{"id":10308,"date":"2021-11-02T16:11:49","date_gmt":"2021-11-02T14:11:49","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10308"},"modified":"2021-11-10T11:51:44","modified_gmt":"2021-11-10T09:51:44","slug":"nicaragua-der-tiefe-fall-einer-revolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10308","title":{"rendered":"Nicaragua: Der tiefe Fall einer Revolution"},"content":{"rendered":"<p><em>Hendrick Bollinger.<\/em> <strong>42 Jahre nach der sandinistischen Revolution hat sich in Nicaragua vieles ins Gegenteil verkehrt. Was bleibt \u00fcbrig? Ein Land in Armut, eine Grossteil der Nicaraguaner:innen, die in den 1980er Jahren und dar\u00fcber hinaus f\u00fcr ihre Befreiung vom Joch des Imperialismus k\u00e4mpften, ein diktatorisches Ehepaar und eine kleine Flamme des Widerstands in Form einer Generation, die unter dem heutigen Regime<\/strong><!--more--> <strong>aufwuchs und 2018 gegen diese beklemmenden Verh\u00e4ltnisse auf die Strasse ging. Ein Reisebericht aus dem Juli 2021 \u00fcber zerst\u00f6rte Hoffnungen, politische Illusionen und ein brutales Regime.<\/strong><\/p>\n<p>Sapo ist das spanische Wort f\u00fcr Kr\u00f6te. Schl\u00e4gt man die Bezeichnung des Tieres im W\u00f6rterbuch nach, gelangt man ebenfalls zu folgenden \u00dcbersetzungen ins Deutsche: gerissene Person, Polizist, Spitzel, Verr\u00e4ter oder Denunziant. Gerade weil sapo diese Nebenbedeutungen anhaften, wird es in Nicaragua verwendet, um die Anh\u00e4nger:innen des fr\u00fcheren Guerilla-Kommandanten und heutigen Pr\u00e4sidenten Nicaraguas, Daniel Ortega, zu bezeichnen. Sie werden ebenfalls Danielistas oder Orteguistas genannt. Daniel ist die unangefochtene F\u00fchrerfigur des Frente Sandinista (FSLN<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>), also der Sandinistischen Bewegung<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>, welche 1979 die Diktatur von Somoza st\u00fcrzte und eine \u00e4hnliche Ausstrahlung hatte wie 20 Jahre zuvor die kubanische Revolution. Doch diese hoffnungsvolle Zeit des Aufbruchs, in der eine der grausamsten Milit\u00e4rdiktaturen Lateinamerikas besiegt, ein ganzes Land alphabetisiert und eine Bodenreform durchgef\u00fchrt wurde, ist lange her. 1990 wurden die Sandinistas abgew\u00e4hlt. Es folgten 16 Jahre neoliberale Regierungen. Seit 2007 sind Daniel und der Frente wieder an der Macht. Seine Anh\u00e4nger:innen weiterhin bloss als Sandinistas zu bezeichnen \u2013 was sie selbst freilich tun \u2013, ist jedoch nicht mehr angemessen, wenn man erkennt, dass die Parteif\u00fchrung des FSLN rund um Daniel Ortega und seine Frau und Vizepr\u00e4sidentin Rosario Murillo die Ideale der Revolution l\u00e4ngst verraten haben. Das Ehepaar Ortega-Murillo steht heute an der Spitze eines selbstgef\u00e4lligen Regimes, welches seit 2007 immer autorit\u00e4rer wurde. Was aus der Revolution der 1980er Jahre noch \u00fcbrig bleibt, ist haupts\u00e4chlich die antiimperialistische Rhetorik. Deshalb wird in diesem Text von Danielistas auf der einen und Dissident:innen, also Ortega-kritischen Sandinistas, auf der anderen Seite gesprochen.<\/p>\n<p>2018 kam es zu einem mehrmonatigen Volksaufstand, welcher das Regime Ortega-Murillo ernsthaft ins Wanken brachte. Auf zun\u00e4chst moderate Proteste gegen Rentenk\u00fcrzungen reagierte die Regierung mit massiver Repression. Studierende besetzten ihre Fakult\u00e4ten und die Polizei wurde immer brutaler und in ihren Gewaltorgien von FSLN-Schl\u00e4gertrupps unterst\u00fctzt. Landesweit wurden als Protestform dutzende Strassensperren (im nicaraguanischen Spanisch tranques genannt) errichtet. Zwischenzeitlich war es unklar, ob sich Ortega an der Macht halten k\u00f6nnte. Heute sitzt er wieder fest im Sattel. 2018 gab es je nach Quelle zwischen 300 und 400 Todesopfer. Die allermeisten wurden durch die Polizei und militante Anh\u00e4nger:innen der Regierung umgebracht. Die Unterdr\u00fcckung des Aufstands von 2018 war das Gewaltt\u00e4tigste, was sich Ortega seit seiner Wiederwahl 2006 geleistet hat. Viele sprachen davon, Nicaragua sei 2018 am Rande eines B\u00fcrgerkriegs gewesen. Doch die Opposition hatte niemals den bewaffneten Kampf in Erw\u00e4gung gezogen, sondern immer auf einen verfassungskonformen Regierungswechsel gesetzt. Linke Oppositionelle, das heisst dissidente Sandinistas, werden seither systematisch mundtot gemacht. Der Unmut grosser Teile der Bev\u00f6lkerung ist derzeit zwar zum Schweigen gebracht worden. Die Wut kann sich aber jederzeit erneut entladen.<\/p>\n<p>Dieser Reisebericht stellt dar, wie ich Nicaragua im Sommer 2021 wahrgenommen habe. Ich befasse mich seit rund zehn Jahren mit der Politik des Landes und dem Sandinismus. Vor dem Aufstand von 2018 war ich schon mehrfach im Land gewesen. Es mag sein, dass der Bericht vieles wiederholt, was andere Texte zur Kritik an Autoritarismus, Dogmatismus, Stalinismus und Campismus<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> schon geleistet haben. Er soll als Erg\u00e4nzung zu anderen Texten, welche in der Antikap und auf sozialismus.ch bereits ver\u00f6ffentlicht wurden, gesehen werden. Insbesondere der Artikel <a href=\"https:\/\/sozialismus.ch\/international\/2018\/das-versagen-der-progressiven-regierungen\/\">Das Versagen der \u00abprogressiven\u00bb Regierungen<\/a> bietet eine Analyse der Entwicklung seit der Jahrtausendwende. F\u00fcr weitere Informationen zum Aufstand von 2018 und seinem Hintergrund wird der zweiteilige Artikel <a href=\"https:\/\/sozialismus.ch\/international\/2018\/nicaragua-aufstand-gegen-ortega-teil-1-hintergrund\/\">Aufstand gegen Ortega<\/a> empfohlen.<\/p>\n<p>Der vorliegende Text bietet weniger eine umfassende Analyse dessen, was aus dem Sandinismus geworden ist. Ich erhoffe mir jedoch durch den Reisebericht einen Beitrag dazu zu leisten, anhand der von mir erlebten Situationen beispielhaft aufzuzeigen, in welche Trag\u00f6die sich das einst so hoffnungsvolle politische Projekt des Sandinismus entwickelt hat.<\/p>\n<h2><strong>19. Juli in Managua: 42 Jahre nach der Revolution<\/strong><\/h2>\n<p>Jedes Jahr wird der <em>triunfo<\/em> gefeiert, der Tag an dem die Guerillatruppen des Frente Sandinista 1979 siegreich in der Hauptstadt eingezogen sind. Zwei Tage zuvor musste der Milit\u00e4rdiktator Somoza nach Miami fl\u00fcchten. 2021 treffe ich tausende feiernde Danielistas und vor allem extrem viel Polizei an. Die Massenaufl\u00e4ufe sollen fr\u00fcher viel gr\u00f6sser gewesen sein. Im Juli 2018, als der Aufstand gerade erst vorbei war, wurde Daniel an seiner Feier fast alleine stehen gelassen. Das Polizeiaufgebot, welches ich antreffe, erstreckt sich \u00fcber die 1.5 Kilometer lange Avenida Bol\u00edvar. Am einen Ende ist die Rotonda Hugo Ch\u00e1vez, ein grosser Verkehrskreisel. Am anderen Ende befinden sich die Seepromenade und kurz dahinter die Plaza de la Revoluci\u00f3n, wo Ortega und Murillo am Abend ihre \u00fcblichen Reden halten werden. Alle 10 bis 20 Meter steht mindestens ein:e Polizist:in. Viele davon sind mit Kalaschnikows oder Schrotflinten bewaffnet. Schusswaffen sind im Strassenbild Zentralamerikas viel \u00fcblicher als in Europa. Doch ein derart grosses Polizeiaufgebot habe ich in Nicaragua noch nie gesehen. Die meisten Polizist:innen haben eine blaue Standarduniform. Es sind aber auch viele schwarz uniformierte Antimotines \u2013 die Bereitschaftspolizei zur Aufstandsbek\u00e4mpfung \u2013&nbsp; vor Ort.<\/p>\n<p>Der FSLN ist durch diverse fahnenschwenkende Toyota Hilux Pick-Up Trucks<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> und Ordner:innen, welche die Polizei unterst\u00fctzen, pr\u00e4sent. Zum Beispiel steht rund um die Plaza de la Revoluci\u00f3n ein Cordon von einheitlich mit weissen Shirts und Baseballm\u00fctzen gekleideten Parteimitgliedern. Sozusagen das Fussvolk im Sicherheitsaufgebot. Parteiintern gilt es vermutlich als Privileg, den Pr\u00e4sidenten sch\u00fctzen zu d\u00fcrfen. In einem anderen Kontext ist ein parteieigener, linker Ordnungsdienst ja durchaus sinnvoll. Im Gesamtbild des FSLN von 2021 tr\u00e4gt es zum Bild ihrer Sektenhaftigkeit bei. Letztere liess sich in der Vergangenheit zum Beispiel daran erkennen, dass sich die Zuschauer:innen des pr\u00e4sidialen Festakts auf Geheiss von Rosario Murillo in Form eines Pentagramms aufstellen mussten.<\/p>\n<p>Weiter sind organisierte Verb\u00e4nde der Juventud Sandinista (JS, Sandinistische Jugend; Jugendorganisation der Partei) pr\u00e4sent, die sich w\u00e4hrend meinem Aufenthalt Richtung Plaza de la Revoluci\u00f3n bewegen. Dort d\u00fcrfen sie als handverlesene G\u00e4ste der offiziellen Feier samt Hauptredner Daniel Ortega beiwohnen.<\/p>\n<p>Ansonsten sind die Grenzen zwischen einer unorganisierten Teilnahme der Danielistas, zum Teil auch mit Toyota-Hilux, kollektiv angereisten FSLN-Quartiergruppen und dem aufgebotenen Parteidispositiv fliessend und f\u00fcr aussenstehende kaum auseinanderzuhalten. Sichtbar wird die organisierte parastaatliche Parteistruktur dahinter beispielsweise, wenn sich jemand mit Funkger\u00e4t aus einem Hilux lehnt und den JS-Mitgliedern Anweisungen erteilt, wo sie sich einordnen sollen.<\/p>\n<p>Wegen Covid war der 19. Juli 2021 seit langem die gr\u00f6sste Veranstaltung im Land. Die Leute haben auf der Avenida und auf der riesigen nach dem ehemaligen Papst benannten Plaza de la Fe Juan Pablo II Abstand eingehalten. Jede Demo in der Schweiz, die ich seit Beginn der Pandemie besucht habe, war dichter gedr\u00e4ngt. Generell f\u00e4llt mir auf der ganzen Reise auf, dass die Nicas, wie sich die Nicaraguaner:innen umgangssprachlich nennen, die Maskenpflicht ernster nehmen, als es in der Schweiz der Fall ist.<\/p>\n<p>Eine Sache sollte man jedoch nicht vergessen, wenn man \u00fcber die Pandemiepolitik dieser Regierung spricht. Bis Mitte 2020 behauptete Ortega ernsthaft, Masken seien nur was f\u00fcr die Bourgeoisie. Deshalb liess er Leute auf der Strasse, welche Masken trugen, und sogar Krankenhauspersonal verfolgen. Unterdessen ist er eingeknickt und in Nicaragua sind Masken gang und g\u00e4be. Nachdem an Ostern 2020, als das Virus Zentralamerika bereits erreicht hatte, weiterhin die \u00fcblichen Prozessionen mit Menschenmassen stattfanden, gibt sich die Regierung unterdessen zumindest verbal als Covid-sensibilisiert. Es ist in einem Land wie Nicaragua schwierig zu sagen, welche Schutzmassnahmen aufgrund der Infrastruktur \u00fcberhaupt umsetzbar w\u00e4ren. Dazu kommt, dass die Covid 19-Pandemie im globalen S\u00fcden lediglich eine unter vielen Bedrohungen darstellt. Nat\u00fcrlich ist das Virus deshalb nicht weniger gef\u00e4hrlich. Ganz im Gegenteil, denn es sind weniger Beatmungsger\u00e4te als im globalen Norden vorhanden.<\/p>\n<p>Sehr fragw\u00fcrdig ist, weshalb die drei Einkaufszentren Managuas und alle grossen Volksm\u00e4rkte seit Pandemiebeginn durchgehend ge\u00f6ffnet waren. Von den Einkaufszentren d\u00fcrfte h\u00f6chstens Plaza Inter, das G\u00fcnstigste, Relevanz haben, da die anderen aufgrund der Preise weitgehend leer sind. Es ist ein R\u00e4tsel, weshalb die Regierung die Verteilung mit Grundnahrungsmitteln nicht anders organisiert. Viele Nicas kaufen trotz ihrer Angst vor dem Virus auf den M\u00e4rkten ein, da es kaum Alternativen gibt. In diesem Punkt gleicht Nicaraguas Pandemiepolitik jener in Europa. Beide Orte sind durch und durch auf die Sicherung der Profite ausgerichtet.<\/p>\n<p>Das Regime behauptet, in den Nachbarstaaten g\u00e4be es viel mehr Covid-Infektionen. Nicaraguas offizielle Zahlen tendieren gegen Null, da sie kaum gemessen werden. Das liegt sicherlich auch an der Strukturschw\u00e4che, f\u00fcr welche diese Regierung wenig kann. Aber es liegt auch an ihrem Unwillen. Verstorbene werden nicht als Covid-Tote deklariert und Murillo behauptete ernsthaft, Nicaragua sei Dank Gottes Hilfe weitgehend verschont geblieben. Ein ganzes Land muss die Konsequenzen solcher Hirngespinste aushalten.<\/p>\n<p>Vor Beginn des offiziellen Abendprogramms am 19. Juli begebe ich mich zur\u00fcck in meine Unterkunft, um mir Ortegas Rede im Fernsehen anzusehen. Zu Beginn der Rede h\u00e4tte ich beinahe Mitleid mit ihm bekommen, w\u00fcrde es sich nicht um einen Autokraten handeln. Denn er wirkt sehr altersgeschw\u00e4cht. Die Annahme, dass Ortega altersbedingt alles andere als klar im Kopf und seine Frau und Vizepr\u00e4sidentin der eigentliche Kopf der Regierung ist, ist weit verbreitet. F\u00fcr einige Allgemeinpl\u00e4tze von Daniel aus der Sparte Antiimperialismus und Lobpreisungen der eigenen Sozialprogramme reicht es jedoch. Am Ende der Rede baut Ortega doch noch etwas Pathos auf, jedoch auf bedrohliche Weise. Er schliesst seine Rede mit dem Satz \u00abEl pueblo armado, jamas ser\u00e1 aplastado\u00bb (\u00abDas bewaffnete Volk wird nicht erdr\u00fcckt werden\u00bb). Das stammt zwar nicht von ihm, sondern ist eine Adaption vom chilenischen \u00abEl Pueblo unido jamas ser\u00e1 vencido\u00bb (\u00abDas vereinte Volk wird nicht besiegt werden\u00bb) und wird ansonsten von sozialen Bewegungen verwendet. Dass ein totalit\u00e4rer Herrscher, der erst vor drei Jahren noch einen Aufstand blutig niederschlagen liess, sowas verk\u00fcndet, ist eine Kriegserkl\u00e4rung an die Opposition.<\/p>\n<h2><strong>Dissidente Sandinistas: Im Exil, im Knast oder ohne gr\u00f6sseren Einfluss<\/strong><\/h2>\n<p>Einige Zeit nach dem 19. Juli treffe ich einen Mann der fr\u00fcher sandinistisches Kader war, wozu ihn ein internationales Studium in der Zeit vor der Revolution qualifizierte. Nach dem Sieg \u00fcber den Milit\u00e4rdiktator kam er zur\u00fcck nach Nicaragua, um beim Aufbau seines Landes mitzuwirken. Er hat in den 1980ern in verschiedenen Ministerien gearbeitet und war als Offizier im Contra-Krieg<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> an der Front. Er ist bis heute FSLN-Mitglied, da er sich weigert seinen Parteiausweis abzugeben. Er kritisiert Ortega-Murillo jedoch aufs Sch\u00e4rfste.<\/p>\n<p>Mein Gespr\u00e4chspartner ist der Meinung, dass diese Regierung nicht nur autokratisch sei, sondern durchaus die Bezeichnung Diktatur verdiene. Als Begr\u00fcndung nennt er Folgendes:<\/p>\n<ul>\n<li>Undemokratisches Parteiregime: 1993 hat Ortega den Parteikongress abgeschafft. Seither existiere der FSLN eigentlich nicht mehr als Partei, sondern sei bloss noch eine H\u00fclse und diene vor allem der Machtsicherung Ortegas. Nach 2007 wurde das Wahlgesetz dermassen ausgeh\u00f6hlt, dass es f\u00fcr den FSLN in Kombination mit seiner allumfassenden Herrschaft fast unm\u00f6glich wurde, Wahlen zu verlieren. Auch der oberste Gerichtshof wird vom Pr\u00e4sidenten kontrolliert.<\/li>\n<li>Verifikation des W\u00e4hler:innenregisters: Unser Gespr\u00e4ch fand kurz vor dem Wochenende statt, an welchem sich alle Staatsb\u00fcrger:innen in ihrem Quartier als wahlberechtigt verifizieren lassen k\u00f6nnen. Durch pers\u00f6nliches Erscheinen kann so gew\u00e4hrleistet werden, dass das Register f\u00fcr die Wahlen im November 2021 aktuell ist. An sich in einem Land wie Nicaragua ein \u00fcbliches Prozedere. Allerdings bietet dies der Regierungspartei eine Gelegenheit, um unbequeme Personen an der Registrierung zu hindern. In einer von einer einzigen Partei dominierten Gesellschaft wie Nicaragua w\u00e4ren wohl bereits hier internationale Wahlbeobachter:innen notwendig. Diese l\u00e4sst die Regierung aber nicht einmal f\u00fcr die Wahlen selbst zu.<\/li>\n<li>Wahlf\u00e4lschung: Es wird auch richtig gef\u00e4lscht. Mein Gespr\u00e4chspartner geht davon aus, dass diverse verstorbene Familienangeh\u00f6rige von FSLN-Mitgliedern registriert werden. Weiter ist es m\u00f6glich, die Registrationsnummern von Oppositionellen zu notieren und ihre Stimmen bei den Wahlen verschwinden zu lassen. Ausserdem ist es bereits vorgekommen, dass Wahllokale in FSLN-kritischen Quartieren gar nicht erst ge\u00f6ffnet wurden.<\/li>\n<li>Politische Gefangene: Je nach Z\u00e4hlart sind 20-30 bekanntexponent:innen der Opposition im Gef\u00e4ngnis (Stand Ende Juli 2021, unterdessen sind es mehr). Offiziell weiss niemand, wo sie sind. Auf Nachfrage durch Familienangeh\u00f6rige heisst es jeweils, es gehe ihnen gut. Jedoch k\u00f6nnen sie nicht mit der Aussenwelt kommunizieren. Es gibt nur Vermutungen, dass sie sich in El Chipote befinden w\u00fcrden, einem Gef\u00e4ngnis, in welchem bereits Milit\u00e4rdiktator Somoza Gefangene einsperrte und folterte. Insgesamt nennt mein Gespr\u00e4chspartner 130 politische Gefangene.<\/li>\n<li>Erzwungenes Exil: Wie praktisch alle Nicas kennt er Leute, die das Land verliessen, da sie bedroht wurden. Eine Europ\u00e4erin in seinem Umfeld, welche hier mit ihrer Familie lebte und arbeitete, erhielt Morddrohungen.<\/li>\n<li>Aufr\u00fcstung: Russland baut derzeit seine milit\u00e4rische und nachrichtendienstliche Infrastruktur in Nicaragua massiv aus. Dazu geh\u00f6ren russische Abh\u00f6ranlagen an der Karibikk\u00fcste sowie j\u00fcngst zum Beispiel eine Lieferung von rund 60 Panzern an die Streitkr\u00e4fte.<\/li>\n<li>Zensur: Nachdem Ortega am 19. Juli seine Rede, wie erw\u00e4hnt, mit der Kriegserkl\u00e4rung an die Opposition beendete nahm das Regime s\u00e4mtliche ausl\u00e4ndische TV-Sender weg vom Netz. Offensichtlich f\u00fcrchtet sich die Regierung davor, dass Nicas die Kommentare ausl\u00e4ndischer Stationen, zum Beispiel aus Mexiko, zu Ortegas Propaganda-Rede h\u00f6ren k\u00f6nnen.<\/li>\n<\/ul>\n<h2><strong>Die verbleibende FSLN-Basis: Um jeden Preis f\u00fcr Daniel<\/strong><\/h2>\n<p>Die Nacht auf den 19. Juli sei wie Silvester f\u00fcr Sandinistas, wird mir gesagt. Es gibt ein grosses Feuerwerk. Eigentlich h\u00e4tten es die Errungenschaften der 1980er Jahre verdient, zelebriert zu werden. Doch jenen Sandinistas, welche gegen Daniel sind, ist nicht nach Feiern zu Mute. Mir auch nicht.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr kam ich mit der danielistischen Basis in Kontakt. Ich unterhalte mich lange mit einem Familienvater und seiner Tochter. Die Lage ihres Hauses war 2018 durch tranques (Strassensperren) tangiert, was zum Problem wurde, da die Parteiloyalit\u00e4t der Familie allgemein bekannt ist. Das hat an sich aber noch nicht viel zu bedeuten. Millionen von Menschen identifizieren sich mit dem FSLN, nur eine Minderheit davon ist Teil von Partei-Schl\u00e4gertrupps<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> oder der paramilit\u00e4rischen Verb\u00e4nde, die 2018 wie aus dem Nichts auftauchten. Der Grossteil dieser Danielista-Basis d\u00fcrfte die Gewalt von 2018 wohl nicht legitimieren, sondern sie schlichtweg leugnen. Es fragt sich, was schlimmer ist.<\/p>\n<p>Lange bevor die Revolutionsregierung Mitte der 1980er Jahre notgedrungen die Wehrpflicht einf\u00fchren musste, ging der Familienvater, mit dem ich mich unterhalte, freiwillig an die Front. Er war von den Idealen der Revolution \u00fcberzeugt, die ihn in seiner Jugend vom Joch der Milit\u00e4rdiktatur befreit hatte. Wie Unz\u00e4hlige seiner Generation hat er in den 1980er Jahren sein Leben f\u00fcr die Revolution aufs Spiel gesetzt. Viele seiner Compa\u00f1er@s sind an der Front umgekommen. Seine Tochter ist Mitglied der Juventud Sandista. In der JS aktiv zu sein, ist meistens etwa gleich harmlos wie ein:e Pfadfinder:in zu sein. Klar ist man in einer Vorfeldorganisation der Partei und tr\u00e4gt selbst zur Verbreitung von deren Propaganda bei. Ebenfalls wurden JS-Verb\u00e4nde schon daf\u00fcr eingesetzt linksoppositionelle Demos (8. M\u00e4rz) zu blockieren. Doch meine Gespr\u00e4chspartnerin erz\u00e4hlt mir von T\u00e4tigkeiten wie zum Beispiel dem Organisieren von Charity-Aktionen f\u00fcr Hurrikan-Opfer.<\/p>\n<p>Eines Nachts 2018 sei eine bewaffnete Gruppe auf Motorr\u00e4dern zu ihnen nach Hause gekommen und habe versucht das Haus anzuz\u00fcnden, w\u00e4hrend die Familie schlief. Der mittlere Sohn bemerkte, dass sich jemand an ihrem Haus zu schaffen machte. Der Vater konnte die Angreifer in die Flucht schlagen, da er, wie sehr viele Nicas, im Besitz einer Schusswaffe ist. Ebenfalls in dieser Zeit des Aufstands bekam die Tochter diverse Nachrichten, in denen ihr gedroht wurde, man w\u00fcrde sie \u00fcberfallen und vergewaltigen, da sie in der JS sei.<\/p>\n<p>Ich gebe diese haarstr\u00e4ubende Geschichte nicht wider, um die Opposition von 2018 zu diskreditieren. Leider arbeitet die Propagandamaschinerie von Ortega-Murillo mit solchen Anschuldigungen gegen alle Oppositionellen inklusive der Student:innen. Es geht mir darum zwei Aspekte dieses Konflikts aufzuzeigen.<\/p>\n<ul>\n<li>Erstens: W\u00e4hrend eines Aufstandes mischen die verschiedensten Gruppierungen mit. Bereits an einer Demonstration, die zur Strassenschlacht mit der Polizei ausartet \u2013 sei es in Europa oder in Zentralamerika \u2013, hat niemand die absolute Kontrolle dar\u00fcber, welche Akteur:innen genau beteiligt sind. 2018 in Nicaragua herrschte \u00fcber Wochen hinweg Ausnahmezustand. Es liegt also auf der Hand, dass Kleinkriminelle ebenfalls mitmischten. Glaubt man Ortega, so wurden alle Strassensperren von skrupellosen Banden organisiert. Doch gilt eine politische Protestaktion als weniger legitim, nur weil einige Trittbrettfahrer:innen Wegelagerei betreiben? Viele junge Leute in Zentralamerika werden kriminell, da ihnen der legale Arbeitsmarkt keine Perspektive bietet.<\/li>\n<li>Zweitens: Diese instabile Sicherheitslage macht es f\u00fcr dissidente Sandinistas der Revolutionsgeneration und der 2018 entstandenen Student:innenbewegung unglaublich schwierig, das Regime Ortega-Murillo zu kritisieren und eine politische Alternative dazu aufzuzeigen. Die jetzige FSLN-Regierung gilt als Garantin f\u00fcr Stabilit\u00e4t, auch wenn sie mit eiserner Hand herrscht und sich selbst bereichert. Doch vor 2007 war das Land unsicherer. Sich fortzubewegen, insbesondere als Frau, ist viel sicherer als in El Salvador oder Honduras, wo \u00dcberf\u00e4lle an der Tagesordnung sind. Und wer heute aufgrund eines Einbruchs die Polizei ruft, bekommt in der Regel Hilfe.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> In einer Gesellschaft, in welcher fast alle t\u00e4glich damit besch\u00e4ftigt sind, sich \u00f6konomisch \u00fcber Wasser zu halten, ist es klar, dass diese relative Stabilit\u00e4t vielen relevanter scheint als ein vision\u00e4res politisches Projekt. Letzteres braucht Zeit. Der FSLN selbst war fast 20 Jahre im Untergrund aktiv, bevor Somoza gest\u00fcrzt wurde. Nicaraguas Stabilit\u00e4t hat aufgrund der Niederschlagung des Aufstands jedoch gelitten und gilt nur f\u00fcr jene, die sich Ortegas Regime f\u00fcgen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Diese Familie hat wie Millionen andere Nicas \u00f6konomisch von der FSLN-Regierung profitiert. Vorsichtig stelle ich im Gespr\u00e4ch Fragen nach dem Privatverm\u00f6gen des Ortega-Clans. Dies f\u00fchrt zu vehementen Abwehrreaktionen. Vater und Tochter behaupten, es sei eine Unterstellung des Imperialismus, der politischen Rechten und abtr\u00fcnniger Sandinistas, dass Ortega steinreich sei. Einer der Lieblingsbegriffe der Danielistas scheint \u00abguerra de desinformaci\u00f3n\u00bb (Desinformationskrieg) zu sein. Nat\u00fcrlich war nach Lesart der FSLN-Propaganda der gesamte Aufstand von 2018 ein von langer Hand geplanter Staatsstreich. Doch im Gegensatz zu Venezuela, wo die Unterst\u00fctzung f\u00fcr Guaid\u00f3 und davor f\u00fcr Capriles durch die USA nicht zu \u00fcbersehen ist, bleiben Ortega-Murillo bis heute die Beweise schuldig, inwiefern 2018 geplante und externe Einflussnahme stattgefunden habe und es somit kein spontaner Volksaufstand gewesen sei. Dies zu beweisen w\u00e4re das Mindeste, was man von einem Staat erwarten kann, der einen derart grossen Sicherheitsapparat unterh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Ortega und sein Verm\u00f6gen scheinen unantastbar. Man hinterfragt als Danielista \u00f6ffentlich gar nicht, ob Ortega alles ben\u00f6tigt, was er besitzt. Was er macht, wird halt irgendwie schon zum Wohle der Nation sein. Dabei ist die Selbstbereicherung des Ortega-Clans total offensichtlich, sobald man parteiunabh\u00e4ngige Medien konsumiert. Allerdings sind fast alle Medien in der Hand von Ortegas n\u00e4chsten Verwandten.<\/p>\n<p>Ich werde gefragt, ob ich denn Beweise f\u00fcr Ortegas Reichtum h\u00e4tte? Einer der Beweise steht nur wenige Kilometer entfernt. Das Ehepaar Ortega-Murillo lebt und regiert in ihrer Residenz El Carmen mitten in Managua. Seit 2018 ist das circa einen Quadratkilometer umfassende Quartier rund um El Carmen milit\u00e4risch abgeriegelt. Es ist wohlgemerkt ihre Privatresidenz und nicht der staatliche Pr\u00e4sidentensitz. Viele Nicas fahren t\u00e4glich daran vorbei. Doch Beweise h\u00e4tten mir wohl auch nichts gebracht. Egal, ob ich CNN oder Le Monde Diplomatique als Quelle genannt h\u00e4tte, es sind angeblich immer Falschinformationen, um Nicaragua zu destabilisieren. Diese Mauer der Ignoranz f\u00fchlt sich an wie in einer Sekte.<\/p>\n<p>Es wird wohl nie gekl\u00e4rt werden, wer 2018 diese danielistische Familie angriff. Vielleicht war es eine apolitische Bande. Vielleicht waren es Schergen einer der alten Oppositionsparteien. Auch wenn diese rechten Parteien heute weitgehend bedeutungslos sind, d\u00fcrften sie 2018 erfolglos versucht haben, ihren fr\u00fcheren Einfluss zur\u00fcckzugewinnen. Ihr Personal ist h\u00f6chstens in ideell breit gef\u00e4cherten Zusammenschl\u00fcssen der Opposition mitvertreten. Doch auch diese k\u00f6nnen Ortega bei weitem nicht die Stirn bieten.<\/p>\n<p>Abschliessend sei erw\u00e4hnt, dass dieses Familienschicksal in krassem Kontrast zu den Ereignissen von 2018 als Ganzes steht. Die Opposition ist zu mindestens 99 Prozent friedlich. Es gibt keine unabh\u00e4ngigen Berichte, dass Anh\u00e4nger:innen der Regierung ins Ausland fliehen mussten, dass sie entf\u00fchrt wurden, oder \u00e4hnliches,. Gleichzeitig ist die Verfolgung von Oppositionellen kaum zu \u00fcbersehen.<\/p>\n<h2><strong>Das Leben unter Ortega: Instrumentalisierung und nachvollziehbare Verdr\u00e4ngung<\/strong><\/h2>\n<p>Bei anderer Gelegenheit spreche ich mit einer jungen Frau, welche f\u00fcr einen staatlichen Betrieb arbeitet. Sie engagiert sich nicht politisch. Die Teilnahme an Veranstaltungen von Ortegas Propagandazirkus wird von ihr aber erwartet. Wir sprechen dar\u00fcber, wie sie die Auswirkungen der aktuellen Regierung in ihrem Alltag wahrnimmt. Unter den rechten Regierungen zwischen 1990-2007 waren t\u00e4gliche Stromunterbr\u00fcche im ganzen Land \u00fcblich. Mit Ortega kamen Handelsbeziehungen nach Venezuela, billiges Erd\u00f6l und somit Strom. In den letzten Jahren ist der Ausbau des mobilen Datennetzes dazugekommen. Auch der Zugang zu fliessend Wasser und der Strassenbau hat den Zuspruch f\u00fcr den Frente Sandinista gef\u00f6rdert. Immer mehr Quartiere der Hauptstadt sind fl\u00e4chendeckend asphaltiert. Jedoch haben Strom und Internet einen stolzen Preis. Am Mobilfunk verdienen sich die Konzerne Claro aus Mexiko und Tigo aus Kolumbien eine goldene Nase. Und Nicaragua \u2013 das&nbsp; \u00e4rmste Land Zentralamerikas \u2013 hat die h\u00f6chsten Strompreise. Dazu eine Anekdote zu Ortegas Rede am 19. Juli. Durch den Fernseher h\u00f6rt man Ortega mit viel Pathos sagen: \u00abDie einfachen Bauern auf dem Land wissen, dass sie Elektrizit\u00e4t haben.\u00bb, worauf eine Zuschauerin in die Menge rief: \u00abJa genau! Und sie wissen auch, dass sie den Strom bezahlen m\u00fcssen.\u00bb<\/p>\n<p>Die junge Staatsangestellte meint, dass alle Regierungen die Bev\u00f6lkerung ausbeuten w\u00fcrden.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> Doch Ortega-Murillo habe wenigstens diese materiellen Verbesserungen umgesetzt. Sie sieht den FSLN also als geringeres \u00dcbel. Im Gegensatz zu politisch stabilen L\u00e4ndern wie der Schweiz oder Deutschland kann die Vergabe staatlicher Stellen in Nicaragua von Parteiloyalit\u00e4t abh\u00e4ngen. In vielen F\u00e4llen ist diese angebliche Zustimmung zu Ortega-Murillo nur vorgegaukelt.<\/p>\n<p>Was ich auf dieser Reise oft h\u00f6re: \u00abAlles, was wir wollen, ist in Frieden zu leben!\u00bb Ich kann es nachvollziehen, dass sich viele mit der FSLN-Regierung abfinden. Wer der Propaganda zwar nicht auf den Leim geht, die Regierung aber trotzdem unterst\u00fctzt, verdr\u00e4ngt die brutale Verfolgung der Opposition vermutlich. Denn alle kennen jemanden, der:die im Gef\u00e4ngnis war, ins Ausland fl\u00fcchtete, oder ermordet wurde. Aber schliesslich m\u00fcssen sich Lohnabh\u00e4ngige in jedem Land mit den herrschenden Bedingungen arrangieren, um ihr Leben ertr\u00e4glicher zu machen. Es w\u00e4re jedoch ein Trugschluss, als Linke daraus eine politische Legitimation f\u00fcr Ortega-Murillo abzuleiten. Denn auch unter b\u00fcrgerlichen und rechten Regierungen verfolgen die Lohnabh\u00e4ngigen genau dieselben \u00f6konomischen und psychologischen \u00dcberlebensstrategien. Und keine linke Str\u00f6mung w\u00fcrde deshalb auf die Idee kommen, die politische Rechte f\u00fcr ihren Ausbau der Infrastruktur zu loben.<\/p>\n<h2><strong>Wieso gilt Ortega eigentlich immer noch als links?<\/strong><\/h2>\n<p>Das Wirtschaftssystem als solches, welches die nationale Bourgeoisie unterst\u00fctzt und die Emanzipation der Lohnabh\u00e4ngigen unterdr\u00fcckt, bleibt unter Ortega genauso unangetastet, wie dies unter den progressiven Regierungen in Venezuela, Brasilien, Ecuador und Bolivien der Fall war oder immer noch ist. Nicaragua ist im Gegensatz zu den 1980er Jahren ganz einfach nicht der Ort, an dem eine Perspektive zur \u00dcberwindung des Kapitalismus erkennbar ist. Man sollte sich jedenfalls nicht blenden lassen, wenn FSLN-Funktion\u00e4re hohle Phrasen \u00fcber Sozialismus von sich geben. Vor allem nicht, da die esoterisch-religi\u00f6se Vizepr\u00e4sidentin Murillo vor allem von Liebe und Gottes Gnaden faselt. Die Regierung Ortega ist ein Regime der kapitalistischen Modernisierung.<\/p>\n<p>Die Wirtschaftspolitik dieser Regierung hat nichts mit Antikapitalismus zu tun. Ortegas Regierung bietet keine Alternative zur Austerit\u00e4tspolitik, sondern kooperiert mit dem Internationalen W\u00e4hrungsfonds (IWF). Zwar hat sich das BIP zwischen 2007 und 2017 verdoppelt und die extreme Armut wurde unter Ortega deutlich reduziert.<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> Doch die Klassengegens\u00e4tze haben ebenfalls massiv zugenommen. An Managuas zentral gelegener Strasse Carretera Masaya sind protzige Konsum- und Vergn\u00fcgungspal\u00e4ste aus dem Boden geschossen. Gleichzeitig arbeiten viele Nicaraguaner:innen in Maquilas (Sweatshops) f\u00fcr den Export in die USA. Daf\u00fcr wurden Sonderwirtschaftszonen errichtet. Es scheint, als wolle Nicaragua dorthin, wo Vietnam heute bereits ist. Marktwirtschaft und Wirtschaftswachstum um jeden Preis, dekoriert mit antiimperialistischer Symbolik, die als Nationalidentit\u00e4t herhalten muss. Im Unterschied zu b\u00fcrgerlich-demokratischen L\u00e4ndern wird das wirtschaftspolitische Gef\u00fcge jedoch von einer einzelnen Partei kontrolliert. Das Wirtschaftswachstum wurde ab 2018 stark gebremst, da Ortega geopolitisch weitgehend isoliert dasteht. Nicaragua ist ein armes Land mit wundersch\u00f6nen neuen Polizeiautos. F\u00fcr den Sicherheitsapparat kratzt das Regime seine verbleibenden Mittel zusammen.<\/p>\n<p>Egal ob in Venezuela Proteste von Juan Guaid\u00f3, dem Aush\u00e4ngeschild einer faschistoiden Partei<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a> aus der herrschenden Klasse, angef\u00fchrt oder Nicaragua von einem spontanen Volksaufstand ergriffen wird. In der Logik der Campist:innen sind es immer instrumentalisierte Massen im Dienst der CIA. Es ist nie eine selbst denkende und handelnde Bev\u00f6lkerung, die sich dagegen wehrt, in einem autorit\u00e4ren Staat zu leben. Die Linke m\u00fcsste dabei eigentlich auf der Seite der Unterdr\u00fcckten stehen. Auch wenn der Unterdr\u00fccker ein zum Autokraten gewordener Ex-Guerillero ist.<\/p>\n<p>Es gibt auf dem gesamten amerikanischen Kontinent kaum einen Herrscher, welcher eine derart umfassende Machtf\u00fclle besitzt, wie Ortega. Er und Rosario Murillo kontrollieren die Regierung, das Parlament, die Gerichtsbarkeit, den Wahlrat, die Polizei und das Milit\u00e4r. Bereits vor den letzten Wahlen von 2016 schrieb die WOZ (Nr. 44, 2016, S. 13), es gebe kaum ein formal demokratisches Land, in welchem der Wahlsieg des Machthabers so klar vorhersehbar sei. 2021 ist noch viel eindeutiger, dass Ortega gewinnen wird.<\/p>\n<p>Ausserdem existiert im Hintergrund eine Ortega treu ergebene, gut trainierte und bestens ausger\u00fcstete paramilit\u00e4rische Truppe, die bereit steht, um jederzeit gewaltsam gegen die Bev\u00f6lkerung vorzugehen, wenn es das Herrscherpaar f\u00fcr n\u00f6tig halten sollte. Laut dem dissidenten FSLN-Kader wurde beispielsweise Dora-Maria Tellez, eine fr\u00fchere Kampfgef\u00e4hrtin Ortegas, diesen Juni nicht von der offiziellen Polizei verhaftet. Es sollen S\u00f6ldner:innen in Polizeiuniformen gewesen sein, da bef\u00fcrchtet wurde, die Polizei w\u00fcrde das Vorgehen gegen eine Heldin der Revolution allenfalls verweigern. Tellez wurde verhaftet, da sie gegen Ortega bei den Pr\u00e4sidentschaftswahlen antreten wollte. Seither sitzt sie im Gef\u00e4ngnis.<\/p>\n<p>Nationale Befreiungsbewegungen, die einen bewaffneten Arm besitzen, sind stets mit einem Dilemma konfrontiert. Um die Somoza-Diktatur zu besiegen, war der bewaffnete Kampf zweifelsohne unerl\u00e4sslich. Somoza liess keinerlei friedliche Opposition zu. Ab 1979 wurde das Ziel verfolgt, Nicaragua zu demokratisieren. Das Dilemma besteht darin, wie man mit einer in Kriegszeiten notwendigen milit\u00e4rischen F\u00fchrungsstruktur in einer fortan demokratischen Gesellschaft umgeht. Die Urspr\u00fcnge des heutigen Autoritarismus von Ortega-Murillo stammen aus den1980er Jahren. Es wurde viel unternommen, um den Staat zu demokratisieren. Die Demokratisierung des Frente Sandinista liess allerdings zu w\u00fcnschen \u00fcbrig. Der FSLN hielt in den 1980er-Jahren keinen einzigen Parteikongress ab. Die Macht konzentrierte sich haupts\u00e4chlich in den H\u00e4nden der neun Comandantes der Revolution. Daniel Ortega war einer dieser Comandantes und stets an der Staats- und Parteispitze.<\/p>\n<p>Momentan ist keine organisierte emanzipatorische Kraft sichtbar, welche Daniel Ortega, Rosario Murillo und ihrem System die Stirn bieten k\u00f6nnen. Die als Studierendenproteste bekannt gewordene Jugendbewegung von 2018 \u2013 es waren bei weitem nicht nur Student:innen, die am Aufstand teilnahmen \u2013 zeigte Ans\u00e4tze eines Umbruchs auf. Als ich einen Teenager fragte, ob er glaube, dass es nach Ortegas Wiederwahl im November 2021 zu neuen Protesten kommen werde, sagte er nur \u00abhoffentlich\u00bb.<\/p>\n<p><strong>Endnoten<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Frente Sandinista de Liberaci\u00f3n Nacional (Sandinistische Front f\u00fcr die Nationale Befreiung). Die Guerillaorganisation wurde 1961 gegr\u00fcndet, konnte durch eine Kombination aus guevaristischer Guerillastrategie, einem Volksaufstand in den St\u00e4dten und geschickter Diplomatie 1979 den Diktator Somoza st\u00fcrzen. Nachdem der FSLN an der Macht war, wurde er mehr und mehr von Guerilla zur Partei.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Benannt nach Augusto C\u00e9sar Sandino, welcher in den 1920\/30er Jahren den Widerstand gegen die US-Besatzung in Nicaragua anf\u00fchrte.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Campismus bedeutet Lagerdenken und ist ein \u00dcberbleibsel des Kalten Krieges, als sowjetuniontreue Kommunist:innen weltweit Regime und Bewegungen unabh\u00e4ngig von deren Ideologie unterst\u00fctzt haben, solange sich diese nur gegen den US-Imperialismus zur Wehr gesetzt haben.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Diese Pick-Up Trucks spielen eine wichtige Rolle. Denn f\u00fcr die allermeisten Nicaraguaner:innen w\u00e4ren sie unerschwinglich. Als treuer Parteisoldat kriegt man sie vom FSLN. Dadurch wird die Basis mobil gemacht.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Schon bald nach der Macht\u00fcbernahme des FSLN fingen rechtsextreme und von den USA unterst\u00fctzte Contras (vom spanischen contrarrevolucionario) an, die neue Regierung zu bek\u00e4mpfen. Milit\u00e4risch konnten sie sich zwar nicht durchsetzen. Sie destabilisierten aber das Land und waren mitverantwortlich, dass der FSLN 1990 abgew\u00e4hlt wurde.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Oft wird innerhalb der ideell sehr breiten Oppositionsbewegung f\u00fcr die Schl\u00e4gertrupps der Begriff \u00abturbas sandinistas\u00bb (Sandinistischer Mob) verwendet. Aus Respekt vor dem Sandinismus in seiner urspr\u00fcnglichen Form, verwende ich diesen Begriff nicht.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Das gilt zumindest f\u00fcr Managua. \u00dcber andere St\u00e4dte und Regionen kann ich keine konkreten Aussagen machen. Klar ist jedoch, dass man an abgelegenen Orten weitgehend auf sich alleine gestellt ist.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> \u00abte roban todos\u00bb auf Deutsch: \u00absie stehlen alle von dir\u00bb<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Es gibt diverse klientelistische Hilfsprogramme, die ja auch der Grund daf\u00fcr sind, dass Ortega immer noch eine Massenbasis hat.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Gemeint ist die Partei Voluntad Popular des ultrarechten Politikers Leopoldo Lopez. Guaid\u00f3 war bis 2020 und somit w\u00e4hrend seinem gescheiterten Versuch, auf abenteuerliche Weise Pr\u00e4sident Venezuelas zu werden, deren Mitglied.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hendrick Bollinger. 42 Jahre nach der sandinistischen Revolution hat sich in Nicaragua vieles ins Gegenteil verkehrt. Was bleibt \u00fcbrig? 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