{"id":10355,"date":"2021-11-07T18:42:51","date_gmt":"2021-11-07T16:42:51","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10355"},"modified":"2021-11-07T18:44:56","modified_gmt":"2021-11-07T16:44:56","slug":"strategie-und-revolution-linke-debatten-fuer-das-21-jahrhundert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10355","title":{"rendered":"Strategie und Revolution: Linke Debatten f\u00fcr das 21. Jahrhundert"},"content":{"rendered":"<p><em>Diego Lotito.<\/em> <strong>Wie wird der Kapitalismus \u00fcberwunden? Eine Debatte \u00fcber das j\u00fcngste Buch von Erik Olin Wright,\u00a0<em>How to be An Anti-Capitalist in the 21st Century<\/em>.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Zum 90. Jahrestag der Russischen Revolution im Jahr 2007 hielt Emilio Albamonte, ein f\u00fchrender Genosse der argentinischen PTS (Partei der Sozialistischen Arbeiter:innen), bei der argentinischen PTS einen Vortrag in Buenos Aires. Sein Ziel war es, die verschiedenen alternativen Strategien zur \u00dcberwindung des Kapitalismus zu diskutieren. Albamonte begann damit, dass es f\u00fcr ein Verst\u00e4ndnis der geschichtlichen Wirklichkeit von Revolution notwendig ist, eine Debatte \u00fcber die Strategien zu f\u00fchren, welche heute f\u00fcr die Arbeiter:innenklasse und die ausgebeuteten Massen notwendig sind, um der Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung in der Welt ein Ende zu setzen; dies nat\u00fcrlich neben den historischen Debatten, die sehr wichtig sind, weil wir zeigen m\u00fcssen, dass die B\u00fcrokratisierung der Sowjetunion kein unvermeidlicher Prozess war und dass der Stalinismus nicht das automatische Ergebnis des Bolschewismus war.<\/p>\n<p>Seitdem hat die FT (Trotzkistische Fraktion, internationale Str\u00f6mung der PTS, der in Deutschland RIO als Herausgeberin von\u00a0<em>Klasse gegen Klasse<\/em>\u00a0angeh\u00f6rt) ihre \u00dcberlegungen zu Fragen der Strategie stark vertieft, insbesondere mit der Ver\u00f6ffentlichung des Buches\u00a0<em>Estrategia Socialista y Arte Militar<\/em>\u00a0(Sozialistische Strategie und Milit\u00e4rkunst) von Emilio Albamonte und Mat\u00edas Maiello. Ausgehend von diesen theoretischen Entwicklungen und als Kontrapunkt zu den Ideen von Erik Olin Wright in seinem neuesten Buch\u00a0<em>How to be An Anti-Capitalist in the 21st Century?\u00a0<\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/strategie-und-revolution-linke-debatten-fuer-das-21-jahrhundert\/#f1\"><strong><sup>1<\/sup><\/strong><\/a>\u00a0schlagen wir vor, eine Debatte dar\u00fcber zu f\u00fchren, welche Strategie wir brauchen, um den Kapitalismus zu \u00fcberwinden.<\/p>\n<p><strong>Warum Strategie studieren und diskutieren?<\/strong><\/p>\n<p>Der Begriff der Strategie kommt aus dem milit\u00e4rischen Denken, ebenso wie der Begriff der Taktik. Nach konventionellem milit\u00e4rischem Denken ist die Strategie der Plan f\u00fcr die Durchf\u00fchrung einer milit\u00e4rischen Kampagne und die Taktik der Plan f\u00fcr die Durchf\u00fchrung einer Schlacht. Eine Kampagne setzt sich aus mehreren Schlachten zusammen, die Schlachten sind Taktiken im Hinblick auf die milit\u00e4rische Kampagne.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/trotzki\/1924\/lehren\/einleit.htm\"><strong>Leo Trotzki erkl\u00e4rte<\/strong><\/a>, dass Taktik \u00abdie Kunst [ist], isolierte Operationen zu f\u00fchren\u00bb, w\u00e4hrend die Strategie diese mit dem politischen Ziel verbindet. Clausewitz war der erste, der den Begriff der Strategie in diesem Sinne verwendete. Vor Clausewitz war Strategie in der Milit\u00e4rwissenschaft das, was ausserhalb der Sichtweite des Feindes getan wurde; dieses Konzept wurde jedoch in der Praxis nicht verwendet. Trotzki war zusammen mit Lenin und der Dritten Internationale einer der ersten, der das Konzept der Strategie nutzte, um \u00fcber die Schlussfolgerungen der Russischen Revolution und die Aufgaben der Kommunist:innen im 20. Jahrhundert nachzudenken.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.marxists.org\/deutsch\/archiv\/trotzki\/1924\/lehren\/einleit.htm\"><strong>F\u00fcr Trotzki<\/strong><\/a>\u00a0war Strategie \u00abdie Kunst zu siegen, das heisst: die Kunst der Eroberung der Macht\u00bb. Ihm ging es darum, alle Elemente zu kombinieren, um die F\u00fchrung zu erobern, um zu gewinnen. Wir Revolution\u00e4r:innen beteiligen uns nicht einfach so an den Gewerkschaften, an der Studierendenbewegung, an der Organisation der prek\u00e4ren Jugend, an den Wahlen; auch nicht nur, um revolution\u00e4re Fl\u00fcgel in den Gewerkschaften oder den Bewegungen aufzubauen. Wir beteiligen uns dort, um Kr\u00e4fte zu sammeln, die es uns erlauben, alle Kr\u00e4fte im richtigen Moment zu vereinen, um sie gegen die herrschende Klasse zu wenden, ihren Willen zu brechen und den Willen der Ausgebeuteten durchzusetzen. Das ist Strategie, alles andere ist Taktik und abh\u00e4ngig von der Strategie.<\/p>\n<p>Deshalb warnt Trotzki vor der Gefahr, sich in der Taktik zu verlieren, sich in isolierten K\u00e4mpfen zu verlieren, ohne die Beziehung zwischen ihnen und der Strategie insgesamt f\u00fcr das revolution\u00e4re Programm, das heisst, f\u00fcr die Eroberung der Macht durch die Arbeiter:innenklasse herzustellen. Wenn wir uns die Frage nach der Strategie stellen, dann fragen wir uns, wie wir die Ergebnisse jeder Schlacht mit dem Kampf um die Eroberung der Macht verbinden k\u00f6nnen, so dass sie nicht ein Selbstzweck sind, der uns unser Ziel aus den Augen verlieren l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Warum also heute \u00fcber Strategie diskutieren? Heute \u00fcberwiegt die Auffassung, dass die revolution\u00e4re Strategie \u2013 das heisst die Strategie, die aus der Russischen Revolution hervorgegangen ist \u2013 etwas Anachronistisches, Altmodisches ist.<\/p>\n<p>Das ist in erster Linie so, weil wir aus einer langen Periode seit dem Fall der Berliner Mauer kommen, in der wir keine klassischen proletarischen Revolutionen gesehen haben, geschweige denn siegreiche Revolutionen. Obwohl es in der letzten Periode wichtige Revolten und Aufst\u00e4nde in verschiedenen Teilen der Welt gab (ich werde sp\u00e4ter darauf zur\u00fcckkommen), waren die letzten grossen \u00abklassischen\u00bb Revolutionen \u2013 die besiegt wurden \u2013 diejenigen, die in den<em>\u00a0cordones industriales\u00a0<\/em>in Chile 1970-73 gipfelten; die bolivianische Revolution von 1971; die grosse portugiesische Revolution von 1974. Daneben gab es andere Revolutionen, die nicht \u00abklassisch\u00bb waren, wie die nicaraguanische, die salvadorianische oder die iranische Revolution, die Ende der siebziger Jahre ausbrachen. Hinzu kommt noch der umgelenkte Versuch einer politischen Revolution gegen die stalinistische B\u00fcrokratie 1981 in Polen.<\/p>\n<p>Der zweite Grund liegt darin, dass \u2013 zusammen mit der arbeiter:innenfeindlichen Offensive der \u00abneoliberalen Etappe\u00bb \u2013 das strategische Erbe des revolution\u00e4ren Marxismus verloren ging. Daniel Bensa\u00efd, historischer Anf\u00fchrer der von Ernest Mandel gegr\u00fcndeten trotzkistischen Str\u00f6mung, der vor einigen Jahren verstorben ist, wies darauf hin, dass Trotzkis Erbe ein \u00abErbe ohne Gebrauchsanleitung\u00bb sei.<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/strategie-und-revolution-linke-debatten-fuer-das-21-jahrhundert\/#f2\"><strong><sup>2<\/sup><\/strong><\/a>\u00a0Damit bezog sich Bensa\u00efd nicht auf die notwendige Wiederbelebung dieses Erbes durch diejenigen von uns, die es sich unter neuen Bedingungen aneignen. Sondern er meint, der eigentliche Nutzen von Trotzkis Erbe sei in unserer Zeit fragw\u00fcrdig und in vielerlei Hinsicht obsolet geworden.<\/p>\n<p>Genau auf der Grundlage dieser Schlussfolgerung begleitete Bensa\u00efd seine Str\u00f6mung, die Revolution\u00e4r-Kommunistische Liga Frankreichs (LCR) und das Vereinigte Sekretariat, dabei, den Kampf f\u00fcr die Diktatur des Proletariats aufzugeben. Gleichzeitig nutzte er die \u00dcberlegungen zur Taktik der Arbeiter:innenregierung der Dritten Internationale, um den Amtsantritt von Miguel Rosetto von\u00a0<em>Democracia Socialista<\/em>\u00a0als Minister f\u00fcr landwirtschaftliche Entwicklung der b\u00fcrgerlichen Regierung Lulas in Brasilien ab 2003 zu rechtfertigen. Und in j\u00fcngerer Zeit gr\u00fcndete die Gruppe\u00a0<em>Anticapitalistas<\/em>\u00a0im Spanischen Staat auf der gleichen Grundlage Podemos, die schliesslich eine gemeinsame Regierung mit der PSOE (Spanische Sozialistische Arbeiterpartei) einging. Die F\u00fchrung der NPA (Neue Antikapitalistische Partei, Frankreich) rechtfertigt heute ihr B\u00fcndnis mit M\u00e9lenchon in den franz\u00f6sischen Regionalwahlen und\u00a0<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/frankreich-fast-300-von-der-npa-ausgeschlossene-aktivistinnen-rufen-zum-aufbau-einer-neuen-revolutionaeren-organisation-auf\/\"><strong>den Ausschluss unserer Genoss:innen aus der CCR<\/strong><\/a>\u00a0(Sektion der FT in Frankreich). Wir glauben im Gegenteil, dass Trotzkis Denken eine \u00abGebrauchsanleitung\u00bb enth\u00e4lt und dass diese in der Strategie enthalten ist. Es geht darum, den revolution\u00e4ren Marxismus auf der Grundlage dieses strategischen Denkens wiederzubeleben.<\/p>\n<p>Die grundlegende Bedingung daf\u00fcr, dass eine \u00abklassische\u00bb Revolution stattfinden kann, wie es zum Beispiel die Russische Revolution oder die Spanische Revolution waren, ist die imperialistische Epoche, das heisst die Epoche der Krise, der Kriege und der Revolutionen, wie die Marxist:innen der Dritten Internationale sie nannten. Es gibt Marxist:innen, die skeptisch sind, dass wir noch in einer imperialistischen Epoche leben. Kurz gesagt besagt die Kategorie des Imperialismus, dass die Welt immer noch zwischen unterdr\u00fcckenden L\u00e4ndern und einer Mehrheit unterdr\u00fcckter L\u00e4nder aufgeteilt ist und dass die Konkurrenz der m\u00e4chtigsten kapitalistischen L\u00e4nder der Welt und ihres Finanzkapitals um die Auspl\u00fcnderung des Rests der Welt die Grundlage der Rivalit\u00e4t zwischen den Staaten ist. F\u00fcr uns ist die Aktualit\u00e4t dieser Epoche voll g\u00fcltig.<\/p>\n<p>Wenn das so ist, ist die Perspektive der Entstehung neuer revolution\u00e4rer Prozesse in die Dynamik des Klassenkampfes des 21. Jahrhunderts eingeschrieben. Deshalb wollen wir zum Studium der Strategie auf der Grundlage der grossen revolution\u00e4ren Erfahrungen des 20. Jahrhunderts zur\u00fcckkehren, um \u00fcber das 21. Jahrhundert nachzudenken.<\/p>\n<p><strong>Strategien des Kampfes gegen den Kapitalismus<\/strong><\/p>\n<p>Erik Olin Wright, ein brillanter analytischer Marxist, schrieb 2019 ein Buch mit dem Titel\u00a0<em>How to be An Anti-Capitalist in the 21st Century.<\/em>\u00a0Dies war sein letztes Werk, kurz darauf starb er. Es ist ein interessantes Buch, nicht so sehr wegen der Perspektive, die der Autor verteidigt \u2013 die nicht revolution\u00e4r, sondern reformistisch ist \u2013, sondern weil es eine sehr p\u00e4dagogische Aufstellung der \u00abstrategischen Logiken\u00bb des Kampfes gegen den Kapitalismus anbietet.<\/p>\n<p>In seinem Buch identifiziert Olin Wright f\u00fcnf Strategien: den\u00a0<em>Kapitalismus zerschlagen, den Kapitalismus demontieren, den Kapitalismus z\u00e4hmen, dem Kapitalismus widerstehen und dem Kapitalismus entfliehen<\/em><strong>.\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Die Strategie der\u00a0<em>Zerschlagung des Kapitalismus<\/em>\u00a0entspricht der klassischen Strategie des revolution\u00e4ren Marxismus. Sie beinhaltet die Auffassung, dass der Kapitalismus unreformierbar ist und durch eine gewaltsame soziale Revolution beendet werden muss, die die politische Macht erobert, den b\u00fcrgerlichen Staat zerschl\u00e4gt und eine andere Art Staat aufbaut, einen \u00dcbergangsstaat zum Kommunismus.<\/p>\n<p>Die Strategie der\u00a0<em>Demontage des Kapitalismus<\/em>\u00a0ist das, was wir mit der Strategie der klassischen Sozialdemokratie identifizieren k\u00f6nnten, das heisst, ein friedlicher \u00dcbergang zum Sozialismus durch staatlich gef\u00fchrte Reformen (mit parlamentarischen Mitteln), die schrittweise Elemente einer sozialistischen Alternative zum Kapitalismus einf\u00fchren.<\/p>\n<p>Bei der Strategie der\u00a0<em>Z\u00e4hmung des Kapitalismus<\/em>\u00a0geht es nicht um die \u00dcberwindung des Kapitalismus, sondern um die Schaffung von Institutionen innerhalb des kapitalistischen Staates, um dessen Ausw\u00fcchse zu kontrollieren. So etwas wie ein \u00abMedikament zur Behandlung der Symptome, nicht der Ursachen der Krankheit\u00bb. Olin Wright identifiziert sie mit dem Sozialliberalismus der zweiten H\u00e4lfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Von unserem Standpunkt aus steht diese Logik in Verbindung mit der Strategie des Neo-Reformismus.<\/p>\n<p>Der\u00a0<em>Widerstand gegen den Kapitalismus<\/em>\u00a0ist f\u00fcr Olin Wright eine weitere strategische Logik, die den antikapitalistischen Kampf von ausserhalb des Staates zusammenf\u00fchrt. W\u00e4hrend die Z\u00e4hmung des Kapitalismus darauf hofft, die Sch\u00e4den des Systems zu neutralisieren, und die Demontage darauf abzielt, die Staatsmacht gegen den Kapitalismus zu richten, zielt der Widerstand gegen den Kapitalismus darauf ab, den Staat zu beeinflussen oder staatliche Aktionen zu blockieren \u2013 aber nicht darauf, die Staatsmacht auszu\u00fcben. Es ist die Strategie, die John Holloway mit dem Ausdruck beschreibt, \u00abdie Welt ver\u00e4ndern, ohne die Macht zu \u00fcbernehmen.\u00bb<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/strategie-und-revolution-linke-debatten-fuer-das-21-jahrhundert\/#f3\"><strong><sup>3<\/sup><\/strong><\/a>\u00a0Sie ist typisch f\u00fcr den Aktivismus der sozialen Bewegungen (Umwelt-, Identit\u00e4ts-, Wohnungs-, Konsumbewegung und so weiter) oder das,\u00a0<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/welche-partei-fuer-welche-strategie\/\"><strong>was wir, Bensa\u00efd zitierend<\/strong><\/a>, als \u00abIllusion des Sozialen\u00bb bezeichnet haben.<\/p>\n<p>Schliesslich ist die Strategie der\u00a0<em>Flucht vor dem Kapitalismus<\/em>\u00a0seiner Meinung nach eine der \u00e4ltesten Strategien gegen die Verw\u00fcstungen des Systems. Es ist eine Strategie, die von den utopischen Gemeinschaften des 19. Jahrhunderts bis zu den Genossenschaftsbewegungen und den selbstverwalteten R\u00e4umen reicht. Sie glaubt, dass die beste Alternative darin besteht, sich von den sch\u00e4dlichen Auswirkungen des Kapitalismus zu isolieren. Heute, so Olin Wright, ist diese Strategie eminent individualistisch und anti-politisch.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen klarstellen, dass f\u00fcr Olin Wright die revolution\u00e4re Strategie f\u00fcr das 21. Jahrhundert nicht mehr angemessen ist, weil seiner Meinung nach jeder einseitige Bruch mit dem kapitalistischen System Gewalt und Repression nach sich zieht. Tats\u00e4chlich endet er damit, die Erfahrungen von Podemos, Syriza, Bernie Sanders und Jeremy Corbyn zu rechtfertigen und ihnen eine antikapitalistische Perspektive zuzuschreiben, die sie eindeutig nicht haben, um dann das zu verteidigen, was er eine\u00a0<em>Strategie der Erosion des Kapitalismus<\/em>\u00a0nennt. Aber unabh\u00e4ngig davon ist es interessant, sich dieser Debatte aus Wrights Sicht zu n\u00e4hern.<\/p>\n<p>Die oben diskutierten f\u00fcnf strategischen Logiken unterscheiden sich im Wesentlichen durch ihre Zielsetzungen. Einige zielen darauf ab, den Kapitalismus zu \u00fcberwinden, andere nur, den von ihm angerichteten Schaden zu neutralisieren oder zu minimieren. F\u00fcr Olin Wright sind sowohl die Z\u00e4hmung als auch der Widerstand gegen den Kapitalismus keine tats\u00e4chlichen antikapitalistischen Strategien. W\u00e4hrend Zerschlagung, Demontage oder Flucht vor dem Kapitalismus strategische Ans\u00e4tze w\u00e4ren, die darauf abzielen, die Strukturen des Kapitalismus zu \u00fcberwinden.<\/p>\n<p>Es ist klar, dass die Strategie der Z\u00e4hmung des Kapitalismus nichts Antikapitalistisches an sich hat. Um dies zu verdeutlichen, m\u00f6chte ich ein Beispiel anf\u00fchren, das meiner Meinung nach sehr anschaulich ist. Als Syriza 2015 in Griechenland an die Regierung kam, pr\u00e4sentierte sie sich als Partei der Reformen des Kapitalismus, die sich den Anpassungspl\u00e4nen der sogenannten Troika aus IWF (Internationaler W\u00e4hrungsfonds), Europ\u00e4ischer Kommission und Europ\u00e4ischer Zentralbank entgegenstellte. Als Syriza jedoch an die Macht kam, verwandelte sich die Partei in eine Umsetzerin der gleichen Anpassungen (Gegen-Reformen, Anm. d. \u00dc.), die sie angeblich abgelehnt hatte. Daraufhin wurde der Anf\u00fchrer von Podemos im Spanischen Staat, Pablo Iglesias, gefragt, ob Syriza \u00abharte\u00bb Massnahmen gegen die Troika h\u00e4tte ergreifen sollen, anstatt am Ende die Anpassungen umzusetzen, die sie theoretisch bek\u00e4mpfen wollte. Iglesias entgegnete:\u00a0\u00ab<em>Das Problem ist, dass immer noch gezeigt werden muss, dass jemand aus einem Staat heraus eine solche Herausforderung aufstellen kann (\u2026) Wenn wir etwas Hartes tun, wenn wir regieren, hast du pl\u00f6tzlich einen guten Teil der Armee, des Polizeiapparats, alle Medien und alles gegen dich, absolut alles.\u00bb<\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/strategie-und-revolution-linke-debatten-fuer-das-21-jahrhundert\/#f4\"><strong><sup>4<\/sup><\/strong><\/a><\/p>\n<p>Diese \u00dcberlegung ist interessant, weil sie,\u00a0<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/ermattung-oder-kampf-zwei-entgegengesetzte-strategien\/\"><strong>wie Mat\u00edas Maiello sagt<\/strong><\/a>, klar zwei Wege markiert, die die Strategie zu w\u00e4hlen hat: k\u00e4mpfen oder nicht k\u00e4mpfen? Man kann einen ersten Weg w\u00e4hlen, der darin besteht, sich an den Rahmen der Institutionen zu halten und innerhalb der vom Kapitalismus auferlegten Grenzen zu handeln, auch wenn er mit einem \u00ablinken\u00bb Diskurs kombiniert wird, wie es Syriza und Podemos taten. Oder ein zweiter Weg: \u00fcber die Grenzen der Institutionen hinauszugehen, die kapitalistischen Interessen anzugreifen und den b\u00fcrgerlichen Staat zu konfrontieren, wof\u00fcr man sich in der Tat auf die Konfrontation mit einer ganzen Reihe von materiellen Kr\u00e4ften vorbereiten muss, die reagieren werden. Die Alternative ist dann entweder die Konfrontation oder die Unterwerfung unter das Diktat des Kapitals. Es gibt keinen Raum f\u00fcr Zwischenwege. Und wenn wir uns entscheiden zu k\u00e4mpfen, dann beginnen die Probleme der Strategie.<\/p>\n<p>Deshalb wollen wir hier, dem Schema von Olin Wright folgend, vor allem die Strategie diskutieren, die auf die Zerschlagung des Kapitalismus abzielt. Im 20. Jahrhundert gab es grosse Revolutionen, die zwei grosse alternative Strategien hervorbrachten: Auf der einen Seite brachte die Russische Revolution die\u00a0<em>Strategie des aufst\u00e4ndischen Generalstreiks<\/em>\u00a0hervor, die die klassische Strategie des revolution\u00e4ren Marxismus ist, der Machteroberung durch die Arbeiter:innenklasse und der Diktatur des Proletariats; auf der anderen Seite brachte die Chinesische Revolution eine andere Strategie hervor, die des\u00a0<em>langwierigen Kriegs\u00a0<\/em>oder\u00a0<em>verl\u00e4ngerten Volkskriegs<\/em>, die wiederum ihren Ausdruck in der Analyse der Kubanischen Revolution fand und die Substrategie der \u00abFokustheorie\u00bb hervorbrachte.<\/p>\n<p>Wir werden uns auch mit dem auseinandersetzen, was Olin Wright die Strategie der Demontage des Kapitalismus nennt, die streng genommen eine in eine Strategie umgewandelte Taktik ist. Sie besteht darin, die Teilnahme an gewerkschaftlichen K\u00e4mpfen und parlamentarischer Aktivit\u00e4t zum Schwerpunkt der politischen Aktion zu machen, um Positionen im kapitalistischen Staat zu erobern und so auf friedlichem Wege zum Sozialismus vorzudringen; Karl Kautsky nannte diese Summe von Taktiken in der Diskussion mit Rosa Luxemburg<em>\u00a0\u00abStrategie der Ermattung\u00bb.<\/em><\/p>\n<p>Und schliesslich gibt es noch zwei weitere Strategien \u2013 oder eine, die wir in zwei teilen k\u00f6nnen \u2013, mit denen wir polemisieren werden. Sie entsprechen zum Teil dem, was Olin Wright die Strategie der Flucht vor dem Kapitalismus nennt. Auf der einen Seite die\u00a0<em>autonomistische Strategie<\/em>, die davon ausgeht, dass der Schl\u00fcssel die Aktion der sozialen Bewegung ist, getrennt von jeder Diskussion \u00fcber Macht, weil Macht eine Trennung zwischen den F\u00fchrenden und den Gef\u00fchrten schaffe, die unweigerlich zu B\u00fcrokratie f\u00fchre. Die andere Strategie, die damit zusammenh\u00e4ngt, aber nicht dieselbe ist, ist der\u00a0<em>Anarchismus<\/em><strong>.<\/strong>\u00a0Der Anarchismus vertritt die Auffassung, dass es nicht notwendig ist, sich an Parlamenten zu beteiligen, und dass der Schl\u00fcssel nicht darin liegt, einen vor\u00fcbergehenden Arbeiter:innenstaat aufzubauen, wenn die Macht ergriffen wird, sondern den Staat sofort abzuschaffen.<\/p>\n<p><strong>Die G\u00fcltigkeit und Aktualit\u00e4t der bolschewistischen Strategie<\/strong><\/p>\n<p>Wie wir bereits sagten, ergeben sich aus den grossen revolution\u00e4ren Erfahrungen des 20. Jahrhunderts zwei grosse Strategien: die des aufst\u00e4ndischen Generalstreiks und die des langwierigen Volkskriegs, auf den wir weiter unten noch n\u00e4her eingehen werden. Die strategische Perspektive, die wir in der CRT (Sektion der FT im Spanischen Staat) und in der FT vertreten, ist erstere, die wir als die\u00a0<em>bolschewistische Strategie<\/em>\u00a0zusammenfassen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Was sind die zentralen Punkte der bolschewistischen Strategie? Zun\u00e4chst einmal die\u00a0<em>Rolle der Arbeiter:innenklasse<\/em>. F\u00fcr die Bolschewiki war das gesellschaftliche Subjekt, das die Revolution anf\u00fchren kann, das Proletariat. Und was ist das Proletariat? Das sind all die Menschen, die einen Lohn erhalten, von dem sie leben m\u00fcssen, der aber nicht ausreicht, um Kapital anzusammeln. F\u00fcr uns wie f\u00fcr die Bolschewiki sind die Lohnarbeiter:innen das potentielle gesellschaftliche Subjekt der Revolution, denn sie sind an kein Eigentum gebunden und haben kein anderes Bestreben, als sich \u00abvon ihren Ketten zu befreien\u00bb, wie Marx sagen w\u00fcrde. Aber mit ihrem Kampf k\u00f6nnen sie einen Ausweg bieten; sie k\u00f6nnen, wie Trotzki sagte, die Gesamtheit der ausgebeuteten und unterdr\u00fcckten Sektoren der ruinierten Mittelschichten und der verarmten Sektoren des Volkes anf\u00fchren.<\/p>\n<p>Nun brauchte man vom strategischen Standpunkt aus, also vom Standpunkt der Kunst des Siegens, ein lebenswichtiges Instrument, und das ist der zweite zentrale Punkt der bolschewistischen Strategie:\u00a0<em>die revolution\u00e4re Partei<\/em>. Um den autokratischen russischen Staat zu st\u00fcrzen und im Kampf um die politische Macht zu triumphieren, war eine demokratisch zentralisierte revolution\u00e4re Partei notwendig. Diese Partei soll nicht nur gegen die Bourgeoisie k\u00e4mpfen, sondern auch gegen die verr\u00e4terischen F\u00fchrungen der Massenbewegung und gegen die Organisationen, die zwischen Reform und Revolution schwanken, die wir Marxist:innen \u00abzentristisch\u00bb nennen.<\/p>\n<p>Die revolution\u00e4re Partei ist eine Partei, die nicht an einem Tag geschmiedet werden kann, sondern in einem langen Prozess der theoretisch-politischen Bildung, der Organisierung und der Erfahrung des Klassenkampfes \u2013 auch wenn im russischen Fall diese Erfahrung sehr schnell ging. Lenin sagte, dass der Bolschewismus zwischen 1903 und 1917 eine 15-j\u00e4hrige praktische Geschichte durchlief, die in der Welt an Erfahrungsreichtum im Klassenkampf nicht zu \u00fcbertreffen war. Das heisst, dass eine marxistische Partei nicht nur im Studium, sondern in einer immensen Vielfalt von Kampfformen aufgebaut wird. Und gerade als Teil dieses Kampfes verwandelt sich die Arbeiter:innenklasse, oder besser gesagt ihre am meisten bewussten Sektoren, in ein politisches Subjekt.<\/p>\n<p>Die CRT ist immer noch eine kleine Propagandagruppe, aber eine revolution\u00e4re Partei aufzubauen ist die spannende Herausforderung, die als Revolution\u00e4r:innen vor uns liegt. Und obwohl sich die Situation bisher aufgrund des Gewichts des Neoreformismus und der F\u00e4higkeit des politischen Regimes zur Selbsterhaltung nicht verbessert hat,\u00a0<a href=\"https:\/\/thedocs.worldbank.org\/en\/doc\/bbf71339b16e60a49bcd818fecb5184e-0050022021\/original\/The-Macroeconomic-Impact-of-Social-Unrest.pdf\"><strong>sagt sogar der IWF<\/strong><\/a>\u00a0(Internationale W\u00e4hrungsfonds), dass in den kommenden Jahren Arbeiter:innen- und Massenaufst\u00e4nde zu erwarten sind, als Folge des Leidens der gesellschaftlichen Mehrheiten im Zusammenhang mit der Pandemie und der kapitalistischen Offensive. Das wird der N\u00e4hrboden f\u00fcr neue revolution\u00e4re Prozesse wie die Russische Revolution oder die Spanische Revolution sein. In diese revolution\u00e4ren Prozesse wollen wir schon mit ausgebildeten revolution\u00e4ren Parteien hinein gehen.<\/p>\n<p>Warum ist es in solchen Situationen wichtig, eine Partei zu haben, die im Klassenkampf geschmiedet wurde? Dies ist die dritte Schl\u00fcsselfrage der bolschewistischen Strategie: die Schaffung von\u00a0<em>Organen der Einheitsfront, um die revolution\u00e4ren Massen<\/em>\u00a0<em>im Kampf um die Macht zu vereinen<\/em><strong>.<\/strong>\u00a0Das heisst, Sowjets (russisch f\u00fcr \u00abR\u00e4te\u00bb) oder Arbeiter:innenr\u00e4te, oder Koordinationen, oder auch Fabrikkomitees. Organe, die es erlauben, die revolution\u00e4ren Massen verschiedener politischer Str\u00f6mungen in einer grossen Einheitsfront zu vereinen, um sich auf den Schwachpunkt des Feindes zu konzentrieren und ihm die Macht zu entreissen. Das ist ein zentrales Element unserer Strategie.<\/p>\n<p>Wenn Sowjets entstehen, entsteht eine Doppelmacht. Und was bedeutet das? Wie Emmanuel Barot erkl\u00e4rt:\u00a0<em>\u00abDie \u201aDoppelherrschaft\u2018 bezeichnet einen besonderen Typ von Prozessen und politischen Instrumenten, mit denen die k\u00e4mpfenden Massen ihre unabh\u00e4ngigen Entscheidungsorgane schaffen, die alternativ und antagonistisch zu den bestehenden Institutionen sind, in der Perspektive des Generalstreiks und des Aufstands.\u00bb<\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/strategie-und-revolution-linke-debatten-fuer-das-21-jahrhundert\/#f5\"><strong><sup>5<\/sup><\/strong><\/a>\u00a0Das heisst, sie ist eine alternative Macht zur realen Macht der Kapitalist:innen.<\/p>\n<p>Damit die Sowjets eine wirkliche Macht sein k\u00f6nnen, m\u00fcssen sie sich bewaffnen, sonst sind sie eine Halb-Macht. Deshalb organisieren sich in revolution\u00e4ren Situationen die Sowjets nicht nur, sie bewaffnen sich auch, sie stellen sich den faschistischen Banden entgegen, es entstehen revolution\u00e4re Milizen. Das ist die Grundlage, auf der eine \u00abrevolution\u00e4re Armee\u00bb gebildet werden kann.<\/p>\n<p>Wenn unsere Epoche weiterhin eine Epoche der Krisen, Kriege und Revolutionen ist, wenn die Arbeiterklasse sich auflehnt und neue Krisen und Katastrophen kommen, werden die M\u00f6glichkeiten geschaffen, die \u00abstrategische Konjunktur\u00bb, dass sich die bolschewistische Strategie entfalten kann. Aber um sie zu nutzen, muss vor einer revolution\u00e4ren Situation eine revolution\u00e4re Partei existieren, sie muss dann bereits in den K\u00e4mpfen der Arbeiter:innenklasse geschmiedet worden sein. Wenn es keine ausgebildete Avantgarde von einigen Tausend gibt, die eine Partei von Zehntausenden aufbauen kann, die wiederum Millionen anf\u00fchrt, dann kann es zwar eine Revolution geben, die Revolution wird aber nicht siegreich sein.<\/p>\n<p>Damit kommen wir zu einem vierten zentralen Aspekt der bolschewistischen Strategie: die\u00a0<em>Machteroberung durch den aufst\u00e4ndischen Generalstreik<\/em>. Aber was bedeutet es, die Macht zu erobern? Macht ist keine Substanz, sondern ein soziales Verh\u00e4ltnis. Die Machteroberung bedeutet also, die b\u00fcrgerliche Macht und ihren Staat, also ihre repressive Gewalt, zu zerst\u00f6ren, um eine alternative Macht der Arbeiter:innen, eine neue Art von Staat aufzubauen: einen \u00dcbergangs-Arbeiter:innenstaat. Und warum \u00fcbergangsweise? Die Eroberung der politischen Macht in einem isolierten Staat bedeutet nicht das sofortige Verschwinden der sozialen Klassen. Es ist notwendig, die wirtschaftliche, soziale und kulturelle Entwicklung des Landes zu steigern und gleichzeitig den Widerstand der Bourgeoisie zu brechen. Diesen Prozess nennen wir die \u00abDiktatur des Proletariats\u00bb.<\/p>\n<p>Diktatur des Proletariats, das heisst, die Organisation der Gesellschaft nach den Interessen der Mehrheit anstatt den Interessen einer kleinen parasit\u00e4ren Minderheit aus Grosskapitalist:innen und Bankiers, Unternehmer:innen und Monarch:innen. Es heisst, die Organisation nicht nur der Arbeiter:innenklasse alleine, sondern aller grossen ausgebeuteten Massen, wie der B\u00e4uer:innen und st\u00e4dtischen Armen. Daf\u00fcr ist ein B\u00fcndnis der Arbeiter:innen und der Massen n\u00f6tig, mit dem Ziel, die permanente Mobilisierung der Massen vor und nach der Machteroberung zu entwickeln. Wenn es sich um ein wirtschaftlich r\u00fcckst\u00e4ndiges Land handelt, muss es vom Einfluss des Imperialismus befreit werden, die muss Agrarfrage gel\u00f6st werden, die Fabriken des Imperialismus und des nationalen Grosskapitals enteignet. In allen L\u00e4ndern muss das Kapital enteignet werden, indem die gesamte Wirtschaft in den Dienst eines rationalen Plans unter der Kontrolle der Arbeiter:innenklasse gestellt wird, um elenden Verh\u00e4ltnissen ein Ende zu setzen und das Fortschreiten der Umweltkatastrophe zu verhindern. Die Revolution muss schliesslich in allen Bereichen vorangetrieben werden: In Wirtschaft, Kultur, Fragen der Ungleichheit; die Unterdr\u00fcckung aufgrund von Geschlecht, aus rassistischen Gr\u00fcnden oder aufgrund sexueller Orientierungen muss beendet werden. Mit anderen Worten, die Diktatur des Proletariats bedeutet, die gesamten sozialen Beziehungen zu revolutionieren.<\/p>\n<p>Aber der Aufbau des Sozialismus ist auf der Ebene eines einzelnen Landes unm\u00f6glich; er kann nur auf internationaler Ebene erfolgen. Die Revolution muss also von der nationalen Ebene auf die internationale Ebene \u00fcbergehen. Das ist der f\u00fcnfte und letzte Schl\u00fcsselaspekt bolschewistischer Strategie, der\u00a0<em>Internationalismus<\/em>: Demnach beginnt die Revolution auf nationaler Ebene, erstreckt sich auf die internationale Ebene und kulminiert auf der Weltebene. Das heisst, wir vertreten die entgegengesetzte Logik zum Stalinismus und seiner Theorie des Sozialismus in einem Land. Unsere Perspektive ist die, die Trotzki in seiner Theorie der permanenten Revolution entwickelte.<\/p>\n<p>Diese f\u00fcnf Punkte sind die zentralen Knotenpunkte der bolschewistischen Strategie. Sie skizzieren die revolution\u00e4re Strategie, die wir mit der CRT und mit der FT verteidigen. Lasst uns nun die anderen, konkurrierenden Strategien betrachten.<\/p>\n<p><strong>Langwieriger Volkskrieg und Fokustheorie<\/strong><\/p>\n<p>Die andere Revolution, die nach der Russischen Anlass zu einer zweiten grossen Strategie gab, war die chinesische Revolution von 1949. Sie war ein Nebenprodukt der zweiten chinesischen Revolution von 1925 bis 1927 (die erste fand 1911 statt), die durch die Fehler der stalinistischen F\u00fchrung besiegt worden war, welche eine Politik der Klassenzusammenarbeit zwischen der Kommunistischen Partei Chinas und der Partei des b\u00fcrgerlichen Nationalismus, der Kuomintang (KMT, Nationale Volkspartei Chinas), verfolgte.<\/p>\n<p>Im Jahr 1934 begann das als \u00abLanger Marsch\u00bb bekannte milit\u00e4rische Epos, das den R\u00fcckzug der KPCh aus den roten St\u00fctzpunkten in Hunan und Kiangsi darstellte. Dort er\u00f6ffnete Mao, was als Strategie des langwierigen oder verl\u00e4ngerten Volkskrieges bekannt ist. Grundlagen dieser Politik sind nicht nur zunehmendes Elend und Krieg im Allgemeinen, sondern der Einmarsch einer fremden Macht in das Land, sprich die japanische Invasion Chinas, die 1931 mit der Besetzung der Mandschurei eingeleitet wurde und eine gewisse Einheit aller Klassen im Land gegen den fremden Eindringling schuf.<\/p>\n<p>Um Japan entgegenzutreten, f\u00f6rderte Mao eine Orientierung der politischen Einheit mit der nationalistischen Bourgeoisie, indem er die Bildung einer antijapanischen Einheitsfront vorschlug und die Agitation f\u00fcr die Agrarreform aufgab, da diese die Machtbasis der Gener\u00e4le der Kuomintang angriff, unter denen sich grosse chinesische Landbesitzer:innen befanden. Der \u00abHauptwiderspruch\u00bb, so Mao, sei der mit dem japanischen Imperialismus; der \u00abWiderspruch\u00bb mit der nationalen Bourgeoisie und sogar mit den alten feudalen Klassen r\u00fcckten in den Hintergrund.<\/p>\n<p>Aus den Erfahrungen der chinesischen Revolution zog Mao dann die Konsequenzen einer neuen Strategie, der des langwieriegen Volkskriegs. Mao argumentierte, dass vier Klassen gegen die Japaner k\u00e4mpfen sollten: die nationale Bourgeoisie, das Proletariat, die B\u00e4uer:innenschaft und das st\u00e4dtische Kleinb\u00fcrger:innentum. Der sogenannte \u00abBlock der vier Klassen\u00bb, der etablieren w\u00fcrde, was Mao die \u00abNeue Demokratie\u00bb nannte, sollte die grundlegenden Aufgaben der chinesischen Revolution durchf\u00fchren, n\u00e4mlich die Agrarrevolution und die nationale Einheit. Das Proletariat nimmt an diesem Kampf teil, aber es tut dies nur als ein weiteres Glied, da das grundlegende Subjekt f\u00fcr den Maoismus die B\u00e4uer:innenschaft ist.<\/p>\n<p>Dieser Kampf ist \u00fcberwiegend milit\u00e4rischer Natur, es gibt keine Sowjets oder Organisationen der Selbstbestimmung der Massen, sondern eine Guerillaarmee. Der Staat, der entsteht, ist ein Staat, der sich auf eine Armee mit einer im Wesentlichen b\u00e4uerlichen sozialen Basis st\u00fctzt, er entsteht also bereits als b\u00fcrokratisierter Arbeiter:innenstaat.<\/p>\n<p>Die Strategie dahinter steht im Gegensatz zur Strategie der Russischen Revolution, weil die bolschewistische Strategie dazu f\u00fchren soll, eine ganze Klasse, das Proletariat, auf ein h\u00f6heres politisches Niveau zu heben und zum Subjekt ihrer Befreiung zu machen. Die Strategie, die sich dagegen aus der Chinesischen Revolution ergibt, lautet, dass die Revolution der B\u00e4uer:innen, die gegen die imperialistische Bourgeoisie und die nationale Grossbourgeoisie k\u00e4mpft, den Block der vier Klassen anf\u00fchren muss.<\/p>\n<p>F\u00fcr die maoistischen Parteien insgesamt bedeutete diese Strategie eine Variante der stalinistischen \u201eEtappen-Revolution, das heisst, dass die Revolution eine erste Phase mit der \u00abnationalen\u00bb oder \u00abpatriotischen\u00bb Bourgeoisie gemeinsam hat. Da es diese \u00abpatriotische\u00bb oder \u00abnationale\u00bb Bourgeoisie aber nicht gibt, endet die Politik immer in Irrwegen. Im Spanischen Staat kam diese Art von Strategie grunds\u00e4tzlich als Kapitulation vor den b\u00fcrgerlichen und kleinb\u00fcrgerlichen Pro-Unabh\u00e4ngigkeits-F\u00fchrungen (in Katalonien, Anm. d. \u00dc.) zum Ausdruck.<\/p>\n<p>Es gibt eine dritte Strategie im 20. Jahrhundert oder eine Teilstrategie, die mit der chinesischen Erfahrung verbunden ist, n\u00e4mlich die Strategie, die mit der kubanischen Revolution und der Bewegung des 26. Juni aufkam. Sie besteht in der \u00abFokustheorie\u00bb oder \u00abGuerilla-Fokus\u00bb.<\/p>\n<p>Die kubanischen Revolution\u00e4r:innen, insbesondere Ernesto \u00abCh\u00e9\u00bb Guevara, zogen die Schlussfolgerung, dass es keiner Krise oder eines Krieges oder gar einer ausl\u00e4ndischen Invasion bedarf, um revolution\u00e4re Bedingungen zu schaffen. Man brauche eine unpopul\u00e4re Regierung und hungrige B\u00e4uer:innen. Mit diesen beiden Bedingungen sei es m\u00f6glich, einen Fokus zu schaffen, eine Gruppe von Revolution\u00e4r:innen, die auf dem Land (oder in der Stadt, in der Variante der Stadtguerilla, die in Deutschland von der RAF betrieben wurde; Anm. d. \u00dc.) strukturiert ist, und durch Aktionen der bewaffneten Propaganda der Fokus selbst die Bedingungen schaffen soll, um die Revolution zu machen.<\/p>\n<p>Der wesentliche Grund f\u00fcr das Scheitern dieser Strategie, die Ch\u00e9 Guevara in Bolivien mit seinem Leben bezahlte, ist einfach: Der Fokus schafft keine revolution\u00e4ren Bedingungen. Entweder gibt es objektive Bedingungen oder es gibt keine Bedingungen f\u00fcr eine Revolution. Entweder gibt es Krisen und Kriege, die die Revolution entfesseln k\u00f6nnen, oder es gibt sie nicht. Revolution\u00e4r:innen k\u00f6nnen keine Revolutionen erfinden. Die Fokustheorie ist letztlich die Extremform einer subjektivistischen Konzeption, die darauf vertraut, dass Revolution\u00e4r:innen durch bewaffnete Propaganda die objektiven Bedingungen schaffen k\u00f6nnen, um Revolution zu machen.<\/p>\n<p>Obwohl diese Strategie auf dem R\u00fcckzug ist, was mit dem enormen Prozess der Urbanisierung des Planeten in den letzten Jahrzehnten einherging, gibt es Organisationen, die sie weiterhin verfolgen, vor allem in einigen L\u00e4ndern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas \u2013 wo die B\u00e4uer:innen immer noch ein relativ bedeutendes Gewicht haben.<\/p>\n<p><strong>Die \u00abErmattungsstrategie\u00bb<\/strong><\/p>\n<p>Diesen zwei (oder drei) Strategien, die aus den grossen Revolutionen des 20. Jahrhunderts hervorgingen \u2013 die bolschewistische, die maoistische und die Fokustheorie -, k\u00f6nnen wir dem gegen\u00fcberstellen, was Karl Kautsky, der einer der wichtigsten theoretischen Referenten der Zweiten Internationale (1889 nach dem Bruch mit dem Anarchismus gegr\u00fcndet; Anm. d. \u00dc.) war, die \u00abErmattungsstrategie\u00bb nannte. Das ist eine Strategie, die im Gegenteil aus der Abwesenheit der Revolution entsteht.<\/p>\n<p>Olin Wright bezeichnet diese Strategie die\u00a0<em>Demontage des Kapitalismus<\/em>\u00a0und betont, dass f\u00fcr diese Logik der Schl\u00fcssel zur politischen Aktion darin besteht, Positionen im kapitalistischen Staat zu erobern, die es erm\u00f6glichen, auf friedliche Weise von innen heraus zu einer sozialistischen Perspektive vorzustossen. Obwohl dies, wenn man es genau nimmt, die Stelle ist, an der diese Strategie endg\u00fcltig endet. Tats\u00e4chlich f\u00fchrte dieser Weg, wie Kautsky selbst und die deutsche Sozialdemokratie 1914 mit ihrer Unterst\u00fctzung des deutschen Imperialismus im Ersten Weltkrieg zeigten, letztlich in den v\u00f6lligen Bankrott.<\/p>\n<p>Die Debatte dreht sich um die \u00abErmattungsstrategie\u00bb und die \u00abNiederwerfungsstrategie\u00bb- Begriffe, die Karl Kautsky in die Debatte einf\u00fchrt, wobei er sie vom Milit\u00e4rhistoriker Hans Delbr\u00fcck \u00fcbernimmt. Kautsky greift diese Kategorien auf, um gegen Rosa Luxemburg zu argumentieren.<\/p>\n<p>1910, in einer Situation, die von Arbeiter:innenk\u00e4mpfen und massenhaften demokratischen Mobilisierungen gepr\u00e4gt war, erhob Luxemburg die Forderung nach der Notwendigkeit eines politischen Generalstreiks. Kautsky hielt dagegen, es sei unn\u00f6tig, die sozialdemokratische Organisation (die damals etwa 700.000 Mitglieder, zwei Millionen Mitglieder in den Gewerkschaften und drei Millionen W\u00e4hler:innen hatte) in diesen K\u00e4mpfen zu riskieren, und der Schl\u00fcssel liege stattdessen darin, bei den n\u00e4chsten Wahlen 1912 einen grossen Stimmenanteil zu erhalten. Was f\u00fcr Kautsky auf dem Tisch lag, war eine \u00abStrategie der Ermattung\u00bb, das heisst das Vermeiden jeglicher entscheidenden Schlacht, um \u2013 so zumindest die Theorie \u2013 zum richtigen Zeitpunkt in die Offensive zu gehen.<\/p>\n<p>Rosa Luxemburg antwortete ihm, dass alle seine Ausarbeitungen \u00fcber die \u00abStrategie der Ermattung\u00bb die Grundlage f\u00fcr eine Orientierung auf einen \u00abNichtsalsparlamentarismus\u00bb bildeten. Obwohl sich sp\u00e4ter als wahr herausstellte, was Rosa sagte, war es zu diesem Zeitpunkt noch nicht offensichtlich, denn Kautsky schlug noch vor, dass man im richtigen Moment zu einer \u00abStrategie der Niederwerfung\u00bb \u00fcbergehen m\u00fcsse. Was Rosa Luxemburg anbelangt, war sie selbstverst\u00e4ndlich nicht antiparlamentaristisch. Der Unterschied bestand darin, dass Rosa die Auffassung vertrat, dass die Sozialdemokratie eine Vorreiterrolle bei der Entwicklung der fortschrittlichsten Tendenzen des Klassenkampfes in diesem Moment spielen und nicht einfach auf die Wahlen warten sollte.<\/p>\n<p>Was Rosa Luxemburg anspricht, ist ein Irrtum, in den ein grosser Teil der Linken \u2013 auch derjenigen, die sich als antikapitalistisch und revolution\u00e4r verstehen \u2013 bis heute verf\u00e4llt. Das heisst, \u00abPolitik\u00bb nur als Wahlteilnahme alle zwei Jahre zu verstehen und \u00abKampf\u00bb ausschliesslich als gewerkschaftlichen Kampf. Ohne die Intervention bei Wahlen zur\u00fcckzuweisen, trennt Rosa die politische Intervention nicht von der Intervention im Klassenkampf. Was f\u00fcr Kautsky zwei vermeintlich komplement\u00e4re Strategien sind, sind f\u00fcr Rosa zwei alternative Strategien, die einander entgegengesetzt sind. Der Moment des \u00dcbergangs zur \u00abStrategie der Niederwerfung\u00bb kommt nie.<\/p>\n<p>Der politische Kampf, der in der Debatte zwischen Kautsky und Luxemburg zum Ausdruck kam, war nicht einfach ein politisch-ideologischer Kampf, sondern es war ein Kampf gegen eine riesige neue materielle Kraft, die entstanden war: die politischen und gewerkschaftlichen B\u00fcrokratien in der Massenbewegung. Die Beziehung ist eindeutig: Kautsky war gegen Luxemburg, weil er sich nicht mit der sozialdemokratischen Gewerkschaftsb\u00fcrokratie anlegen wollte, die in der Partei ein Vetorecht hatte, w\u00e4hrend Luxemburgs Ansatz, f\u00fcr einen Generalstreik zu agitieren, direkt zu einem Zusammenstoss mit der B\u00fcrokratie f\u00fchrte.<\/p>\n<p>In diesem Punkt sollte Lenin derjenige sein, der den Nagel auf den Kopf traft und einen sehr wichtigen Unterschied zu Luxemburg markierte, indem er erkl\u00e4rte, dass die grundlegende Aufgabe einer revolution\u00e4ren Partei nicht nur darin besteht, die fortschrittlichsten Elemente im Klassenkampf zu st\u00e4rken \u2013 da waren sie sich einig -, sondern dass dazu revolution\u00e4re Str\u00f6mungen innerhalb der Massenorganisationen notwendig sind, um den B\u00fcrokratien entgegenzutreten.<\/p>\n<p>Die Strategien der Ermattung und der Niederwerfung sind nicht zwei sich erg\u00e4nzende Strategien, die man austauscht, wenn die Situation revolution\u00e4r wird. Das heisst, es ist nicht so, dass man sich in nicht revolution\u00e4ren Situationen ausschliesslich der Kandidatur bei Wahlen und der Teilnahme an gewerkschaftlichen Lohnkampagnen einmal im Jahr widmen kann, um dann, wenn die Situation revolution\u00e4r wird, der k\u00e4mpferischste Teil zu sein. Die \u00abStrategie der Ermattung\u00bb ermattet am Ende nur die Kr\u00e4fte der Arbeiter:innenklasse selbst und erlaubt es den Kapitalist:innen, ihre Macht zu festigen.<\/p>\n<p>Wir haben das Beispiel der Sozialdemokratie vor mehr als hundert Jahren analysiert, weil es kein Einzelbeispiel ist: Es ist die Geschichte all jener Parteien, die am Ende reformistisch werden. Wir k\u00f6nnen das gleiche Ergebnis in Spanien in den 1930er Jahren, in Chile in den 1970er Jahren und in Griechenland vor einigen wenigen Jahren sehen. Und obwohl diese Diskussion f\u00fcr viele als eine \u00fcberholte Auseinandersetzung erscheinen mag, ist diese Debatte in den letzten Jahren auch in den USA wieder deutlich aktuell geworden, in der Hitze der Entwicklung der Democratic Socialists of America (DSA), die schnell auf f\u00fcnfzigtausend Mitglieder anwuchs.<\/p>\n<p>Im Vorfeld der vergangenen US-Pr\u00e4sidentschaftswahlen und der Lancierung der Kandidatur von Bernie Sanders trieb die Mehrheit der DSA-F\u00fchrung die Kampagne \u00abBernie 2020\u00bb voran und agierte, wie sie sagte, \u00abinnerhalb und ausserhalb\u00bb einer der wichtigsten und \u00e4ltesten imperialistischen b\u00fcrgerlichen Parteien der Welt, der Demokratischen Partei der USA. Um diese Politik zu untermauern, entstand ein erneutes Interesse an der Figur Karl Kautskys und die Verteidigung einer Art \u00abR\u00fcckkehr zu Kautsky\u00bb, die seine Figur und sein Erbe wiederbelebte, sowie die Idee der Wiederherstellung einer Sozialdemokratie von \u00abvor 1914\u00bb, vorangetrieben von der politisch-theoretischen Zeitschrift\u00a0<em>Jacobin<\/em>.<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/strategie-und-revolution-linke-debatten-fuer-das-21-jahrhundert\/#f6\"><strong><sup>6<\/sup><\/strong><\/a><\/p>\n<p>Einer der f\u00fchrenden Bef\u00fcrworter:innen dieser Linie, Eric Blanc, argumentierte, dass Kautskys Theorie eine Grundlage f\u00fcr die \u00abInnen-Aussen\u00bb-Strategie der Demokratischen Partei verleihen w\u00fcrde. Das heisst, er vertrat die Wahlunterst\u00fctzung f\u00fcr Bernie Sanders, Alexandria Ocasio-Cortez und andere Kandidat:innen der Demokraten, um auf Wahlebene zu wachsen und sp\u00e4ter\u00a0 \u00abMassenbewegungen zu f\u00f6rdern und Hunderttausende von Menschen in unabh\u00e4ngigen Arbeiter:innenorganisationen zu organisieren\u00bb.<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/strategie-und-revolution-linke-debatten-fuer-das-21-jahrhundert\/#f7\"><strong><sup>7<\/sup><\/strong><\/a><\/p>\n<p>Das zentrale Problem dieser Politik ist, dass sie den imperialistischen Charakter des Staates sowie der Demokratischen Partei selbst ignoriert und damit deren immense F\u00e4higkeit zu Kooptation und Zwang \u2013 was Gramsci unter dem Begriff des \u00abintegralen Staates\u00bb entwickelte \u2013, um die von links kommende und systemkritische Bewegungen zu neutralisieren. \u00c4hnlich war die Logik vieler Anh\u00e4nger:innen von Podemos im Spanischen Staat, die in der imperialistischen Regierung der PSOE landeten (nicht nur direkte Anh\u00e4nger:innen von Podemos, sondern auch einige, die es wagen, sich Antikapitalist:innen zu nennen). Wie Mat\u00edas Maiello in einer Polemik mit Eric Blanc schreibt: \u00abDas konnte f\u00fcr Kautsky, Rosa Luxemburg oder Lenin zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Novum sein; aber f\u00fcr uns, die wir im 21. Jahrhundert leben, ist das l\u00e4ngst nicht mehr der Fall\u00bb.<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/strategie-und-revolution-linke-debatten-fuer-das-21-jahrhundert\/#f8\"><strong><sup>8<\/sup><\/strong><\/a><\/p>\n<p>Wenn es sich lohnt, auf die Erfahrungen der deutschen Sozialdemokratie und des \u00abKautskyismus\u00bb zu Beginn des 20. Jahrhunderts zur\u00fcckzugehen, dann nicht, um die gleichen Fehler zu wiederholen, sondern um revolution\u00e4re Lehren zu ziehen; insbesondere, dass es keine revolution\u00e4re sozialistische Politik gibt und geben kann, die nicht antiimperialistisch ist.<\/p>\n<p><strong>Autonomismus und Anarchismus<\/strong><\/p>\n<p>Schliesslich gibt es noch eine f\u00fcnfte Strategie oder Strategien, die dem entsprechen, was wir als Autonomismus und Anarchismus kennen. Die Autonomen, die ihren Namen von einer Bewegung haben, die in den 1960er und 1970er Jahren in Italien entstand, haben verschiedene Str\u00e4nge und Ans\u00e4tze. Zusammenfassend l\u00e4sst sich sagen, dass der heutige Autonomismus behauptet, dass wir uns durch den Impuls verschiedener sozialer Bewegungen, ohne irgendeine Art von Zentralit\u00e4t der Arbeiter:innenklasse, aber mit einer b\u00fcrgerlichen Basis, \u00abjenseits\u00bb des kapitalistischen Staates und seiner Institutionen verorten und neue soziale Beziehungen an den R\u00e4ndern des Systems aufbauen k\u00f6nnen; ganz im Gegensatz zu dem Autonomismus der 1970er Jahre, der einen starken proletarischen Charakter hatte, ist dieser heutige Autonomismus im Wesentlichen kleinb\u00fcrgerlich.<\/p>\n<p>Das Problem mit dieser Perspektive ist, dass der kapitalistische Staat auf soziale Bewegungen einwirkt, unabh\u00e4ngig von den Absichten derer, die Teil dieser Bewegungen sind. Und er tut dies sowohl durch Repression als auch durch Kooptation (Vereinnahmung, Anm. d. \u00dc.). Ein Beispiel daf\u00fcr ist die Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung (EZLN) mit ihrem wichtigsten Anf\u00fchrer, Subcomandante Marcos. Vor ein paar Tagen kam ein deutsches Schiff namens \u00abLa Monta\u00f1a\u00bb in Galicien an, mit dem \u00abGeschwader 421\u00bb, das aus sieben Delegierten der EZLN besteht. Es ist Teil einer internationalen Tour der Zapatist:innen, um 500 Jahre nach der Eroberung Mexikos in Spanien \u00abeinzumarschieren\u00bb.<\/p>\n<p>Nun, der Fall des Zapatismus ist sehr lehrreich, um die Grenzen der autonomen Strategie zu erfassen. Die EZLN wurde vom mexikanischen Staat nicht zerschlagen, aber sie wurde im lakandonischen Dschungel isoliert. Obwohl sie einige Forderungen durchsetzte, schaffte es die Bewegung nicht, die Bev\u00f6lkerung aus Hunger, Elend und kultureller R\u00fcckst\u00e4ndigkeit (wie mangelnde Spanisch-Kenntnisse oder keine h\u00f6here Schulbildung, Anm. d. \u00dc.) zu befreien. In dieser Situation der Isolation stellt die Politik des Zapatismus auch eine H\u00fcrde dar, um den Rest der hundert Millionen Mexikaner:innen \u2013 von denen mehr als vierzig Millionen Arbeiter:innen sind \u2013 zu vereinen, die als soziale Kraft in der Lage w\u00e4ren, die kapitalistische Ausbeutung und damit die Unterdr\u00fcckung und Auspl\u00fcnderung der indigenen V\u00f6lker zu beenden. Somit endet die autonome Strategie in einer Sackgasse.<\/p>\n<p>Olin Wrights Definition, dass es sich dabei um eine Strategie der Flucht vor dem Kapitalismus handelt, ist in dieser Hinsicht ziemlich zutreffend. Die anarchistische Strategie, obwohl sie Elemente eines \u00abAusbruchs\u00bb aufweist \u2013 insbesondere die aktuellen Varianten des Anarchismus, die in ihrem sozialen Inhalt postmoderner und kleinb\u00fcrgerlicher sind als der Anarchismus des sp\u00e4ten neunzehnten und fr\u00fchen zwanzigsten Jahrhunderts \u2013 ist anders als die autonome. Sowohl Anarchismus als auch Bolschewismus haben ein gemeinsames Ziel: den Kommunismus. Es gibt sogar Gemeinsamkeiten der anarchistischen mit der bolschewistischen Strategie in Bezug auf die Entwicklung des Klassenkampfes gegen den kapitalistischen Staat.<\/p>\n<p>Aber der grosse strategische Unterschied ist, dass f\u00fcr Anarchist:innen die Macht, sobald sie erobert ist, nicht als Teil des Aufbaus einer staatlichen \u00dcbergangsmacht ausge\u00fcbt werden sollte, die dazu dient, den Widerstand der Kapitalist:innen zu besiegen, den Sozialismus auf nationaler und internationaler Ebene aufzubauen, damit auf diese Weise der Staat abstirbt, wie es der revolution\u00e4re Marxismus vorschl\u00e4gt. Nein, sie pl\u00e4dieren daf\u00fcr, den Staat aufzul\u00f6sen und sofort eine \u00abAssoziation freier Produzent:innen\u00bb oder einen Zusammenschluss von Genossenschaften zu bilden. Denn die \u00dcbernahme der Macht und die demokratische Planung der Wirtschaft durch einen \u00dcbergangsstaat w\u00e4re eine Macht\u00fcbergabe an eine B\u00fcrokratie und gehe gegen die Prinzipien des libert\u00e4ren Kommunismus.<\/p>\n<p>Diese Logik fand ihren vielleicht tragischsten Ausdruck in der Spanischen Revolution, als sich die anarchistische CNT\/FAI 1936 in Barcelona weigerten, die \u00abMacht zu \u00fcbernehmen\u00bb, sie also die \u00abDiktatur des Proletariats\u00bb nicht anwenden wollte, sich aber schliesslich an der Volksfrontregierung (Regierung zusammen mit \u00abprogressiven\u00bb B\u00fcrgerlichen, Anm. d. \u00dc.) beteiligte. So trug sie dazu bei, die \u00abDiktatur des Kapitals\u00bb mit einem demokratischen Antlitz neu zu gestalten. Der grosse Widerspruch ist, dass die besten Elemente der Revolution und des spanischen B\u00fcrger:innenkriegs, das anarchistische Proletariat, unter ideologischen Vorurteilen k\u00e4mpfte und seine F\u00fchrung eine falsche Strategie verfolgte, die es in die Katastrophe f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Sowohl die autonomen Theorien mit ihrer F\u00f6rderung von Experimenten zur \u00abFlucht\u00bb aus dem Kapitalismus als auch die anarchistische Strategie und ihre Perspektive, den anarchistischen Kommunismus unmittelbar nach der Zerst\u00f6rung der b\u00fcrgerlichen Macht aufzubauen, lassen ausser Acht, dass es eine globale kapitalistische Wirtschaft und Staatspolitik gibt. Sie wird von unterschiedlichen imperialistischen M\u00e4chten gelenkt und birgt die reale Gefahr einer wirtschaftlichen Isolierung sowie milit\u00e4rischer Angriffe durch den Imperialismus in Koalition mit den \u00dcberresten der besiegten b\u00fcrgerlichen Kr\u00e4fte.<\/p>\n<p>Keine Art von Experiment, sei es klein oder gross, sei es ein besetzter Raum, eine Genossenschaft oder eine selbstverwaltete Agrarkommune, kann als Oase der Selbstverwaltung in einer kapitalistischen W\u00fcste bestehen. Und wenn sie es tut, dann nur, weil der kapitalistische Staat es auf irgendeiner Ebene zul\u00e4sst. Denn wenn das nicht der Fall ist, braucht man nur ein paar Dutzend Polizist:innen zu schicken und das Experiment ist vorbei. Wenn es nun um die Planung der Wirtschaft eines ganzen Landes geht, ist es unm\u00f6glich, dass sie auch nur einen einzigen Tag \u00fcberdauert, wenn nicht ein neuer Staat auf der Grundlage der R\u00e4tedemokratie und einer eigenen Macht geschaffen wird, das\u00a0heisst zun\u00e4chst Milizen und dann eine eigene Armee, die es ihm erm\u00f6glichen, der Armee der Bourgeoisie zu widerstehen und diese zu besiegen.<\/p>\n<p>Und vor allem kann die Eroberung der Macht in einem Land, besonders wenn es r\u00fcckst\u00e4ndig ist, nur ein Sch\u00fctzengraben im Dienst der Entwicklung der internationalen sozialistischen Revolution sein. Dies ist einer der grundlegenden Unterschiede, die wir mit der anarchistischen Perspektive haben.<\/p>\n<p><strong>Revolte und Revolution im 21. Jahrhundert<\/strong><\/p>\n<p>Eingangs haben wir gesagt, dass wir seit 30 oder 40 Jahren keine klassischen Revolutionen mehr gesehen haben. Nach dem Ausbruch der kapitalistischen Krise von 2008 erlebten wir jedoch zwei grosse Zyklen des weltweiten Klassenkampfes. Der erste hatte den Ausbruch des sogenannten \u00abArabischen Fr\u00fchlings\u00bb in mehreren L\u00e4ndern Nordafrikas und des Nahen Ostens als Epizentrum, die sich gewaltsam gegen diktatorische Regimes stellten und abgelenkt wurden oder durch harte Repression niedergemacht wurden. Ihm folgte eine Reihe von friedlichen Revolten in Europa, wie die der \u00abEmp\u00f6rten\u00bb der 15M-Bewegung im Spanischen Staat; oder die Bewegung des Taksim-Platzes in der T\u00fcrkei; diejenigen in Lateinamerika, wie die Massenproteste vom Juni 2013 in Brasilien; sowie die Intensivierung des Klassenkampfes in Griechenland.<\/p>\n<p>Der zweite Zyklus hatte seine Hauptmomente beim Ausbruch der Gelbwesten-Bewegung in Frankreich Ende 2018, ein Prozess, der viel weiter fortgeschrittener und gewaltt\u00e4tiger war als der von 15M in Spanien (so auch die staatliche Repression); die katalanische Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung, auf die, obwohl sie friedlich war, eine brutale Antwort des spanischen monarchischen Staates folgte; oder die Proteste, die in Hongkong stattfanden. Seit 2018\/19 wurde der \u00abArabische Fr\u00fchling\u00bb mit den Aufst\u00e4nden in Algerien und im Sudan reaktiviert, es gab massive Proteste gegen die Verelendung im Irak, gegen die Regierung im Libanon und weitere Beispiele. Eines der gr\u00f6ssten Epizentren lag diesmal in Lateinamerika, mit den revolution\u00e4ren Tagen, die Chile erlebte; zuvor mit dem Aufstand in Ecuador in kleinerem Massstab; und auch mit den Mobilisierungen in Puerto Rico, Honduras und Haiti. Dieser zweite Zyklus wurde durch die Pandemie teilweise unterbrochen, setzt sich aber dennoch fort, wie wir es mit dem Aufstand in Kolumbien sahen; aber auch in anderen Regionen des Planeten, wie im heldenhaften Widerstand der Arbeiter:innen, allen voran der Frauen, gegen den Milit\u00e4rputsch in Myanmar; im erneuten Widerstand der pal\u00e4stinensischen Jugend gegen die Unterdr\u00fcckung durch den zionistischen Staat Israel; und in der j\u00fcngsten Rebellion der Jugend in Tunesien. Auf der anderen Seite sehen wir in Europa, dass die Situation, mit Ausnahme von Frankreich, sehr passiv ist. Die Pandemie hat bisher die Tendenzen zum Klassenkampf bes\u00e4nftigt und die kapitalistischen Staaten wollen, dass das so bleibt, deshalb stecken sie tonnenweise Geld in die Unternehmen, damit diese nicht bankrottgehen und weiter ihren Gesch\u00e4fte nachgehen k\u00f6nnen. Aber gleichzeitig bereiten sie harte Angriffe vor, sodass die Situation jeden Moment explodieren k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Dieser zweite Zyklus, den wir gerade durchlaufen, ist nicht das Nebenprodukt grosser Katastrophen (wie Wirtschaftscrashs oder Kriege), wie es in der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts der Fall war, sondern eine Reaktion auf die Krise des neoliberalen Paradigmas, die sich seit 2008 entwickelt hat. Und sein grundlegendes Merkmal ist die Revolte.<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/strategie-und-revolution-linke-debatten-fuer-das-21-jahrhundert\/#f9\"><strong><sup>9<\/sup><\/strong><\/a>\u00a0Das heisst, die Explosion von spontanen Aktionen, die die Energien der Massen freisetzen und ein erhebliches Mass an Gewalt haben k\u00f6nnen. Im Gegensatz zu Revolutionen zielen Revolten nicht darauf ab, die bestehende Ordnung zu ersetzen, sondern Druck auf die Macht auszu\u00fcben, um Forderungen durchzusetzen. In gewisser Weise w\u00e4re es, Erik Olin Wrights Taxonomie folgend, die gewaltt\u00e4tigste und explosivste Form einer Strategie des Widerstands gegen den Kapitalismus.<\/p>\n<p>Die Strategie des Widerstands gegen den Kapitalismus f\u00fchrt, wie wir bereits gesagt haben, nicht zur Revolution. In diesem neuen Zyklus des Klassenkampfes haben wir sowohl die Potenziale der Revolte als auch ihre Grenzen gesehen. Insbesondere ihr \u00abstaatsb\u00fcrgerlicher\u00bb Charakter und die Abwesenheit der Arbeiter:innenhegemonie in den von der Arbeiter:innenklasse kontrollierten \u00abstrategischen Positionen\u00bb. Zwischen der Strategie des Widerstands und der Strategie der Zerschlagung des Kapitalismus, oder klassisch ausgedr\u00fcckt: zwischen Revolte und Revolution, gibt es jedoch keine un\u00fcberwindbare Mauer. Revolten enthalten im Keim die M\u00f6glichkeit, das Moment des Widerstands oder des extremen Drucks zu \u00fcberwinden und den Weg zur Revolution zu \u00f6ffnen. Das h\u00e4ngt von ihrer Entwicklung ab und vor allem davon, ob die Arbeiter:innenklasse und die Massenbewegung in ihrem Bewusstsein und ihrer Organisation weiter gehen k\u00f6nnen. Auf diesem Terrain greifen die subjektiven Faktoren und vor allem die politischen F\u00fchrungen ein.<\/p>\n<p>Aus diesem Grund, auch wenn diese nicht unsere Strategie zum Ausdruck bringen, unterst\u00fctzen die Revolution\u00e4r:innen der FT die Aufst\u00e4nde und nehmen an ihnen teil. Wir sind Teil dieser Prozesse, aber um in ihnen f\u00fcr eine bolschewistische Strategie zu k\u00e4mpfen: damit Institutionen einer Einheitsfront der Massen (das heisst der Arbeiter:innen und anderer Sektoren der Armen und Unterdr\u00fcckten, Anm. d. \u00dc.) entstehen (wie die Koordinationskomitees oder andere Organismen der Selbstorganisation), die die Perspektive der Doppelherrschaft und des aufst\u00e4ndischen Generalstreiks voranbringen k\u00f6nnen. Und in diesem Kampf stellen wir uns gegen die Strategien der Populist:innen, Autonomen und Zentrist:innen, deren Strategie diese Prozesse in die Sackgasse f\u00fchrt, sodass sie bestenfalls mit kosmetischen Reformen entsch\u00e4rft und schlimmstenfalls blutig niedergeschlagen werden.<\/p>\n<p>Die strategische Schl\u00fcsselfrage ist, wie die Explosionen der Wut und des Klassenkampfes, die in den Revolten zum Ausdruck kommen, sich nicht ersch\u00f6pfen, sondern ihr Potential entfalten und den Weg zur Revolution \u00f6ffnen. Ein \u00dcbergang, der bei weitem nicht automatisch ist, sondern der nur erreicht werden kann, wenn die Arbeiter:innenklasse mit ihren Methoden des Kampfes und der Eroberung der Hegemonie eingreift, um die verschiedenen Sektoren im Kampf zu vereinen und eine alternative Macht der Ausgebeuteten und Unterdr\u00fcckten aufzubauen. Hierf\u00fcr ist die Rolle der revolution\u00e4ren Partei von grundlegender Bedeutung.<\/p>\n<p><strong>Eine Partei f\u00fcr den Sieg<\/strong><\/p>\n<p>Katastrophale Momente der Krisen und Kriege sind, wie wir gesehen haben, das Merkmal des Kapitalismus in seinem imperialistischen Stadium, die sich fr\u00fcher oder sp\u00e4ter deutlich zeigen. Wir leben heute in einer zunehmend konfusen Welt. Das grundlegende strategische Problem ist, ob es in den kritischen Momenten m\u00f6glich sein wird, eine Kraft zu artikulieren, die in der Lage ist, eine revolution\u00e4re L\u00f6sung f\u00fcr die Situation zu geben. Und das wird zu einem grossen Teil schon weit vor dem Ausbruch einer Katastrophe geschehen. Es geht nicht nur darum, \u00abWiderstand\u00bb zu leisten oder Angriffen zu begegnen, sondern die materiellen Kr\u00e4fte zu entwickeln und zu verankern, um zu gewinnen.<\/p>\n<p>Aber daf\u00fcr ist es notwendig, um es im Duktus von Pablo Iglesias zu sagen, alle Machtfaktoren zu konfrontieren, die das Eigentum der Kapitalist:innen verteidigen. Im Gegensatz zu Pablo Iglesias sind wir nicht skeptisch gegen\u00fcber den Kr\u00e4ften, die f\u00fcr diesen Kampf zur Verf\u00fcgung stehen: die Arbeiter:innenklasse. Heute ist die Arbeiter:innenklasse weltweit so gross wie nie zuvor. Weit entfernt vom Mythos des Endes der Arbeit haben sich in den letzten Jahrzehnten Millionen von Menschen auf der ganzen Welt, angefangen mit L\u00e4ndern wie China und Indien, im Dienstleistungssektor, in der Industrie, im Transportwesen und in weiteren Bereichen proletarisiert, die heute lohnabh\u00e4ngig sind, im Gegensatz zu fr\u00fcher. Unsere Klasse hat ein immenses soziales Gewicht, um zu siegen. Aber sie kann nicht allein aufgrund ihres sozialen Gewichts siegen. Deshalb ist die strategische Arbeit mehr denn je unerl\u00e4sslich.<\/p>\n<p>Die Bedeutung der Strategiediskussion ist zentral, um die t\u00e4glichen K\u00e4mpfe in den Dienst des Aufbaus einer revolution\u00e4ren Kraft zu stellen, die in der Lage ist, in kritischen Momenten die Macht zu erobern, die Kapitalist:innen zu besiegen und einen weiteren Horizont f\u00fcr die Menschheit zu er\u00f6ffnen. Das bedeutet nat\u00fcrlich, dass wir \u00fcber die blosse Teilnahme an Wahlen, an der Gewerkschaftsroutine oder an partiellen K\u00e4mpfen hinausgehen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Wenn wir also \u00fcber die grossen Strategien des 20. Jahrhunderts und die G\u00fcltigkeit der bolschewistischen Strategie diskutieren, dann nicht, um eine akademische \u00dcbung zu absolviieren. Sondern damit die Genoss:innen, die Teil unseres \u00abNetzwerks prek\u00e4rer Arbeiter:innen\u00bb sind und anfangen, sich mit uns in der Arbeiter:innenbewegung zu organisieren, nicht nur an ihre Betriebe und ihre Gewerkschaftssektionen denken; damit die Student:innen nicht nur daran denken, wie sie an den Universit\u00e4ten oder in den Fakult\u00e4tsversammlungen intervenieren k\u00f6nnen; damit die Genoss:innen, die in soziale Bewegungen intervenieren, nicht nur an die Nachbarschaftsaktivit\u00e4ten oder die Demonstrationen denken. Wir besprechen die Strategie, damit jede:r ihre:seine Arbeit als taktisches Instrument f\u00fcr unsere Ziele sieht, um die Kunst des Siegens zu beherrschen. Daf\u00fcr ist die Strategie n\u00fctzlich. Um nicht nur zu k\u00e4mpfen, nicht nur zu widerstehen, nicht nur zu organisieren, sondern vor allem den Sieg anzupeilen.<\/p>\n<p><strong><em>Dieser Artikel ist die bearbeitete Version eines Vortrags, den der Autor am 25. Juni bei der Antikapitalistischen und Revolution\u00e4ren Sommerschule der CRT in Madrid hielt.\u00a0Er erschien urspr\u00fcnglich auf Spanisch bei\u00a0<\/em><\/strong><a href=\"https:\/\/www.izquierdadiario.es\/Estrategia-y-revolucion-debates-de-la-izquierda-para-el-siglo-XXI\"><strong><em>Contrapunto<\/em><\/strong><\/a><strong><em>.<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>Fussnoten<\/strong><\/p>\n<ol>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/strategie-und-revolution-linke-debatten-fuer-das-21-jahrhundert\/#f1_text\"><strong>1<\/strong><\/a>. Erik Olin Wright, Linker Antikapitalismus im 21. Jahrhundert. Was es bedeutet, demokratischer Sozialist zu sein.\u00a0VSA Verlag, Hamburg 2019.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/strategie-und-revolution-linke-debatten-fuer-das-21-jahrhundert\/#f2_text\"><strong>2<\/strong><\/a>. Daniel Bensa\u00efd, Was ist Trotzkismus? S. 104.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/strategie-und-revolution-linke-debatten-fuer-das-21-jahrhundert\/#f3_text\"><strong>3<\/strong><\/a>. John Holloway, Die Welt ver\u00e4ndern, ohne die Macht zu \u00fcbernehmen. Westf\u00e4lisches Dampfboot, M\u00fcnster.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/strategie-und-revolution-linke-debatten-fuer-das-21-jahrhundert\/#f4_text\"><strong>4<\/strong><\/a>. Pablo Iglesias, zitiert nach: Mat\u00edas Maiello,\u00a0<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/ermattung-oder-kampf-zwei-entgegengesetzte-strategien\/\"><strong>Ermattung oder Kampf: zwei entgegengesetzte Strategien<\/strong><\/a>, Klasse Gegen Klasse, 20.6.2018.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/strategie-und-revolution-linke-debatten-fuer-das-21-jahrhundert\/#f5_text\"><strong>5<\/strong><\/a>. Emmanuel Barot,\u00a0<a href=\"https:\/\/www.laizquierdadiario.com\/ideasdeizquierda\/1917-repensar-el-doble-poder-para-reconquistar-el-poder\/\"><strong>#1917. Repensar el doble poder para reconquistar el poder<\/strong><\/a>, Ideas de Izquierda, 10.11.2017.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/strategie-und-revolution-linke-debatten-fuer-das-21-jahrhundert\/#f6_text\"><strong>6<\/strong><\/a>. In unseren Wochenzeitschriften Contrapunto und Ideas de Izquierda Semanario ver\u00f6ffentlichten wir ein\u00a0<a href=\"https:\/\/www.izquierdadiario.es\/Dossier-Una-introduccion-al-debate-sobre-Kautsky\"><strong>Dossier<\/strong><\/a>mit einigen der neuesten Artikel zu dieser Polemik.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/strategie-und-revolution-linke-debatten-fuer-das-21-jahrhundert\/#f7_text\"><strong>7<\/strong><\/a>. Eric Blanc, zitiert nach: Mat\u00edas Maiello,\u00a0<a href=\"https:\/\/www.laizquierdadiario.com\/El-retorno-de-Kautsky-despues-de-vivir-un-siglo-de-imperialismo\"><strong>El retorno de Kautsky despu\u00e9s de vivir un siglo\u2026 de imperialismo<\/strong><\/a>, Ideas de Izquierda, 19.5.2019.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/strategie-und-revolution-linke-debatten-fuer-das-21-jahrhundert\/#f8_text\"><strong>8<\/strong><\/a>. Mat\u00edas Maiello,\u00a0<a href=\"https:\/\/www.laizquierdadiario.com\/El-retorno-de-Kautsky-despues-de-vivir-un-siglo-de-imperialismo\"><strong>El retorno de Kautsky despu\u00e9s de vivir un siglo\u2026 de imperialismo<\/strong><\/a>, a.a.O.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/strategie-und-revolution-linke-debatten-fuer-das-21-jahrhundert\/#f9_text\"><strong>9<\/strong><\/a>. F\u00fcr einen ausf\u00fchrlichen Blick auf die Merkmale dieser Prozesse und die Debatte um Revolte und Revolution siehe Mat\u00edas Maiello,\u00a0<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/revolte-und-revolution-im-21-jahrhundert\/\"><strong>Revolte und Revolution im 21. Jahrhundert<\/strong><\/a>, Klasse Gegen Klasse, 14.11.2019 und\u00a0<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/die-illusion-der-revolution-durch-die-revolte\/\"><strong>Die Illusion der Revolution durch Revolte<\/strong><\/a>, Klasse Gegen Klasse, 4.12.2019<\/li>\n<\/ol>\n<p><em>#Titelbild: Tahrirplatz, Kairo im Januar 2011<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/strategie-und-revolution-linke-debatten-fuer-das-21-jahrhundert\/\">klassegegenklasse.org&#8230;<\/a><\/em><em> vom 7. November 2021; sprachliche \u00dcberarbeitung und einige kleine \u00c4nderungen durch die Redaktion maulwuerfe.ch <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diego Lotito. Wie wird der Kapitalismus \u00fcberwunden? Eine Debatte \u00fcber das j\u00fcngste Buch von Erik Olin Wright,\u00a0How to be An Anti-Capitalist in the 21st Century.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":8987,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6,7],"tags":[99,9,25,87,115,74,10,85,50,121,105,65,61,43,56,108,109,82,86,117,12,107,122,127,45,62,38,28,98,15,21,129,54,46,17],"class_list":["post-10355","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","category-international","tag-aegypten","tag-arabische-revolutionen","tag-arbeiterbewegung","tag-arbeitswelt","tag-bolivien","tag-brasilien","tag-breite-parteien","tag-chile","tag-china","tag-covid-19","tag-ecuador","tag-ernest-mandel","tag-frankreich","tag-griechenland","tag-grossbritannien","tag-haiti","tag-honduras","tag-irak","tag-iran","tag-kolumbien","tag-lenin","tag-libanon","tag-mexico","tag-myanmar","tag-neoliberalismus","tag-rosa-luxemburg","tag-russische-revolution","tag-spanien","tag-sudan","tag-syrien","tag-trotzki","tag-tunesien","tag-tuerkei","tag-usa","tag-widerstand"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10355","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=10355"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10355\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10358,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10355\/revisions\/10358"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/8987"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=10355"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=10355"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=10355"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}