{"id":10281,"date":"2021-10-30T08:19:36","date_gmt":"2021-10-30T06:19:36","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10281"},"modified":"2021-10-30T08:19:37","modified_gmt":"2021-10-30T06:19:37","slug":"striketober-in-den-usa-herbst-der-unzufriedenheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10281","title":{"rendered":"#Striketober in den USA: Herbst der Unzufriedenheit"},"content":{"rendered":"<p><em>Claudia Cinatti.<\/em><strong> In den USA hat der Kampfwille der Arbeiter:innenklasse im Herbst 2021 einen neuen Aufwind erhalten: Eine Welle von Streiks, die von den Besch\u00e4ftigten des Gesundheitswesens, der Kommunikationsbranche und der Unterhaltungsindustrie bis hin zum verarbeitenden Gewerbe \u2013 den traditionelleren &#8222;Blue Collar&#8220;-Branchen \u2013 reichte, machte den Oktober zum &#8222;Striketober&#8220;.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Das Ausma\u00df der Arbeitskampfma\u00dfnahmen ist f\u00fcr US-amerikanische Verh\u00e4ltnisse der letzten Jahrzehnte beeindruckend. 10.000 Besch\u00e4ftigte in den Werken von John Deere (dem m\u00e4chtigen Landmaschinenhersteller); 1.400 bei Kellogg\u2019s; 37.000 beim Gesundheitsdienstleister Kaiser Permanente. Und der Streik von 60.000 Hollywood-Besch\u00e4ftigten, der wegen der Kapitulation der Gewerkschaftsb\u00fcrokratie nicht stattfand. Hinzu kommen Dutzende von Konflikten, die vom staatlichen<em>Bureau of Labor Statistcs<\/em>\u00a0(BLS) nicht als \u201eStreik\u201c eingestuft werden, weil sie weniger als 1.000 Besch\u00e4ftigte betreffen und\/oder weniger als eine ganze Schicht dauern. Aber selbst nach diesen engen Kriterien ist die Tendenz steigend: Bislang hat das BLS im Jahr 2021 zw\u00f6lf Streiks verzeichnet, gegen\u00fcber acht im gesamten Jahr 2020, dem Jahr der Pandemie.<\/p>\n<p>Laut der von der\u00a0<em>School of Industrial and Labor Relations<\/em>\u00a0(ILR) der Cornell University erstellten Karte der Arbeitskonflikte, die von gro\u00dfen Wirtschaftsmedien wie Bloomberg zitiert wird, gab es zwischen dem 1. Januar und dem 14. Oktober 2021\u00a0<a href=\"https:\/\/www.bloomberg.com\/news\/newsletters\/2021-10-20\/the-real-scope-of-u-s-worker-strikes-mapped\"><strong>178 Streiks<\/strong><\/a>.<\/p>\n<p>Insgesamt befinden sich rund 100.000 gewerkschaftlich organisierte Arbeiter:innen bereits auf Streikposten oder haben f\u00fcr einen Streik gestimmt, wobei sie in vielen F\u00e4llen die unternehmerfreundlichen Haltung der Gewerkschaftsb\u00fcrokratien \u00fcberwinden mussten. Sie fordern h\u00f6here L\u00f6hne, k\u00fcrzere Arbeitszeiten, bessere Arbeitsbedingungen und Sozialleistungen sowie mehr Ruhezeiten. Und am progressivsten, wie wir bei den Streiks bei Kellogg\u2019s und John Deere gesehen haben, ist ihre Ablehnung des\u00a0<a href=\"https:\/\/www.nbcnews.com\/business\/business-news\/what-two-tiered-wage-system-fueling-worker-strikes-n1281938\"><strong>Systems differenzierter Vertragsstufen<\/strong><\/a>, das die Gewerkschaftsb\u00fcrokratien mit den Bossen vereinbaren, wodurch neue Arbeiter:innen mit niedrigeren L\u00f6hnen und weniger Leistungen (wie schlechteren Krankenversicherungen und Rentenpl\u00e4nen) eingestellt werden. Diese Spaltung innerhalb der Fabriken \u2013 eine Praxis, die sich verallgemeinert hat \u2013 ist einer der zentralen Gr\u00fcnde f\u00fcr die Prekarisierung und Schw\u00e4chung der Kampfkraft der Arbeiter:innenklasse.<\/p>\n<p>Die Perspektive der erneuerten Macht der Arbeiter:innenklasse, die aus diesem neuen Gewerkschaftsaktivismus mit interessanten antib\u00fcrokratischen Elementen hervorgeht, \u00fcbersteigt bei weitem die Zahl der Streikenden \u2013 immer noch ein kleiner Bruchteil einer Arbeiter:innenklasse von 160 Millionen Besch\u00e4ftigten.<\/p>\n<p>Dieses Bild der \u201eSelbsterm\u00e4chtigung\u201c wird durch ein weiteres wichtiges Ph\u00e4nomen verst\u00e4rkt, das den Arbeitsmarkt pr\u00e4gt: die so genannte\u00a0<a href=\"https:\/\/fortune.com\/2021\/10\/21\/the-great-resignation-is-no-joke\/\"><strong>\u201eGreat Resignation\u201c<\/strong><\/a>, eine Art individueller \u201eExodus\u201c von nicht organisierten Arbeiter:innen, insbesondere in Niedriglohnsektoren mit schlechten Arbeitsbedingungen wie dem Hotel- und Gastst\u00e4ttengewerbe und der Pflege. Nach Angaben des\u00a0<a href=\"https:\/\/www.wsj.com\/articles\/labor-shortage-missing-workers-jobs-pay-raises-economy-11634224519?page=1\"><strong><em>Wall Street Journal<\/em><\/strong><\/a>\u00a0ging die Besch\u00e4ftigung im Gastgewerbe zwischen Februar 2020 und September 2021 landesweit um 7,6 Prozent (930.500 Arbeitspl\u00e4tze) zur\u00fcck, obwohl die Stundenl\u00f6hne im gleichen Zeitraum um 12,7 Prozent stiegen. Selbst gro\u00dfe Unternehmen wie Walmart und Amazon sp\u00fcren die Auswirkungen und sind gezwungen, die Stundenl\u00f6hne geringf\u00fcgig zu erh\u00f6hen oder andere Verg\u00fctungen anzubieten, um Mitarbeiter:innen zu halten oder neue zu gewinnen, da die Einkaufssaison n\u00e4her r\u00fcckt, wenn auch nur in geringem Umfang.<\/p>\n<p>Allein im August k\u00fcndigten 4,3 Millionen Arbeiter:innen oder kehrten nicht an ihren alten Arbeitsplatz zur\u00fcck, was 3 Prozent der Erwerbsbev\u00f6lkerung entspricht.<\/p>\n<p>Aufgrund seines Ausma\u00dfes und seiner Auswirkungen beunruhigt das Ph\u00e4nomen die Bosse. Das Magazin\u00a0<a href=\"https:\/\/www.forbes.com\/sites\/jackkelly\/2021\/10\/08\/the-great-resignation-is-a-workers-revolution-heres-what-real-leaders-must-do-right-now\/?sh=2d0a966c514f\"><strong><em>Forbes<\/em>\u00a0ging sogar so weit<\/strong><\/a>, von einer \u201eRevolution der Arbeiter:innen\u201c zu sprechen. Und\u00a0<a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/commentisfree\/2021\/oct\/13\/american-workers-general-strike-robert-reich\"><strong>Robert Reich<\/strong><\/a>, der fr\u00fchere \u201eprogressive\u201c Arbeitsminister in der Clinton-Regierung, verglich den Striketober hinsichtlich seiner Auswirkungen mit einem \u201eunausgesprochenen Generalstreik\u201c.<\/p>\n<p>Es ist zwar eine Sache, in organisierter Form zu k\u00e4mpfen, und eine andere, individuell oder aufgrund famili\u00e4rer oder pers\u00f6nlicher Umst\u00e4nde zu k\u00fcndigen. Doch haben \u201eGreat Resignation\u201c und \u201eStriketober\u201c einen objektiven Kontext gemeinsam, der es den Arbeiter:innen erm\u00f6glicht, sich selbst als diejenigen wahrzunehmen, die das Rad des kapitalistischen Profits zum Drehen bringen (\u201eohne die Arbeiter:innen gibt es kein Kellogg\u2019s\u201c, so das Fazit eines Streikenden). Wie das\u00a0<em>Time Magazine<\/em>\u00a0titelte, ist es der\u00a0<a href=\"https:\/\/time.com\/6105109\/workers-strike-unemployment\/\"><strong>\u201eperfekte Zeitpunkt f\u00fcr einen Streik\u201c<\/strong><\/a>.<\/p>\n<p>Wird Striketober ein Wendepunkt in den Machtverh\u00e4ltnissen sein, oder ist er \u2013 wie die Bosse, die Gewerkschaftsb\u00fcrokratie und die demokratische Regierung selbst hoffen \u2013 nur ein vor\u00fcbergehendes Ph\u00e4nomen? Es ist noch zu fr\u00fch, um das zu sagen, denn noch deutet nichts darauf hin, dass der \u201eAnsteckungseffekt\u201c des Kampfes seinen H\u00f6hepunkt erreicht hat, erst recht nicht vor dem Hintergrund der steigenden Inflation, die den Lohnkampf vorantreibt. Entscheidend ist, ob es zu einem Kampf der Arbeiter:innenklasse als Ganzes wird, um dem dauerhaften gewerkschaftsfeindlichen Erbe der jahrzehntelangen neoliberalen Offensive ein Ende zu setzen.<\/p>\n<p><strong>Die Motoren des Herbstes der Unzufriedenheit<\/strong><\/p>\n<p>Striketober ist teilweise die Fortsetzung eines Trends, der sich bereits vor der Pandemie abzeichnete. Erinnern wir uns daran, dass sich 2018 und 2019 fast eine halbe Million Arbeiter:innen an Streiks beteiligt haben (die h\u00f6chste Zahl in den letzten drei Jahrzehnten), darunter auch der<strong>\u00a0<\/strong><a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2019\/10\/25\/business\/gm-contract.html\"><strong>40-t\u00e4gige Streik der 48.000 Besch\u00e4ftigten von General Motors<\/strong><\/a>.<\/p>\n<p>Eine Kombination von Faktoren hat zu diesem Herbst der Unzufriedenheit und des Arbeiter:innenaktivismus gef\u00fchrt. Einige schwelen seit Jahrzehnten. Andere sind fast ein direktes Produkt der Folgen der Pandemie. Eine davon ist die Verl\u00e4ngerung des Arbeitstages. Nach Angaben des Arbeitsministeriums beliefen sich die durchschnittlichen \u00dcberstunden im verarbeitenden Gewerbe im September auf 4,2 Stunden pro Woche, verglichen mit 2,8 Stunden im April 2020.<\/p>\n<p>Es gibt nat\u00fcrlich objektive Faktoren: die Erholung der Wirtschaft nach der Coronavirus-Depression; die Inflation, die bereits bei 5,4 Prozent pro Jahr liegt; der Engpass in den Versorgungsketten; der R\u00fcckgang der offiziellen Arbeitslosenquote auf 4,8 Prozent im September 2021 (im April 2020 lag sie noch bei 14,8 Prozent), obwohl die tats\u00e4chliche Arbeitslosenquote bekanntlich h\u00f6her ist, da die Statistiken nur die aktiv Arbeitssuchenden z\u00e4hlen. Generell ist die derzeitige \u201eindustrielle Reservearmee\u201c jedoch nicht in der Lage, ihre klassische Rolle als Angstmacherin zu spielen, die in Krisenzeiten dazu f\u00fchrt, dass unannehmbare Bedingungen akzeptiert werden. Im Hintergrund herrschte in den ersten Monaten der Regierung von Joe Biden, der sich selbst als \u201eGewerkschaftler\u201c bezeichnete, ein gewisses \u201ereformistisches\u201c Klima, obwohl alle gewerkschaftsfeindlichen Gesetze noch in Kraft sind, und im Laufe der Monate ist diese \u201ereformistische Illusion\u201c verblasst.<\/p>\n<p>Aber vielleicht ist das gemeinsame Element die sich vertiefende Ungleichheit. Arbeiter:innen, die als \u201eunentbehrlich\u201c gelten \u2013 Krankenpfleger:innen, Lebensmittelarbeiter:innen oder Besch\u00e4ftigte im elektronischen Handel \u2013, die auf dem H\u00f6hepunkt der Pandemie 16- und sogar 20-Stunden-Tage hatten, mussten feststellen, dass ihre L\u00f6hne nach jahrzehntelanger Lohnstagnation fast auf Armutsniveau verharren, w\u00e4hrend ihre Bosse und die Handvoll Milliard\u00e4r:innen ihre Gewinne und ihr pers\u00f6nliches Verm\u00f6gen vervielfacht haben.<\/p>\n<p>Wie ein Kolumnist des\u00a0<a href=\"https:\/\/www.newyorker.com\/news\/our-columnists\/americas-workers-are-fighting-back-can-they-win\"><strong><em>New Yorker<\/em><\/strong><\/a>\u00a0darlegt, verdient ein Facharbeiter am Flie\u00dfband von John Deere 40-60.000 Dollar im Jahr, w\u00e4hrend das Unternehmen in diesem Jahr bereits 4,7 Milliarden Dollar verdient hat (ein Plus von 69 Prozent gegen\u00fcber dem Vorjahr), die Verg\u00fctung des CEO um 160 Prozent gestiegen ist (mehr als 16 Millionen Dollar) und die Aktion\u00e4r:innen 761 Millionen Dollar an Dividenden erhalten haben.<\/p>\n<p>Im Fall von Kellogg\u2019s stieg der Absatz von Fr\u00fchst\u00fccksflocken (wer erkennt nicht den niedlichen Tiger auf der Verpackung?) w\u00e4hrend der zeitweiligen Lockdowns im Jahr 2020 um mehr als 8 Prozent, was dem Vorstandsvorsitzenden ein Einkommen von fast 12 Millionen Dollar einbrachte.<\/p>\n<p>Diese enorme Kluft, die in anderen Branchen sogar noch gr\u00f6\u00dfer ist, ist das \u00fcbliche Muster in den USA seit Reagan. Nach Angaben des BLS stiegen die h\u00f6chsten Geh\u00e4lter zwischen 1979 und 2019 um 41 Prozent, w\u00e4hrend die niedrigsten um nur 7 Prozent zunahmen. Und der Anteil des Kuchens, der \u00fcber L\u00f6hne und Geh\u00e4lter an die Arbeiter:innen geht, fiel von 66 Prozent \u2013 dem H\u00f6chststand im Jahr 1960 \u2013 auf 59 Prozent im Jahr 2019.<\/p>\n<p>Laut einer\u00a0<a href=\"https:\/\/americansfortaxfairness.org\/issue\/u-s-billionaires-wealth-surged-70-2-1-trillion-pandemic-now-worth-combined-5-trillion\/\"><strong>Analyse von Americans for Tax Fairness<\/strong><\/a>\u00a0(ATF) und dem\u00a0<em>Institute for Policy Studies Program on Inequality<\/em>\u00a0(IPS), die auf von\u00a0<em>Forbes<\/em>\u00a0ver\u00f6ffentlichten Daten beruht, haben die Reichsten ihr Verm\u00f6gen w\u00e4hrend der Pandemie um 70 Prozent vermehrt. Sie stiegen von fast 3 Billionen Dollar im M\u00e4rz 2020 auf 5 Billionen Dollar im Oktober 2021. Dieses Verm\u00f6gen, so der Bericht weiter, ist \u201ezwei Drittel gr\u00f6\u00dfer als das Verm\u00f6gen von 50 Prozent der US-amerikanischen Haushalte, wie es von der Federal Reserve Board gesch\u00e4tzt wird\u201c. An der Spitze der Liste der Reichen und Ber\u00fchmten steht der \u201eAnarcho-Kapitalist\u201c Elon Musk, CEO von Tesla, mit einem pers\u00f6nlichen Verm\u00f6gen von 204 Milliarden Dollar (ein Anstieg um 751 Prozent w\u00e4hrend der Pandemie), gefolgt von Amazon-CEO Jeff Bezos (192 Milliarden Dollar).<\/p>\n<p><strong>Der Kampf gegen den \u201eUS-amerikanischen arbeiter:innenfeindlichen Exzeptionalismus\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Steven Greenhouse, ein Journalist, der sich seit Jahrzehnten auf die US-amerikanische Arbeiter:innenbewegung spezialisiert hat, erkl\u00e4rt in seinem neuesten Buch\u00a0<em>Beaten Down, Worked Up. The Past, Present, and Future of American Labor<\/em>, was seiner Meinung nach als \u201eUS-amerikanischer arbeiter:innenfeindlicher Exzeptionalismus\u201c bezeichnet werden kann: Damit meint er, dass das, was die Vereinigten Staaten zu einer \u201eeinzigartigen\u201c Nation machen w\u00fcrde, nicht der \u201eRepublikanismus\u201c ist, wie die Idee des \u201eUS-amerikanischen Exzeptionalismus\u201c behauptet, sondern der zutiefst arbeiter:innenfeindliche Charakter des imperialistischen Staates. Theoretisch k\u00f6nnte man zwar argumentieren, dass es keinen solchen \u201eExzeptionalismus\u201c gibt, da jeder b\u00fcrgerliche Staat\u00a0<em>per definitionem<\/em>\u00a0ein Feind der Arbeiter:innenklasse ist, aber das Ausma\u00df h\u00e4ngt von den Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnissen ab. Mit der Niederschlagung des Fluglotsenstreiks von 1981 durch die Reagan-Regierung und dem anhaltenden \u201ePATCO-Syndrom\u201c (so lautete das Akronym der besiegten Gewerkschaft), das die Arbeiter:innenklasse jahrzehntelang in der Defensive hielt, haben sich die gewerkschaftsfeindlichen Gesetze in den USA qualitativ weiterentwickelt, mehr noch als im Gro\u00dfbritannien von Margaret Thatcher, Reagans neoliberalem Partner. Dieser \u201eExzeptionalismus\u201c bedeutet laut Greenhouse, dass \u201edie Vereinigten Staaten die einzige Industrienation sind, in der Arbeiter:innen keinen gesetzlichen Anspruch auf bezahlten Krankenurlaub haben (\u2026) keinen Anspruch bezahlten oder unbezahlten Urlaub (\u2026) und kein Gesetz, das bezahlten Mutterschaftsurlaub garantiert\u201c. Wie der \u201ebidenistische\u201c Wirtschaftswissenschaftler Paul Krugman in einer\u00a0<a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2021\/10\/14\/opinion\/workers-quitting-wages.html\"><strong>Meinungskolumne<\/strong><\/a>\u00a0mit dem suggestiven Titel\u00a0<em>The Revolt of the American Worker<\/em>\u00a0schrieb, \u201esind die USA ein reiches Land, das ihre Arbeiter:innen sehr schlecht behandelt\u201c. Er f\u00fchrt unter anderem lange Arbeitszeiten, niedrige L\u00f6hne und flexible Arbeitszeiten an. Und er kommt zu dem Schluss, dass die USA eine \u201eNation ohne Ferien\u201c sind.<\/p>\n<p>Ein Element, das diese Versch\u00e4rfung des \u201earbeiter:innenfeindlichen Exzeptionalismus\u201c erkl\u00e4rt, ist die Schw\u00e4chung der Gewerkschaften. Auf dem H\u00f6hepunkt erreichte der gewerkschaftliche Organisationsgrad im Jahr 1954 fast 35 Prozent der arbeitenden Bev\u00f6lkerung. Heute vertreten die Gewerkschaften nur 10,8 Prozent der Lohnabh\u00e4ngigen und nur 6,3 Prozent der Besch\u00e4ftigten im privaten Sektor (einer von 16). In absoluten Zahlen sind etwas mehr als 14 Millionen Besch\u00e4ftigte des \u00f6ffentlichen und privaten Sektors gewerkschaftlich organisiert. Die Situation ist relativ widerspr\u00fcchlich, denn w\u00e4hrend der niedrige gewerkschaftliche Organisationsgrad die Tarifverhandlungsmacht qualitativ geschw\u00e4cht hat, behalten die Gewerkschaften ihre Feuerkraft, weil sie weiterhin strategische Sektoren der Arbeiter:innenklasse in der Logistik (z. B. die Teamsters, denen die UPS-Besch\u00e4ftigten angeh\u00f6ren) und in den H\u00e4fen (ILWU) organisieren, die jetzt im Fadenkreuz der Versuche stehen, Engp\u00e4sse in der Lieferkette zu beseitigen.<\/p>\n<p>Der Krieg der Bosse gegen die Gewerkschaften hat Gesetzeskraft. Wie der gescheiterte Versuch einer gewerkschaftlichen Organisierung bei Amazon (Alabama) gezeigt hat, hat die Unternehmensleitung das Recht, Besch\u00e4ftigte davon zu \u201e\u00fcberzeugen\u201c, sich nicht gewerkschaftlich zu organisieren, wozu auch Schikanen, Bespitzelungen, die Androhung von Betriebsschlie\u00dfungen oder der Entzug von Leistungen geh\u00f6ren. Nach Untersuchungen des\u00a0<em>Economic Policy Institute<\/em>\u00a0(einer progressiven Denkfabrik f\u00fcr Wirtschaft und Arbeit) gaben Unternehmen im Jahr 2019 340 Millionen Dollar f\u00fcr Vertr\u00e4ge mit Anw\u00e4lten und anderen \u201eBerufen\u201c aus, die darauf spezialisiert sind, gewerkschaftliche Organisierungsversuche zu vereiteln.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus ist es eine legale Praxis der Bosse, Streikbrecher:innen einzustellen, um streikende Arbeiter:innen zu ersetzen, und sie zahlen nat\u00fcrlich nicht f\u00fcr die Streiktage.<\/p>\n<p>Obwohl die B\u00fcrokratie, die die Gewerkschaften und den Gewerkschaftsverband AFL-CIO leitet, die Haupttriebkraft f\u00fcr die Zusammenarbeit mit den Bossen ist, welche die Rechte der Arbeiter:innenklasse erheblich ausgeh\u00f6hlt hat, verdienen gewerkschaftlich organisierte Arbeiter:innen immer noch mindestens 14 Prozent mehr als nicht gewerkschaftlich organisierte Arbeiter:innen und genie\u00dfen zus\u00e4tzliche Leistungen wie Krankenversicherung und Altersvorsorge, die von den Bossen bezahlt werden.<\/p>\n<p>Dies erkl\u00e4rt, warum der gewerkschaftliche Organisationsgrad in den letzten Jahren so niedrig ist wie nie zuvor, die Zustimmung zu den Gewerkschaften aber so hoch ist wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Eine\u00a0<a href=\"https:\/\/news.gallup.com\/poll\/354455\/approval-labor-unions-highest-point-1965.aspx\"><strong>aktuelle Gallup-Umfrage<\/strong><\/a>\u00a0zeigt, dass die Zustimmung zu den Gewerkschaften bei 68 Prozent liegt, dem h\u00f6chsten Wert seit 1965. Bei den 18- bis 34-J\u00e4hrigen sind es 77 Prozent und bei denjenigen, die bis zu 40.000 Dollar im Jahr verdienen, 72 Prozent.<\/p>\n<p><strong>Eine dritte Partei der Arbeiter:innen und Unterdr\u00fcckten<\/strong><\/p>\n<p>Das Besondere an diesem neuen Gewerkschaftsaktivismus ist, dass er starke antib\u00fcrokratische Elemente enth\u00e4lt, die in den Medien, die der Demokratischen Partei inahestehen, m Allgemeinen ignoriert werden.<\/p>\n<p>Die B\u00fcrokratie der IATSE, der Gewerkschaft f\u00fcr die 60.000 Besch\u00e4ftigten Hollywoods, sah sich einer Rebellion der Basis gegen\u00fcber, weil sie den Streik vor seinem Beginn abgebrochen hatte.<\/p>\n<p>Der Streik bei John Deere wurde von den Arbeiter:innen an der Basis erzwungen, die mehrheitlich die Vereinbarung ablehnten, die die B\u00fcrokratie der Automobilarbeitergewerkschaft (UAW) mit den Bossen unterzeichnet hatte und die bis zur letzten Minute versuchte, den Konflikt zu vermeiden. Diese B\u00fcrokratie ist nicht nur deshalb in Verruf geraten, weil sie Streiks wie bei General Motors verraten hat und an den neuen flexiblen Vertr\u00e4gen beteiligt war, sondern auch, weil zehn ihrer Spitzenfunktion\u00e4r:innen, darunter zwei Vorsitzende, wegen eines\u00a0<a href=\"https:\/\/www.detroitnews.com\/story\/business\/autos\/2021\/07\/06\/corrupt-uaw-leader-vance-pearson-sentenced-racketeering-scandal\/7870886002\/\"><strong>Korruptionsskandals um Gewerkschaftsgelder<\/strong><\/a>\u00a0zu Haftstrafen verurteilt wurden, in den auch Spitzenmanager:innen von Fiat Chrysler verwickelt waren. Diese Revolte gegen die B\u00fcrokratie erstreckt sich auch auf die Teamsters gegen die b\u00fcrokratische F\u00fchrung von James Hoffa.<\/p>\n<p>Die AFL-CIO-B\u00fcrokratie ist einer der Hauptbestandteile des Wahlb\u00fcndnisses, das Joe Biden ins Amt brachte und der Demokratischen Partei die Stimmen der abgeh\u00e4ngten und am meisten vernachl\u00e4ssigten Sektoren der Arbeiter:innen zur\u00fcckbrachte, die 2016 f\u00fcr Donald Trump und seine protektionistische Demagogie gestimmt hatten. Wie andere Demokrat:innen, die das Wei\u00dfe Haus innehatten, hat Biden versprochen, sich f\u00fcr den so genannten Protecting the Right to Organize Act (PRO Act) einzusetzen \u2013 ein Gesetz, das die gewerkschaftliche Organisierung erleichtern w\u00fcrde \u2013. Dieses Versprechen kostet die Demokratische Partei wenig, denn sie wei\u00df, dass ein solches Gesetz nicht verabschiedet werden wird, solange Republikaner:innen (und \u201egem\u00e4\u00dfigte\u201c Demokrat:innen) im Senat sitzen. Dabei geht es nicht einmal darum, das gesamte Ger\u00fcst der gewerkschaftsfeindlichen Gesetze in Frage zu stellen.<\/p>\n<p>Eher fr\u00fcher als sp\u00e4ter zeigte Biden, dass er weniger ein \u201eGewerkschafter\u201c, sondern immer ein \u201eUnternehmer\u201c war. In einem\u00a0<a href=\"https:\/\/edition.cnn.com\/2021\/10\/21\/politics\/supply-chain-national-guard-trucking-joe-biden\/index.html\"><strong>Interview mit CNN<\/strong><\/a>\u00a0erkl\u00e4rte er, er sei bereit, die Nationalgarde einzusetzen, um Container aus den H\u00e4fen der Westk\u00fcste zu transportieren. Und nach den ungew\u00f6hnlich langen \u201eFlitterwochen\u201c der Biden-Regierung werden die Reformversprechen immer weniger greifbar. Und aufgrund einer Reihe von Faktoren, die vom Truppenabzug aus Afghanistan bis zur Inflation reichen, ist seine Zustimmungsrate auf 43 Prozent gesunken und liegt damit nur noch wenige Punkte \u00fcber der von Trump.<\/p>\n<p>Die US-amerikanische Arbeiter:innenklasse hat eine lange Tradition gewerkschaftlicher Militanz, wurde aber politisch der Demokratischen Partei, einer der beiden gro\u00dfen Parteien der imperialistischen Bourgeoisie, untergeordnet. In einem Klima der Polarisierung, in dem rechtsextreme Ph\u00e4nomene fortbestehen (Trump hat die Wahlen verloren, aber der Trumpismus beh\u00e4lt einen harten Kern), belebt diese Welle von Streiks und Arbeiter:innenmilitanz, zusammen mit fr\u00fcheren Erfahrungen wie Black Lives Matter, die Perspektiven einer Radikalisierung nach links. Die\u00a0<a href=\"https:\/\/spectrejournal.com\/what-happened-to-the-dirty-break\/\"><strong>gescheiterte Strategie<\/strong><\/a>\u00a0der Democratic Socialists of America, sich innerhalb der Demokratischen Partei zu \u201eakkumulieren\u201c, verbunden mit der Kandidatur von Bernie Sanders und dem \u201eaufst\u00e4ndischen\u201c Fl\u00fcgel von Alexandria Ocasio Cortez, die schlie\u00dflich von dieser Partei wie viele andere fortschrittliche Bewegungen in der Geschichte kooptiert wurde, verdeutlicht die Notwendigkeit einer dritten Partei der Arbeiter:innenklasse und der unterdr\u00fcckten Sektoren, die antikapitalistisch, antiimperialistisch und sozialistisch ist, was an sich schon ein Fortschritt f\u00fcr die Ausgebeuteten in der ganzen Welt w\u00e4re.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/striketober-in-den-usa-herbst-der-unzufriedenheit\/\"><em>klassegegenklasse.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 30. Oktober 2021 <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Claudia Cinatti. In den USA hat der Kampfwille der Arbeiter:innenklasse im Herbst 2021 einen neuen Aufwind erhalten: Eine Welle von Streiks, die von den Besch\u00e4ftigten des Gesundheitswesens, der Kommunikationsbranche und der Unterhaltungsindustrie bis hin zum &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":10282,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[25,29,87,26,45,46,17],"class_list":["post-10281","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kampagnen","tag-arbeiterbewegung","tag-arbeitskaempfe","tag-arbeitswelt","tag-gewerkschaften","tag-neoliberalismus","tag-usa","tag-widerstand"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10281","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=10281"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10281\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10283,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10281\/revisions\/10283"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/10282"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=10281"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=10281"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=10281"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}