{"id":1033,"date":"2016-03-09T09:47:39","date_gmt":"2016-03-09T07:47:39","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1033"},"modified":"2018-01-19T19:33:20","modified_gmt":"2018-01-19T17:33:20","slug":"oekonomische-aspekte-der-wanderungs-und-fluchtbewegungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1033","title":{"rendered":"\u00d6konomische Aspekte der Wanderungs- und Fluchtbewegungen"},"content":{"rendered":"<p><em>Manfred Sohn<\/em>. Im August 1907 versammelten sich in Stuttgart f\u00fcr sieben Tage knapp 900 Delegierte aus 25 sozialistischen Parteien zu einem Internationalen Sozialistenkongress, der unter anderem eine Resolution zur \u00bbEin- und Auswanderung der Arbeiter\u00ab <!--more-->verabschiedete, an deren Erarbeitung sich auch Wladimir Iljitsch Lenin beteiligt hatte. Sie beginnt so: \u00bbDie Ein- und Auswanderung der Arbeiter sind vom Wesen des Kapitalismus ebenso unzertrennliche Erscheinungen wie die Arbeitslosigkeit, \u00dcberproduktion und Unterkonsum der Arbeiter. Sie sind oft ein Mittel, den Anteil der Arbeiter an der Arbeitsproduktion herabzusetzen und nehmen zeitweise durch politische, religi\u00f6se und nationale Verfolgungen anormale Dimensionen an.<\/p>\n<p>Der Kongress vermag ein Mittel zur Abhilfe der von der Aus- und Einwanderung f\u00fcr die Arbeiterschaft etwa drohenden Folgen nicht in irgendwelchen \u00f6konomischen oder politischen Ausnahmema\u00dfregeln zu erblicken, da diese fruchtlos und ihrem Wesen nach reaktion\u00e4r sind, also insbesondere nicht in einer Beschr\u00e4nkung der Freiz\u00fcgigkeit und in einem Ausschluss fremder Nationalit\u00e4ten oder Rassen.<\/p>\n<p>Dagegen erkl\u00e4rt es der Kongress f\u00fcr eine Pflicht der organisierten Arbeiterschaft, sich gegen die im Gefolge des Massenimports unorganisierter Arbeiter vielfach eintretende Herabdr\u00fcckung ihrer Lebenshaltung zu wehren, und erkl\u00e4rt es au\u00dferdem f\u00fcr ihre Pflicht, die Ein- und Ausfuhr von Streikbrechern zu verhindern. Der Kongress erkennt die Schwierigkeiten, welche in vielen F\u00e4llen dem Proletariat eines auf hoher Entwicklungsstufe des Kapitalismus stehenden Landes aus der massenhaften Einwanderung unorganisierter und niederer Lebenshaltung gew\u00f6hnter Arbeiter aus L\u00e4ndern mit vorwiegend agrarischer und landwirtschaftlicher Kultur erwachsen, sowie die Gefahren, welche ihm aus einer bestimmten Form der Einwanderung entstehen. Er sieht jedoch in der \u00fcbrigens auch vom Standpunkt der proletarischen Solidarit\u00e4t verwerflichen Ausschlie\u00dfung bestimmter Nationen oder Rassen von der Einwanderung kein geeignetes Mittel, sie zu bek\u00e4mpfen.\u00ab <a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Es folgt ein Katalog von Ma\u00dfnahmen, die der Kongress empfiehlt, die wie diese Einleitung von erstaunlicher Aktualit\u00e4t sind, beispielsweise die Forderung nach \u00bbEinf\u00fchrung eines Minimallohnsatzes\u00ab. In dieser Resolution von 1907 sind die Grundorientierungen allgemein linker Politik enthalten, die bis heute wirken:<\/p>\n<p>\u2013 Solidarit\u00e4t mit den Wandernden, also heute: den Fliehenden,<\/p>\n<p>\u2013 Keine Beschr\u00e4nkung der Freiz\u00fcgigkeit, so verst\u00e4ndlich das Lieb\u00e4ugeln damit auch sei,<\/p>\n<p>\u2013 Kampf um die Erhaltung der erreichten Standards in den entwickelten kapitalistischen L\u00e4ndern (Mindestlohn)<\/p>\n<p>Es gibt aber bei der heutigen Analyse einige neue Aspekte zu ber\u00fccksichtigen. Karl Marx ist bekanntlich nicht dadurch eine herausragende Gestalt geworden, dass er dem zu seinen Lebzeiten emporstrebenden System Krisen prophezeit h\u00e4tte. Er hat in seinem \u00f6konomischen Hauptwerk weit mehr vollbracht: Er hat die auf dem Tauschwert beruhende Produktion als ein alle ihm vorgesetzten Schranken niederrei\u00dfendes, unentwegt Geld zu mehr Geld machendes System analysiert, das aber eben nicht lediglich von Krise zu Aufschwung, zur Hausse, zur\u00fcck zum Abschwung und zur n\u00e4chsten Krise wandelt, so wie sich Winter, Fr\u00fchjahr, Sommer und Herbst abwechseln. Vielmehr f\u00fchrt seine Analyse zu der Schlussfolgerung, dass dieses System \u00fcber einen integrierten Selbstzerst\u00f6rungsmechanismus verf\u00fcgt, dass es letztlich \u2013 \u00fcber kurz oder lang und wie qu\u00e4lend auch immer \u2013 an seiner \u00bbwahren Schranke\u00ab scheitert, die im Wesen des Kapitalismus selbst liegt. Den Kern dieser Analyse ist dieser: Wertbildend ist in dieser Gesellschaftsordnung nur die Ware Arbeitskraft. Sie aber wird, getrieben durch die Peitsche der Konkurrenz, best\u00e4ndig aus dem Produktionsprozess herausrationalisiert.<\/p>\n<p>Das, was uns als \u00bbFl\u00fcchtlingskrise\u00ab verkauft wird, ist die Konkretisierung dieser Dynamik, ist der an den Fl\u00fcchtlingen exekutierte Beginn der finalen Krise des kapitalistischen Systems. Sie ist Teil der Kapitalismuskrise, die unser aller Leben in den n\u00e4chsten Jahrzehnten immer mehr bestimmen wird.<\/p>\n<p><strong>Wanderungsursachen <\/strong><\/p>\n<p>Mit millionenschweren Subventionen aus \u00f6ffentlichen Kassen ist vor einigen Jahren in Wietze in Niedersachsen ein Gefl\u00fcgelschlachthof errichtet worden, in dem pro Stunde bis zu 24.000 H\u00fchner get\u00f6tet und verarbeitet werden. Dort arbeiten 380 Menschen und vielleicht noch 20 Leute von Wach- und Schlie\u00dfgesellschaften (weil es gegen diese Schlachtfabrik zeitweise erheblichen \u00f6rtlichen Widerstand gab) \u2013 also insgesamt 400 Menschen. Auf den europ\u00e4ischen M\u00e4rkten werden von den Tieren, die hochproduktiv get\u00f6tet und verarbeitet werden, vor allem Brustfilets und Schenkel abgesetzt. Wie von anderen Agrarfabriken auch gehen die hier nicht verwertbaren Teile dorthin, wo auch das sogenannte H\u00fchnerklein \u2013 also der von den kapitalistischen Wohlstandsgesellschaften verschm\u00e4hte Rest \u2013 noch verk\u00e4uflich ist. Die <em>Zeit<\/em> wies am 20. Januar 2015 darauf hin, dass sich die Exporte von H\u00e4hnchenfleisch aus der EU in afrikanische L\u00e4nder seit 2009 fast verdreifacht habe \u2013 auf jetzt 592.000 Tonnen. Gegen solche Massenimporte industriell erzeugter Nahrungsmittel haben Kleinbauern in Afrika und Asien keine Chance. Die Landwirte in Afrika, berichtet das Blatt, h\u00e4tten Produk\u00adtionskosten von 1,80 Euro je Kilo \u2013 europ\u00e4isches H\u00e4hnchenfleisch aber koste nur die H\u00e4lfte. Im Ergebnis werden die vorher auf dem Land t\u00e4tigen \u00fcberwiegend jungen Menschen in Scharen arbeits- und perspektivlos. Vergleichbares gilt f\u00fcr Produzenten von Kleidung oder Wohnungseinrichtungen.<\/p>\n<p>Den letzten Ansto\u00df f\u00fcr die millionenfache Wanderung, die jetzt einsetzt, geben die milit\u00e4rischen Konflikte. Aber sie entfalten sich auf der Basis \u00f6konomischer Zerr\u00fcttung ganzer Weltregionen. Die Staaten Westeuropas haben Nordafrika mit Billigfleisch und Waffen bombardiert und erhalten als Antwort die erwerbslos gemachten und in ihrem Leben bedrohten Menschen zur\u00fcck. Man k\u00f6nnten nun sagen, dass die vom Gefl\u00fcgelschlachthof in Wietze erwerbslos gemachten Afrikaner sich auf den Weg machen, um einen der dort bestehenden 400 Arbeitspl\u00e4tze zu ergattern.<\/p>\n<p><strong>Wanderungsvollzug <\/strong><\/p>\n<p>Die Debatte um die Fluchthelfer ist der zynischste Teil der ganzen Fl\u00fcchtlingsdebatte. <em>Bild<\/em>, die dem im Mittelmeer ertrunkenen dreij\u00e4hrigen Aylan am 4. September 2015 drei Seiten widmete, richtet die von ihrem Bericht erzeugte Wut der Leser in Fettdruck auf diejenigen, die die Flucht unterst\u00fctzten: \u00bbUnd was wurde aus den Schleusern, die die Trag\u00f6die zu verantworten haben?\u00ab An dem Satz ist zweierlei bemerkenswert. Zum einen spricht das Blatt, das noch vor drei Jahrzehnten die \u00bbFluchthilfe\u00ab von Ost nach West feierte, jetzt in pejorativer Konnotation bei Menschen, die bei der gefahrvollen Wanderung von S\u00fcd nach Nord Unterst\u00fctzung leisten, von \u00bbSchleusern\u00ab. Die Redakteure unterstellen ihren Lesern zweitens, dass sie den Tausch von Ursache und Wirkung \u00fcbersehen. Denn klar ist: Fluchtbewegungen haben nicht diejenigen zu verantworten, die einen Fliehenden mit welchen Mitteln und gegen welche Gegenleistung auch immer unterst\u00fctzen. Verantwortlich sind diejenigen, die in den Staaten der Fliehenden Zust\u00e4nde herstellen oder herzustellen helfen, die so unertr\u00e4glich sind, dass sich ganze Familien auf den Weg in andere L\u00e4nder machen. Wenn es f\u00fcr diese Wanderung aber keine legalen Wege gibt, sind sie angewiesen auf Kundige, die auch illegale Wege \u00f6ffnen. Schlepperei ist, wie der \u00f6sterreichische Journalist Franz Schandl vor einiger Zeit feststellte, nicht der Fluchtgrund, sondern das Fluchtmittel. Und ohne Fluchthelfer \u2013 also \u00bbSchlepper\u00ab \u2013 sind die Fl\u00fcchtlinge schlechter dran als mit ihnen. Weil die \u00f6konomischen Ursachen der Wanderungsbewegung weiter nicht behoben sind und die Grenzen kontrolliert und geschlossen bleiben, wird sie genauso anhalten wie das Fluchthelfergewerbe gedeihen wird.<\/p>\n<p><strong>Wanderungsfolgen <\/strong><\/p>\n<p>Den Grundton des dritten \u00f6konomischen Aspekts der Wanderungsbewegungen hat bereits am 22. September 2015 die <em>FAZ<\/em> in einem Kommentar vorgegeben: \u00bbSollen aus Fl\u00fcchtlingen Arbeitnehmer werden, die einmal die Rente sichern, muss die Regierung ihnen zun\u00e4chst juristisch den Weg in die Arbeit freimachen (\u2026), wichtig w\u00e4re es, den Arbeitsmarkt aufnahmef\u00e4higer zu machen, statt ihn mit Mindestlohn, H\u00fcrden f\u00fcr Zeitarbeit und Werkvertr\u00e4ge oder Arbeitsst\u00e4ttenverordnungen unzug\u00e4nglicher zu machen. Es ist zur fixen Idee von Schwarz-Rot geworden, dass Arbeit allein nicht gen\u00fcgt, sondern dass es \u203agute Arbeit\u2039 sein muss.\u00ab Seitdem wird in den Medien von rechts dieses Argument von vorne bis hinten durchgekaut und hat Eingang in ein Beschlusspapier der st\u00e4rksten Regierungspartei gefunden. Der Juniorpartner SPD schwenkt zeternd auf diesen Kurs ein. Am 8. Februar 2016 lobte der \u00bbWirtschaftsweise\u00ab Hans-Werner Sinn im <em>Handelsblatt<\/em> die SPD-Arbeitsministerin Andrea Nahles daf\u00fcr, dass sie das Stichwort Ein-Euro-Jobs f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge ins Spiel gebracht habe, \u00bbdenn mit diesen Jobs wird die Grundsicherung faktisch zu einem Lohn f\u00fcr einfache Arbeit\u00ab. Er verglich diesen Vorsto\u00df mit seinem eigenen Vorschlag, \u00bbzu einem System mit Lohnzusch\u00fcssen und Leistungen f\u00fcr kommunale Arbeit \u00fcberzugehen\u00ab \u2013 also mit einer Art Bundesarbeitsdienst. Nicht vorrangig dumpfe Unterschichtsfremdenfeindlichkeit, sondern vermutlich vor allen die Ahnung, dass solcherlei Absichten den Hauptgrund f\u00fcr eine Politik der offenen Arme gegen\u00fcber den \u00fcberwiegend zwar arbeitslosen, aber gut ausgebildeten Syrern und anderen Fl\u00fcchtlingen abgeben, bestimmt wenigstens teilweise die Skepsis vieler schlecht verdienender Bundesb\u00fcrger gegen\u00fcber dem, was da an Lohndr\u00fcckerkolonnen auf sie zukommt.<\/p>\n<p>Das hat systemische Ursachen: Kapitalismus kennt in seinem Wesen Pflanzen nur als Nutzpflanzen, Tiere nur als Nutztiere und Menschen nur als Nutzmenschen. Die gegen\u00fcber Pflanzen \u00fcberhaupt nicht, bei Tieren nur ganz schwache und bei Menschen nur in Zeiten, wo der Kapitalismus floriert, etwas st\u00e4rkere Einschr\u00e4nkung dieses N\u00fctzlichkeitsprinzips, dem alles unterworfen wird, wenn sich aus Geld mehr Geld machen l\u00e4sst, sollte den Blick auf dieses Wesen nicht tr\u00fcben \u2013 in zugespitzten Kriegs- und Krisenzeiten schockiert er sonst den Sehenden.<\/p>\n<p><strong>Schlussfolgerungen <\/strong><\/p>\n<p>In seinen Betrachtungen \u00fcber die auf dem Stuttgarter Sozialistenkongress 1907 debattierten Fragen kritisierte Lenin die Bem\u00fchungen, \u00bbz\u00fcnftlerisch beschr\u00e4nkte Anschauungen zu verfechten, ein Verbot der Einwanderung von Arbeitern aus den r\u00fcckst\u00e4ndigen L\u00e4ndern (Kulis aus China usw.) durchzubringen. Das ist derselbe Geist des Aristokratismus unter den Proletariern einiger \u203azivilisierter\u2039 L\u00e4nder, die aus ihrer privilegierten Lage gewisse Vorteile ziehen und daher geneigt sind, die Forderungen internationaler Klassensolidarit\u00e4t zu vergessen.\u00ab Es liegt auf der Hand, dass damit bis in die Partei Die Linke reichende Forderungen nach Fl\u00fcchtlingskontingenten und Obergrenzen nicht zu vereinbaren sind.<\/p>\n<p>Die sich vor unseren Augen immer raumgreifender entfaltenden Kriegs- und Krisenph\u00e4nomene, die der Kapitalismus hervorbringt, konnten bisher aus der deutscher Grenze rausgehalten werden, kommen aber jetzt gewisserma\u00dfen \u00bbheim ins Reich\u00ab. Das gilt f\u00fcr diese jetzige Fl\u00fcchtlingsbewegung wie f\u00fcr weitere sich am Horizont bereits abzeichnende aufgrund klimatischer Ver\u00e4nderungen. Auch sie haben weniger mit einem gottgegebenen Lauf der Dinge als vielmehr damit zu tun, dass der uners\u00e4ttliche Wahn, aus G unentwegt G\u2019 machen zu m\u00fcssen, unvermeidbar immer mehr Naturressourcen vernichtet und genauso unvermeidbar das f\u00fcr Menschen grundlegende Klimagleichgewicht der letzten Jahrtausende aus der Balance bringen wird. Die damit zwangsl\u00e4ufig einhergehende n\u00e4chste V\u00f6lkerwanderung und die angesichts der kapitalistischen Krise auch in den Ziell\u00e4ndern dieser Wanderung ebenfalls absehbaren Abwehrreaktionen werden die politischen Verh\u00e4ltnisse solange nach rechts verschieben, wie es nicht gelingt, den Kern dieser Probleme \u2013 das kapitalistische Prinzip, Geld und seine Vermehrung zum weltweit alles niederzuwalzenden Selbstzweck zu erheben \u2013 zum Gegenstand der Debatten zu machen.<\/p>\n<p>Strategisch ist es vielleicht an der Zeit, die Schlussfolgerung aus der Tatsache zu ziehen, dass die lange Serie von Versuchen, durch Erklimmen von Positionen in b\u00fcrgerlichen Staatsapparaten dem Systembruch n\u00e4herzukommen, mit sch\u00f6ner Regelm\u00e4\u00dfigkeit \u2013 wie zuletzt im kurzen Fr\u00fchling von Syriza \u2013 in Abst\u00fcrzen endet. Die abgeschmackte Fixierung auf Wahlzirkus, Parlamente und Regierungsbeteiligungen sollte in Frage gestellt und von einer Orientierung auf das Ertrotzen realer alternativer Lebensstrukturen jenseits der Sph\u00e4re von Warenproduktion und der sie sch\u00fctzenden Staatsmaschine abgel\u00f6st werden \u2013 und zwar nicht erst als Notl\u00f6sung in sich aufl\u00f6senden Staatsstrukturen des S\u00fcdens, sondern auch in den Zentren der kapitalistischen Maschine selbst.<\/p>\n<p>Im \u00dcbrigen hat auch die an Marx geschulte und orientierte Bewegung noch erheblichen theoretischen Diskussionsbedarf. Bislang weicht sie einer Debatte aus, deren einen Pol Herbert B\u00f6ttcher in einem offenen Brief im Namen der Zeitschgrift <em>Exist<\/em> zum Jahreswechsel so auf den Punkt brachte: \u00bbZwar wird inzwischen auch im politischen Mainstream ganz selbstverst\u00e4ndlich von \u203azerfallenden Staaten\u2039 gesprochen. Milit\u00e4rische Interventionen beschleunigen den Zusammenbruch, erst recht, wenn wie in Syrien regionale und globale staatliche Akteure im Gemetzel um die Zerfallsprodukte mitmischen. W\u00e4hrend die milit\u00e4rischen Interventionen in b\u00fcrgerlichen und linken Kreisen oft unmittelbar f\u00fcr die Prozesse der Aufl\u00f6sung verantwortlich gemacht werden, und ebenso unmittelbar nach Frieden gerufen wird, bleiben die objektiv ablaufenden Krisenprozesse au\u00dferhalb des Bewusstseins. Unbegriffen bleibt, dass sie das Ergebnis des einbrechenden \u203aWaren produzierenden Patriarchats\u2039 (Roswitha Scholz) sind, das infolge des nicht mehr kompensierbaren Verlusts an Mehrwert schaffender Arbeit nun auch historisch an die Grenze seiner Reproduktionsf\u00e4higkeit st\u00f6\u00dft. Damit geraten auch Staaten, die ja vom Wertsch\u00f6pfungsprozess abh\u00e4ngig sind, an das Ende ihrer M\u00f6glichkeiten. Die Staaten der Peripherie sind die ersten Opfer des kollabierenden kapitalistischen Weltsystems. Sie zerfallen, verschwinden jedoch nicht einfach von der Bildfl\u00e4che. (\u2026)<\/p>\n<p>Die Folgen liegen auf der Hand und werden auch in Europa immer sichtbarer: \u203aWer noch brachliegende Tatkraft besitzt und nicht zum Aktivisten der Pl\u00fcnderungs\u00f6konomie wird, macht sich allein oder mit Kind und Kegel auf in die gelobten L\u00e4nder und Regionen der globalen Marktwirtschaft.\u2039 (Robert Kurz, Weltordnungskrieg, Bad Honnef 2003, S. 157).\u00ab<\/p>\n<p>Das bedeutet nicht, dass das Denken in den gewohnten Kategorien \u00fcberfl\u00fcssig geworden ist. Nat\u00fcrlich k\u00e4mpfen auf dem R\u00fccken der syrischen Bev\u00f6lkerung gegenw\u00e4rtig die USA mit ihren Verb\u00fcndeten gegen Russland und die Regierung Syriens um ihr globales Gewaltmonopol, dem sich aus ihrer Sicht alle anderen staatlich und nichtstaatlich organisierten Kr\u00e4fte unterzuordnen haben. Die alten und neuen Widerspr\u00fcche dieses Systems \u00fcberlappen sich. Aber das Bestimmende ist zunehmend nicht mehr das, was vormals galt. Daran werden wir uns noch zu gew\u00f6hnen haben.<\/p>\n<p>Die Debatten, die um die Stellung der Linken zur sogenannten Fl\u00fcchtlingskrise zurzeit toben, sind vielfach innerkapitalistische, also Debatten zwischen Menschenrechtsfundamentalisten und selbsternannten Realisten, die gemeinsam aber davon ausgehen, dass die Rahmenbedingungen \u2013 also weiter jahrzehntelang herrschender weltweiter Kapitalismus \u2013 am Beginn dieser Krise auch die Rahmenbedingungen an ihrem Ende sein werden. Die hier dargestellten Tendenzen f\u00fchren zu einer anderen Annahme. Wir wissen, dass die letzte gro\u00dfe europ\u00e4ische Wanderungsbewegung von 1945 der Nachklang einer noch gr\u00f6\u00dferen historischen Trag\u00f6die, der des Zweiten Weltkriegs, war. Der 2015 begonnene gro\u00dfe, von S\u00fcd nach Nord ziehende Fl\u00fcchtlingstreck ist das Vorbeben eines noch gr\u00f6\u00dferen historischen Dramas, n\u00e4mlich des Epochenbruchs, der mit der Herausbildung der finalen Krise der \u00bbauf dem Tauschwert ruhenden Produktion\u00ab (Marx, Grundrisse) beginnt.<\/p>\n<p>Die Fl\u00fcchtlingsbewegung ist ein Menetekel, das uns, wenn wir uns unserer Lage nicht im Marxschen Sinne bewusst werden, unsere eigene Zukunft in der sich desintegrierenden kapitalistischen Formation zeigt: Verzweifelt Fliehende vor Kr\u00e4ften, die sie als Menschen selbst geschaffen haben, die aber in ihren Wechselwirkungen hinter ihrem R\u00fccken wirken und als unbeherrschbare Kr\u00e4fte einer aus den Fugen geratenen Welt erscheinen.<\/p>\n<p><em>Quelle\u00a0: <a href=\"http:\/\/www.jungewelt.de\/2016\/03-09\/054.php\">Junge Welt<\/a> \u00a0vom M\u00e4rz 2016<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-admin\/post-new.php#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> W. I. Lenin: Der internationale Sozialistenkongress in Stuttgart. In: Lenin Werke, Band 13, S. 71, hier zitiert nach Lothar Elsner: \u00bbMarx, Engels und Lenin \u00fcber einige mit der Arbeiterwanderung im Kapitalismus verbundene Probleme\u00ab, in: Marxistische Bl\u00e4tter 1\/2016, S. 56<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manfred Sohn. Im August 1907 versammelten sich in Stuttgart f\u00fcr sieben Tage knapp 900 Delegierte aus 25 sozialistischen Parteien zu einem Internationalen Sozialistenkongress, der unter anderem eine Resolution zur \u00bbEin- und Auswanderung der Arbeiter\u00ab <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6,7],"tags":[87,39,18,45],"class_list":["post-1033","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-geschichte-und-theorie","category-international","tag-arbeitswelt","tag-deutschland","tag-imperialismus","tag-neoliberalismus"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1033","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1033"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1033\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1035,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1033\/revisions\/1035"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1033"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1033"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1033"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}