{"id":10300,"date":"2021-11-02T09:51:49","date_gmt":"2021-11-02T07:51:49","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10300"},"modified":"2021-11-02T09:51:51","modified_gmt":"2021-11-02T07:51:51","slug":"schweizer-gewerkschaften-ein-herbst-jenseits-der-sozialpartnerschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10300","title":{"rendered":"Schweizer Gewerkschaften: Ein Herbst jenseits der Sozialpartnerschaft?"},"content":{"rendered":"<p><em>Dersu Heri. <\/em><strong>Die Lohnabh\u00e4ngigen in der Schweiz mussten in den letzten zwei Jahren sehr viel einstecken. Nun hat die wirtschaftliche Erholung eingesetzt und auch die Impfquote steigt weiter an. Was bedeutet dies f\u00fcr den Klassenkampf in der Schweiz?<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>\u00abViel Lohnerh\u00f6hungen d\u00fcrften nicht drin liegen. Viele Firmen sp\u00fcren die Erholung, aber nach den Verlusten sind oft zuerst die Polster wieder aufzustocken.\u00bb Die\u00a0<a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/wirtschaft\/wirtschaftseinbruch-2020-und-2021-wer-die-kosten-bezahlt-hat-ld.1640325\">Aussage<\/a>\u00a0von Konjunkturforscher Abrahamsen fasst die Ausgangslage f\u00fcr diesen wegweisenden Herbst zusammen: Die Wirtschaft erholt sich nach dem Corona-Schock. Doch die Kapitalisten wollen sich weiterhin vor allem selber bereichern. Die Lohnabh\u00e4ngigen schauen in die R\u00f6hre.<\/p>\n<p><strong>Von Helden zu Kanonenfutter<\/strong><\/p>\n<p>Die \u00dcberheblichkeit der Kapitalisten ist grenzenlos. In den letzten 18 Monate sahen sie sich gezwungen, den ArbeiterInnen zu schmeicheln, indem sie diese als \u00abessentiell\u00bb und \u00abHelden\u00bb bezeichneten und ihnen heuchlerisch applaudierten. Nun ist die schlimmste Phase der Corona-Krise (vorerst) vorbei und die Bosse kehren zu ihren gewohnten, offen arbeiterfeindlichen Methoden zur\u00fcck. Lohnerh\u00f6hungen schieben sie mitten in der Erholung einen klaren Riegel vor. Nat\u00fcrlich versuchen sie zu verheimlichen, dass sie in der Pandemie Staatsgelder in Milliardenh\u00f6he kassierten,\u00a0<a href=\"https:\/\/www.derbund.ch\/corona-kredit-kassiert-und-dann-aktionaere-bezahlt-907413614635\">sich aber dennoch fette Dividenden auszahlten<\/a>.<\/p>\n<p>Die gesamte Krisenbew\u00e4ltigung ist Klassenkampf von oben. Eine wirkliche politische oder gewerkschaftliche Alternative zur b\u00fcrgerlichen Pandemiepolitik gab es nie. Deshalb gehen die Kapitalisten mit grossem Selbstvertrauen in die Erholungsphase. Sie m\u00fcssen nichts mehr vorheucheln. Sie offenbaren, was immer eine Tatsache war: Im Kapitalismus sind ArbeiterInnen keine Helden, sondern Kanonenfutter. Der Profit kommt vor der Gesundheit und vor guten Lebensbedingungen f\u00fcr alle.<\/p>\n<p>Die Kapitalisten haben Blut (Profite) gerochen und bereiten weitere Angriffe auf die ArbeiterInnen vor. Bundesrat Parmelin ist besonders blutr\u00fcnstig und will die\u00a0<a href=\"https:\/\/www.20min.ch\/story\/parmelin-will-15-stunden-arbeitstag-und-mehr-sonntagsarbeit-617397416523\">63-Stunden-Woche, sowie mehr Sonntagsarbeit<\/a>. Dies zwar zun\u00e4chst \u00abnur\u00bb f\u00fcr einige Berufe, doch es ist offensichtlich, dass es sich dabei um ein Einfallstor f\u00fcr Angriffe auf die ganze Arbeiterklasse handelt. Die Arbeitszeiten (Stichwort \u00abFlexibilisierung\u00bb) stehen dabei besonders unter Beschuss. Zudem soll \u00fcberall gespart werden, auf nationaler Ebene vor allem bei den\u00a0<a href=\"https:\/\/www.derfunke.ch\/htm\/de\/deutsch\/arbeiterinnenbewegung\/sozialdemokratie\/rentenreform-oder-altersarmut\/\">Renten der Frauen<\/a>\u00a0und auf Kantonsebene beispielsweise in\u00a0<a href=\"https:\/\/www.derfunke.ch\/htm\/de\/deutsch\/c27-schweiz\/gegen-die-berner-austeritaet\/\">Bern<\/a>\u00a0und\u00a0<a href=\"https:\/\/geneve.ssp-vpod.ch\/news\/2021\/salve-de-projets-gouvernementaux\/\">Genf<\/a>. Hinzu kommt die weiterhin angespannte Corona-Situation. Insbesondere das Pflegepersonal bekommt weiterhin die volle Wucht der Pandemie ab. In anderen Sektoren wird das\u00a0<a href=\"https:\/\/www.derfunke.ch\/htm\/de\/deutsch\/corona-2\/ausweitung-zertifikatspflicht-nur-die-arbeiterklasse-kann-die-pandemie-beenden\/\">Covid-Zertifikat<\/a>\u00a0dazu genutzt, Schutzmassnahmen abzubauen und sogar Entlassungen zu rechtfertigen.<\/p>\n<p>Die Erholung wird die Probleme der Arbeiterklasse nicht l\u00f6sen. Im Gegenteil, der jetzt schon hohe Druck auf die Lohnabh\u00e4ngigen wird massiv zunehmen. Ohnehin stagnieren die L\u00f6hne in der Schweiz seit mindestens zehn Jahren. Seit Beginn der Pandemie hat sich die Langzeitarbeitslosigkeit verdoppelt. Noch immer sind hunderttausende Lohnabh\u00e4ngige in Kurzarbeit. Die allgemeine Unsicherheit ist gross.<\/p>\n<p>Der Grund f\u00fcr die aggressive Haltung der Bourgeoisie ist klar: Die aktuelle wirtschaftliche Erholung ist nur sehr kurzfristig. Der Kapitalismus ist in einer organischen Krise. Zu unsicher ist die globale Corona-Situation, zu hoch sind die Schuldenberge, zu angespannt das Verh\u00e4ltnis zwischen den Grossm\u00e4chten USA und China, zu krank ist der Kapitalismus \u2013\u00a0<a href=\"https:\/\/www.derfunke.ch\/htm\/de\/deutsch\/c27-schweiz\/wirtschaftliche-erholung-und-klassenkampf\/#more-17973\">die n\u00e4chsten Krisen warten bereits am Horizont<\/a>. Parmelin, Abrahamsen und Co. bereiten den n\u00e4chsten H\u00e4rtegrad im Klassenkampf von oben vor.<\/p>\n<p><strong>F\u00fcr ein sozialistisches Aktionsprogramm!<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr die Arbeiterbewegung kann es daraus nur eine Schlussfolgerung geben: Die Kapitalisten werden uns nichts freiwillig geben! Es ist nicht die Zeit, um bei den Kapitalisten nett anzufragen, ob sie uns ein St\u00fcck vom Erholungskuchen abgeben. Das w\u00e4re wie einen hungrigen L\u00f6wen zu bitten, ein St\u00fcck von seinem Steak abzugeben \u2013 aussichtslos und gef\u00e4hrlich. Wir k\u00f6nnen uns nur selber vertrauen! Wir m\u00fcssen uns alles erk\u00e4mpfen! Das einzige, was die Kapitalisten in die Knie zwingt, ist die organisierte und mobilisierte Arbeiterklasse!<\/p>\n<p>Die wichtigste Aufgabe heute ist die Organisierung der aktiven ArbeiterInnen, k\u00e4mpferischen GewerkschaftlerInnen und Vertrauensleute auf Grundlage eines sozialistischen Aktionsprogramms. Der Ausgangspunkt des Programms sind die Bed\u00fcrfnisse und Erwartungen der Arbeiterklasse. Die Durchsetzung dieses Programm ist schlicht notwendig, um den Lohnabh\u00e4ngigen in der Schweiz ein anst\u00e4ndiges Leben zu garantieren:<\/p>\n<ul>\n<li>Ein guter Lohn f\u00fcr alle: Sofortige Lohnerh\u00f6hung von 20% in allen Branchen! Mindestlohn von 4000 Franken f\u00fcr alle, inklusive Auszubildenden!<\/li>\n<li>Verdoppelung des Pflegepersonals durch: viel mehr Lohn, deutlich weniger Arbeitszeit und mehr Ausbildungspl\u00e4tze!<\/li>\n<li>Keine Arbeitszeitverl\u00e4ngerungen, kein Auspressen der Belegschaft! F\u00fcr die 30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich!<\/li>\n<li>Im Hinblick auf das Ende der Kurzarbeit und das Ende des Wirtschaftsaufschwungs: Keine Entlassungen, keine Lohnk\u00fcrzungen! Verteilung der Arbeit unter den Lohnabh\u00e4ngigen bei vollem Lohn! Integration der Langzeitarbeitslosen.<\/li>\n<li>Wenn Entlassungen angedroht werden und wenn die Forderungen nach mehr Lohn nicht akzeptiert werden, dann m\u00fcssen die Gesch\u00e4ftsb\u00fccher offengelegt werden! Wir wollen sehen, wo das Geld ist und wie die Bosse hinter unserem R\u00fccken fette Profite einstreichen!<\/li>\n<li>Gegen die Corona-Willk\u00fcr der Bosse und des Bundesrats! Die Lohnabh\u00e4ngigen entscheiden selber \u00fcber die notwendigen Schutzmassnahmen am Arbeitsplatz! Wir entscheiden \u00fcber eine Impfverpflichtung, sowie \u00fcber den Umgang mit der Ablehnung, sich impfen zu lassen!<\/li>\n<li>Wir m\u00fcssen die Organisierung und die Kampfkraft der Arbeiterklasse erh\u00f6hen: Die Ressourcen des Gewerkschaftsapparats werden dazu aufgewendet, Betriebsgruppen aufzubauen!<\/li>\n<li>Keine Geheimverhandlungen der Gewerkschaftsf\u00fchrungen mit den Kapitalisten! Die ArbeiterInnen m\u00fcssen die Verhandlungen und Resultate kontrollieren!<\/li>\n<li>Um sich gegen die kommenden Angriffe zu wehren: Etablierung von Arbeiterkomitees und Kampf f\u00fcr Arbeiterkontrolle durch die Gewerkschaften! Es sind die Lohnabh\u00e4ngigen, welche die Wirtschaft am Laufen halten, deshalb sollten auch wir entscheiden!<\/li>\n<li>Der \u00f6konomische Kampf ist ein politischer Kampf! Alle Sparmassnahmen der letzten Jahren m\u00fcssen r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht werden. Schluss mit der Konkordanz! Nur eine Arbeiterregierung wird die n\u00f6tigen massiven Investitionen in Gesundheits-, Bildungs- und Sozialwesen realisieren!<\/li>\n<li>Gegen die Anarchie des kapitalistischen Marktes! Gegen die Macht der Banken und Konzerne! Verstaatlichung der Banken, der Pharma und der Schl\u00fcsselindustrie!<\/li>\n<li>Es ist genug Reichtum da, um allen ein gutes Leben zu erm\u00f6glichen! F\u00fcr eine demokratisch kontrollierte Planwirtschaft, die gem\u00e4ss den Bed\u00fcrfnissen der Menschen und nicht der Profite produziert! F\u00fcr den Sozialismus!<\/li>\n<\/ul>\n<p>Es ist eine Tatsache, dass der gewerkschaftliche Organisierungsgrad und die Verankerung der Gewerkschaften in den Betrieben in der Schweiz tief ist. Doch das Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis ist nicht in Stein gemeisselt! Viele Schichten der Arbeiterklasse sind bereit zu k\u00e4mpfen. Einige, weil sie den menschenfeindlichen Charakter des kapitalistischen Systems erkannt haben. Viele, weil sie durch ihre eigene Situation zum Kampf getrieben werden \u2013 in der Pflege, der Gastro und dem Bau, MigrantInnen, Frauen und Jugendliche. Die fortschrittlichsten Schichten der Arbeiterklasse m\u00fcssen jetzt um ein mutiges, sozialistisches Aktionsprogramm organisiert werden! An dieser zentralen Aufgabe m\u00fcssen die F\u00fchrungen der Arbeiterbewegung gemessen werden.<\/p>\n<p><strong>Wegweisende Lohnrunde<\/strong><\/p>\n<p>Die Gewerkschaften in der Schweiz\u00a0<a href=\"https:\/\/solidaritaet.unia.ch\/\">mobilisieren am 30. Oktober<\/a>\u00a0f\u00fcr einen Demonstrations-Tag der \u00abessentiellen Berufe\u00bb (Pflege, Bau, Gewerbe, Industrie). Zum wichtigen Kampf der Pflege haben wir einen zus\u00e4tzlichen\u00a0<a href=\"https:\/\/www.derfunke.ch\/htm\/de\/deutsch\/arbeiterinnenbewegung\/gewerkschaften\/wie-die-pflegeinitiative-umsetzen\/\">Artikel<\/a>\u00a0geschrieben. An diesem Tag wird unter anderem mehr Lohn, Arbeitszeitreduktion und keine Erh\u00f6hung des Frauen-Rentenalters gefordert. Eine solche Demo ist in der Schweiz zumindest in der j\u00fcngeren Vergangenheit ein Novum. Dies zeugt, zusammen mit der Pflegeinitiative, vom grossen Druck, der auf weiten Teilen der Arbeiterklasse in der Schweiz lastet. Die ArbeiterInnen suchen nach einem Weg, ihre Lebensbedingungen zu verbessern und ziehen die F\u00fchrungen der Massenorganisationen in den Kampf. Der Aufruf zu einer branchen\u00fcbergreifenden Demonstration mit gemeinsamen Forderungen ist ein guter erster Schritt, weil die kollektive Kampfkraft gest\u00e4rkt wird.<\/p>\n<p>Doch in der Arbeiterbewegung m\u00fcssen wir ehrlich mit uns selber sein: Korrekte Forderungen und eine Samstags-Demo werden nicht ausreichen, um den blutr\u00fcnstigen kapitalistischen L\u00f6wen irgendetwas wegzunehmen. Die ArbeiterInnen brauchen einen klaren Plan und harte Kampfmethoden, um in diesem Lohnherbst zu bestehen.<\/p>\n<p>Die Lohnrunde bezeichnet die Tradition, dass im Herbst die F\u00fchrungen der Gewerkschaften mit den Patrons die L\u00f6hne verhandeln. Der 30. Oktober hat somit zum Ziel, die Position der Gewerkschaftsf\u00fchrungen in der Lohnrunde im Herbst zu st\u00e4rken. Mit welcher Forderung gehen die Gewerkschaftsf\u00fchrungen in diese Verhandlungen? Sie fordern 2% oder 100 Franken mehr Lohn (Schweizerischer Gewerkschaftsbund, 7.9.21).<\/p>\n<p>Sie sagen: \u00ab<em>Diese Forderung [der 2%] ist zur H\u00e4lfte durch die Notwendigkeit eines Inflationsausgleichs gerechtfertigt und zur H\u00e4lfte durch die Notwendigkeit, Produktivit\u00e4tssteigerungen in den Reall\u00f6hnen widerzuspiegeln.<\/em>\u00bb<em>\u00a0<\/em>Es ist v\u00f6llig richtig, dass die ArbeiterInnen nicht f\u00fcr die Inflation zahlen sollen. Gleichzeitig bedeutet dies auch, dass ein Grossteil der 100 Franken keine Lohnerh\u00f6hung w\u00e4ren, sondern von der Teuerung aufgefressen w\u00fcrden.<\/p>\n<p><strong>Was muss der Ausgangspunkt unserer Forderungen sein?<\/strong><\/p>\n<p>Doch diese mutlose Herangehensweise birgt eine Vielzahl von Problemen: Erstens, wer sich kleine Ziele setzt, kann nur kleine Resultate erzielen. Eine 100-fr\u00e4nkige Lohnerh\u00f6hung ist weit unter den Bed\u00fcrfnissen der Lohnabh\u00e4ngigen. Wir brauchen und verdienen mehr! Es ist genug Reichtum da f\u00fcr ein gutes Leben f\u00fcr alle! Zweitens, mit einer solch kleinen Forderung l\u00e4sst sich kaum mobilisieren. Wieso sollten die ArbeiterInnen k\u00e4mpfen \u2013 das heisst ihre Freizeit f\u00fcr Gewerkschaftsarbeit opfern, ihre KollegInnen von der notwendigen Organisierung \u00fcberzeugen und zudem Repression durch die Bosse riskieren \u2013 wenn das H\u00f6chste der Gef\u00fchle ein Pizzaplausch mit der Familie (f\u00fcr 100 Franken) ist? Drittens, die Kapitalisten erteilen sogar dieser Forderung eine klare Absage. Der Baumeisterverband beispielsweise sagt als Reaktion: \u00ab<em>Kein Spielraum f\u00fcr Lohnanpassungen<\/em>.\u00bb Ohne Organisierung der Lohnabh\u00e4ngigen hat die Arbeiterbewegung keine Antwort darauf parat. Die Gewerkschaftsf\u00fchrungen hoffen auf den (sehr kleinen) Goodwill der Kapitalisten.<\/p>\n<p>Dies ist der Teufelskreis des sozialpartnerschaftlichen Kompromisses: Die Sozialpartnerschaft institutionalisiert Verhandlungen ohne Mobilisierung, was die Position der Gewerkschaften schw\u00e4cht. Aufgrund des Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisses k\u00f6nnen die Gewerkschaftsf\u00fchrungen in den Verhandlungen nur kleine Forderungen stellen. Doch mit kleinen Forderungen kann das Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis \u2013 das heisst der Organisierungsgrad und die Verankerung der Gewerkschaften in den Betrieben \u2013 nicht zugunsten der Lohnabh\u00e4ngigen ver\u00e4ndert werden.<\/p>\n<p>Der Ausgangspunkt der Gewerkschaftsf\u00fchrung ist, was die Kapitalisten \u2013 wenn sie denn die Konjunktur \u00abfair\u00bb betrachten \u2013 den ArbeiterInnen freiwillig abgeben sollten. Die Forderung der Gewerkschaftsf\u00fchrung steht symptomatisch f\u00fcr ihre Anpassung an den Kapitalismus. Sie machen ihr Programm vom kurzfristigen Zustand des Markts abh\u00e4ngig.<\/p>\n<p>Der Ausgangspunkt der Arbeiterbewegung muss immer die Bed\u00fcrfnisse der Arbeiterklasse sein. Aus diesen objektiven Notwendigkeiten m\u00fcssen wir unsere Forderungen und unser Programm ableiten. Es ist eine Tatsache, dass das Leben in der Schweiz f\u00fcr die Lohnabh\u00e4ngigen st\u00e4ndig h\u00e4rter wird. Es ist eine Tatsache, dass sich die Zukunftsaussichten f\u00fcr die j\u00fcngeren Generationen massiv verdunkeln. Die Arbeiterklasse braucht und verdient gute Lebensbedingungen!<\/p>\n<p>Viele Lohnabh\u00e4ngige in der Schweiz brauchen eine sofortige Lohnerh\u00f6hung von 20%. Alle ArbeiterInnen in der Schweiz verdienen die 30-Stunden-Woche bei vollem Lohn. Es gibt in den Banken und Konzernen genug Reichtum, um diese grundlegenden Massnahmen sofort umzusetzen. Doch dieser Reichtum muss der Kontrolle der Kapitalisten entrissen werden. Die fortgeschrittensten ArbeiterInnen brauchen ein Aktionsprogramm, das einen Ausweg aus dem Kapitalismus aufzeigt.<\/p>\n<p><strong>Bau-LMV<\/strong><\/p>\n<p>Der diesj\u00e4hrige Lohnherbst ist zudem f\u00fcr den Landesmantelvertrag f\u00fcr das Bauhauptgewerbe (LMV) von grosser Bedeutung. Der LMV ist einer der wichtigsten Gesamtarbeitsvertr\u00e4ge (GAV) der Schweiz. Einerseits weil knapp 10% der Lohnabh\u00e4ngigen in dieser Branche arbeiten. Andererseits weil der Bau der wohl am besten organisierte Sektor der Schweiz ist. Die Arbeitsbedingungen, welche sich die BauarbeiterInnen erk\u00e4mpfen, bereiten oft das gewerkschaftliche Terrain f\u00fcr die GAV in anderen Sektoren vor. 2022 wird der LMV neu verhandelt. Insofern ist die Lohnrunde in diesem Herbst die Hauptprobe f\u00fcr die LMV-Verhandlungen im n\u00e4chsten Jahr.<\/p>\n<p>Bei den letzten LMV-Verhandlungen 2018 gelangen im Vergleich zu den Vorjahren relativ grosse Mobilisierungen. Insbesondere durch die mehrt\u00e4gigen Streiks der BauarbeiterInnen in Genf, im Waadtland und im Tessin gelang es, den kapitalistischen Grossangriff auf das Rentenalter 60 abzuwehren. Doch schlussendlich konnten kaum Verbesserungen erzielt werden. Die Unia verfehlte ihr Ausgangsziel \u00abkein Vertrag ohne substanzielle Verbesserungen\u00bb deutlich.<\/p>\n<p>Auch f\u00fcr den LMV 2022 will die Unia bessere Arbeitsbedingungen. Es stehen Ideen f\u00fcr korrekte Forderungen im Raum, wie beispielsweise eine Woche mehr Ferien oder eine Beschr\u00e4nkung der Tempor\u00e4rarbeit auf 10%. Doch die entscheidende Frage ist, wie diese Verbesserungen tats\u00e4chlich erreicht werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Bruch mit Routinismus und Kompromisslertum!<\/strong><\/p>\n<p>Nochmals: Die Kapitalisten werden nichts gratis hergeben. Im Gegenteil, die Bauherren laden besonders aggressiv den Druck der kapitalistischen Krise auf die Lohnabh\u00e4ngigen ab. Fast 80% der BauarbeiterInnen geben an, dass der Termindruck auf den Baustellen in den letzten Jahren zugenommen hat. Bei 73% f\u00fchrt das zu mehr Stress, bei 68% wirkt es sich negativ auf Familien und Freizeit aus. Die Folgen sind brutal: Alle zwei Wochen stirbt ein Bauarbeiter bei einem Arbeitsunfall \u2013 oft ausgel\u00f6st durch Zeitdruck und Hektik (alle Zahlen von der Unia). Wir k\u00f6nnen die Bau-Bosse nicht am Verhandlungstisch von Verbesserungen \u00fcberzeugen. Geht es nach den Bauherren, d\u00fcrfen Bauarbeiter buchst\u00e4blich dem Profit geopfert werden! Die Kapitalisten m\u00fcssen zu Zugest\u00e4ndnissen\u00a0<em>gezwungen<\/em>\u00a0werden, mit Streiks und Massenmobilisierungen.<\/p>\n<p>Die fortgeschrittensten BauarbeiterInnen und der Gewerkschaftsapparat haben ab jetzt noch etwa ein Jahr Zeit, um ihre Kampfkraft f\u00fcr die LMV-Verhandlungen zu erh\u00f6hen. Denn dann werden massive Mobilisierungen n\u00f6tig sein, um Verbesserungen zu erk\u00e4mpfen \u2013 und Verbesserungen sind bei diesen unmenschlichen Arbeitsbedingungen schlicht notwendig.<\/p>\n<p>Die Gewerkschaftsf\u00fchrungen m\u00fcssen jetzt aufwachen und mit ihrem Routinismus brechen! Die \u00fcbliche Prozedur vor LMV-Verhandlungen bedeutet eine Umfrage jetzt, im Oktober sowie n\u00e4chsten Sommer eine Samstagsdemo und im Oktober ein oder zwei Streiktage auf Grossbaustellen in gewissen St\u00e4dten. All dies wird in der aktuellen Periode \u2013 in der tiefsten Krise des Kapitalismus \u2013 nicht f\u00fcr Verbesserungen reichen. Die BauarbeiterInnen brauchen bessere Organisations- und h\u00e4rtere Kampfmethoden!<\/p>\n<p>Die Gewerkschaftsf\u00fchrungen m\u00fcssen jetzt aufh\u00f6ren, die Illusion des \u00abrealistischen\u00bb Kompromisses zu verbreiten. Wir m\u00fcssen mit der v\u00f6llig mutlosen Herangehensweise der 100-Franken-Forderungen brechen. Die Orientierung der Gewerkschaftsf\u00fchrungen auf die Kompromisse f\u00fchren zu Stellvertreterpolitik, der Kampf der ArbeiterInnen wird ersetzt.<\/p>\n<p>Die oberste Priorit\u00e4t des Gewerkschaftsapparates muss der Aufbau von Betriebsgruppen sein! Dort muss diskutiert werden, wie wir unsere Forderungen tats\u00e4chlich umsetzen k\u00f6nnen. Wir m\u00fcssen die organisatorischen Voraussetzungen schaffen, um unsere Anliegen auf die Strasse zu tragen \u2013 auch und gerade w\u00e4hrend der Arbeitszeit. Das Ziel der Arbeiterbewegung in der aktuellen Periode, wenn die Kapitalisten zum Frontalangriff fahren, muss der Aufbau der Streikf\u00e4higkeit sein \u2013 auf dem Bau und in allen anderen Sektoren!<\/p>\n<p><strong>Perspektive des Klassenkampfs<\/strong><\/p>\n<p>Die Arbeiterklasse in der Schweiz ist heute in der Defensive. Wir mussten in den letzten 18 Monaten sehr viel einstecken, wobei haupts\u00e4chlich die Faust im Sack gemacht wurde. Auch heute, im Hinblick auf die kommenden Angriffe, sind die meisten ArbeiterInnen isoliert und gel\u00e4hmt. Nat\u00fcrlich ist die Krise des Kapitalismus in der Schweiz weniger zugespitzt als in anderen L\u00e4ndern. Doch der Hauptgrund f\u00fcr die Paralyse der Arbeiterklasse ist die fehlende politische und gewerkschaftliche Alternative zur herrschenden kapitalistischen Marktlogik. Die F\u00fchrungen der Massenorganisationen achten nur auf die kurzfristige Konjunkturentwicklung. Keinesfalls fordern sie Kompensation f\u00fcr die vergangenen Jahre, in denen die Reall\u00f6hne schrumpfen oder sogar kleiner wurden.<\/p>\n<p>Dabei w\u00e4ren die Bedingungen f\u00fcr eine Offensive der Arbeiterbewegung vorhanden: Die ArbeiterInnen sp\u00fcren in den Betrieben die wirtschaftliche Erholung, sie sehen die vollen Auftragsb\u00fccher. Sie wollen ein wohlverdientes St\u00fcck vom Erholungskuchen. Das \u00abNein\u00bb der Kapitalisten ist eine blanke Provokation. Die einzige korrekte Antwort der Arbeiterbewegung muss sein: Dann erk\u00e4mpfen wir es uns halt!<\/p>\n<p>Gleichzeitig sp\u00fcren die ArbeiterInnen die Unsicherheiten der Erholung. Sie sehen in ihrem Arbeitsalltag die Inflation, den Vorproduktemangel und die eher dunklen l\u00e4ngerfristigen Aussichten. Sie werden immer mehr feststellen, dass die Kapitalisten sie f\u00fcr diese Unsicherheiten bezahlen lassen. Dies kann zwar kurzfristig erneut einen l\u00e4hmenden Effekt auf den Kampf haben. Doch es ist die Aufgabe der F\u00fchrung der Gewerkschaften, jeden Angriff dazu zu nutzen, den Organisationsgrad und die Kampff\u00e4higkeit der Lohnabh\u00e4ngigen zu erh\u00f6hen. Das Potenzial ist da. Die fortschrittlichsten Schichten der Arbeiterklasse wollen k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Man kann die Bewusstseinentwicklung der Arbeiterklasse nicht nur an der Anzahl der Demonstrierenden auf den Strassen und der Anzahl spontaner Streiks ablesen. In den K\u00f6pfen der Lohnabh\u00e4ngigen und Jugendlichen in der Schweiz passiert unter der Oberfl\u00e4che aktuell sehr viel. Die Coronakrise hat tiefe Spuren in der Arbeiterklasse hinterlassen. Wir haben alle live dabei zugesehen, wie die herrschende Klasse in der Schweiz (bis heute) unf\u00e4hig ist, die Pandemie in den Griff zu kriegen. Alle aktuellen widerspr\u00fcchlichen Entwicklungen der Erholung, der Angriffe und der Lohnrunden kommen nun obendrauf. Diese Erfahrungen, welche weite Teile der Arbeiterklasse gemeinsam durchmachen, legt die potenzielle Grundlage f\u00fcr grosse kollektive K\u00e4mpfe.<\/p>\n<p>Die wichtigste Charaktereigenschaft der aktuellen Phase des Klassenkampfes in der Schweiz ist ein tiefgreifender politischer G\u00e4rungsprozess und Radikalisierung in der Arbeiterklasse,\u00a0<em>ohne dass diese einen kollektiven und politischen Ausdruck finden k\u00f6nnen<\/em>. Der Hauptgrund daf\u00fcr ist, dass die Gewerkschaftsf\u00fchrungen die Zeichen der Zeit ignorieren. Sie h\u00e4ngen weiterhin in der sozialpartnerschaftlichen Vergangenheit fest, als das kapitalistische Wachstum beinahe automatisch Verbesserungen erm\u00f6glichte. Heute muss die Arbeiterbewegung aktiv k\u00e4mpfen, schon nur f\u00fcr den Erhalt der jetzigen Lebensbedingungen!<\/p>\n<p>Die ArbeiterInnen werden in den Kampf treten, wenn sie dazu bereit sind. Aus den aktuellen schmerzhaften Erfahrungen der Starre, der Faust im Sack und der Angriffe werden die notwendigen Lehren gezogen. Die Arbeiterklasse muss sich besser organisieren, um in den kommenden wichtigen K\u00e4mpfen zu bestehen. Gegen die Kapitalisten und ihr System! F\u00fcr gute Lebensbedingungen! F\u00fcr eine k\u00e4mpferische F\u00fchrung der Arbeiterbewegung!<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.derfunke.ch\/htm\/de\/deutsch\/arbeiterinnenbewegung\/gewerkschaften\/gewerkschaften-ein-wegweisender-herbst-steht-bevor\/\"><em>derfunke.ch&#8230;<\/em><\/a><em> vom 2. November 2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dersu Heri. Die Lohnabh\u00e4ngigen in der Schweiz mussten in den letzten zwei Jahren sehr viel einstecken. 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