{"id":10320,"date":"2021-11-03T08:36:00","date_gmt":"2021-11-03T06:36:00","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10320"},"modified":"2021-11-03T09:18:56","modified_gmt":"2021-11-03T07:18:56","slug":"frauen-kapitalismus-pandemie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10320","title":{"rendered":"Frauen, Kapitalismus, Pandemie"},"content":{"rendered":"<p><em>Katharina Wagner. <\/em>Frauen sind die gro\u00dfen Verliererinnen in der Pandemie. Dieser Satz gilt aber nicht nur f\u00fcr Deutschland oder Europa, sondern weltweit. Ihre Situation hat sich in vielen Bereichen, beruflich wie privat, im Zuge der Pandemie und damit einhergehender Ma\u00dfnahmen deutlich verschlechtert.<!--more--><\/p>\n<p><strong>Aktuelle Situation weltweit<\/strong><\/p>\n<p>Die Lage ist trotz der Konjunkturpakete der reichen, imperialistischen Staaten in vielen L\u00e4ndern, gerade unter den \u00e4rmsten, weiter von einer weltweiten Wirtschaftskrise gekennzeichnet, die 2020 den gesamten Globus ergriff. Sie wurde zwar nicht durch die Pandemie verursacht, aber von ihr deutlich verst\u00e4rkt.<\/p>\n<p>In deren Gefolge wurden viele der ohnedies schon viel zu geringen Ma\u00dfnahmen der weltweiten Armutsbek\u00e4mpfung zerst\u00f6rt und zur\u00fcckgenommen. Eine zunehmende globale Verschuldung sowie eine Zuspitzung imperialistischer Konflikte sind weitere Begleiterscheinungen dieser Krise. Auch hier sind Frauen wieder einmal auf besondere und vielf\u00e4ltige Weise deutlich st\u00e4rker betroffen.<\/p>\n<p>Der Verlust von Verdienstm\u00f6glichkeiten, eine starke Zunahme h\u00e4uslicher und sexueller Gewalt sowie eine st\u00e4rkere Belastung durch Sorgearbeit innerhalb des Haushalts und der Familie \u2013 das sind nur die Hauptaspekte, mit denen Frauen in der derzeitigen Situation wohl am meisten zu k\u00e4mpfen haben. Diese negativen Folgen f\u00fcr sie sind nicht neu, wurden aber w\u00e4hrend der Pandemie nochmals drastisch versch\u00e4rft.<\/p>\n<p>Im Zuge der Ma\u00dfnahmen zu deren Eind\u00e4mmung wurden teilweise ganze Branchen wie die Gastronomie oder andere Dienstleistungsbereiche stark heruntergefahren oder sogar zeitweise ganz geschlossen. Dies betraf vor allem Frauen, da deren Anteil in diesen Berufen doch \u00fcberdurchschnittlich hoch ist. In Deutschland beispielsweise betr\u00e4gt dieser rund 64 %.<\/p>\n<p>Konnten die finanziellen Einbu\u00dfen mithilfe des Kurzarbeitergeldes in reichen Industriestaaten wie Deutschland zumindest abgemildert und Entlassungen vorerst verhindert werden, haben die meisten globalen Besch\u00e4ftigten keinerlei Zugang zu solchen staatlichen Hilfen. Frauen sind weltweit deutlich h\u00e4ufiger von Entlassungen betroffen als M\u00e4nner, auch weil sie \u00fcberdurchschnittlich im sogenannten informellen Sektor besch\u00e4ftigt sind. Im s\u00fcdlichen Afrika etwa arbeiten rund 92 % aller weiblichen Erwerbst\u00e4tigen ohne jegliche Absicherungsma\u00dfnahmen wie K\u00fcndigungsschutz oder Lohnfortzahlung bei Krankheit.<\/p>\n<p><strong>Covid-19<\/strong><\/p>\n<p>Ein weiterer wichtiger Besch\u00e4ftigungssektor f\u00fcr Frauen ist der Gesundheits- und Sozialbereich, hier betr\u00e4gt ihr Anteil in der Pflege weltweit rund 70 %. Demgegen\u00fcber steht allerdings ihre relativ niedrige Quote von 30 % in der \u00c4rztInnenschaft.<\/p>\n<p>Dieser Umstand spiegelt sich auch sehr gut in den Infektionszahlen f\u00fcr Besch\u00e4ftigte im Pflege- und Gesundheitsbereich wider, sind diese doch aufgrund der T\u00e4tigkeit selbst einem deutlich erh\u00f6hten Ansteckungsrisiko ausgesetzt \u2013 nicht zuletzt auch aufgrund schlechtem oder ungen\u00fcgendem Zugang zu Schutzausr\u00fcstung und Desinfektionsmitteln sowie einer enormen Arbeitsbelastung. In Spanien hatten sich w\u00e4hrend der Pandemie bisher dreimal so viele weibliche Pflegekr\u00e4fte mit COVID-19 angesteckt wie m\u00e4nnliche Besch\u00e4ftigte in diesem Bereich.<\/p>\n<p>Hinzu kommen die weiterhin betr\u00e4chtlichen Lohnunterschiede zwischen m\u00e4nnlichen und weiblichen Erwerbst\u00e4tigen, gr\u00f6\u00dftenteils bedingt durch die deutlich geringeren Verdienste in den oben genannten Bereichen im Vergleich zu anderen Wirtschaftssektoren. Laut dem WEF (World Economy Forum) verdienen Frauen weltweit durchschnittlich nur 68 % dessen, was M\u00e4nner f\u00fcr dieselbe Arbeit erhalten w\u00fcrden, bei den L\u00e4ndern mit der geringsten Kaufkraftparit\u00e4t sind es sogar nur 40 %. Und auch hier hat die Pandemie die Situation f\u00fcr Frauen deutlich verschlechtert. Erste Untersuchungen deuten bereits darauf hin, dass das Lohn- und Gehaltsgef\u00e4lle sich im Zuge der Pandemie um 5 % vergr\u00f6\u00dfert hat. Weiterhin gibt es Sch\u00e4tzungen des WEF, dass beim derzeitigen Tempo der \u201eAngleichung\u201c vermutlich erst in 257 Jahren Lohngleichheit erreicht sein k\u00f6nnte. In weiterer Folge bedeutet dies nat\u00fcrlich auch in Bezug auf die Rente eine deutlich schlechtere Ausgangslage, vielen Frauen droht daher Altersarmut.<\/p>\n<p>Auch im privaten Umfeld hat die Pandemie die Situation vieler Frauen teilweise dramatisch verschlechtert. Bereits im ersten Lockdown im Fr\u00fchjahr 2020 konnte eine starke Zunahme h\u00e4uslicher und sexueller Gewalt gegen\u00fcber Frauen und Kindern festgestellt werden. Tats\u00e4chlich wird statistisch gesehen jede dritte Frau weltweit Opfer von Gewalt und auch die Anzahl t\u00f6dlicher Delikte gegen Frauen (Femizide) verzeichnet einen Anstieg von bis zu 23 %, wie Zahlen aus verschiedenen L\u00e4ndern belegen. Obwohl zahlreiche, darunter auch Deutschland, die Istanbul-Konvention (\u00dcbereinkommen des Europarats zur Verh\u00fctung und Bek\u00e4mpfung von Gewalt gegen Frauen und h\u00e4uslicher Gewalt) unterzeichnet haben, werden selbst die dort festgehaltenen Beschl\u00fcsse meist nicht vollst\u00e4ndig umgesetzt. So fehlte es bereits vor der Pandemie vielerorts an ausreichend vorhandenen Schutzr\u00e4umen und leicht zu erreichenden Hilfsangeboten f\u00fcr betroffene Frauen.<\/p>\n<p><strong>Geschlechtsspezifische Arbeitsteilung<\/strong><\/p>\n<p>Die Ursachen dieser Verschlechterungen m\u00fcssen im Kontext der kapitalistischen Produktionsweise und der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung betrachtet werden, bei der die Frau auf die T\u00e4tigkeit in der sogenannten Reproduktionsarbeit fixiert ist, das hei\u00dft auf Aufgaben zur Erhaltung des unmittelbaren Lebens wie Kindererziehung, Pflege von Familienangeh\u00f6rigen oder die Hausarbeit im privaten Umfeld. In den allermeisten F\u00e4llen handelt es sich hierbei um unbezahlte und aus Sicht des Kapitals unproduktive Arbeit, da sie meist keinen Mehrwert generiert. Demgegen\u00fcber \u00fcbernimmt der Mann die produktiven, also Mehrwert generierenden Arbeiten. Mit Entstehung der b\u00fcrgerlichen Familie als Norm, welche sowohl ideologisch als auch repressiv gegen\u00fcber anderen modernen Formen durchgesetzt und verteidigt wird, reproduziert sich die eben angesprochene geschlechtsspezifische Arbeitsteilung bis heute.<\/p>\n<p>Der Kapitalismus hat sich diese lange vorher existierende Arbeitsteilung zunutze gemacht, in dem der Mann einen sogenannten \u201eFamilienlohn\u201c erh\u00e4lt und die Frau quasi als \u201eZuverdienerin\u201c das famili\u00e4re Haushaltsverm\u00f6gen aufstockt. Dies erkl\u00e4rt den weiterhin herrschenden Lohnunterschied (Gender Pay Gap) zwischen M\u00e4nnern und Frauen. Global betrachtet stimmt dieses Modell zwar schon lange nicht mehr mit der Realit\u00e4t \u00fcberein, denn in vielen F\u00e4llen ist sogar die Frau mittlerweile die Hauptverdienerin und ein Lohn oft nicht ausreichend, um das \u00dcberleben der Familie zu sichern. Dennoch tr\u00e4gt auch dieser Umstand weiterhin zur Festigung der b\u00fcrgerlichen Familie und der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung bei.<\/p>\n<p><strong>Reserve<\/strong><\/p>\n<p>Eine weitere Folge letzterer ist die st\u00e4rkere Betroffenheit von Frauen in Krisenzeiten wie in der derzeit herrschenden Pandemie. Frauen wurden stets von Seiten der KapitalistInnen als sogenannte Reservearmee angesehen, welche in konjunkturell starken Phasen eingestellt und in Krisenzeiten rasch wieder entlassen werden k\u00f6nnen. In diesen werden zudem die sogenannten Reproduktionsarbeiten aus Gr\u00fcnden der Kostenersparnis sehr gerne zur\u00fcck ins private und nicht entlohnte Umfeld ausgelagert. Dies bedeutet f\u00fcr viele Frauen eine st\u00e4rkere Doppelbelastung aus Erwerbs- und Carearbeit, tragen doch sie die Hauptlast der Reproduktionsarbeit. Hinzu kommt eine (st\u00e4rkere) finanzielle Abh\u00e4ngigkeit vom m\u00e4nnlichen Partner, was Betroffenen von Gewalt ein Beenden der Partnerschaft h\u00e4ufig unm\u00f6glich macht. Dieser Rollback konnte auch in der derzeitigen Pandemie beobachtet werden.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich profitiert das Kapital selbst von Spaltungen wie jener zwischen Mann und Frau und nutzt diese zu seinen Gunsten. Es ist daher auch kein Zufall, dass vor allem Frauen aus der ArbeiterInnenklasse und der Bauern-\/B\u00e4uerinnenschaft besonders unter den Pandemiefolgen leiden. Daher darf diese Thematik nicht unabh\u00e4ngig vom kapitalistischen Gesamtsystem betrachtet werden, sondern muss mit der Klassenfrage und dem Kampf gegen es verkn\u00fcpft werden. Denn aus Sicht von MarxistInnen handelt es sich beim Kapitalismus nicht nur um ein Produktions-, sondern um ein gesellschaftliches System, welches alle Lebensbereiche sowie unser Denken und Handeln beeinflusst und formt. Nicht zuletzt wird dies deutlich durch die gesellschaftlich zugeschriebenen Geschlechterrollen, die anerzogen werden und sich dadurch weiter reproduzieren.<\/p>\n<p><strong>Wof\u00fcr k\u00e4mpfen?<\/strong><\/p>\n<p>Der Kampf gegen Frauenunterdr\u00fcckung muss international organisiert und mit der Klassenfrage und dem Kampf gegen den Kapitalismus verkn\u00fcpft werden. Auch wenn sich die Situationen von Frauen in verschiedenen L\u00e4ndern teilweise deutlich unterscheiden, m\u00fcssen wir global einige gemeinsame Forderungen aufstellen.<\/p>\n<p>Um die Lohnungleichheit zwischen M\u00e4nnern und Frauen abzubauen, muss die Forderung nach einem Mindestlohn sowie eine vollst\u00e4ndige Abschaffung des informellen Sektors auf die Tagesordnung gesetzt werden. Auch prek\u00e4re Arbeitsverh\u00e4ltnisse m\u00fcssen durch die Einf\u00fchrung von tariflichen L\u00f6hnen verschwinden. Dabei m\u00fcssen die Kontrolle \u00fcber deren Umsetzung und die Festlegung von Geh\u00e4ltern in die H\u00e4nde der ArbeiterInnenklasse und der Gewerkschaften gelegt werden. Wichtig ist in diesem Kontext auch die Forderung, keine Entlassungen zu akzeptieren und w\u00e4hrend der Schlie\u00dfung ganzer Wirtschaftsbereiche f\u00fcr eine vollst\u00e4ndige Auszahlung der Geh\u00e4lter einzutreten. Diese Auseinandersetzungen m\u00fcssen wir dar\u00fcber hinaus mit dem Kampf f\u00fcr ein Programm gesellschaftlich n\u00fctzlicher Arbeiten verbinden: den Ausbau von Kitas, Schulen und anderen Bildungseinrichtungen, des Gesundheitssystems, einer Altersvorsorge f\u00fcr alle usw. unterst\u00fctzen. Ein solches muss von den Profiten der Unternehmen bezahlt und von den ArbeiterInnen kontrolliert werden.<\/p>\n<p>Um Frauen vor Unterdr\u00fcckung und Diskriminierung zu sch\u00fctzen, bedarf es des Rechts auf eigene Treffen, sogenannte Caucuse, in allen Organisationen der ArbeiterInnenklasse. Nur so ist gew\u00e4hrleistet, dass sie im Kampf f\u00fcr vollst\u00e4ndige Frauenbefreiung und gegen den Kapitalismus eine Schl\u00fcsselrolle einnehmen und aktiv gegen Sexismus, Chauvinismus und rechtliche Benachteiligung vorgehen k\u00f6nnen. Um ihnen eine aktive Beteiligung an politischen K\u00e4mpfen zu erm\u00f6glichen, ist neben einer massiven Arbeitszeitverk\u00fcrzung bei vollem Lohnausgleich auch eine Vergesellschaftung der Reproduktionsarbeit notwendig. Nur so k\u00f6nnen die Doppelbelastung aufgehoben und Arbeiten des t\u00e4glichen Lebens auf viele Schultern verteilt werden. Statt K\u00fcrzungen im Sozial- und Bildungsbereich sind massive Investitionen f\u00fcr den Ausbau von Schulen und anderen Bildungseinrichtungen sowie \u00f6ffentlichen Gesundheitssystemen und Kultureinrichtungen einzufordern. Nur so ist es m\u00f6glich, den herrschenden Rollback zu Ungunsten der Frauen und jungen M\u00e4dchen umzukehren.<\/p>\n<p><strong>Frauenbewegung<\/strong><\/p>\n<p>Zum Schutz von Frauen vor physischer und sexualisierter Gewalt m\u00fcssen dringend die zur Verf\u00fcgung stehenden Schutzr\u00e4ume massiv ausgebaut und Selbstverteidigungsorgane innerhalb der ArbeiterInnenklasse aufgebaut werden. Ebenso ist es wichtig, die Forderung nach rechtlicher Gleichheit und einem Scheidungsrecht, welches Frauen nicht benachteiligt, aufzustellen.<\/p>\n<p>Der Kampf gegen die Folgen von Pandemie und Krise, von denen die lohnabh\u00e4ngigen Frauen besonders hart getroffen werden, hat aber auch zu vielen Abwehrk\u00e4mpfen und Bewegungen gef\u00fchrt, wo Arbeiterinnen an vorderster Front stehen. Diese zeigen, dass Frauen nicht in erster Linie Opfer und Betroffene, sondern vor allem K\u00e4mpferinnen sind. Die Frauen*streiks der letzten Jahre, die Bewegungen im Gesundheitssektor und Frauen, die in Afghanistan unter extremen Bedingungen ihre Rechte verteidigen \u2013 sie alle zeigen, dass vor unseren Augen auch die Basis f\u00fcr eine neue internationale proletarische Frauenbewegung entsteht.<\/p>\n<p>Lasst uns gemeinsam f\u00fcr die Abschaffung des Kapitalismus und f\u00fcr eine vollst\u00e4ndige Frauenbefreiung k\u00e4mpfen! F\u00fcr den Aufbau einer internationalen, proletarischen Frauenbewegung!<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/11\/02\/frauen-kapitalismus-pandemie\/\"><em>Neue Internationale 260&#8230;<\/em><\/a><em> vom 3. November 2021 <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Katharina Wagner. Frauen sind die gro\u00dfen Verliererinnen in der Pandemie. Dieser Satz gilt aber nicht nur f\u00fcr Deutschland oder Europa, sondern weltweit. 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