{"id":10445,"date":"2021-11-24T09:57:55","date_gmt":"2021-11-24T07:57:55","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10445"},"modified":"2021-11-24T09:57:56","modified_gmt":"2021-11-24T07:57:56","slug":"smood-streik-6-lektionen-aus-dem-besuch-bei-streikposten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10445","title":{"rendered":"Smood-Streik: 6 Lektionen aus dem Besuch bei Streikposten"},"content":{"rendered":"<p><em>Kevin Wolf &amp; Dario Dietsche. <\/em><strong>Der Streik der Smood-Lieferanten verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Den Anfang machten die ArbeiterInnen in Yverdon vor drei Wochen. Ihrem Streikaufruf folgten die St\u00e4dte Neuch\u00e2tel, Nyon, Sion, Martigny und Lausanne. Seit dieser Woche streiken auch Lieferanten in Fribourg und Genf. Bereits \u00fcber 100 Arbeiter sind in den Streik getreten, Tendenz steigend.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Der Funke solidarisiert sich voll und ganz mit dem Kampf. Auch in der Praxis: Nach dem\u00a0<a href=\"https:\/\/www.derfunke.ch\/htm\/de\/deutsch\/arbeiterinnenbewegung\/streikposten-ich-habe-viel-geopfert-und-jetzt-fordere-ich-meine-rechte-ein\/\">Besuch beim Streikposten in Nyon<\/a>, waren wir auch in Fribourg vor Ort. Wir diskutierten aktiv mit den Streikenden und halfen beim Unterschriften-Sammeln f\u00fcr eine Solidarit\u00e4ts-Petition.\u00a0<\/p>\n<p><strong>Aus den inspirierenden Gespr\u00e4chen mit den Arbeitern ziehen wir 6 zentrale Schlussfolgerungen<\/strong>:\u00a0<\/p>\n<ol>\n<li><strong>Arbeitsk\u00e4mpfe sind dringend n\u00f6tig und m\u00f6glich, auch in der Schweiz!\u00a0<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>\u201cSeit Jahren behandelt uns Smood wie ein St\u00fcck Scheisse\u201d, sagt uns ein langj\u00e4hriger Angestellter. Er beschreibt die katastrophalen Arbeitsbedingungen. Es sind die gleichen wie \u00fcberall. Unter dem Strich habe man als Smood-Angestellter kein menschenw\u00fcrdiges Leben: \u201cDie versklaven uns, auch wenn es nicht mehr so genannt wird\u201d. W\u00e4hrend der Pandemie habe der Druck weiter zugenommen. Das Gesch\u00e4ft der Lieferdienste boomte, weil die Lieferanten immer mehr ausgepresst wurden. Im Konkurrenzkampf um neue Marktanteile pressten die Smood-Bosse ihre Angestellten noch mehr aus. Die Konsequenz: CEO Marc Aeschlimann, auf der einen Seite ist noch reicher geworden, sitzt auf einem Verm\u00f6gen von 200 Millionen Franken. Die Angestellten, auf der anderen Seite, kommen trotz gr\u00f6sster Aufopferung kaum \u00fcber die Runden. Wer sich nicht bis 4 Uhr morgens im Schichtplan eintr\u00e4gt, kriegt keine oder nicht genug Eins\u00e4tze. Die anderen unter dem Strich rund 20 CHF pro Stunde, bei Versp\u00e4tungen und Reparaturen (am Velo oder Auto) noch weniger. Bereits seit einem Jahr diskutiere man in Fribourg \u00fcbers Streiken, Gr\u00fcnde daf\u00fcr g\u00e4be es mehr als genug, nicht nur bei Smood. Als dann in Yverdon der Streik begann und sich ausbreitete, habe man den Entschluss gefasst: \u201cWenn sie streiken, k\u00f6nnen und m\u00fcssen wir das auch tun\u201d.\u00a0<\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li><strong>F\u00fcr Verbesserungen muss man k\u00e4mpfen!<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Die aufgestellten Forderungen (rechtzeitige Mitteilung der Arbeitszeiten, Lohn f\u00fcr alle geleisteten Arbeitsstunden und Entsch\u00e4digung f\u00fcr die Benutzung des eigenen Fahrzeugs) verlangen unter dem Strich nicht mehr als menschenw\u00fcrdige Arbeitsbedingungen. Die Missst\u00e4nde haben sich \u00fcber l\u00e4ngere Zeit angeh\u00e4uft, einige Lieferanten machten diese schon vor zwei Jahren publik. CEO Aeschlimann meinte vor einem Jahr, die Vorw\u00fcrfe seien unbegr\u00fcndet. Vor zwei Wochen behauptete Smood in einem\u00a0<a href=\"https:\/\/www.20min.ch\/fr\/story\/fronde-des-livreurs-geneve-rejoint-le-mouvement-709081185934\">Interview<\/a>, die Arbeitsbedingungen h\u00e4tten sich gar nicht verschlechtert und verneinte den Streik. \u201cDas zeigt die Arroganz in der Chefetage, die schauen von oben auf uns herab\u201d, sagt uns ein Streikender. Sein Verantwortlicher antworte oftmals gar nicht per Whatsapp, s\u00e4mtliche Probleme seien stets ignoriert worden. Bis am Dienstag. Nachdem auch Fribourg und Genf (Firmensitz von Smood) in den Streik gezogen sind, geht Smood erstmals auf die Probleme ein. \u201cDie Mindestlohnforderung von 23 Franken pro Stunde werde gepr\u00fcft\u201d, heisst es in einem Communiqu\u00e9. Beim Streikposten in Fribourg ist man sich einig, dass dies nur ein loses Versprechen ist. Doch es zeigt: Die Verh\u00e4ltnisse sind nicht in Stein gemeisselt. Durch die direkte Konfrontation mit den Bossen und den gemeinsamen Kampf f\u00fcr die Interessen der Lohnabh\u00e4ngigen lassen sie sich ver\u00e4ndern. Dies ist selbst f\u00fcr Minimalforderungen unumg\u00e4nglich.\u00a0<\/p>\n<ol start=\"3\">\n<li><strong>Streik = Betrieb lahmlegen!<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Was bedeutet Streik? \u201cEr muss den Bossen wehtun\u201d, sagt ein Streikender v\u00f6llig korrekterweise. Ein Streik muss den Betrieb lahmlegen, nur so k\u00f6nnen die Arbeiter ihre m\u00e4chtige Stellung in der Produktion (sie schaffen s\u00e4mtlichen Wert) f\u00fcrs Erk\u00e4mpfen ihrer Forderungen nutzen. In Fribourg legte der Kampf zu Beginn den Betrieb nicht lahm: Nur 6 der 18 Smood-Angestellten legten ihre Arbeit \u00fcber Mittag (Stosszeit) nieder, die meisten Lieferungen wurden weiter ausgef\u00fchrt.\u00a0 Die Streikenden reagierten auf eigene Faust. Sie gingen dorthin, wo ihre Kollegen Essen ausliefern und \u00fcberzeugten sie von der Notwendigkeit des kollektiven Kampfs. In nur drei Tagen haben sie es so geschafft, die Schlagkraft zu verdoppeln \u2013 inzwischen streiken 12 Angestellte. Die anderen wolle man auch noch finden und \u00fcberzeugen. Das Hindernis: Nur Smood weiss, wer tats\u00e4chlich bei Smood arbeitet.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/banner.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"443\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/banner.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-10446\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/banner.jpeg 1024w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/banner-300x130.jpeg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/banner-768x332.jpeg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption><em>Von einem Kurier selbstgestaltetes Banner, dass zeigt wie das Ausbeutungsmonster bei smood funktioniert<\/em><\/figcaption><\/figure>\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Solidarit\u00e4t entsteht im kollektiven Kampf!<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n<p>Vor dem Streik kannten sich deshalb die meisten der Kuriere noch gar nicht. Erst durch die gemeinsamen Aktionen kam es zu Diskussionen zwischen ihnen \u2013 jetzt stehen sie Seite an Seite miteinander in der K\u00e4lte. Dabei spielt es keine Rolle ob sie bereits seit zwei Jahren f\u00fcr smood arbeiten oder erst seit kurzer Zeit. 3 der anwesenden Streikenden sind erst gerade seit einem Monat bei smood und wurden von den Streikposten davon \u00fcberzeugt, dass es einen gemeinsamen Kampf braucht um gegen die unmenschlichen Arbeitsbedingungen zu k\u00e4mpfen. Dass diese katastrophal sind, erkennt jeder Kurier von Beginn an, doch durch den Streik erkennen sie die Notwendigkeit und den Nutzen des kollektiven Kampfs. Sie alle leiden unter dem Zeitdruck, den schlechten L\u00f6hnen und den Tricks von smood. Doch der Streik bringt sie zusammen und gibt dem ganzen einen kollektiven Ausdruck. Sie k\u00e4mpfen nicht mehr nur f\u00fcr sich selber, sondern auch f\u00fcr ihre KollegInnen und die die nach ihnen f\u00fcr smood arbeiten werden. Ein Kurier, der sagt er will nie mehr in seinem Leben die smood-Jacke anziehen, macht klar: \u201cIch bin trotzdem hier. Wir machen das auch f\u00fcr all die Jungen die nach uns kommen \u2013 um zu zeigen, dass du k\u00e4mpfen musst, nie aufgeben, weil dass der einzige Weg ist um etwas von ihnen zu erhalten!\u201d<\/p>\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Kein Hindernis zu gross f\u00fcr die Kreativit\u00e4t der Arbeiterklasse<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n<p>Lieferdienste wie smood z\u00e4hlen auf die Vereinzelung und Einsch\u00fcchterung ihrer Arbeiter. Eine Selfie-Pflicht bei Beginn der Arbeit, st\u00e4ndige \u00dcberwachung durch Ortungsdienste und die Tatsache, dass jeder isoliert f\u00fcr sich arbeitet sind reale Hindernisse denen die Kuriere begegnen. Viele konnten sich deshalb vor dem Streik auch nicht vorstellen, dass ein gemeinsamer Kampf m\u00f6glich ist. Aber im Prozess des Kampfs finden sie L\u00f6sungen! Sie gehen zu den Lokalen wo sie wissen, dass am meisten Essen ausgeliefert wird und \u00fcberzeugen ihre KollegInnen mitzumachen. Selbst wenn smood als Streikbrecher eingesetzte Leute aus Genf nach Fribourg schickt, gehen sie auf diese zu und versuchen sie zu \u00fcberzeugen, sich dem Streik anzuschliessen. Jemand f\u00e4hrt mit dem Fahrrad durch die Stadt um die anderen Kuriere zu finden und sie ebenfalls zu \u00fcberzeugen. Bei den Versammlungen nach dem Streikposten erkl\u00e4ren sie sich gegenseitig wie die Ausbeutung bei smood genau funktioniert (siehe Bild).<\/p>\n<p>Die gemeinsamen Diskussionen sch\u00fcren den Enthusiasmus unter allen Beteiligten. Doch es bleibt nicht nur bei den Diskussionen. Am Ende jedes Tages beschliessen sie zusammen, wie sie am n\u00e4chsten Tag weitermachen. Und mit der Ausbreitung des Kampfes ist die Richtung momentan klar: Mehr Kuriere in den Kampf ziehen, weiterhin Streikposten beziehen, so lange bis es smood richtig weh tut. Dazu haben sie auch ein nationales Komitee gegr\u00fcndet, in welches Delegierte aus den verschiedenen St\u00e4dten gew\u00e4hlt werden und das sich mehrere Male in der Woche trifft. Die UNIA spielt in diesem Kampf eine wichtige Rolle, indem sie die Streikenden unterst\u00fctzt, mit ihnen diskutiert und aktiv an den Streikposten mitarbeitet. Viele der GewerkschafterInnen \u00fcberlegen aktiv, wie der Kampf ausgeweitet werden kann. Doch die Hoffnung darf nicht in eine Petition, Appelle an die Gesch\u00e4ftsleitung oder Hinterzimmerverhandlungen gesteckt werden \u2013 sondern in die vereinte Kraft der ArbeiterInnen!<\/p>\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Kein Vertrauen in die Bosse<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;Die Gesch\u00e4ftsleitung von smood (und der Migros!) h\u00f6rt nicht auf nette Bitten. Die Kuriere beschweren sich schon seit Monaten \u00fcber zu tiefe L\u00f6hne, zu wenig bezahlte Auslagen, Stunden die einfach so von ihrer Lohnabrechnung verschwinden, Trinkgeld das ihnen nicht ausbezahlt wird und vieles mehr. Doch bis jetzt hat die Chefetage diese Beschwerden einfach ignoriert oder als Falschinformationen bezeichnet. Dass sie jetzt, in dem Moment wo der Streik beginnt ihnen wehzutun, davon sprechen die L\u00f6hne vielleicht auf 23 Franken pro Stunde zu erh\u00f6hen zeigt nur eines: nur wenn es sie dort trifft wo es weh tut, geben sie nach. Anst\u00e4ndige Arbeitsbedingungen m\u00fcssen erk\u00e4mpft werden! Die Streikenden wurden von smood regelrecht dazu gezwungen, sich zur Wehr zu setzen. Das \u00fcberrascht kaum. Der Konkurrenzdruck ist hart im Lieferdienst-Gesch\u00e4ft und um gegen eat.ch, UberEats und die anderen bestehen zu k\u00f6nnen, muss smood seine Arbeiter immer h\u00e4rter ausbeuten. Aber gerade deshalb haben die Kuriere berechtigterweise absolut kein Vertrauen in die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung von smood. Einige haben als Konsequenz bereits gek\u00fcndigt \u2013 und k\u00e4mpfen jetzt trotzdem mit und f\u00fcr ihre ehemaligen KollegInnen. Ihre Forderungen erreichen sie nur dann, wenn sie gemeinsam daf\u00fcr sorgen, dass die einzige Profitquelle der Lieferdienste \u2013 die ArbeiterInnen \u2013 ihre Profite zum Erliegen bringen.<\/p>\n<p><strong>Wie weiter?<\/strong><\/p>\n<p>Die Kuriere bei smood haben erkannt, dass sie nur auf ihre eigene Kraft z\u00e4hlen k\u00f6nnen. Doch die entscheidende Schlagkraft um smood zum einknicken zu bringen, erreichen sie nur durch eine Ausweitung des Kampfs. Einerseits m\u00fcssen m\u00f6glichst viele KollegInnen rund um ihre Forderungen \u00fcberzeugt werden sich am Kampf zu beteiligen. So verhindern sie, dass smood Streikbrecher gegen ihren Kampf einsetzen kann. Andererseits muss der Kampf \u00fcber die bisherigen neun St\u00e4dte auf das gesamte Gesch\u00e4ftsgebiet von smood ausgeweitet werden. Auch in Z\u00fcrich und in Bern brodelt es.<\/p>\n<p>Wenn die Kuriere nicht fahren, steht smood still. Ohne Lieferanten keine Profite. Durch einen breit verankerten Streik wird die Gesch\u00e4ftsleitung zum Handeln gezwungen. Die Streikenden wissen, dass ihnen Entlassungen (unter falschen Vorw\u00e4nden) drohen. Doch das zeigt nur auf, was im Endeffekt notwendig ist, um dem Profitzwang des Kapitalismus ein Ende zu setzen und anst\u00e4ndige Arbeitsbedingungen zu sichern: die Enteignung der Lieferdienste und die Betriebsf\u00fchrung durch die ArbeiterInnen selber. Ein Erfolg des Streiks auf der anderen Seite, sprich ein Nachgeben von smood, w\u00fcrde den Kurieren \u00fcberdeutlich vor Augen f\u00fchren welche Macht sie in ihren H\u00e4nden (und Beinen) haben. Ein Teil wird dort nicht aufh\u00f6ren wollen und andere ArbeiterInnen werden sich von diesem Kampf inspirieren lassen. Oder wie es einer der Streikenden in Fribourg sagt: \u201cWenn sie unsere Bedingungen erf\u00fcllen, dann h\u00f6ren wir vielleicht \u2013 und ich sage bewusst vielleicht \u2013 dort auf. Weil Parolen sind gut und recht, aber es braucht Taten\u201d.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.derfunke.ch\/htm\/de\/deutsch\/berichte\/smood-streik-auf-fribourg-ausgedehnt-6-lektionen-aus-dem-besuch-beim-streikposten\/\"><em>derfunke.ch&#8230;<\/em><\/a><em> vom 24. November 2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kevin Wolf &amp; Dario Dietsche. Der Streik der Smood-Lieferanten verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Den Anfang machten die ArbeiterInnen in Yverdon vor drei Wochen. 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