{"id":10518,"date":"2021-12-10T15:35:09","date_gmt":"2021-12-10T13:35:09","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10518"},"modified":"2021-12-10T15:35:10","modified_gmt":"2021-12-10T13:35:10","slug":"boykott-und-pandemie-kubas-gesundheitswesen-im-stresstest","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10518","title":{"rendered":"Boykott und Pandemie: Kubas Gesundheitswesen im Stresstest"},"content":{"rendered":"<p><em>Franco Cavalli. <\/em>Ohne Geld kein Arzt. Wer krank wurde und medizinische Hilfe ben\u00f6tigte, musste zahlen k\u00f6nnen. Die Gesundheitsversorgung auf Kuba war bis 1959 keinen Deut besser als in den anderen lateinamerikanischen L\u00e4ndern. Die wenigen \u00c4rzte arbeiteten vorwiegend in den St\u00e4dten, die Betreuung der l\u00e4ndlichen Bev\u00f6lkerung war praktisch inexistent. Als die Revolution\u00e4re mit der Verstaatlichung und Umstrukturierung der Medizin<!--more--> begannen, verlie\u00dfen innert eines Jahres die H\u00e4lfte der \u00c4rzte die Insel in Richtung Florida.<\/p>\n<p><strong>Kubanisches Gesundheitswesen als Modell<\/strong><\/p>\n<p>Heute gibt es auf der gr\u00f6\u00dften der karibischen Inseln mehr als 95.000 \u00c4rzte und \u00c4rztinnen, in Relation zur Bev\u00f6lkerung doppelt so viele wie in den USA. Kuba kann 20.000 \u00c4rzt:innen ins Ausland schicken, ohne die Versorgung der eigenen Bev\u00f6lkerung zu gef\u00e4hrden.<\/p>\n<p>2019 lag die mittlere Lebenserwartung auf Kuba mit knapp 79 Jahre ebenso hoch wie in den USA. Hinsichtlich der Neugeborenen-Sterblichkeit schneidet Kuba sogar besser ab. Die Weltgesundheitsorganisation empfahl das kubanische Gesundheitssystem als Modell, das zumindest in allen weniger entwickelten L\u00e4ndern \u00fcbernommen werden sollte.<\/p>\n<p>Die Erfolge erzielte Kuba trotz einer 60-j\u00e4hrigen Wirtschaftsblockade seitens der USA, die seine Wirtschaft Hunderte von Milliarden Dollar gekostet hat. Nach dem Untergang der Sowjetunion geriet Kubas Gesundheitssystem in die Krise. Wie in Industrie und Landwirtschaft standen auch in den Krankenh\u00e4usern Maschinen still. Es gab keine Ersatzteile, es fehlte an Medikamenten und Hilfsmitteln. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Kubas nahm innert eines Jahres um mehr als die H\u00e4lfte ab.<\/p>\n<p>Seit 1986 besuche ich fast j\u00e4hrlich Kuba und erlebte, wie damals w\u00e4hrend des sogenannten Per\u00edodo especial alle vierzehn Krebs-Bestrahlungszentren den Dienst einstellten. 1992 gr\u00fcndeten einige Schweizer \u00c4rzte den Verein mediCuba-Suisse und sp\u00e4ter mediCuba-Europa, um das kubanische Gesundheitssystem zu unterst\u00fctzen. Die beiden Vereine konnten seither Hilfsprojekte im Umfang von \u00fcber 20 Millionen Euro realisieren.<\/p>\n<p><strong>Gesundheit als Grundrecht<\/strong><\/p>\n<p>Die kubanische Verfassung von 2019 garantiert ein Grundrecht auf Gesundheit: \u201eDie \u00f6ffentliche Gesundheit ist ein Recht aller Personen. Es ist die Verantwortung des Staates, strukturell den Zugang, die Kostenlosigkeit und die Qualit\u00e4t, die f\u00fcr die Behandlung, den Schutz und die Rehabilitation notwendig sind, zu garantieren. Um dieses Grundrecht im t\u00e4glichen Leben zu organisieren, entwickelt der Staat ein Gesundheitssystem, das \u00fcberall und auf jedem Niveau f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung zug\u00e4nglich ist. Der Staat entwickelt aber auch Programme f\u00fcr die Gesundheitserziehung und die Vorsorge, wobei die Gesellschaft und die Familien ein Mitspracherecht haben.\u201c<\/p>\n<p>Seit der Revolution flie\u00dft durchschnittlich ein Drittel der kubanischen Staatsausgaben ins Gesundheitssystem. Vertreter kubanischer Beh\u00f6rden erkl\u00e4ren das Recht auf Gesundheit und Leben zum wichtigsten aller Menschenrechte \u2013 im Gegensatz zu L\u00e4ndern, die Gesundheit zur Ware gemacht und das Gesundheitssystem auf Konkurrenz getrimmt haben.<\/p>\n<p><strong>Struktur und Entwicklung des Gesundheitswesens<\/strong><\/p>\n<p>Eine zentrale Rolle im kubanischen Gesundheitswesen kommt den Familien\u00e4rzt:innen zu, die f\u00fcr je 150 bis 200 Familien verantwortlich sind. Jede betreute Person muss mindestens einmal pro Jahr vom zust\u00e4ndigen Arzt oder der zust\u00e4ndigen \u00c4rztin untersucht werden. Menschen, die nicht in die Arztpraxis gehen k\u00f6nnen, werden vom \u00e4rztlichen Personal aufgesucht. Zudem m\u00fcssen die \u00c4rzt:innen wenigstens alle zwei Jahre die Familien zuhause besuchen und die Lebensbedingungen und hygienischen Verh\u00e4ltnisse beurteilen.<\/p>\n<p>Schon w\u00e4hrend des Studiums werden die k\u00fcnftigen Mediziner:innen auf Grundversorgung als die wichtigste Aufgabe trainiert. W\u00e4hrend der sechsj\u00e4hrigen Ausbildung m\u00fcssen die Studierenden einmal die Woche in einem bestimmten Bezirk von Haus zu Haus gehen, um die Menschen mit pr\u00e4ventiven Ma\u00dfnahmen gegen Infektionen und Durchfallerkrankungen vertraut zu machen.<\/p>\n<p>In Kuba wird die medizinische Grundversorgung \u201eMedicina general integral\u201c genannt: Es wird versucht, alles, inklusive traditioneller Heilmittel und alternativer Behandlungen, zu integrieren. Der Schwerpunkt liegt auf der Pr\u00e4vention. Kuba ist das einzige lateinamerikanische Land, in dem die Tumorvorsorge wirklich funktioniert. Auch das promovierte medizinische Personal, hat vor der Spezialisierung mindestens ein Jahr in der Grundversorgung gearbeitet.<\/p>\n<p>Das kubanische Gesundheitswesen ist gradlinig organisiert. Nach der Grundversorgung kommen als n\u00e4chste Stufe die Polikliniken, wo Fach\u00e4rzt:innen arbeiten und die n\u00f6tigsten diagnostischen Ger\u00e4te wie Ultraschall- und R\u00f6ntgenapparate, selten Computertomographen, stehen. Jede Poliklinik ist f\u00fcr 25 bis 50 Familien\u00e4rzt:innen zust\u00e4ndig, also im Schnitt f\u00fcr 20.000 bis 50.000 Personen. Ben\u00f6tigen die Patient:innen eine noch spezialisiertere Diagnostik oder Behandlung, werden sie an die zust\u00e4ndigen Universit\u00e4tsspit\u00e4ler oder an die nationalen Fachzentren (Onkologie, Kardiologie usw.) \u00fcberwiesen, die die terti\u00e4re Stufe darstellen.<\/p>\n<p><strong>\u00c4rztliches Ethos in der Krise<\/strong><\/p>\n<p>Viele junge Leute aus dem Ausland lassen sich in Havanna zu Medizinern ausbilden. An der 1999 gegr\u00fcndete Escuela Latinoamericana de Medicina (ELAM) haben bis heute etwa 30.000 Medizinstudierende aus \u00fcber achtzig L\u00e4ndern ein Studium absolviert. Wohnen, Verpflegung und Lernmaterial sind f\u00fcr sie weitgehend kostenlos. Auch etwa 250 Studierende aus den USA haben sich an der ELAM ausbilden lassen.<\/p>\n<p>Das kubanische Gesundheitswesen hat verschiedene Etappen durchlaufen. W\u00e4hrend der ersten Phase nach dem Sieg der Revolution wurde mit breit angelegten Kampagnen versucht, vor allem Infektionen, t\u00f6dliche Durchfallkrankheiten und schwere Ern\u00e4hrungsdefizite unter Kontrolle zu bringen. Erst in den 1980er und 1990er Jahren wurde schrittweise das System der Medicina general integral realisiert. Vor 1990 konnte ich beobachten, wie h\u00e4ufig Behandlungen ohne R\u00fccksicht auf ihre Kosten, vor allem auf der terti\u00e4ren Stufe, durchgef\u00fchrt wurden. W\u00e4hrend des Per\u00edodo especial aber musste rationalisiert werden. Fortan lie\u00df sich Kuba die Hilfsleistungen seiner im Ausland t\u00e4tigen Mediziner:innen bezahlen, zumindest von L\u00e4ndern, die es sich leisten konnten. Ein Drittel des Geldes zuz\u00fcglich ihres Gehalts in Kuba bekommen die \u00c4rzt:innen, das technische Personal und die Pflegekr\u00e4fte. Der Rest des Geldes geht an den kubanischen Staat, f\u00fcr den der Medizinexport auch Devisenquelle ist und rund elf Milliarden Dollar im Jahr erl\u00f6st. Zurzeit unterh\u00e4lt Kuba \u00e4rztliche Missionen in etwa sechzig L\u00e4ndern. Auf Grund der Zunahme solcher Auslandsmissionen, wurde in den letzten zehn Jahren das Pflichtenheft der in Kuba verbleibenden Mediziner:innen erheblich erweitert, und zwar ohne Lohnausgleich, was zu verbreitetem Missmut f\u00fchrte.<\/p>\n<p><strong>Pandemie<\/strong><\/p>\n<p>Die Pandemie hat Kuba wirtschaftlich hart getroffen. Die zwei wichtigsten Einnahmequellen sind versiegt: Die Touristen \u2013 2019 hatte Kuba mehr als vier Millionen Besucher:innen \u2013 und die \u00dcberweisungen der in den USA lebenden Kubaner:innen an ihre Familien. Die Trump-Regierung hat den Geldtransfer mit verschiedenen Ma\u00dfnahmen unterbunden, um den Inselstaat zu strangulieren.<\/p>\n<p>Mitte November 2020 konnte ich als Pr\u00e4sident von mediCuba-Europa nach Kuba fliegen und stellte fest, dass es dort auf eine fast unglaubliche Art gelungen war, die Pandemie in Schach zu halten. Im Vergleich zum \u00e4hnlich stark bev\u00f6lkerten Belgien verzeichnete Kuba damals nur ein Hundertstel an Todesf\u00e4llen \u2013 Ergebnis seines gut organisierten, auf Pr\u00e4vention ausgerichteten Gesundheitssystems. Ich habe auf Havannas Stra\u00dfen keine einzige Person ohne Maske gesehen. Beim Betreten eines Geb\u00e4udes stand immer jemand bereit, die Temperatur zu messen und H\u00e4nde und Schuhe zu desinfizieren.<\/p>\n<p>Alle positiv getesteten Personen wurden in ein Krankenhaus eingewiesen und erst nach zwei Wochen und bei Vorliegen eines negativen Testergebnisses entlassen. F\u00fcr Personen, die mit coronainfizierten Personen in Kontakt gekommen waren oder in engen Wohnverh\u00e4ltnissen lebten, wurden Quarant\u00e4nezentren eingerichtet. Diejenigen, die sich zuhause in Quarant\u00e4ne befanden, wurden t\u00e4glich von einer medizinischen Fach- oder Pflegeperson besucht. Symptomfreie Corona-Patient:innen, Personen in Quarant\u00e4ne und das medizinische Personal wurden t\u00e4glich prophylaktisch mit in Kuba entwickelten Medikamenten behandelt, die der St\u00e4rkung der Immunabwehr dienen sollten.<\/p>\n<p>Kuba hat eigene Impfstoffe gegen SARS-CoV-2 entwickelt. F\u00fcr die wichtigsten, Soberana 2 und Abdala, wurden die klinischen Pr\u00fcfungen im April mit sehr guten Resultaten abgeschlossen. Etwa\u00a092\u00a0beziehungsweise 94 Prozent\u00a0der geimpften Probanden wurden gesch\u00fctzt. Ende Juli war mehr als ein Viertel der Bev\u00f6lkerung mit den kubanischen Impfstoffen voll geimpft worden.<\/p>\n<p>Kuba kann eine eindrucksvolle Geschichte der Entwicklung von biotechnologischen Produkten und Impfstoffen vorweisen. Mit dem Entscheid, Interferon zu produzieren, leitete Fidel Castro 1983 die Entwicklung der kubanischen Biotechnologie ein, die sich heute mit derjenigen entwickelter westlicher L\u00e4nder messen kann. So wurde etwa der erste Impfstoff gegen die Meningokokken-B, dem Erreger der meisten F\u00e4lle von bakteriell bedingten Hirnhautentz\u00fcndungen, auf der Karibikinsel entwickelt. Im Forschungspool Havanna sind heute mehr als 20.000 Personen t\u00e4tig.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Menschen auf Kuba sind dreizehn verschiedene Impfungen obligatorisch. Die meisten der dazu ben\u00f6tigten Impfstoffe werden im Land produziert. Zurzeit werden weltweit mehr als f\u00fcnfzig verschiedene Impfstoffe gegen das neue Coronavirus getestet, einige sind bereits eingesetzt: Sie unterscheiden sich in ihrem Wirkungsmechanismus kaum, jedoch in der Technologie ihrer Herstellung. Die neuen von Pfizer und Moderna entwickelten mRNA-Impfstoffe erfordern eine aufwendige K\u00fchlkette, was den Einsatz in armen L\u00e4ndern nahezu unm\u00f6glich macht. Die kubanischen Impfstoffe scheinen auch bei h\u00f6heren Temperaturen von zwei bis sechs und sieben Grad stabil zu bleiben. Aufgrund dieser Eigenschaft und ihres g\u00fcnstigen Preises d\u00fcrften die kubanischen Impfstoffe vor allem f\u00fcr die lateinamerikanischen L\u00e4nder von Bedeutung sein.<\/p>\n<p><strong>Die jetzigen Probleme<\/strong><\/p>\n<p>Nach dem Zerfall der Sowjetunion konnte sich Kuba nur retten, indem es sich dem Tourismus \u00f6ffnete mit der Folge, dass geringqualifizierte Angestellte in der Tourismusbranche bald mehr verdienten als die \u00c4rzte- oder Lehrerschaft. Man sch\u00e4tzt, dass zurzeit zehn bis zw\u00f6lf Prozent der kubanischen \u00c4rzt:innen in ausl\u00e4ndischen Missionen nicht auf die Insel zur\u00fcckkehren. Nachdem Kuba seine Grenzen ge\u00f6ffnet hat, werden vor allem Spezial\u00e4rzt:innen mit lukrativen Offerten abgeworben. Solchen Brain Drain k\u00f6nnen die ausl\u00e4ndischen \u00c4rzt:innen, die nach einer Promotion an der ELAM in Kuba bleiben, nicht kompensieren. Setzte sich die Entwicklung fort, w\u00fcrde nicht nur das kubanische Gesundheitswesen leiden, sondern auch die Bev\u00f6lkerung vieler L\u00e4nder, die heute von den kubanischen medizinischen Missionen profitieren.<\/p>\n<p>Zurzeit durchlebt das Land die schwerste Rezession der vergangenen 30 Jahre. Das BIP ist 2020 um mindestens elf Prozent eingebrochen. Die Deviseneinnahmen schrumpften auf knapp die H\u00e4lfte des erwarteten Wertes, weshalb die Importe um 40 Prozent niedriger ausfielen als geplant. Die Lage k\u00f6nnte sich kurzfristig durch die am 1. Januar 2021 in Kraft getretene W\u00e4hrungsreform noch verschlechtern. Die sozialistische Insel kehrt nach mehr als 25 Jahren zu einer einzigen Landesw\u00e4hrung zur\u00fcck. Mit der damit verbundenen Abwertung des Peso hat sich das gesamte Lohn- und Preisgef\u00fcge ver\u00e4ndert, mit Folgen f\u00fcr Haushalte und Unternehmen, die noch nicht abzusch\u00e4tzen sind. Das betrifft auch den Gesundheitssektor, unter dessen Besch\u00e4ftigten die Unzufriedenheit zunimmt.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.lunapark21.net\/boykott-und-pandemie\/\"><em>lunapark21.net&#8230;<\/em><\/a><em> vom 10. Dezember 2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Franco Cavalli. Ohne Geld kein Arzt. Wer krank wurde und medizinische Hilfe ben\u00f6tigte, musste zahlen k\u00f6nnen. Die Gesundheitsversorgung auf Kuba war bis 1959 keinen Deut besser als in den anderen lateinamerikanischen L\u00e4ndern. 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