{"id":10625,"date":"2021-12-29T12:14:59","date_gmt":"2021-12-29T10:14:59","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10625"},"modified":"2022-01-22T11:18:19","modified_gmt":"2022-01-22T09:18:19","slug":"woker-sozialchauvinismus-gesuender-kochen-mit-cem-oezdemir","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10625","title":{"rendered":"Woker Sozialchauvinismus \u2013 Ges\u00fcnder Kochen mit Cem \u00d6zdemir"},"content":{"rendered":"<p><em>Peter Schaber. <\/em>Eine der ersten Amtshandlungen des neuen Agrarministers der Ampel-Regierung, Cem \u00d6zdemir, bestand in einem Interview. Der Berufsradler mit 5-stelligem Gehalt (monatlich) und 5-stelligem Vortragsnebenverdienst (j\u00e4hrlich) wandte sich im Gespr\u00e4ch mit der&nbsp;<em>Bild am Sonntag<\/em>&nbsp;gegen \u201eRamschpreise f\u00fcr Lebensmittel\u201c. Diese \u201etreiben Bauernh\u00f6fe in den Ruin, verhindern mehr Tierwohl,<!--more--> bef\u00f6rdern das Artensterben und belasten das Klima\u201c, so der schw\u00e4bische Gr\u00fcnen-Politiker. Woran das liege, daf\u00fcr hat \u00d6zdemir auch eine Erkl\u00e4rung parat. Es ist die Wertsch\u00e4tzung, die fehlt: \u201eManchmal habe ich das Gef\u00fchl, ein gutes Motor\u00f6l ist uns wichtiger als ein gutes Salat\u00f6l\u201c, so \u00d6zdemir.<\/p>\n<p>Der Vorsto\u00df zeitigte die vorhersehbaren Reaktionen. Diejenigen, die sich noch ein K\u00f6rnchen Sympathie f\u00fcr die Habenichtse dieses Landes bewahrt haben, w\u00fcnschten \u00d6zdemir zum Teufel. Dagegen warf sich eine Phalanx von im Yoga-Seminar zu Asketismus erzogenen Wirtschaftsredakteurinnen, umweltbewegten Anwaltss\u00f6hnen und Prenzlberger Lifecoach-Gestalten in die Bresche. Die Gr\u00fcnen-W\u00e4hler \u2013 wahre Helden unserer Zeit, die jetzt schon dem Salat\u00f6l den Vorzug vor dem Motor\u00f6l geben \u2013 sahen sich um den moralischen Mehrwert ihrer t\u00e4glichen m\u00fchsamen Reisen mit dem Lastenrad zur Biocompany geprellt und fuhren die ganz schweren Gesch\u00fctze auf: Die Kritiker \u00d6zdemirs seien gegen Tierwohl, wollen den Kampf um das Menschenrecht auf Billigschnitzel, w\u00fcrgen den Bauern zu Tode und verursachen den Klimawandel per Tiefk\u00fchlpizza.<\/p>\n<p>Haben die Konrads und Ann-Kathrins recht? Letztlich hat \u00d6zdemir doch nichts falsches gesagt? Ein Auskommen f\u00fcr Bauern, gesundes, nachhaltiges und gutes Essen, dessen Wertsch\u00e4tzung sich im Preis spiegelt \u2013 wer k\u00f6nnte dagegen sein?<\/p>\n<p><strong>Um den hei\u00dfen Brei herum<\/strong><\/p>\n<p>Die Pointe von dem, was \u00d6zdemir sagt, liegt in dem, was er nicht sagt. Und in dem, was er und seine Partei seit eh und je tun. Dabei geht es zum einen um die Monopolisierung und die immensen Profitraten im Lebensmittelsektor. Sowohl die Agrar- wie auch die Handelskonzerne fahren riesige Summen ein, unschwer daran abzusehen, dass die Aldi-Eigent\u00fcmerfamilie Albrecht und der Lidl-Milliard\u00e4r Dieter Schwarz seit Jahren ganz oben auf den Ranglisten der reichsten Deutschen zu finden sind.<\/p>\n<p>Wie macht man das, wenn man als Handelskapitalist gar nicht (oder zumindest nicht \u00fcberwiegend) \u00fcber eine \u201eeigene\u201c Produktion verf\u00fcgt und damit nicht direkt den Mehrwert der \u201eeigenen\u201c Arbeiter ausbeuten kann? Man muss von den Profiten derjenigen absch\u00f6pfen, die produzieren \u2013 also den Herstellern der Lebensmittel. Das sind \u00fcbrigens in den \u00fcberwiegenden F\u00e4llen nicht die \u201edeutschen Kleinbauern\u201c, die man im Prenzlberger Gr\u00fcnen-Milieu grade gerne in die Wagschale wirft, sondern es sind multinationale Unternehmen mit v\u00f6llig intransparenten Lieferketten, deren Erzeugnisse von \u00fcberausgebeuteten Lohnsklaven im Ausland oder migrantischen Niedriglohnarbeitern im Inland erzeugt werden.<\/p>\n<p>Wie bei allen Masseng\u00fctern, die in den imperialistischen Zentren verf\u00fcgbar sind, steht dieses System von profitabel auf den Markt gebrachten Billigg\u00fctern in einem breiteren Kontext: wer aus Kapital mehr Kapital machen will, muss Arbeiter ausbeuten. Der Wert der Ware Arbeitskraft bestimmt sich aber seinerseits aus dem, was zu seiner Wiederherstellung n\u00f6tig ist \u2013 also aus dem \u00c4quivalent der G\u00fcter, die eine Arbeiterin auf einem bestimmten erk\u00e4mpften oder kulturell bedingten Niveau ihres Lebensstandards braucht, um arbeiten zu k\u00f6nnen. Wenn die G\u00fcter, die in diesen \u201eWarenkorb\u201c einflie\u00dfen, teurer werden, steigt also auch das, was man Arbeitern zahlen muss, damit sie \u00fcberhaupt arbeiten gehen k\u00f6nnen. \u201eRamschlebensmittel\u201c sind so ein integraler Teil des stetigen Versuchs, die \u201eWettbewerbsf\u00e4higkeit\u201c des deutschen Kapitals insgesamt sicherzustellen. Lohnst\u00fcckkosten hei\u00dft das im kapitalistischen Jargon, und wenn die zu hoch werden, dann straft der Weltmarkt.<\/p>\n<p>In diesem ganzen Prozess gibt es klare Gewinner und klare Verlierer: Die Kleinbauern und Agrarproletarier und die Armen, Arbeiter und Erwerbslosen, die die Scheisse fressen, stehen auf der Verliererseite. Und die Agrarkonzerne von T\u00f6nnies bis Nestle stehen genauso wie die Handelsoligopole wie Aldi und Lidl auf der Gewinnerseite. Wer von denen das gediegenere Salat\u00f6l wertsch\u00e4tzt, kann sich ja jeder ausrechnen.<\/p>\n<p><strong>Woker Sozialchauvinismus<\/strong><\/p>\n<p>Setzt man die \u00c4u\u00dferungen von \u00d6zdemir in den Kontext der Politik seiner Partei, wei\u00df man, dass das durchaus so gewollt ist. Er und die Seinen wollen nicht dar\u00fcber reden, dass Millionen Menschen in diesem Land sich gar nicht so recht aussuchen k\u00f6nnen, was sie essen und was nicht \u2013 sie haben ja anst\u00e4ndig daran mitgewirkt. Hartz-IV \u2013 das ja die pr\u00e4zise Funktion erf\u00fcllt, nicht nur Erwerbslose zu knechten, sondern auch die Drohkulisse f\u00fcr die Erwerbst\u00e4tigen abzugeben, auf dass sie ja nicht h\u00f6here L\u00f6hne fordern, mit denen sie was besseres essen k\u00f6nnten \u2013 ist eine rot-gr\u00fcne Errungenschaft. Flexibilisierung auf dem Arbeitsmarkt, die Zunahme von Leiharbeit und dergleichen ebenso. Und auch diese Regierung hat schon zur Gen\u00fcge dargelegt, dass sie das genauso belassen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Wer das alles nicht \u00e4ndern will und von h\u00f6heren Preisen redet, kann noch f\u00fcnfzig Mal hinten nachschieben, dass das ja alles schon irgendwie \u201esozial abgefedert\u201c werden m\u00fcsse \u2013 es bleibt eine L\u00fcge. Kein Cent von der Preiserh\u00f6hung kommt bei den Agrarsklaven in Andalusien oder den Cashew-Pfl\u00fcckern in Afrika an, kein Kind auf einer Kaffeeplantage bekommt eine neue Hose und kein bulgarischer Schlachter bei T\u00f6nnies holt sich davon den Tesla-Traumwagen. Die Profite bleiben da, wo sie immer bleiben, in den Taschen der Kapitalisten.<\/p>\n<p>\u00d6zdemir wei\u00df das, er steht fest hinter der \u201efreien Marktwirtschaft\u201c. Und die hilfsbereite Bastschuh-Mittelschicht, die jetzt irgendwelche Kochb\u00fccher postet, wie man sich mit 5 Euro Hartz-IV-Essensration am Tag trotzdem einen richtig geilen Kartoffelsalat zaubern kann, wei\u00df das auch. Was die konsumbewusste Schickeria sagen will, ist der alte Satz der armenfeindlichen Rechten: \u201cDie Armen strengen sich einfach nicht genug an\u201d, nur ein klein wenig erg\u00e4nzt, denn man will ja nur deren Bestes: \u201cDie Armen strengen sich einfach nicht genug an, sich mal was ordentliches zu essen zu machen.\u201d Es ist der alte Sozialchauvinismus, nur gr\u00fcn lackiert.<\/p>\n<p>Worum es hier, wie bei allen gr\u00fcnen Modernisierungsversuchen des Kapitalismus, geht, ist, so zu tun, als k\u00e4men die Verwerfungen des Kapitalismus nicht aus seinem rastlosen Drang zur Kapitalakkumulation, sondern aus der Verkommenheit (vor allem) armer Menschen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/lowerclassmag.com\/2021\/12\/27\/woker-sozialchauvinismus-gesuender-kochen-mit-cem-oezdemir\/\"><em>lowerclassmag.com&#8230;<\/em><\/a><em> vom 29. Dezember 2021<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Peter Schaber. 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