{"id":10619,"date":"2021-12-27T11:32:58","date_gmt":"2021-12-27T09:32:58","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10619"},"modified":"2021-12-27T11:33:00","modified_gmt":"2021-12-27T09:33:00","slug":"auf-wohnungssuche-in-berlin-kubanische-verhaeltnisse-jetzt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10619","title":{"rendered":"Auf Wohnungssuche in Berlin: Kubanische Verh\u00e4ltnisse jetzt!"},"content":{"rendered":"<p><em>Peter Schaber. <\/em>Der Volksentscheid \u201eDeutsche Wohnen &amp; Co. enteignen\u201c stand zur Abstimmung und ist jetzt durch. Bereits im Vorfeld konnte es nicht ausbleiben, dass die deutsche Qualit\u00e4tspresse sich einen Berufsspekulanten zum Gespr\u00e4ch lud. Der, in Gestalt des LEG-Chefs Lars von Lackum, versuchte sich in Angstmache: Wenn kommunales Wohneigentum Schule mache, dann stehen uns \u2013 buhuuuu, buhuuuuu \u2013 \u201ekubanische Verh\u00e4ltnisse\u201c bevor.<!--more--><\/p>\n<p>Ich lese die Zeilen, aber es stellt sich keine G\u00e4nsehaut ein. Es schreckt mich nicht, denn ich durchlebe derzeit einen im Unterschied zu Lackums fiktivem ganz realen Horror: Ich suche eine Wohnung in Berlin. Das letzte Mal, als ich auf dem allzu freien Markt eine Bleibe gesucht habe, ist fast ein Jahrzehnt her. Damals lebte ich in der f\u00fcr deutsche Linke nicht allzu untypischen Prekarisierung akademisch verwirrter Mittzwanziger, also von scheinselbst\u00e4ndiger Rechnung zu scheinselbst\u00e4ndiger Rechnung und meine Schufa war gelinde gesagt fragw\u00fcrdig. Ich brauchte etwa drei Wochen, um eine halbwegs bezahlbare Wohnung im Wedding zu finden.<\/p>\n<p>Heute, eine Umschulung und viele Jahre sp\u00e4ter, habe ich eine Vollzeitstelle in einem krisenfesten Handwerksberuf, verdiene ein mittleres Arbeiter:innengehalt und meine Schufa ist frei von Makel. Dazu kommt: ich hege keine Vorlieben f\u00fcr die hei\u00dfbegehrten innerst\u00e4dtischen Kultkieze, Lichtenberg oder K\u00f6penick sind mir lieber als Kreuzberg oder Mitte. Ich brauche keinen Altbau und keinen Loft. Bis 600 warm ist mein Spielraum. Ich dachte also: Zwei Monate Polster bis zum Auszug, das muss ja locker easy reichen. Aber the times they are a changin\u2018.<\/p>\n<p>Ich hatte die Rechnung ohne die gierigen Geier gemacht, die sich aus anderer Leute Bed\u00fcrfnis, nicht unter einer Br\u00fccke zu schlafen, einen Reibach machen. Es stellte sich n\u00e4mlich heraus: Es ist mittlerweile scheissegal, ob du malochen gehst, bis die Latzhose kracht, du findest in dieser Stadt einfach keine Wohnung mehr, die einigerma\u00dfen bewohnbar ist.<\/p>\n<p>Die Suche auf dem gr\u00f6\u00dften derartigen Portal Immoscout \u2013 ich bezahle mittlerweile f\u00fcr die Pro-Variante \u2013 f\u00fcr Wohnungen bis 600 Euro warm ergibt zum Zeitpunkt der Niederschrift dieses Textes ohne WBS 45 Ergebnisse. Dazu kommt dann noch: Viele dieser Wohnungen sind \u201em\u00f6blierte Appartements\u201c, seelenlose Neubauten, in denen ganze Wohnungen auf knapp \u00fcber 20 Quadratmeter gestaucht sind und dann mit Preisen von 18, 20 und mehr Euro pro Quadratmeter angeboten werden. Andere Bruchbuden werden unter dem Label \u201ef\u00fcr Kreative\u201c oder \u201eviel Platz f\u00fcr eigene Vorstellungen\u201c gleich v\u00f6llig unsaniert, ohne Boden, unverputzt, halb abrissreif angeboten. Selbst die Bewerbungen in jenen Plattensiedlungen in S\u00fcdneuk\u00f6lln oder Marzahn, bei denen du fr\u00fcher zwei Monatsmieten geschenkt gekriegt h\u00e4ttest, damit du die Stichschutzweste abbezahlen kannst, die du f\u00fcr den abendlichen Einkauf brauchst, sind heute aussichtslos: Sie haben sich f\u00fcr eine \u00fcberdurchschnittlich beliebte Immobilie beworben und wir m\u00fcssen ihnen leider absagen, denn wir haben \u00fcber 500 Bewerbungen erhalten. Danke, ciao.<\/p>\n<p>Bekommt man doch einmal einen Besichtigungstermin, warten da gut ein Dutzend anderer bereits ausgew\u00e4hlter und dementsprechend geeigneter Kandidat:innen. Die Chance, dass man den Zuschlag bekommt, ist also nicht sonderlich hoch. Nun ist man aber berufst\u00e4tig und die Termine stets zuverl\u00e4ssig in der Arbeitszeit. Also kann man den halben Jahresurlaub darauf verwenden, sich bei Massenbesichtigungen die F\u00fc\u00dfe in den Bauch zu stehen.<\/p>\n<p>45 Wohnungen also in der ganzen Stadt. Man muss sich das verdeutlichen: Du musst mindestens das Dreifache der Miete netto verdienen. Dreimal 600 sind 1800 Euro netto. Die meisten Leute, die ich kenne, verdienen \u2013 auch in Vollzeit \u2013 deutlich weniger. Wie machen die das?<\/p>\n<p>Klar, du hast die \u00e4lteren Kolleg:innen, die schon seit Ewigkeiten dieselbe Wohnungen haben oder sich schon vor Jahrzehnten ein Eigenheim geleistet haben. Und die anderen? Die Gefl\u00fcchteten wohnen noch im Heim. Die J\u00fcngeren oft in WGs, weniger aus Freude an dieser Form des Zusammenlebens, sondern eher, weil\u2018s halt nicht mehr anders geht. Und dann gibt\u2018s auch immer wieder die, die ganz rausfallen. Etwa der Mechaniker, bei dem ich letztens mein Arbeitsauto reparieren lie\u00df: Er schl\u00e4ft in seiner Werkstatt auf einer Matratze am Boden. Die\u00a0<a href=\"https:\/\/taz.de\/Wohnungslos-trotz-Job\/!5794140\/\">taz hat das Ph\u00e4nomen k\u00fcrzlich aufgegriffen<\/a>: Es gibt in jenen f\u00fcr die Mehrheit der Gesellschaft v\u00f6llig unsichtbaren Sektoren niedrig entlohnter Arbeit mittlerweile das Ph\u00e4nomen der wohnungslosen Proletarier:innen. Sie schuften und schlafen in Unterk\u00fcnften, Zelten oder direkt an ihrem Arbeitsplatz.<\/p>\n<p>Das Problem wird sich versch\u00e4rfen. Wer heute Mindestlohn verdient, kann sich, wenn man die informelle Regel, dass die Warmmiete ein Drittel des Nettolohns nicht \u00fcberschreiten soll, zugrunde legt, bei Steuerklasse 1 eine Wohnung leisten, die ca. 400 Euro warm und ein paar Zerquetschte kosten darf. Diese Wohnungen existieren schlichtweg nicht. Hier geht es schon lang nicht mehr darum, dass man sich nicht mehr aussuchen kann, wo in dieser Stadt man gerne wohnen m\u00f6chte. Hier geht es darum, dass man in dieser Stadt \u00fcberhaupt keine Wohnung mehr findet.<\/p>\n<p>Ein von Lackum mag das nicht verstehen: Aber die Anzahl der Menschen, die sich von den Gespenstern Kuba oder DDR aufscheuchen lassen, ihr Kreuzchen bei den Haus- und Hofparteien der Spekulanten zu machen, schrumpft konstant. Wenn man kein reiches Schwein ist, langt in den meisten F\u00e4llen heutzutage eine Wohnungssuche und die Furcht vor Havanna weicht dem brennenden Wunsch kubanische Truppen unter Leitung eines wieder auferstandenen Fidel Castro m\u00f6gen schwer bewaffnet in einem Schlauchboot am Spreeufer anlanden und die Firmenzentralen aller Profiteure dieses Verbrechens namens \u201eWohnungsmarkt\u201c in Schutt und Asche legen. Mindestens aber muss man die Spekulanten enteignen, aber wenn dann ohne Entsch\u00e4digung \u2013 denn die haben sich die Gelds\u00e4cke in den vergangenen Jahren l\u00e4ngst auf unser aller Nacken geg\u00f6nnt.<\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><i><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">#Titelbild: <a href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/uwehiksch\/50987597997\/\">flickr.com&#8230;<\/a><\/span><\/i><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/lowerclassmag.com\/2021\/09\/29\/auf-wohnungssuche-in-berlin-kubanische-verhaeltnisse-jetzt\/\"><em>lowerclassmag.com&#8230;<\/em><\/a><em> vom 27. Dezember 2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Peter Schaber. Der Volksentscheid \u201eDeutsche Wohnen &amp; Co. enteignen\u201c stand zur Abstimmung und ist jetzt durch. Bereits im Vorfeld konnte es nicht ausbleiben, dass die deutsche Qualit\u00e4tspresse sich einen Berufsspekulanten zum Gespr\u00e4ch lud. 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