{"id":10638,"date":"2022-01-04T10:26:16","date_gmt":"2022-01-04T08:26:16","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10638"},"modified":"2022-01-04T10:26:17","modified_gmt":"2022-01-04T08:26:17","slug":"russland-zur-aufloesung-von-memorial","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10638","title":{"rendered":"Russland: Zur Aufl\u00f6sung von Memorial"},"content":{"rendered":"<p><em>Clara Weiss. <\/em>Mehr als 30 Jahre nach der Aufl\u00f6sung der Sowjetunion durch die Stalinisten im Jahr 1991 versucht der russische Staat, jede Erforschung der Verbrechen des Stalinismus gesetzlich zu verbieten. Am 28. Dezember best\u00e4tigte der russische Oberste Gerichtshof eine Empfehlung der Regierung vom 11. November, laut der die Menschenrechtsorganisation International Memorial, die eine zentrale Rolle bei der<!--more--> Dokumentation und Aufdeckung der Verbrechen des Stalinismus gespielt hat, wegen eines angeblichen Versto\u00dfes gegen Russlands Gesetze zur Abwehr \u201eausl\u00e4ndischer Agenten\u201c aufgel\u00f6st werden m\u00fcsse.<\/p>\n<p>Memorial wurde 1987 inmitten der t\u00f6dlichen Krise des Stalinismus gegr\u00fcndet. Die Organisation hat mehrere Datenbanken mit den Namen und biografischen Informationen von mehr als drei Millionen Opfern des stalinistischen Gro\u00dfen Terrors aufgebaut. Die Eintr\u00e4ge liefern au\u00dferdem oft Informationen und Links zu passendem Archivmaterial und anderen Quellen. Das Archiv von Memorial umfasst die pers\u00f6nlichen Aufzeichnungen (\u201eLitschnje Dela\u201c) von 60.000 Opfern des Terrors sowie Material von Mitgliedern der sowjetischen Dissidentenbewegung. Ihre Bibliothek enth\u00e4lt mehr als 40.000 B\u00e4nde, viele davon seltene Ausgaben. Die Organisation betreibt ein Museum, das \u00fcber die Jahre viele wichtige Ausstellungen und Veranstaltungen organisiert hat. Sollte das Urteil best\u00e4tigt werden, w\u00fcrde all das aufgel\u00f6st werden.<\/p>\n<p>Der Oberste Gerichtshof hat die Schlie\u00dfung der zahlreichen regionalen Zweigstellen von Memorial angeordnet. Diese haben \u00dcberlebenden des Terrors geholfen und Ausstellungen und Ausgrabungen an den Schaupl\u00e4tzen von Massenerschie\u00dfungen organisiert. Memorial hat in einer nachdr\u00fccklichen Erkl\u00e4rung seine Ablehnung des Urteils bekr\u00e4ftigt und Berufung angek\u00fcndigt.<\/p>\n<p>Nur einen Tag vor dem Urteil am Dienstag vergangener Woche verl\u00e4ngerte ein anderes russisches Gericht die Haftstrafe f\u00fcr den Historiker Juri Dmitrijew, der mit dem Memorial-Ableger in Karelien zusammengearbeitet hatte, auf 15 Jahre. Angesichts der grassierenden Pandemie kommt das Urteil gegen den 65-j\u00e4hrigen Dmitrijew, der sich in einem schlechten Gesundheitszustand befindet, einem Todesurteil gleich.<\/p>\n<p>Zweifellos wurde der Prozess gegen Memorial auf den h\u00f6chsten Ebenen des russischen Staats organisiert. Die Staatsanwaltschaft wurde vom russischen Justizministerium und dem Roskomnadzor unterst\u00fctzt, dem F\u00f6deralen Dienst f\u00fcr die Aufsicht im Bereich der Kommunikation, Informationstechnologie und Massenkommunikation.<\/p>\n<p>Der russische Pr\u00e4sident Wladimir Putin, dessen Amt zuvor Unkenntnis \u00fcber den Prozess gegen Memorial vorget\u00e4uscht hatte, verurteilte die Organisation am 9. Dezember als angebliche Unterst\u00fctzer von \u201eterroristischen und extremistischen\u201c Gruppen. Er warf der Organisation au\u00dferdem vor, sie habe ihre \u201ehumanistischen Ideale\u201c verraten, weil sie aufgrund ihrer starken Unterbesetzung versehentlich die Namen von drei Nazi-Kollaborateuren auf ihrer Website erw\u00e4hnt hatte; ein Fehler, der jedoch schnell korrigiert wurde.<\/p>\n<p>Bei der Verhandlung am letzten Dienstag machte Staatsanwalt Alexei Schafjarow kein Geheimnis aus der politischen Motivation hinter der Verfolgung von Memorial. Er warf der Organisation vor, sie w\u00fcrde \u201estaatliche Autorit\u00e4ten kritisieren\u201c und erkl\u00e4rte: \u201eEs ist offensichtlich, dass Memorial die historische Erinnerung an den Gro\u00dfen Vaterl\u00e4ndischen Krieg [d.h. den Zweiten Weltkrieg] verzerrt und ein falsches Bild der UdSSR als terroristischer Staat zeichnet. Zu diesem Zweck betreibt sie\u00a0<em>Spekulationen<\/em>\u00a0\u00fcber die Unterdr\u00fcckung im 20. Jahrhundert und rehabilitiert Naziverbrecher, die das Blut sowjetischer B\u00fcrger an den H\u00e4nden haben.\u201c (Hervorhebung hinzugef\u00fcgt)<\/p>\n<p>Diese neostalinistischen L\u00fcgen und Verleumdungen m\u00fcssen zur\u00fcckgewiesen werden! Arbeiter m\u00fcssen die sofortige Freilassung von Juri Dmitrijew fordern und aktiv werden, um die Aufl\u00f6sung von Memorial und seiner unsch\u00e4tzbaren Archive zu verhindern.<\/p>\n<p>Die politischen Differenzen zwischen der WSWS und der russischen liberalen Opposition, zu der die F\u00fchrung von Memorial Beziehungen unterh\u00e4lt, sind umfassend dokumentiert. Doch darum geht es hier nicht. Memorial hat durch seine Arbeit den Versuchen des Putin-Regimes geschadet, die Verbrechen Stalins zu rehabilitieren und zu rechtfertigen. Die Verteidigung von Memorial ist gleichbedeutend mit der Verteidigung des Zugangs zur historischen Wahrheit \u00fcber die Verbrechen des Stalinismus.<\/p>\n<p>Im Gro\u00dfen Terror der 1930er wurden mehr als eine Million Menschen ermordet, weitere Millionen verschwanden in Arbeitslagern. In diesem politischen V\u00f6lkermord wurden ganze Generationen von Revolution\u00e4ren ausgel\u00f6scht, vor allem die F\u00fchrer der Oktoberrevolution und des Kampfs der Linken Opposition gegen den Stalinismus. Leo Trotzki, der neben Lenin der zweite Anf\u00fchrer der Revolution und sp\u00e4ter der wichtigste Gegner Josef Stalins war, wurde im August 1940 in Mexiko von einem Agenten der GPU ermordet.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/rus.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"769\" height=\"335\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/rus.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-10639\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/rus.jpg 769w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/rus-300x131.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 769px) 100vw, 769px\" \/><\/a><figcaption><em>Ein Eintrag aus der Datenbank von Memorial \u00fcber Alexander Woronski, einem f\u00fchrenden Trotzkisten und Literaturkritiker. Aufgef\u00fchrt sind sein Geburts- und Hinrichtungsdatum sowie das Datum seiner Rehabilitierung, seine ehemalige Adresse, Beruf, fr\u00fchere Exile und Verhaftungen, seine Verurteilung und ein Verweis auf Archivmaterial.<\/em><\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Wurzeln der russischen Oligarchie liegen in dieser gewaltsamen historischen Reaktion gegen die erste sozialistische Revolution der Weltgeschichte. Sie bef\u00fcrchtet, dass das Wiederaufleben des Klassenkampfs auch zu einem neuen Interesse an den Urspr\u00fcngen und dem Schicksal der Revolution von 1917 und dem Kampf Leo Trotzkis gegen den Stalinismus f\u00fchren wird. Dies will sie verhindern, indem sie die historische Wahrheit unterdr\u00fcckt und die stalinistische Verf\u00e4lschung der Geschichte aufrechterh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Im M\u00e4rz 1992 betonte David North auf dem 12. Plenum des Internationalen Komitees der Vierten Internationale:<\/p>\n<p><em>\u201eWenn man die Auswirkungen der Verbrechen des Stalinismus auf die politische Entwicklung der Arbeiterklasse \u00fcberdenkt, kommt man zu dem Ergebnis, dass keine andere politische Kraft so verheerende Folgen f\u00fcr die progressive Entwicklung der Menschheit hatte. Hitler war, was er war. Er war ein faschistischer, imperialistischer Politiker. Doch Stalin und die Sowjetb\u00fcrokratie sowie die stalinistischen Massenparteien auf der ganzen Welt behaupteten, im Namen der Oktoberrevolution zu sprechen. &#8230; Was wollte Stalin erreichen? Man kann die Massenmorde nur als einen Versuch erkl\u00e4ren, alle Spuren der marxistischen Kultur innerhalb der Arbeiterklasse und der Gesellschaft auszul\u00f6schen. &#8230; Der Zweck dieses Massenmordes war die Ausl\u00f6schung der Individuen, die die revolution\u00e4re politische, soziale und kulturelle Umgebung verk\u00f6rperten, aus der die Oktoberrevolution hervorging. Ich halte es f\u00fcr unm\u00f6glich, die Ereignisse im letzten Jahr [1991] zu verstehen, ohne die Enormit\u00e4t dieses Verbrechens zu erkennen. &#8230; Die Wiederlegung der L\u00fcge, der Stalinismus sei der Marxismus, erfordert die Enth\u00fcllung der Taten des Stalinismus. Um zu wissen, was der Stalinismus ist, muss man zeigen, wen der Stalinismus ermordet hat. Wir m\u00fcssen die Frage beantworten, gegen welchen Feind der Stalinismus seine schrecklichsten Schl\u00e4ge gef\u00fchrt hat.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Zehntausende von Revolution\u00e4ren, darunter Tausende von Trotzkisten, die nicht vor dem Stalinismus kapitulierten, wurden aus dem historischen Ged\u00e4chtnis der Arbeiterklasse getilgt. Die stolze Geschichte ihres politischen Kampfs und ihre oft herausragenden und umfangreichen Schriften sind nahezu v\u00f6llig unbekannt.<\/p>\n<p>Die Informationen aus den Datenbanken von Memorial sowie die Archive und die Bibliothek der Organisation sind unverzichtbar f\u00fcr die Erforschung der Geschichte der Sowjetunion und der internationalen Arbeiterbewegung der 1920er und 1930er.<\/p>\n<p>Die Ausgrabungen an den ber\u00fcchtigtsten Schaupl\u00e4tzen von Massenerschie\u00dfungen des Gro\u00dfen Terrors, u.a. der Begr\u00e4bnisst\u00e4tte Kommunarka, wurden fast immer mit der Unterst\u00fctzung von Memorial durchgef\u00fchrt. Daneben hat die Organisation den Familien der Opfer des Terrors geholfen, etwas \u00fcber das Schicksal ihrer Angeh\u00f6rigen zu erfahren und ihre Rehabilitierung zu erreichen.<\/p>\n<p>Das Putin-Regime glaubt, es k\u00f6nne die Arbeiterklasse und die Historiker mit diesem Urteil einsch\u00fcchtern. Weitere Angriffe auf historische Institutionen und Archive sind in Vorbereitung.<\/p>\n<p>Es k\u00f6nnte sich darin ebenso gut t\u00e4uschen. Die Verfolgung von Memorial hat Emp\u00f6rung ausgel\u00f6st, u.a. unter Sch\u00fclern und Studenten, K\u00fcnstlern und Arbeitern. Eine junge Frau beschrieb die Aufl\u00f6sung von Memorial als \u201eVersuch, mein Ged\u00e4chtnis zu l\u00f6schen\u201c.<\/p>\n<p>Russland ist trotz der jahrzehntelangen Konterrevolution noch immer ein hochgradig politisiertes Land. Die Oktoberrevolution, die 1920er und 1930er und der Zweite Weltkrieg werden zwar kaum verstanden, sind aber dennoch regelm\u00e4\u00dfig Thema von Fernsehserien, B\u00fcchern und Diskussionen.<\/p>\n<p>Zudem sind drei Jahrzehnte des sozialen Elends und der Reaktion unter dem Kapitalismus, deren bisheriger H\u00f6hepunkt die Erfahrung mit dem t\u00e4glichen Massensterben w\u00e4hrend der Pandemie ist, nicht spurlos am Bewusstsein der Arbeiterklasse vor\u00fcbergegangen. Es herrscht zwar noch immer gro\u00dfe Verwirrung \u00fcber die Natur des Stalinismus, der Sowjetunion und der Oktoberrevolution, doch es gibt bei vielen Arbeitern und Intellektuellen ebenso das Gef\u00fchl, dass die Wahrheit \u00fcber diese Geschichte eine wesentliche Voraussetzung f\u00fcr sozialen Fortschritt ist.<\/p>\n<p>Die historischen Unterlagen, die Memorial gesammelt und aufbewahrt hat, sind von entscheidender Bedeutung f\u00fcr die Erweckung des Bewusstseins der arbeitenden Massen. Der weit verbreitete Widerstand gegen den Angriff auf Memorial muss jetzt mobilisiert und in der russischen und internationalen Arbeiterklasse verwurzelt werden, weil sie die einzige soziale Kraft ist, die die historische Wahrheit und die demokratischen Rechte verteidigen kann.<\/p>\n<p><em>#Titelbild: Tafeln mit den Namen der Opfer, die auf dem Schie\u00dfplatz Kommunarka bei Moskau hingerichtet wurden (WSWS Media)<\/em><\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2022\/01\/03\/03e7-j03.html\">wsws.org&#8230;<\/a> vom 4. Januar 2022<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Clara Weiss. Mehr als 30 Jahre nach der Aufl\u00f6sung der Sowjetunion durch die Stalinisten im Jahr 1991 versucht der russische Staat, jede Erforschung der Verbrechen des Stalinismus gesetzlich zu verbieten. Am 28. 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