{"id":10553,"date":"2021-12-16T11:54:56","date_gmt":"2021-12-16T09:54:56","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10553"},"modified":"2021-12-16T11:54:57","modified_gmt":"2021-12-16T09:54:57","slug":"frauen-in-afghanistan-interview-mit-nancy-lindisfarne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10553","title":{"rendered":"Frauen in Afghanistan \u2013 Interview mit Nancy Lindisfarne"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Anthropologin Nancy Lindisfarne besch\u00e4ftigt sich mit Geschlechterverh\u00e4ltnissen vor allem in islamisch gepr\u00e4gten L\u00e4ndern. In den 1970er Jahren verbrachte sie einige Zeit in Afghanistan und lebte mit den Paschtunen. Daraus entstanden u.a. die B\u00fccher\u00a0<em>Bartered Brides: Politics, Gender and Marriage in an Afghan Tribal Society<\/em>\u00a0(1991) und\u00a0<em>Afghan Village Voices<\/em>\u00a0(mit Richard Tapper, 2020). Zusammen mit Jonathan Neale<\/strong><!--more--><strong> betreibt Lindisfarne den Blog\u00a0<\/strong><a href=\"https:\/\/annebonnypirate.org\/\"><strong>annebonnypirate.org<\/strong><\/a><strong>\u00a0. Au\u00dferdem erschienen ist die Kurzgeschichtensammlung\u00a0<em>Dancing in Damascus<\/em>.\u00a0<em>Linkswende jetzt<\/em>\u00a0sprach mit ihr \u00fcber die Situation von Frauen in Afghanistan.<\/strong><\/p>\n<p><strong>&#8212;&#8212;- <\/strong><\/p>\n<p><strong>Seit die Taliban in Afghanistan die Macht \u00fcbernommen haben, r\u00fcckt die Lage der afghanischen Frauen wieder in den Fokus. Wie sieht diese Situation aktuell konkret aus?<\/strong><\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen zun\u00e4chst verstehen, was tats\u00e4chlich mit den Taliban und der Niederlage der USA passiert ist, milit\u00e4risch und politisch. Wir haben also eine Gruppe von Leuten, die einen Guerillakrieg gef\u00fchrt und tats\u00e4chlich eine Regierung \u00fcbernommen haben, mit der Idee einen Staat zu regieren aber weiterhin undemokratisch zu sein. Und das h\u00e4tten sie nicht ohne die Unterst\u00fctzung der Bev\u00f6lkerung geschafft \u2013 niemand gewinnt einen Guerillakrieg ohne diese Unterst\u00fctzung, schon gar nicht, wenn die Macht so ungleich verteilt ist. Und das bedeutet, dass die Menschen entschieden haben, dass die Taliban die bessere Wahl sind, als entweder die Besatzungsregierung oder die Warlords.<\/p>\n<p>In Afghanistan leben \u00fcber 80 Prozent der Bev\u00f6lkerung in l\u00e4ndlichen Gegenden, in Kleinst\u00e4dten oder D\u00f6rfern. Die breite Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Taliban kommt von M\u00e4nnern ebenso wie von Frauen. Das liegt nicht daran, dass die Taliban von der afghanischen Bev\u00f6lkerung so tief geliebt werden, sondern einfach daran, dass sie mit ihnen bessere Erfahrungen gemacht haben als mit der Grausamkeit und Korruption der amerikanischen Regierung. Die Situation ist aus vielen verschiedenen Gr\u00fcnden enorm prek\u00e4r und wir k\u00f6nnen nicht \u00fcber Frauen sprechen ohne \u00fcber die gesamte Bev\u00f6lkerung zu sprechen. Dass die amerikanische Besatzung und die Regierung von Ashraf Ghani verloren haben, ihr grausames Vorgehen und die Korruption, all das betrifft das ganze Land. Du kannst keinen Krieg f\u00fchren, Bomben abwerfen und Drohnen schicken und nur die K\u00e4mpfer t\u00f6ten.<\/p>\n<p>Die Menschen befinden sich in einer schrecklichen Situation. Die Amerikaner wurden gedem\u00fctigt, und eines der schrecklichen Dinge, die sie nach einer Niederlage tun, ist es, sich zu r\u00e4chen, indem sie Sanktionen als Strafe verh\u00e4ngen. Sie haben das in Vietnam gemacht, im Iran, im Irak und in Kuba. Die Sanktionen werden die Arbeit von Hilfsorganisationen enorm erschweren. Viele Menschen in den St\u00e4dten arbeiteten f\u00fcr die Besatzung, ihre Arbeitspl\u00e4tze und damit ihr Geld fallen nun weg. Gleichzeitig befindet sich die l\u00e4ndliche Bev\u00f6lkerung kurz vor dem Hungertod.<\/p>\n<p>Die Klimaerw\u00e4rmung ist in Afghanistan seit Jahrzehnten sp\u00fcrbar, es herrschen enorme Hitze und D\u00fcrre. Das bedeutet Hunger. Ein Land, das auf Geld und Nahrungsmittelhilfe durch die Besatzung angewiesen war, wird jetzt sich selbst \u00fcberlassen. In ihrem Rachebestreben hoffen die USA nun, dass Afghanistan im Chaos versinkt, denn keine Regierung ist erfolgreich, wenn sie nicht in der Lage ist, die Bev\u00f6lkerung zu ern\u00e4hren. In diesem Chaos wird es erneut einen B\u00fcrgerkrieg geben, den die Taliban verlieren werden. Dann k\u00f6nnen die USA sagen: Seht her, sie haben versagt.<\/p>\n<p>Die andere Perspektive \u2013 die positive, wenn man so will \u2013 ist, dass die Taliban, auch wenn sie keine Demokraten sind, bisher bewiesen haben, dass sie nicht korrupt sind, und dass sie den Versuch einer stabilen Regierung ernst meinen. Ob sie das unter diesen Umst\u00e4nden schaffen, ist schwer zu sagen. Dass die umliegenden Staaten keinen er\u00adneuten B\u00fcrgerkrieg wollen, k\u00f6nnte ihnen helfen.. Das f\u00fchrte in der Vergangenheit zu massiven Fl\u00fcchtlingsstr\u00f6men in den Iran und nach Pakistan und au\u00dferdem zu radikalisierten islamistischen Gruppen. Auch Russland will das nicht und China ist interessiert daran, Afghanistan in Stra\u00dfenprojekte quer durch Asien und den Balkan zu integrieren. Es k\u00f6nnte also sein, dass eben diese Staaten \u2013 Pakistan, Iran, Russland, China \u2013 die notwendigen Hilfsleistungen zur Verf\u00fcgung stellen.<\/p>\n<p><strong>Wenn wir \u00fcber die Taliban sprechen, sprechen wir dann \u00fcber eine Gruppe von ausschlie\u00dflich m\u00e4nnlichen Mitgliedern oder sind auch Frauen aktiv an den K\u00e4mpfen beteiligt?<\/strong><\/p>\n<p>Die Taliban sind ohne Zweifel Sexisten. Aber ich wei\u00df es ganz einfach nicht. Im New Yorker erschien k\u00fcrzlich ein toller Artikel von Anand Gopal, er hei\u00dft \u201eThe Other Afghan Women\u201c. Er reiste f\u00fcr etwa sechs Monate durchs Land und interviewte Frauen in den l\u00e4ndlichen Gegenden. Er fragte sie nach ihrem Leben, sie waren alle etwa 40, 50 Jahre alt. Diese 40 Jahre hindurch befand Afghanistan sich im Krieg, und diese Frauen sind sich v\u00f6llig im Klaren \u00fcber die Auswirkungen von Besatzungen, der Sowjetunion, des B\u00fcrgerkriegs, den Taliban, den Amerikanern und nun wieder den Taliban. Soweit ich wei\u00df, rennen keine Frauen mit schweren Waffen herum, aber diese Frauen k\u00e4mpfen trotzdem. Sie unterst\u00fctzen K\u00e4mpfer, besch\u00fctzen die Kinder, verstecken Menschen und sorgen f\u00fcr die Ernte.<\/p>\n<p>Man muss erst einmal verstehen, wie unglaublich gro\u00df die Armut in diesem Land ist und wie sehr alle wirklich an einem Strang ziehen m\u00fcssen. Als ich vor langer Zeit Feldforschung in Afghanistan betrieb, sah ich, dass f\u00fcr die Paschtunen die Zusammenarbeit das wichtigste war. Sonst w\u00e4ren sie verhungert, ihr Land und ihr Vieh w\u00e4ren gestohlen worden. Diese Verletzlichkeit braucht den Zusammenhalt. Das ist also ein wichtigeres Verst\u00e4ndnis, als nur an bewaffnete K\u00e4mpferinnen zu denken, wie zum Beispiel die kurdischen Frauen.<\/p>\n<p><strong>Die US-Invasion in Afghanistan 2001 wurde nicht nur zum \u201eKrieg gegen den Terror\u201c, sondern auch zum Befreiungsakt afghanischer Frauen erkl\u00e4rt. Was hat sich w\u00e4hrend der US-Invasion ge\u00e4ndert? Gab es tats\u00e4chlich eine Frauenbefreiung oder war das haupts\u00e4chlich westliche Propaganda?<\/strong><\/p>\n<p>Es war definitiv eine Entschuldigung, eine Sammlung von Stereotypen um den Krieg zu verkaufen. Aber das begann viel fr\u00fcher. Es gab einen Putsch 1973 und dann einen kommunistischen Putsch 1978. Die Kommunisten wollten Frauenrechte und Landreformen, sie hatten gute Ideen. Aber sie waren auch die gebildeten Leute aus Kabul und anderen St\u00e4dten. Die l\u00e4ndliche Bev\u00f6lkerung konnten sie nicht erreichen und \u00fcberzeugen. Um ihre Ziele zu erreichen, setzten sie Gewalt ein und schlie\u00dflich kam die Sowjetunion und besetzte Afghanistan, um die Kommunisten zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>Es folgten Jahre des Horrors. Eine Million Menschen wurden ermordet, eine weitere Million verst\u00fcmmelt, sechs Millionen Menschen flohen nach Pakistan und den Iran, drei bis vier Millionen waren innerhalb des Landes auf der Flucht. Und das in einem Land mit 25 Millionen Einwohnern. Unter dem Strich hei\u00dft das, dass die Leute, die Frauenbefreiung und Landreformen forderten, mit ungeheurer Gewalt in Verbindung stehen und das hat die Idee des Feminismus kontaminiert.<\/p>\n<p>In den fr\u00fchen 90ern unterst\u00fctzten die USA die Taliban. Der Sexismus war immer da, aber tats\u00e4chlich brachten sie Frieden ins Land. Sie machten die Stra\u00dfen sicher und beendeten den B\u00fcrgerkrieg. Aber sie waren auch eine nationale Befreiungsbewegung, die von den Amerikanern nicht kontrolliert werden konnte. Und in diesem Moment, etwa um 1996, begann die Verbreitung dieser Stereotype \u00fcber die barbarischen, wilden Taliban, kaum menschlich, Monster, und \u00fcber die passiven afghanischen Frauen, die gerettet werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Es war also rund vier Jahre vor 9\/11, dass diese Stereotype verbreitet wurden, um die Taliban loszuwerden. Einige Wochen nachdem Bush den Krieg in Afghanistan begonnen hat, hielten seine Frau Laura Bush und Cherie Blair, die Ehefrau von Tony Blair, Reden \u00fcber die Befreiung der afghanischen Frauen. Man braucht einen Vorwand f\u00fcr einen solchen unmoralischen Angriff, f\u00fcr solche Gewalt gegen ein Land. Von Anfang an hatten die USA ein riesiges Bombenlager angelegt. Wie rechtfertigt man das? Indem man die Befreiung der Frauen benutzt.<\/p>\n<p>Wir haben also die ganze Rhetorik von Frauenrechten, verbunden mit einer extrem gewaltt\u00e4tigen Besetzung. Also \u2013 hat es Frauen geholfen? Das kommt etwas darauf an, welche Frauen man meint. Denn offensichtlich gibt es Frauen aus der Mittelschicht, die mit den Besatzern zusammengearbeitet haben, einige von ihnen sind sicherlich echte Feministinnen, andere einfach nur Opportunistinnen. Die Besetzung dominierte einen so gro\u00dfen Teil des Lebens im ganzen Land, dass die Menschen Kompromisse eingehen und manche profitieren nat\u00fcrlich. Aber wenn man das Gesamte betrachtet, ergibt sich ein sehr gro\u00dfer Widerspruch, da das Gerede von Frauenrechten auch mit Gewalt verbunden ist. Das ist eine Trag\u00f6die f\u00fcr den Feminismus. Und es wird Menschen geben, Frauen und M\u00e4nner, da bin ich mir sicher, die wieder f\u00fcr die Rechte der Frauen k\u00e4mpfen werden, aber sie k\u00e4mpfen aus einer Position heraus, die durch diese lange Geschichte sehr besch\u00e4digt ist.<\/p>\n<p><strong>Gibt es im Moment irgendwelche aktiven feministischen Gruppen oder Bewegungen in Afghanistan?<\/strong><\/p>\n<p>Ich glaube nicht, aber ich bin mir sicher, dass es sehr viele Menschen gibt, die diese Ideen vertreten. Es gibt sie in den Fl\u00fcchtlingslagern in Pakistan und anderswo, es gibt sie nat\u00fcrlich in Afghanistan. Aber was sie im Moment tun k\u00f6nnen, ist sehr begrenzt.<\/p>\n<p><strong>In den Medien gab es in letzter Zeit viele Vergleiche der Situation der Frauen heute, unter den Taliban, und in den liberalen 1970er Jahren. Im Wesentlichen beschr\u00e4nkte sich das auf die Gegen\u00fcberstellung der Frau im Minirock und der Frau in Burka. Im Grunde ist diese Diskussion an sich ja schon sehr von Sexismus gepr\u00e4gt. Wie frei waren Frauen in den 60er und 70er Jahren wirklich?<\/strong><\/p>\n<p>Man muss hier \u00fcber soziale Klassen nachdenken. Zum einen war ein Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung Bauern, Hirten oder P\u00e4chter, also Bauern die nicht einmal eigenes Land bewirtschafteten, sondern f\u00fcr andere arbeiteten. Zum anderen gab es die Gro\u00dfgrundbesitzer, die Landlords, die diese landwirtschaftlich genutzten Gebiete kontrollierten. Und dann gab es noch eine kleine Mittelklasse, die dieselben W\u00fcnsche hatte wie alle in den 60ern und 70ern: Sex, Drugs und Rock\u2019n\u2019Roll, Bildung, Mitbestimmung und so weiter.<\/p>\n<p>Es gab also einen riesigen Spalt zwischen den Klassen. Es herrschten gro\u00dfartige Freiheiten in St\u00e4dten wie Kabul, und auch in den l\u00e4ndlichen Gegenden gab es mehr Bestrebungen nach Unabh\u00e4ngigkeit, als die meisten verstanden haben, jedoch eingeschr\u00e4nkter. Die Erfahrung w\u00e4hrend meiner Feldstudien war die: weil die \u00f6konomische Situation so prek\u00e4r war, konnten Frauen ihren eigenen Haushalt f\u00fchren und taten das auch manchmal. Ich kannte eine erstaunliche Frau, sie nahm mich bei sich auf, und sie war bekannt als Oberhaupt der Frauen. Sie nahm auch tats\u00e4chlich an den Diskussionen der Dorfvorsteher teil. Es gab einen viel gr\u00f6\u00dferen Spielraum f\u00fcr Partizipation, weil die Menschen jeden brauchten. Und ich denke, dies ist nicht die Art von Frauenrechten, die wir gerne h\u00e4tten, aber es gab keinen gro\u00dfen Unterschied zu den M\u00e4nnern, die in denselben Haushalten lebten. Und ich denke, das ist ziemlich wichtig, um die Unterdr\u00fcckung sowohl von M\u00e4nnern als auch Frauen unter diesen Umst\u00e4nden zu verstehen.<\/p>\n<p><strong>Du hast nicht nur in Afghanistan Feldforschung betrieben, sondern auch in vielen anderen islamisch gepr\u00e4gten L\u00e4ndern, zum Beispiel in Syrien. Siehst du Parallelen? Welche Rolle spielen Tradition und Religion?<\/strong><\/p>\n<p>Ich war zun\u00e4chst im Iran, dann in Afghanistan, danach in der T\u00fcrkei und in Syrien. Mein damaliger Partner Richard Tapper und ich hatten gehofft, dass wir noch einmal in dieselbe Gegend in Afghanistan zur\u00fcckkehren k\u00f6nnten, aber das war nach der russischen Invasion nicht mehr m\u00f6glich. Aber wir wollten den praktizierten Islam studieren, den Islam des Alltags. Wir wollten zu den Menschen in den D\u00f6rfern gehen, den Hirten, dort kannten wir uns schon aus und hatten Kontakte. Wir wollten wissen, was der Islam f\u00fcr diese Menschen bedeutet. Es gab beinahe keine Studien dieser Art im Mittleren Osten.<\/p>\n<p>Der Islam, den wir in Afghanistan kennenlernten, war sehr tolerant. Ich erinnere mich an eine Debatte: Manche glaubten, dass Menschen \u2013 vor allem Frauen \u2013 von b\u00f6sen Geistern bewohnt werden. Ich erinnere mich an eine ziemlich lange Diskussion mit einem Sufi Pir (spiritueller Meister im Sufismus), der eine Frau exorzieren sollte, von der man sagte, dass sie von einem Dschinn besessen sei. Die Frau hatte viele Kinder verloren und war sehr krank. Und wir fragten: K\u00f6nnen wir Fotos machen? K\u00f6nnen wir das Tonbandger\u00e4t mitlaufen lassen? Und der Sufi Pir meinte: Wahrscheinlich keine Fotos, aber ja klar, ihr k\u00f6nnt Tonaufnahmen machen, das ist ok. So akzeptabel war das. Es gab diese Spaltung zwischen den schiitischen Hazaras und den Sunniten, welche die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung ausmachten, aber selbst hier rauften sich die Menschen zusammen, es gab ein hohes Ma\u00df an Toleranz. Es gab rituelle Feste, Momente in denen die Menschen teilten und soziale Grenzen \u00fcberwanden, so wie es bei uns an Weihnachten oder Ostern ist.<\/p>\n<p>Nancy schreibt: \u201e1971 und 1972 lebten Richard Tapper und ich fast ein Jahr lang bei afghanischen Dorfbewohnern, den Piruzai. Hajji Tuman war w\u00e4hrend unseres gesamten Aufenthalts bei den Piruzai unser Gastgeber. Dies ist ein Bild von Tuman und seiner Tochter Maygol. Sie waren verr\u00fcckt nacheinander.\u201d\u00a0<em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/annebonnypirate.org\"><em>https:\/\/annebonnypirate.org<\/em><\/a><\/p>\n<p>Ok, wir konnten also diese Feldforschung nicht in Afghanistan machen, also entschieden wir uns, sie in einer kleinen Stadt in der T\u00fcrkei zu machen. Das war in den sp\u00e4ten 70ern. Als wir die Vorbereitungen trafen, mit Gelehrten in Ankara und Istanbul und mit Menschen vor Ort sprachen, sagten alle: Was zum Teufel wollt ihr mit dem Islam machen, der Islam ist erledigt. V\u00f6llig am Ende. Die T\u00fcrkei ist ein s\u00e4kularer Ort, nat\u00fcrlich gibt es einige traditionelle Muslime, aber das ist nichts, absolut nichts. Wir machten die Studie trotzdem, und sie wurde als komplett irrelevant angesehen, wir erforschten etwas, das vergangen war. Nun ja, was dann folgte, passierte zum Teil auch aufgrund der Geschehnisse in Afghanistan. Der Widerstand gegen die sowjetische Invasion wurde im Namen des Islams gef\u00fchrt, das verband die Menschen. Dasselbe passierte in anderen Gegenden des Nahen Ostens, mit Saddam Hussein, den Assads, oder in \u00c4gypten \u2013 das waren Regime, die anfangs sozialistisch oder kommunistisch waren, und dann korrupt wurden \u2013 korrupte, brutale Diktaturen. Aber sie waren s\u00e4kular, und diese S\u00e4kularit\u00e4t war kontaminiert. Es ist nichts falsch an der Idee an sich, aber sie war verkn\u00fcpft mit einem Regime, das Menschen wegsperrt und ermordet. Und einer der Orte, wo sich Menschen vereinen k\u00f6nnen, widerstehen k\u00f6nnen, ist der Islam, der immerhin sagt: \u201eAlle Muslime sind gleich.\u201c<\/p>\n<p><strong>Haben Frauen in Afghanistan Zugang zu Bildung? Welche Rolle spielt sie in ihrem Leben?<\/strong><\/p>\n<p>Hier muss man wieder an die Armut denken. Wenn man sich tats\u00e4chlich jeden Tag die Finger wund arbeiten muss, um zu essen, ist das nicht gerade das Wichtigste. Ich erinnere mich an Freundinnen im Dorf \u2013 das war 1970 \u2013 die mit ihren Br\u00fcdern oder anderen gebildeten Personen sprachen, und sie lernten ihre Namen zu schreiben. Nat\u00fcrlich wussten sie, wie wichtig lesen und schreiben ist. Ich wohnte im Haus des Dorfoberhauptes. Der hatte zwei Ehefrauen und beide waren sehr stolz, dass sie mehrere S\u00f6hne hatten, wovon jeweils einer als Mullah ausgebildet wurde. Einer der beiden jungen M\u00e4nner w\u00fcrde wahrscheinlich der Mullah f\u00fcr die gesamte Gemeinschaft werden und der andere w\u00fcrde die Rolle seines Vaters \u00fcbernehmen. Als Oberhaupt musste man lesen und schreiben k\u00f6nnen. Unser Gastgeber konnte Persisch und Paschtu lesen und er konnte genug Arabisch, um den Koran zu lesen. Er konnte Nachrichten schicken, Pachtvertr\u00e4ge lesen und so weiter. Im Dorf gab es eine Koranschule, die vom Mullah gef\u00fchrt wurde. Aber sie war nur f\u00fcr Jungs, und nur f\u00fcr sehr wenige, weil man die Arbeitskr\u00e4fte nicht entbehren konnte. Also wieder muss man verstehen, wie prek\u00e4r die gesamte Situation f\u00fcr die Menschen war.<\/p>\n<p>In den St\u00e4dten haben die M\u00e4dchen in den 70ern sogar so etwas wie Bildung bekommen, es gab Schulen und es war f\u00fcr M\u00e4dchen genauso m\u00f6glich, sie zu besuchen, wie f\u00fcr Jungs. Aber auch hier galt das nur f\u00fcr eine sehr kleine privilegierte Gruppe. Ich glaube niemand, M\u00e4nner oder Frauen, hat Illusionen, wie wichtig all das ist, aber in der Praxis sind sie nicht in der Lage, es umzusetzen. Das liegt auch daran, dass die Amerikaner ihr Versprechen, Schulen zu bauen, nicht erf\u00fcllt haben. Sie hatten Subunternehmer beauftragt, aber das wurde nicht weiterverfolgt. Es war alles nur oberfl\u00e4chlich, fast alles. Aber wir wissen, dass Frauen nat\u00fcrlich privat \u2013 wo sie konnten und wo es gebildete Frauen gab \u2013 kleine Schulen f\u00fcr Frauen in ihrer Umgebung betrieben. Die Menschen tun, was sie k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Was k\u00f6nnen wir tun, um die Menschen in Afghanistan zu unterst\u00fctzen?<\/strong><\/p>\n<p>Ich denke, eines der wichtigsten Dinge ist es, sich f\u00fcr humanit\u00e4re Unterst\u00fctzung, Verst\u00e4ndnis und Empathie einzusetzen. Es ist wichtig zu verstehen, dass nicht nur die Kollaborateure das Land verlassen wollen, sondern dass w\u00e4hrend eines 40 Jahre andauernden Kriegs jeder zum Kollaborateur wird. Du machst Dinge, die du nicht tun willst. Du verh\u00e4ltst dich auf eine Weise, f\u00fcr die du dich sch\u00e4mst, weil du versuchst, zu \u00fcberleben. Die Gew\u00e4hrung von Asyl soll Menschen helfen die Hilfe brauchen, und nicht entscheiden, ob sie gute oder schlechte Menschen sind oder ob sie w\u00e4hrend der Besatzung schlimme Dinge getan haben.<\/p>\n<p>Offensichtlich m\u00fcssen wir uns daf\u00fcr einsetzen, dass so viele Menschen wie m\u00f6glich Asyl bekommen. Aber ganz konkret braucht es auch humanit\u00e4re Organisationen, die nach Afghanistan gehen. Aber sie werden durch das US-Embargo gestoppt. Wir m\u00fcssen daf\u00fcr sorgen, dass sich Regierungen sch\u00e4men, dass sich alle sch\u00e4men f\u00fcr diese menschliche Trag\u00f6die. Und wir m\u00fcssen die Verbindung zum Klimawandel sehen. Wir m\u00fcssen wirklich verstehen: So wird es uns allen gehen \u2013 oder zumindest den meisten von uns.<\/p>\n<p>Wir brauchen eine Bewegung, die gegen Islamophobie k\u00e4mpft, die den Menschen entgegentritt, die sagen: \u201eDie Taliban sind so schrecklich\u201c \u2013 wer zum Teufel schert sich darum, wie die Taliban sind, wenn Menschen verhungern! Nat\u00fcrlich ist es sehr schwer zu sagen, was zu tun ist. Aber es wird uns nicht weiterbringen, vor einer amerikanischen Botschaft herumzusitzen. Und wir m\u00fcssen uns klar machen, dass die meisten Menschen keine M\u00f6glichkeit haben, das Land zu verlassen, auch wenn sie m\u00f6chten. Es geht auch darum, diesen Menschen zu helfen, den Menschen, die hungern und daran sterben werden. Hungersn\u00f6te sind nie nur nat\u00fcrliche Ereignisse. Hungersn\u00f6te sind immer politisch gepr\u00e4gt und haben immer einen Klassenaspekt: Es sind die \u00c4rmsten und Schw\u00e4chsten, die verhungern. Und die Reichen verdienen oft noch daran.<\/p>\n<p>Man muss also von Hungersnot sprechen, von extremer Armut, von der Zerst\u00f6rung durch den Krieg. In diesen Begriffen denken, hei\u00dft auch, an die Klimazerst\u00f6rung zu denken. Wir als Sozialist_innen m\u00fcssen uns mit Umweltgruppen und \u00d6ko-Sozialist_innen vereinen. Das ist ein guter Anfang, denn am Ende ist es genau das, was wir Sozialist_innen tun wollen.<\/p>\n<p>Das Interview f\u00fchrte Katharina Anetzberger<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/linkswende.org\/frauen-in-afghanistan-interview-mit-nancy-lindisfarne\/\"><em>linkswende.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 16. Dezember 2021 <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Anthropologin Nancy Lindisfarne besch\u00e4ftigt sich mit Geschlechterverh\u00e4ltnissen vor allem in islamisch gepr\u00e4gten L\u00e4ndern. In den 1970er Jahren verbrachte sie einige Zeit in Afghanistan und lebte mit den Paschtunen. 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