{"id":10546,"date":"2021-12-15T11:13:46","date_gmt":"2021-12-15T09:13:46","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10546"},"modified":"2021-12-15T11:13:47","modified_gmt":"2021-12-15T09:13:47","slug":"impfdebatte-solidaritaet-und-klassenkampf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10546","title":{"rendered":"Impfdebatte, Solidarit\u00e4t und Klassenkampf"},"content":{"rendered":"<p><em>Peter Nowak. <\/em><strong>Weder der harte Kern der Impfgegner noch diejenigen, die am lautesten Ungeimpfte verurteilen, sind mehrheitlich arm. Bildungsb\u00fcrgerliche Klischees dominieren.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Jetzt wird es wohl als gro\u00dfer Sieg in der \u00d6ffentlichkeitsarbeit f\u00fcr die Impfkampagne dargestellt, dass sich der Fu\u00dfballspieler\u00a0<a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/sport\/2021-12\/joshua-kimmich-corona-impfung-kritik\">Joshua Kimmich nach einer Corona-Infektion doch noch impfen l\u00e4sst<\/a>. Die Frage bleibt da nat\u00fcrlich, ob sich Kimmich der Logik guter Argumente, der eigenen Erfahrung mit dem Virus oder dem Druck von Teilen der \u00d6ffentlichkeit und des Vereins gebeugt hat.<\/p>\n<p>Doch g\u00e4be es auch so viel Lob, wenn nicht ein bekannter Fu\u00dfballspieler, sondern ein unbekannter Erwerbsloser sich nach langem Widerstand zur Impfung entschlossen h\u00e4tte? Nachdem das Ungeimpftsein schon durch die vor\u00fcbergehende Abschaffung kostenloser Tests verteuert worden war, bis die Inzidenzen immer deutlicher stiegen?<\/p>\n<p>Denn auch die Debatte \u00fcber das Impfen findet nat\u00fcrlich in einer Klassengesellschaft statt, auch wenn das bei aller volksgemeinschaftlichen Rhetorik, die in der Pandemie besonderes Konjunktur hat, gerne vergessen wird. Denn da wird ja besonders vor der Spaltung der Gesellschaft gewarnt.<\/p>\n<p>So soll vergessen gemacht werden, dass die kapitalistische Gesellschaft schon strukturell gespalten ist \u2013 mindestens in die vielen Menschen, die ihre Arbeitskraft zu einem oft immer schlechteren Preis verkaufen m\u00fcssen und denen, die diese Arbeitskraft kaufen.<\/p>\n<p>Daran \u00e4ndert sich durch Corona nichts, es wird in dieser Zeit nur besonders deutlich. Daran erinnerte gerade der Publizist\u00a0<a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/cbaron\/politik-der-hochmuetigen\">Christian Baron in der Wochenzeitung\u00a0<em>Freitag<\/em><\/a><em>:<\/em><\/p>\n<p><em>Noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik war die Verachtung der Armen so salonf\u00e4hig wie in der aktuellen Pandemie. Fast alle Debatten um Impfpflicht, 2G oder Lockdown kommen ohne die Perspektive derer aus, die unter den Ma\u00dfnahmen am meisten leiden: Erwerbslose, Niedrigl\u00f6hnerinnen, Wohnungslose, Scheinselbstst\u00e4ndige, Gefl\u00fcchtete, Armutsrentner \u2013 Menschen eben, die auf engem Raum und mit wenig Gesundheitsschutz leben.<\/em><\/p>\n<p><em>F\u00fcr sie sind die Einschr\u00e4nkungen, auf deren Ertragen sich die sogenannte b\u00fcrgerliche Mitte so viel einbildet, schon immer die Normalit\u00e4t. Reisefreiheit gibt es f\u00fcr \u00f6konomisch Schwache auch ohne Corona nicht, ebenso wie Restaurant-, Theater-, Club- oder Kinobesuche.<\/em><\/p>\n<p><em>Christian Baron<\/em><\/p>\n<p>Man kann Baron, der sich mit dem Roman\u00a0<a href=\"https:\/\/www.ullstein-buchverlage.de\/nc\/buch\/details\/ein-mann-seiner-klasse-9783546100007.html\">&#8222;Ein Mann seiner Klasse&#8220;<\/a>\u00a0eine zentrale Rolle in der Debatte um eine neue Klassenpolitik erspielt und sich zuvor in dem Buch\u00a0<a href=\"https:\/\/www.eulenspiegel.com\/verlage\/das-neue-berlin\/titel\/kein-herz-fuer-arbeiter.html\">&#8222;Proleten, P\u00f6bel, Parasiten<\/a>\u00a0<a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Wird-die-Rechte-stark-weil-die-Linke-die-Arbeiter-verachtet-3452409.html?seite=all\">mit der Verachtung der Armen befasste,<\/a>\u00a0sicher vorwerfen, dass er mit seiner Diagnose \u00fcber die Verachtung der Armen in der Pandemie etwas \u00fcberzeichnet. So ist die Aussage, dass sich \u00f6konomisch Schwache auch ohne Corona keine Restaurant-, Club- oder Kinobesuche leisten k\u00f6nnen, wohl zugespitzt.<\/p>\n<p><strong>Wer braucht die soziale Infrastruktur?<\/strong><\/p>\n<p>Allerdings ist richtig, dass sie sich solche Besuche nur sehr begrenzt erlauben k\u00f6nnen. Dass die Pl\u00e4tze vor den Sp\u00e4tkaufl\u00e4den oft voll sind, liegt auch daran, dass es eben um eine preisg\u00fcnstigere Alternative zu einem Kneipenbesuch handelt. Baron hat recht mit der Feststellung, dass Menschen mit wenig Geld auf die soziale Infrastruktur, sei es Schwimmbad oder Bibliothek, viel st\u00e4rker als Menschen mit viel Geld angewiesen sind \u2013 und daher mehr darunter leiden, wenn diese Einrichtungen geschlossen sind.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich sind die Reichen auch nicht auf \u00f6ffentlichen Nahverkehr angewiesen, sie rufen eben ein Taxi, was Menschen mit geringen Einkommen nicht m\u00f6glich ist. Auch die Kolumnistin bei der Tageszeitung\u00a0<em>Neues Deutschland<\/em>, Jeja Klein, hat in einem Beitrag unter der \u00dcberschrift\u00a0<a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1158792.corona-und-das-bildungsbuergertum-die-pandemie-der-gebildeten.html\">&#8222;Pandemie der Gebildeten&#8220;<\/a>\u00a0auf die klassenpolitischen Aspekte der Corona-Debatten aufmerksam gemacht.<\/p>\n<p>Dort kritisiert sie vor allem, dass das aufgekl\u00e4rte und selbstverst\u00e4ndlich schon geboosterte liberale B\u00fcrgertum lieber verbal auf die Impfgegner eindrischt, als nach den gesellschaftlichen Zust\u00e4nden zu fragen, die verhindern, dass das Gesundheitssystem besser ausgestattet wird.<\/p>\n<p><em>Es gibt also keine &#8222;Pandemie der Ungeimpften&#8220;. Was es gibt, ist eine Pandemie der Gebildeten. Sie haben ihre Bildung vor den Karren der zum Prinzip erhobenen R\u00fccksichtslosigkeit des Marktes gespannt und wissen sich in der selbst herbeigef\u00fchrten Katastrophe nicht besser zu helfen, als zu gewohnten Reflexen zu greifen: nach unten treten.<\/em><\/p>\n<p><em>Jeja Klein, Neues Deutschland<\/em><\/p>\n<p>Klein hat sich auch bem\u00fcht, in den angeblichen Impfgegnern oder Impfverweigern nicht nur potentielle Gefahren f\u00fcr die Gesundheit zu sehen. Sie wei\u00df, dass es nicht wenige Menschen gibt, die eben keine Zeitung lesen, den Staat vorwiegend als strafende Autorit\u00e4t in Uniform, als Sachbearbeiter im Jobcenter oder in Asylverfahren kennen und darum allen Grund haben, niemandem zu trauen, au\u00dfer der eigenen, \u00fcberschaubaren Welt.<\/p>\n<p>Hier wird tats\u00e4chlich mal versucht, die Impffrage aus den unterschiedlichen Lebensrealit\u00e4ten von Menschen zu erkl\u00e4ren. Klein wurde daf\u00fcr kritisiert, dass sie unterstellt, dass Impfgegner oder Impfverweigerer vornehmlich in einkommensschwachen Kreisen zu finden sind. Dabei g\u00e4be es doch Impfverweigerer auch unter Wohlhabenden. Das ist sicher richtig \u2013 gerade Waldorfschulen, die ja Schulgeld kosten,\u00a0<a href=\"https:\/\/www.br.de\/nachrichten\/bayern\/wie-die-waldorf-bewegung-mit-corona-verharmlosern-kaempft,SVyJA5P\">sind sogar bei generellen Impfgegnern beliebt<\/a>\u00a0und m\u00fcssen h\u00e4ufiger Masern-Ausbr\u00fcche melden als andere Einrichtungen.<\/p>\n<p>Allerdings stimmt das Bild, dass die Staatsapparate in der Corona-Pandemie das Bild von prek\u00e4ren, unverantwortlichen Impfverweigern zeichnen.<\/p>\n<p><strong>Selektiver Solidarit\u00e4tsbegriff<\/strong><\/p>\n<p>Ihnen wird vorgeworfen, sie seien unsolidarisch mit ihren Mitmenschen, wenn sie sich nicht impfen lie\u00dfen. Das zeugt von einem sehr selektiven und beliebigen Umgang mit dem Begriff der Solidarit\u00e4t, der seit Beginn der Pandemie zu beobachten ist: Jeder Einzelne soll jetzt solidarisch sein, indem er sich streng an das Corona-Regime h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Wie Baron kritisiert, klagt heute der gutturalisierte Mittelstand \u00fcber die Entsolidarisierung der Gesellschaft \u2013 und meint damit nicht das kaputtgesparte Gesundheitssystem, sondern die Impfverweigerer. Mit diesen unterschiedlichen Begriffen von Solidarit\u00e4t in der Pandemie befasst sich auch das Buch\u00a0<a href=\"https:\/\/www.mandelbaum.at\/buecher\/corona-monitor\/corona-und-gesellschaft\/\">&#8222;Corona und Gesellschaft&#8220;<\/a>, das k\u00fcrzlich im Mandelbaum-Verlag erschienen ist und sich mit sozialen K\u00e4mpfen in Corona-Zeiten befasst.<\/p>\n<p>Gleich im ersten Kapitel befassen sich die Herausgeber, linke Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die ihren Arbeitskreis &#8222;Corona-Monitor&#8220; nennen und die Pandemie-Politik seit M\u00e4rz 2020 beobachten, mit einer exklusiven Solidarit\u00e4t, die nur einer bestimmten, eng begrenzten Gruppe zugutekomme. Demnach ist der Appell &#8222;Stay at Home&#8220; ein Beispiel f\u00fcr diese exklusive Solidarit\u00e4t, weil sie Menschen, die gar kein Zuhause haben, in dem sie bleiben k\u00f6nnen, damit ausgrenzt \u2013 und Menschen, die in beengten Verh\u00e4ltnissen leben, die Wohnung aber teilweise zumindest zur Arbeit verlassen m\u00fcssen, nur sehr bedingt sch\u00fctzt.<\/p>\n<p>Der Leipziger Sozialwissenschaftler Leon Roser Reichle befasst sich in seinem Beitrag mit verschiedenen Aktionen von nachbarschaftlicher Solidarit\u00e4t, die vor allem in den ersten Wochen der Pandemie boomte. Dabei unterscheidet er drei Arten von Solidarit\u00e4t: die gef\u00fchlte moralische Verpflichtung, die jede gesellschaftskritische Komponente ausblendet, Solidarit\u00e4t als politische Praxis, oft in enger Kooperation mit der Politik oder Solidarit\u00e4t als Kampfprozess, der die Gesellschaft ver\u00e4ndern soll.<\/p>\n<p>Vor allem linke Stadtgruppen setzten nat\u00fcrlich auf die dritte Form. Aber auch in linken Initiativen finden sich die unterschiedlichen Formen von Solidarit\u00e4t oft unvermittelt nebeneinander.<\/p>\n<p><em>#Titelbild: <\/em><em>Statt gesamtgesellschaftlicher Perspektiven dominiert der anklagende Blick auf das ungeimpfte Individuum.\u00a0<\/em><a href=\"https:\/\/pixabay.com\/de\/illustrations\/covid-19-coronavirus-abstand-5152310\/\"><em>Symbolbild: Gerd Altmann auf Pixabay (Public Domain)<\/em><\/a><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Impfdebatte-Solidaritaet-und-Klassenkampf-6294489.html\"><em>heise.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 15. Dezember 2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Peter Nowak. Weder der harte Kern der Impfgegner noch diejenigen, die am lautesten Ungeimpfte verurteilen, sind mehrheitlich arm. 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