unkenntnis \u00fcber diese Schlacht, die darauf zielte, die von der Franz\u00f6sischen Revolution aufgestellten Ideale zu konkretisieren und auszuweiten, darunter die Gleichheit der Menschen, aber ohne geschlechtsspezifische und rassisch-ethnische Unterscheidungen; diese Prinzipien waren Teil des gesamten Prozesses. Das, was sp\u00e4ter in der Geschichtsschreibung als Barbarei und Massaker eingeordnet wurde \u2013 die so genannten &#8222;Gesetze des Krieges&#8220; \u2013 war haupts\u00e4chlich der Kampagne von intellektuellen S\u00f6ldnern wie Jean Louis Dubocra zuzuschreiben, der von Napoleon unter Vertrag genommen wurde, um die geschichtlichen Tatsachen bez\u00fcglich Jean-Jacques Dessalines und der Aufst\u00e4ndischen ebenso auszul\u00f6schen wie die Bedeutung des haitianischen Beispiels f\u00fcr den Kontinent nach der Erlangung der Unabh\u00e4ngigkeit.<\/p>\n<p>Kurz gesagt, verfolgen die Nachkommen der kolonialen Sklavenhalter \u2013 sei es aus Scham oder aus Angst \u2013 immer noch das Ziel, mittels Journalisten, Politikern und Intellektuellen im Dienste des Kolonialismus die Revolution zu verschweigen. Deshalb bestehen sie darauf, einen pseudo-wissenschaftlichen und eurozentristischen Diskurs aufrechtzuerhalten, nehmen Schl\u00fcsselpositionen in politischen, wirtschaftlichen, Medien- und akademischen Bereichen ein und f\u00fchren so eine imagin\u00e4re Vorstellung von Haiti fort, die die Kultur, die Religion und die Geschichte des Landes kaum repr\u00e4sentiert und schlecht versteht.<\/p>\n<p>Auf jeden Fall ist unbestreitbar, dass eine Revolution der Verbreitung der Menschenrechte dienen und dass sie strukturelle Ver\u00e4nderungen herbeif\u00fchren muss, die das soziale Gef\u00fcge in seiner Gesamtheit umfassen. Die Franz\u00f6sische Revolution und die Nordamerikanische Revolution waren in diesem Sinne Verteidigungs-Bewegungen einer kleinen Elite, einer Bourgeoisie, die unzufrieden war mit der Dominanz einer dekadenten und grausamen Aristokratie. Die Verarmten, die Frauen, die Afrikanisch-St\u00e4mmigen und die Massen wurden daher vergessen und versuchten, innerhalb eines &#8222;neuen&#8220; aber ebenfalls unterdr\u00fcckerischen Systems zu \u00fcberleben.<\/p>\n<p><strong>Die neokoloniale Bildung und Erziehung<\/strong><\/p>\n<p>Ungeachtet der Anstrengungen von vielen haitianischen intellektuellen Frauen und M\u00e4nnern sowohl innerhalb des Landes als auch im Ausland verursachen die imperialistische Politik der USA und der Neokolonialismus Frankreichs immer noch viele soziale, psychologische und p\u00e4dagogische Probleme auf dem Gebiet der Bildung und Erziehung. Beide L\u00e4nder verfolgen beispielsweise immer noch eine &#8222;Politik des Vergessens&#8220; in Bezug auf die Karibik-Nation. Laut Joseph Bernard Junior wird in US-amerikanischen Schulb\u00fcchern selten die Tatsache erw\u00e4hnt, dass Haiti die USA w\u00e4hrend des Zweiten Weltkrieges finanziell und milit\u00e4risch mit einem Budget von fast 20 Millionen Dollar unterst\u00fctzt hat.<\/p>\n<p>Ein grundlegender Aspekt, um diese koloniale P\u00e4dagogik zu verstehen, ist das mit der Katholischen Kirche als der rechten Hand Frankreichs w\u00e4hrend der Kolonialzeit vereinbarte Konkordat, das am 10. Mai 1860 durch den Pr\u00e4sidenten Fabres Gefrard in der Stadt Gonaives mit dem erkl\u00e4rten Ziel ratifiziert wurde, &#8222;das Volk zu christianisieren und anzuleiten&#8220;. Die Kirche w\u00e4hlte mit strategischer Absicht die Stadt der Unabh\u00e4ngigkeit zum Ort der offiziellen Verk\u00fcndung des Erlasses: &#8222;Wahrscheinlich (\u2026) in Erinnerung daran, dass Gonaives der erste von den Franzosen eroberte Ort war&#8220; (Ardouin, 1856).<\/p>\n<p>Vier Jahre sp\u00e4ter gr\u00fcndete die Katholische Kirche die Mission &#8222;Die Christlichen Br\u00fcder f\u00fcr die Unterweisung&#8220;, fast g\u00e4nzlich vom haitianischen Staat finanziert, \u00fcber die Hunderte Missionare, haupts\u00e4chlich aus Frankreich und den USA stammend, nach Haiti entsandt wurden. Als Folge davon befinden sich bis heute noch die Mehrzahl der Schulen des Landes, im Allgemeinen Privatschulen, unter ihrer Kontrolle.<\/p>\n<p>Die Lehrmaterialien f\u00fcr Geschichte und Geografie in dieser Art Gemeinden, die in j\u00fcngster Vergangenheit selbst vom Bildungsministerium f\u00fcr die Verwendung in der Grundstufe \u00fcbernommen wurden, zeigen alle Arten von Diskriminierung und Stigmatisierung, die sich so \u2013 \u00fcber die Schule \u2013 auf die gesamte Bev\u00f6lkerung \u00fcbertragen. So schreibt etwa der Autor in &#8222;Geschichte Haitis: von den Urspr\u00fcngen bis zur Unabh\u00e4ngigkeit&#8220;, dass &#8222;die indigenen V\u00f6lker Haitis nicht so zivilisiert wie die Inkas oder die Azteken waren.&#8220;<\/p>\n<p>Bez\u00fcglich der afrikanischen V\u00f6lker hei\u00dft es, dass Haiti von ihnen &#8222;nicht nur die k\u00f6rperlichen Merkmale geerbt hat, sondern auch Einstellungen, Anschauungen und Denkmuster&#8220;, w\u00e4hrend von den franz\u00f6sischen Kolonisatoren nur &#8222;gute Qualit\u00e4ten (\u2026) H\u00f6flichkeit, Edelmut, Liebe zur Sch\u00f6nheit, zum Luxus.&#8220; \u00fcbernommen worden seien. In gleicher Art und Weise fordert man in &#8222;Meine erste Geografie&#8220; die Jungen und M\u00e4dchen dazu auf, zwei Bilder zu vergleichen: auf der einen Seite kleine, einfache, mit Schilf gedeckte H\u00fctten \u2013 vermutlich haitianische \u2013 und als Gegenst\u00fcck Geb\u00e4ude aus irgendeinem Ort in Europa; damit wird dann zu verstehen gegeben, dass von Schwarzen nichts Durchdachtes stammen k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Zu den Problemen durch die Auferlegung der franz\u00f6sischen P\u00e4dagogik muss man noch die Auswirkungen der nordamerikanischen Politik auf diesem Gebiet seit der Besatzung von 1915-1934 hinzurechnen, denn w\u00e4hrend der Okkupation durch die Marines wurden nach st\u00e4dtischen Gebieten und l\u00e4ndlichen Zonen unterschiedene Bildungsprogramme aufgelegt, was die sozialen Spaltungen weiter vertiefte (Gourges, 2016).<\/p>\n<p>Bedingt durch die politischen und wirtschaftlichen Einschr\u00e4nkungen und die Anwendung einer ungleichen Logik bei der Verteilung der sozialen G\u00fcter besuchten um 1894 nur acht Prozent der 400.000 Kinder und Jugendlichen in Haiti eine Schule. Ein Jahrhundert sp\u00e4ter, 1995, gingen von den drei Millionen Kindern im schulf\u00e4higen Alter \u2013 zwischen f\u00fcnf und 14 Jahren \u2013 nur 52 Prozent zur Schule; in den l\u00e4ndlichen Gebieten war die Zahl noch niedriger. Eine universelle Bildung, so wie sie durch die internationalen Organisationen definiert wird, bleibt man ihnen bis zum heutigen Tag schuldig. (Joint, 2018)<\/p>\n<p><strong>Hin zu zu einer p\u00e4dagogischen Dekolonialisierung<\/strong><\/p>\n<p>Die Mehrheit der P\u00e4dagogen, Soziologen, Sprach- und Geschichtswissenschaftler stimmt in einem Punkt \u00fcberein: die Dekolonialisierung der Bildung in Haiti wird nicht von selbst kommen. Das Scheitern des klassistischen und segregationistischen Bildungsprojektes der USA in Haiti war auf den starken Widerstand der haitianischen Intellektuellen und der Gesamtheit der Bev\u00f6lkerung zur\u00fcckzuf\u00fchren: ein Widerstand, der entscheidend zum Ende der Besatzung im Jahr 1934 beitrug.<\/p>\n<p>Das haitianische Kreol wurde als Unterrichtssprache in den Schulen bis 1979 nicht verwendet. Seine Einf\u00fchrung war dann selbstverst\u00e4ndlich nicht einfach angesichts methodologischer und didaktischer Probleme und aufgrund aller Arten von konservativen Widerst\u00e4nden seitens verschiedener Akteure.<\/p>\n<p>Unbestreitbar ist die au\u00dferordentliche Anstrengung der haitianischen Familien, um ein inklusives Bildungssystem zu erreichen. Jedoch befindet sich das Land im weltweiten Ranking hinsichtlich der Zielerreichung dabei fast auf dem letzten Platz. Die haitianischen Kinder beenden die Grundschule (ense\u00f1anza fundamental) mit zwei bis drei Jahren R\u00fcckstand, und es fehlen ihnen Kenntnisse zu grundlegenden Lerninhalten.<\/p>\n<p>Trotz der K\u00e4mpfe auf akademischem Gebiet fehlt es immer noch an einem redaktionellen Beitrag, denn es sind immer noch die neokolonialen Akteure, die die B\u00fccher produzieren, ohne dass wir ihre Inhalte in Frage stellen k\u00f6nnten. Es handelt sich um Texte, die die negativen Narrative \u00fcber die Schwarzen und die indigenen Einwohner in der Geschichte der Insel wiederholen und reproduzieren und zu einem kolonialen Diskurs f\u00fchren, der maskiert als angeblicher Modernisierungsprozess auf dem Gebiet der Bildung und des Lernens daherkommt.<\/p>\n<p>Bildung ist sicherlich das m\u00e4chtigste Mittel f\u00fcr einen gesellschaftlichen Wandel. Ohne sie wird die Umgestaltung weder m\u00f6glich sein noch sich konsolidieren, wie der Lehrer Paulo Freire bekr\u00e4ftigte (1971). Die Bildung spielt eine zentrale Rolle, um die Transformation zu denken, besonders bei einer in geschichtlicher und historiografischer Hinsicht so hart gestraften Gesellschaft wie der Haitis.<\/p>\n<p>Es ist dringend notwendig, die Geschichte Haitis und seiner Revolution trotz der Stigmata der &#8222;Lichter der Vernunft\u201c wiederzugewinnen, in einem Prozess, der den afrikanisch-st\u00e4mmigen Einwohnern eine nationale Identit\u00e4t verlieh und au\u00dferdem die Sprache, die Kultur und die Religiosit\u00e4t, die ihnen eigen waren, p\u00e4dagogisch bekr\u00e4ftigte.<\/p>\n<p><strong><em>Bibliografie:<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Agnant, Patrick.\u00a0<em>Le syst\u00e8me d\u2019\u00e9ducation ha\u00eftien : une \u00e9tude n\u00e9o-institutionnaliste en trente ans, de la R\u00e9forme Bernard en 1979 jusqu\u2019au tremblement de terre de 2010,<\/em>\u00a02018.<\/p>\n<p>Ardouin, Beaubrun.\u00a0<em>Estudios sobre la historia de Hait\u00ed<\/em>, T. VI, Par\u00eds, 1856, p\u00e1g. 22.<\/p>\n<p>Gourgues, Jacques-Michel.\u00a0<em>Les manuels scolaires en Ha\u00efti : outils de la colonialit\u00e9,<\/em>\u00a02016.<\/p>\n<p>Govain, Renauld.\u00a0<em>L\u2019\u00e9tat des lieux du cr\u00e9ole dans les \u00e9tablissements scolaires en Ha\u00efti,\u00a0<\/em>2014.<\/p>\n<p>Jesus, Fernando Santos.\u00a0<em>O negro no livro didatico<\/em>. Editora Gramma. Rio de Janeiro, 2017.<\/p>\n<p>Joint, Louis-Auguste.\u00a0<em>El sistema educativo y las desigualdades sociales en Hait\u00ed. El caso de las escuelas cat\u00f3licas,<\/em>\u00a0Pro-Posicoes 19 (2), Agosto 2018.<\/p>\n<p>Ramose, M. B.\u00a0<em>Sobre a legitimidade e o Estudo da Filosofia africana. Ensaios filos\u00f3ficos.<\/em>\u00a0Volume IV- outubro\/2011.<\/p>\n<p>Rivara, Lautaro.\u00a0<em>Los polacos negros y una patria impensada.\u00a0<\/em>Disponible en:\u00a0 <a href=\"http:\/\/argmedios.com.ar\/los-polacos-negros-y-una-patria-impensada\/\">http:\/\/argmedios.com.ar\/los-polacos-negros-y-una-patria-impensada\/<\/a><\/p>\n<p><em>#Titelbild: In der Schlacht von Verti\u00e8res besiegte das Indigene Heer im Jahr 1803 Frankreich. <strong>QUELLE:<\/strong><\/em><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Battle-of-Verti%C3%A8res-in-1803-620x458.jpg\"><em>WIKIMEDIA<\/em><\/a><strong><em>; LIZENZ:<\/em><\/strong><a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/4.0\/deed.en\"><em>CC BY-SA 4.0<\/em><\/a><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/amerika21.de\/analyse\/254959\/haiti-erste-schwarze-republik-der-welt\"><em>amerika21.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 19. Oktober 2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Camila Koenigstein, Jean Jackson. Die von Schwarzen in Amerika angef\u00fchrten aufst\u00e4ndischen und revolution\u00e4ren Bewegungen werden noch immer marginalisiert und totgeschwiegen.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":10218,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6,5],"tags":[23,61,108,18,71,49,17],"class_list":["post-10217","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","category-kampagnen","tag-buecher","tag-frankreich","tag-haiti","tag-imperialismus","tag-lateinamerika","tag-repression","tag-widerstand"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10217","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=10217"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10217\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10219,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10217\/revisions\/10219"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/10218"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=10217"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=10217"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=10217"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}