{"id":1057,"date":"2016-03-21T12:10:49","date_gmt":"2016-03-21T10:10:49","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1057"},"modified":"2016-03-21T12:10:49","modified_gmt":"2016-03-21T10:10:49","slug":"kronstadt-1921-wahrheit-und-luege","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1057","title":{"rendered":"Kronstadt 1921: Wahrheit und L\u00fcge"},"content":{"rendered":"<p><em>Bastian Schmidt<\/em><em>, <\/em><em>Hovhannes Gevorkian<\/em>. In diesen Tagen j\u00e4hrt sich zum 95. Mal die Niederschlagung des Kronst\u00e4dter Matrosenaufstands von 1921. Vor allem Anarchist*innen verteidigen bis heute diesen Aufstand und greifen dabei vor allem Trotzki an.<!--more--> Doch was ist wirklich an den Anschuldigungen vieler Anarchist*innen dran?<\/p>\n<p>Der Aufstand der Kronst\u00e4dter Matros*innen unterschied sich grunds\u00e4tzlich nicht von anderen kleinb\u00fcrgerlichen Aufst\u00e4nden. Nur die Au\u00dfenwirkung war bedeutend gr\u00f6\u00dfer, waren es doch auch Matros*innen aus Kronstadt, die 1917 ma\u00dfgeblich den Oktoberumsturz vorangetrieben hatten. Doch die Zeiten hatten sich ge\u00e4ndert. Viele der fr\u00fcheren Matros*innen waren l\u00e4ngst Kommissar*innen der Bolschewiki, Parteif\u00fchrer*innen oder Leiter*innen von Aussch\u00fcssen in den befreiten Gebieten. Rund die H\u00e4lfte der Arbeiter*innen war nicht mehr in den St\u00e4dten. Die Aufst\u00e4ndischen waren jedoch auch nicht im Auftrag der zaristischen Truppen unterwegs. Vielmehr haben vor allem die b\u00e4uerlichen Massen die kleinb\u00fcrgerliche Ideologie eingefangen \u2013 denn viele von den neu rekrutierten Kronst\u00e4dter Matros*innen kamen aus den b\u00e4uerlichen Gegenden der Ukraine. Keineswegs war es vorbestimmt, dass die Entwicklung in der gewaltsamen Niederschlagung enden musste.<\/p>\n<p>Die Bolschewiki hatten bereits vorher den Kronst\u00e4dter*innen einige Zugest\u00e4ndnisse gemacht. Die Einf\u00fchrung der Neuen \u00d6konomischen Politik sollte vor allem den b\u00e4uerlichen Massen wieder die M\u00f6glichkeit geben selbst anzubauen. Auch hatten die Bolschewiki immer wieder ihre Verhandlungsbereitschaft gegen\u00fcber den Matros*innen erkl\u00e4rt. Der Aufstand wurde jedoch nicht von mythologischen Freiheitsk\u00e4mpfer*innen angef\u00fchrt. Selbst der fr\u00fchere Anarchist und Schriftsteller Victor Serge konstatierte: <em>Kronstadt war nicht mehr die Heimstatt der politischen Leidenschaften und Ideen von 1917 und 1918. Arbeiter und Matrosen, die treuesten Anh\u00e4nger, waren verschwunden, \u00fcber ganz Ru\u00dfland verstreut, im Kampfeinsatz an verantwortlichen Stellen. [\u2026] die, die sich noch in der Festung und bei der Flotte befanden, waren mit wenigen Ausnahmen nicht gerade die Fortschrittlichsten \u2026 <\/em><\/p>\n<p>Der damalige General Koslowski hatte beispielsweise selbst mit zaristischen Truppen um General Wrangel zusammengearbeitet. Auch die Bewegung um den Anarchisten Nester Machno war in der Zeit davor verantwortlich f\u00fcr die Erschie\u00dfung von Kommunist*innen und f\u00fcr \u00dcberf\u00e4lle auf Fabriken der Roten Armee. Der Aufstand selbst wurde dabei angefeuert von verschiedensten Ger\u00fcchten \u00fcber die Niederschlagung von Arbeiter*innenaufst\u00e4nden, unter anderem in Moskau Ende Februar 1921. Daraufhin wurden in Kronstadt rund 300 Kommunist*innen festgenommen.<\/p>\n<p><strong>Die Niederschlagung<\/strong><\/p>\n<p>Das Zentralkomitee lie\u00df sich dabei nicht darauf ein, die Kronst\u00e4dter*innen einfach nur aushungern zu lassen, wie es zum Beispiel von Stalin gefordert wurde. Am 4. M\u00e4rz stellte das Petrograder Verteidigungskomitee ein letztes Ultimatum an die Matros*innen. \u201eWenn ihr nicht nachgebt, wird man euch der Reihe nach wie Rebh\u00fchner abschie\u00dfen\u201c, hie\u00df es dabei recht unverbl\u00fcmt von Grigori Sinowjew. Am 5. M\u00e4rz erschien Trotzki pers\u00f6nlich in Kronstadt, um dem Kommandeur Tuchatschewski aufzutragen, einen Angriffsplan zu erstellen. Die Zeit dr\u00e4ngte dabei vor allem deshalb, weil der geplante Weg nach Kronstadt \u00fcber das Eis zu schmelzen drohte. So erreichte die Rote Armee unter gro\u00dfen Verlusten am 8. M\u00e4rz die Seefestung. \u00dcber 10.000 Soldat*innen der Roten Armee fanden dabei den Tod. Der Aufstand selbst dauerte zwei Wochen und wurde am 18. M\u00e4rz endg\u00fcltig niedergeschlagen.<\/p>\n<p>Der Kronst\u00e4dter Matrosenaufstand kann als ein Nachbeben des blutigen B\u00fcrger*innenkrieges nach der Revolution bezeichnet werden. Auch der Kampf gegen diesen Aufstand war geteilt in zwei Lager: Revolution und Konterrevolution. Es ist dabei zu bedenken, dass <em>jeder bewaffneter Aufstand gegen die f\u00fchrenden Kr\u00e4fte der Revolution, ganz gleich mit welchen Motiven er begr\u00fcndet wird, im Laufe der Revolution nichts anderes als Konterrevolution ist<\/em>. Im Februar\/M\u00e4rz 1921 war die Oktoberrevolution noch unter Beschuss und erst kurz vorher waren die K\u00e4mpfe in Georgien und Sibirien zu Ende gegangen bzw. dauerten noch vereinzelt an.<\/p>\n<p><strong>Permanenten Angriffen ausgesetzt<\/strong><\/p>\n<p>Nach drei Jahren Kriegskommunismus, nach Trotzki <em>im Grunde ein System zur Reglementierung des Verbrauchs in einer belagerten Festung<\/em> war die Zeit gekommen, diese Politik aufzugeben. Die Neue \u00d6konomische Politik (NEP) sollte wenig sp\u00e4ter unter gro\u00dfen Schwierigkeiten eingef\u00fchrt werden. Die Einf\u00fchrung der NEP, die Trotzki bef\u00fcrwortete und schon ein Jahr zuvor angeregt hatte, bedeutete dabei gro\u00dfe Konzessionen an das Bauern- und Kleinb\u00fcrger*innentum. Sie war das Ergebnis einer st\u00e4ndigen Bedrohung der Sowjetmacht durch den Weltimperialismus und des Ausbleibens der proletarischen Revolution im Westen.<\/p>\n<p>Diese Bedrohung besonders durch die M\u00e4chte Frankreich und Gro\u00dfbritannien war jederzeit real und ein Erfolg des Kronst\u00e4dter Aufstandes die M\u00f6glichkeit f\u00fcr eine weitere imperialistische Intervention er\u00f6ffnet. Dies galt insbesondere durch die strategische Position der Festung auf der Insel Kotlin mitten vor den Toren Petrograds. Unter diesen Bedingungen war der Aufstand also keinesfalls ein berechtigter Protest, sondern ein offener konterrevolution\u00e4rer Akt. Trotzki selbst notierte polemisch in seinen Artikeln in der damaligen Zeit, wie sich die b\u00fcrgerlichen Zeitungen im Ausland \u00fcber den Aufstand freuten und ein Ende der Sowjetmacht herbeisehnten.<\/p>\n<p><strong>Warum so viel Aufsehen?<\/strong><\/p>\n<p>Die Niederschlagung f\u00fchrte besonders unter Anarchist*innen und \u201eLinkskommunist*innen\u201c zu einer Verteuflung der Person Leo Trotzkis. Mensch bezeichnete ihn als \u201efanatischen, machttrunkenen Kommunisten\u201c, der die sogenannte \u201eDritte Revolution\u201c verhindert hatte und ma\u00dfgeblich dazu beitrug, dass sich die B\u00fcrokratisierung und sp\u00e4ter die Stalinisierung der Sowjetmacht vollziehen sollten. Doch diese Anschuldigungen konnten sich nur als haltlos zeigen, da selbst Oppositionsgruppen an der Niederschlagung teilnahmen.<\/p>\n<p>Denn parallel dazu tagte der X. Parteikongress und es mangelte gerade bei diesem Kongress nicht an Kontroversen und Kritik an der Linie Lenin-Trotzkis zur Frage der Durchsetzung der NEP. Es ist dabei erstaunlich, dass eben jene Oppositionsgruppen die Einsch\u00e4tzung Trotzkis teilten, denn wie Pierre Brou\u00e9 schreibt: <em>Sofort darauf [nach Trotzkis Lagebericht] meldeten sich 200 Delegierte \u2013 ungef\u00e4hr ein Viertel \u2013 als Freiwillige, um am Sturmangriff teilzunehmen: unter ihnen die Delegierten der beiden Oppositionsgruppen, Dezisten und Arbeiteropposition. <\/em><\/p>\n<p>Mittlerweile ist nicht zuletzt durch die \u00d6ffnung der ex-sowjetischen Archive bewiesen, welchen Charakter der Aufstand hatte: einen konterrevolution\u00e4ren zwar, weswegen die Niederschlagung gerechtfertigt war. Aber auch einen tragischen, denn der Kronst\u00e4dter Matrosenaufstand war keineswegs eine rein wei\u00dfgardistische Provokation.<\/p>\n<p>Die B\u00fcrokratisierung und Stalinisierung schlie\u00dflich lagen nicht in der Verteidigung der Revolution, die nat\u00fcrlich auch gewaltsam geschehen muss, begr\u00fcndet. Sondern ihre Ursache war die fehlende Ausweitung der Revolution auf Europa, deren Notwendigkeit Lenin und Trotzki immer betont hatten. Die NEP selbst war nur ein Hilfsmittel, um die Zeit zu \u00fcberstehen, in der die Revolution auf die Weltebene gehoben wird \u2013 isoliert w\u00fcrde jeder Arbeiter*innenstaat zugrunde gehen.<\/p>\n<p><strong>In Gedenken an die gefallenen Rotarmist*innen<\/strong><\/p>\n<p>Am 3. April nahm Trotzki die Parade zu Ehren der vor Kronstadt gefallenen Soldat*innen der Roten Armee ab. Auch wir wollen ihr Erbe hochhalten und zitieren deshalb die kurze Rede Trotzkis:<\/p>\n<p><em>Wir warteten solange wie m\u00f6glich, damit unsere verblendeten Matrosengenossen mit ihren eigenen Augen sehen konnten, wohin die Revolte sie f\u00fchrte. Aber wir wurden mit der Gefahr konfrontiert, da\u00df das Eis schmelzen w\u00fcrde, und waren gezwungen, kurz, scharf und entscheidend zuzuschlagen.<\/em><\/p>\n<p><em>Mit unvergleichlichem Heroismus, in einem Waffengang ohnegleichen in der Milit\u00e4rgeschichte nahmen unsere kursanti (Milit\u00e4rkadetten) \u2013 und die von ihnen inspirierten Einheiten der Roten Armee \u2013 eine vorz\u00fcgliche Seefestung im Sturm.<\/em><\/p>\n<p><em>Ohne einen einzigen Schu\u00df abzugeben, gingen diese S\u00f6hne des Ru\u00dflands der Arbeiter und Bauern, w\u00fcrdig der Revolution, \u00fcber das Eis vor. Einige gingen ohne ein Wort der Klage zugrunde, aber der Rest ging weiter vor bis zum endg\u00fcltigen Sieg. Sie werden von den arbeitenden Massen Ru\u00dflands und der ganzen Welt niemals vergessen werden.<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/kronstadt-1921-wahrheit-und-luege\/\">www.klassegegenklasse.org<\/a> <\/em><em>vom 21. M\u00e4rz 2016<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bastian Schmidt, Hovhannes Gevorkian. In diesen Tagen j\u00e4hrt sich zum 95. Mal die Niederschlagung des Kronst\u00e4dter Matrosenaufstands von 1921. 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