{"id":10348,"date":"2021-11-07T11:54:51","date_gmt":"2021-11-07T09:54:51","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10348"},"modified":"2021-11-07T11:54:53","modified_gmt":"2021-11-07T09:54:53","slug":"gab-es-eine-sozialistische-revolution-in-venezuela-chavez-vs-trotzki","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10348","title":{"rendered":"Gab es eine sozialistische Revolution in Venezuela? Ch\u00e1vez vs. Trotzki"},"content":{"rendered":"<p><em>Nathaniel Flakin. <\/em><strong>Zwei Jahrzehnte nach Hugo Ch\u00e1vez\u2018 Wahlsieg liegt Venezuela in Scherben. Ist der \u201eSozialismus\u201c gescheitert? Eine Antwort mit Leo Trotzki.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Vor 20 Jahren gewann Hugo Ch\u00e1vez die Pr\u00e4sidentschaftswahlen in Venezuela. Er war 1999 erstmalig gew\u00e4hlt worden und trat 2000 seine erste Amtszeit unter der neuen \u201eBolivarischen Verfassung\u201c an. Ein rechter Putschversuch im April 2002, gefolgt von einem \u201eLockout\u201c, einer Schlie\u00dfung der Betriebe durch die Bosse, radikalisierte Ch\u00e1vez\u2019 Basis. Der ehemalige Milit\u00e4roffizier begann flammende Reden gegen Imperialismus und Kapitalismus zu halten, versprach einen \u201eSozialismus des 21. Jahrhunderts\u201c und sogar eine \u201eF\u00fcnfte Internationale\u201c, um f\u00fcr diesen Sozialismus zu k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>2013 starb Ch\u00e1vez. Sein Nachfolger, Nicol\u00e1s Maduro, und seine Partei, die\u00a0<em>Partido Socialista Unido de Venezuela<\/em>\u00a0(\u201ePartei der Vereinigten Sozialisten Venezuelas\u201c, PSUV) regieren Venezuela weiter. Doch 20 Jahre nach der \u201ebolivarischen\u201c, \u201esozialistischen\u201c Revolution liegt Venezuela in Scherben. Das Niveau der Erd\u00f6lf\u00f6rderung ist\u00a0<a href=\"https:\/\/www.laizquierdadiario.com\/La-produccion-de-petroleo-de-Venezuela-cae-a-niveles-de-1934-segun-datos-OPEP\"><strong>so niedrig wie zuletzt 1934<\/strong><\/a>. Millionen Venezualer:innen leben in extremer Armut, es fehlt ihnen an Wasser, Nahrung und medizinischer Versorgung. Millionen Weitere leben als Gefl\u00fcchtete in beiden ganz Amerika und auch in Europa verstreut.<\/p>\n<p>Die Schuld f\u00fcr diese wirtschaftliche Verw\u00fcstung liegt vor allem beim US-amerikanischen Imperialismus. Er verh\u00e4ngte\u00a0<a href=\"https:\/\/www.leftvoice.org\/u-s-imperialism-is-blocking-venezuela-from-receiving-fuel-from-iran-in-the-middle-of-a-crisis\"><strong>kriminelle Sanktionen<\/strong><\/a>\u00a0gegen die venezolanische Bev\u00f6lkerung, die er auch w\u00e4hrend der Pandemie nicht aufhob, und f\u00f6rderte\u00a0<a href=\"https:\/\/www.leftvoice.org\/oppose-the-coup-of-trump-and-guaido-workers-must-lead-the-fight-against-imperialist-aggression-and-the-misery-to-which-they-are-subjected\"><strong>einen Putschversuch<\/strong><\/a>.<\/p>\n<p>Doch Sozialist:innen m\u00fcssen sowohl Ch\u00e1vez als auch Maduro gegen\u00fcber kritisch sein, auch wenn sie die Rolle des Imperialismus anprangern. Die Wirtschaftspolitik ihrer \u201ebolivarischen\u201c Regierungen war zu keinem Zeitpunkt sozialistisch. Sie versuchten nie, Kapitalist:innen in Venezuela zu enteignen und bezahlten \u00fcber den kompletten Regierungszeitraum Auslandsschulden.<\/p>\n<p>Trotzdem schieben Millionen Arbeiter:innen und Arme den Zusammenbruch der venezolanischen Wirtschaft auf den \u201eSozialismus\u201c \u2013 sowohl in Venezuela als auch im Rest der Welt. Dass viele Str\u00f6mungen, die sich als revolution\u00e4re Marxist:innen verstehen, Ch\u00e1vez\u2019 Projekt politisch unterst\u00fctzt haben, machte es nicht besser.<\/p>\n<p>Dieser Artikel wird von Leo Trotzki entwickelte marxistische Kategorien verwenden, um einen \u00dcberblick \u00fcber den Klassencharakter des\u00a0<em>chavismo<\/em>\u00a0zu geben.<\/p>\n<p><strong>Business-freundlicher Sozialismus<\/strong><\/p>\n<p>Es ist unm\u00f6glich, Ch\u00e1vez\u2019 Programm zu verstehen, wenn man sich nur seine Reden anh\u00f6rt. Als Redner mit F\u00e4higkeiten von historischem Ausma\u00df konnte Ch\u00e1vez nahezu jedes Publikum begeistern, wobei sich das, was er sagte, in sich massiv widersprach und je nach Zuh\u00f6rer:innen ver\u00e4nderte. Er wetterte gegen die Unmenschlichkeit des Kapitalismus \u2013 nur, um gleich darauf die Kapitalist:innen zu beruhigen und ihnen zu garantieren, ihr Eigentum sei sicher. Ein Beispiel: Bei seinem Auftritt auf dem sechsten Weltsozialforum 2006 proklamierte er \u201e<a href=\"https:\/\/venezuelanalysis.com\/analysis\/1728\"><strong>Sozialismus oder Tod!<\/strong><\/a>\u201c und bekundete Beifall f\u00fcr Karl Marx, Rosa Luxemburg und Che Guevara. Doch ein Jahr sp\u00e4ter\u00a0<a href=\"https:\/\/venezuelanalysis.com\/news\/2426\"><strong>versicherte er internationalen Investor:innen<\/strong><\/a>: \u201eWir haben nicht vor, die Oligarchie, Venezuelas Bourgeoisie, abzuschaffen. Das haben wir in den letzten acht Jahren hinreichend bewiesen\u201c.<\/p>\n<p>Und tats\u00e4chlich bewies er immer wieder, kein Interesse daran zu haben, das Privateigentum an Produktionsmitteln abzuschaffen. Trotzdem sagte Ch\u00e1vez \u00fcber sich selbst: \u201e<a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/archive\/harman\/2007\/01\/chavez.htm\"><strong>Ich bin ein Trotzkist<\/strong><\/a>\u201e. Und weiter: \u201eIch folge Trotzkis Linie der Permanenten Revolution\u201c. Ein \u201eTrotzkist\u201c, der dann Mahmoud Ahmadinejad, Schl\u00e4chter iranischer Arbeiter:innen, in Caracas begr\u00fc\u00dfte und ihn als \u201e<a href=\"https:\/\/edition.cnn.com\/2009\/WORLD\/americas\/11\/25\/iran.ahmadinejad.venezuala\/index.html\"><strong>Anf\u00fchrer, Bruder, Genosse<\/strong><\/a>\u201c bezeichnete.<\/p>\n<p>Welcher Sozialist hat nicht mal vor, den Kapitalismus abzuschaffen? In welcher Art von Sozialismus werden Minister:innen Milliard\u00e4r:innen?\u00a0<a href=\"https:\/\/www.newyorker.com\/magazine\/2007\/01\/08\/the-financial-page-synergy-with-the-devil\"><strong>Der\u00a0<em>New Yorker<\/em>\u00a0beschrieb es 2007 recht passend<\/strong><\/a>: \u201eWenn das Sozialismus ist, dann ist es der unternehmerfreundlichste Sozialismus, der je erfunden wurde\u201c.<\/p>\n<p>Ein theoretisches Modell, auf das sich Unterst\u00fctzer:innen von Ch\u00e1vez st\u00fctzen, geht in etwa so: Ch\u00e1vez, der als aufrichtiger b\u00fcrgerlicher Nationalist seinen Dienst antrat, radikalisierte sich zusammen mit seiner Basis und begann, f\u00fcr eine sozialistische Politik zu k\u00e4mpfen. Doch sein Programm wurde von der Staatsb\u00fcrokratie sabotiert \u2013 der ihm unterstellten B\u00fcrokratie. Deswegen m\u00fcssen Ch\u00e1vez und seine Unterst\u00fctzer:innen in der Arbeiter:innenklasse mit dem Staat brechen, um ihre \u201ebolivarische Revolution\u201d weiter zu f\u00fchren und so auf den Sozialismus hinzuarbeiten. In anderen Worten: Die sozialistische Revolution blieb auf halbem Weg stecken.<\/p>\n<p>Doch dieses Modell erkl\u00e4rt die Situation nicht. 20 Jahre sozialistischer Revolution, wenn auch letztendlich erfolglos, h\u00e4tten den b\u00fcrgerlichen Staat ziemlich in Mitleidenschaft gezogen. Im Gegensatz dazu ist der venezolanische kapitalistische Staatsapparat enorm gewachsen. Wenn wir Ch\u00e1vez als Revolution\u00e4r sehen, der von der Staatsb\u00fcrokratie zur\u00fcck gehalten wurde, wo beginnt diese B\u00fcrokratie? Beinhaltet sie Ch\u00e1vez Minister und enge Verb\u00fcndeten, wie Maduro oder Diosdado Cabello? Und wenn dem so w\u00e4re, h\u00e4tte er sie dann nicht einfach austauschen k\u00f6nnen \u2013 Kraft seiner durch die Verfassungsreform verliehenen enormen pers\u00f6nlichen Macht?<\/p>\n<p>Nein, wir brauchen ein ganz anderes Modell, um Venezuela unter Ch\u00e1vez zu verstehen. War es ein b\u00fcrgerlicher Staat? Auf der einen Seite verteidigte die Regierung best\u00e4ndig das Privateigentum der Produktionsmittel, eine der zentralen Aufgaben des b\u00fcrgerlichen Staates. Auf der anderen Seite stellte sich die venezolanische Bourgeoisie erbittert gegen die Regierung und versuchte sie mit etlichen Putschversuchen zu st\u00fcrzen. Wie passen diese beiden Tatsachen zusammen?<\/p>\n<p><strong>Linker Bonarpatismus<\/strong><\/p>\n<p>Ch\u00e1vez kam durch die\u00a0<em>caracazo<\/em>\u00a0Unruhen 1989 an die Macht, die zum langsamen Zusammenbruch des alten zutiefst korrupten Zwei-Parteien-Regimes f\u00fchrten \u2013 1999 konnte Ch\u00e1vez dann ein neues Regime etablieren. In ganz Lateinamerika f\u00fchrte die neoliberale Offensive des US-Imperialismus zu sozialen Explosionen. Doch diese Explosionen m\u00fcndeten nicht in Revolutionen. Stattdessen gelang es einer Reihe von \u201epost-neoliberalen\u201c Regierungen, die Proteste in institutionelle Bahnen zu lenken. Dies wurde als die \u201epinke Flut\u201c (<em>marea rosa<\/em>) bekannt. Aber Ch\u00e1vez, Evo Morales in Bolivien, Rafael Correa in Ecuador und andere f\u00fchrten keine Aufst\u00e4nde an \u2013 im Gegenteil, sie kontrollierten sie.<\/p>\n<p>Unter all diesen linken Regierungen war Ch\u00e1vez unter den fr\u00fchesten und radikalsten. Die Regierungen der \u201epinken Flut\u201c verwendeten die Gelder, die durch hohe Rohstoffpreise in die L\u00e4nder flossen f\u00fcr Sozialprogramme. Venezuela mit seinen gewaltigen \u00d6lreserven hatte einen besonders gro\u00dfen \u00dcberschuss an Geldern, der an die arbeitenden und armen Massen verteilt werden konnte. In Staaten, in denen Massenbewegungen neoliberale Regierungen in die Knie gezwungen hatten, gelang es diesen \u201efortschrittlichen\u201c Politiker:innen, den Staat zu st\u00e4rken und seine Legitimation wieder herzustellen. Mit der Vorherrschaft des US-Imperialismus, der seit \u00fcber einem Jahrhundert \u00fcber Lateinamerika herrscht, brachen sie nicht. Sie sprachen sich vielleicht gegen die Yankee-Herrschaft aus, doch gingen sie nie entschieden gegen die wirtschaftlichen Interessen der US-amerikanischen Unternehmen vor.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend seines letzten Exils in Mexiko, von 1937 bis zu seiner Ermordung durch einen stalinistischen Agenden 1940, schrieb Leo Trotzki ausf\u00fchrlich \u00fcber Lateinamerika. Trotzkis\u00a0<a href=\"https:\/\/edicionesips.com.ar\/producto\/escritos-latinoamericanos-3\/\"><strong><em>Escritos Latinoamericanos<\/em><\/strong><\/a>\u00a0(\u201eLateinamerikanische Schriften\u201c) sind deutsch- und englischsprachigen Leser:innen leider kaum bekannt. In verschiedenen Artikeln entwickelt Trotzki das Konzept des \u201eBonapartismus sui generis\u201c (\u201eBonapartismus einer anderen Art\u201c) in Lateinamerika. In seinem brillanten, kurzen Essay \u201e<a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/archive\/trotsky\/1938\/xx\/mexico03.htm\"><strong>Nationalized Industry and Workers\u2019 Management<\/strong><\/a>\u201c (\u201eVerstaatlichte Industrie und Arbeiter:innenkontrolle\u201c), das erst nach Trotzkis Tod ver\u00f6ffentlicht wurde, schreibt er:<\/p>\n<p><em>In den wirtschaftlich r\u00fcckst\u00e4ndigen L\u00e4ndern spielt ausl\u00e4ndisches Kapital eine ausschlaggebende Rolle. Daraus folgt die verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfige Schw\u00e4che der nationalen Bourgeoisien in Vergleich zum Proletariat des Landes, die besondere Bedingungen der Staatsmacht erschafft. Die Regierung dreht sich zwischen ausl\u00e4ndischem und inl\u00e4ndischem Kapital und zwischen der schwachen nationalen Bourgeoisie und dem verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig starken Proletariat. Dies gibt der Regierung einen bonarpartistischen Charakter der besonderen Art. Die Regierungsform erhebt sich sozusagen \u00fcber die Klassen. Tats\u00e4chlich kann sie regieren, indem sie sich zum Instrument des ausl\u00e4ndischen Kapitalismus macht und das Proletariat in den Ketten einer Polizeidiktatur h\u00e4lt, oder indem sich mit dem Proletariat bewegt und sogar soweit geht, ihm Zugest\u00e4ndnisse zu machen und so eine gewisse Freiheit von ausl\u00e4ndischen Kapitalist:innen zu erlangen.<\/em><\/p>\n<p><em>(Eigene \u00dcbersetzung)<\/em><\/p>\n<p>Trotzki wandte diese Kategorie des \u201eBonapartismus sui generis\u201c auf die Regierung von L\u00e1zaro C\u00e1rdenas in Mexiko an, die aus den K\u00e4mpfen der Mexikanischen Revolution von 1938 hervorgegangen war. 1938 verstaatlichte C\u00e1rdenas die \u00d6lindustrie, die zuvor von britischem und US-amerikanischem Kapital kontrolliert worden war. Trotzki\u00a0<a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/archive\/trotsky\/1938\/06\/mexico02.htm\"><strong>unterst\u00fctzte die Verstaatlichung uneingeschr\u00e4nkt<\/strong><\/a>\u00a0und schrieb:<\/p>\n<p><em>Ohne seine eigene Identit\u00e4t aufzugeben ist es die Pflicht jeder ehrlichen Organisation der Arbeiter:innenklasse auf der ganzen Welt, allen voran in Gro\u00dfbritannien, eine unvers\u00f6hnliche Position gegen die imperialistischen R\u00e4uber einzunehmen, gegen ihre Diplomatie, ihre Presse und ihre faschistischen Handlanger.<\/em><\/p>\n<p><em>(Eigene \u00dcbersetzung)<\/em><\/p>\n<p>Gleichzeitig verweigerte Trotzki der Regierung C\u00e1rdenas, die trotz ihrer fortschrittlichen, antiimperialistischen Ma\u00dfnahmen eine b\u00fcrgerliche Regierung blieb, jegliche Unterst\u00fctzung. Zur \u00dcberwindung der Verstaatlichungen unter einem b\u00fcrgerlichen Staates nannte Trotzki\u00a0<a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/archive\/trotsky\/1938\/xx\/mexico03.htm\"><strong>einen einzigen entscheidenden Faktor<\/strong><\/a>:<\/p>\n<p><em>\u2026 die Existenz einer revolution\u00e4ren marxistischen Partei, die sorgf\u00e4ltig jede Form von Aktivit\u00e4ten der Arbeiter:innenklasse beobachtet, jede Abweichung kritisiert, die Arbeiter:innen schult und organisiert, Einfluss in den Gewerkschaften gewinnt und eine Vertretung der revolution\u00e4ren Arbeiter:innen in den verstaatlichten Industrien sicherstellt.<\/em><\/p>\n<p><em>(eigene \u00dcbersetzung)<\/em><\/p>\n<p><strong>Lateinamerika im 20. Jahrhundert<\/strong><\/p>\n<p>Trotzki h\u00e4tte auch Ch\u00e1vez beschreiben k\u00f6nnen, als er davon sprach, dass er \u201esich mit dem Proletariat bewegt und sogar soweit geht, ihm Zugest\u00e4ndnisse zu machen und so eine gewisse Freiheit von ausl\u00e4ndischen Kapitalist:innen zu erlangen.\u201c Dank dieses Drahtseilakts zwischen den arbeitenden Massen auf der einen Seite und dem imperialistischen Kapital auf der anderen schien es, als sei der Staatsapparat unabh\u00e4ngig.<\/p>\n<p>Der Begriff des Bonarpartismus geht zur\u00fcck auf\u00a0<a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/marx-engels\/1852\/brumaire\/index.htm\"><strong>Karl Marx\u2019s Analyse<\/strong><\/a>\u00a0davon, wie Louis Bonarparte 1852 franz\u00f6sischer Kaiser wurde. Marx beschrieb die Klassenbeziehungen, \u201ewelche einer mittelm\u00e4\u00dfigen und grotesken Personage das Spiel der Heldenrolle erm\u00f6glichen.\u201c Der grobschl\u00e4chtige Kaiser hielt das Gleichgewicht zwischen den Klassen zu einem Zeitpunkt, an dem die Bourgeoisie zu schwach war, um eigenst\u00e4ndig zu regieren. Das Regime Bonapartes verteidigte das b\u00fcrgerliche Eigentum und schloss gleichzeitig die Bourgeoisie vollst\u00e4ndig von der Macht aus. Marx schrieb \u00fcber diese entmachtete herrschende Klasse: \u201eum ihren Beutel zu retten, [muss] die Krone ihr abgeschlagen [werden].\u201c<\/p>\n<p>\u201eBonapartismus\u201c wurde verwendet um verschiedene Regime zu beschreiben, die ein Gleichgewicht zwischen sich entgegen stehenden Klassenkr\u00e4ften herstellten. Friedrich Engels verwendete den Begriff, um die Herrschaft\u00a0<a href=\"https:\/\/marxists.catbull.com\/archive\/marx\/works\/1887\/role-force\/ch05.htm\"><strong>Otto<\/strong><\/a>\u00a0von Bismarcks in Deutschland zu beschreiben. Trotzki verwendete das Bild der Herstellung von Gleichgewichten, um die sich gegen\u00fcberstehenden Ph\u00e4nomene von\u00a0<a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/archive\/trotsky\/germany\/1934\/340715.htm\"><strong>Faschismus<\/strong><\/a>\u00a0und\u00a0<a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/archive\/trotsky\/1935\/02\/ws-therm-bon.htm\"><strong>Stalinismus<\/strong><\/a>\u00a0zu beschreiben.<\/p>\n<p>Im Laufe des 20. Jahrhunderts entstand in Lateinamerika eine neue Form des Bonapartismus. C\u00e1rdenas war nur ein Vertreter einer Regierungsform, die in vielen L\u00e4ndern Wurzeln schlug.<\/p>\n<p>Die Bourgeoisie eines abh\u00e4ngigen, halbkolonialen Landes wie Venezuela ist nur halb eine herrschende Klasse; imperialistisches Kapital beherrscht sie in allen Bereichen der Wirtschaft. Die Bourgeoisie kam nicht an die Macht, indem sie Gro\u00dfgrundbesitzer:innen st\u00fcrzte, sondern indem es sich mit ihnen vereinigte. Lateinamerikas Kapitalist:innen nahmen die Rolle von untergebenen Agent:innen des Imperialismus an. Die venezolanische Bourgeoisie war immer ein ausgesprochen dekadentes Beispiel daf\u00fcr, sie exportierte \u00d6l in die USA und steckte die Profite in den ma\u00dflosen Konsum von Luxusg\u00fctern.<\/p>\n<p>Trotzdem hinterfragten einige Teile des B\u00fcrgertums ihre Rolle als Diener:innen des Imperialismus. K\u00f6nnten sie sich nicht eine gr\u00f6\u00dfere Scheibe des Reichtums abschneiden, der aus ihrem Land gepl\u00fcndert wurde? K\u00f6nnten sie nicht unabh\u00e4ngiger werden? Dieses Vorhaben w\u00fcrde allerdings einen ernsthaften Kampf gegen den Imperialismus brauchen. Und die Bourgeoisie f\u00fcr sich ist als Klasse zu schwach, zu sehr vom Imperialismus abh\u00e4ngig und zu ver\u00e4ngstigt vor den schuftenden Massen, um irgendeine Form von Kampf anzusto\u00dfen. Das erm\u00f6glicht es einzelnen aus den R\u00e4ndern der herrschenden Klasse die B\u00fchne der Geschichte zu betreten und den Kampf zu f\u00fchren, den die Bourgeoisie verzweifelt vermeiden will. Diese Personen sind oft junge Intellektuelle oder Milit\u00e4roffizier:innen aus der Mittelschicht. Wenn sie an die Macht kommen, bieten sie Reformen an, um sich die Unterst\u00fctzung der Massen zu sichern, aber ohne das Privateigentum an Produktionsmitteln in Frage zu stellen.<\/p>\n<p>Wenn eine solche linksbonarpartistische Gruppe an die Macht kommt, wird sie die nationale Wirtschaft umformen, auf eine Art und Weise, die weniger auf den Export in die imperialistischen Zentren ausgerichtet ist, und mehr auf die Produktion im Land. Das bedeutet, dass einige Kapitalist:innen ins Abseits gedr\u00e4ngt und andere bef\u00f6rdert werden. Derartige Regierungen reden oft von \u201eRevolutionen\u201c, aber ihre Ziele sind nicht antikapitalistisch, sondern dienen den l\u00e4ngerfristigen Klasseninteressen der Bourgeoisie, sowie den kurzfristigen Interessen der individuellen Kapitalist:innen, die nicht wollen, dass ihre Gesch\u00e4fte mit den Yankee-Konzernen beeintr\u00e4chtigt werden.<\/p>\n<p>Um dem st\u00e4ndigen Druck des Imperialismus stand zu halten \u2013 in Form von Sanktionen, Putschversuchen, Einm\u00e4rschen und Millionen anderer Formen der Beherrschung \u2013 muss eine linksbonarpartistische Regierung die Arbeiter:innen und Armen mobilisieren. Diese Mobilisierungen d\u00fcrfen allerdings nicht \u201ezu weit\u201c gehen und die Herrschaft des Kapitals selbst in Frage stellen. Deswegen erschaffen diese Regierungen einen Apparat, um die Massen zu kontrollieren: \u201erevolution\u00e4re\u201c Parteien, Gewerkschaften, Bauernverb\u00e4nde und viele andere Organisationen, alle sorgf\u00e4ltig gelenkt durch den Staat.<\/p>\n<p>Viele L\u00e4nder Lateinamerikas haben Regierungen dieses Typs mit jeweiligen nationalen Eigenheiten erlebt. Beispiele beinhalten, neben C\u00e1rdenas in Mexiko, Juan Per\u00f3n in Argentinien, Juan Velasco Alvarado in Peru, Juan Jos\u00e9 Torres in Bolivien und Daniel Ortega in Nicaragua. Nur in einem einzigen Fall f\u00fchrte der Sieg einer solchen Partei zur Abschaffung des Kapitalismus: In Kuba war 1959 die b\u00fcrgerlich-nationalistische\u00a0<em>Bewegung des 26. Juli\u00a0<\/em>(M-26-J) von Fidel Castro aufgrund der unaufh\u00f6rlichen Angriffe des US-Imperialismus\u00a0<a href=\"https:\/\/www.leftvoice.org\/castro-the-cuban-revolution-and-the-permanent-revolution\"><strong>gezwungen, die Kapitalisten zu enteignen<\/strong><\/a>\u00a0und eine stalinistische Partei zu gr\u00fcnden.<\/p>\n<p><strong>Die Frage der Partei<\/strong><\/p>\n<p>Trotzkis Programm f\u00fcr die sozialistische Revolution in Lateinamerika ist um die Unabh\u00e4ngigkeit der Arbeiter:innenklasse aufgebaut. Angesichts der Schw\u00e4che und Feigheit der nationalen Bourgeoisie ist die Arbeiter:innenklasse die einzige Kraft, die den Kampf gegen den Imperialismus zum Sieg f\u00fchren kann. Deswegen stellte sich Trotzki gegen die Versuche linksbonarpartistischer Regierungen, Kontrolle \u00fcber die Organisationen der Arbeiter:innenklasse zu erlangen. Stattdessen sollten die Arbeiter:innen zwar einzelne fortschrittliche Ma\u00dfnahmen, wie die Verstaatlichung des mexikanischen \u00d6ls, unterst\u00fctzen, aber sich gleichzeitig als unabh\u00e4ngige politische Kraft organisieren, um f\u00fcr ihr eigenes Programm zu k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>C\u00e1rdenas konsolidierte die\u00a0<em>Partido de la Revoluci\u00f3n Mexicana<\/em>\u00a0(\u201ePartei der mexikanischen Revolution\u201c, PRM), sp\u00e4ter umorganisiert als\u00a0<em>Partido Revolucionario Institucional\u00a0<\/em>(\u201eInstitutionalisierte Revolutionspartei\u201c, PRI), um die Massenbewegungen zu kontrollieren. Das ist der\u00a0<em>Partido Socialista Unido de Venezuela<\/em>\u00a0(Vereinigten Sozialistischen Partei Venezuelas, PSUV) von Ch\u00e1vez bemerkenswert \u00e4hnlich. Ch\u00e1vez\u00a0<a href=\"https:\/\/www.aporrea.org\/imprime\/a29730.html\"><strong>rief die<\/strong><\/a>\u00a0\u201eArbeiter:innen, Hausfrauen, die Fachleute, die Techniker:innen, die nationalistischen Gesch\u00e4ftsleute\u201c auf, \u201eein einheitliches politisches Instrument zu erschaffen.\u201c Tats\u00e4chlich schlie\u00dft die neue PSUV sogar \u201e<a href=\"https:\/\/de.indymedia.org\/2008\/04\/213694.shtml\"><strong>sozialistische Gesch\u00e4ftsleute<\/strong><\/a>\u201c ein, die f\u00fcr den Sozialismus von Ch\u00e1vez eintraten. Diese Kapitalist:innen jubelten Ch\u00e1vez zu, als er ank\u00fcndigte, er w\u00fcrde Betriebe \u201everstaatlichen\u201c und die fr\u00fcheren Besitzer:innen \u00fcber dem Marktwert entsch\u00e4digen.<\/p>\n<p>Die PSUV verk\u00f6rpert, nach einer von Trotzki entwickelten Kategorie, eine \u201eVolksfront in Form einer Partei\u201c. Es ist der Versuch, die Arbeiter:innenklasse an den liberalen Fl\u00fcgel der Bourgeoisie zu binden. Und Trotzki, der konsequent gegen diese Form der Klassenkollaboration k\u00e4mpfte,\u00a0<a href=\"https:\/\/sites.google.com\/site\/sozialistischeklassiker2punkt0\/leon-trotsky\/1938\/leon-trotsky-latin-american-problems-a-transcript\"><strong>machte deutlich<\/strong><\/a>: \u201eNat\u00fcrlich k\u00f6nnen wir nicht in eine solche Partei eintreten.\u201c Er erlaubte lediglich \u201ein ihr einen Keim (zu) schaffen, um die Arbeiter:innen zu gewinnen und sie von der Bourgeoisie zu trennen.\u201c Deswegen ist es schmerzhaft ironisch, dass viele Sozialist:innen, die ihr Erbe zu Leo Trotzki zur\u00fcck verfolgen, Ch\u00e1vez Partei Unterst\u00fctzung angeboten haben.<\/p>\n<p><strong>F\u00fcr eine sozialistische L\u00f6sung der Krise<\/strong><\/p>\n<p>Um es zusammenzufassen, die Ch\u00e1vez-Regierung war nie mehr als eine schwache Form des \u201eBonapartismus sui generis\u201c in Lateinamerika. L\u00e1zaro C\u00e1rdenas, der nie behauptete, ein Sozialist zu sein, verstaatlichte die \u00d6lindustrie Mexikos gegen den Druck des US-amerikanischen und britischen Imperialismus. Ch\u00e1vez versuchte nie etwas so Gewagtes. Seine Regierungsprogramme verwendeten Einnahmen aus den \u00d6lexporten f\u00fcr Wohlt\u00e4tigkeiten gegen\u00fcben\u00fcber den Massen. In dem Moment, als der \u00d6lpreis abst\u00fcrzte, war das komplette Projekt dem Untergang geweiht.<\/p>\n<p>Worin er deutlich mehr Erfolg hatte, war die venezolanischen Massenbewegungen, die einst mit den\u00a0<em>caracazo<\/em>\u00a0die Grundfesten des Kapitalismus ersch\u00fcttert hatten, zu vereinnahmen und sie dem b\u00fcrgerlichen Staat zu unterwerfen. Nun, im Angesicht der Krise, sind sie mit einem gest\u00e4rkten Milit\u00e4r- und Repressionsapparat konfrontiert. Als Ergebnis waren Millionen gezwungen, aus dem Land zu fliehen, w\u00e4hrend die neue \u201eBolibourgeoisie\u201c, die \u201eroten Million\u00e4r:innen\u201c, die unter Ch\u00e1vez reich wurden, offen ihren Reichtum zur Schau stellen.<\/p>\n<p>Ein Teil von Ch\u00e1vez politischer Schw\u00e4che ist, dass er sich im Gegensatz zu C\u00e1rdenas nicht mal zu Teilen auf die organisierte Arbeiter:innenbewegung in Venezuela st\u00fctzte, sondern auf die armen Massen. Die Arbeiter:innenbewegung wurde unter Chavez Regierung immer mehr unter staatliche Kontrolle gebracht. Abwegigerweise zitierte Ch\u00e1vez Rosa Luxemburg an diesem Punkt: W\u00e4hrend sie vertrat, dass eine Gewerkschaft nicht unabh\u00e4ngig von einer revolution\u00e4ren sozialistischen Partei sein sollte, wollte Ch\u00e1vez, dass die Gewerkschaften sich seiner Regierung unterordneten!<\/p>\n<p>Der Kampf f\u00fcr eine sozialistische L\u00f6sung der Krise in Venezuela erfordert eine unabh\u00e4ngige Organisierung der Arbeiter:innen \u2013 sowohl von den Ch\u00e1vez\/Maduro Regierungen, als auch von der pro-imperialistischen Opposition. Sozialist:innen, die Arbeiter:innen dazu aufrufen, sich zusammen mit mit dem Staatsapparat und den \u201enationalistischen Gesch\u00e4ftsleuten\u201c zu organisieren treiben nicht die \u201eBolivarische Revolution\u201c voran \u2013 sie st\u00e4rken den b\u00fcrgerlichen Staatsapparat und halten die Arbeiter:innen zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Als Marxist:innen in den USA ist unsere Hauptaufgabe, uns der kriminellen Politik des US-Imperialismus entgegen zu stellen. Aber wir tun dies, ohne eine bonapartistische Regierung zu unterst\u00fctzen \u2013 weder den dynamischen Bonapartismus von Ch\u00e1vez, noch den verrottenden Bonapartismus von Maduro. Wir unterst\u00fctzen aufrichtige Schritte gegen den Imperialismus \u2013 auch wenn es im Fall von Ch\u00e1vez sehr kleine Schritte waren.<\/p>\n<p>Sich mit den pro-imperialistischen Gegner:innen solcher Regime im Namen des Kampfes f\u00fcr \u201eDemokratie\u201c oder gegen \u201eAutoritarismus\u201c gemein zu machen, ohne die konkreten Klassenkr\u00e4fte in jedem Lager zu betrachten, w\u00e4re aber auch ein kolossaler Fehler. Revolution\u00e4r:innen standen an vorderster Front im Kampf gegen den Putschversuch gegen Ch\u00e1vez im Jahr 2002 und auch in anderen K\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re allerdings falsch, irgendeine Form politischer Unterst\u00fctzung auf eine b\u00fcrgerliche, bonapartistische Regierung auszuweiten. Eine solche Regierung aufzufordern, den Sozialismus voranzutreiben, ist nur m\u00f6glich, wenn die Rolle und die Grenzen eines solchen Projekts grundlegend verstanden wurden. Und nur wenn die Arbeiter:innenklasse ein klares Verst\u00e4ndnis des Staates hat, dem sie gegen\u00fcbersteht, wird sie in der Lage sein, diesen Staat zu st\u00fcrzen und den Sozialismus aufzubauen.<\/p>\n<p>In Venezuela Schritte in Richtung Sozialismus zu unternehmen bedeutet, dass die Arbeiter:innenklasse eine unabh\u00e4ngige Rolle spielen muss. Es bedeutet, sich unabh\u00e4ngig von der Maduro-Regierung und der PSUV zu organisieren und gegen die staatliche Kontrolle der Gewerkschaften zu k\u00e4mpfen. In Venezuela, wie \u00fcberall auf der Welt, k\u00e4mpfen die Revolution\u00e4re vor allem f\u00fcr die politische Unabh\u00e4ngigkeit der Arbeiter:innenklasse.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/gab-es-eine-sozialistische-revolution-in-venezuela-chavez-vs-trotzki\/\"><em>klassegegenklasse.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 7.November 2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nathaniel Flakin. Zwei Jahrzehnte nach Hugo Ch\u00e1vez\u2018 Wahlsieg liegt Venezuela in Scherben. Ist der \u201eSozialismus\u201c gescheitert? 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