{"id":10481,"date":"2021-12-01T10:09:15","date_gmt":"2021-12-01T08:09:15","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10481"},"modified":"2021-12-01T10:09:16","modified_gmt":"2021-12-01T08:09:16","slug":"omikron-zurueck-auf-los","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10481","title":{"rendered":"Omikron \u2013 zur\u00fcck auf Los?"},"content":{"rendered":"<p><em>Jaqueline Katherina Singh. <\/em>B.1.1.529 oder Omikron steht f\u00fcr eine Variante des Corona-Virus, die derzeit die gesamte Welt den Atem anhalten l\u00e4sst. Der Ursprung scheint im s\u00fcdlichen Afrika zu liegen und wurde zuerst in S\u00fcdafrika entdeckt. Dort sei laut FAZ die Mutante aufgefallen, als Corona-Infizierte nicht \u00fcber Geschmacksverlust, sondern unfassbare M\u00fcdigkeit klagten. Untersuchungen folgten und f\u00fchrten<!--more--> zur Feststellung: Die Delta-Variante scheint von einer ansteckenderen abgel\u00f6st zu werden. Omikron enth\u00e4lt mehr als drei\u00dfig Mutationen allein an den Virus-\u201eStacheln\u201c, also den Spike-Proteinen an der Oberfl\u00e4che, mit denen sich der Erreger Zugang zum menschlichen K\u00f6rper verschafft und auf das die meisten derzeit verwendeten Impfstoffe ausgerichtet sind. In der s\u00fcdafrikanischen Provinz Gauteng mit den St\u00e4dten Pretoria und Johannesburg ist die Zahl der neu registrierten Infektionen exponentiell gestiegen und macht schon neunzig Prozent der zuletzt entdeckten Viren aus. Dazu muss allerdings auch angemerkt werden, dass die vorherige Zahl der Infektionen recht gering gewesen ist. Es k\u00f6nnte sich demnach also auch um einen \u201eGr\u00fcndereffekt\u201c handeln \u2013 also, dass sich die Viren bislang vor allem in Gegenden mit wenig geimpften Menschen ausbreiten.<\/p>\n<p>Doch die Probleme, welche die neue Mutante mit sich bringen k\u00f6nnte, liegen auf der Hand: Das Virus k\u00f6nnte infekti\u00f6ser sein und sich dadurch schneller und leichter verbreiten. Es k\u00f6nnte sich aggressiver im K\u00f6rper ausbreiten und beispielsweise Organe st\u00e4rker befallen oder \u2013 das gr\u00f6\u00dfte Schreckgespenst von allen \u2013 es k\u00f6nnte die derzeit verbreiteten Impfstoffwirkungen umgehen und die erste wirkliche \u201eEscape-Mutante\u201c darstellen, gegen die die Impfstoffe nicht mehr oder in einer stark geschw\u00e4chten Form wirken.<\/p>\n<p><strong>Isolation statt L\u00f6sung<\/strong><\/p>\n<p>Angesichts dieser Aussichten ist es nicht verwunderlich, dass von der Leyen am Freitag bekannt gab, dass durch Fluggesellschaften \u201enur noch deutsche Staatsb\u00fcrger nach Deutschland bef\u00f6rdert\u201c werden d\u00fcrfen. Au\u00dferdem m\u00fcssten alle Eingereisten \u2013 auch vollst\u00e4ndig Geimpfte \u2013 f\u00fcr 14 Tage in Quarant\u00e4ne. Die EU hat dar\u00fcber hinaus auch Flugreisen von anderen L\u00e4ndern im s\u00fcdlichen Afrika unterbunden. Die erste Reaktion gleicht jener beim Auftreten der ersten Virusvariante 2019. Es wird versucht sich zu isolieren, um sich zu sch\u00fctzen. Was als hartes Durchgreifen und starke Schutzma\u00dfnahme wirken soll, ist allerdings nur ein Tropfen auf dem hei\u00dfen Stein.<\/p>\n<p>Zwar wurde der Flugverkehr eingestellt, aber die ersten F\u00e4lle sind schon angekommen unter anderem in Gro\u00dfbritannien, D\u00e4nemark, Tschechien, Deutschland. In den Niederlanden strandeten am Amsterdamer Flughafen Passagiere aus S\u00fcdafrika. Laut der niederl\u00e4ndischen Gesundheitsbeh\u00f6rde GGD gab es 61 positive PCR-Tests, 13 dieser positiv getesteten Personen wurden anschlie\u00dfend positiv auf Omikron getestet. Dar\u00fcber hinaus wurden nun auch in Schottland\u00a0 die ersten F\u00e4lle von potentiellen Omikron-Infektionen bekannt, die nicht mit einer Reise in das s\u00fcdliche Afrika in Verbindung gebracht werden k\u00f6nnen. Eine schon st\u00e4rkere Verbreitung des Virus in der schottischen Gesellschaft wird dadurch nahegelegt.<\/p>\n<p>Die Ausweitung in Europa wird als \u201ehoch bis sehr hoch\u201c eingesch\u00e4tzt. Wundert das? Eigentlich nicht. Schlie\u00dflich k\u00f6nnen die aktuellen Regelungen nicht mal der Delta-Variante Einhalt gebieten. Vielmehr platzen aktuell in Deutschland die Intensivstationen aus allen N\u00e4hten, sodass an manchen Orten die Triage beginnt. Gr\u00fcnde daf\u00fcr sind unter anderem: eine ungen\u00fcgende Impfkampagne, die es nicht geschafft hat, die Zahl der Impfungen rechtzeitig zu erh\u00f6hen.<\/p>\n<p>Notwendig w\u00e4re ein solidarischer Lockdown, der nicht nur den Freizeitbereich, sondern auch alle gesellschaftlich nicht notwendige Arbeit betreffen m\u00fcsste, verbunden mit einer internationalen Zero-Covid- Strategie sowie einem massiven sozialen Schutzschirm, finanziert durch eine Besteuerung der gro\u00dfen Kapitale und Verm\u00f6gen. Das hei\u00dft unter anderem auch 100\u00a0% Lohnfortzahlung f\u00fcr alle, die nicht arbeiten gehen k\u00f6nnen, das Verbot von Mietpreissteigerungen, Zwangsr\u00e4umungen und Wohnungsk\u00fcndigungen. Ebenso eine massiven Ausbau und Investitionen in das Gesundheitssystem, eine\u00a0 Einkommenserh\u00f6hung von mindestens 500 Euro\/Monat f\u00fcr alle in Krankenh\u00e4usern und Pflegeeinrichtungen Besch\u00e4ftigten. Stattdessen gibt es mal wieder halbgare L\u00f6sungen: unterschiedliche 3G-, 2G-, 2G+-Regelungen, um die Wirtschaft nicht zu stark zu belasten.<\/p>\n<p><strong>Gebt die verdammten Patente frei!<\/strong><\/p>\n<p>Noch ist unklar, welche praktischen Folgen die Mutationen von Omikron genau haben werden und wie wirksam die Impfstoffe sind. Die bisher gemeldeten F\u00e4lle scheinen zumindest keinen schwereren Krankheitsverlauf mit sich zu bringen. Insgesamt ist es auch wenig vermeidbar, dass Mutationen an sich entstehen. Allerdings h\u00e4tte man die Wahrscheinlichkeit absenken k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>In S\u00fcdafrika sind bisher 26\u00a0% der Bev\u00f6lkerung geimpft. Mit dieser Quote steht es im afrikanischen Vergleich noch gut da. L\u00e4nder mit h\u00f6heren Quoten auf dem Kontinent sind nur Botswana (36\u00a0%, Marokko 65,6\u00a0% und Tunesien 50,7\u00a0%). Es folgen L\u00e4nder wie Algerien, Angola, Lesotho, deren Impfquoten zwischen 10\u00a0% und 25\u00a0% liegen. Alle anderen liegen darunter. Ende November 2021 sind laut Al Jazeera erst 6,6\u00a0% der Bev\u00f6lkerung des Kontinents geimpft, obwohl die afrikanische Gesamtbev\u00f6lkerung rund 16\u00a0% der Weltbev\u00f6lkerung ausmacht. Eine Folge der Impfunwilligkeit? Wohl kaum.<\/p>\n<p>Bei der Sicherung der Impfstoffe hie\u00df es von Anfang an: Wer zahlt, kann seine Bev\u00f6lkerung sch\u00fctzen. Die imperialistischen L\u00e4nder werden davon also beg\u00fcnstigt. Jene wie Deutschland, die Biontech beherbergen, profitieren von dieser Regelung auch noch.<\/p>\n<p>Der Kontinent leidet also unter einem Mangel an Impfstoffen, der durch die fehlenden Lieferungen von Covax, der globalen Initiative zur gemeinsamen Nutzung von Impfstoffen, noch verschlimmert wird. Das Problem wurde dadurch zus\u00e4tzlich versch\u00e4rft, dass imperialistische L\u00e4nder, die sich zur Unterst\u00fctzung der Initiative verpflichtet haben, nur einen Bruchteil der versprochenen Dosen lieferten oder aber L\u00e4nder wie Deutschland Impfstoffdosen nicht an andere L\u00e4nder verschicken k\u00f6nnen, da in den Kaufvertr\u00e4gen mit den HerstellerInnen (z.\u00a0B. Moderna) ein Weitergabeverbot verankert wurde. Anstatt \u00fcbersch\u00fcssige Dosen spenden zu d\u00fcrfen, m\u00f6chten die Impfstoffhersteller lieber ein weiteres Gesch\u00e4ft in den afrikanischen L\u00e4ndern machen. Einen gro\u00dfen R\u00fcckschlag erlebte Covax, als Indien in Folge seiner katastrophalen Pandemie-Lage am 22. April 2021 alle Impfstoff-Exporte einstellte. Um diesen Ausfall auszugleichen, sagte die EU bis Jahresende Spenden von mindestens 100 Millionen Impfdosen zu, Deutschland soll davon 30 Millionen Dosen stellen. Doch die f\u00fcr Dezember geplante Abgabe von 5,8 Millionen Dosen Biontech-Impfstoff wurde auf Grund der gestiegenen Nachfrage aber verschoben. Die Booster-Impfungen in den kommenden Monaten werden jedoch auch nicht daf\u00fcr sorgen, dass sich diese Lage rasch ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Zwar haben die Impfstofflieferungen in den letzten drei Monaten zugenommen. Seit Februar 2021 hat Afrika 330 Millionen Dosen aus der Covax-Fazilit\u00e4t, dem African Vaccine Acquisition Task Team und bilateralen Abkommen erhalten. Allerdings wurde der Gro\u00dfteil davon, rund 83\u00a0%, erst seit August geliefert.<\/p>\n<p>Insgesamt zeigt das auf: Auch hier sind die Profite wichtiger als Menschenleben. Das hat nicht nur fatale Folgen in halbkolonialen L\u00e4ndern, sondern f\u00fcr die gesamte Welt, wie uns das Auftreten der neuen Omikron-Variante deutlich vor Augen f\u00fchrt. Daher sollten wir alle f\u00fcr eine Aufhebung der Patente und eine globale Ausweitung der Produktionskapazit\u00e4ten der Vakzine eintreten. Genauso wichtig ist aus bereits genannten Gr\u00fcnden die Forderung nach einem umfassenden Technologie- und Wissenstransfer sowie Bereitstellung von personellen Ressourcen, um die weltweiten Produktionskapazit\u00e4ten f\u00fcr diese Art von Impfstoff stark auszubauen. Um global einen gerechten Zugang zu Impfstoffen durchzusetzen, muss zus\u00e4tzlich auch die weitreichendere Forderung nach vollst\u00e4ndiger Enteignung der Pharmakonzerne sowie des gesamten Gesundheitssektors unter Kontrolle der Lohnabh\u00e4ngigen auf die Tagesordnung gesetzt werden. Denn es herrscht nicht nur eine ungleiche Verteilung von Impfstoffen, sondern auch von Arzneimitteln und medizinischer Ausr\u00fcstung insgesamt.<\/p>\n<p><strong>Was braucht es, damit das Realit\u00e4t wird?<\/strong><\/p>\n<p>Blo\u00dfes Bitten wird nicht reichen, diese Forderungen umzusetzen. Auch einzelne Proteste oder Schreiben von \u00c4rztInnen reichen nicht aus, die b\u00fcrgerlichen Regierungen dazu zu bringen, die Profite der Pharmaindustrie zu schr\u00f6pfen. Wenn wir dieses Ziel erreichen wollen, braucht es einen solidarischen Kampf der gesamten ArbeiterInnenklasse und ihrer Organisationen, allen voran den Gewerkschaften, der nicht nur auf Demonstrationen setzt, sondern auch auf Streiks und betriebliche Aktionen. In der aktuellen Lage, in der es Kampagnen wie #ZeroCovid nicht geschafft haben, eine breite Masse f\u00fcr sich zu gewinnen, und sich die radikale Linke zum Gro\u00dfteil in Passivit\u00e4t wiegt, scheint auch das fast unm\u00f6glich. Dar\u00fcber hinaus haben die widerspr\u00fcchliche und konzeptlose Politik der b\u00fcrgerlichen Regierung und die faktisch Aufgabe einer eigenen Politik durch Gewerkschaften, Sozialdemokratie, linke Parteien und eines Gro\u00dfteils der radikalen Linken auch das Wachstum der reaktion\u00e4ren QuerdenkerInnen und der Rechten, die sich als \u201eFreiheitsk\u00e4mpferInnen\u201c gerieren, gest\u00e4rkt.<\/p>\n<p>Deshalb bedarf es eines Kurswechsels, mag er auch schwer zu bewerkstelligen sein. Es ist die Aufgabe von Revolution\u00e4rInnen, ja allen klassenk\u00e4mpferischen Kr\u00e4ften, Forderungen in aktuelle Auseinandersetzungen wie Streiks reinzutragen. Der Gesundheitssektor steht in vielen Regionen faktisch vor dem Zusammenbruch, die Lage an den Schulen ist aberwitzig. Allein das w\u00e4ren unmittelbare Ankn\u00fcpfungspunkte. Ein solidarischer, rascher Lockdown ist notwendig, um die Zahl der Neuinfektionen zu senken. Um das durchzusetzen, reichen Sharepics nicht, sondern es m\u00fcssen Betriebsversammlungen organisiert werden, bei denen auch die Frage eines solidarischen Lockdowns, die Forcierung einer Impfkampagne sowie die Freigabe der Patente diskutiert und gefordert werden. Um die Besch\u00e4ftigten f\u00fcr betriebliche Aktionen bis hin zu Streiks zu gewinnen und eine breite gesellschaftliche Bewegung aufzubauen, m\u00fcssen wir jedoch auch organisiert und gemeinsam gegen die zu erwartende Hinhaltetaktik der Gewerkschaftsapparate vorgehen. Das politische Versteckspiel w\u00e4hrend der Pandemie, das illusorische Hoffen auf die \u201eSozialpartnerInnenschaft\u201c mit Kapital und Kabinett hat mit dazu beigetragen, dass die Lohnabh\u00e4ngigen, die ArbeiterInnenklasse im Kampf gegen das Virus nicht als politische und soziale Kraft in Erscheinung tritt. Es ist die Aufgabe oppositioneller GewerkschafterInnen, diese Auseinandersetzung zu forcieren \u2013 im Interesse der gesamten Klasse.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/11\/30\/omikron-zurueck-auf-los\/\"><em>arbeiterinnenmacht.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 1. Dezember 2021 <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jaqueline Katherina Singh. B.1.1.529 oder Omikron steht f\u00fcr eine Variante des Corona-Virus, die derzeit die gesamte Welt den Atem anhalten l\u00e4sst. 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