{"id":10383,"date":"2021-11-15T09:09:21","date_gmt":"2021-11-15T07:09:21","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10383"},"modified":"2021-11-15T09:09:22","modified_gmt":"2021-11-15T07:09:22","slug":"fluechtlingssterben-an-der-polnisch-belarussische-eu-aussengrenze","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10383","title":{"rendered":"Fl\u00fcchtlingssterben an der polnisch-belarussische EU-Au\u00dfengrenze"},"content":{"rendered":"<p><em>Die Abschottungspolitik der Europ\u00e4ischen Union f\u00fchrt immer wieder zu Eskalationen an den Au\u00dfengrenzen der Staatengemeinschaft. Zuletzt hat sich die Lage an der polnisch-belarussischen Grenze zugespitzt, weil eine wachsende Zahl Gefl\u00fcchteter versucht, \u00fcber diese Route in die EU zu gelangen. Als Antwort entsandte die polnische Regierung tausende Soldaten an die Grenze und richtete eine Sperrzone ein, in die weder<\/em><!--more--> <em>internationale Beobachter noch \u00c4rzte und Journalisten gelassen werden. Helfer dringen dennoch unter Inkaufnahme pers\u00f6nlicher Risiken zu den Gefl\u00fcchteten vor. Sie berichten von unhaltbaren Zust\u00e4nden. Die Aktion\u00a0<\/em>Mauerfall jetzt!\u00a0<em>\u2013 bestehend aus der\u00a0<\/em>Seebr\u00fccke Deutschland<em>,\u00a0<\/em>LeaveNoOneBehind<em>\u00a0und dem Verein\u00a0<\/em>Wir packen\u2019s an<em>\u00a0aus dem brandenburgischen Bad Freienwalde \u2013 brachte vor kurzem mit einem Bus Sachspenden an die Grenze. Unter den Aktivisten war auch Tareq Alaows, aktiv bei<\/em>\u00a0Seebr\u00fccke\u00a0<em>und dem<\/em>\u00a0Fl\u00fcchtlingsrat Berlin<em>. Im Interview mit dem<\/em>\u00a0Lower Class Magazine\u00a0<em>berichtet er von der Aktion und der Lage an der Grenze.\u00a0<\/em><\/p>\n<p><strong>Ihr wolltet den Gefl\u00fcchteten an der polnisch-belarussischen Grenze Hilfsg\u00fcter bringen. Wie ist es gelaufen?<\/strong><\/p>\n<p>Leider sind wir nicht bis zur Grenze durchgekommen. Direkt an der Sperrzone wurde der Bus gestoppt. Pl\u00f6tzlich war \u00fcberall Polizei, uns wurde erkl\u00e4rt, dass wir umkehren m\u00fcssten. Die Situation war so eskalierend, dass wir das wir das Gef\u00fchl hatten, man w\u00fcrde uns in Gewahrsam nehmen, wenn wir noch geblieben w\u00e4ren. Schweren Herzens haben wir uns zur Umkehr entschlossen, da eine Konfrontation hier keinen Sinn gemacht h\u00e4tte. Die Hilfsg\u00fcter, die wir dabei hatten, haben wir an humanit\u00e4re Organisationen \u00fcbergeben, die eine M\u00f6glichkeit haben, sie Gefl\u00fcchteten zukommen zu lassen.<\/p>\n<p><strong>Erkl\u00e4rtes Ziel eurer Aktion war neben dem Transport von Sachspenden, gefl\u00fcchtete Menschen auf der R\u00fcckfahrt mit nach Deutschland zu nehmen.\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Ja. Wir hatten beim Bundesinnenministerium um eine Erlaubnis gefragt, dass wir Gefl\u00fcchtete im Bus mit nach Deutschland zur\u00fccknehmen k\u00f6nnen. Es lagen bereits Zusagen von drei deutschen Kommunen vor, die Menschen aufzunehmen. Aber wie nicht anders zu erwarten war, hat das BMI (<em>Bundesministerium des Inneren, Anm.<\/em>) auf unser Hilfsangebot nicht reagiert.<\/p>\n<p><strong>Habt Ihr denn bei eurer Aktion Gefl\u00fcchtete treffen k\u00f6nnen?<\/strong><\/p>\n<p>Vor Ort ging das leider nicht. Aber ich bin \u00fcber die sozialen Medien im Kontakt mit vielen gefl\u00fcchteten Menschen in der Grenzregion. Weil ich eine relativ gro\u00dfe Reichweite in den entsprechenden Communities habe und selbst arabisch spreche, schreiben sie mich dort an. Ich komme ja aus Syrien und bin vor sechs Jahren selbst gefl\u00fcchtet und dann nach Deutschland gekommen, habe hier deutsch gelernt.<\/p>\n<p><strong>War h\u00f6rst du \u00fcber die Lage vor Ort? Es hei\u00dft die Versorung sei miserabel, die Menschen der K\u00e4lte und Witterung seit Tagen und Wochen fast schutzlos ausgeliefert. Ein Video des belarussischen Fernsehens zeigte Menschen, die um Lagerfeuer kauern.\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Von der belarussischen Seite gibt es \u00fcberhaupt keine Versorgung. Die Menschen haben faktisch nur die Sachen, die sie mit sich tragen. Wer also eine Decke mitgebracht hat, der hat eine. Wer keine dabei hatte, hat eben keine. Sie versuchen, sich an Lagerfeuern ein wenig zu w\u00e4rmen. Auch zu Essen und zu Trinken haben die Menschen zu wenig. Viele sind schon l\u00e4nger dort. Sie kommen weder \u00fcber die von Grenzpolizisten und Soldaten gesicherte polnische Grenze, noch kommen sie zur\u00fcck nach Belarus. Die Grenzer auf belarussischer Seite lassen sie nicht durch, um zum Beispiel etwas zum Essen oder zu Trinken zu beschaffen.<\/p>\n<p><strong>Das hei\u00dft, die Menschen sind im Grunde eingesperrt in den W\u00e4ldern.<\/strong><\/p>\n<p>Sie stecken fest im Niemandsland zwischen den beiden Staaten, kommen nicht vor und nicht zur\u00fcck.<\/p>\n<p><strong>Bis vor kurzem war von zehn best\u00e4tigten Todesf\u00e4llen die Rede, Menschen, die erfroren oder an Dehydrierung gestorben sind. Jetzt kam noch ein Fall hinzu.<\/strong><\/p>\n<p>Ja, es ist schrecklich. Ein 14 Jahre alter Junge wurde heute Morgen tot aufgefunden, offensichtlich ist er erforen. Viele Berichte, die ich von Gefl\u00fcchteten aus der Region empfange, sprechen von viel mehr Toten als den jetzt elf best\u00e4tigten. Die Dunkelziffer ist hoch. Viele Gefl\u00fcchtete, die durchgekommen sind und hier in Deutschland ankommen, berichten, dass sie in den W\u00e4ldern Leichen gesehen haben.<\/p>\n<p><strong>Wie viele Gefl\u00fcchtete halten sich denn nach deinen Kenntnissen in der Grenzregion auf?<\/strong><\/p>\n<p>Laut den Zahlen, die ich bekomme, sind es 4000 bis 5000 Personen. Aber es k\u00f6nnten auch noch mehr sein.<\/p>\n<p><strong>Es hei\u00dft, die polnischen Grenzpolizisten und Soldaten w\u00fcrden \u00e4u\u00dferst brutal gegen die Menschen vorgehen. Die M\u00e4nner, die es geschafft h\u00e4tten und hier ankommen, h\u00e4tten fast alle H\u00e4matome oder andere Verletzungen. Entspricht das deinen Erkenntnissen?<\/strong><\/p>\n<p>Das kann ich best\u00e4tigen, auch auf Grundlage der Berichte meiner Kollegen aus der Fl\u00fcchtlingsberatung in Berlin. Es liegen viele Berichte von Gewaltspuren an den K\u00f6rpern der Menschen vor, meist erwachsene M\u00e4nner. Es wird von hunderten rechtswidrigen Pushbacks berichtet, die mit Gewalt verbunden sind. Von denen, die hier sind, sind die wenigsten gleich beim ersten Mal durchgekommen. Als wir vor Ort waren, bekam ein Aktivist einen Anruf von einer achtk\u00f6pfigen Familie mit schwerkranker Tochter. Die hatte drei oder vier Mal versucht, \u00fcber die Grenze zu kommen. Es wurde berichtet von Gewaltspuren bei diesen Menschen, das Kind wurde nicht medizinisch versorgt. Wir wissen nicht, wie es ihnen jetzt geht und wo sie sind.<\/p>\n<p><strong>Hierzulande hat die Entwicklung eine \u00fcble Kampagne in den Leitmedien und viel Hetze in den sozialen Medien ausgel\u00f6st. Bild, Welt, die FAZ und viele andere Medien haben kritiklos das Narrativ \u00fcbernommen, es handele sich um einen \u201ehybriden Krieg\u201c des belarussischen Pr\u00e4sidenten Alexander Lukaschenko, die Gefl\u00fcchteten w\u00fcrden \u201eals Waffen benutzt\u201c. Was sagst du dazu?<\/strong><\/p>\n<p>Diese Berichterstattung und die Debatte f\u00fchren zu einer Enthumanisierung. Wir haben es mit Menschen zu tun, die in Not sind. Sie kommen zu einem gro\u00dfen Teil aus Syrien, Irak und Afghanistan. Das sind L\u00e4nder die instabil sind, in denen es Kriege gibt oder gab. Die Not dieser Menschen wird von Lukaschenko missbraucht, keine Frage. Aber die politische Antwort der EU kann nicht sein, dass neue Z\u00e4une und Mauern errichtet werden, sondern die m\u00fcssen abgebaut werden. Ich begreife nicht, woher diese Angst vor den gefl\u00fcchteten Menschen kommt. Wir machen uns doch erpressbar, wenn wir mit Panik reagieren. Die Gesamtzahl der Menschen an der Grenze liegt, wie gesagt, bei etwa 5000 Personen. Wenn die alle aufgenommen und in ganz Europa verteilt werden, dann machen sie einen Anteil von 0,01 Prozent der europ\u00e4ischen Bev\u00f6lkerung aus.<\/p>\n<p><strong>Rechte Politiker und Medien wie die Bild-Zeitung arbeiten mit dem Framing, 2015 d\u00fcrfe sich nicht wiederholen.<\/strong><\/p>\n<p>Den Satz kann ich aus meiner pers\u00f6nlichen Erfahrung heraus nur bekr\u00e4ftigen \u2013 allerdings ganz anders, als etwa die CDU oder die AfD es meinen. Ich geh\u00f6re zu den Menschen, die damals nach Deutschland gekommen sind und wei\u00df, wovon ich rede. 2015 bedeutet soviel Leid, bedeutet brutale Reaktionen gegen gefl\u00fcchtete Menschen, 2015 steht f\u00fcr viele, die ertrunken sind. Und das ist es, was sich auf keinen Fall wiederholen darf. Darum m\u00fcssen wir sichere Fluchtwege schaffen, dass Menschen Asyl au\u00dferhalb von Europa beantragen k\u00f6nnen und sich nicht auf solche lebensgef\u00e4hrlichen Routen begeben m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>Die EU scheint das Elend der Menschen an der Grenze nicht zu interessieren. Offenbar geht es nur darum, die Abschottung um jeden Preis aufrecht zu erhalten. Ist es nicht absurd, wenn EU-Kommisionspr\u00e4sidentin Ursula von der Leyen, Lukaschenko Zynismus vorwirft?<\/strong><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich. Die EU macht ja selbst zynische Deals mit Diktatoren, nur um Gefl\u00fcchtete von Europa fernzuhalten. Zum Beispiel der sogenannte Fl\u00fcchtlingsdeal mit dem t\u00fcrkischen Pr\u00e4sidenten Recep Tayyip Erdogan. Oder der Deal mit der so genannten libyschen K\u00fcstenwache, das sind paramilit\u00e4rische Gruppen, die von der EU finanziert werden, um Gefl\u00fcchtete aufzuhalten. Das Muster ist immer dasselbe, man will null Asylbewerber in Europa. Aber das funktioniert einfach nicht, weil die Menschen aus L\u00e4ndern kommen, in denen sie keinerlei Perspektive haben. Selbst wenn die Hoffnung f\u00fcr sie, ein sicheres Leben in Europa zu f\u00fchren, noch so gering ist, ist das noch eine Hoffnung \u2013 in ihrer Heimat haben sie gar keine Hoffnung mehr.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/lowerclassmag.com\/2021\/11\/14\/polnisch-belarussische-eu-aussengrenze-sie-stecken-fest-im-niemandsland-zwischen-den-beiden-staaten\/\"><em>lowerclassmag.com&#8230;<\/em><\/a><em> vom 15. November 2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Abschottungspolitik der Europ\u00e4ischen Union f\u00fchrt immer wieder zu Eskalationen an den Au\u00dfengrenzen der Staatengemeinschaft. 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