{"id":10226,"date":"2021-10-20T08:40:05","date_gmt":"2021-10-20T06:40:05","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10226"},"modified":"2021-10-20T13:47:36","modified_gmt":"2021-10-20T11:47:36","slug":"gruselkabinett-tod-eines-opportunistischen-killers","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10226","title":{"rendered":"Gruselkabinett: Tod eines opportunistischen Killers"},"content":{"rendered":"<p><em>Gerd Roettig. <\/em>Colin Powell war nicht der gr\u00f6\u00dfte L\u00fcgner der Regierung Bush Juniors. Bei der Durchsetzung des Angriffskriegs auf den Irak vor knapp zwei Jahrzehnten spielte er aber eine Schl\u00fcsselrolle.<!--more--><\/p>\n<p>Der vor wenigen Jahren verstorbene Schriftsteller Gore Vidal beschrieb seine Heimat einst als United States of Amnesia, als Land des Vergessens. Vidal, einer der scharfz\u00fcngigsten Kritiker der Regierung Georg W. Bushs \u2013 oder, wie er sie selbst nannte, Cheney-Bush-Junta \u2013 bef\u00fcrchtete bereits damals, dass deren v\u00f6lkerrechtliche Verbrechen in Serie nicht nur nicht aufgekl\u00e4rt zu werden drohten,\u00a0<a href=\"https:\/\/www.democracynow.org\/2004\/6\/4\/imperial_america_gore_vidal_reflects_on\">sondern alsbald historisch verkl\u00e4rt werden w\u00fcrden<\/a>.<\/p>\n<p>Diese Bef\u00fcrchtung best\u00e4tigte sich einmal mehr vor wenigen Monaten, als auch hiesige Medien den Tod von Ex-Pentagon-Chef Donald Rumsfeld mit ausgesprochen milden T\u00f6nen quittierten. Gegen den notorischen Scharfmacher und Hauptarchitekten des neokonservativen Programms einer \u00fcber Leichen gehenden US-Hegemonie war immerhin auch hierzulande Klage wegen Kriegsverbrechen, gef\u00e4hrlicher K\u00f6rperverletzung und Versto\u00dfes gegen die UN-Folterkonvention eingereicht worden, woran sich offenbar nur noch die Wenigsten zu erinnern vermochten.<\/p>\n<p>Mit Colin Powell ist gestern nun ein weiteres f\u00fchrendes Mitglied der ersten Regierung Georg W. Bushs im Alter von 84 Jahren gestorben. Und erneut kommen die meisten Nachrufe einer Geschichtsf\u00e4lschung gleich, in dem sie Powell beinahe als naives Opfer einer Politik beschreiben, f\u00fcr die er selbst nicht gestanden h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Anders als Rumsfeld, der sich in seiner politischen Laufbahn schon fr\u00fch als aktiver Kriegstreiber empfahl, nahm Powell tats\u00e4chlich stets die Rolle des befehlsergebenen Soldaten ein, mithilfe derer er sich auch in der US-amerikanischen \u00d6ffentlichkeit einen Nimbus von Glaubw\u00fcrdigkeit und Integrit\u00e4t zu erkaufen wusste:<\/p>\n<p>Ein soziales Kapital, das der Regierung Bush-Cheney sehr zupasskam, als es darum ging, die Welt\u00f6ffentlichkeit mit dem L\u00fcgenm\u00e4rchen von Saddam Husseins Massenvernichtungswaffen hinters Licht zu f\u00fchren und die US-Gesellschaft\u00a0<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=DhWlPo3qxak\">f\u00fcr den v\u00f6lkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen den Irak zu mobilisieren<\/a>.<\/p>\n<p>Powells sp\u00e4tere Behauptung, dass seine 2003 vor den UN abgelegte Falschaussage auf einem &#8222;gro\u00dfen Versagen der Geheimdienste&#8220; gr\u00fcndete, ist gelinde gesagt wenig glaubhaft.<\/p>\n<p><strong>Powell trug mit seiner UN-Rede zum Krieg bei<\/strong><\/p>\n<p>Selbst Powells ehemaliger Stabschef Lawrence Wilkerson urteilte sp\u00e4ter, dass die Rede sowohl wegen ihrer &#8222;Unaufrichtigkeit&#8220; als auch wegen Powells &#8222;Gravit\u00e4t&#8220; einen entscheidenden &#8222;Beitrag der zweij\u00e4hrigen Bem\u00fchungen der Bush-Regierung leistete, die Amerikaner f\u00fcr den Krieg zu gewinnen&#8220;.<\/p>\n<p>&#8222;Diese Bem\u00fchungen&#8220;, schrieb Wilkerson 2018, &#8222;f\u00fchrten zu einem Krieg, der zu katastrophalen Verlusten f\u00fcr die Region und die von den USA gef\u00fchrte Koalition f\u00fchrte und den gesamten Nahen Osten destabilisierte&#8220;.<\/p>\n<p>Trotz millionenfachen Leids, unz\u00e4hlbarer Toten und einer auf absehbare Zeit hoffnungslosen Lage eines mutwillig zerst\u00f6rten Staates, der erst durch die US-Invasion zum Exporteur terroristischer Gewalt wurde,\u00a0<a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2018\/02\/05\/opinion\/trump-iran-war.html\">blieben die Hauptakteure unbehelligt<\/a>.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Georg W. als welpenmalender netter Onkel auch in Talkshows des liberalen Mainstreams wieder gern gesehener Gast ist und Dick Cheney immer noch damit besch\u00e4ftigt sein d\u00fcrfte, sein in \u00d6l- und Waffenindustrie gemachtes Geld zu z\u00e4hlen, \u00e4u\u00dferte Powell bereits 2005, seine Rede vor der UN-Vollversammlung zu bereuen,\u00a0<a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2005\/09\/09\/politics\/powell-calls-his-un-speech-a-lasting-blot-on-his-record.html\">und befreite dabei gleichzeitig Leute wie Ex-CIA-Chef George Tenet von ihrer Verantwortung<\/a>.<\/p>\n<p>Dabei hatte der &#8222;gute Soldat&#8220; (Powell \u00fcber Powell) bereits seine fr\u00fche Karriere damit begr\u00fcndet, stets das zu liefern, was seine Vorgesetzten von ihm h\u00f6ren wollten.<\/p>\n<p>1968 war der damals Anfang Drei\u00dfigj\u00e4hrige im Dienstgrad eines Majors nach Vietnam versetzt und zu jener Division abkommandiert worden, aus deren Reihen nur kurze Zeit zuvor das Massaker von M\u1ef9 Lai begangen worden war: Diesem waren mehr als 500 vietnamesischen Zivilisten zum Opfer gefallen, was nach Bekanntwerden wesentlich zum Anwachsen der Antikriegsproteste in den USA f\u00fchren sollte.<\/p>\n<p>Eine direkte Mitt\u00e4terschaft an diesen Kriegsverbrechen ist Powell nicht anzulasten. Sehr wohl war er aber Teil der Vertuschung und des Stillschweigens durch die US-Armee.<\/p>\n<p>In Berichten an die Armeef\u00fchrung spielte Powell die Gewaltexzesse als Ausrutscher herunter. Hinweisen auf andere Kriegsverbrechen ging er nur halbherzig nach: &#8222;Es mag vereinzelte F\u00e4lle von Misshandlung von Zivilisten und Kriegsgefangenen geben, aber dies spiegelt keineswegs die allgemeine Haltung der gesamten Division wider.&#8220;<\/p>\n<p>Die Beziehungen zwischen den US-amerikanischen Soldaten und\u00a0<a href=\"https:\/\/www.lrb.co.uk\/the-paper\/v40\/n02\/max-hastings\/wrath-of-the-centurions\">der vietnamesischen Bev\u00f6lkerung seien vielmehr ausgezeichnet<\/a>.<\/p>\n<p><strong>Powell sagte, was seine Vorgesetzten h\u00f6ren wollten<\/strong><\/p>\n<p>Diese Haltung, seinen Vorgesetzten genau das zu sagen, was sie h\u00f6ren wollten, und nicht die Wahrheit zu sagen, wurde zu einem der Markenzeichen der milit\u00e4rischen Karriere Powells, auf deren H\u00f6hepunkt er es zum Vier-Sterne-General brachte und als solcher federf\u00fchrend an der US-Invasion in Panama (1989) und des Zweiten Golfkrieges (1991) beteiligt war.<\/p>\n<p>Auch seine Auffassung von Recht und Unrecht\u00a0<a href=\"https:\/\/fair.org\/extra\/powell-media-mania\/\">d\u00fcrfte Powell bereits aus dem Vietnamkrieg mitgebracht haben<\/a>, der Vieles der von Bush und Konsorten begonnenen und unter Obama fortgesetzten Kriegsserie im Nahen Osten vorweggenommen hatte. In seinen Vietnam-Memoiren aus den 90er-Jahren erinnerte sich Powell:<\/p>\n<p><em>Wenn ein Hubschrauber einen Bauern in einem schwarzen Pyjama entdeckte, der auch nur entfernt verd\u00e4chtig aussah, umkreiste der Pilot ihn und feuerte auf ihn. Wenn er sich bewegte, wurde dies als Beweis f\u00fcr feindliche Absichten gewertet, und der n\u00e4chste Schuss fiel nicht vor ihm, sondern auf ihn. Brutal? Das mag sein (\u2026.) Aber das T\u00f6ten oder Get\u00f6tetwerden im Gefecht f\u00fchrt dazu, dass die Wahrnehmung von Recht und Unrecht getr\u00fcbt wird.<\/em><\/p>\n<p><em>Colin Powell<\/em><\/p>\n<p>Wie sehr durch die ewig dauernden Kriege die Wahrnehmung von Recht und Unrecht auch jenseits der Gefechte getr\u00fcbt ist, zeigt nun die Mystifizierung Powells, die dessen Tod unmittelbar folgt.<\/p>\n<p>Sie macht vor dem &#8222;progressiven&#8220; Lager nicht halt.\u00a0<a href=\"https:\/\/twitter.com\/JamaalBowmanNY\/status\/1450093676303114242Y\">Jamaal Bowman, afroamerikanischer Kongressabgeordneter und Mitglied der Democratic Socialists twitterte\u00a0<\/a>Stunden nach Powells Tod, dass f\u00fcr ihn als schwarzer Mann, &#8222;der gerade versuchte, die Welt zu verstehen, Colin Powell eine Inspiration&#8220; gewesen sei. &#8222;Er stammte aus New York City, besuchte das City College und stieg in die h\u00f6chsten R\u00e4nge unserer Nation auf.&#8220;<\/p>\n<p>In der Tat geh\u00f6rte Colin Powell einer Generation Afroamerikaner an, f\u00fcr die das Milit\u00e4r neben dem Hochleistungssport eine der sehr wenigen M\u00f6glichkeiten sozialen Aufstiegs in einer zutiefst rassistischen und segregierten Gesellschaft bot.<\/p>\n<p>Gleichzeitig sollte dies nicht vergessen machen, dass Powell dabei Nutznie\u00dfer von K\u00e4mpfen anderer war, f\u00fcr die er selbst nie bereit zwar, sich einzusetzen.<\/p>\n<p>Der B\u00fcrgerrechtsaktivist Kwame Ture machte bereits in einem Fernsehinterview 1995 darauf aufmerksam, dass Powell seine Position als ranghoher Milit\u00e4r ironischerweise den Errungenschaften der B\u00fcrgerrechtsk\u00e4mpfe im Allgemeinen und dem Wirken Martin Luther Kings im Besonderen zu verdanken habe.<\/p>\n<p>Letzterer hatte seinen Einsatz f\u00fcr die Emanzipation der Schwarzen in den USA in dem gleichen Schicksalsjahr 1968 mit dem Leben bezahlen m\u00fcssen, als Ersterer mit seiner soldatischen Karriere in Vietnam durchstartete.<\/p>\n<p>F\u00fcr Kwame Ture gab es bereits damals keinen Zweifel: &#8222;<a href=\"https:\/\/blackmediadaily.com\/kwame-ture-says-martin-luther-king-would-not-approve-of-colin-powell\/\">Mr. Powell ist ein L\u00fcgner. Mr. Powell ist ein Verr\u00e4ter an seinem Volk, und Mr. Powell ist ein Verr\u00e4ter an der Menschheit<\/a>. Wenn Sie King lieben, k\u00f6nnen Sie Powell niemals lieben.&#8220;<\/p>\n<p><em>#Titelbild: Colin Powell zeigt vor den UN am 5. Februar 2003 eine Ampulle, vermeintlich mit Milzbranderregern. Der Irak, sagte er, verf\u00fcge wahrscheinlich \u00fcber solche Massenvernichtungswaffen.\u00a0<\/em><a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20030411134510\/http:\/www.whitehouse.gov\/news\/releases\/2003\/02\/20030205-1.html\"><em>Bild<\/em><\/a><em>: U.S. Government<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Tod-eines-opportunistischen-Killers-6222916.html?seite=all\"><em>Telepolis&#8230;<\/em><\/a><em> vom 20. Oktober 2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gerd Roettig. Colin Powell war nicht der gr\u00f6\u00dfte L\u00fcgner der Regierung Bush Juniors. 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