{"id":10323,"date":"2021-11-04T11:24:55","date_gmt":"2021-11-04T09:24:55","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10323"},"modified":"2021-11-04T15:42:08","modified_gmt":"2021-11-04T13:42:08","slug":"das-ende-des-chilenischen-modells","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10323","title":{"rendered":"Das Ende des chilenischen Modells?"},"content":{"rendered":"<p><em>Markus Lehner. <\/em>Viele Jahrzehnte war Chile eines der Lieblingsl\u00e4nder von Wallstreet &amp; Co. Das Land galt als Modell f\u00fcr den \u201eWeg nach oben\u201c im Sinne des Neoliberalismus. Nat\u00fcrlich konnte schlecht bestritten werden, dass am Beginn dieser Erfolgsgeschichte die \u201eunsch\u00f6ne\u201c brutale Milit\u00e4rdiktatur des Pinochet-Regimes mit seinen Toten und Folteropfern stand, aber nach der \u201eTransition\u201c zu angeblich demokratischen<!--more--> Verh\u00e4ltnissen sei es zu einem Vorbild f\u00fcr den globalen S\u00fcden geworden.<\/p>\n<p><strong>Erfolg f\u00fcr wen?<\/strong><\/p>\n<p>Erfolgreich war die \u201eTransition\u201c tats\u00e4chlich nur f\u00fcr die Reichen und globalen Konzerne, w\u00e4hrend die soziale Ungleichheit enorm zunahm. Die \u201eReformen\u201c der Milit\u00e4rdiktatur hatten praktisch alles nur M\u00f6gliche privatisiert. Die \u201eTransition\u201c brachte zwar gewisse soziale Rechte zur\u00fcck, aber die Gewerkschaften blieben in ein strenges Reglement eingespannt und konnten insbesondere im privaten Bereich kaum wirkungsvoll f\u00fcr Einkommenssteigerungen der arbeitenden Massen auftreten.<\/p>\n<p>Auch die mit dem Gewerkschaftsverband CUT verbundenen Parteien (Sozial- und ChristdemokratInnen, KommunistInnen) brachten in den Jahren, als sie an der Regierung beteiligt waren, wenig \u00c4nderung. Allenfalls wurden die schlimmsten Folgen des Neoliberalismus abgefedert wie etwa durch Anhebungen von Mindest- und Soziall\u00f6hnen. So kommt es, dass im Paradies der Wallstreet heute der Monatsdurchschnittslohn eine\/r ArbeiterIn bei 530 US-Dollar liegt.<\/p>\n<p><strong>Massenproteste<\/strong><\/p>\n<p>Als im Oktober 2019 die Ticketpreise f\u00fcr die Metro in Santiago um fast 4 % erh\u00f6ht werden sollten, kam es in Folge zu einem regelrechten Aufstand. Mit Verz\u00f6gerungen schlossen sich auch die Gewerkschaften mit Arbeitsniederlegungen an \u2013 und drohten gar mit Generalstreik.<\/p>\n<p>Das Ziel der Massenbewegung war schnell klar: das Ende des \u201echilenischen Modells\u201c! Dieser Wunsch wurde auch noch durch die Reaktion der Herrschenden best\u00e4rkt, die einen Polizeieinsatz befahlen, der an die schlimmen Zeiten der Diktatur erinnerte. Insbesondere die \u00dcbergriffe gegen Frauen und Indigene f\u00fchrten zu einem Zusammengehen der schon vorher starken Frauen- mit der sozialen Bewegung, aber auch mit den Protesten gegen den Rassismus gegen Indigene. Der Ruf nach dem R\u00fccktritt von Pi\u00f1era war so stark, dass die Kommunistische Partei und die mit ihr verb\u00fcndete Frente Amplio (Breite Front von Linksparteien; FA) zun\u00e4chst die Aufforderung der Regierung zu Verhandlungen ausschlugen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend sich ArbeiterInnen, Frauen, Indigene, kommunale AktivistInnen immer mehr in selbstorganisierten Strukturen vernetzt hatten und auf den Sturz der Regierung hinarbeiteten, fanden die reformistischen B\u00fcrokratInnen einen anderen Ausweg \u2013 die Einleitung der Erarbeitung einer neuen Verfassung, die die noch von Pinochet verantwortete und in der Transition kaum ver\u00e4nderte abl\u00f6sen sollte. Auch wenn die Einleitung eines verfassunggebenden Prozesses mit demokratischen Vorgaben f\u00fcr die Wahl und Durchf\u00fchrung einer Konstituante von gro\u00dfen Teilen der Bewegung als Erfolg gefeiert wurde, blieb die Regierung damit an der Macht und konnte ihre Krisenpolitik weiter durchziehen und zus\u00e4tzlich noch den Verfassungsprozess so gut wie m\u00f6glich beschneiden.<\/p>\n<p>Damit war auch klar, dass letztlich die Proteste weitergehen w\u00fcrden. Ihr Wunsch nach einer Kehrtwende weg von einem privatisierten Gesundheits-, Renten-, Erziehungssystem etc. war mit dem Versprechen einer neuen Verfassung in keiner Weise garantiert. Die reformistischen Organisationen versprachen, diese Reformen mit Hilfe der Wahlurne umzusetzen \u2013 im \u201eSuperwahljahr\u201c 2021. In diesem Jahr fanden nicht nur die Wahlen zur Konstituante (im Mai) und zu den Provinzregierungen statt, sondern steigt im November die erste Runde der Pr\u00e4sidentschafts- und Parlamentswahlen. Die eigentliche Entscheidung werden die Stichwahlen im Dezember bringen, da f\u00fcr beide Wahlen 50 % der g\u00fcltigen Stimmen n\u00f6tig sind, um die Pr\u00e4sidentschaft oder ein Abgeordnetenmandat zu erringen.<\/p>\n<p><strong>Wahlen<\/strong><\/p>\n<p>Die geschwundenen Illusionen dar\u00fcber, was im Wahltheater und in einem jahrelangen Verfassungsprozess tats\u00e4chlich zu erreichen ist, dr\u00fcckten sich bereits in der geringen Wahlbeteiligung zur verfassunggebenden Versammlung aus (37 %) \u2013 im Jahr zuvor bei der Abstimmung \u00fcber die Einberufung beteiligte sich noch \u00fcber die H\u00e4lfte der ChilenInnen. Allerdings wurde der Plan der Herrschenden durchkreuzt, durch den Listenzwang etablierten Parteien wieder eine Mehrheit zu verschaffen. Die traditionell herrschenden Kr\u00e4fte (die Konservativ-Liberalen Pi\u00f1eras und die \u201eKonzentration\u201c von Sozialistischer und Christdemokratischer Partei) fielen beide unter vernichtende 20 %.&nbsp; Nur die FA konnte ein nennenswertes Ergebnis erzielen, w\u00e4hrend Listenverbindungen unabh\u00e4ngiger BasiskandidatInnen gro\u00dfe Erfolge aufwiesen. Die FA errang au\u00dferdem auch bei den Gouverneurswahlen wichtige Erfolge, z. B. mit dem Gewinn einer ihrer FrauenaktivistInnen in Santiago.<\/p>\n<p>Mit Gabriel Boric liegt auch f\u00fcr die Pr\u00e4sidentschaftswahlen momentan der Kandidat der FA in den meisten Umfragen in F\u00fchrung. Der 35-J\u00e4hrige war selbst einer der f\u00fchrenden K\u00f6pfe der StundentInnenrevolte 2011 und sp\u00e4ter Frontfigur in verschiedenen unabh\u00e4ngigen linken Organisationen, die im Umfeld der KP standen und zum Kern der FA wurden. Obwohl Boric am besagten Abkommen mit Pi\u00f1era beteiligt war, wird er vom Zentralorgan des globalen Liberalismus, dem britischen \u201eEconomist\u201c, in dessen Ausgabe vom 30. Oktober als \u201egef\u00e4hrlicher Radikaler\u201c gekennzeichnet. Angeprangert wird vor allem, dass die Linke in der neuen Verfassung Strafen gegen die Glorifizierung der Milit\u00e4rdiktatur bzw. f\u00fcr Verharmlosungen von deren Folterregime fordert. Dies wird als Beginn einer \u201eUnterdr\u00fcckung der Meinungsfreiheit\u201c gesehen.<\/p>\n<p>Ebenso bedenklich findet der Economist, dass die Verfassung auch gegen die Stimmen der bisher herrschenden Parteien durchgesetzt werden solle \u2013 nat\u00fcrlich ein schlimmer \u201eantidemokratischer\u201c Akt: Die liberale Bourgeoisie betrachtet es offenkundig schon als antidemokratisch, wenn sie \u00fcberstimmt wird (und die Liberalen in der chilenischen Konstituante vereinen weniger als ein Drittel der Mandate). An die Wand gemalt werden nat\u00fcrlich die schlimmen Folgen von \u00f6kologischen Auflagen f\u00fcr den Bergbau und die Ank\u00fcndigungen von Wiederverstaatlichung, die Boric wie auch die Linke in der Konstituante \u00e4u\u00dfern. Das Wahlprogramm der FA konzentriert sich tats\u00e4chlich auf solche Punkte wie die Wiedereinf\u00fchrung eines staatlichen Gesundheitssystems. Boric will z. B. ein System \u00e4hnlich dem NHS in Britannien in Chile einf\u00fchren.<\/p>\n<p><strong>Ende des Neoliberalismus?<\/strong><\/p>\n<p>Nun sind einige dieser Programmpunkte sicherlich auch wichtige Forderungen der Protestbewegungen. Aber w\u00e4re bei einem Wahlsieg von Boric tats\u00e4chlich mit dem Ende des \u201eNeoliberalismus\u201c in Chile zu rechnen?<\/p>\n<p>Dem stehen mehrere Hindernisse entgegen. Die FA-Spitzen wollen im Parlament, in der Konstituante und auch in den Gewerkschaften weiterhin mit Teilen des Establishments, vor allem aus der \u201eKonzentration\u201c (Sozialdemokratie, Christdemokratie), zusammenarbeiten. Sie und die \u201eunabh\u00e4ngigen Linken\u201c in der Konstituante sind ihrerseits nicht wirklich zu einem entscheidenden Bruch mit dem bisherigen System bereit.<\/p>\n<p>Dabei erweist sich die Behauptung, erstmal ginge es \u201enur\u201c um ein Ende des Neoliberalismus, als hochproblematisch. Sie geht n\u00e4mlich von der falschen Vorstellung aus, dass es unter den gegenw\u00e4rtigen Bedingungen speziell der krisenhaften Entwicklung in Lateinamerika eine andere, \u201emenschlichere\u201c Form von Kapitalismus in Chile geben k\u00f6nnte und diese dauerhaft von der herrschenden Klasse akzeptiert w\u00fcrde. Eine Infragestellung der wichtigen Rolle Chiles in den internationalen Produktionsketten wird schnell zu einer Konfrontation mit den m\u00e4chtigen Kapitalien im In- und Ausland f\u00fchren. Auch eine von Boric gef\u00fchrte Regierung m\u00fcsste sich entweder schnell mit dem internationalen Kapital arrangieren (mit ein paar sozialen Regulierungen im Gesundheitssystem als Brosamen) \u2013 oder zu einer radikalen Konfrontation mit dem Kapital gezwungen sein.<\/p>\n<p>Was letztere betrifft, ist die weitere Entwicklung und Verst\u00e4rkung der sozialen Proteste von entscheidender Bedeutung. Nachdem einige der mit Corona begr\u00fcndeten Einschr\u00e4nkungen jetzt im Oktober gelockert worden waren, hat sich diese Bewegung wieder in ihrer vollen Radikalit\u00e4t gezeigt. Gerade zum Jahrestag des 2019er Protestes kam es wieder zu Stra\u00dfenschlachten, bei denen die Hauptlosung laut \u201eEconomist\u201c die Forderung nach dem Ende des Kapitalismus war. Einmal mehr ging die Polizei mit aller H\u00e4rte vor und es kam landesweit zu 3 Todesopfern. Nat\u00fcrlich benutzen die b\u00fcrgerliche Presse und ihre FreundInnen im liberalen Ausland die Zuspitzung auf der Stra\u00dfe, um vor der \u201eAnarchie\u201c und der \u201eZertr\u00fcmmerung\u201c der \u00f6konomischen Sicherheit zu warnen, sollte Boric die Wahlen gewinnen.<\/p>\n<p><strong>Zuspitzung<\/strong><\/p>\n<p>Bezeichnend auch, was sich dann im b\u00fcrgerlichen Lager getan hat: War lange Zeit der \u201egem\u00e4\u00dfigte\u201c Liberale Sebasti\u00e1n Sichel der Pi\u00f1era-Gruppierung der Wunschkandidat der Bourgeoisie, so r\u00fcckte jetzt der Pinochetfan Jos\u00e9 Kast in den Vordergrund. In einigen Medien wird bereits behauptet, er w\u00fcrde Boric in den Umfragen \u00fcberholen. Das Projekt Kast setzt ganz auf die Law-and-Order-Schiene, die Abwendung der drohenden \u201eAnarchie\u201c \u2013 daneben verk\u00fcndet Kast den Bau von Grenzbefestigungen gegen die \u201eMigrationsflut\u201c, die angeblich den chilenischen Wohlstand bedroht, wie auch entschiedene Ma\u00dfnahmen gegen \u201ekriminelle\u201c Mapuche.<\/p>\n<p>Dies zeigt, dass die krisenhafte Entwicklung in Lateinamerika nun auch in Chile wie zuvor in Brasilien zur Konfrontation zwischen der Linken und einer Bourgeoisie f\u00fchrt, die nicht mehr davor zur\u00fcckschreckt, solche Clowns und Rassisten wie Bolsonaro oder Kast als ihre \u201eRetter\u201c aufs Schild zu heben, so wie es Marx schon am Aufstieg des Louis Bonaparte beschrieben hatte.<\/p>\n<p>Eine politische Zuspitzung ist in der kommenden Periode daher unvermeidlich. Programm und Strategie der KP und FA bilden dabei jedoch selbst ein zentrales Problem f\u00fcr die L\u00f6sung der Krise im Interesse der Lohnabh\u00e4ngigen, der Bauern\/B\u00e4uerinnen und Unterdr\u00fcckten. Warum? Weil sich ihre Volksfrontpolitik, also das Verfolgen eines Regierungsb\u00fcndnisses mit den gem\u00e4\u00dfigten Teilen der herrschenden Klasse, wie schon unter Allende als Fessel f\u00fcr den heroischen Kampf der chilenischen Massen erweisen wird m\u00fcssen. Andererseits st\u00fctzen sich KP und FA auf die Gefolgschaft von Millionen und feste St\u00fctzen in den Gewerkschaften. Daher werden weit \u00fcber eine Million Lohnabh\u00e4ngige und AktivistInnen der sozialen Bewegungen diesen Parteien ihre Stimme geben, um so die verschiedenen Fraktionen des chilenischen und internationalen Kapitals zu schlagen.<\/p>\n<p><strong>Taktik<\/strong><\/p>\n<p>Es ist die Aufgabe von Revolution\u00e4rInnen, diesen Prozess zu vertiefen und zuzuspitzen. Zur Zeit gibt es in Chile keine alternative, revolution\u00e4re Partei der Klasse, auch wenn verschiedene linke Organisationen in Teilbereichen \u00fcber eine gewisse Verankerung verf\u00fcgen. Dazu z\u00e4hlt sicherlich auch die PTR (\u201eRevolution\u00e4re ArbeiterInnenpartei\u201c, chilenische Sektion der \u201eTrotzkistischen Fraktion\u201c). Mit ihren wenigen Kr\u00e4ften trat sie im Mai bei den Wahlen zur Konstituante an und erzielte 50.000 Stimmen \u2013 sicherlich ein achtbares Ergebnis, aber mit 0,8 % weit von einem signifikanten Einfluss in der Klasse entfernt. F\u00fcr die kommenden Wahlen ging die PTR ein Wahlb\u00fcndnis mit anderen linken Kleingruppen ein, die \u201eFront f\u00fcr ArbeiterInneneinheit\u201c.<\/p>\n<p>Sehr wahrscheinlich wird diese Kandidatur angesichts der Konfrontation von FA und der Rechten kein sehr viel besseres Ergebnis als die PTR f\u00fcr die Konstituante erzielen. Hinzu kommt, dass das Programm dieses Wahlblocks zwar korrekte Kritik an der FA und ihrem Verrat mit dem \u201eAbkommen\u201c enth\u00e4lt, selbst aber kein revolution\u00e4res, antikapitalistisches Aktionsprogramm aufstellt. Es enth\u00e4lt zwar richtige Forderungen nach Verstaatlichung unter ArbeiterInnenkontrolle, es fehlt jedoch das Aufzeigen der notwendigen Mittel zu ihrer Durchsetzung wie die Frage des Kampfes um eine ArbeiterInnenregierung, des Bruches mit dem b\u00fcrgerlichen Staat und der Errichtung der R\u00e4teherrschaft der ArbeiterInnenklasse. Die Kandidatur stellt somit auch auf programmatischer Ebene keine revolution\u00e4re, sondern blo\u00df eine zentristische, zwischen Reform und Revolution schwankende, Alternative dar.<\/p>\n<p><strong>Kritische Unterst\u00fctzung f\u00fcr Boric!<\/strong><\/p>\n<p>Vor allem aber beantwortet die Kandidatur eines B\u00fcndnisses kleiner linker Gruppierungen nicht die Frage, welche Haltung Revolution\u00e4rInnen in der Konfrontation zwischen Boric und den offen b\u00fcrgerlichen KandidatInnen bei den Pr\u00e4sidentschaftswahlen einnehmen sollen bzw. zwischen denen der FA\/KP und den offen b\u00fcrgerlichen Kr\u00e4ften bei den Parlamentswahlen.<\/p>\n<p>Die aktuelle zugespitzte Situation erfordert, in dieser Konfrontation zur Wahl von Boric und der FA\/KP aufzurufen. Revolution\u00e4rInnen m\u00fcssen deutlich machen, dass sie diese gegen den unvermeidlichen Angriff der herrschenden Klasse und direkt konterrevolution\u00e4rer Kr\u00e4fte verteidigen. Zugleich m\u00fcssen sie von der FA\/KP fordern, mit den offen b\u00fcrgerlichen Kr\u00e4ften \u2013 konkret jenen der&nbsp; \u201eKonzentration\u201c zu brechen.<\/p>\n<p>Dies ist umso wichtiger, als ein gro\u00dfer Teil der organisierten ArbeiterInnenklasse, der sozial Unterdr\u00fcckten und selbst der AktivistInnen der Protestbewegung weiterhin der F\u00fchrung reformistischer Organisationen folgt. Das betrifft vor allem die Kernschichten der Lohnabh\u00e4ngigen. Trotz \u201eNeoliberalismus\u201c hat sich in Chile der \u201einformelle Sektor\u201c (deregulierte Besch\u00e4ftigungsbedingungen) nur auf unter 30 % belaufen, w\u00e4hrend er im Rest des Kontinents auf \u00fcber 60 % gestiegen ist. In Chile hat sich das Bruttosozialprodukt von 1990 bis 2015 verdreifacht. Auch wenn, wie anfangs ausgef\u00fchrt, f\u00fcr die Masse der Bev\u00f6lkerung dabei nur Brosamen abfielen, so hat sich doch eine besser bezahlte mittlere Schicht von ArbeiterInnen herausgebildet, die auch stark in den Gewerkschaften vertreten ist und f\u00fcr die reformistischen Parteien (KP und SP) eine feste soziale Basis darstellt. Sicher ist auch, dass ohne den Gewinn dieser Schichten und der Gewerkschaften keine wirkliche Umw\u00e4lzung in Chile m\u00f6glich sein wird.<\/p>\n<p>Gerade die Krise der letzten Jahre hat auch viele dieser besser bezahlten ArbeiterInnen getroffen und zwingt sie zu einer politischen Neuorientierung. Die politische St\u00e4rkung der FA gegen\u00fcber der \u201eKonzentration\u201c ist ohne diese Entwicklung gar nicht zu erkl\u00e4ren \u2013 nat\u00fcrlich ebenso wie der Aufstieg Kasts durch die sich bedroht f\u00fchlenden Mittelschichten.<\/p>\n<p>Ein Wahlaufruf f\u00fcr Boric bedeutet nicht, die Kritik an seinem Programm und seiner Rolle beim \u201eAbkommen\u201c zur\u00fcckzustellen. Aber er bedeutet, dass man den Millionen ArbeiterInnen und sozial Unterdr\u00fcckten, die f\u00fcr ihn stimmen wollen, erstens sagt, dass es uns nicht egal ist, ob Boric oder Kast (oder ein anderer b\u00fcrgerlicher Kandidat) siegt. Vielmehr geht es darum, Boric zu helfen, sie zu besiegen.<\/p>\n<p><strong>Mobilisierung<\/strong><\/p>\n<p>Gleichzeitig gilt es, deutlich zu machen, den Kampf f\u00fcr die Forderungen von Boric tats\u00e4chlich auf der Stra\u00dfe fortzuf\u00fchren. Schon jene nach einem frei zug\u00e4nglichen Gesundheitswesen f\u00fcr alle oder Verstaatlichungen unter ArbeiterInnenkontrolle werden sich nur durch Massenmobilisierungen erzwingen lassen. Diese w\u00fcrden zugleich eine Grundlage f\u00fcr die Bildung von Aktionsr\u00e4ten in den Betrieben und Kommunen schaffen. Diese Konfrontation mit dem Kapital w\u00fcrde die Frage aufwerfen, welche Klasse herrscht \u2013 und damit die Bildung einer ArbeiterInnenregierung auf die Tagesordnung setzten, die zur Enteignung der Bourgeoisie und der Zerschlagung ihres Staates schreitet. Dies w\u00e4re eine Taktik, mit der tats\u00e4chlich sowohl die Masse der Protestbewegung wie auch die k\u00e4mpferischen Teile von Gewerkschaften und Anh\u00e4ngerInnen der reformistischen Parteien f\u00fcr ein revolution\u00e4res Projekt gewonnen werden k\u00f6nnten. Die Kr\u00e4fte der sozialen Revolution in Chile sind dabei, sich herauszubilden \u2013 es kommt jetzt darauf an, dass auch eine politische F\u00fchrung entsteht, die diese zum Sieg \u00fcber den chilenischen Kapitalismus f\u00fchrt.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/11\/03\/das-ende-des-chilenischen-modells\/\"><em>Neue Internationale&#8230;<\/em><\/a><em> vom 4. November 2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Markus Lehner. Viele Jahrzehnte war Chile eines der Lieblingsl\u00e4nder von Wallstreet &amp; Co. Das Land galt als Modell f\u00fcr den \u201eWeg nach oben\u201c im Sinne des Neoliberalismus. 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