{"id":10622,"date":"2021-12-29T12:07:25","date_gmt":"2021-12-29T10:07:25","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10622"},"modified":"2021-12-29T12:07:26","modified_gmt":"2021-12-29T10:07:26","slug":"leo-kofler-der-marxistische-grenzgaenger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10622","title":{"rendered":"Leo Kofler: Der marxistische Grenzg\u00e4nger"},"content":{"rendered":"<p><em>Christoph J\u00fcnke. <\/em><strong>Leo Kofler kennt heute kaum jemand. Doch sein Werk ist so originell wie aktuell. Als fr\u00fcher Kritiker der Frankfurter Schule erkannte er: Eine Linke, die die arbeitende Mehrheit entfremdet, ist machtlos.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Auch wenn der Philosoph Ernst Bloch ihn als einen direkten Fortsetzer von Georg Luk\u00e1cs\u2019 bahnbrechendem Klassiker\u00a0Geschichte und Klassenbewusstsein\u00a0lobte, so hatte Leo Kofler mit seinen mehr als drei\u00dfig B\u00fcchern und Brosch\u00fcren schon zu Lebzeiten in der Regel wenig Gl\u00fcck. Das mythische Jahr 1968 war fast vor\u00fcber, da erschien seine Programmschrift\u00a0Perspektiven des revolution\u00e4ren Humanismus\u00a0im renommierten Hamburger Rowohlt Verlag. Doch die in ihrem Zenit stehende au\u00dferparlamentarische Opposition konnte mit seinem politisch-theoretischen Pamphlet offensichtlich nur wenig anfangen, denn niemand sollte sich fortan auf dasselbe beziehen oder sich nennenswert mit ihm auseinandersetzen. Rezeptionsspuren sucht man vergeblich, sieht man von einer Handvoll von eher distanziert-kritischen Rezensionen im zeitgen\u00f6ssischen b\u00fcrgerlichen Feuilleton ab.<\/p>\n<p>Man mag dies der damaligen Flut gesellschaftskritischer Literatur anlasten, in der so vieles kaum beachtet bis auf weiteres verloren ging, oder jenem gelegentlich allzu verschachtelten Schreibstil Koflers, der sich von seinem mitrei\u00dfenden Redestil unterschied. Man kann dies auch jenem Zug ins Altmodische anlasten, der Koflers Auftreten kennzeichnete und zu dem er sich immer wieder gern, in provokatorischer Absicht, bekannte. Doch mehr noch war dies das Produkt einer tief greifenden und weitreichenden Entfremdung zwischen den politischen Generationen.<\/p>\n<p><strong>Die erste Neue Linke<\/strong><\/p>\n<p>Die junge, aufbegehrende Generation der 68er, zumal die deutsche, war nicht frei von Illusionen und Selbst\u00fcbersch\u00e4tzungen. Eine davon war, dass sie sich als wirklich\u00a0neu\u00a0betrachtete, w\u00e4hrend sie doch in einer Tradition des Aufbegehrens gegen sozialdemokratischen Reformismus einerseits und kommunistischen Stalinismus andererseits stand, die zu vergegenw\u00e4rtigen ihr offensichtlich schwerfiel. L\u00e4sst man die ersten vereinzelten Vorl\u00e4ufer der 1930er und 40er Jahre einmal beiseite, so begann die Geschichte der Neuen Linken in der Mitte der 50er Jahre \u2013 nicht nur, aber eben auch in Westdeutschland. Vom damaligen Anpassungs- und Integrationsweg der SPD entt\u00e4uschte und sich entsprechend radikalisierende Sozialdemokraten, mit der nachfaschistischen Restauration unzufriedene Demokraten und von der Entstalinisierung und dem befreiungsnationalistischen Aufbruch in der Dritten Welt befl\u00fcgelte kommunistische Dissidenten bildeten schon damals, zusammen mit den seit den 1930er und 40er Jahren heimatlosen Linkssozialisten und Linkskommunisten, ein Netzwerkmilieu von Gruppe, Personen und Publikationsprojekten, die versuchten aus der bin\u00e4ren Logik des Kalten Krieges zwischen den beiden damaligen Superm\u00e4chten auszubrechen und sich auf den \u00bbDritten Weg\u00ab machten \u2013 \u00bbzur\u00fcck zu Marx\u00ab, wie es damals hie\u00df.<\/p>\n<p>Es waren viele Tausende, f\u00fcr die sozialdemokratische Dissidenten wie der ehemalige Gewerkschaftstheoretiker Viktor Agartz oder der junge Linkskatholik Theo Pirker, die Journalisten Gerhard Gleissberg und Fritz Lamm, oder der linkssozialistische Jurist\u00a0<a href=\"https:\/\/jacobin.de\/artikel\/wolfgang-abendroth-marburg-marxismus-partisanenprofessor\/\">Wolfgang Abendroth<\/a>\u00a0damals sprachen. Und es war Leo Kofler, der als sozusagen philosophischer \u00bbWanderprediger\u00ab bei Volkshochschulen, Gewerkschafts- und Studentengruppen nicht wenige in die Grundlagen und Feinheiten einer undogmatischen marxistischen Theorie einf\u00fchrte, die die zerrissenen F\u00e4den von Freiheit und Sozialismus neu kn\u00fcpfte und die Themen und Thesen des Marxismus der 1960er Jahre in vielem vorwegnahm.<\/p>\n<p>Mit seinen methodologischen Grundsatzwerken\u00a0Die Wissenschaft von der Gesellschaft\u00a0(1944) und\u00a0Geschichte und Dialektik\u00a0(1955) hatte Kofler schon in den 1940er Jahren eine Praxisphilosophie begr\u00fcndet, die f\u00fcr eine Erneuerung des marxistischen Denkens im Sinne des \u00bbwestlichen Marxismus\u00ab pl\u00e4dierte \u2013 jenseits des vulg\u00e4rmaterialistischen Marxismusverst\u00e4ndnisses eines Karl Kautsky oder Josef Stalin. In seiner 1948 ver\u00f6ffentlichten\u00a0Geschichte der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft\u00a0hatte er den historischen Wurzeln und Wegen von radikaler Demokratie und sozialistischen Freiheitsvorstellungen nachgesp\u00fcrt und, zu Beginn der 1950er Jahre, die im deutschsprachigen Raum erste systematische Ideologiekritik der stalinistischen Theorie und Praxis vorgelegt. Der \u00bbMarxismus-Leninismus\u00ab, so Kofler, neige aus strukturellen Gr\u00fcnden zu einem vulg\u00e4rmaterialistischen und undialektischen \u2013 ja, geradezu antidialektischen \u2013 Marxismusverst\u00e4ndnis, das zutiefst antihumanistisch sei, weil es die konkreten, zu emanzipierenden Menschen zu blo\u00dfen Anh\u00e4ngseln einer neuen, b\u00fcrokratischen Herrschaftsschicht degradiere.<\/p>\n<p>Der gesellschaftspolitische Aufbruch der ersten Generation Neuer Linker sollte allerdings auch im geteilten Deutschland scheitern. Mithilfe des verfassungsrechtlichen KPD-Verbots von 1956 und den Landesverratsprozessen gegen Wolfgang Harich in Ostdeutschland und Viktor Agartz in Westdeutschland (beide 1957) wurden das kommunistische und linkssozialistische Milieu nachhaltig ausgegrenzt und mehrfach gespalten. Die Niederlage dieser sozialistischen Linken bereitete den Boden auch f\u00fcr die 1959 (auf dem Bad Godesberger Parteitag) vollzogene Abkehr der Sozialdemokratie von jeglichem politisch-programmatischen Antikapitalismus. Und beides zusammen f\u00fchrte schlie\u00dflich zu jener nachhaltigen Entfremdung zwischen den politischen Generationen, die wir auch in den europ\u00e4ischen Nachbarl\u00e4ndern jener Zeit beobachten k\u00f6nnen, die aber nirgendwo einen solch nachhaltigen Bruch verursachte wie in Deutschland.<\/p>\n<p><strong>Kofler und die 68er<\/strong><\/p>\n<p>Dass das Scheitern dieser ersten Neuen Linken auch den Aufbruch der 1960er Jahre mit einer schweren Hypothek belastete, l\u00e4sst sich an den politischen Diskussionen ebenso verfolgen wie an den theoretischen. Auch wenn die innovative Kraft der sp\u00e4teren 68er-Generation immer wieder beeindruckend ist, nicht selten wurde damals das Rad aufs Neue erfunden. Und was Wolfgang Abendroth seinen jungen Zuh\u00f6rern w\u00e4hrend der Revolte diplomatisch beizubringen versuchte, dr\u00fcckte Leo Kofler um einiges unverbl\u00fcmter und schwerer zu verdauen aus. Auch ihm, dem Zaungast der Bewegung, ging es 1968 noch immer um ein welthistorisches \u00bbNeu Beginnen\u00ab. Und er hatte ein feines Gesp\u00fcr f\u00fcr das, was sich seit Mitte der 1960er Jahre entfalten sollte. Als er zu Beginn des Jahres 1966 die letzten Korrekturen und Aktualisierungen an der Neuauflage seiner monumentalen Schrift\u00a0Zur Geschichte der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft\u00a0anbrachte, formulierte er in sie hinein: \u00bbEine Opposition, die auf eine Demokratisierung dr\u00e4ngt, zeichnet sich im Volke und in der Intelligenz ab. Die Schicksalsfrage Deutschlands ist die, ob sie sich durchsetzen wird.\u00ab<\/p>\n<p>Vergleichbar einem Herbert Marcuse war auch Leo Kofler mit Herz und Verstand ganz auf Seiten der jungen Generation. Anders als Marcuse jedoch war er zu sehr alter Linkssozialist, um sich zum schlichten Apologeten des antiautorit\u00e4ren Aufbruchs zu machen. In \u00e4tzend scharfem Ton, aber nicht selten treffsicherer Kritik nutzte er jede sich ihm bietende M\u00f6glichkeit zur innerlinken Auseinandersetzung, zum Kampf zweier Linien innerhalb dessen, was er seit einem Jahrzehnt die \u00bbprogressive\u00ab oder \u00bbhumanistische\u00ab Elite nannte. Seien es dissidente, gegen die Halbheiten der Entstalinisierung k\u00e4mpfende Kommunisten oder oppositionelle, gegen B\u00fcrokratisierung und Integration k\u00e4mpfende Sozialdemokraten und Gewerkschafter, seien es radikaldemokratische B\u00fcrger oder sozial engagierte Christen \u2013 sie alle w\u00fcrden unter den historisch neuartigen Bedingungen einer b\u00fcrokratisch blockierten Arbeiterbewegung, gewollt oder ungewollt, zu einer eigenst\u00e4ndigen politisch-soziologischen Schicht werden; zu einem eigenst\u00e4ndigen, aber eigenartig gestaltlosen (amorphen) Gebilde, dass sich aus progressiven Elementen sozialistischer und nichtsozialistischer Herkunft zusammensetze, und in sozialer, politischer und kulturell-habitueller Hinsicht stark heterogene und fluktuierende Tendenzen aufweise.<\/p>\n<p>Diese progressiv-humanistische Elite \u2013 Kofler meint diesen Begriff der Elite nicht wertend, sondern beschreibend \u2013 f\u00fchre am Rande und in den Nischen der gesellschaftlichen Organisationen (in Parteien, Verb\u00e4nden, kulturellen und religi\u00f6sen Vereinigungen) eine Art Pariadasein zwischen allen St\u00fchlen, stehe sozial und weltanschaulich quer zur traditionellen Front von Sozialismus und Nichtsozialismus, sei widerspruchsvoll und unbest\u00e4ndig, gesellschaftlich machtlos \u2013 \u00bbund doch ist sie da und nicht ohne Bedeutung\u00ab.<\/p>\n<p>Eine wirkliche Erneuerung der sozialistischen Linken, eine \u00bbGesundung des revolution\u00e4ren Humanismus\u00ab, so Kofler, k\u00f6nne aber nur gelingen, wenn sich diese progressive Elite auf ihre humanistische Sensibilit\u00e4t besinne und sich zum Vermittler der alten und neuen Milieus mache. Und dies gelinge nur, wenn sich die ohnm\u00e4chtige universit\u00e4re Linke (die \u00bbWelt hoch entwickelter Abstraktion\u00ab) mit der machtvollen Gewerkschaftsbewegung (mit jener \u00bbWelt des vulg\u00e4ren Praktizismus\u00ab, die sich \u00bbgegen den \u203aStachel\u2039 des Klassenkampfes\u00ab stelle) auf neuer Grundlage wieder vereine. Doch \u00bb(d)ie beiden, ihrem Ursprung nach kritischen und oppositionellen Welten ber\u00fchren einander kaum, sie gehen ihre eigenen Wege\u00ab, schreibt er 1968: \u00bbDie Konsequenz ist sturer Praktizismus hier und selbstgef\u00e4lliger Intellektualismus dort, beide sich einander misstrauisch gleichsam durch Glasw\u00e4nde betrachtend, jedoch nicht beeinflussend.\u00ab<\/p>\n<p>Das war nicht die einzige Zumutung f\u00fcr die Neuen Linken von 1968. Dass sich Kofler an den Theorien von Georg Luk\u00e1cs orientierte, vor allem an dessen \u00e4sthetischer Theorie, war f\u00fcr die Neo-Avantgardisten schon schlimm genug. Dass er zudem der Psychologie Freuds kritisch bis ablehnend gegen\u00fcberstand und die Kritischen Theoretiker der Frankfurter Schule um Horkheimer und Adorno als \u00bbMarxo-Nihilisten\u00ab geradezu beschimpfte, machte ihn den J\u00fcngeren ebenso suspekt wie sein geradezu penetrantes Insistieren auf jenem sozialistischen Humanismus, der die Hauptzielscheibe f\u00fcr den damals um sich greifenden theoretischen Anti-Humanismus strukturalistischer Provenienz abgab.<\/p>\n<p>Vielleicht hat er ja der seit 1969 bereits wieder zerfallenden neuen Bewegung zu viel zugemutet. Doch das waren \u2013 und diese Originalit\u00e4t Koflers scheint doch weitgehend verkannt worden zu sein \u2013 die Zumutungen eines neu-linken Weggenossen, nicht die eines b\u00fcrgerlichen oder kommunistischen Kritikers. Sein ehrgeiziger Versuch einer zu den Frankfurtern alternativen Sozialphilosophie hatte keine Chance bei der jungen Intellektuellengeneration. Auch der m\u00f6gliche Vorwurf, dass Kofler den neuen Ph\u00e4nomenen des sozialstaatlichen Kapitalismus hilflos gegen\u00fcbergestanden h\u00e4tte, trifft sein Werk nicht. Als einer der ersten Marxisten nach dem Zweiten Weltkrieg hatte er die Widerspr\u00fcche und Fallstricke des vermeintlichen Wohlstandskapitalismus bereits in den 1950ern tiefgehend analysiert.<\/p>\n<p><strong>Konsens und Zwang<\/strong><\/p>\n<p>Seine in den Schriften\u00a0Staat, Gesellschaft und Elite zwischen Nihilismus und Humanismus\u00a0(1960),\u00a0Der proletarische B\u00fcrger. Marxistischer oder ethischer Sozialismus?\u00a0(1964),\u00a0Der asketische Eros. Industriekultur und Ideologie\u00a0(1967) und\u00a0Perspektiven des revolution\u00e4ren Humanismus\u00a0(1968) durchgef\u00fchrten Analysen richten den Blick auf die neuartigen Integrationsprozesse der sp\u00e4tb\u00fcrgerlichen Klassengesellschaft. Kofler sah diese neokapitalistische Gesellschaft in eine Epoche der Entliberalisierung und der geistigen Demoralisation \u00fcbergegangen, in der sie von ihren fr\u00fchb\u00fcrgerlichen Emanzipationsversprechen nichts mehr wissen wolle, ja geradezu \u00bbnihilistisch\u00ab geworden sei.<\/p>\n<p>Die Welt, schrieb er bereits Ende der 1950er Jahre, \u00bbist f\u00fcr das B\u00fcrgertum nur noch \u203an\u00fctzlich\u2039, profitertr\u00e4glich, sonst ist sie leer und sinnlos geworden. Die \u00fcbriggebliebene \u203aFreiheit\u2039 ist nicht mehr die Freiheit, Ideale zu verwirklichen und den Menschen zu erh\u00f6hen \u2013 wer dies noch will, wird verd\u00e4chtig! \u2013, sondern die Freiheit der Konkurrenz, des Urwalds. Im Grunde ist alles erreicht, es hat Geschichte gegeben, aber es gibt in Zukunft keine mehr\u00ab. Dieser sich zu einer Art zynisch-nihilistischem Weltschmerz verdichtende und ein pessimistisches Menschenbild zum Vorschein bringende gesellschaftliche Stillstand treibe sogar seine linken Widersacher St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck in einen theoretischen Anti-Humanismus, der sie von den Einzigen isoliere, die eine wirkliche Umw\u00e4lzung der Gesellschaft vollf\u00fchren k\u00f6nnen: von der breiten Mehrheit der arbeitenden und denkenden Menschen.<\/p>\n<p>Zweifelsohne, so Kofler, habe der Neokapitalismus seinen Menschen einiges zu bieten: politische Freiheit, mehr Einkommen und Freizeit, mehr Sicherheit und weniger Tabus (auch sexueller Art). Doch gleichzeitig fesseln diese neuen Freiheiten und M\u00f6glichkeiten das Individuum mehr denn je an eine dem Prinzip nach irrationalistische Gesellschaftsform. Verschwunden sei zwar der Hunger, nicht jedoch der Mangel. M\u00f6glich sei der Konsum, aber nur mittels vorhergehender und ihm erneut folgender Askese: \u00bbVerzichten, um sich etwas leisten zu k\u00f6nnen, und sich etwas leisten mit der Konsequenz des nachfolgenden Verzichts geh\u00f6rt zu den selbstverst\u00e4ndlichsten Verhaltensformen unserer Zeit.\u00ab Die scheinbare Entideologisierung erweise sich als totale Ideologisierung, der individuelle Rationalismus als Begleiterscheinung kollektiver Irrationalit\u00e4t, die Demokratie des Marktes als Verschleierung der Despotie von Fabrik und B\u00fcro.<\/p>\n<p><strong>Westlicher Marxismus und sozialistischer Humanismus<\/strong><\/p>\n<p>Kofler schreibt hier eine Kritik b\u00fcrgerlicher Freiheit im sp\u00e4tkapitalistischen Konsumkapitalismus, die die damals vorherrschenden ideologischen Fallstricke einer vermeintlich \u00bbverwalteten Welt\u00ab, einer \u00bbeindimensionalen Gesellschaft\u00ab oder gar eines \u00bbintegralen Etatismus\u00ab vermeidet, ohne die diesen irref\u00fchrenden Ideologemen zugrundeliegenden gesellschaftlichen Erscheinungen zu ignorieren. Auch der sozialstaatlich geb\u00e4ndigte Nachkriegskapitalismus sei zuallererst eine Klassengesellschaft \u2013 eine antagonistische, von Ausbeutung, Ungerechtigkeit und Herrschaft gepr\u00e4gte Gesellschaftsform, in der die einen haben, was den anderen fehlt. Noch immer gebe es Herr und Knecht, b\u00fcrgerliche Elite und lohnarbeitende Klasse, und noch immer habe der Konsens den Zwang nicht aufgehoben \u2013 was damals, in den 1960er und 70er Jahren nur Wenige sehen wollten. Heute jedoch ist auch dies offensichtlicher geworden. Kofler schrieb also, so altmodisch wie zukunftsweisend, von der Klassengesellschaft, in der wir alle leben. Und er reflektierte dar\u00fcber, was dies f\u00fcr die Perspektiven der Emanzipation bedeutet.<\/p>\n<p>Damit forderte er viele Str\u00f6mungen der Linken ebenso heraus wie bestimmte Lesarten der damaligen Marx-Renaissance \u2013 eine Herausforderung, die weitgehend ohne Auseinandersetzung geblieben ist. Das gilt f\u00fcr Koflers Blick auf die Fragen der Sozialpsychologie, seine kritisch-produktive Auseinandersetzung mit Freudschen Psychoanalyse oder sein Pl\u00e4doyer, die Theoriestr\u00e4nge eines Georg Luk\u00e1cs mit denen Herbert Marcuses zu einem neuen zeitgen\u00f6ssischen Marxismus zusammenzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Auch seine Kritik der in ihren beiden Hauptstr\u00f6mungen strukturell verb\u00fcrokratisierten Arbeiterbewegung (also die Kritik der sich in den b\u00fcrgerlichen Staat integrierenden und den Sozialismus aufgebenden Sozialdemokratie wie die Kritik der zu einer Entstalinisierung offensichtlich unf\u00e4higen sozialistischen B\u00fcrokratie der kommunistischen Bewegung) trug nicht gerade zu seiner Popularit\u00e4t bei. Noch weniger seine fr\u00fche Ideologiekritik der Frankfurter Schule, die Kofler bereits Mitte der 1960er, also ein Jahrzehnt vor Perry Andersons ber\u00fchmter Kritik des \u00bbwestlichen Marxismus\u00ab, ganz \u00e4hnlich ausformuliert hatte. Nicht zuletzt gilt dies aber auch f\u00fcr seinen Versuch, den \u00bbwestlichen Marxismus\u00ab mit einem radikalen \u00bbsozialistischen Humanismus\u00ab auch konzeptionell zu verbinden \u2013 und dabei die erkenntniskritischen Grundlagen einer marxistischen philosophischen Anthropologie zu begr\u00fcnden.<\/p>\n<p><strong>F\u00fcr eine marxistische Anthropologie<\/strong><\/p>\n<p>Mit seiner Gesellschaftstheorie hatte auch Kofler an den fr\u00fchb\u00fcrgerlichen, radikaldemokratischen Idealen von Freiheit, Gleichheit und Solidarit\u00e4t angekn\u00fcpft und diese gleichzeitig sowohl gegen die b\u00fcrgerlich beschr\u00e4nkte, rein politische Form der Freiheit wie auch gegen die \u00bbrealsozialistisch\u00ab beschr\u00e4nkte, blo\u00df \u00f6konomisch-sozial gefasste Freiheit gewendet. Das sozialistische Emanzipationsprojekt sei umfassend zu verstehen. Und oppositionelle Forderungen nach Freiheit, Fortschritt, Demokratie und Selbstverwirklichung, nach einer klassenlosen, gemeinwirtschaftlichen Gesellschaft und sich selbstverwirklichenden Individualit\u00e4ten sind ohne die auch konzeptionelle Hinwendung zum Menschen, also ohne eine anthropologische Erkenntnistheorie in marxistischer Perspektive, nicht ausreichend zu begr\u00fcnden.<\/p>\n<p>Wir Menschen sind, wie es Terry Eagleton einmal ausgedr\u00fcckt hat, \u00bbkulturelle Wesen aufgrund unserer Natur, das hei\u00dft aufgrund der Beschaffenheit unserer K\u00f6rper und der Beschaffenheit der Welt, zu der sie geh\u00f6ren\u00ab. Und wo die Menschen gleichsam zwischen Natur und Kultur stehen, wird die menschliche Natur durch die menschliche Kultur zwar ver\u00e4ndert, aber nicht beseitigt. Dies war, vierzig Jahre vor Eagleton, auch Leo Koflers Auffassung und sie liegt im Kern begr\u00fcndet in seiner Ansicht, dass es gerade die menschliche Bewusstseinsbegabung ist, das menschliche Gehirn und die menschliche Kultur also, die seine Natur auszeichnen. Es liegt im Wesen dieser menschlichen Natur, dass sie auf den Mitmenschen und die mit ihm vermittelten Arbeits- und T\u00e4tigkeitsformen strukturell angewiesen ist. Und diese praktisch-t\u00e4tige Arbeit und die ihn begleitenden sozialen Beziehungsweisen sind von kreativ-sch\u00f6pferischer Natur.<\/p>\n<p>Koflers oft missverstandene Grundlegung einer marxistisch-philosophischen Anthropologie versteht sich w\u00f6rtlich als \u00bbLehre von den unver\u00e4nderlichen Voraussetzungen menschlicher Ver\u00e4nderung\u00ab, als eine Form der\u00a0Metatheorie\u00a0und\u00a0Hilfswissenschaft, die keine Anleitung zum Handeln sein will und kann, sondern \u00bbnur\u00ab aufzeigt, warum es \u00fcberhaupt eine spezifisch menschliche Geschichte gab und weiter geben wird, warum die Ver\u00e4nderung der Menschen und ihrer gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse grunds\u00e4tzlich m\u00f6glich, wenn auch nicht in seinen konkreten Inhalten vorherbestimmt ist.<\/p>\n<p>Kofler gibt uns einen Ma\u00dfstab an die Hand f\u00fcr das, was die Selbstverwirklichung des Menschen tats\u00e4chlich sein kann und damit auch f\u00fcr das, was eben keine Emanzipation ist. Welche praktische Bedeutung eine solche Diskussion um anthropologische Menschenbilder hat, wird vielleicht erste heute, nach den Erfahrungen mit dem auf einen strukturellen Sozialdarwinismus setzenden Neoliberalismus und im Angesicht des immer offensichtlicher zerr\u00fctteten \u00f6kologischen Verh\u00e4ltnisses von Mensch und Natur wie der zeitgen\u00f6ssischen Herausforderungen der in die menschliche Natur eingreifenden Bio- und Neurowissenschaften wirklich deutlich.<\/p>\n<p><em>#Titelbild: Leo Kofler in den 1970er Jahren. Foto: Leo Kofler-Gesellschaft.<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/jacobin.de\/artikel\/leo-kofler-der-marxistische-grenzganger-christoph-junke-neue-linke-frankurter-schule-sozialistischer-humanismus-studentenbewegung-westlicher-marxismus\/\"><em>jacobin.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 29. Dezember 2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph J\u00fcnke. Leo Kofler kennt heute kaum jemand. 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