{"id":10642,"date":"2022-01-05T15:37:51","date_gmt":"2022-01-05T13:37:51","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10642"},"modified":"2022-01-05T15:37:53","modified_gmt":"2022-01-05T13:37:53","slug":"imperialismustheorie-und-neokolonialismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10642","title":{"rendered":"Imperialismustheorie und Neokolonialismus"},"content":{"rendered":"<p><em>Markus Lehner. <\/em>Ausgangspunkt der klassischen Imperialismustheorie war die Aufteilung der Welt unter gro\u00dfe Kolonialimperien. Auch wenn sich diese als nicht so langlebig erwiesen wie von vielen erwartet, so war ihr Erscheinen ein wesentlicher Wendepunkt in der Globalgeschichte, der noch bis heute in Formen nachwirkt, die sich als \u201eNeokolonialismus\u201c bezeichnen lassen. Die Analysen der Imperialismustheorie k\u00f6nnen<!--more--> daher mit gewissen Modifikationen in der \u00c4ra der postkolonialen Welt fortgeschrieben werden.<\/p>\n<p><strong>Kolonialismus und \u201eDekolonisation\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Der Imperialismus als System der politischen und \u00f6konomischen Weltordnung des Kapitals hat eine lange Vorgeschichte, in der die von Anfang an im Begriff des Kapitals gegebene Weltmarktorientierung\u00a0<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn1\">[i]<\/a>\u00a0zur materiellen Wirklichkeit wurde. Der Handelsimperialismus\u00a0<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn2\">[ii]<\/a>, der seit der fr\u00fchen Neuzeit die Grundlagen eines kapitalistischen Weltmarktes unter europ\u00e4ischer Dominanz schuf, hatte zuvor im Wesentlichen ein Netz von Handelsst\u00fctzpunkten und Siedlerkolonien hervorgebracht. Die ersten gro\u00dfen Aktiengesellschaften, wie die niederl\u00e4ndische und britische Ostindiengesellschaft, organisierten ihre pr\u00e4kolonialen Aktivit\u00e4ten sogar in milit\u00e4rischen Fragen noch selbst. Umfangreicher werdende Gesch\u00e4fte, Durchbrechen der Monopolstellung dieser Gesellschaften, wachsende Konkurrenz und Widerst\u00e4nde der Betroffenen auf der einen Seite und die Schaffung \u201emoderner\u201c Staatsapparate im Zeitalter des Merkantilismus auf der anderen Seite f\u00fchrten zu einer wachsenden Rolle staatlicher Strukturen in der europ\u00e4ischen Kolonialpolitik des 18. Jahrhunderts. In den Siedlerkolonien des amerikanischen Kontinents l\u00f6ste der Versuch einer strikteren kolonialen Kontrolle (z.\u00a0B. in Verwaltung und Steuerpolitik) heftigen Widerstand der dort bereits sich entwickelnden starken b\u00fcrgerlichen Kr\u00e4fte aus, der letztlich in die Unabh\u00e4ngigkeit der USA und der lateinamerikanischen Republiken (rund 50 Jahre sp\u00e4ter) f\u00fchrte\u00a0<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn3\">[iii]<\/a>. In Asien, wo die Kr\u00e4fte der b\u00fcrgerlichen Selbstst\u00e4ndigkeit nicht so weit entwickelt waren, gelang den dort intervenierenden europ\u00e4ischen Gro\u00dfm\u00e4chten jedoch die Umwandlung von Handelsdominanz in direkte koloniale Kontrolle. Im Lauf des 19. Jahrhunderts zwang die Dynamik der Kapitalakkumulation im Rahmen der Entstehung eines industriellen Kapitalismus und der Konkurrenz auf dem Weltmarkt die gro\u00dfen Kapitale zu einer Form der direkteren Kontrolle ihrer Absatz- und Rohstoffm\u00e4rkte in Form von \u201eKolonialreichen\u201c, die ihren H\u00f6hepunkt in der Aufteilung Afrikas fand. Gleichzeitig wurden formal unabh\u00e4ngige Regionen, wie Lateinamerika oder Ostasien, dort in der Gestalt des \u201eFreihandelsimperialismus\u201c\u00a0<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn4\">[iv]<\/a>\u00a0in dieses System der Aufteilung der Welt eingegliedert und seit Mitte des 19. Jahrhunderts de facto zu \u201eHalbkolonien\u201c. Den USA gelang es, durch ihre starke eigenst\u00e4ndige kapitalistische Entwicklung gegen Ende des Jahrhunderts aufzuschlie\u00dfen und sich am br\u00f6ckelnden kolonialen Erbe Spaniens zu bedienen (Philippinen, Kuba) bzw. Gro\u00dfbritannien in der halbkolonialen Dominanz Lateinamerikas abzul\u00f6sen.<\/p>\n<p>Im 19. Jahrhundert brachte also eine kleine Zahl europ\u00e4ischer Staaten (sp\u00e4ter gefolgt von den USA) den Rest der Welt in geradezu \u201elachhaft leichter Weise\u201c\u00a0<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn5\">[v]<\/a>\u00a0unter ihre Kontrolle. Sofern sie die anderen L\u00e4nder nicht unmittelbar besetzten und beherrschten, garantierten ihre \u00f6konomischen, technischen und milit\u00e4rischen M\u00f6glichkeiten eine unangefochtene Vormachtstellung. Gro\u00dfe alte Kulturregionen wie Indien wurden zu Anh\u00e4ngseln eines kleinen nordatlantischen Inselstaates, so wie China als \u00e4ltestes Reich Asiens zu einem Spielball europ\u00e4ischer M\u00e4chte verkam. Nur im \u00e4u\u00dfersten Nordwesten des Pazifiks gelang es mit Japan, einer Region sich der imperialistischen Expansion \u201edes Westens\u201c entgegenzusetzen und eine eigenst\u00e4ndige kapitalistische Entwicklung einzuschlagen. Aber selbst diese Ausnahme best\u00e4tigte die anscheinende \u00dcberlegenheit des westlichen \u201eEntwicklungsmodells\u201c und einer \u201eModernisierung\u201c auf der Grundlage von Kapital, westlicher Wissenschaft und staatlicher Organisation. Sp\u00e4ter wirkte sogar die b\u00fcrokratisch degenerierte Sowjetunion in der kolonialen Welt wie ein alternatives Vorbild staatlich dominierter Modernisierungspolitik zwecks \u201enachholender Entwicklung\u201c.<\/p>\n<p>Die Entwicklungen vom Beginn des Ersten bis Ende des Zweiten Weltkriegs ver\u00e4nderten die Bedingungen dieses Kolonialimperialismus wesentlich. \u00c4hnlich wie im Fall von Lateinamerika w\u00e4hrend und nach den napoleonischen Kriegen bedeutete die Schw\u00e4chung der zentralen Kolonialm\u00e4chte im Rahmen der Weltkriege ein Fenster f\u00fcr mehr \u00f6konomische und politische Eigenentwicklung. Zudem boten der Aufstieg der USA und die Stabilisierung der Sowjetunion Perspektiven f\u00fcr eine \u00dcberwindung der europ\u00e4ischen Kolonialreiche, indem von dort Unterst\u00fctzung f\u00fcr neue, \u201eunabh\u00e4ngige\u201c Staaten erwartet wurde. Letztlich waren Ereignisse, wie die Weltwirtschaftskrise nach 1929, wesentliche Einschnitte: Bis dahin hatten die Kolonialregime zumindest f\u00fcr stabile Wachstumsraten gesorgt, durch die zumindest die Eliten in den Koloniall\u00e4ndern gesicherte Verm\u00f6gen aufbauen konnten. Kriegskonjunkturen und Weltwirtschaftskrise f\u00fchrten dazu, dass in den Koloniall\u00e4ndern die Autonomie- und Unabh\u00e4ngigkeitsbewegungen speziell ab den 1930er Jahren immer mehr Auftrieb bekamen. Der Zusammenbruch des Goldw\u00e4hrungssystems und der von Britannien dominierten Welthandelsordnung f\u00fchrte schlie\u00dflich dazu, dass auch die f\u00fchrenden Kolonialm\u00e4chte mit einem Ende des alten Kolonialregimes rechnen mussten. Dass dies kein friedlicher und an der eigenst\u00e4ndigen Entwicklung der ehemaligen Kolonien interessierter Prozess werden w\u00fcrde, ist klar. Wenn man die Kolonien schon nicht halten konnte, so wurden genug Vorkehrungen getroffen, damit der globale Norden unter der neuen US-amerikanischen F\u00fchrung die Verh\u00e4ltnisse in den neuen L\u00e4ndern wesentlich mitbestimmt, insbesondere was die \u201eOffenheit der M\u00e4rkte\u201c betrifft. Wie man an der belgischen B\u00f6rse angesichts der Unabh\u00e4ngigkeit des Kongos bemerkte: \u201eWir gehen, um zu bleiben\u201c\u00a0<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn6\">[vi]<\/a>.<\/p>\n<p>Mit dem zweiten Weltkrieg hatten die USA Gro\u00dfbritannien als Hegemon unter den kapitalistischen M\u00e4chten abgel\u00f6st, w\u00e4hrend Frankreich und Britannien weiterhin riesige Kolonialreiche unter immer gr\u00f6\u00dferen Kosten aufrechterhielten. Noch 1943 hatte die US-Regierung f\u00fcr die Nachkriegszeit eine rasche Dekolonisation angek\u00fcndigt und daf\u00fcr ein \u201eTreuhandschaftsprogramm\u201c entworfen\u00a0<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn7\">[vii]<\/a>. Dabei sollten die damals geplanten \u201eVereinten Nationen\u201c die Treuhandschaft \u00fcber die Kolonien \u00fcbernehmen und diese letztlich auch \u00fcber den Zeitpunkt der vollst\u00e4ndigen Unabh\u00e4ngigkeit entscheiden. Im Gefolge des Siegs im Pazifikkrieg hintertrieben die USA selbst rasch diese Perspektive, indem sie den Pazifik in eine US-kontrollierte Zone mit Milit\u00e4rst\u00fctzpunkten und abh\u00e4ngigen Regierungen verwandelten. Im Gefolge des sich entwickelnden Kalten Krieges schw\u00e4chten die USA schnell ihr Dekolonisationsprogramm ab. Nur die ehemaligen V\u00f6lkerbundmandate endeten im Treuhandprogramm (mit \u201eErfolgen\u201c wie in der Pal\u00e4stina-Frage sichtbar). F\u00fcr die restlichen Kolonien wurde \u201eSelbstverwaltung\u201c, nicht Unabh\u00e4ngigkeit zum Ziel erkl\u00e4rt \u2013 wobei der Prozess zur Entwicklung der Selbstverwaltung den Kolonialm\u00e4chten selbst \u00fcberlassen wurde! Somit wurde ein langwieriger Prozess zumeist gewaltsamer Konflikte in Gang gesetzt, der die UNO blo\u00df zur B\u00fchne des Interessenausgleichs zwischen den Gro\u00dfm\u00e4chten machte. Algerien, S\u00fcdkorea, Indochina waren die Spitze dieses \u00e4u\u00dferst blutigen Prozesses, in dem die alten Kolonialm\u00e4chte ihre Privilegien mit Z\u00e4hnen und Klauen verteidigten, w\u00e4hrend die USA (wie in der Suez-Krise und Vietnam deutlich zu sehen), politisch-milit\u00e4risch l\u00e4ngst ihre Stelle eingenommen hatten. Eine \u201eUnabh\u00e4ngigkeit\u201c, die unter diesen Bedingungen erworben wurde, war von vornherein ein schlechter Ausgangspunkt.<\/p>\n<p>Der Prozess der \u201eDekolonisation\u201c \u00e4nderte jedenfalls zwischen 1945 und Anfang der 1960er Jahre die politische Landkarte des Globus dramatisch. Die Zahl der unabh\u00e4ngigen Staaten in Asien verf\u00fcnffachte sich, in Afrika stieg sie von gerade einem auf ungef\u00e4hr 50. Dazu kamen noch mehrere in Lateinamerika und der Karibik, zus\u00e4tzlich zu den \u201eunabh\u00e4ngigen\u201c Republiken aus Bolivars Zeiten. Einerseits hatte sich damit die europ\u00e4ische Form staatlicher Organisierung in Form des \u201eNationalstaates\u201c global durchgesetzt \u2013 mitsamt den damit verbundenen \u201eNationalit\u00e4tenkonflikten\u201c. Andererseits f\u00fchrten der Aufbau moderner Gesundheitssysteme und die ersten Phasen der Unabh\u00e4ngigkeitskonjunkturen zu einer Verschiebung der globalen Demographie: Im Zeitalter der Industrialisierung zu Beginn des 19. Jahrhunderts war es Europa, das eine Bev\u00f6lkerungsexplosion im Vergleich zum Rest der Welt aufwies (von 20\u00a0% der Weltbev\u00f6lkerung 1750 auf etwa ein Drittel um 1900); im Zeitalter der Dekolonisation verschob sich das Epizentrum der Bev\u00f6lkerungsexplosion nach Asien und Afrika \u2013 Ende der 1980er Jahre lebten in den \u201eentwickelten\u201c OECD-Staaten nur noch 15\u00a0% der Weltbev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p>Trotz dieser quantitativen Verschiebung, was Zahl der Staaten und der Bev\u00f6lkerung betraf, \u00e4nderte sich an den \u00f6konomischen Verh\u00e4ltnissen w\u00e4hrend des \u201egro\u00dfen Booms\u201c der Nachkriegszeit zun\u00e4chst wenig. Noch 1960 (und heute unvorstellbar) produzierten die industriellen Kernzentren in Westeuropa und Nordamerika \u00fcber 70\u00a0% des globalen realen Sozialprodukts und 80\u00a0% des industriellen Mehrwerts. Die neuen \u201eunabh\u00e4ngigen\u201c Staaten wurden wie zu Zeiten des Kolonialismus weiterhin auf ihre Rolle als Rohstofflieferanten, Agrarl\u00e4nder und Absatzm\u00e4rkte reduziert, was sich durch mehrere gescheiterte Projekte zum Aufbau eigenst\u00e4ndiger Industrien in vielen dieser L\u00e4nder noch verst\u00e4rkte \u2013 das Industriemonopol des \u201eWestens\u201c schien sich sogar noch zu verst\u00e4rken. Nicht zuletzt deswegen erschien der Weg der Sowjetunion oder Chinas f\u00fcr eine wachsende Zahl politischer Kr\u00e4fte in der postkolonialen Welt seit den 1960er Jahren, insbesondere im Gefolge der kubanischen Revolution, als einziger Ausweg aus der \u201eUnterentwicklungsfalle\u201c der neuen, durch die USA bestimmten Weltwirtschaftsordnung.<\/p>\n<p>Dabei ist das weiterbestehende Ungleichgewicht auf den Weltm\u00e4rkten nur eine der Folgen des ungerechten Dekolonisationsprozesses. Die staatlichen Strukturen und Verwaltungen wurden wesentlich von den Kolonialm\u00e4chten \u00fcbernommen, mitsamt geringen Mitteln f\u00fcr soziale Sicherung, Bildung, Gesundheit, Renten, etc., aber genug f\u00fcr Milit\u00e4r und Korruption. Dazu kamen nicht gel\u00f6ste nationale Konflikte, gut genutzt als Herrschaftsmittel der KolonialherrInnen, nun Mittel zum Aufbau neuer Unterdr\u00fcckungsapparate. Dazu kam eine Klassenstruktur mit mehr oder weniger schwacher Bourgeoisie (entsprechend dem Grad der Kapitalentwicklung au\u00dferhalb des staatlichen Sektors) und geringer Entwicklung eines qualifizierten Industrieproletariats. Dar\u00fcber hinaus wurden die internationalen Institutionen von der UNO bis zur Weltbank und dem Internationalen W\u00e4hrungsfonds nicht die versprochenen F\u00f6rdererinnen der Entwicklung der neuen unabh\u00e4ngigen Staaten. Vielmehr sind sie Sicherungsorgane der internationalen Ordnung im Interesse der gro\u00dfen M\u00e4chte und der mit ihnen verbundenen Kapitalgruppen. Milit\u00e4risch gesehen zogen die alten Kolonialm\u00e4chte zwar ab \u2013 daf\u00fcr aber wird die Welt von einem Netz von St\u00fctzpunkten der USA (und ihrer Verb\u00fcndeten) \u00fcberzogen, von \u00fcberall einsetzbaren Flottenverb\u00e4nden und Einsatzkr\u00e4ften genutzt, die immer wieder letztlich f\u00fcr die Aufrechterhaltung der imperialen Ordnung sorgen. Diese Weltordnung, wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist und nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nunmehr alleinig von den USA dominiert wird, ist zwar kein unmittelbares Kolonialreich mehr \u2013 es kann aber nur als neokolonialistischer Imperialismus bezeichnet werden.<\/p>\n<p><strong>Theorie der \u201eabh\u00e4ngigen Entwicklung\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Theoretisch gesehen stellte sich die Frage, ob Lenins Imperialismustheorie, die auf die Kritik des Kolonialsystems bezogen war, f\u00fcr das Zeitalter der Dekolonisation noch ausreichend ist. Insbesondere zur Erkl\u00e4rung der wachsenden Kluft der dekolonisierten Welt zu den herrschenden \u201eIndustrienationen\u201c entstand, zun\u00e4chst vor allem in den Amerikas, eine \u00f6konomische Theorie der \u201eDependenz\u201c, von nachkolonialer Entwicklung als einer vor allem von Abh\u00e4ngigkeit (aufgrund des spanischen Originals oft auch als Dependencia-Theorie bezeichnet). Diese Str\u00f6mung in den \u00f6konomischen Wissenschaften umfasste sowohl marxistische AutorInnen, wie Andr\u00e9 Gunder Frank, wie auch \u00d6konomInnen, die in b\u00fcrgerlichen Institutionen t\u00e4tig waren (wie der argentinische UN-\u00d6konom Ra\u00fal Prebisch oder der sp\u00e4tere brasilianische Staatspr\u00e4sident Cardoso).<\/p>\n<p>Ein wichtiger Ausgangspunkt war das Prebisch-Singer-Theorem. Die beiden \u00d6konomen waren nach 1945 wichtige \u00f6konomische Berater der UN-Institutionen, die f\u00fcr Lateinamerika und Afrika die internationalen \u201eEntwicklungsprojekte\u201c koordinierten bzw. in den wissenschaftlichen Debatten dazu eine wichtige Rolle spielten\u00a0<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn8\">[viii]<\/a>. Das Prebisch-Singer-Theorem geht von einer Unterscheidung von \u201eIndustrienationen\u201c und \u201eEntwicklungsl\u00e4ndern\u201c aus und untersucht statistisch die Ver\u00e4nderung der Au\u00dfenhandelsbeziehungen zwischen diesen beiden Bl\u00f6cken in Form der \u201eTerms of Trade\u201c (ToT), der realen Austauschverh\u00e4ltnisse. Dabei werden die Preise von Export- und Importg\u00fctern (nach W\u00e4hrungsumrechnung) im Verh\u00e4ltnis zur Masse des Warenaustausches gesetzt \u2013 also wird z.\u00a0B. berechnet, wieviel Tonnen Kaffee ein Entwicklungsland im Austausch zum Import eines Autos aus einem Industrieland exportieren muss. Die These, zu der die beiden \u00d6konomen kamen, war, dass sich auf lange Sicht die ToT von Entwicklungsl\u00e4ndern systematisch verschlechtern. Diese These widerspricht fundamental einem der wichtigsten Theoreme der klassischen politischen \u00d6konomie und Freihandelstheorie, dem von den \u201ekomparativen Kostenvorteilen\u201c David Ricardos. Danach m\u00fcsste die \u00d6ffnung des Handels zwischen zwei Staaten (oder Bl\u00f6cken) zu einer internationalen Arbeitsteilung f\u00fchren, von der beide profitieren, indem sich beide jeweils auf das Gebiet konzentrieren, dass sie am besten beherrschen. Dagegen bedeutet die kontinuierliche Verschlechterung der ToT, dass die Entwicklungsl\u00e4nder immer mehr von ihren Produkten, z.\u00a0B. mehr Tonnen Kaffee, exportieren m\u00fcssen, um die gleiche Menge an Industrieprodukten, z.\u00a0B. Anzahl von Autos, importieren zu k\u00f6nnen. Dies bedeutet, dass sie immer mehr ihrer Arbeitskr\u00e4fte und nat\u00fcrlichen Ressourcen einsetzen m\u00fcssen, um ihre Entwicklung vorantreiben zu k\u00f6nnen. Die internationale Arbeitsteilung durch ihre \u00d6ffnung zum Weltmarkt wird f\u00fcr sie daher zum Hemmnis, nicht zum Antrieb ihrer Entwicklung.<\/p>\n<p>Die Prebisch-Singer-These kennt in ihren Begr\u00fcndungszusammenh\u00e4ngen zwei Versionen. Einerseits was die G\u00fcterm\u00e4rkte betrifft: Peripheriel\u00e4nder sind vor allem von Prim\u00e4rg\u00fcterm\u00e4rkten abh\u00e4ngig. Diese sind von der Nachfrageseite her \u201eunelastischer\u201c als die Industrieg\u00fcterm\u00e4rkte, so dass mit wachsenden Einkommen die Nachfrage nach Prim\u00e4rg\u00fctern hinter derjenigen nach Industrieg\u00fctern hinterherhinkt. Andererseits ist in Bezug auf die Angebotsseite die Konkurrenz unter Prim\u00e4rg\u00fcter-LieferantInnen vielfach gr\u00f6\u00dfer als in der mehr monopolisierten Industrieg\u00fcterproduktion. Preiserh\u00f6hungen sind im letzteren Sektor also viel leichter durchzusetzen. Zudem f\u00fchren Produktivit\u00e4tsfortschritte zu einer relativen Absenkung der Nachfrage nach Rohstoffen, w\u00e4hrend Industrieprodukte sogar in gr\u00f6\u00dferer Zahl angeboten und nachgefragt werden k\u00f6nnen (bessere Qualit\u00e4t, neue Produktsparten).<\/p>\n<p>In ihrer zweiten Version bezieht sich die These auf die \u201eFaktorm\u00e4rkte\u201c Kapital und Arbeit: Sinkendes Volumen des Prim\u00e4rsektors und geringe andere Arbeitsm\u00f6glichkeiten (aufgrund des niedrigeren Grades an Industrialisierung) f\u00fchren zu einem Arbeitskr\u00e4fte\u00fcberangebot, das zu einem langfristig niedrigen Lohnniveau f\u00fchrt. Gleichzeitig wird so das periphere Kapital in Niedriglohnsektoren und Prim\u00e4rg\u00fcterbereiche gedr\u00e4ngt oder findet in den Industriel\u00e4ndern profitablere Anlage als in einheimischer h\u00f6herwertiger Produktion. Auch damit kommt es zu einer langfristig schlechteren Entwicklung der Exportpreise der Peripheriel\u00e4nder gegen\u00fcber den Importpreisen, also zu einer Verschlechterung der ToT.<\/p>\n<p>Die Konsequenzen der \u201eEntwicklungs\u00f6konomen\u201c aus diesen Zusammenh\u00e4ngen liegen damit auf der Hand:<\/p>\n<p>Die Peripheriel\u00e4nder m\u00fcssen eine bewusste, staatlich gesteuerte Industrialisierungspolitik betreiben, die einerseits auf den Export ausgerichtet ist, andererseits Importe aus den Industriel\u00e4ndern durch einheimische Produkte ersetzt. Diese Politik muss einerseits durch protektionistische Ma\u00dfnahmen (Z\u00f6lle, Einfuhrbeschr\u00e4nkungen, Subventionen, Steuerpolitik etc.) unterst\u00fctzt werden. In bestimmten Sektoren wurde auch eine Verstaatlichung f\u00fcr notwendig angesehen (z.\u00a0B. in der \u00d6lindustrie). Andererseits wurde auf \u201einternationale Institutionen\u201c, wie die UNO und die Weltbank, gehofft, um die n\u00f6tige Anschubfinanzierung in Form von g\u00fcnstigen Krediten zu leisten, einer Art Marschallplan f\u00fcr die dekolonialisierte Welt.<\/p>\n<p>Dieses Programm erwies sich schon in den 1960er Jahren, sp\u00e4testens aber seit der Weltwirtschaftskrise Mitte der 1970er Jahre als illusorisch. Ein solches Programm stie\u00df auf entschiedenen Widerstand der US-gef\u00fchrten Industrienationen. Protektionismus oder gar Nationalisierungen wurden mit harten Gegenma\u00dfnahmen beantwortet (man denke an den Wirtschaftskrieg gegen den Iran in den 1950er Jahren, als dieser seine Erd\u00f6lindustrie nationalisierte, gefolgt vom Sturz der Mossadegh-Regierung durch US-Intervention). Und nat\u00fcrlich wurde Kreditvergabe an die weitere \u201e\u00d6ffnung\u201c der M\u00e4rkte gebunden. Das f\u00fchrte letztlich dazu, dass die Industrialisierungspolitik der Nachkriegsperiode in den Peripheriel\u00e4ndern zu einer extremen Verschuldung f\u00fchrte, ohne dass konkurrenzf\u00e4hige Industrien entstanden waren. Mit der weltweiten Rezession nach 1974 und der ausbrechenden \u201eSchuldenkrise\u201c in den meisten Peripheriel\u00e4ndern musste dann umso mehr unter schlechten Bedingungen f\u00fcr den Export gearbeitet werden, um die Entschuldungspl\u00e4ne der \u201einternationalen Institutionen\u201c zu erf\u00fcllen. Was von den aufgebauten Industrien bzw. der entsprechenden IndustriearbeiterInnenschaft \u00fcbrig blieb, wurde so wiederum zu einem f\u00fcr die Konzerne des Nordens billig aufkaufbaren Element f\u00fcr die internationalen Produktionsketten, die danach aufgebaut wurden. So hatte sich auch die \u201eIndustrialisierungspolitik\u201c letztlich f\u00fcr die Peripheriel\u00e4nder als Falle erwiesen.<\/p>\n<p>Abgesehen von dieser Kritik an den wirtschaftspolitischen Konsequenzen der Grundthesen der \u201eEntwicklungs\u00f6konomie\u201c gab es schon in Bezug auf die Prebisch-Singer-These selbst eine langwierige Diskussion. Neoliberale \u00d6konomInnen leugneten bzw. leugnen bis heute die Tatsache einer Tendenz zur Verschlechterung der ToT f\u00fcr periphere L\u00e4nder. Dies wurde im Wesentlichen als \u201elateinamerikanische H\u00e4resie\u201c an der Ricardo\u2019schen Lehre angesehen, die man durch einige Modifikationen in die neue Epoche zu retten suchte. Tats\u00e4chlich gab es einige M\u00e4ngel in der statistischen Methode von Prebisch und Singer (nicht zuletzt waren die Welthandelsstatistiken f\u00fcr die erste H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts bei weitem nicht so genau wie heute). Sicherlich war auch die Vereinfachung \u2013 Entwicklungsl\u00e4nder = Prim\u00e4rsektor \/ entwickelte L\u00e4nder = Industriesektor \u2013 eine Verzerrung der Realit\u00e4t. Tats\u00e4chlich ging es aber um eine Tendenz, die L\u00e4nder, die auf bestimmte G\u00fcterm\u00e4rkte angewiesen sind, gegen\u00fcber anderen L\u00e4ndern benachteiligen. Noch dazu gibt die zweite Version der Prebisch-Singer-These, die sich auf die Faktorm\u00e4rkte bezieht, auch die M\u00f6glichkeit, industrialisierte Peripheriel\u00e4nder in die ToT-Berechnung mit einzubeziehen \u2013 hier geht es dann um den Vergleich von Industrieproduktion in unterschiedlichen Stufen der Wertsch\u00f6pfungskette (von Hochtechnologieprodukten bis herunter zu Teilezulieferung).<\/p>\n<p>In einem Aufsatz\u00a0<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn9\">[ix]<\/a>\u00a0von Ocampo und Parra (beides aus Kolumbien stammende \u00d6konomInnen, die in j\u00fcngerer Zeit die UN-Posten von Prebisch und Singer einnahmen) wird die jahrzehntelange Debatte um die These ausf\u00fchrlich zusammengefasst. Erstaunlich ist insbesondere, dass die meisten statistischen Untersuchungen \u00fcber l\u00e4ngere Zeitr\u00e4ume im 20. Jahrhundert die These weitgehend best\u00e4tigt haben (Ocampo\/Parra diskutieren 25 dieser Studien). Dies trifft auch auf eine gro\u00dfangelegte Studie zu, die ausgerechnet von der Weltbank (die ja gleichzeitig eine Politik der Handels\u00f6ffnung betreibt) initiiert wurde, und mit den Statistiken dieser Institution arbeitete. Diese Studie von Grilli\/Yang hat Zeitreihen von 24 Weltmarktg\u00fctern und 7 darauf basierenden Marktindizes aufgestellt und dabei festgestellt, dass es zwischen 1900 und 1986 zu einer j\u00e4hrlichen durchschnittlichen Verschlechterung von 0,6\u00a0% der ToT zwischen Peripherie- und Zentrumsl\u00e4ndern kam.<\/p>\n<p>Ocampo\/Parra stellen aber zu Recht fest, dass diese Verschlechterung der ToT keineswegs so linear erfolgt, wie dies die Prebisch-Singer-These erwarten lie\u00dfe. Vielmehr gibt es bestimmte \u201eWendepunkte\u201c, an denen diese generelle Tendenz hervortritt und f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit zu einer solchen Verschlechterung f\u00fchrt, um dann wieder f\u00fcr eine Periode \u201eausgesetzt\u201c zu sein. Dies wird an der Aggregation von Preisindizes zu den Austauschverh\u00e4ltnissen zwischen \u201eentwickelten\u201c und \u201eperipheren\u201c \u00d6konomien gezeigt (Abbildung 1). Hier wird einerseits deutlich, dass die Austauschverh\u00e4ltnisse bis zum Ersten Weltkrieg durchaus g\u00fcnstig waren, vor allem durch die Fortschritte im Transportsektor. Dies ist sicherlich mit einer der Gr\u00fcnde, warum sich bis dahin direkter Kolonialismus zur Sicherung von Handels\u00fcbersch\u00fcssen lohnte bzw. Teile Lateinamerikas auf dem aufsteigenden Ast zu sein schienen. Mit dem Ersten Weltkrieg, der sowohl einen weltwirtschaftlichen Niedergang, W\u00e4hrungskrisen und Rohstoff sparende Produktivit\u00e4tsfortschritte nach sich zog, sehen wir den ersten langfristigen Bruch in den Austauschverh\u00e4ltnissen. Offensichtlich war der Zweite Weltkrieg bis hin zum \u201eKorea-Boom\u201c (Ende des Korea-Kriegs) mit Hoffnungen auf Verbesserungen in den Bedingungen auf dem Weltmarkt f\u00fcr die \u201edekolonialisierte\u201c Welt verbunden. Dagegen folgte aber w\u00e4hrend des sogenannten \u201eNachkriegsbooms\u201c f\u00fcr die periphere Welt eine langwierige Stagnation, gefolgt vom n\u00e4chsten strukturellen Bruch: Mit der Verschuldungskrise der 1980er Jahre fielen die Austauschverh\u00e4ltnisse nochmals auf ein l\u00e4ngerfristig niedrigeres Niveau. Interessant ist, dass sich \u00c4hnliches auch von den industriellen Sektoren in den peripheren L\u00e4ndern sagen l\u00e4sst. Die Abbildung zeigt ab den 1980er Jahren das Verh\u00e4ltnis von Preisen in der verarbeitenden Industrie in den beiden Hemisph\u00e4ren, das sich parallel mit dem f\u00fcr die G\u00fcterm\u00e4rkte ebenso zu Lasten der peripheren Seite verschlechterte \u2013 ein deutliches Zeichen daf\u00fcr, dass die wachsenden Industriesektoren dort Auslagerungen in den untergeordneten Bereichen der internationalen Produktionsketten darstellen. Schlie\u00dflich mach sich Ende der 1990er Jahre eine Stabilisierung der G\u00fcterm\u00e4rkte durch den Aufstieg der chinesischen \u00d6konomie bemerkbar. Die statistischen Daten f\u00fcr die Periode, die der gro\u00dfen Rezession von 2009 gefolgt ist, deuten jedoch auf einen neuerlichen strukturellen Bruch hin, der viele der peripheren L\u00e4nder unter starken \u00f6konomischen Druck gesetzt hat.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-10643\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn.jpg 1024w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-300x225.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-768x576.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Abbildung 1 Relative Preisindizes auf dem Weltmarkt<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Prebisch-Singer-These bleibt also empirisch relevant auch in einer Periode, in der die peripheren \u00d6konomien nicht mehr einfach auf das Etikett \u201eRohstofflieferantinnen\u201c reduziert werden k\u00f6nnen. Dabei muss betont werden, dass trotz \u201eTigerstaaten\u201c und Aufstieg der \u201eNewly Industrialized Countries\u201c (NICs) f\u00fcr einen gro\u00dfen Teil der peripheren Welt der Export von Rohstoffen und nat\u00fcrlichen Ressourcen weiterhin wesentlich ist: Ostasien ausgenommen, machen f\u00fcr S\u00fcdostasien, Lateinamerika, Nordafrika und den Nahen Osten diese weiterhin 40&nbsp;% ihres Exports aus, w\u00e4hrend es f\u00fcr das subsaharische Afrika und die \u201eLeast Developed Countries\u201c (LDC) sogar noch \u00fcber 50&nbsp;% sind. Mit der Ausnahme Chinas und S\u00fcdkoreas fallen jedoch auch die meisten in der Globalisierungsperiode geschaffenen Industriesektoren in der peripheren Welt in die Kategorie der oben dargestellten ung\u00fcnstigen Austauschverh\u00e4ltnisse.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich aber bleibt das Prebisch-Singer-Theorem auch in seinen Erkl\u00e4rungsversuchen an der Oberfl\u00e4che der (Welt-)Marktbewegungen haften, ohne auf die Wurzeln der abh\u00e4ngigen Entwicklung auf der Grundlage einer Kapitalismusanalyse einzugehen. Dies versuchten die linken VertreterInnen der Dependenztheorie, insbesondere durch einen Bezug auf eine Theorie des \u201eMonopolkapitalismus\u201c. Diese soll deshalb als N\u00e4chstes behandelt werden.<\/p>\n<p><strong>\u201eMonopolkapitalismus\u201c und die \u201eEntwicklung von Unterentwicklung\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Im Jahr 1965 erschien in der legend\u00e4ren \u201eMonthly Review\u201c<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn10\">[x]<\/a>&nbsp;das Buch \u201eKapitalismus und Unterentwicklung in Lateinamerika\u201c<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn11\">[xi]<\/a>&nbsp;von Andr\u00e9 Gunder Frank. Frank war, wie er im Vorwort selbst schreibt, als Sohn einer US-Mittelstandsfamilie und Doktorand bei dem erzliberalen Milton Friedman, in \u00f6konomischer Beraterfunktion Anfang der 1960er Jahre nach Afrika und Lateinamerika gekommen. Dort bemerkte er schnell die Funktion dieser \u201eBeratert\u00e4tigkeit\u201c und das Ungen\u00fcgen von Erkl\u00e4rungen der Entwicklungsprobleme \u00fcber \u201evormoderne\u201c Investitions- und Mentalit\u00e4tshemmnisse, die mit Liberalisierung (insbesondere in Bezug auf den Au\u00dfenhandel) und \u201eBildungspolitik\u201c zu \u00fcberwinden seien. Erkennend, dass weder die weltwirtschaftlichen Institutionen noch die einheimische Bourgeoisie in der Lage waren, die systematische Benachteiligung dieser L\u00e4nder zu \u00fcberwinden, kam er zu dem Schluss:&nbsp;<em>\u201eDie historische Aufgabe der Bourgeoisie in Lateinamerika \u2013 die darin bestand, die Unterentwicklung ihrer Gesellschaft und ihrer eigenen Lage zu f\u00f6rdern und zu \u00fcberwachen \u2013 diese Rolle ist ausgespielt. In Lateinamerika wie auch sonst wo ist nun die Rolle der geschichtstreibenden Kraft den Massen des Volkes selbst zugefallen\u201c<\/em>&nbsp;<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn12\">[xii]<\/a>. Um eine politisch wirksame Theorie der Unterentwicklung aufzustellen, meint Frank,&nbsp;<em>\u201emusste ich meine liberalen Lebensformen und meine Metropolenumgebung aufgeben und in die unterentwickelten L\u00e4nder gehen. Dort nur konnte ich die tats\u00e4chliche politische Wissenschaft und politische \u00d6konomie im klassisch vorliberalen und marxistisch postliberalen Sinn begreifen lernen\u201c<\/em>&nbsp;<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn13\">[xiii]<\/a>.<\/p>\n<p>Zentraler Ausgangspunkt f\u00fcr Franks These von der \u201eEntwicklung der Unterentwicklung\u201c sind die weltweiten Strukturen des Monopolkapitalismus. Dies wird schon aus den Erkl\u00e4rungsmustern der Prebisch-Singer-These verst\u00e4ndlich: Wenn die Austauschverh\u00e4ltnisse zwischen den Metropolen und der Peripherie durch die ung\u00fcnstige Branchenstruktur in letzteren gegen\u00fcber ersteren derart nachteilig sind, was verhindert die Ver\u00e4nderung dieser Struktur? Eine Erkl\u00e4rung ist die z\u00e4he Verteidigung dieser Strukturen durch die gro\u00dfen wirtschaftlichen Konglomerate in den Metropolen, mitsamt deren Satelliten in den untergeordneten L\u00e4ndern&nbsp;<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn14\">[xiv]<\/a>&nbsp;(hier am Beispiel von Chile):&nbsp;<em>\u201eWie wettbewerbsorientiert die Wirtschaftsstruktur in den Metropolen in allen ihren Entwicklungsstadien auch gewesen sein mag, so war doch die Struktur des weltkapitalistischen Systems als Ganzes, w\u00e4hrend der ganzen Geschichte der kapitalistischen Entwicklung in h\u00f6chstem Grad monopolistisch. Deshalb hat das externe Monopolwesen immer zur Enteignung \u2026 eines bedeutenden Teils des in Chile produzierten Surplus gef\u00fchrt \u2026 Die kapitalistische Monopolstruktur \u2026 durchdringt die gesamte chilenische Wirtschaft der Vergangenheit und der Gegenwart. Gerade diese ausbeuterische Beziehung ist es, die kettengleich den kapitalistischen Konnex zwischen der kapitalistischen Welt und den nationalen Metropolen bis zu den regionalen Zentren (dessen Surplus sie sich teilweise aneignen) ausdehnen, und von denen weiter zu den lokalen Zentren, und so fort bis zu den Landbesitzern oder Kaufleuten, die den Surplus von den kleinen Bauern\/B\u00e4uerinnen und P\u00e4chterInnen aneignen, manchmal bis hin zu den landlosen Arbeitern, die wiederum von letzteren ausgebeutet werden. Auf jeder Stufe \u00fcben relativ wenige Kapitalisten Monopolgewalt \u00fcber viele unter sich aus \u2026 So bringt an jedem Skalenpunkt das internationale, nationale und lokale kapitalistische System die wirtschaftliche Entwicklung f\u00fcr wenige und die Unterentwicklung f\u00fcr viele mit sich\u201c<\/em>&nbsp;<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn15\">[xv]<\/a>.<\/p>\n<p>Neu an Franks Theorie ist erstens die Behauptung, dass Kapitalismus in der (post)kolonialen Welt immer schon st\u00e4rker von monopolistischen Strukturen gekennzeichnet war. Zweitens, dass das kapitalistische Weltsystem durch eine kettengleiche Hierarchie von Zentrum und Peripherie (mit mehreren Zwischenstufen) gekennzeichnet ist, in der ein Werttransfer zur jeweils h\u00f6heren Stufe stattfindet, erzwungen durch die jeweiligen monopolistischen Strukturen und ihre Beziehung aufeinander. Drittens, dass dies in den untergeordneten Stufen dieser Hierarchie zu einer systematischen Unterentwicklung f\u00fchrt, die die Entwicklung der \u00fcbergeordneten Struktur bef\u00f6rdert (daher ist es laut Frank auch die Bourgeoisie in der Peripherie, die die \u201eUnterentwicklung f\u00f6rdert und \u00fcberwacht\u201c, da sie genau daf\u00fcr ihren Teil am Surplus im Gesamtsystem bekommt).<\/p>\n<p>Zentrale Schw\u00e4che in Franks Analyse ist der Mangel an einer werttheoretischen (also auf der Analyse der gesellschaftlichen Produktionsverh\u00e4ltnisse beruhenden) Begr\u00fcndung dieser Zusammenh\u00e4nge, die rein auf der Verteilungsebene zwischen \u201eMonopolen\u201c beschrieben werden. Dabei bleibt der Monopolbegriff selbst schwammig. Allerdings beruft sich Frank hier explizit und h\u00e4ufig auf seinen Lehrer Paul Baran, dessen Theorie des \u201eMonopolkapitalismus\u201c er dabei unver\u00e4ndert \u00fcbernimmt. Da diese eine wesentliche Revision der Marx\u2019schen Kritik der politischen \u00d6konomie und der klassischen Imperialismustheorie darstellt, muss sie jetzt an dieser Stelle behandelt werden.<\/p>\n<p><strong>Baran\/Sweezy<\/strong><\/p>\n<p>Paul Baran war einer der wenigen marxistischen WirtschaftstheoretikerInnen, die es in den 1950er Jahren schafften, ihre akademische Funktion zu behalten, in seinem Fall als Professor an der Stanford University. Schon Anfang der 1950er Jahre entwickelte Baran eine Theorie der Unterentwicklung, die Analysen wie die von Prebisch mit der Monopoltheorie in Verbindung brachten&nbsp;<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn16\">[xvi]<\/a>. In systematischer Form wurde diese Theorie in seinem Buch \u201eThe Political Economy of Growth\u201c von 1957 entwickelt, dass entscheidenden Einfluss auf AutorInnen wie Frank hatte. Zusammengefasst und popularisiert wurde seine Theorie letztlich in dem gemeinsam mit Paul Sweezy geschriebenen Buch \u201eDas Monopolkapital\u201c&nbsp;<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn17\">[xvii]<\/a>, das in der 68er-Bewegung zu so etwas wie die allgemeine \u201e\u00d6konomie-Bibel\u201c wurde&nbsp;<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn18\">[xviii]<\/a>.<\/p>\n<p>In der Einleitung gehen Baran\/Sweezy von einer Krise der marxistischen Analyse aus, die die \u201emoderne \u00dcberflussgesellschaft\u201c und die Integration der ArbeiterInnen in den USA des Nachkriegsbooms nicht hinreichend erkl\u00e4ren k\u00f6nne. Sie sehen den Grund daf\u00fcr darin, dass man im Wesentlichen Marx nur zitiere, der den Kapitalismus und seine Bewegungsgesetze in einer ganz anderen Epoche analysiert habe. Hilferding und Lenin haben zwar mit dem Finanzkapital- und Imperialismusbegriff Korrekturen angebracht, ohne jedoch die grundlegend neuen Bewegungsmuster, vor allem was die langfristigen Akkumulationsgesetze wie die Tendenz zur Krise, betrifft.&nbsp;<em>\u201eWir halten es an der Zeit, mit dieser Situation aufzur\u00e4umen, und zwar r\u00fccksichtslos und radikal\u201c<\/em>&nbsp;<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn19\">[xix]<\/a>. W\u00e4hrend Marx aus dem Konkurrenzkampf der Kapitale eine Tendenz zum Fall der Profitrate, zur periodischen Entstehung gro\u00dfer Arbeitslosenheere und zu Zusammenbruchskrisen abgeleitet habe, w\u00fcrde dies so f\u00fcr das Zeitalter des Monopolkapitals nicht mehr gelten.<\/p>\n<p>Das Monopolkapital wird nicht mehr durch die Preisbewegungen auf den M\u00e4rkten bestimmt, sondern diktiert die Preise auf den M\u00e4rkten in seinem Interesse. Daraus w\u00fcrden aber neue Widerspr\u00fcche erwachsen: Baran\/Sweezy ersetzen Marx\u2018 Mehrwertbegriff (der sich auf Gewinneinkommen wie Profit, Rente und Zins beziehen w\u00fcrde) durch den \u201eSurplus\u201c (den sie als \u00dcberschuss der gesellschaftlichen Produktion gegen\u00fcber den Produktionskosten definieren). Das Grundgesetz des Monopolkapitalismus sei nicht mehr der Fall der Profitrate, sondern eine Tendenz zur st\u00e4ndigen Steigerung des Surplus (durch die monopolkapitalistisch kontrollierte best\u00e4ndige Erh\u00f6hung der Arbeitsproduktivit\u00e4t). Da gleichzeitig die Profite einen schrumpfenden Teil dieses Surplus ausmachten, bestehe eine Tendenz zur Stagnation. Es entst\u00fcnde der Wiederspruch zwischen dem tats\u00e4chlich realisierten und dem potentiell m\u00f6glichen Surplus. Das Wachstum des Monopolkapitals hat unter den Bedingungen der Monopolpreise ein st\u00e4ndiges Problem mit der \u201eeffektiven Nachfrage\u201c, was zu einem permanenten Kampf um die Realisierung des Surplus f\u00fchre. Die Folge w\u00e4ren eine ungeheure Ausdehnung unproduktiver Arbeit, von Werbe- und Vertriebsmechanismen, der R\u00fcstungsindustrie und der Staatst\u00e4tigkeit.<\/p>\n<p>Baran\/Sweezy betonen an mehreren Stellen die wesentliche Rolle der Hierarchie von L\u00e4ndern im System der Enteignung\/Aneignung von Surplus. Darauf bezieht sich Frank wesentlich, wenn er in der monopolistischen Struktur der Weltwirtschaft den Hauptgrund f\u00fcr die Unterentwicklung in der Peripherie sieht: Die Aneignung von Surplus aus der Peripherie ist den Realisierungsbedingungen der gro\u00dfen zentralen Monopole untergeordnet. Von daher ist der Widerspruch von tats\u00e4chlicher und potentieller Surplusproduktion in der Peripherie besonders ausgepr\u00e4gt. Frank zeigt an der Wirtschaftsgeschichte Chiles, wie an verschiedenen Punkten (z.&nbsp;B. dem Salpeterboom) eine eigenst\u00e4ndige Industrialisierungsdynamik h\u00e4tte entstehen k\u00f6nnen, deren Potential jedoch durch die monopolitischen Interessen systematisch unterbunden wurde.&nbsp;<em>\u201eDeshalb kann man essentiell die Nichtrealisierbarkeit und das Nicht-zur-Verf\u00fcgung-Stehen von \u201apotentiellem\u2018 wirtschaftlichem Surplus f\u00fcr Investitionszwecke der Monopolstruktur des Kapitalismus zuschreiben\u201c<\/em>&nbsp;<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn20\">[xx]<\/a>. Die Konsequenz f\u00fcr die Peripherie ist daher immer schon eine stagnative Gesamtentwicklung bei gleichzeitiger Konzentration auf die Entwicklung derjenigen Sektoren, die f\u00fcr die Surplusrealisierung der \u00fcbergeordneten Metropolen\u00f6konomien wichtig sind.<\/p>\n<p><strong>\u201eMonopolkapitalismus\u201c versus marxistische Krisentheorie<\/strong><\/p>\n<p>Das Erscheinen von Baran\/Sweezys Revision der Marx\u2018schen Kapitaltheorie blieb nicht ohne Kritik von Seiten \u201eorthodoxer\u201c MarxistInnen wie etwa Ernest Mandel oder Robert Brenner. Eine der treffendsten und brillantesten Kritiken jedoch ist Paul Matticks&nbsp;<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn21\">[xxi]<\/a>&nbsp;\u201eMarxismus und \u201aMonopolkapital\u2018\u201c, die 1967 erschien&nbsp;<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn22\">[xxii]<\/a>. Matticks Kritik, die zugleich eine Verteidigung einer werttheoretisch begr\u00fcndeten Krisen- und Klassenkampftheorie ist, kann stellvertretend f\u00fcr eine immer klarer werdende Auseinanderentwicklung im \u201eNeomarxismus\u201c nach 1968 gesehen werden: einerseits Baran\/Sweezy, wo die Behauptung, dass die von Marx im \u201eKapital\u201c entwickelte Analyse f\u00fcr den \u201eSp\u00e4tkapitalismus\u201c nicht mehr gelte, dazu f\u00fchrt, diese durch eine Variante des Neo-Keynesianismus in der \u00d6konomie und von Subalterne-Theorien in der Klassenanalyse zu ersetzen; andererseits Mattick, wo eine sehr viel strengere Ableitung marxistischer Krisen- und Klassentheorie aus den zugrundeliegenden Analysen von Wertbestimmungen zu einer methodisch sehr viel anspruchsvolleren Rekonstruktion der Marx\u2019schen Krisentheorie f\u00fchrte. W\u00e4hrend die \u201eSp\u00e4tkapitalismus\u201c-Theorien im akademischen Marxismus immer mehr dominierten, waren \u201eWertkritik\u201c und \u201efundamentalistischer\u201c R\u00fcckbezug auf die Marx\u2019sche Krisentheorie Ausgangspunkt f\u00fcr eine Wiederaneignung der Kritik der politischen \u00d6konomie f\u00fcr einige Organisationen der radikalen Linken \u2013 auch in unserer Theorietradition.<\/p>\n<p>Die Auseinandersetzung zwischen Baran\/Sweezy und Mattick geht aus von der Frage einer marxistischen Bestimmung des Monopolbegriffs. Baran\/Sweezy formulieren diesen Begriff im Sinne der b\u00fcrgerlichen politischen \u00d6konomie als reine Marktdominanz, d.&nbsp;h. durch Elemente wie Marktbeherrschung oder der M\u00f6glichkeit des Monopols, die Preise f\u00fcr ihre Produkte zu diktieren. Dies w\u00fcrde die Preisbestimmung vom Wert l\u00f6sen und damit Grundkategorien wie Einkommen, Gewinne und effektive Nachfrage von den Wertbildungsprozessen in der Produktion immer mehr abl\u00f6sen. Mattick dagegen betont, dass der Ausgangspunkt bei Marx die Analyse der Wertakkumulation des Gesamtkapitals ist, ganz gleich wie dieses in den Marktsegmenten in mehr oder weniger konkurrierende Teile zerf\u00e4llt. Solange das Kapital-Lohnarbeitsverh\u00e4ltnis&nbsp;<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn23\">[xxiii]<\/a>&nbsp;besteht, wird die Akkumulation des Gesamtkapitals durch die Bestrebung zur Ersparung von Arbeit, durch den Zwang zur Produktivit\u00e4tssteigerung gepr\u00e4gt, der die Dynamik der Wertbestimmung in Gang setzt. Die Umverteilung des Mehrwerts zu Gunsten der jeweils produktivsten Kapitale ver\u00e4ndert immer wieder die an der Oberfl\u00e4che des Marktes scheinbar feststehenden Relationen zwischen den Kapitalen und macht so auch jedes \u201eMarktmonopol\u201c zu einer r\u00e4umlich und zeitlich relativen Erscheinung. In dieser Sicht wird das Monopol zu einer widerspr\u00fcchlichen Erscheinung: Es ergibt sich aus dem Akkumulationsprozess als Zentralisierungs- und Konzentrationstendenz, die zugleich die Konkurrenz auf eine immer h\u00f6here und sch\u00e4rfere Ebene hebt. Gro\u00dfe Unternehmen werden zeitweise f\u00fcr bestimmte Regionen marktbeherrschend, um morgen aufgespalten zu werden und in einer Kette noch gr\u00f6\u00dferer Unternehmen aufzugehen. Insofern besteht Mattick darauf, dass Marx sehr wohl eine Theorie des kapitalistischen Monopols hatte, allerdings sei seine&nbsp;<em>\u201eTheorie des Kapitalwettbewerbs (\u2026) zugleich eine Theorie des Monopols; das Monopol in diesem Sinne bleibt immer im Wettbewerb, denn ein Konkurrenzkapitalismus ohne Wettbewerb w\u00fcrde das Ende der Marktbeziehungen bedeuten, die den Privatkapitalismus am Leben erhalten\u201c<\/em>&nbsp;<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn24\">[xxiv]<\/a>. Der Monopolprofit ist so nicht einfach ein willk\u00fcrlicher Aufschlag auf die Produktionskosten, genauso wenig wie \u201edie Konkurrenz\u201c einen \u201emarktgerechten\u201c Profit schafft. Vielmehr ist es ein gesamtgesellschaftlicher Ausgleichprozess zwischen allen Kapitalen, der zu einer Aufteilung des Gesamtmehrwerts zwischen den Sektoren f\u00fchrt \u2013 bedingt durch die Akkumulationsbewegung, die \u00fcber Investitionen, Besch\u00e4ftigungsnachfrage, Produktivit\u00e4tsver\u00e4nderungen etc. und ihre Rahmenbedingungen (z.&nbsp;B. mehr oder weniger \u201eMonopolisierung\u201c) erst die Marktverh\u00e4ltnisse (z.&nbsp;B. Angebot und Nachfrage, Marktbeherrschung) schafft. Daher ist auch bei st\u00e4rkerer Monopolisierung bestimmter Sektoren, der geschaffene Gesamtwert und damit der Wertbildungsprozess als Ganzes, die Grundlage und Grenze f\u00fcr jegliche Preisbildung. Der Monopolpreis kann sich in diesem Kontext nicht von seiner Grundlage im Arbeitswert l\u00f6sen \u2013 er f\u00fchrt nur zu einer Umverteilung des Mehrwerts, der notwendigerweise zu Reaktionen der anderen Kapitalsektoren f\u00fchren muss. Marx spricht hier von einer \u201elokalen St\u00f6rung\u201c, die im Gesamtprozess ausgeglichen wird, wie bei der Entstehung der Grundrente, hier als Monopolrente&nbsp;<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn25\">[xxv]<\/a>.<\/p>\n<p>Die Dynamik der der Kapitalakkumulation ergibt sich bei Marx nicht aus der Verteilung von Gewinneinkommen, sondern durch die Wertzusammensetzung des Kapitals und ihre Ver\u00e4nderung. In dieser spiegelt es sich als gesellschaftliches Verh\u00e4ltnis wider, nicht in der Bildung der Preise am Markt. Bei Baran\/Sweezy dagegen wird der Monopolpreis zu einer Schranke der Akkumulation, da es zu einer Differenz von \u201eeffektiver Nachfrage\u201c und dem Absatz der m\u00f6glichen Produktionskapazit\u00e4ten komme. Tats\u00e4chlich kommt es aber dem Kapital nicht auf den Absatz der Produktmasse an, sondern um die Realisierung des darin verk\u00f6rperten Mehrwerts. Dies kann z.&nbsp;B. durch die Senkung der notwendigen Arbeitszeit (Kosten der Reproduktion der Ware Arbeitskraft) oder Steigerung der Nachfrage nach Investitionsg\u00fctern auch unter Bedingungen von Masseneinkommen geschehen, die hinter der Entwicklung der Monopolpreise zur\u00fcckbleiben. Auch ein von gro\u00dfen Konzernen gepr\u00e4gter Kapitalismus entgeht daher nicht dem Zwang zu best\u00e4ndiger Steigerung der Arbeitsproduktivit\u00e4t \u2013 und muss daher aber auch nicht in die Stagnation verfallen, die Baran\/Sweezy ihm konstatieren.<\/p>\n<p>Dabei bedeutet Produktivit\u00e4tssteigerung im Kapitalismus immer Ersparung der Anwendung von lebendiger Arbeit durch Einsatz von \u201ekostensparender\u201c Produktionstechnologie. Daher geht mit der Produktivkraftsteigerung im Kapitalismus, die aus dem Zwang zur Verwertung und Vermehrung des Mehrwerts resultiert, zweierlei hervor: einerseits eine relative Abnahme der in der Produktion angewandten Arbeitskraft gegen\u00fcber einem dabei gleichzeitig steigenden Kapitaleinsatz. W\u00e4hrend diejenigen, die diese Innovationen zuerst anwenden, dabei gro\u00dfe Gewinne machen k\u00f6nnen, f\u00fchrt dies durch die steigende organische Zusammensetzung des Kapitals zu einer Tendenz zum Fall der Profitrate. Da die Produktivit\u00e4tssteigerung aber zugleich auch die Ausdehnung der Produktion erm\u00f6glicht, kann diese Tendenz durch Steigerung der absoluten Masse an realisierbarem Mehrwert ausgeglichen werden. Produktivit\u00e4tssteigerungen, relative Zunahme der Kapitalkosten, daher relatives Fallen der Profitrate, gehen dabei einher mit Ausdehnung der Produktion, Steigerung der Besch\u00e4ftigung (wenn auch wertm\u00e4\u00dfig mit geringerer Steigerung als das konstante Kapital), Anwachsen der Profitmasse und so in der gew\u00f6hnlichen Akkumulationsbewegung eine widerspr\u00fcchliche Verbindung ein \u2013 relatives Fallen der Profitrate bei Steigerung der Profitmasse.<\/p>\n<p>Mattick weist zu Recht darauf hin, dass Baran\/Sweezy diesen Doppelcharakter des Marx\u2019schen Akkumulationsgesetzes verkennen, wenn sie meinen, Marx\u2018 Gesetz vom Profitratenfall durch das Gesetz des \u201esteigenden Surplus\u201c ersetzen zu k\u00f6nnen. Marx spricht dagegen vom&nbsp;<em>\u201ezwieschl\u00e4chtige(n) Gesetz der aus denselben Ursachen entspringenden Abnahme der Profitrate und gleichzeitigen Zunahme der absoluten Profitmasse\u201c<\/em>&nbsp;<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn26\">[xxvi]<\/a>. Dies ist eine Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit, die sich nicht aus den Preisbestimmungen auf den G\u00fcter- und Kapitalm\u00e4rkten ergibt, sondern aus dem Grundcharakter der kapitalistischen Produktion als Ausbeutungsverh\u00e4ltnis, wie es sich in der kapitalistischen Form der Steigerung der Arbeitsproduktivit\u00e4t ausdr\u00fcckt. Die Konkurrenz der Kapitale (neben der Auseinandersetzung von Kapital und Lohnarbeit) ist eine Form, die Zw\u00e4nge dieser Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit durchzusetzen, z.&nbsp;B. durch Werttransfer hin zu produktiverem Kapital. Tats\u00e4chlich sind aber auch \u201eMonopole\u201c im Kapitalismus, also sehr gro\u00dfe, konzentrierte Kapitale mit gewisser Marktbeherrschung, nicht in der Lage, diesen Mechanismen langfristig auszuweichen: Ob in den Innenbeziehungen (z.&nbsp;B. verschiedene Zulieferbereiche, konkurrierende Abteilungen) oder in der Marktumgebung (andere gro\u00dfe Konzerne, nicht-monopolisierte Sektoren) k\u00f6nnen produktivere Kapitale den sowieso vorhandenen Zwang zur Produktivit\u00e4tssteigerung durchsetzen, da sonst auf lange Sicht die marktbeherrschende Stellung in Gefahr zu kommen droht.<\/p>\n<p>Der Punkt ist nicht, dass trotz aller Probleme der Untergrabung der Profitrate auf lange Sicht, wie sie Marx analysiert, nicht zugleich eine best\u00e4ndige Ausdehnung von Ausbeutung und Mehrwertaneignung stattfinden kann. Das Entscheidende, das Marx in dieser Analyse erkannt hat, ist vielmehr, dass diese widerspr\u00fcchliche Bewegung immer wieder an eine Schranke kommt, in der die Ausdehnung des Mehrwerts nicht mehr ausreicht, um die relativ sinkende Profitratenbewegung auszugleichen, dass also an einem bestimmten, nicht vorhersehbaren Punkt die Akkumulationsbewegung den tats\u00e4chlich synchronen Fall von Profitmassen hervorbringt \u2013 und daher in ihre Krisenphase eintritt. Das von Baran\/Sweezy dargelegte Modell der durch Staat und Monopole modifizierten Akkumulation als permanente Stagnation ist daher nichts anderes als ein grundlegender Bruch mit der Marx\u2019schen Analyse von den aus dem kapitalistischen Produktionsprozess herr\u00fchrenden st\u00fcrmischen Auf- und Abw\u00e4rtsbewegungen der wirtschaftlichen Entwicklung und ihres grundlegend krisenhaften Charakters. Baran\/Sweezy behaupten eine angeblich immer mehr stagnierende Kapitalakkumulation in den produktiven Sph\u00e4ren z.&nbsp;B. der Industrie, die im \u201eMonopolkapitalismus\u201c durch eine rein monet\u00e4re Akkumulation nicht-produktiver, \u201everschwenderischer\u201c Ersatzsegmente (R\u00fcstung, Werbung, Staat \u2026) ersetzt w\u00fcrde, die immer mehr \u201eSurplus\u201c hervorbringen w\u00fcrden. Ihre Akkumulationstheorie ist daher logisch mit der Abkehr von der Wertanalyse verbunden. Nur damit kann auch die scheinbar terminologische Ersetzung des Mehrwertbegriffs durch den des Surplus verstanden werden.<\/p>\n<p>Mattick weist zu Recht darauf hin, dass der angeblich pr\u00e4zisere Begriff des \u201eSurplus\u201c bei Baran\/Sweezy eine Vermischung mehrere Ebenen der Analyse ist: Bei Marx ist der Mehrwert auf der Ebene des Gesamtkapitals das Ergebnis des Verwertungsprozesses bestehenden variablen und konstanten Kapitals. Auf der Ebene des Zirkulationsprozesses geht eine Vielzahl von wirtschaftlichen Aktivit\u00e4ten in die Realisierung des Mehrwerts ein, die gro\u00dfe Teiledavon auch auf nicht-produktive Wirtschaftssektoren verteilen. Erst auf der Ebene des Einzelkapitals bzw. des Grundeigentums, des Staates etc. erscheint der Mehrwert dann als Geldeinkommen in Form von Profit, Zins, Grundrente, Steue etc. Die Behauptung von Baran\/Sweezy, bei Marx w\u00e4re der Mehrwert im Wesentlichen Profit und Zins, der Surplus dagegen umfasse auch Staatseinkommen und Einkommen f\u00fcr unproduktive Arbeiten, geht an einer Analyse des Mehrwerts und seiner Realisierung\/Verteilung vorbei. Sie dient offensichtlich der theoretischen Begr\u00fcndung f\u00fcr ein angeblich jenseits des Produktionsprozesses zu betrachtendes \u201eWertprodukt\u201c \u2013 so wie die b\u00fcrgerlichen Kategorien von \u201eSozialprodukt\u201c und \u201eNationaleinkommen\u201c die eigentliche Wertbildung verschleiern. Die Tatsache, dass in den imperialistischen L\u00e4ndern ein wachsender Teil des Sozialprodukts auf unproduktive (z.&nbsp;B. Finanzsektor) und \u00f6ffentliche Sektoren entf\u00e4llt, \u00e4ndert nichts an der Tatsache, dass deren Einkommensquellen letztlich nur auf einer Umverteilung des Gesamtmehrwerts beruhen k\u00f6nnen, der in den (im kapitalistischen Sinn) produktiven Sektoren der \u00d6konomie entsteht. Baran\/Sweezy folgen mit ihrer Surplustheorie im Wesentlichen dem Schein der Marktoberfl\u00e4che, der auch die b\u00fcrgerliche \u00d6konomie aufsitzt.<\/p>\n<p>Weder unproduktive Sektoren und Arbeiten durch Aufbl\u00e4hen von Staatsapparat, R\u00fcstungsindustrie, Marketing etc. k\u00f6nnen langfristig die Probleme eines stagnierenden Produktionssektors l\u00f6sen, noch kann es, wie Baran\/Sweezy behaupten, ein R\u00fcckgriff auf Verschuldung, besonders der Staatsverschuldung. Dies verschiebt das Problem nur auf den Zwang, diese durch eine sp\u00e4tere Ausdehnung des Mehrwerts zu finanzieren. Die Ausdehnung von unproduktiven Sektoren und von \u201eVerschwendung\u201c oder Staatsverschuldung wird daher (anders als Baran\/Sweezy tats\u00e4chlich behaupten) nicht das Programm der herrschenden Klasse sein:&nbsp;<em>\u201eAlle sozialen Schichten, die vom Mehrwert leben, sind ebenso wie die Expansion des Kapitals als Kapital von diesem Mehrwert abh\u00e4ngig, der zwar durch die wachsende Arbeitsproduktivit\u00e4t noch so gesteigert werden kann, aber gleichzeitig abnimmt, weil der unrentable Sektor der Wirtschaft verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig schneller w\u00e4chst als der rentable\u201c<\/em>&nbsp;<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn27\">[xxvii]<\/a>.<\/p>\n<p>Das Problem im Kapitalismus bleibt daher, dass ab einem gewissen Punkt es gerade nicht so ist, dass \u201ezu viel Mehrwert\u201c im \u00dcberfluss vorhanden ist, sondern dass das Kapital immer wieder an seine eigene Grenze st\u00f6\u00dft: dass Mehrwert fehlt, der zur Verwertung von produktivem Kapital eingesetzt werden kann; dass vielmehr Kapital in gro\u00dfer Masse in Bereichen festsitzt, die angesichts des tendenziellen Falls der Profitrate nicht mehr genug Profitmasse f\u00fcr profitable Anlage abwerfen. Daher der best\u00e4ndige Zwang im Rahmen der Dynamik der Kapitalakkumulation zur Erh\u00f6hung der Ausbeutung (der Mehrwertrate), zur Vernichtung von Kapital, Freisetzung von Arbeitskraft, Erschlie\u00dfung neuer Akkumulationsm\u00f6glichkeiten (z.&nbsp;B. durch Kapitalexport).<\/p>\n<p>F\u00fcr die Weltwirtschaft als Ganzes bedeutet dies, dass nicht Monopolisierung und Surplus-\u00dcberfluss das Hindernis f\u00fcr Entwicklung sind, sondern:<\/p>\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Einerseits ist Entwicklung immer davon abh\u00e4ngig, ob bei gegebener Zusammensetzung des Kapitals und gegebener Arbeitsproduktivit\u00e4t genug Kapital (Mehrwert) vorhanden ist, um Kapitalexpansion zu erm\u00f6glichen:&nbsp;<em>\u201eWenn man die Welt als Ganzes betrachtet, liegt es jedoch auf der Hand, dass sie nicht an \u00dcberschuss, sondern an Knappheit leidet. Der potentielle Surplus des Monopolkapitals wird mehr als ausgeglichen durch den effektiven Mangel an allem in den kapitalschwachen L\u00e4ndern. Die \u00dcberproduktion an Kapital in einem Teil der Welt steht der Unterkapitalisierung in dem anderen gegen\u00fcber. Wenn man den Kapitalismus als ganzes, als ein Weltmarktsystem, betrachtet, verschwindet der Surplus; statt dessen findet sich ein gro\u00dfer Mangel an Mehrwert\u201c<\/em>&nbsp;<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn28\">[xxviii]<\/a>.<\/li>\n<li>Der Kapitalexport wirkt einerseits dem Fall der Profitrate in den Metropolen entgegen, als er Produktion in L\u00e4nder mit geringerer organischer Zusammensetzung des Kapitals verlagert und andererseits wirkt er dem Kapitalmangel in den peripheren L\u00e4ndern entgegen. Dies bedeutet aber gleichzeitig eine Verfestigung der Verh\u00e4ltnisse unterschiedlicher Arbeitsproduktivit\u00e4t, eine von den Verwertungsinteressen des Zentrums abh\u00e4ngige Entwicklung wie auch einen Werttransfer in die Region mit h\u00f6herer Arbeitsproduktivit\u00e4t. Durch die weltweit geringere als m\u00f6gliche Gesamtproduktivit\u00e4t wird auch der Mehrwert weniger als m\u00f6glich ausgedehnt und damit der Knappheit, insbesondere an relativem Mehrwert, zu wenig entgegengewirkt. Der Zwang zur Erh\u00f6hung des absoluten Mehrwerts (Arbeitszeit, -intensit\u00e4t \u2026) in der Peripherie bleibt bestehen.<\/li>\n<li>Schlie\u00dflich ist der Akkumulationsprozess&nbsp;<em>\u201egleichzeitig ein Prozess der Kapitalkonzentration, der ebenso das Weltkapital auf wenige L\u00e4nder wie in jedem einzelnen Land in die H\u00e4nde von immer weniger Leuten zu konzentrieren sucht. Denn allein die Wertexpansion des vorhandenen Kapitals z\u00e4hlt, nicht dessen r\u00e4umliche Ausdehnung\u201c<\/em>&nbsp;<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn29\">[xxix]<\/a>. Die untergeordnete Funktion der r\u00e4umlichen Ausdehnung f\u00fchrt dazu, dass Monopolisierung vor allem auch die Einteilung der Welt in Regionen mit unterschiedlicher organischer Zusammensetzung des Kapitals bedeutet. Dies wiederum bedeutet, dass die Schranken der Kapitalexpansion durch \u00dcberakkumulation langsamer erreicht werden \u2013 die Hinausz\u00f6gerung der Krise wird mit Unterentwicklung der Peripherie erkauft.<\/li>\n<\/ul>\n<p>So ungen\u00fcgend die Monopoltheorie von Baran\/Sweezy (und im Gefolge von Frank) auch war, so politisch folgenreich war sie doch innerhalb der \u201eNeuen Linken\u201c. W\u00e4hrend Matticks werttheoretische Ableitung des Monopolkapitalismus diesen weiterhin elementar durch den Widerspruch von Kapital und Lohnarbeit auch auf Weltebene bestimmt versteht, sind die zentralen Widerspr\u00fcche bei Baran\/Sweezy und Frank diejenigen zwischen den monopolistischen ProfiteurInnen der tats\u00e4chlichen Surplusrealisierung (Monopole, Staat, unproduktive Schichten, weite Teile der ArbeiterInnenklasse der Metropolen) und denjenigen, denen die Versprechungen der potentiellen Surplusproduktion vorenthalten werden. Dies sind verschiedenste \u201eperiphere\u201c Schichten und Regionen. In den imperialistischen L\u00e4ndern z\u00e4hlen Baran\/Sweezy vor allem die rassistisch Unterdr\u00fcckten, die Randschichten in den gro\u00dfen St\u00e4dten und die durch die \u00dcberflussgesellschaften krank Gemachten auf. In der peripheren Welt sind gro\u00dfe Teile der Bev\u00f6lkerung dagegen als Ganzes von der Unterentwicklung des Surplus betroffen, die von den Monopolen aufgezwungen wird. Die proletarische Weltrevolution als politische Perspektive wird also durch die Perspektive des \u201eAufstands der Peripherie\u201c ersetzt. Mit der Dependenztheorie einher ging die Auffassung eines einheitlichen Blocks der \u201eDritten Welt\u201c (oder auch \u201eTrikont\u201c, da sie vor allem auf Asien, Afrika und Lateinamerika bezogen wurde), der einerseits durch gleiche Abh\u00e4ngigkeits\u00f6konomien gekennzeichnet sei, andererseits aber auch \u00fcberall einen dagegen gerichteten revolution\u00e4ren Prozess, die Trikont-Bewegung, begonnen h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Wenige Jahre sp\u00e4ter wurde offensichtlich, dass weder der imperialistische Block so krisenfrei und frei von breiteren (nicht nur periphere Schichten betreffenden) gesellschaftlichen Widerspr\u00fcchen war noch dass die Krisen- und Entwicklungsverl\u00e4ufe der \u201e3. Welt\u201c so einheitlich waren, wie angenommen. Zus\u00e4tzlich bewahrheitete sich auch nicht die Hoffnung der meisten Dependencia-Anh\u00e4ngerInnen, dass dem Beispiel Kubas (und sp\u00e4ter Vietnams) eine Welle von Revolutionen folgen w\u00fcrde, die die politische Macht des Monopolkapitalismus brechen und die Sowjetunion (oder China) zum Vorbild ihrer Entwicklung machen w\u00fcrde (wie kritisch auch immer der Bezug auf diese \u201eModelle\u201c war). Aus der Dependencia-Theorie erwuchsen weder eine klare revolution\u00e4re Strategie zur \u00dcberwindung der kapitalistischen Verh\u00e4ltnisse vor Ort noch einheitliche wirtschaftliche Forderungen im unmittelbaren Kampf noch eine internationalistische Strategie jenseits der Hoffnung auf Unterst\u00fctzung durch die stalinistischen Staaten. Deren Bezug auf die Trikont-Bewegungen war jedoch l\u00e4ngst im Rahmen der \u201efriedlichen Koexistenz\u201c fern jeder Perspektive eines zu unterst\u00fctzenden weltrevolution\u00e4ren Prozesses (selbst kontinental beschr\u00e4nkt) beerdigt worden.<\/p>\n<p>In den folgenden Abschnitten werden wir daher den Anregungen von Mattick zur Analyse der Akkumulationsbewegung des Kapitals auf Weltmarktebene folgen, wie er sie in Abgrenzung zu Dependenz- und Monopolkapitalismustheorie entwickelt hat. Dies beginnt mit der Frage der Wertzusammensetzung des Kapitals auf Weltebene, ihrer Auswirkung auf die globale Akkumulationsbewegung, um zu den Modifikationen des \u201edoppelgesichtigen Gesetzes\u201c von relativem Profitratenfall und Ausdehnung der Profitmasse auf Weltebene zu gelangen. Insbesondere wird sich zeigen, dass die Akkumulations- und Krisenbewegung des globalen Kapitals zu sehr unterschiedlichen \u201eEntwicklungsmodellen\u201c (\u201eungleichzeitige und kombinierte Entwicklung\u201c) und einer spezifischen Verteilung von Krisentendenzen zwischen Peripherie und Metropolen f\u00fchrt. Auf dieser Grundlage l\u00e4sst sich auch die Frage der Wirkungsweise und Modifikation des Wertgesetzes im globalisierten Kapitalismus konkreter fassen, insbesondere in der kritischen Auseinandersetzung mit der Theorie des \u201eungleichen Tausches\u201c. Auf dieser Grundlage wird sich erweisen, dass das Verst\u00e4ndnis des modernen \u201edekolonialisierten\u201c Imperialismus weiterhin auf der Grundlage der Marx\u2019schen Akkumulations- und Krisentheorie sehr viel besser gewonnen werden kann als durch Revisionen rund um \u201eSp\u00e4tkapitalismus-\u201c, \u201eMonpolkapitalismus\u201c- oder Theorien des \u201eungleichen Tausches\u201c (heute: \u201eimperiale Lebensweise\u201c) oder \u201ePostkolonialismus\u201c.<\/p>\n<p><strong>Das globale Kapital nach dem Ende der Kolonialreiche<\/strong><\/p>\n<p>Wir beginnen mit einer mehr statistisch ausgerichteten Analyse der weltweiten Kapitalzusammensetzung. F\u00fcr statistische Berechnungen gut geeignet sind die \u201eExtended Penn World Tables\u201c, von denen aus Zeitreihen (bis in die 1960er Jahre) zu 31 Indikatoren f\u00fcr 176 L\u00e4nder abgerufen werden k\u00f6nnen&nbsp;<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn30\">[xxx]<\/a>. Sie werden unter anderem von Michael Roberts in seinem stets lesenswerten Blog zur Lage des globalen Kapitalismus verwendet&nbsp;<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn31\">[xxxi]<\/a>.<\/p>\n<p>Einen guten \u00dcberblick \u00fcber das Problem der unterschiedlichen Kapitalisierung gibt zun\u00e4chst das von Piketty so zentral benutzte Kapital\/Einkommensverh\u00e4ltnis, d.&nbsp;h. die langfristige Entwicklung des Verh\u00e4ltnisses von \u201eVerm\u00f6gen\u201c (auf Ebene der National\u00f6konomien ein Amalgam aus Anlageverm\u00f6gen, Grundbesitz, Finanzverm\u00f6gen) zum Nationaleinkommen (das Bruttoinlandsprodukt \u2013 Einkommen der Ausl\u00e4nderInnen im Inland + Einkommen der Inl\u00e4nderInnen im Ausland = Bruttonationaleinkommen abz\u00fcglich der Abschreibungen = (Netto-)Nationaleinkommen). Diese Verh\u00e4ltniszahl entspricht also etwa der an Jahren, die in einer National\u00f6konomie gearbeitet werden m\u00fcssten, um das bestehende Verm\u00f6gen zu erzeugen. Es ist also ein Ma\u00dfstab f\u00fcr das angeh\u00e4ufte Kapital. Auff\u00e4llig ist einerseits, dass in den \u201ereichen L\u00e4ndern\u201c trotz langfristig sinkenden BIP-Wachstums, die Verm\u00f6gen trotzdem ungebremst wachsen, was zu einem s\u00e4kularen, langfristigen Anstieg des Kapital\/Einkommens-Verh\u00e4ltnisses f\u00fchrt (Abbildung 2).<\/p>\n<p>Das BIP, Bruttoinlandsprodukt (englisch: Gross Domestic Product; GDP), gibt den Gesamtwert aller G\u00fcter, d.\u00a0h. Waren und Dienstleistungen an, die w\u00e4hrend eines Jahres innerhalb der Landesgrenzen einer Volkswirtschaft als Endprodukte hergestellt wurden, nach Abzug aller Vorleistungen. Als Vorleistungen gelten in der Wirtschaftswissenschaft die im Produktionsprozess verbrauchten, verarbeiteten oder umgewandelten G\u00fcter und Dienstleistungen (vgl. Europ\u00e4isches System Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen \u2013 ESVG). Die Vorleistungen unterscheiden sich von den\u00a0<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Investition\">Investi<\/a>tionen dadurch, dass ein Investitionsgut \u00fcber mehrere Abrechnungsperioden hinweg im Produktionsprozess eingesetzt und allm\u00e4hlich abgeschrieben wird.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"711\" height=\"533\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-10644\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-1.jpg 711w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-1-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 711px) 100vw, 711px\" \/><\/a><figcaption>Abbildung 2: Kapital\/Einkommensentwicklung Europa und USA 1870-2010\u00a0<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn32\">[xxxii]<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p>Auff\u00e4llig ist der schwere Einschnitt in die europ\u00e4ische Kapitalentwicklung nach dem 1. Weltkrieg und dem Ende des direkten Kolonialismus, der sich auch in einer realen Staatsverschuldung (Staatsschulden gegen\u00fcber dem Staatsverm\u00f6gen) ausgedr\u00fcckt hat. Seither haben sich die europ\u00e4ische und US-amerikanische Wirtschaft wieder auf ein Niveau hochbewegt, wo die Verm\u00f6gen das Nationaleinkommen um das 4- bis 6-Fache \u00fcbersteigen. Um das angeh\u00e4ufte Kapital zu verwerten (Eigent\u00fcmerInnen erwarten eine Mindestkapitalrendite von 4 \u2013 5&nbsp;% auf ihre Verm\u00f6gensgegenst\u00e4nde als \u201eKapitaleinkommen\u201c), muss ein betr\u00e4chtlicher Teil des jedes Jahr neu geschaffenen Werts wieder akkumuliert werden (zumeist \u00fcber 10&nbsp;% des BIP). So w\u00e4chst die Masse des akkumulierten Mehrwerts auch trotz sinkenden Wachstums der Gesamtproduktion immer weiter. Wie Piketty zeigt, ist dies notwendig mit einem Wachsen des Anteils der Kapitaleinkommen am Nationaleinkommen (d.&nbsp;h. Sinken der \u201eLohnquote\u201c) und einer wachsenden Ungleichverteilung von Einkommen und Verm\u00f6gen verbunden, die zu einer immer extremeren Konzentration des Reichtums auch in den \u201ereichen L\u00e4ndern\u201c f\u00fchrt.<\/p>\n<p>In unserem Zusammenhang ist interessant, wie sich diese Entwicklung weltweit jenseits der traditionellen Industriel\u00e4nder darstellt. Hier kann man insbesondere auf die Daten des \u201eGlobal Wealth Reports\u201c&nbsp;<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn33\">[xxxiii]<\/a>&nbsp;der Credit Swiss zur\u00fcckgreifen. Hier wird beispielsweise f\u00fcr das \u201ezukunftstr\u00e4chtige\u201c Brasilien f\u00fcr 2012 ein Gesamtverm\u00f6gen von 3,3 Billionen US-Dollar ausgewiesen \u2013 zum Vergleich: f\u00fcr Frankreich mit etwa einem Drittel der Bev\u00f6lkerung sind es im selben Jahr \u00fcber 12 Billionen. Dem steht in Brasilien 2012 ein Nationaleinkommen von 3 Billionen (in internationaler Kaufkraftparit\u00e4t) gegen\u00fcber, in Frankreich jedoch eines von 2,7. W\u00e4hrend Frankreich also eine Kapital\/Einkommensrelation (KER) von etwa 5 erreicht, liegt sie in Brasilien gerade mal bei \u00fcber 1! Noch extremer stellt es sich in Indien dar, das trotz seiner Milliardenbev\u00f6lkerung ebenso nur ein Verm\u00f6gen von 3,2 Billionen US-Dollar meldet, aber sogar ein Nationaleinkommen von \u00fcber 6,1 Billionen. Erst 2019 wurde in Indien ein KER von 1 erreicht (bei 12 Billionen Verm\u00f6gen). In Brasilien dagegen wuchsen im Vergleich die Verm\u00f6gen nur auf 3,5 Billionen (Frankreich 13,7), w\u00e4hrend das Nationaleinkommen bei 3,2 stagnierte. Dieses geringe Kapital\/Einkommensverh\u00e4ltnis ist f\u00fcr viele L\u00e4nder au\u00dferhalb der \u201ereichen\u201c typisch, was dazu f\u00fchrt, dass die \u201ecapital formation\u201c (d.&nbsp;h. die Kapitalakkumulation) aus \u201einl\u00e4ndischen Quellen\u201c auf sehr viel geringerem Niveau vor sich geht, wenn auch mit zumeist h\u00f6herem Anteil am BIP.<\/p>\n<p>Insgesamt ist diese \u201eUnterkapitalisierung\u201c im \u201eglobalen S\u00fcden\u201c (auch wenn Australien und Neuseeland auf der S\u00fcdhalbkugel liegen) letztlich auch sehr deutlich auf der Weltkarte der Verm\u00f6gensverteilung zu sehen.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-10645\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-2.jpg 1024w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-2-300x225.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-2-768x576.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Abbildung 3: Globale Verm\u00f6gensverteilung\u00a0<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn34\">[xxxiv]<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p>Noch deutlicher wird dies, wenn man den regionalen Anteil der Verm\u00f6gen am Weltgesamtverm\u00f6gen betrachtet. W\u00e4hrend die \u201eklassischen\u201c imperialistischen L\u00e4nder in Nordamerika, Europa, Japan und auf der S\u00fcdhalbkugel (Australien, Neuseeland) nur noch ein Viertel der Weltbev\u00f6lkerung beherbergen, konzentrieren sie aktuell weiterhin 70&nbsp;% des weltweiten Kapitals. Rechnet man noch die fast 20&nbsp;% Anteil von China und Russland hinzu, so wird deutlich, wie wenig Kapital im Vergleich in der nicht-imperialistischen Welt zur Verf\u00fcgung steht. Dazu kommt, dass das vorhandene Verm\u00f6gen in den \u00e4rmeren L\u00e4ndern auch noch extrem ungleich verteilt, d.&nbsp;h. jeweils unter der Kontrolle einer sehr kleinen Oberschicht konzentriert ist (siehe die weltweiten Aufstellungen zum Gini-Indikator).<\/p>\n<p>F\u00fcr die Kapitalakkumulation, insofern sie Verwertung des bestehenden Kapitals bedeutet, ist jedoch nicht das Gesamtverm\u00f6gen entscheidend, sondern der \u201eKapitalstock\u201c, d.&nbsp;h. das in produktiver Weise in Anlageverm\u00f6gen angelegte Kapital. Die Statistiken weisen seit den 1980er Jahren f\u00fcr die \u201ereichen L\u00e4nder\u201c ein weitaus langsameres Wachstum des Kapitalstocks als f\u00fcr das Verm\u00f6gen insgesamt aus. Dagegen w\u00e4chst der Anteil an Anlagen in \u201eFinanzverm\u00f6gen\u201c bzw. Immobilien. Da letzteres zumeist auch \u00fcber Finanzagenturen l\u00e4uft, kann man es unter \u201eFinanzkapital\u201c zusammenfassen. W\u00e4hrend z.&nbsp;B. in der BRD der Anteil des produktiven Anlageverm\u00f6gens 1983 noch bei fast 60&nbsp;% des Verm\u00f6gens lag, lag er 2010 bei nur noch 48&nbsp;% (Berechnung der Gr\u00f6\u00dfe des Kapitalstocks mit Penn-Reihe und des Gesamtverm\u00f6gens nach Piketty jeweils gem\u00e4\u00df PPP von 2005).<\/p>\n<p>In L\u00e4ndern wie Brasilien dagegen ist bis heute das Kapital weit direkter mit der unmittelbaren Anlage verbunden, so dass der Kapitalstock 75&nbsp;% des Verm\u00f6gens entspricht. In vielen L\u00e4ndern, wie Indien oder Indonesien, liegt auch noch der Anteil an \u201ereal property\u201c, also vor allem Grund- und Boden, bei \u00fcber 20&nbsp;% des Verm\u00f6gens. Insgesamt ist die Kategorie des \u201eFinanzverm\u00f6gens\u201c kritisch zu betrachten: Das Kapital verwandelt sich in seinem Verwertungsprozess best\u00e4ndig in die Formen von Waren-, Produktiv- und Geldkapital. Die Zirkulationsformen des Geldkapitals erm\u00f6glichen die Aneignung eines Teils des Profits in der Form des Zinses (G-G\u2018). Der Handel mit Anteilseigentum an Kapital wiederum erzeugt andere Formen der Aufteilung des Profits und die Entstehung eines Kapitalmarktes, der zins\u00e4hnliche Gewinne verspricht. Im \u201eFinanzverm\u00f6gen\u201c wird Zinskapital, Anteilseigentum und Kapitalmarktinvestition vermengt. Dies verschleiert die jeweilige N\u00e4he zur unmittelbaren produktiven Anlagesph\u00e4re. Der gestiegene Anteil des Finanzverm\u00f6gens am Kapital ist jeweils nur ein Indikator f\u00fcr die \u201eAbstraktheit\u201c des Kapitals gegen\u00fcber der unmittelbaren Verwertungsebene bzw. seiner Beweglichkeit, was die Anlagesph\u00e4ren betrifft. Dass die peripheren L\u00e4nder hier weitaus weniger \u201eFinanzkapital\u201c aufweisen, ist eine deutliche Konkretisierung von Lenins Thesen zur Rolle des Finanzkapitals im Imperialismus. Es sind globale Akteure, wie BlackRock Inc. oder Allianz Global Investors (AGI), die weltweit \u201eFinanzverm\u00f6gen\u201c einsammeln, um mit ihren Anlagen in Anteilseigentum und auf den Kapital- und Anleihem\u00e4rkten wesentlichen Einfluss auf alle wichtigen Unternehmen aber auch auf Staaten auszu\u00fcben. Es ist klar, dass alle diese Hauptagenturen des modernen Kapitalismus in den imperialistischen Zentren zu finden sind.<\/p>\n<p>Als s\u00e4kularer Trend ist zu beobachten, dass auch der Kapitalstock gegen\u00fcber dem BIP seit den 1960er Jahren begonnen hat, schneller zu steigen als das BIP, wenn auch nicht im selben Tempo wie das Gesamtverm\u00f6gen. Hier die Entwicklung in den USA, die von einem Verh\u00e4ltnis von fast 1:1 zu einem Verh\u00e4ltnis 1:0,6 gef\u00fchrt hat (Abbildung 4):<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-3.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-3.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-10646\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-3.jpg 1024w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-3-300x225.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-3-768x576.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Abbildung 4: Entwicklung BIP und Kapitalstock \u2013 USA\u00a0<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn35\">[xxxv]<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p>Dies hei\u00dft aber auch, dass immer mehr Anlagekapital notwendig ist, um noch eine weitere Steigerung des Gesamtprodukts hervorzubringen. Diese Tendenz zum Sinken der \u201eKapitalproduktivit\u00e4t\u201c ist in allen Industriel\u00e4ndern gleicherma\u00dfen ausgepr\u00e4gt (auf derzeit etwa 60\u00a0%). In der Welt jenseits der alten Industrienationen jedoch finden sich sehr unterschiedliche Werte und Historien der Kapitalproduktivit\u00e4t. So folgte Brasilien in den 1960er\/1970er Jahren (w\u00e4hrend der Industrialisierungspolitik der Milit\u00e4rdiktatur) dem Trend eines raschen Aufbaus des Kapitalstocks. Mit der Krise Ende der 1970er Jahre brachen sowohl das Wachstum des Kapitalstocks wie des BIP ein. Letzteres wuchs mit der Stabilisierung in den 1990er Jahren wieder, ohne im selben Tempo zum Aufbau des Kapitalstocks zu f\u00fchren. Damit verbleibt in Brasilien die Kapitalproduktivit\u00e4t heute bei 75\u00a0% (siehe: Abbildung 5).<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-4.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-4.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-10647\" width=\"429\" height=\"257\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-4.jpg 360w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-4-300x180.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 429px) 100vw, 429px\" \/><\/a><figcaption>Abbildung 5: Entwicklung BIP und Kapitalstock in Brasilien\u00a0<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn36\">[xxxvi]<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-5.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-5.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-10648\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-5.jpg 1024w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-5-300x225.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-5-768x576.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Abbildung 6: Verh\u00e4ltnis Kapitalstock zu BIP in S\u00fcdkorea\u00a0<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn38\">[xxxviii]<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p>Betrachtet man andere Peripheriel\u00e4nder, so ergeben sich je nach den historischen Entwicklungen ganz unterschiedliche Kategorien in Bezug auf die Kapitalstockentwicklung. So gibt es in afrikanischen L\u00e4ndern (s\u00fcdlich der Sahara) zumeist weiterhin eine Parallelentwicklung von Kapitalstock und BIP. So liegt die Kapitalproduktivit\u00e4t von Kenia heute noch bei 98&nbsp;%, wenig geringer als in der Zeit kurz nach der Unabh\u00e4ngigkeit 1963. Ganz im Unterschied dazu die Entwicklung in Algerien: Insbesondere die Verstaatlichung der Erd\u00f6l- und Erdgasunternehmen aus franz\u00f6sischem Besitz 1971<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn37\">[xxxvii]<\/a>&nbsp;und die darauf aufgebaute \u201esozialistische\u201c Industrialisierungspolitik f\u00fchrte bis in die 1980er Jahre zu einem gro\u00dfen Kapitalstock, verglichen mit immer geringer werdendem wirtschaftlichen Wachstum. Daher sank schon in den 1970er Jahren die Kapitalproduktivit\u00e4t unter 50&nbsp;%, um in den 1980er Jahren sogar unter 40&nbsp;% zu fallen. Anders als in Lateinamerika konnten die \u00d6l- und Gas-Einnahmen die damit verbundenen Probleme noch bis Ende der 1980er Jahre auffangen. Mit dem Sinken der \u00d6lpreise Ende der 1980er Jahre brach eine schwere wirtschaftliche und in deren Gefolge auch politische Krise aus (B\u00fcrgerkrieg). Die von Bouteflika durchgesetzte \u201eBefriedungspolitik\u201c beinhaltete in den 2000er Jahren eine gegen den heftigen Widerstand der Gewerkschaften durchgesetzte \u201ePrivatisierungspolitik\u201c, die an den Kapitalabbau w\u00e4hrend der Krise ankn\u00fcpfte und das Land stark f\u00fcr Auslandsinvestitionen \u00f6ffnete. Damit wurde die Kapitalproduktivit\u00e4t auf heute wieder \u00fcber 50&nbsp;% gehoben.<\/p>\n<p>Solche Geschichten wie f\u00fcr Algerien k\u00f6nnten f\u00fcr viele L\u00e4nder erz\u00e4hlt werden, die auf der Grundlage des Exports ihres Rohstoffreichtums eine vor allem staatliche Industrialisierungspolitik betrieben haben. Eine ganz andere Entwicklung sehen wir in L\u00e4ndern, die wenig M\u00f6glichkeiten hatten, ihre Industrialisierung auf Rohstoffexport zu begr\u00fcnden. Insbesondere die auf Export ausgerichteten \u201eEntwicklungsdiktaturen\u201c, die sich als Standorte f\u00fcr \u201eBilliglohnfertigung\u201c den gro\u00dfen Konzernen des Zentrums anboten, folgten einem Muster, das sich wohl am extremsten in S\u00fcdkorea zeigt:<\/p>\n<p>Ohne Rohstoffbasis und geschw\u00e4cht durch die Verheerungen des Koreakrieges war S\u00fcdkorea in den 1950er Jahren am unteren Ende der Entwicklung und wurde seit den fr\u00fchen 1960er Jahren durch eine brutale Milit\u00e4rdiktatur unter Park-Chung-hee regiert. Park begr\u00fcndete die s\u00fcdkoreanische Industriestruktur, die zugleich mit einer strikten Unterdr\u00fcckung von ArbeiterInnenrechten verbunden war. Wie an der Entwicklung des Kapitalstocks zu erkennen ist, gab es jedoch erst nach der globalen Krise 1974 eine explosionsartige \u00c4nderung der Situation. Seither ist das Wachstum des Kapitalstocks gegen\u00fcber dem Wachstum des BIP entfesselt: W\u00e4hrend das Verh\u00e4ltnis noch in den 1960er Jahren bei \u00fcber 100&nbsp;% lag, sank es 1996 erstmals unter 40&nbsp;%. Erst die Asienkrise 1997 hat zu einer Verlangsamung im Tempo des Aufbaus des Kapitalstocks gef\u00fchrt. Heute liegt die Kapitalproduktivit\u00e4t S\u00fcdkoreas bei etwa 36&nbsp;%.<\/p>\n<p>Hier best\u00e4tigt sich Matticks These, dass die Aufhebung von Akkumulationsschranken f\u00fcr das Kapital (die die \u201eGlobalisierungsperiode\u201c f\u00fcr viele, insbesondere asiatische, \u201eTigerstaaten\u201c mit sich gebracht hat) zugleich auch die \u00dcberakkumulation aus dem Zentrum in die Peripherie tr\u00e4gt \u2013 und damit auch die \u00dcberakkumulationskrise auf eine globalere Ebene hebt. Mit der Aufhebung der \u201eSph\u00e4re geringerer organischer Zusammensetzung des Kapitals\u201c f\u00fcr immer mehr Regionen der Welt, wird zugleich ein wichtiger krisenhemmender Faktor in der Weltakkumulation des Kapitals abgebaut. H\u00e4ufigere Krisenanf\u00e4lligkeit und Tendenz zu schnellerer Entwicklung von \u00fcberregionalen zyklischen Abschw\u00fcngen sind ein Merkmal der Globalisierungsperiode seit Mitte der 1990er Jahre.<\/p>\n<p>Was S\u00fcdkorea betrifft, gibt es nat\u00fcrlich auf Grund der Kapitalisierung und der Weltbedeutung mehrerer ihrer gro\u00dfen Kapitale Argumente f\u00fcr den Aufstieg in den Klub des Imperialismus. Allerdings deutet schon die \u00e4u\u00dferst hohe Kapitalzusammensetzung (bzw. niedrige Kapitalproduktivit\u00e4t) darauf hin, dass es sich hierbei auch um eine andere Form der Abh\u00e4ngigkeit handelt. Viele der asiatischen Staaten, die einen \u00e4hnlich raschen Aufstieg in der Globalisierungsperiode durchgemacht haben, wie Malaysia oder Indonesien, haben eine \u00e4hnliche Entwicklung ihrer Kapitalproduktivit\u00e4t hinter sich (85&nbsp;% auf 48&nbsp;% bzw. 91&nbsp;% auf 55&nbsp;%), die sie \u00fcber die \u00fcblichen Peripheriestaaten stellt. Diese \u00dcberkapitalisierung kann \u2013 neben Druck auf die L\u00f6hne \u2013nur durch starkes Exportwachstum ausgeglichen werden. Das macht diese L\u00e4nder abh\u00e4ngig von Welthandel und der Entwicklung in den zentralen Industriel\u00e4ndern (inklusive China). Jeder globale Einbruch f\u00fchrt dazu, dass die Folgen der \u00dcberakkumulation sofort gesp\u00fcrt werden. Dazu kommt, dass in der Globalisierungsperiode die kapitalistische Produktion stark entlang internationaler Produktionsketten von Komponenten und Dienstleistungen organisiert wurde. Dies hat eine \u201eWertsch\u00f6pfungskette\u201c von den hochspezialisierten bis zu den niedrig bewerteten T\u00e4tigkeiten eingef\u00fchrt, in denen der Gro\u00dfteil der \u201eWertsch\u00f6pfung\u201c tats\u00e4chlich an der Spitze der Produktionsketten abgegriffen wird.<\/p>\n<p><strong>Globale Produktion als Produktions- und Aneignungsprozess von Mehrwert<\/strong><\/p>\n<p>Zu den globalen Wertsch\u00f6pfungsketten (\u201eglobal value chains\u201c; GVC) gibt es inzwischen umfangreiche Studien und statistische Indikatoren, die speziell auch als \u201eEntwicklungsindikatoren\u201c dienen<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn39\">[xxxix]<\/a>. Insgesamt ist in der Globalisierungsperiode der Anteil an GVCs am Welthandel stark gestiegen: W\u00e4hrend der Anteil der nur im Inland produzierten und konsumierten G\u00fcter an der Weltproduktion von 85&nbsp;% (1995) auf heute 80&nbsp;% zur\u00fcckgegangen ist, wuchs der traditionelle Exporthandel nur moderat \u2013 entscheidend war das Wachstum des Handels mit Zwischenprodukten oder produktionsbezogenen Dienstleistungen. Diese machen inzwischen zwei Drittel des Welthandels aus. Die GVCs reichen dabei von einfachen Zulieferproduktionen (nur 1-2 Grenz\u00fcberquerungen bis zum fertigen Produkt) bis zu komplexen Netzwerken von sehr vielen \u00fcber viele L\u00e4nder verstreuten AkteurInnen.<\/p>\n<p>Die WTO hat hierzu die etwas un\u00fcbersichtlichen, aber informativen \u201eSmile-Kurven\u201c entwickelt. In Abbildung 7 wird die Smile-Kurve f\u00fcr die Industrien f\u00fcr elektrische und optische Apparate dargestellt, in der die Daten von 35 Industrien, die \u00fcber 41 \u00d6konomien zerstreut sind, aus den Input-Output-Tabellen der WTO kombiniert wurden. Dabei stellen die Zahlen neben den L\u00e4ndernamen Kennzahlen f\u00fcr Industrien nach den WTO-Tabellen dar (z.\u00a0B. steht \u201e14\u201c f\u00fcr Elektro- und Optik-Industrie, \u201e28\u201c f\u00fcr Finanzdienstleistungen, \u201e12\u201c f\u00fcr Metallverarbeitung). Um die L\u00e4ndernamen werden Kreise gezeichnet, die den \u201eWertanteil\u201c der jeweiligen L\u00e4nderindustrien in der Produktstufe darstellen (au\u00dfer bei China in der Abbildung schwer zu erkennen). Die schraffierte Fl\u00e4che um die Kurve stellt das Ausma\u00df der Kompensationen dar, wie die einzelnen Stufen im Produktleben in die Preisbildung eingehen, bevor es zum Endprodukt f\u00fcr die KundInnen kommt. Deutlich wird, dass dieses am Beginn (Planung, Entwicklung, Finanzierung, etc.) und am Ende (Verkauf, Service, etc.) der GVC am gr\u00f6\u00dften ist (das \u201eobere Ende\u201c der Wertsch\u00f6pfungskette). Da die senkrechte Achse die Lohnkompensation (pro Stunde) in den jeweiligen Stufen darstellt, wird deutlich, dass die Stufen, die am meisten mit Produktion zu tun haben, auch die mit der geringsten Kompensation sind. Bei der Kette handelt es sich also eigentlich weniger um eine \u201eWertsch\u00f6pfungskette\u201c als vielmehr um eine Wertaneignungskette \u2013 die produktive Arbeit wird in der Senke der Kurve geleistet, deren Wertproduktion aber vor allem an den beiden Enden der Kette in Preise transformiert. Ein Gro\u00dfteil des Preises machen offensichtlich die Preiszuschl\u00e4ge der gro\u00dfen Handelskonzerne aus (\u201e20\u201c steht f\u00fcr den Gro\u00dfhandel).<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-6.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-6.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-10649\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-6.jpg 1024w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-6-300x225.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-6-768x576.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Abbildung 7: Wertsch\u00f6pfungskette f\u00fcr elektrische und optische Apparate 2005\u00a0<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn40\">[xl]<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p>Die traditionell ung\u00fcnstigen Beziehungen zwischen Peripherie und Zentrum \u00fcber die Terms of Trade nach Prebisch\/Singer erweitern sich somit heute zus\u00e4tzlich durch die Zuordnung zu ung\u00fcnstigen Positionierungen in den GVCs. In der Smile-Kurve wird dies deutlich einerseits an der kaum mehr lesbaren Wolke an L\u00e4nderindustrien am Minimum der Kurve, wo vor allem asiatische Zulieferbetriebe zu finden sind. Alle zeichnen sich durch ein auf niedrigen L\u00f6hnen basierendes Exportmodell aus. China konzentriert einen gro\u00dfen Anteil am Ende der eigentlichen Produktionskette, also nahe der Endmontage. Ein kleinerer Teil der Produktion wird weiter \u201ehochpreisig\u201c in L\u00e4ndern wie Deutschland, den USA und Japan durchgef\u00fchrt. Auch S\u00fcdkorea ist eher im Aufstieg in diesem Segment, d.&nbsp;h. verl\u00e4sst die Region der Billiglohnl\u00e4nder. Inzwischen kann man bei vielen dieser Branchenuntersuchungen feststellen, dass China in der \u201eWertsch\u00f6pfungskette\u201c aufsteigt und selber Stufen zu Beginn und am Ende der Produktkette \u00fcbernimmt. Auf jeden Fall hat sich ein weltweites Muster herausgebildet, das f\u00fcr die globale Produktion wenige gro\u00dfe Zentren aufzeigt, um die ein Netz von Satelliten gruppiert sind. Die zentralen Player dabei sind die USA, China, Deutschland (mit Frankreich und Italien als Co-Zentren), Japan und S\u00fcdkorea (siehe Abbildung 8).<\/p>\n<p>Dabei ist auff\u00e4llig, dass die Produktionsnetzwerke im Jahr 2000 noch sehr lose zusammengef\u00fcgt waren und vor allem in den europ\u00e4ischen und den asiatisch-pazifischen Raum getrennt waren. Um 2005 wird klar, dass China ein eigenes Zuliefernetzwerk in Asien aufgebaut hat, in dem Taiwan eine zentrale Rolle spielt. Aber auch Japan und S\u00fcdkorea begannen im Windschatten des China-Booms mit dem Aufbau ihrer tieferen internationalen Produktionsketten, w\u00e4hrend das europ\u00e4ische Netzwerk auf lateinamerikanische Industrien und Russland ausgriff. 2011 stellt den Punkt der gr\u00f6\u00dften Ann\u00e4herung der drei Bl\u00f6cke dar, in der es zunehmend auch vor allem zwischen asiatischen und europ\u00e4ischen Industrien Vernetzungen gab.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-7.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-7.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-10650\" width=\"579\" height=\"351\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-7.jpg 406w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-7-300x182.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 579px) 100vw, 579px\" \/><\/a><figcaption>Abbildung 8: Netzwerk der GVCs\u00a0<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn41\">[xli]<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p>Mit der gro\u00dfen Rezession und der folgenden Stagnationsperiode kam es zu einem R\u00fcckbau der Internationalisierung (zum Teil wurde durch Insourcing wieder Verlagerungstiefe zur\u00fcckgenommen). Insbesondere haben sich die USA inzwischen wieder st\u00e4rker auf protektionistische Politik und R\u00fcckfluss von Kapital orientiert, was sich auch im Abbau von internationalen Produktionsketten au\u00dferhalb Nordamerikas\/Mexikos ausdr\u00fcckt. Auch in der EU sind seit der Euro-Krise und der Stagnation in den zentralen \u00d6konomien R\u00fcckbautendenzen zu erkennen. Davon und durch das geringere Wachstum des Welthandels insgesamt blieben auch der Block um China, Japan und S\u00fcdkorea nicht unber\u00fchrt.<\/p>\n<p><strong>Hierarchien in der globalen \u00d6konomie<\/strong><\/p>\n<p>Was das Schicksal der neu industrialisierten L\u00e4nder betrifft, so spricht auch die WTO-Studie von einer in der Entwicklungs\u00f6konomie viel besprochenen \u201emiddle-income trap\u201c&nbsp;<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn42\">[xlii]<\/a>. Damit wird gemeint, dass einige der sich besonders rasch industrialisierenden L\u00e4nder zwar eine Zeitlang zu Treibern globaler Aufschw\u00fcnge werden, dabei auch betr\u00e4chtliches Kapital und Know-how ansammeln, dann aber von der n\u00e4chsten Krise besonders getroffen und wieder zur\u00fcckgeworfen werden. Sie scheinen bereits an der \u201eSchwelle\u201c zu einer \u00d6konomie wie die \u201ereichen L\u00e4nder\u201c zu sein, schaffen es aber nicht, deren Krisenbew\u00e4ltigungsf\u00e4higkeiten zu erlangen. Exemplarisch f\u00fchrt die WTO-Studie folgende \u201eEntwicklungsstufen\u201c ein:<\/p>\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Stufe 0: Abh\u00e4ngigkeit von Agrar- und Rohstoffexporten und Kapitalimport<\/li>\n<li>Stufe 1: Einfache Zulieferindustrien (Beispiel: Vietnam)<\/li>\n<li>Stufe 2: Konzentration von Industrien, eigene Zulieferketten (z.&nbsp;B.: Malaysia, Thailand)<\/li>\n<li>Stufe 3: F\u00e4higkeit zur Produktion von hochtechnischen Produkten (z.&nbsp;B.: S\u00fcdkorea, Taiwan)<\/li>\n<li>Stufe 4: \u201eGlobal leader\u201c (z.&nbsp;B.: USA, EU, Japan, China)<\/li>\n<\/ul>\n<p>Wie auch die WTO-Studie feststellt, sind es Probleme in der Kapitalbildung, der Struktur der \u00d6konomie und Faktoren der globalen politischen Ordnung, die auf Stufe 2 und 3 gegen\u00fcber der jeweils n\u00e4chsten Stufe wie \u201egl\u00e4serne W\u00e4nde\u201c den weiteren Aufstieg zu verhindern scheinen.<\/p>\n<p>F\u00fcr die M\u00f6glichkeiten und Grenzen der Entwicklung unter kapitalistischen Bedingungen ist neben der Kapitalmasse, der Kapitalproduktivit\u00e4t, der Position im Welthandel und in den globalen Wertsch\u00f6pfungsketten, die Einkommensentwicklung entscheidend, insbesondere insofern sie das langfristige Verh\u00e4ltnis zwischen Kapital und Arbeit widerspiegelt. Grundlegende Indikatoren daf\u00fcr sind die Verh\u00e4ltnisse von BIP-Wachstum und Anteil der L\u00f6hne dabei. Das Volumen des Nationaleinkommens (als Ma\u00df des produzierten Neuwerts pro Jahr), abgeleitet aus dem BIP, stellt dabei das maximal zu verteilende Einkommen auf die Masse der Bev\u00f6lkerung dar. Das Wirtschaftswachstum im Vergleich zwischen den L\u00e4ndern von unterschiedlichen Entwicklungsstufen stellt damit einen ersten Anhaltspunkt dar:<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-8.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-8.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-10651\" width=\"601\" height=\"364\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-8.jpg 406w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-8-300x182.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 601px) 100vw, 601px\" \/><\/a><figcaption>Abbildung 9 Reales BIP in KKP von 2005\u00a0<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn43\">[xliii]<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p>In der Abbildung wird klar, dass das starke Wachsen des Kapitalstocks in Algerien zugleich mit einem im Vergleich sehr schwachen Wachstum gekoppelt war, das erst in den 2000er Jahren leicht nach oben ging. Das Wachstum eines wenig spektakul\u00e4ren Zentrumlandes wie Frankreich stellt sich dagegen fast linear dar, mit kaum wahrnehmbaren \u201eDellen\u201c 1974, 1981, 1991 und 2000. Das gesamte BIP von Brasilien, das dreimal mehr Menschen als Frankreich bev\u00f6lkern, liegt die ganzen Jahre hinter dessen BIP zur\u00fcck (Algerien, mit der H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung, hat dagegen ein kaum wahrnehmbares BIP). Dagegen waren die Wachstumseinbr\u00fcche Ende der 1970er Jahre, Mitte der 1980er Jahre und (wenn auch nicht so ausgepr\u00e4gt) Ende der 1990er Jahre jeweils dramatisch, mit schwerwiegenden Folgen f\u00fcr das Einkommen vieler. War das Wachstum in Algerien viel zu gering, um der zunehmenden Bev\u00f6lkerung ein ertr\u00e4gliches Einkommen zu garantieren, so waren es die Einbr\u00fcche im Wachstum, die der stark wachsenden brasilianischen Bev\u00f6lkerung gro\u00dfe Einkommensprobleme bescherten. Schlie\u00dflich zeigt das Beispiel S\u00fcdkoreas, mit einem Viertel der Bev\u00f6lkerung Brasiliens, ein BIP-Wachstum, das ein Einholen des gro\u00dfen Brasiliens fast m\u00f6glich erscheinen lie\u00df. Angesichts der steigenden Kapitalzusammensetzung der s\u00fcdkoreanischen Industrie ist dieses Wachstum aber auch erforderlich (wie sp\u00e4ter bei der Profitratenbetrachtung noch zu sehen sein wird). Allerdings f\u00fchrte die Wirtschaftsentwicklung 1997 in der \u201eAsienkrise\u201c zu einem starken Einbruch (\u2013 5,5&nbsp;%), der jedoch in den 2000er Jahren wieder wettgemacht werden konnte. Ersichtlich ist auch, dass Brasilien ebenfalls in den 2000er Jahren auf den starken Wachstumspfad zur\u00fcckzukehren schien und parallel zu S\u00fcdkorea wuchs. In der gegenw\u00e4rtigen Stagnationsphase der Weltwirtschaft werden beide L\u00e4nder wieder von Wachstumsproblemen gebeutelt (Wachstumsraten von unter 3&nbsp;% sind f\u00fcr S\u00fcdkorea angesichts des gro\u00dfen Kapitalstocks problematisch, und werden wesentlich durch das Gesch\u00e4ft mit China und Japan aufrechterhalten).<\/p>\n<p>Diese BIP-Ver\u00e4nderungen m\u00fcssen noch in Beziehung gesetzt werden zu einem Bev\u00f6lkerungswachstum, das in demselben Zeitraum Brasilien und Algerien fast verdreifacht hat, S\u00fcdkorea verdoppelt, w\u00e4hrend Frankreich nur um etwa 50\u00a0% wuchs. Selbst bei einer fiktiven Gleichverteilung der Einkommen muss es daher negative Effekte auf die m\u00f6glichen Einkommen in den unterschiedlichen Regionen geben. Piketty stellt folgende Gesamtrechnung f\u00fcr die Welt angesichts der unterschiedlichen Proportionen von Bev\u00f6lkerung und BIP in den Hauptregionen auf:<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-9.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-9.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-10652\" width=\"629\" height=\"532\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-9.jpg 570w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-9-300x254.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 629px) 100vw, 629px\" \/><\/a><figcaption>Abbildung 10: Weltweite Verteilung von BIP und Nationaleinkommen pro Kopf\u00a0<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn44\">[xliv]<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p>Trotz mehrerer Jahrzehnte, in denen einige \u201eSchwellenl\u00e4nder\u201c gro\u00dfe \u00f6konomische Wachstumsraten gegen\u00fcber dem alten Zentrum aufwiesen, produzieren die auf 13&nbsp;% der Weltbev\u00f6lkerung geschrumpften EinwohnerInnen EU-Europas und Nordamerikas weiterhin 41&nbsp;% des Welt-BIP (zur Erinnerung: Bei den Verm\u00f6gen ist es noch einseitiger mit 62&nbsp;% des Weltverm\u00f6gens). Die Wachstumsverschiebung hat angesichts des jeweiligen Bev\u00f6lkerungsanstiegs daher nur geringe Ver\u00e4nderungen im Verh\u00e4ltnis BIP pro Einwohner gebracht. Vom BIP m\u00fcssen Abschreibungen und die Au\u00dfenbilanz abgerechnet werden, so dass sich daraus das monatlich verf\u00fcgbare Einkommen pro Einwohner ergibt (bei Gleichverteilung). Dieses ist in der Tabelle in der \u00e4u\u00dfersten rechten Spalte in Euro zu ersehen. Es ist nicht erstaunlich, dass sich Afrika mit 200 Euro weiterhin am untersten Level der Einkommensniveaus befindet (wobei Algerien mit 450 Euro noch \u00fcber dem nordafrikanischen Durchschnitt liegt!). Trotz des gro\u00dfen Aufholprozesses in Asien liegt es weiter nur bei 520 Euro. Dabei ist dies auch in Asien weiterhin stark ungleich verteilt, mit Japan bei 2.250 Euro und S\u00fcdkorea bei 1.700 Euro. Die Megal\u00e4nder China mit 520 Euro, aber vor allem Indien mit 240 Euro finden sich weiter bei den \u201emittleren\u201c bzw. unteren Einkommen. Trotz der krisenhaften Entwicklung in Lateinamerika liegt dieses mit 780 Euro noch dar\u00fcber. Auch hier gibt es gro\u00dfe Unterschiede: von Chile mit 960 Euro \u00fcber Brasilien mit 660 Euro bis Bolivien mit 275 Euro. Die Einkommen der \u201ereichen L\u00e4nder\u201c in Europa, Nordamerika, Japan und auf der S\u00fcdhalbkugel liegen dagegen 3-4 mal \u00fcber dem Weltdurchschnitt (760 Euro).<\/p>\n<p>Die Weltbank verwendet das Verh\u00e4ltnis von Bruttonationaleinkommen zu EinwohnerIn als \u201eEntwicklungsindikator\u201c und teilt dabei die L\u00e4nder in die vier Kategorien \u201eniedriges\u201c, \u201eunteres mittleres\u201c, \u201eoberes mittleres\u201c und \u201ehohes\u201c Einkommen. Diese entsprechende Kategorisierung wird j\u00e4hrlich ver\u00f6ffentlicht und ist auch als historische Zeitreihe erh\u00e4ltlich&nbsp;<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn45\">[xlv]<\/a>. Auch wenn die Grenzziehungen stark willk\u00fcrlich sind (f\u00fcr das oben betrachtete Jahr war die Grenze zu \u201eoberen mittleren\u201c Einkommen bei 320 Euro, zu \u201ehohem\u201c bei etwa 1.000 Euro), so lassen sich doch langfristige Trends erkennen. Brasilien geh\u00f6rt zwar generell zu den \u201eoberen mittleren\u201c, fiel aber mehrfach kurzfristig in die \u201eunteren mittleren\u201c (Ende der 1980er Jahre, Anfang der 2000er). Algerien fiel Ende der 8190er Jahre vom oberen Mittel ins untere, um erst wieder 2008 ins obere Mittel zu steigen. Indien stieg erst 2007 \u00fcberhaupt von der Kategorie \u201eniedrig\u201c zur Kategorie \u201eunteres Mittel\u201c auf, um dort seither zu verharren. China dagegen stieg 1997 zu \u201eunterem Mittel\u201c auf, um 2010 ins \u201eobere Mittel\u201c zu gelangen. Schlie\u00dflich stieg S\u00fcdkorea 1995 zur Kategorie \u201eHoch\u201c auf, um 1998 wieder zu \u201eoberes Mittel\u201c abzufallen, aber verharrte dann ab 2001 in \u201eHoch\u201c. Insgesamt sind 78 L\u00e4nder heute in den beiden unteren Kategorien zu finden, also als \u201earme\u201c zu bezeichnen. Die 60 L\u00e4nder in der dritten Kategorie sind zwar rund um den Durchschnitt des Welteinkommens gruppiert und werden heute allgemein als \u201emiddle income countries\u201c bezeichnet, sind aber im Vergleich zu den reichen L\u00e4ndern in Europa und Nordamerika tats\u00e4chlich auch nur an der \u201eSchwelle\u201c zur \u00dcberwindung von Armut, nicht auf dem Sprung zu \u201ereichen L\u00e4ndern\u201c wie oft mit dem Begriff \u201eSchwellenl\u00e4nder\u201c suggeriert wird.<\/p>\n<p>Die Gr\u00f6\u00dfe des Neuwerts, der in einem Land produziert wurde, sagt noch nichts dar\u00fcber aus, wieviel davon tats\u00e4chlich bei denen ankommt, die ihn produziert haben \u2013 den Lohnabh\u00e4ngigen. Dies ist abh\u00e4ngig letztlich von der jeweils spezifischen Klassenauseinandersetzung, aber auch dem Entwicklungsstand und der Stellung im Weltkapitalismus insgesamt. In Abbildung 11 wird die Lohnquote (der Anteil der Lohnsumme am Nationaleinkommen) von vier verschiedenen L\u00e4ndern wiedergegeben, diesmal mit der USA als Repr\u00e4sentantin der \u201ereichen L\u00e4nder\u201c (leider sind die Daten f\u00fcr Brasilien, S\u00fcdkorea und Algerien aus den Penn-Reihen etwas unvollst\u00e4ndig).<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-10.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"360\" height=\"216\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-10.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-10653\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-10.jpg 360w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-10-300x180.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 360px) 100vw, 360px\" \/><\/a><figcaption>Abbildung 11: Lohnquote am Nationaleinkommen im Vergleich\u00a0<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn46\">[xlvi]<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p>Grob gesagt werden kann, dass in den 1960er Jahren in den reichen L\u00e4ndern Lohnquoten um die 60&nbsp;% \u00fcblich waren gegen\u00fcber 30&nbsp;% im Rest. Dies dr\u00fcckt einerseits die gr\u00f6\u00dfere gewerkschaftliche Organisation und andererseits die Integration der ArbeiterInnenklasse, insbesondere durch das aus, was Lenin die \u201eArbeiterInnenaristokratie\u201c genannt hat. Letzteres fehlte in den Halbkolonien, w\u00e4hrend die gewerkschaftliche Organisation zumeist mit repressiven Ma\u00dfnahmen bis hin zur Milit\u00e4rdiktatur unterdr\u00fcckt wurden. In der Krisenperiode der 1970er und fr\u00fchen 1980er Jahre konnten die Lohnquoten in den Halbkolonien zumeist auf um die 40&nbsp;% verbessert werden, w\u00e4hrend diejenige in den imperialistischen Zentren zumeist auf um die 55&nbsp;% sank. Danach verlief die Entwicklung in der \u201eGlobalisierungsperiode\u201c sehr unterschiedlich. In den imperialistischen Zentren sank die Lohnquote weiter kontinuierlich gegen 50&nbsp;% aufgrund der geschw\u00e4chten Position der Gewerkschaften und neoliberaler \u201eReformpolitik\u201c. Andererseits wurde das Wachstum in Asien kaum tats\u00e4chlich in h\u00f6here L\u00f6hne umgesetzt, so dass der Anteil der Lohneinkommen am Nationaleinkommen trotz des \u201eWirtschaftswunders\u201c sogar im Allgemeinen sank.<\/p>\n<p>In S\u00fcdkorea fiel w\u00e4hrend des ersten gro\u00dfen Exportbooms Mitte der 1980er Jahre die Quote von 40 auf 30&nbsp;%, ein Fall der erst durch das Ende der Milit\u00e4rdiktatur etwas abgebremst wurde. Der n\u00e4chste Exportboom in den 1990er Jahren und dessen Einbr\u00fcche (vor allem die Asienkrise) brachten die Quote weiter auf gegen 20&nbsp;% herunter, wo sie heute verharrt. Angesichts des hohen Kapitalanteils (geringe Kapitalproduktivit\u00e4t) ist es klar, dass das s\u00fcdkoreanische Kapital weiterhin auf relativ geringe L\u00f6hne im Verh\u00e4ltnis zum Output angewiesen ist \u2013 nur so l\u00e4sst sich das gro\u00dfe angeh\u00e4ufte Kapital verwerten.<\/p>\n<p>Auch wenn die Bewegung in Algerien einem \u00e4hnlichen Trend wie S\u00fcdkorea zu folgen scheint, hat sie ganz andere Ursachen. Die stagnative, von \u00d6l- und Gasexporten abh\u00e4ngige \u00d6konomie mit hoher Staatsquote konnte politische Stabilit\u00e4t nur durch Einkommensverbesserungen erzielen, die zu einem Anwachsen der Lohnquote bei einem wenig gestiegenen BIP f\u00fchrten (\u00fcber 40&nbsp;% bis Ende der 1980er Jahre). Damit gab es notwendig immer weniger Spielraum f\u00fcr Gewinneinkommen, was zum Ausbruch der Krise Ende der 1980er Jahre f\u00fchrte, als die Einnahmen aus dem \u00d6lexport sanken. Im Verlauf der Krise stellte das algerische Kapital seine Profitabilit\u00e4t vor allem zu Lasten der Lohneinkommen wieder her, so dass im Gefolge der \u201ePrivatisierungspolitik\u201c die Lohnquote ebenfalls auf an die 20&nbsp;% sank. Erst der gro\u00dfe Generalstreik der UGTA konnte 2003 die weitere Abw\u00e4rtsbewegung stoppen.<\/p>\n<p>In Lateinamerika waren nach dem \u201everlorenen Jahrzehnt\u201c der 1980er Jahre die neoliberalen \u201eReformerInnen\u201c und ihre Milit\u00e4rdiktaturen weitgehend an den Rand gedr\u00e4ngt. Politische und \u00f6konomische Konsolidierung konnten nur mit Hilfe von \u201elinken\u201c und populistischen Kr\u00e4ften zusammen mit Konzessionen an die Gewerkschaften erzielt werden. So war das wiederaufkommende Wachstum in den 1990er Jahren mit einer Stabilisierung der Lohnquote bei 40&nbsp;% in den meisten L\u00e4ndern (wie auch in Brasilien) verbunden.<\/p>\n<p>Insgesamt bleibt aber eine deutliche L\u00fccke zwischen den Lohnquoten in den imperialistischen Zentren und im Rest der Welt, insbesondere was Asien betrifft. Nur China, das aus der planwirtschaftlichen Vergangenheit mit einer relativ hohen Lohnquote gestartet ist, liegt etwa im Bereich der alten Zentren (bei 48&nbsp;%). Bei den niedrigen L\u00f6hnen, von denen zu Beginn der Globalisierungsperiode gestartet wurde, ist von dem gro\u00dfen Wachstumsboom also wenig in Lohnsteigerungen eingegangen. Das Weltkapital profitiert weiterhin von niedrigen L\u00f6hnen, insbesondere in Asien.<\/p>\n<p><strong>Tendenzen der globalen Profitratenentwicklung<\/strong><\/p>\n<p>Die Indikatoren Lohnquote und Kapitalproduktivit\u00e4t f\u00fchren nun direkt zum zentralen Indikator f\u00fcr die Kapitalakkumulation aus marxistischer Sicht: der Profitrate. F\u00fcr das Marx\u2019sche Verst\u00e4ndnis der Dynamik der Wachstumsbewegung ist entscheidend das Verh\u00e4ltnis von Entwicklung der Produktivkr\u00e4fte (vergegenst\u00e4ndlicht im Kapitalstock und einer disponiblen Lohnabh\u00e4ngigenmasse) und dem kapitalistischen Imperativ, das bestehende Kapital (in allen seinen Formen) zu verwerten. Die kapitalistische Form der Produktivkraftentwicklung verl\u00e4uft unter dem Primat der Einsparung von Arbeitskosten und Erh\u00f6hung des Produktaussto\u00dfes (Produktivit\u00e4tssteigerung). Dies f\u00fchrt zu einem Steigen des Anlagekapitals gegen\u00fcber der eingesetzten Arbeitskraft und bei gleichbleibender Mehrwertrate daher zu einem Sinken der Profitrate, gleichzeitig aber zu einer Erh\u00f6hung des produzierten Neuwerts und damit (Mehrwertrate!) auch der absoluten Profitmasse. Sofern das Mehr an Profit ausreichend ist, den gewachsenen Kapitalstock weiter zu verwerten, kann die Akkumulation auf erweiterter Stufenleiter fortgesetzt werden. Ist dies nicht der Fall, muss der \u00fcberakkumulierte Kapitalstock in einer der Formen der kapitalistischen Krise entwertet werden. Bevor es soweit kommt, k\u00f6nnen \u201eentgegenwirkende Ursachen\u201c wirken: Einerseits k\u00f6nnen Teile des Kapitalstocks (wie auch immer) schon vor der Krise entwertet und verbilligt werden. Weiter kann das Kapital auf verschiedene Weise die Mehrwertrate erh\u00f6hen (relativ, absolut; Umstrukturierung der Besch\u00e4ftigung). Verwertungsprobleme k\u00f6nnen durch Schulden bzw. Umwandlung von Schulden in Kapital (Kapitalmarkt) zeitweise aufgeschoben werden und letztlich dient der Weltmarkt als Ventil (worauf noch n\u00e4her eingegangen wird). Helfen alle diese Mittel (die im Wesentlichen nur aufschiebende Wirkung zeitigen bzw. sogar versch\u00e4rfende) nicht, ist der zyklische Abschwung unvermeidlich. Im Krisenzyklus setzen sich die von den produktiveren Kapitalen (die die Krise \u00fcberleben) eingesetzten Neuerungen allgemein durch, f\u00fchren zu einem gesamtwirtschaftlichen Ausgleich der Profitrate auf niedrigerem Niveau, womit der n\u00e4chste Zyklus einsetzt. Auf diese Weise kommt es zu einer langfristigen Tendenz zum Fallen der Durchschnittsprofitrate wie einer best\u00e4ndigen Ausdehnung der Produktion, begleitet von einem noch gr\u00f6\u00dferen Wachstum des Kapitalstocks.<\/p>\n<p>In den 1960er Jahren wurde die Profitratentheorie von Marx nicht nur von Baran\/Sweezy (die dies mehr auf empirischer Ebene taten), sondern auch von theoretischer Seite in Frage gestellt. Der japanische Wirtschaftstheoretiker Nobuo Okishio stellte 1961 Berechnungen an, nachdem bei gleichbleibenden Reall\u00f6hnen und einer Verbilligung von Produktionsmitteln im Gefolge von Produktivit\u00e4tssteigerungen die Profitrate steigt und nicht sinkt. Dieses \u201eOkishio-Theorem\u201c wurde auch von \u201eMarxistInnen\u201c als Widerlegung des Profitratenfalls angesehen, da damals eine Reduktion von Wertkategorien auf Preiskategorien allgemein anerkannt wurde. In ausf\u00fchrlichen Kontroversen um das Okishio-Theorem wurde insbesondere auf wertanalytischem Hintergrund dieses Theorem widerlegt. Ohne auf die Details eingehen zu k\u00f6nnen, hat z.&nbsp;B. Andrew Kliman gezeigt, dass es darauf ankommt, wie die Kapitalzusammensetzung (Verh\u00e4ltnis von Lohnarbeit und Kapitalstock) bestimmt wird, die in die Profitratenberechnung eingeht. Marx selbst hat zwischen der \u201etechnischen Zusammensetzung\u201c (materielles Verh\u00e4ltnis von Produktionsmitteln als Vergegenst\u00e4ndlichung vergangener Arbeit und der ben\u00f6tigten gegenw\u00e4rtigen Arbeitszeit) und der \u201eorganischen Zusammensetzung\u201c (Wertausdruck der technischen Zusammensetzung aus konstantem und variablem Kapital) unterschieden. F\u00fcr das Kapital, das einen alten durch einen neuen Produktionsprozess ersetzt, \u00e4ndert sich die technische Zusammensetzung, ohne dass sich dadurch im gesamten Sektor (der diese Neuerung noch nicht eingef\u00fchrt hat), die Wertzusammensetzung ge\u00e4ndert hat. Umgekehrt f\u00fchren technische Neuerungen, die Produktionsmittel verbilligen, die einige Kapitalisten zuerst einsetzen, ebenfalls noch nicht zu einer \u00c4nderung der Wertzusammensetzung. Schlie\u00dflich f\u00fchrt die Durchsetzung, Verallgemeinerung der Wert\u00e4nderung dazu, dass gro\u00dfe Teile des bestehenden Kapitals entwertet werden, wodurch gerade die Teile des Kapitals, die noch die alte technische Zusammensetzung verwenden, Profit verlieren. Was also auf der Ebene des Einzelkapitals in Preiskategorien als Profitratensteigerung erscheint, ergibt sich auf der Ebene des Gesamtkapitals im Verh\u00e4ltnis von technischer und organischer Zusammensetzung des Kapitals als Profitratenminderung f\u00fcr das Gesamtkapital. Betrachtet werden muss daher die Profitrate nicht als Verh\u00e4ltnis von Profitmasse zum Kapitalstock in seinen gegenw\u00e4rtigen, auf modernster Technik beruhenden Preisen, sondern in dessem \u201ehistorischen\u201c Wert (eine Differenz, die sich f\u00fcr das Kapital in gr\u00f6\u00dfer werdender \u201eAbschreibung\u201c ausdr\u00fcckt).<\/p>\n<p>In der statistischen Auswertung ist es daher wichtig, f\u00fcr die Profitratenberechnung vom \u201ehistorischen\u201c Wert des Kapitalstocks auszugehen und nicht die Wiederbeschaffungspreise, sondern die historischen Preisreihen zu verwenden. Au\u00dferdem ist in den vorhandenen Statistiken oft eine Vermengung von produktivem Kapital und anderen Kategorien (z.\u00a0B. Handel, Banken, Dienstleistungen etc.) gegeben. Ein richtiger Ausgangspunkt f\u00fcr die Profitratenberechnung ist daher, z.\u00a0B. zun\u00e4chst eine \u201esichere\u201c Ausgangsbasis zu w\u00e4hlen, z.\u00a0B. die nicht-finanziellen Gesellschaften (\u201enon-financial corporate business\u201c) in den USA. Dieser ist bedeutend genug, um Sondereffekte und Nischenbereiche zu umgehen und ist weltweit so bestimmend, dass er als Leitindex f\u00fcr alle anderen Profitratenbetrachtungen dienen kann. Zur Berechnung wird zumeist die Rendite auf den Kapitalstock herangezogen. Die Profitrate nach Marx vergleicht zwar Profitmasse zu eingesetztem Kapital PLUS Lohnsumme. Die Kapitalrendite ist jedoch offensichtlich eine obere Grenze f\u00fcr letzteren Bruch \u2013 und solange die Lohnsumme nicht sinkt, hat diese auch keinen d\u00e4mpfenden Effekt auf die Gesamtrate. Daher ist diese Vereinfachung akzeptabel. Schlie\u00dflich kann noch die Art der Bemessung der Profitmasse diskutiert werden (vor oder nach Steuer- und\/oder Zinsabz\u00fcgen auf verschiedenen Stufen in der Bilanzierung von Gewinnen). Eine \u00fcbersichtliche Darstellung mit entsprechenden Berechnungen findet sich bei T. Kalogerakos\u00a0<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn47\">[xlvii]<\/a>. Seine Berechnung des Verlaufs der Profitrate f\u00fcr nicht-finanzielle Gesellschaften in den USA von 1945 bis 2008 findet sich in Abbildung 12.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-11.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-11.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-10654\" width=\"600\" height=\"374\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-11.jpg 454w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-11-300x187.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><figcaption>Abbildung 12: Profitrate nicht-finanzieller Gesellschaften in den USA, 1946-2011\u00a0<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn48\">[xlviii]<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p>Die oberste Kurve (TSVR) bezeichnet das Verh\u00e4ltnis von \u201eGross Profit\u201c (also dem Gewinn ohne jegliche Abz\u00fcge au\u00dfer Lohn- und Produktionskosten) und Kapitalstock (in historischen Preisen). Die unteren Kurven beziehen sich auf unterschiedliche Abz\u00fcge vom Bruttogewinn (Steuern auf Produktionskosten, Zinsen und Dividenden, Gewinnsteuern). Die durchgezogenen Linien sind Anwendungen von statistischen Filtern, die zyklische Abweichungen begradigen.<\/p>\n<p>Erkennbar ist jedenfalls der langfristige absteigende Trend, insbesondere der Bruttoprofitrate, der sich allerdings stark zyklisch durchsetzt. So sieht man ein scheinbares Abheben der Profitrate Mitte der 1950er Jahre, dem ein Einbruch Mitte der 1960er Jahre folgt. Diese kann erst in den 1980er Jahren auf niedrigerem Niveau wieder stabilisiert werden. Es folgt ein neuerliches scheinbares Abheben Anfang der 1990er Jahre, das schon in der zweiten H\u00e4lfte des Jahrzehnts wieder stark einbricht. Die Erholung Anfang der 2000er kennen wir heute als von den Finanzm\u00e4rkten aufgebl\u00e4hten Scheinaufschwung, der in der gro\u00dfen Rezession von 2008\/2009 m\u00fcndete. Die Fortsetzung der Geschichte kann man regelm\u00e4\u00dfig aktualisiert im Blog von Michael Roberts nachlesen. Danach gab es zwar bis 2012 wiederum eine Erholung der Profitrate bis fast auf Vorkrisenniveau, um dann ab 2014 bis 2018 auf einen Wert unter 23&nbsp;% zu fallen (mit langfristigem Trend zu weiterem Fallen).<\/p>\n<p>Auff\u00e4llig ist auch, dass das, was letztlich bei den Unternehmen an Gewinn verbleibt (nach allen Abz\u00fcgen) relativ konstant ist \u2013 au\u00dfer einem leichten Absinken in den 1970er Jahren. Dies ist offensichtlich vor allem auf Steuererleichterungen f\u00fcr die Unternehmen zur\u00fcckzuf\u00fchren. Andererseits dr\u00fcckt vor allem die \u00d6ffnung zwischen den beiden mittleren Kurven den Anstieg der Einnahmen des Finanzkapitals aus den Unternehmensgewinnen aus, deutlich zu Lasten der Steuerabgaben.<\/p>\n<p>In einem lesenswerten Artikel&nbsp;<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn49\">[xlix]<\/a>&nbsp;aus dem Jahr 2009 hat Dave Zachariah wichtige Anst\u00f6\u00dfe f\u00fcr ein genaueres, auch mathematisches Verst\u00e4ndnis der Profitratentheorie von Marx geliefert. Durch seine wahrscheinlichkeitstheoretische Deutung der Werttheorie (die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit stellt sich ja immer erst \u201eim Nachhinein\u201c her), kommt er zu weit pr\u00e4ziseren Akkumulationsmodellen als solche, die Wertbegriffe durch neoklassische Variablen (in Preiskategorien) simulieren. Hierbei wird die Profitrate zu einem Erwartungswert, der sich aus verschiedenen m\u00f6glichen Verteilungen von Kapital und Arbeit gem\u00e4\u00df unterschiedlicher technischer Zusammensetzung des Kapitals ergibt. Ohne hier n\u00e4her auf die Hintergr\u00fcnde einzugehen, sei nur gesagt, dass die Ausarbeitung Zachariahs dazu f\u00fchrt, dass es im Wesentlichen drei Komponenten gibt, die die Richtung der Entwicklung der Profitrate bestimmen:<\/p>\n<p>\u201e\u00fcber dem Bruchstrich\u201c: Wachstum von Besch\u00e4ftigung (mehr ArbeiterInnen)<\/p>\n<p>\u201e\u00fcber dem Bruchstrich\u201c: Wachstum der Arbeitsproduktivit\u00e4t (mehr Wert pro ArbeiterIn)<\/p>\n<p>\u201eunter dem Bruchstrich\u201c: Wachstum der Bruttoinvestitionen (Ersatz-\/Neuanschaffung von Kapital)<\/p>\n<p>Letzteres ist insofern wesentlich, da mit gr\u00f6\u00dfer werdendem Kapitalstock, das Ausma\u00df der Ersatzinvestitionen enorm zunimmt und mit den geringer werdenden Neuinvestitionen der Spielraum f\u00fcr Steigerungen der Arbeitsproduktivit\u00e4t und Neubesch\u00e4ftigung abnimmt. Die folgende Abbildung zeigt, dass in den alten Industrienationen das Gewicht der Ersatzinvestitionen gegen\u00fcber der Profitmasse (ganz wie Marx es vorausgesagt hat) immer st\u00e4rker ansteigt:<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-12.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-12.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-10655\" width=\"600\" height=\"374\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-12.jpg 454w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-12-300x187.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><figcaption>Abbildung 13: Brutto- und Nettoinvestitionen in Relation zum BIP\u00a0<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn50\">[l]<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p>In den USA ist ersichtlich, dass die Gesamtinvestitionen seit den 1980er Jahren bei etwa 80&nbsp;% der Profitmasse liegen, aber nur noch unter 20&nbsp;% f\u00fcr Neuinvestitionen zur Verf\u00fcgung stehen. In Japan \u00fcbersteigen die Bruttoinvestitionen schon seit Mitte der 1970er Jahre die Eigenfinanzierung aus dem Profit, was l\u00e4ngerfristig auch das relativ hohe Niveau von Neuinvestitionen seit den 1990ern zur\u00fcckgehenl\u00e4sst. Die L\u00fccke zwischen Bruttoinvestitionen und Neuinvestitionen, die hier aufgeht, bedeutet letztlich, dass immer mehr akkumuliert wird, um bestehendes Kapital zu verwerten und der Spielraum f\u00fcr Steigerungen der Produktivit\u00e4t (als wesentliche entgegenwirkende Ursache zum Profitratenfall) geringer wird. Dieses Moment ist insbesondere seit Beginn der 2010er Jahre v.&nbsp;a. in den USA bestimmend.<\/p>\n<p>Die genannten Faktoren machen f\u00fcr die Betrachtung von armen bzw. \u201emittleren\u201c L\u00e4ndern klar:<\/p>\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Das Akkumulationspotential ist durch gro\u00dfes Arbeitskr\u00e4fteangebot, geringeren Kapitalstock und gro\u00dfe M\u00f6glichkeiten zu Produktivit\u00e4tssteigerung hoch (Start mit hohen Profitraten)<\/li>\n<li>Mangel an Kapital, Restriktionen zu Technologiezugang und fehlende \u201eMobilit\u00e4t\u201c von Arbeitskr\u00e4ften (\u201erasch Besch\u00e4ftigte mit richtigen Qualifikationen finden\u201c) sind interne entgegenwirkende Faktoren.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Deswegen waren die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte in allen diesen L\u00e4ndern sehr verschieden, je nachdem wie die Potentiale f\u00fcr die Steigerung der Profitrate einerseits und den Kapitalaufbau andererseits genutzt werden konnten. Die folgende Abbildung zeigt einen Vergleich der Kapitalrenditen(Vorsicht: die Berechnung mithilfe von Kapitalproduktivit\u00e4t und Gewinnquote aus den Zahlen der Gesamt\u00f6konomie liefert nur einen Anhaltspunkt f\u00fcr die tats\u00e4chliche Profitrate; au\u00dferdem ist die Penn-Reihe wieder l\u00fcckenhaft und liefert f\u00fcr China nat\u00fcrlich erst seit 1995 Zahlen):<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-13.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-13.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-10656\" width=\"478\" height=\"287\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-13.jpg 360w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-13-300x180.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 478px) 100vw, 478px\" \/><\/a><figcaption>Abbildung 14: Profitratenberechnung auf Basis der EPWT<\/figcaption><\/figure>\n<p>F\u00fcr viele \u201eEntwicklungsl\u00e4nder\u201c galt in den 1960er Jahren, dass sie von wesentlich h\u00f6heren Profitraten als die imperialistischen Zentren starteten (z.&nbsp;B. S\u00fcdkorea bei 70&nbsp;%, Brasilien zwischen 50 und 60&nbsp;%, gegen\u00fcber unter 40&nbsp;% in den USA). Dies entspricht mehr den Erwartungen in Investitionsm\u00f6glichkeiten als tats\u00e4chlichen gro\u00dfen Fortschritten in der damaligen Zeit. L\u00e4nder wie Algerien, die durch die Erd\u00f6l- und Erdgasindustrie schon einen gro\u00dfen Kapitalstock \u201egeerbt\u201c hatten, fingen naturgem\u00e4\u00df mit einer weitaus geringeren Profitrate an (hier 40&nbsp;%).<\/p>\n<p>S\u00fcdkorea folgt dem klassischen Akkumulationsmodell: mit sehr schnell steigendem Kapitalstock sinkt sogar bei sinkender Lohnquote die Profitrate, bis sie sich um 2000 auf niedrigem Niveau stabilisiert. Wie gesehen h\u00e4ngt dies vor allem an einem langsameren Wachstum des Kapitalstocks gegen\u00fcber dem Wirtschaftswachstum, aber auch einem weiteren Sinken der Lohnquote. Beides deutet darauf hin, dass es S\u00fcdkorea gelungen ist, seine Arbeitsproduktivit\u00e4t wesentlich zu verbessern.<\/p>\n<p>In Brasilien wiederum f\u00fchrte der rasche Aufbau des Kaitalstocks w\u00e4hrend der Milit\u00e4rdiktatur (Halbierung der Kapitalproduktivit\u00e4t) schneller zu einem Sinken der Profitrate. Hier wirkte die Krise der 1980er Jahre, die den Aufbau des Kapitalstocks bremste, hin zur Wiederherstellung einer h\u00f6heren Profitrate in den 1990er Jahren. Das wiederum befeuerte erneute Investitionen in Brasilien bis zum Einbruch nach 2014.<\/p>\n<p>In Algerien ist der Fall der Profitrate in den 1970er Jahren kein Zeichen der \u00dcberakkumulation wie in S\u00fcdkorea, sondern Ergebnis von geringer Ver\u00e4nderung von Arbeitsproduktivit\u00e4t und Besch\u00e4ftigung im produktiven Sektor gegen\u00fcber einem aufgebl\u00e4hten Kapitalstock der Energiewirtschaft. Das Sinken der Profitrate unter 20&nbsp;% in den 1980er Jahren war zusammen mit der Krise der \u00d6lindustrie der Ausl\u00f6ser einer schweren Wirtschaftskrise. In deren Verlauf wurde die Profitabilit\u00e4t offensichtlich wiederhergestellt. Wie an den zuvor dargestellten Daten ersichtlich, gelang dies vor allem durch ein extremes Senken der Lohnquote, d.&nbsp;h. von L\u00f6hnen und staatlichen Leistungen.<\/p>\n<p>Wie ersichtlich, folgt der Verlauf der Profitraten in den L\u00e4ndern mit abh\u00e4ngiger Entwicklung weniger eindeutigen Trends als die der US-Gesellschaften. Verschiedene Faktoren f\u00fchren zu sehr unterschiedlichen Verl\u00e4ufen in den L\u00e4ndern und Regionen. Au\u00dferdem sind die Ausschl\u00e4ge und Ver\u00e4nderungen weitaus dramatischer (auch im Volumen der Ver\u00e4nderung). W\u00e4hrend sich die Entwicklung der Profitrate der US-Gesellschaften weitgehend aus endogenen Faktoren erkl\u00e4ren l\u00e4sst, sind f\u00fcr die nachholende Entwicklung exogene Faktoren, die als positive oder negative Einfl\u00fcsse erscheinen (Abh\u00e4ngigkeit von Rohstoffexport oder -import, fehlende Arbeitskr\u00e4fte, fehlendes investives Kapital, Verschuldungsproblem, \u2026 ), zus\u00e4tzlich wichtig.<\/p>\n<p><strong>Architektur des Weltmarktes nach 1945<\/strong><\/p>\n<p>Die beschriebenen Momente in der Akkumulationsbewegung des Kapitals erkl\u00e4ren nun auch Besonderheiten in der Entwicklung des Weltmarktes f\u00fcr Kapital und Waren. Die \u00dcberakkumulation von Kapital (wie sie oben insbesondere beim Verh\u00e4ltnis von Investitionen und Profit in der japanischen \u00d6konomie deutlich wurde) zwingt die gro\u00dfen Kapitale notwendigerweise, \u00fcber Grenzen verschiedener Art hinauszugehen. Dies betrifft einerseits die Grenzen des Kapitals selbst (hin zu Finanz- und fiktivem Kapital), andererseits die tats\u00e4chlichen nationalen Grenzen. Es ist durchaus wichtig, beide Aspekte im Zusammenhang zu betrachten \u2013 und offensichtlich spielt bei beidem auch der Staat bzw. die \u201einternationale Ordnung\u201c eine wichtige Rolle.<\/p>\n<p>Die jeweilige nationale Sph\u00e4re des Kapitals ist zun\u00e4chst auch eine Zirkulationssph\u00e4re, mit eigenem Geld, Finanzinstitutionen, staatlich geregelten M\u00e4rkten und Grenzen f\u00fcr Zu- oder Abwanderung von Arbeitskr\u00e4ften. Zwischen den Zirkulationssph\u00e4ren vermittelt zuerst das Verh\u00e4ltnis des Geldes als W\u00e4hrung mit bestimmten Tauschverh\u00e4ltnissen. Nach der Theorie der \u00f6konomischen Klassik ergibt sich das Tauschverh\u00e4ltnis zwischen den W\u00e4hrungen zweier Nationen aus den unterschiedlichen Verh\u00e4ltnissen ihrer Arbeitsproduktivit\u00e4t. Darauf basiert Ricardos Lehre von den \u201ekomparativen Kostenvorteilen\u201c: L\u00e4nder mit schw\u00e4cherer Arbeitsproduktivit\u00e4t sind aufgrund von Handelsdefiziten zur W\u00e4hrungsabwertung gezwungen, wodurch in Folge bestimmte ihrer Sektoren konkurrenzf\u00e4hig zu denen der produktiveren L\u00e4nder w\u00fcrden. So sorge der W\u00e4hrungsmechanismus f\u00fcr eine internationale Arbeitsteilung zum Vorteile aller (\u201eWin-Win-Situation\u201c). Offensichtlich ist Ricardos Lehre verbunden mit der Hypothese eines Freihandelsregimes und eines auf dem Goldstandard beruhenden internationalen W\u00e4hrungssystems: Ein Land mit Handels\u00fcbersch\u00fcssen sammelt Fremdw\u00e4hrung, die es zu F\u00e4lligkeitsterminen in \u201eGoldziehungsrechten\u201c von den L\u00e4ndern mit Handelsdefiziten begleichen kann. Die geringere reale Goldmenge dort bedeutet dann im internationalen Zahlungsverkehr eine Abwertung von deren W\u00e4hrung. Dieses Ideal des kapitalistischen Weltmarktes wird schon dadurch modifiziert, dass selbst im \u201eFreihandelskapitalismus\u201c eine Unmenge an Handelsbeschr\u00e4nkungen und Zollschranken bestanden. Au\u00dferdem gibt es Ausgleichsbewegungen mit Einfluss auf die Arbeitsproduktivit\u00e4t durch die Zu- und Abwanderung von Arbeitskr\u00e4ften (oft mit folgenden Transferzahlungen in der st\u00e4rkeren W\u00e4hrung).<\/p>\n<p>Vor allem jedoch flie\u00dft Geld zwischen L\u00e4ndern nicht nur in der Vermittlung des Austausches von Waren. In L\u00e4ndern mit gr\u00f6\u00dferer Kapitalakkumulation entsteht die Tendenz, \u00fcberakkumuliertes Kapital, das sich im Inland nicht mehr produktiv (mit entsprechenden Profitraten) anlegen l\u00e4sst, im W\u00e4hrungsausland zu investieren. Dies kann sowohl in Form von zinstragendem Kapital, von Anlage auf Kapitalm\u00e4rkten, als auch in direkter produktiver Anlage geschehen. Die st\u00e4rkere W\u00e4hrung verbilligt noch zus\u00e4tzlich die Anlage, die aber nur produktiv sein kann, wenn die W\u00e4hrungsverluste beim R\u00fccktransfer durch entsprechend h\u00f6here Profitraten ausgeglichen werden. Die Masse des R\u00fcckflusses wird zus\u00e4tzlich die W\u00e4hrung des Landes mit h\u00f6heren Verbindlichkeiten schw\u00e4chen. Da die Kreditfinanzierung immer mehr zum Standard internationaler Zahlungsvorg\u00e4nge wurde, hat auch l\u00e4ngst das Kreditgeld den Goldstandard ersetzt. Seit dem Zusammenbruch des W\u00e4hrungssystems von Bretton Woods (benannt nach einem Ort in New Hampshire, USA) Anfang der 1970er Jahre ist der US-Dollar (jenseits der Goldbindung), mit dem Euro (seit den 2000ern) als Reservew\u00e4hrung, zur Basis des internationalen Zahlungsverkehrs geworden. Jedes Land muss entsprechende US-Dollar- (und Euro-) Reserven vorhalten, die bei langfristigen Handels- oder\/und Kapitalbilanzdefiziten abschmelzen \u2013 oder eben die W\u00e4hrung abwerten. Mit W\u00e4hrungsabwertung ist sofort Verteuerung der Importe (d.&nbsp;h. zumeist Inflation) und eine Verbilligung ausl\u00e4ndischer Kapitalanlage verbunden. Nur die USA (und in beschr\u00e4nkterer Weise auch die EU und Japan) k\u00f6nnen eine expansive Geldpolitik betreiben, ohne Folgen f\u00fcr die eigene W\u00e4hrung. Die Handelsbilanzdefizite der USA werden so durch eine hohe Inlandsverschuldung gedeckt, ohne auf die St\u00e4rke des US-Dollar zu wirken (entgegen der Lehre von den gegenseitigen Kostenvorteilen). Die Rolle des US-Dollar als Weltgeld gibt den USA einen quasi unbeschr\u00e4nkten Kreditrahmen, solange alle anderen L\u00e4nder ihre W\u00e4hrungspolitik \u00fcber den US-Dollar abwickeln.<\/p>\n<p>Geschichtlich gesehen war der spanische Silberdollar seit dem 16. Jahrhundert das erste Weltgeld. Die jahrhundertelange Ausbeutung der bolivianischen und mexikanischen Silberminen und der \u201eSilberhunger\u201c in China und Indien schufen eine globale Zirkulation von Silbergeld und \u201eWelthandelswaren\u201c (SklavInnen, Zucker, Baumwolle, Tabak, Gew\u00fcrze, Textilien, Porzellan, Transportleistungen, Waffen, \u2026 ), die in verschiedenen \u201eDreiecksbeziehungen\u201c internationale Handelszentren mit lokalen M\u00e4rkten verbanden \u2013 und \u00fcberall galt der spanische Silberdollar als anerkanntes Zahlungsmittel. Zugleich war der spanische Staat nicht in der Lage, eine entsprechende imperiale Rolle zu spielen, sondern versank sehr schnell in enormer Verschuldung (mehrere Staatsbankrotte schon im 17. Jahrhundert) und induzierte in Europa eine s\u00e4kulare Inflation (schon allein dadurch, dass es eine gro\u00dfe Differenz zwischen nominalem und realem Silbergehalt der in Umlauf gebrachten M\u00fcnzen gab). Der Gro\u00dfteil des real durch europ\u00e4ischen Welthandel angeeigneten Mehrwerts wurde so in den nordeurop\u00e4ischen \u00d6konomien (vor allem in den \u201e7 unabh\u00e4ngigen Provinzen der Niederlande\u201c und England) akkumuliert, deren Handelsgesellschaften zu gro\u00dfen Welthandelsoperationen und fr\u00fchindustrieller Fertigung in der Lage waren. Erst die industrielle Revolution mit konkurrenzlosen Billigwaren f\u00fcr den schon vorbereiteten Weltmarkt und der folgenden Verbilligung der Transportkosten schuf auch die Grundlagen f\u00fcr ein neues Weltgeld. Die \u00f6konomische, politische und milit\u00e4rische Dominanz Gro\u00dfbritanniens auf \u201edem Weltmarkt\u201c brachte zum ersten Mal auch eine Macht hervor, die einen Weltw\u00e4hrungsmechanismus durchsetzen konnte. Nach der starken Entwertung des Silbers zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde der bis dahin geltende Gold\/Silber-Mix durch einen reinen Goldstandard ersetzt, wobei der Ausgleich des internationalen Zahlungsverkehrs in Bezug auf Gold, gemessen in \u201ePfund Sterling\u201c, in letzter Instanz durch die Londoner Banken geregelt wurde. Der Zusammenbruch der britischen Hegemonie und die enorme Ausdehnung des Welthandels, aber auch der Finanzm\u00e4rkte machten diese Bindung der Weltleitw\u00e4hrung an den Goldstandard immer unm\u00f6glicher. Auch wenn der US-Dollar als neue Weltleitw\u00e4hrung nach Bretton Woods zun\u00e4chst wieder an den Goldstandard angebunden wurde, so lie\u00df sich dies nicht lange halten: Wie Spanien waren die USA aufgrund ihrer Weltmachtrolle zu hoher Verschuldung gezwungen und eine Tendenz zur Stagnation der US-Industrie wurde begleitet von hohem Industriewachstum in Deutschland und Japan.<\/p>\n<p>Inflation, Verschuldungsprobleme und die \u00dcberakkumulationskrisen der 1970er und fr\u00fchen 1980er Jahre f\u00fchrten zu einer Phase des \u00dcbergangs zu einem neuen Weltw\u00e4hrungsmechanismus, der viel langwieriger und voller an Wendungen war, als es die Phrase vom \u201eZusammenbruch von Bretton Woods\u201c erscheinen l\u00e4sst. Die L\u00f6sung, die Durchsetzung von auf Kredit basiertem Weltgeld in Form der W\u00e4hrungen zentraler imperialistischer Staaten (US-Dollar als Hauptw\u00e4hrung und von D-Mark, sp\u00e4ter Euro, und Yen als Reservew\u00e4hrungen) hat mehrere Voraussetzungen und Folgen: Sie ist stark an einen permanenten Aufschwung von globalen Handels- und Finanzm\u00e4rkten gebunden, der Gewinne wieder in die Finanzierung der zugrundeliegenden Kreditformen (l\u00e4ngst nicht mehr nur Staatsanleihen) zur\u00fcckflie\u00dfen l\u00e4sst. Gelang dies zun\u00e4chst \u00fcber die Anerkennung von Offshore-Verm\u00f6gen in diesen Leitw\u00e4hrungen (z.&nbsp;B. \u201ePetrodollars\u201c), so hat sich dies in eine starke Abh\u00e4ngigkeit von den deregulierten internationalen Finanzanlagem\u00e4rkten hinein vervielfacht. Die oben entwickelte Verm\u00f6gensinflation (gegen\u00fcber dem BIP-Wachstum) in den imperialistischen L\u00e4ndern f\u00fchrt zu einer starken Anf\u00e4lligkeit des Weltw\u00e4hrungssystems von den Anlagetendenzen dieser gro\u00dfen Verm\u00f6genseignerInnen. Dazu kommt, dass die Verschuldungsprobleme au\u00dferhalb der imperialistischen Zentren damit genauso wenig gel\u00f6st sind wie die Fragen der Geldwertstabilit\u00e4t. Institutionen, die in Bretton Woods vorgeblich zum Ausgleich bei zeitweisen Handelsbilanzungleichgewichten oder zum Entwicklungsanschub gegr\u00fcndet wurden, n\u00e4mlich IWF und Weltbank, wurden damit jetzt zu Instrumenten der Schuldenmoderation und des damit verbundenen Diktats von Wirtschaftspolitik im Interesse der Gl\u00e4ubigerInnen.<\/p>\n<p>Es wird somit klar, dass die W\u00e4hrungsrelationen nicht einfach auf unterschiedlichen Niveaus von Arbeitsproduktivit\u00e4t beruhen, sondern ebenso auf der Gr\u00f6\u00dfe und Ausdehnungsf\u00e4higkeit der Kapitale der unterschiedlichen L\u00e4nder und letztlich auch auf dem W\u00e4hrungsregime (heute dem US-Dollar als Weltkreditgeld). Was die unterschiedliche Verteilung des Kapitals weltweit, seine Zusammensetzung (Anteil des Finanzkapitals) und \u00dcberakkumulation (Zwang zur Suche nach produktiver Anlage betrifft), wurde oben schon einiges ausgef\u00fchrt. Zus\u00e4tzlich zur Neuordnung des internationalen W\u00e4hrungssystems w\u00e4hrend der 1970er und 1980er Jahre kommt jedoch auch noch die Ver\u00e4nderung der Weltmarkt- und Finanzmarkt-(De-)Regulierung hinzu. Entscheidendes Kriterium f\u00fcr \u201eKreditw\u00fcrdigkeit\u201c sind seit den Verschuldungskrisen der 1970er und 1980er Jahre die von den \u201einternationalen Institutionen\u201c geforderten Deregulierungen oder \u201e\u00d6ffnungen\u201c des entsprechenden Landes in Bezug auf Waren- und Finanzm\u00e4rkte. D.&nbsp;h. etwa Unterwerfung unter die Regularien der WTO, was Handelspolitik betrifft, Aufhebungen von Investitionsbeschr\u00e4nkungen, Verkauf wichtiger inl\u00e4ndischer Industrien, keine Einschr\u00e4nkungen in Bezug auf Anlage auf dem inl\u00e4ndischen Kapitalmarkt, Abverkauf der inl\u00e4ndischen Banken etc. Das betrifft aber auch die Deregulierung der Finanzm\u00e4rkte selbst: Abschw\u00e4chung von Eigenkapitaldeckung und Regeln f\u00fcr die Besicherung von Finanzgesch\u00e4ften, Aufhebung von internationalen Beschr\u00e4nkungen f\u00fcr Finanzgesch\u00e4fte, Verbriefung von fast allem (vor allem von Schulden aller Art), Erleichterung internationaler Finanzgesch\u00e4fte durch immer gr\u00f6\u00dfere Fortschritte in der IT-Industrie, etc.<\/p>\n<p>In Folge der \u201eEntfesselung\u201c der internationalen Finanzm\u00e4rkte in der Globalisierungsperiode ergab sich parallel zur Steigerung der globalen Akkumulation eine noch rascher wachsende von fiktivem Kapital. Wie wir an anderer Stelle ausf\u00fchrlich dargestellt haben, handelt es sich dabei (wie Marx schon im dritten Band des Kapitals entwickelt hat) um eine nur scheinbare Verdoppelung von Kapital: Tats\u00e4chlich Profit abwerfendes Kapital erscheint in Wertpapieren, die seine Verwertung repr\u00e4sentieren, nochmals als \u201eKapital\u201c. Durch die Berechnung eines fiktiven Kapitalpreises (wie etwa in der Wertpapierdiskontierung) scheint es, seine eigene Verwertung, losgel\u00f6st von seinem produktiven Ursprung, zu erm\u00f6glichen. Anders als beim Zins, der an bestimmte F\u00e4lligkeitstermine gebunden ist, und damit viel schneller an die Profitentwicklung r\u00fcckgekoppelt ist, kann fiktives Kapital weiterwachsen, solange seine Verk\u00e4uferInnen immer wieder auch AbnehmerInnen finden. Die modernen Finanzmarktkrisen zeigen, dass die Profitabilit\u00e4tsprobleme des Realkapitals irgendwann eben dazu f\u00fchren, dass sich in gen\u00fcgend gro\u00dfer Zahl keine K\u00e4uferInnen mehr finden und es dann zum Crash kommt. In den 2000er Jahren waren die b\u00fcrgerlichen \u00d6konomInnen allgemein der Auffassung, dass eine Ausdehnung des Kredits, eine darauf basierende Verbriefung von Schulden und astronomisch wachsende Finanzm\u00e4rkte letztlich auch das realwirtschaftliche Wachstum durch \u201eMultiplikatoreffekte\u201c zum Abheben bringen w\u00fcrden. Tats\u00e4chlich f\u00fchrte dies zur Finanzkrise 2007, der Krise des internationalen Zahlungsverkehrs, dem Fast-Zusammenbruch des Welthandels und in Folge zu der schweren weltweiten Rezession 2008\/2009. In Folge setzte man aber im Wesentlichen dieselbe Politik fort (wenn auch mit ein paar leichten Regulierungen in Bezug auf Sicherheiten und Eigenkapitaldeckung). Auch heute wird wieder auf das Wachstum der Finanzm\u00e4rkte gesetzt und verdutzt darauf gesehen, dass das realwirtschaftliche Wachstum nicht vom Fleck kommt \u2013 um dann verwirrt zu erkl\u00e4ren, dass sich vielleicht etwas fundamental am \u201eFunktionieren der M\u00e4rkte\u201c ver\u00e4ndert habe, das man nicht versteht.<\/p>\n<p>Es ist klar, dass sich diese \u201eExplosion der Finanzm\u00e4rkte\u201c vor allem in den imperialistischen Zentren abgespielt hat, wo nicht nur die gr\u00f6\u00dften Verm\u00f6gen angeh\u00e4uft, sondern auch die Institutionen beheimatet sind, die die weltweiten Verm\u00f6gen f\u00fcr die Weiterinvestition einsammeln. Andererseits waren neben dem Immobiliengesch\u00e4ft und den Investitionen in die neoliberale Privatisierung aber auch die Investitionen in die \u201eemerging markets\u201c, die \u201eaufstrebenden\u201c Entwicklungs\u00f6konomien, vor allem in Asien, Ziel der globalen Anlagestrategien dieser Institutionen. Mit der wachsenden privaten Verschuldung in den USA wuchs zugleich der Import an immer billigeren Waren aus Asien. Die starke Akkumulation in Asien schien somit durch die Verschuldungspolitik in den Zentren die notwendige Nachfrage zu finden, w\u00e4hrend gleichzeitig die Masse der Bev\u00f6lkerung auf beiden Seiten Wohlstandsgewinne erziele (eine neue \u201eWin-Win\u201c-Story). Allein die Geldmarktfonds in den USA (in deren Titeln der Gro\u00dfteil des internationalen Zahlungsverkehrs abgewickelt wird und die meist mit einem Mix an Schuldtiteln gesichert werden) wuchsen bis 2005 auf ein Verh\u00e4ltnis von 145&nbsp;% gegen\u00fcber dem US-BIP (Geldmenge M3). Anders als in den 1970er Jahren f\u00fchrte diese extreme Ausdehnung von Kredit- und Geldmenge nicht zur Inflation, da dies durch die immer mehr sinkenden Erzeugerpreise ausgeglichen wurde. Andererseits f\u00fchrte die Finanzkrise 2007 durch das \u00dcbergreifen auf die Geldmarkfonds unmittelbar zu einer Geldkrise, die den Fast-Kollaps 2008 besonders dramatisch machte.<\/p>\n<p>Finanzmarktkrisen (rasche Entwertung von fiktivem Kapital) f\u00fchren damit sofort zu einer Kette von Zahlungsproblemen f\u00fcr die nicht einbringbaren Schulden, zu einer Masse an Pf\u00e4ndungen auf Verm\u00f6genswerte, allgemein zu Liquidit\u00e4tsproblemen (Geld als Zahlungsmittel). Die Finanzmarktkrise geht damit unmittelbar in eine Bankenkrise \u00fcber, sofern Schulden in gro\u00dfer Zahl tats\u00e4chlich abgeschrieben werden m\u00fcssen und die Eigenkapitaldeckung f\u00fcr die Begleichung der eigenen Verbindlichkeiten auch nicht mehr ausreicht. Dem folgt unmittelbar eine \u201eKreditklemme\u201c f\u00fcr das produktive Kapital, das seine \u00dcberakkumulation nicht mehr durch Finanzm\u00e4rkte und Schuldenausdehnung finanzieren kann. Die Krise kehrt dann zu ihrem Ausgangspunkt zur\u00fcck und \u00e4u\u00dfert sich in Produktionsstillegung, Abschreibung von produktivem Kapital und Massenentlassungen. Ein weiterer wesentlicher Unterschied zwischen den imperialistischen Zentren und der Peripherie ist nun die Rolle des b\u00fcrgerlichen Staates in diesem Krisenmechanismus. In den imperialistischen Staaten stehen genug Verm\u00f6genswerte auch im \u00f6ffentlichen Sektor zur Verf\u00fcgung, um bei schweren Finanzmarktkrisen eine Bankenkrise durch \u00dcbernahme (quasi Verstaatlichung) von nicht einbringbaren Schulden abzubremsen (z.&nbsp;B. durch die Bildung von \u201ebad banks\u201c in \u00f6ffentlicher Hand, direkte Umwandlung in Staatsschulden etc.). Gleichzeitig k\u00f6nnen die Zentralbanken imperialistischer Staaten (durch die Rolle von US-Dollar, Yen und Euro im Weltw\u00e4hrungssystem) ihre Geldmengen trotz Krise sogar ausweiten (Niedrigzinspolitik), um Liquidit\u00e4tsprobleme zu \u00fcberwinden. Damit werden Kreditklemmen im Allgemeinen rasch \u00fcberwunden und Auswirkungen auf das produktive Kapital abgefedert.<\/p>\n<p>Ganz anders die Rolle des Staates bei Krisen in Halbkolonien: Hier muss zur Sicherung der eigenen Finanzm\u00e4rkte und des Zuflusses an Kapital der Staat zumeist eine aggressive Austerit\u00e4tspolitik (Schuldenabbau) und eine restriktive Geldpolitik (Hochzinspolitik) durchf\u00fchren, um gleichzeitig bei der \u201eBankenrettung\u201c insbesondere die ausl\u00e4ndischen Verbindlichkeiten derselben zu bedienen \u2013 was selbst wieder zu einer noch gr\u00f6\u00dferen Verm\u00f6gens\u00fcbertragung an ausl\u00e4ndisches Kapital f\u00fchrt (bzw. den Staat als Schuldner eben zu der Austerit\u00e4tspolitik zwingt). An dieser Stelle wirken dann die bekannten internationalen Institutionen, insbesondere der IWF und die Weltbank, als die Hebel zur Durchsetzung einer entsprechenden \u201eKrisenpolitik\u201c. W\u00e4hrend der Staat in den imperialistischen Zentren als Abfederung im Krisenfall dient, wirkt er in den Halbkolonien als Verst\u00e4rker, dessen Hauptfunktion die Rettung des Werts der ausl\u00e4ndischen Direktinvestitionen ist.<\/p>\n<p>Eine weitere Kehrseite des gro\u00dfen Kapitalzuflusses in die \u201eemerging markets\u201c ist einerseits die Verst\u00e4rkung der Finanzierungsprobleme derjenigen L\u00e4nder, die entweder sich nicht an die vom Finanzkapital definierten Regeln halten (siehe Argentinienkrise) oder keine entsprechenden Investitionsm\u00f6glichkeiten bieten (siehe vor allem gro\u00dfe Teile Afrikas). Auch diejenigen, die von den Investitionen \u201ebeg\u00fcnstigt\u201c werden, haben bestimmte Konsequenzen zu tragen: Viele der Investitionen werden tats\u00e4chlich im Rahmen von Privatisierungen oder dem Aufbau von GVCs get\u00e4tigt. Bei beidem handelt es sich um eine Form der abh\u00e4ngigen Entwicklung. Vor allem ist diese darauf ausgerichtet, die g\u00fcnstigen Ausbeutungsbedingungen in den betroffenen L\u00e4ndern auszun\u00fctzen. Insbesondere die Ausbeutung der ArbeiterInnenklasse wird dabei sowohl quantitativ (starker Anstieg der Proletarisierung) als auch in der Form von Kontrolle und Repression gef\u00f6rdert. Dies wird nicht zuletzt auch durch die Zahlen zu Anstieg der Besch\u00e4ftigung, Wachstumsraten und gleichzeitigem Sinken der Lohnquote, die wir schon angef\u00fchrt haben, deutlich.<\/p>\n<p>Zus\u00e4tzlich wird auch der Handel von Prim\u00e4rg\u00fctern immer st\u00e4rker von den Finanzm\u00e4rkten dominiert. Ein Faktor, der sich in den letzten Jahrzehnten dabei in den Vordergrund geschoben hat, ist die Bedeutung der Waren- und Terminb\u00f6rsen. Rohstoffe und Agrarg\u00fcter werden immer weniger direkt gehandelt, sondern vermittelt \u00fcber diese Agenturen. So wird das Kilo Kaffee schon lange vor seiner Ernte an einer Terminb\u00f6rse verkauft, zu einem Preis, der auf Annahmen beruht, wie diese tats\u00e4chliche Ernte ausf\u00e4llt. Zumeist tragen damit die ErzeugerInnen das Risiko f\u00fcr Ernteausf\u00e4lle bzw. erhalten damit oft unerf\u00fcllbare Vorgaben. Denn viele kleine AnbieterInnen stehen hier der geballten Handelsmacht des gro\u00dfen Kapitals gegen\u00fcber, das damit das ganze Risiko der Marktschwankungen auf die Menschen in den armen L\u00e4ndern abschiebt. Auf der Produktionsseite dagegen sind es auch immer gr\u00f6\u00dfer werdende Konzerne, die z.&nbsp;B. weltweit Saatgut oder D\u00fcngemittel monopolisieren und so ebenfalls die kleinen ErzeugerInnen in ihre Abh\u00e4ngigkeit bringen. So setzt sich auch im Agrarsektor die Smile-Kurve durch: Am Beginn und am Ende stehen gro\u00dfe Konzerne und Finanziers im \u201eNorden\u201c, die den L\u00f6wenanteil an der \u201eWertsch\u00f6pfung\u201c abbekommen, w\u00e4hrend die eigentlichen ProduzentInnen im \u201eS\u00fcden\u201c kaum etwas vom Endpreis erhalten.<\/p>\n<p>Insgesamt kann man daher die Funktionsweise des modernen Neokolonialismus so zusammenfassen:<\/p>\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Die weltweite Verteilung des Kapitals konzentriert die Massen des verf\u00fcgbaren Finanzkapitals im globalen Norden<\/li>\n<li>Die Deregulierung der globalen Finanzm\u00e4rkte und das gegenw\u00e4rtige Welthandelsregime zwingen die L\u00e4nder des globalen S\u00fcdens zur \u00d6ffnung ihrer M\u00e4rkte f\u00fcr globalen Kapitalzufluss, ohne den die eigene Wirtschaft unterkapitalisiert und krisenhaft w\u00e4re<\/li>\n<li>Der Zwang zum Aufbau von US-Dollarreserven und der Zufluss von US-Dollar-Kapital f\u00fchren zu starker Ausrichtung der Wirtschaft auf Exportsektoren und die Sektoren, f\u00fcr die ausl\u00e4ndische Direktinvestitionen sich interessieren k\u00f6nnten; eine eigenst\u00e4ndige Wirtschaftspolitik und Entwicklung sind so nicht m\u00f6glich, ganz gleich welche Regierung an die Macht kommt<\/li>\n<li>Die Entwicklung der eigenen Industrie gliedert sich ein in \u201eglobale Wertsch\u00f6pfungsketten\u201c (GVCs) nach dem Muster der Smile-Kurven, mit den ProduzentInnen im S\u00fcden im Bereich des Minimums der Kurve<\/li>\n<li>Der Welthandel wird durch Finanzkonzerne, Waren- und Terminb\u00f6rsen und die Regeln der WTO strukturiert \u2013 alles Elemente, die die ung\u00fcnstigen Terms of Trade zwischen Norden und S\u00fcden verewigen<\/li>\n<li>Die Durchsetzung des US-Dollar (und als Reserve Euro, Yen) als Weltw\u00e4hrung erm\u00f6glicht zusammen mit den niedrigen Erzeugerpreisen aus dem S\u00fcden einen Aufschub von \u00dcberakkumulationskrisen im Norden auf Grundlage einer auf Schulden basierten Akkumulation von fiktivem Kapital; dies f\u00fchrt einerseits zum Verschieben der Krisenrisiken in den globalen S\u00fcden, andererseits zur Gefahr von Finanzmarktkrisen, die die ganze Welt ersch\u00fcttern (um dann besonders im S\u00fcden ausgebadet zu werden)<\/li>\n<li>Im Krisenfall wirken die imperialistischen Staaten als Abfederung von Finanzierungs- und Liquidit\u00e4tsproblemen f\u00fcr ihre eigenen \u00d6konomien, w\u00e4hrend sie in den Halbkolonien als Verst\u00e4rker dieser Probleme wirken und die Sicherung der ausl\u00e4ndischen Investitionen als prim\u00e4re Aufgabe verfolgen; dies wird durch Institutionen wie IWF und Weltbank abgesichert; die Krise schl\u00e4gt in den Halbkolonien notwendig auf Einbr\u00fcche in Produktion und Massenkaufkraft durch<\/li>\n<\/ul>\n<p>Nat\u00fcrlich haben sich unter diesen Bedingungen einige halbkoloniale \u00d6konomien stark \u201eentwickelt\u201c, d.&nbsp;h. haben gro\u00dfe Kapitalst\u00f6cke und ArbeiterInnenklassen aufgebaut. Andere \u00d6konomien sind dabei jedoch auf der Strecke geblieben (bis hinunter zu den \u201efailed states\u201c). Andere verblieben auf dem Status, wesentlich Rohstofflieferantinnen zu sein, andere wiederum sind gegen\u00fcber schon erreichten St\u00e4nden stark zur\u00fcckgefallen (wie Argentinien, Algerien\/Nordafrika, S\u00fcdafrika). Auch dort wo Entwicklung stattfand, ist diese prim\u00e4r im Interesse des globalen Kapitals vor sich gegangen, ist also weiterhin \u201eabh\u00e4ngige Entwicklung\u201c. Richtig ist aber, dass sich das Bild heute sehr viel uneinheitlicher als noch in den 1960er Jahren darstellt. Dazu kommt, dass mit China und Russland neue imperialistische Gro\u00dfm\u00e4chte beim Kampf um die Regulierung und Aufteilung der Weltm\u00e4rkte dazugekommen sind und einige Halbkolonien, wie S\u00fcdkorea und Taiwan, rein \u00f6konomisch gesehen zu den \u201ereichen L\u00e4ndern\u201c aufgeschlossen haben. Dies f\u00fchrt insgesamt zu einer sch\u00e4rferen Konkurrenzsituation zwischen den gro\u00dfen Kapitalen, was insbesondere die hegemoniale Position des US-Kapitals in der imperialen Ordnung, wie sie seit dem 2. Weltkrieg bestand, untergr\u00e4bt. Damit werden auch die Verh\u00e4ltnisse und Mechanismen, mit denen bislang neokoloniale Kontrolle ausge\u00fcbt wurde, ver\u00e4ndert. Investitionen und Kredite aus China und dessen eigene imperiale Projekte (wie die \u201eneue Seidenstra\u00dfe\u201c) scheinen als \u201eAlternative\u201c zu den bisherigen Vorgaben aus den anderen imperialistischen Zentren. Die Antwort der USA in Form von scharfen Konflikten um Handelspolitik lie\u00df nicht lange auf sich warten. Der Kampf um die Neuordnung des Weltmarktes und des Weltw\u00e4hrungssystems hat l\u00e4ngst begonnen.<\/p>\n<p>Aus der Darstellung der Durchsetzung von \u201eEntwicklung als Entwicklung von Abh\u00e4ngigkeit\u201c wird deutlich, dass die prim\u00e4re Funktion der \u201eneokolonialen Beherrschung\u201c die Erschlie\u00dfung der Halbkolonien f\u00fcr die Akkumulationsbed\u00fcrfnisse des imperialen Kapitals ist. Insbesondere f\u00fcr die \u00dcberakkumulationstendenzen dieses Kapitals stellt die halbkoloniale \u00d6konomie eine wesentliche entgegenwirkende Ursache f\u00fcr Profitabilit\u00e4tsprobleme, Nachfrageschranken und Verengung von Investitionsm\u00f6glichkeiten dar. Sekund\u00e4r folgt dann auch ein Profitabfluss (f\u00fcr die Ertr\u00e4ge von Direktinvestitionen) und ein Handelsgewinn (aufgrund der Terms of Trade). Dies sind auch in Preisen messbare Werttransfers in die imperialistischen Zentren. Doch sind die Preiskategorien hierbei stark irref\u00fchrend. Wie an den Beispielen der GVCs und der Agrarpreise dargestellt wurde, werden Weltmarktpreise in diesen Sektoren so gebildet, dass in Bezug auf die Wertsch\u00f6pfung die in den Halbkolonien geleistete Arbeit systematisch unterbewertet wird gegen\u00fcber den Finanz- und Handelsspannen der Weltmarktkonzerne. Das hei\u00dft, hinter den in US-Dollar messbaren Geldtransfers in die Metropolen steht noch ein weitaus gr\u00f6\u00dferer Werttransfer, der sich hinter der Bildung von Weltmarktpreisen verbirgt.<\/p>\n<p><strong>Werttransfers und Kapitalexport<\/strong><\/p>\n<p>Doch zun\u00e4chst sollte auch der in den offiziellen Kapitalbilanzen messbare Werttransfer erw\u00e4hnt werden. Eine Form der Darstellung, die z.\u00a0B. Piketty verwendet, ist die Differenz von Inlandsprodukt und Nationaleinkommen. Die Gr\u00f6\u00dfe der Inlandsproduktion wird zun\u00e4chst aus dem BIP durch Abrechnung der Abschreibungen auf Verm\u00f6genswerte berechnet \u2013 davon wird dann zur Bildung des Nationaleinkommens der \u201eAu\u00dfenbeitrag\u201c ab- bzw. zugerechnet. Dies ist das Netto aus den Kapitaleink\u00fcnften (bzw. auch Transferzahlungen, die aber dagegen zu vernachl\u00e4ssigen sind) zwischen In- und Ausland. Ein Land, in dem es einen gr\u00f6\u00dferen Zufluss an Zinsen, Dividenden, Ertr\u00e4gen aus Kapitalanlagen bzw. Verk\u00e4ufen derselben als einen Abfluss davon gibt, hat einen positiven Au\u00dfenbeitrag. Die Weltbank verwendet den Prozentsatz des Au\u00dfenbeitrages mit positivem oder negativem Vorzeichen als Indikator f\u00fcr \u201eEntwicklung\u201c und Kreditw\u00fcrdigkeit eines Landes. Zumeist wird hier das Verh\u00e4ltnis von Bruttoinlandsverm\u00f6gen (GNI) zu Bruttoinlandsprodukt (BIP) betrachtet (d.\u00a0h. es wird bei beiden Werten die Abschreibung nicht ber\u00fccksichtigt). Die folgende Abbildung zeigt an drei Beispielen den typischen Vergleich zwischen imperialistischer und halbkolonialer Welt (der Achsenwert \u201e1\u201c bedeutet keine Auswirkung des Au\u00dfenbeitrags; \u201e1,xx\u201c bedeutet, dass xx\u00a0% zus\u00e4tzliche Werte aus dem Ausland in das im Inland zu Verf\u00fcgung stehende Einkommen eingehen; \u201e0,yy\u201c bedeutet, dass (100-yy)\u00a0% des eigenen Inlandsprodukts an Werten ins Ausland abflie\u00dfen).<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-14.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"360\" height=\"216\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-14.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-10657\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-14.jpg 360w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-14-300x180.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 360px) 100vw, 360px\" \/><\/a><figcaption>Abbildung 15: Verh\u00e4ltnis von Nationaleinkommen und Sozialprodukt\u00a0<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn51\">[li]<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Kurve f\u00fcr Japan zeigt seit den 1980er Jahren konstant nach oben und wurde auch durch die Finanzmarktkrise nicht wesentlich gebremst. Japan hat heute einen positiven Au\u00dfenbeitrag von um die 3&nbsp;%. D.&nbsp;h. etwa 10&nbsp;% der Profiteinnahmen des japanischen Kapitals kommen aus dem Saldo von Auslandsinvestitionen und Investitionen von ausl\u00e4ndischem Kapital in Japan. Auch bei dem geringen Wachstum der japanischen \u00d6konomie der letzten Jahre sind so weitere Gewinnsteigerungen m\u00f6glich. Japan und Deutschland (das heute bei gew\u00f6hnlich \u00fcber 2&nbsp;% Au\u00dfensaldo liegt) sind dabei von den gro\u00dfen imperialistischen L\u00e4ndern die gr\u00f6\u00dften Profiteure von Kapitaleinkommen aus dem Weltmarkt (was auch mit der Rolle von Finanzgesch\u00e4ften entlang der GVCs zu tun hat). Spitzenreiter ist allerdings Norwegen, dass durch seine \u00d6lfonds und deren weltweite Anlagen heute \u00fcber 4&nbsp;% Au\u00dfenbeitrag erzielt. Die USA bieiben mit 1&nbsp;% eher im unteren Feld der ImperialistInnen, was angesichts der steigenden Verschuldung sogar erstaunlich ist. Dies liegt daran, dass die USA trotz riesigen Handelsbilanzdefizits und hoher Staats- und Privatschulden weiterhin best\u00e4ndige Kapitalzufuhr (in den \u201esicheren Hafen\u201c des Zentrums des US-Dollars) erfahren. Die riesigen Verm\u00f6gen und diese Kapitalzufuhr erlauben es wiederum den USA, als gr\u00f6\u00dfte Kapitalexporteurin zu agieren und so die eigenen Verpflichtungen gegen\u00fcber dem Ausland mehr als nur bedienen zu k\u00f6nnen. W\u00e4hrend und um die Finanzmarktkrise von 2006-2012 sank der Au\u00dfenbeitrag allerdings auf nur knapp \u00fcber 0&nbsp;%.<\/p>\n<p>Ganz anders halbkoloniale \u00d6konomien: Das Beispiel Argentiniens zeigt, wie unmittelbar \u00f6konomische Krisen auch in Kapitalabfluss und einen negativen Au\u00dfenbeitrag durchschlagen. Anfang der 1980er Jahre, w\u00e4hrend der \u201eVerschuldungskrise\u201c in Lateinamerika, stieg der abzuliefernde Au\u00dfenbeitrag sogar auf \u00fcber 5&nbsp;%. Dies ist im \u00dcbrigen der Wert, der im Durchschnitt heute f\u00fcr Afrika gilt. Ein solcher Wert bedeutet, dass etwa ein Sechstel des Profits abzuliefern ist bzw. bei langfristiger Dauer ein entsprechender Teil des Kapitals direkt von ausl\u00e4ndischem Kapital beherrscht sein wird. Da ausl\u00e4ndisches Kapital sich auf wesentliche, f\u00fcr den Export relevante Sektoren konzentriert, gehen Sch\u00e4tzungen davon aus, dass in afrikanischen L\u00e4ndern 30 \u2013 40&nbsp;% der Schl\u00fcsselindustrien in Auslandsbesitz sind.<\/p>\n<p>Lateinamerika fiel w\u00e4hrend des \u201everlorenen Jahrzehnts\u201c auch auf dieses Niveau zur\u00fcck. Dies hatte auch dort zu einem massiven Ausverkauf und einem Abw\u00fcrgen von weiterer Entwicklung durch die Schuldendienste an die imperialistischen L\u00e4nder gef\u00fchrt. Ende der 1980er Jahre kam es zu einem teilweisen \u201eSchuldenerlass\u201c, der mit harten wirtschaftspolitischen Auflagen gekoppelt war (Brady-Plan). Danach sank der Au\u00dfenbeitrag zun\u00e4chst wieder auf das f\u00fcr \u201eentwickelte Halbkolonien\u201c \u00fcbliche Ausma\u00df von 1 \u2013 2&nbsp;% (Brasilien hat es von 1995 bis heute auf konstant unter 1&nbsp;% negativen Au\u00dfenbeitrag geschafft, manchmal sogar bei g\u00fcnstigem Stand der Rohstoffm\u00e4rkte einen positiven). In Argentinien dagegen schlug die schwere Finanzmarktkrise Ende der 1990er Jahre mit der folgenden Wirtschaftskrise in den fr\u00fchen 2000er Jahren auch in einen enorm hohen Au\u00dfenbeitrag durch. Dieser fiel maximal sogar auf \u00fcber 10&nbsp;% aus, was also hei\u00dft, dass sogar ein Drittel der Profite an internationale KapitalgeberInnen abzuliefern war. Die folgende Erh\u00f6hung hat lediglich zu einem Niveau von -3&nbsp;% gef\u00fchrt, was immer noch f\u00fcr die schw\u00e4chelnde argentinische Wirtschaft viel zu hoch f\u00fcr eine Erholungskonjunktur ist.<\/p>\n<p>Die Entwicklung des Au\u00dfenbeitrags von Ghana (einer f\u00fcr Afrika relativ stabilen \u00d6konomie) zeigt wiederum, wie stark die \u201egro\u00dfe Rezession\u201c besonders f\u00fcr halbkoloniale L\u00e4nder durchgeschlagen ist. Einerseits waren bei den eingetriebenen Schulden im Gefolge der Neubewertung von Auslandsinvestitionen tats\u00e4chlich viele Schulden oder \u201eVerm\u00f6genswerte\u201c in Halbkolonien betroffen, die in unmittelbaren Zahlungsforderungen m\u00fcndeten. Insbesondere die unmittelbar nach der Krise hohen Rohstoff- und Agrarpreise haben zus\u00e4tzlich zu Zahlungsproblemen f\u00fcr L\u00e4nder wie Ghana gef\u00fchrt. Erst das Sinken der \u00d6lpreise und der Aufschwung der eigenen Goldsch\u00fcrfung f\u00fchrte zu einer Stabilisierung des Au\u00dfenbeitrags von Ghana bei etwa -2&nbsp;%.<\/p>\n<p>\u00dcberraschenderweise ist auch bei den meisten asiatischen L\u00e4ndern (au\u00dfer China, Japan, S\u00fcdkorea und Taiwan) der Au\u00dfenbeitrag relativ hoch. So etwa bei Malaysia, das in den 1980er Jahren zwischen -4 und -8&nbsp;% hin- und herpendelte, um sich in den 1990ern auf -5&nbsp;% zu stabilisieren. Nach der Asienkrise fiel der Beitrag sogar wieder auf -9&nbsp;%, um bis zur \u201egro\u00dfen Rezession\u201c auf -2&nbsp;% zu steigen. Danach fiel man bis heute wieder auf das -4&nbsp;%-Niveau zur\u00fcck. Hier wird deutlich, dass viele der asiatischen Wachstumsm\u00e4rkte stark vom Zufluss ausl\u00e4ndischen Kapitals abh\u00e4ngig sind und damit auch ein hohes Niveau an Abfluss von Kapitalgewinnen aufweisen. Auch wenn Indien in den letzten Jahren betr\u00e4chtliches eigenes Kapital gebildet hat, geh\u00f6rt es weiterhin zu den Netto-Kapitalimporteuren. Seit den 1970er Jahren gab es kein einziges Jahr bis heute, in dem Indien einen positiven Au\u00dfenbeitrag aufwies. In den letzten Jahren hat sich das Niveau auf -1&nbsp;% bis -2&nbsp;% eingependelt. S\u00fcdkorea hatte bis 2010 ebenfalls zumeist einen geringen negativen Au\u00dfenbeitrag. Seitdem jedoch geh\u00f6rt es zu den Nettokapitalexporteuren (auch wenn auf niedrigem Niveau eines Au\u00dfenbeitrags unter +1&nbsp;%). Das deutet darauf hin, dass es gro\u00dfe eigene Kapitale gibt, deren Auslandsgewinne inzwischen nachhaltig den Kapitalabfluss durch Investitionen ausl\u00e4ndischen Kapitals (insbesondere aus Japan und China) ausgleichen k\u00f6nnen. China selbst schwankt best\u00e4ndig zwischen einem geringen Nettoplus und -minus. Angesichts dessen, dass China international das Hauptziel von Investitionen ist, zeigt dies zweierlei: einerseits, dass die Kapitalmarktregulierungen in China den Kapitalzufluss an Bedingungen kn\u00fcpfen, die einen gro\u00dfen Teil der Gewinne in China selbst belassen; andererseits, dass China inzwischen selbst, ob \u00fcber Staatsfonds oder privates Kapital, in gro\u00dfem Stil Kapitalexport betreibt. Auf jeden Fall spricht die Erfolgsgeschichte Chinas nicht gerade f\u00fcr den Mythos, dass die unbeschr\u00e4nkte \u00d6ffnung f\u00fcr Auslandskapital das erfolgreiche \u201eEntwicklungskonzept\u201c ist.<\/p>\n<p>Der Kapitalfluss zwischen L\u00e4ndern besteht im Wesentlichen aus direkten Kreditgesch\u00e4ften, \u201ePortfolioinvestitionen\u201c (haupts\u00e4chlich Anteilseigentum, z.\u00a0B. Aktien, oder Anleihen, z.\u00a0B. Staats- oder Unternehmensanleihen) und \u201eDirektinvestitionen\u201c (auf Englisch \u201eFDI\u201c abgek\u00fcrzt). F\u00fcr die am wenigsten entwickelten L\u00e4nder spielen zumeist Transferzahlungen (z.\u00a0B. R\u00fcck\u00fcberweisungen von MigrantInnen \u201enach Hause\u201c) und die \u201eEntwicklungshilfe\u201c (\u201eOfficial Development Assistance\u201c; ODA) eine wichtige Rolle. Die Abbildung zeigt den Anteil der verschiedenen Kapitalzufl\u00fcsse f\u00fcr die L\u00e4nder, die die UNO-Entwicklungshilfeorganisation heute noch als \u201eEntwicklungsl\u00e4nder\u201c bezeichnet (dazu z\u00e4hlen auch China und S\u00fcdkorea):<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-15.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-15.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-10658\" width=\"518\" height=\"311\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-15.jpg 360w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-15-300x180.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 518px) 100vw, 518px\" \/><\/a><figcaption>Abbildung 16: Kapitalzufluss in die \u201edeveloping countries\u201c\u00a0<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn52\">[lii]<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p>Hier wird deutlich, dass neben Transferzahlungen und \u201eEntwicklungshilfe\u201c die ausl\u00e4ndischen Direktinvestitionen das stabilste Element sind. Portfolioinvestitionen folgen den raschen spekulativen Str\u00f6men der internationalen Finanzm\u00e4rkte, w\u00e4hrend die Kreditvergabe offensichtlich auch schnell in die eine oder andere Richtung geht. FDIs sind langfristigere Investitionen, bei denen das Auslandskapital auch die Managementkontrolle aus\u00fcbt und die daher nicht so \u201evolatil\u201c sind wie die anderen Kapitalzufl\u00fcsse. Daher ist die langfristige Entwicklung der FDIs der wichtigste Indikator f\u00fcr die Frage der internationalen Kapitaldurchdringung. Dabei ist zu beachten, dass schon seit der Schaffung des modernen Weltmarktes nach dem 2. Weltkrieg die Hauptstr\u00f6me von FDIs zwischen den imperialistischen L\u00e4ndern flie\u00dfen (auch heute noch, unter Einschluss von China, \u00fcber zwei Drittel). Auch was den Rest der Welt betrifft, sind auch in den einzelnen Regionen bestimmte L\u00e4nder Schwerpunkte des FDI-Zuflusses (in Lateinamerika z.&nbsp;B. in den letzten Jahren Brasilien). Nur was Asien betrifft, gibt es eine breitere Streuung. Auch stehen jeweils bestimmte Wirtschaftssektoren (z.&nbsp;B. Chemie, Pharma, Agroindustrie, Zulieferindustrien etc.) im Fokus des jeweiligen Landes. In der Form laufen die Investitionen entweder als tats\u00e4chliche Neuanlage (\u201egreenfield investment\u201c) oder als \u00dcbernahme\/Fusion von\/mit bestehendem Kapital vor Ort ab. Gerade was \u201eEntwicklungsl\u00e4nder\u201c betrifft, liegen in der Mehrzahl \u00dcbernahmen vor. Es ist auch klar, dass die Hauptakteure von FDIs multinationale Konzerne sind, deren Hauptquartiere sich zumeist in den imperialistischen Metropolen befinden.<\/p>\n<p>Nach dem Gesagten ist es nicht verwunderlich, dass das gr\u00f6\u00dfte Ziel von FDIs die USA ist. Von den etwa 2 Billionen US-Dollar, die 2017 in FDIs ins Ausland flossen, gingen 277 Milliarden in die USA (zusammen mit Kanada das Doppelte gegen\u00fcber dem Rest des amerikanischen Kontinents, auf den 147 Milliarden entfielen), gefolgt von China (134 Milliarden; allerdings mit engen Beziehungen zu den 111 Milliarden in Hongkong). Zusammen genommen war die europ\u00e4ische Union mit 342 Milliarden sogar der gr\u00f6\u00dfte Block (zus\u00e4tzlich machen die FDIs innerhalb Europas einen weiteren gro\u00dfen Anteil an den weltweiten FDIs aus). Als zentrale Drehscheibe f\u00fcr den asiatischen Raum spielt zus\u00e4tzlich noch Singapur (76 Milliarden) eine gro\u00dfe Rolle sowie Brasilien f\u00fcr Lateinamerika (68 Mrd). Danach folgt eine Gruppe von \u201emittelwichtigen\u201c Investitionszielen: Australien (42), Indien (40), Mexiko (32), Russland (26), Indonesien (21), Israel (18), S\u00fcdkorea (18), Vietnam (14). Danach kommen noch einige L\u00e4nder, die zumeist \u00fcber 10 Milliarden erhalten (Kolumbien, Chile, T\u00fcrkei, Arabische Emirate). Der Rest der Welt (darunter ganz Afrika) l\u00e4uft unter \u201eferner liefen\u201c (konstant unter 10 Milliarden).<\/p>\n<p>Noch deutlicher ist die Statistik, wenn man die Hauptt\u00e4terInnen bei den FDIs betrachtet: hier machen die alten imperialistischen \u00d6konomien 80&nbsp;\u2013 60&nbsp;% (je nach Konjunktur) aus. Dabei ergibt sich jedoch ein leicht anderes Bild der HauptakteurInnen, denn hier ist Japan einer der gr\u00f6\u00dften Investoren (mit 160 Mrd. 2017), knapp gefolgt von China (158 Mrd.; hier sind die 87 Mrd. von Hongkong zu einem gro\u00dfen Teil wohl Durchlaufposten f\u00fcr Auslandsinvestitionen nach China selbst). Danach folgen aber mit Auslandsinvestitionen um die 100 Milliarden Deutschland, Frankreich und Britannien und mit gewissem Abstand die Niederlande, Spanien, Italien und Schweden, so dass die EU wiederum auch die gr\u00f6\u00dfte Kapitalexporteurin ist (insgesamt etwa 412 Milliarden). In Asien spielen ansonsten S\u00fcdkorea (34), Singapur (44) und Taiwan (12) eine relevante Rolle. Dies wird noch erg\u00e4nzt um die reichen arabischen \u00d6lstaaten, die auch milliardenschwere Auslandsinvestitionen t\u00e4tigen. Die USA liegen in den meisten Jahren an der Spitze der AuslandsinvestorInnen (2017: etwa 300 Milliarden). Ein Gro\u00dfteil der 2010er Jahre \u00fcberwog aber der Kapitalzufluss den Kapitalabfluss (besonders dramatisch 2018, wo 300 Milliarden mehr in die USA flossen, als anderswo investiert wurde).<\/p>\n<p>Damit wird auch klar, dass der so entstehende Kapitalstock (weltweit etwa 30 Billionen US-Dollar) einerseits stark in den imperialistischen L\u00e4ndern konzentriert ist, andererseits aber noch viel mehr sich in ihrem Besitz befindet. Die Abbildung zeigt die Verteilung des Kapitalstocks ausl\u00e4ndischer Firmen pro Region, gegen\u00fcber dem Besitz von Firmen im Ausland, ebenfalls nach Region:<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-16.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"453\" height=\"213\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-16.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-10659\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-16.jpg 453w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-16-300x141.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 453px) 100vw, 453px\" \/><\/a><figcaption>Abbildung 17: Weltweite Anlage von Auslandsdirektinvestitionen wo und von wem, 2017\u00a0<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn53\">[liii]<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p>Es wird klar, dass der Kapitalstock, der durch FDI aufgebaut wurde, insbesondere in den USA und Europa residiert, w\u00e4hrend sich derjenige in China (mit Vermittlung \u00fcber Hongkong bzw. Singapur) erst im Aufbau befindet. W\u00e4hrend sich der FDI-Kapitalstock insgesamt zu etwa zwei Drittel in den imperialistischen L\u00e4ndern befindet, besitzen diese \u00d6konomien sogar etwa drei Viertel des weltweiten FDI-Kapitalstocks.<\/p>\n<p>Diese Differenz erkl\u00e4rt den konstanten Abfluss von Kapitaleink\u00fcnften in die imperialistischen Zentren. Die FDI sind dabei das Element, dass diesen Abfluss konstant macht, mit zyklischen Verst\u00e4rkungen durch Schuldr\u00fcckzahlungen oder Abfluss von kurzfristigerem Anlagekapital.<\/p>\n<p>Trotz dieser gr\u00f6\u00dferen Stetigkeit von FDIs unterliegen sie aber selbst auch starken Weltmarkzyklen, die mit den \u00dcberakkumulations- und Krisentendenzen in den Zentren eng verbunden sind.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-17.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-17.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-10660\" width=\"577\" height=\"271\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-17.jpg 453w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-17-300x141.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 577px) 100vw, 577px\" \/><\/a><figcaption>Abbildung 18: Zyklen der Auslandsdirektinvestitionen seit den 1980er Jahren\u00a0<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn54\">[liv]<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p>Hier wird die Entwicklung der j\u00e4hrlichen FDI-Zufl\u00fcsse als Wachstumskurve mit dem Jahr 2010 als 100&nbsp;%-Vergleichsmarke dargestellt. Die offensichtlich gro\u00dfen Ausschl\u00e4ge der Kurve werden wiederum durch Filterung mit einer langfristigen Tendenzkurve unterlegt. Daraus ergibt sich eine \u00fcber den Kurven festgehaltene Periodisierung der FDI-Entwicklung:<\/p>\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Eine enorm starke Zunahme von FDIs mit durchschnittlich j\u00e4hrlichem Wachstum um 21&nbsp;% in der Hochphase der \u201eGlobalisierung\u201c in den 1990er Jahren<\/li>\n<li>Eine Abschw\u00e4chung der FDIs auf immer noch hohe 8&nbsp;%-Raten zwischen 2000 und 2007, wohl im Gefolge solcher Krisen wie derjenigen in Mexiko, Russland, Argentinien, aber vor allem der Asien- und Dotcom-Krise<\/li>\n<li>Schlie\u00dflich eine stagnative Tendenz nach der gro\u00dfen Rezession.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die starken Einbr\u00fcche in der FDI-Entwicklung \u2013 2000, 2007, 2012, 2016 \u2013 bedeuten jeweils f\u00fcr bestimmte \u00d6konomien, die ihre Akkumulationsbewegung auf den Weltmarkt ausgerichtet haben, eine stark krisenbeschleunigende Wirkung. Dies kann man nach 2012 und 2016 derzeit deutlich an heftigen Krisenerscheinungen in mehreren \u201eSchwellenl\u00e4ndern\u201c beobachten (z.&nbsp;B. Brasilien, T\u00fcrkei, Argentinien, \u00c4gypten, Indien).<\/p>\n<p><strong>Werttransfer und \u201eungleicher Tausch\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Die klassische Imperialismustheorie leitet die dominierende Rolle der Metropolen auf dem Weltmarkt ab aus der Rolle von deren Monopol- und Finanzkapital in der weltweiten Akkumulation. Diese verhindern (bis auf wenige Ausnahmen) durch ihre beherrschende Stellung auf dem Weltmarkt und durch die Auswirkungen ihres Kapitalexports das Aufkommen neuer, konkurrierender gro\u00dfer Kapitale in L\u00e4ndern eines niedrigeren Entwicklungsstandes (im Sinne der kapitalistischen Entwicklung). Damit bleibt deren Kapitalakkumulation immer abh\u00e4ngig und untergeordnet gegen\u00fcber derjenigen der Metropolen, die sie f\u00fcr die Gewinnung von Extraprofiten aus ihrem Kapitalexport nutzen k\u00f6nnen bzw. zur Abmilderung von Krisentendenzen im Zentrum.<\/p>\n<p>Schon die Anf\u00e4nge der Dependenztheorie haben der klassischen Imperialismustheorie widersprochen, indem sie die langfristigen Tendenzen der Kapitalakkumulation nicht aus der Krisentendenz (\u00dcberakkumulation), sondern aus der Stagnation des Monopolkapitals (unproduktive Konsumption des Surplus) hergeleitet hat. Diese w\u00fcrde eine Ausnutzung der wirklichen Entwicklungspotentiale in der Peripherie verhindern und diese stattdessen in eine Hierarchie der Ablieferung von Surplus einbinden. Diese Grundausrichtung vor allem von Frank wurde sp\u00e4ter erg\u00e4nzt durch eine noch tiefgehendere Revision der Imperialismustheorie in Form der Theorie des \u201eungleichen Tausches\u201c. Diese basiert wesentlich auf den Beobachtungen der ung\u00fcnstigen Terms of Trade, wie wir sie in der Prebisch-Singer-Theorie dargestellt haben. Die Theorie des ungleichen Tausches liefert nicht nur eine eigene Erkl\u00e4rung dieses Ph\u00e4nomens, sondern will auch die Mechanismen darstellen, wie sich die Hierarchie der Surplusaneignung auf dem Weltmarkt herausbildet \u2013 und zwar ohne Bezug auf die Dynamik der Kapitalakkumulation, sondern rein aus der Funktionsweise des \u201eungerechten\u201c Welthandels.<\/p>\n<p>Die Theorie des ungleichen Tausches wurde urspr\u00fcnglich 1962 erstmals durch den in Frankreich lehrenden griechischen \u00d6konomen Arghiri Emmanuel formuliert&nbsp;<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn55\">[lv]<\/a>. Popul\u00e4r wurde die Theorie sp\u00e4ter vor allem durch einen seiner Sch\u00fcler, den aus \u00c4gypten stammenden Samir Amin, z.&nbsp;B. durch sein 1976 erschienenes Buch \u201eL\u2019imp\u00e9rialisme et le d\u00e9veloppement in\u00e9gal\u201c (Imperialismus und ungleiche Entwicklung). Bemerkenswert an der Theorie ist die Nebenrolle von Kapitalexport oder von Unterschieden in Kapitalzusammensetzung oder Profitraten \u2013 der alles entscheidende Faktor f\u00fcr die ungleiche Entwicklung ist nach der Theorie&nbsp;<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn56\">[lvi]<\/a>&nbsp;der Unterschied der Lohnniveaus. W\u00e4hrend die Internationalisierung des Kapitals und die frei flie\u00dfenden Geldstr\u00f6me Produktionsbedingungen \u00fcberall vereinheitlichen w\u00fcrden, w\u00fcrde nichts dergleichen in Bezug auf die L\u00f6hne und Lebensverh\u00e4ltnisse zwischen den Arbeitenden in den Metropolen und der Peripherie geschehen \u2013 hier w\u00fcrden zumindest relativ die Verh\u00e4ltnisse sogar immer mehr auseinandergehen. Grund daf\u00fcr sei die mangelnde Mobilit\u00e4t des Faktors Arbeit gegen\u00fcber dem Faktor Kapital. Die Gr\u00fcnde daf\u00fcr sieht Emmanuel in: (1) restriktiven Bedingungen f\u00fcr Migration (insbesondere in die Metropolen), (2) in sehr unterschiedlichen Bedingungen f\u00fcr das \u201esoziale Minimum\u201c, das in unterschiedlich entwickelten L\u00e4ndern als \u201e\u00fcberlebensnotwendig\u201c gesellschaftlich anerkannt ist, bzw. wie dieses mittels vormoderner Methoden zustande kommt, (3) gr\u00f6\u00dfere Tr\u00e4gheit, Arbeitspl\u00e4tze zu wechseln (aus sozialer Bindung an ein Unternehmen, Familientradition, \u2026), als Marx dies angenommen habe, (4) die gr\u00f6\u00dfere Verteilungsmacht der Gewerkschaften in den entwickelteren \u00d6konomien.<\/p>\n<p>Damit werde das jeweilige landesspezifische Lohnniveau zu einem exogenen Faktor f\u00fcr die kapitalistische Entwicklung dieses Landes, w\u00e4hrend die endogene kapitalistische Dynamik ansonsten die Produktionsverh\u00e4ltnisse angleiche. Dies beteffe insbesondere die technische Zusammensetzung des Kapitals und letztlich auch die Profitraten. D.&nbsp;h. die Konkurrenz auf dem Weltmarkt f\u00fchre dazu, dass heutzutage die organische Zusammensetzung des Kapitals in Metropolen und Peripherie als gleich behandelt werden k\u00f6nnen und es auch zu einer Angleichung der Profitraten hin zu einer weltweit einheitlichen komme. Dies im Gegensatz zur H\u00f6he der L\u00f6hne und der Mehrwertrate, die der entscheidende Unterschied zwischen imperialistischer \u00d6konomie und Halbkolonie sei.<\/p>\n<p>Um die Auswirkung des Austauschs auf dem Weltmarkt unter diesen Bedingungen darzustellen, f\u00fchrt Emmanuel komplexe Berechnungen durch, die hier in einem vereinfachten Schema verdeutlicht werden. Im Modell produziert das reiche Land A im Jahr 30 Autos, das arme B 30 Tonnen Kaffee \u2013 mit jeweils der gleichen Anzahl von ArbeiterInnen.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-18.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-18.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-10661\" width=\"586\" height=\"86\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-18.jpg 434w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-18-300x44.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 586px) 100vw, 586px\" \/><\/a><figcaption>Abbildung 19: Wert der Produktion \u2013 A \u201eglobaler Norden\u201c, B \u201eglobaler S\u00fcden\u201c<\/figcaption><\/figure>\n<p>Dabei wird in A ein Wert von 720 Stunden (Verwertung von 480 Stunden in Maschinen vergegenst\u00e4ndlichter Arbeit und 240 Stunden neu geleisteter Arbeit) erzeugt, mit einem Wert pro Auto von 720\/30 = 24 Stunden. In B wird ein Wert von 480 Stunden erzeugt, mit 240 Stunden indirekter und 240 Stunden direkter Arbeit. 1 Tonne Kaffee hat dann den Wert von 480\/30 = 16 Stunden Arbeit. Damit ist die organische Zusammensetzung (v\/c) des Kapitals in beiden L\u00e4ndern gleich, und zwar 1 zu 4. Was sich unterscheidet, ist das Lohnniveau: um die gleiche Menge ArbeiterInnen (v) zu reproduzieren, ist in A doppelt soviel Arbeitszeit notwendig wie in B. Schlie\u00dflich unterscheidet sich auch die Mehrwertrate (s\/v): sie ist in B dreimal so hoch wie in A (300&nbsp;% und 100&nbsp;%).<\/p>\n<p>In Konsequenz l\u00e4ge bei gleichwertigem Tausch die Profitrate (m\/(c+v)) in A (120\/600) bei 20&nbsp;%, in B aber (180\/300) bei 60&nbsp;%. Kaffeeproduktion w\u00e4re also durchaus lohnender als Autoproduktion: man braucht weniger Kaffee, aber durch die niedrigen L\u00f6hne und die hohe Ausbeutung auf den Plantagen w\u00fcrde man viel mehr Gewinn machen. Mit den 30 Tonnen Kaffee k\u00f6nnten unter gleichem Tausch 20 Autos gekauft werden und die volle Wertmenge w\u00fcrde realisiert werden.<\/p>\n<p>Nimmt man nun dagegen an, dass sich die Profitraten in A und B ausgleichen, \u00e4ndern sich die Tauschverh\u00e4ltnisse. Ausgleich der Profitraten bedeutet, dass gleich gro\u00dfes Kapital auch gleich viel Profit abwirft, so dass in Summe die Gesamtmenge an Kapital (cA+vA+cB+vB=900) aus beiden L\u00e4ndern wiederum zusammen den Gesamtwehrwert aneignet (sA+sB=300). Damit gleicht sich die Profitrate auf 300\/900 = 33 1\/3 Prozent aus. Wendet man diese Profitrate auf die Preisbildung in beiden L\u00e4ndern an, ergibt sich ein neues Schema des Austausches:<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-19.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-19.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-10662\" width=\"534\" height=\"105\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-19.jpg 325w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-19-300x59.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 534px) 100vw, 534px\" \/><\/a><figcaption>Abbildung 20: Weltmarktpreis unter Annahme einer gleichen Durchschnittsprofitrate (33,3 %)<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;Nunmehr landet ein betr\u00e4chtlich gr\u00f6\u00dferer Gewinn (200 statt 120) in A, w\u00e4hrend er in B abnimmt (100 statt 180). Dies verteuert auch die Autos von 24 auf 800\/30=26 2\/3 pro Auto, w\u00e4hrend die Tonne Kaffee sich von 16 auf 400\/30 = 13 1\/3 verbilligt. Das Verh\u00e4ltnis des urspr\u00fcnglichen Werts der beiden Waren 24:16=1,6 ver\u00e4ndert sich auf 26 2\/3 : 13 1\/3 = 2.<\/p>\n<p>Angenommen A kauft nun am Weltmarkt 6 Tonnen Kaffee, so zahlt es einen Weltmarktpreis von 6 mal 13 1\/3 gleich 80. Mit diesen 80 Weltgeldeinheiten lassen sich zum Weltmarktpreis gerade mal 3 Autos kaufen (3 mal 26 2\/3 ist 80). Aber von der Arbeitszeitrechnung repr\u00e4sentieren die 6 Tonnen Kaffee 6 mal 16 gleich 96 Stunden, die 3 Autos aber 3 mal 24 gleich 72 Stunden. Durch diesen auf Wertebene ungleichen Tausch, eignet sich das Kapital von A ein Wert\u00e4quivalent von 24 Stunden Arbeitszeit aus B an. Da die L\u00f6hne gleich bleiben, bedeutet es, dass von den 36 in B f\u00fcr 6 Tonnen Kaffee geleisteten Mehrarbeitsstunden, nur 12 im eigenen Land realisiert werden. Der ungleiche Tausch bedeutet, dass die ArbeiterInnen im Land mit dem niedrigeren Lohnniveau systematisch Mehrarbeit f\u00fcr das Land mit h\u00f6herem Lohnniveau leisten. Der durch den ungleichen Tausch bedingte Werttransfer in die reichen L\u00e4nder beruhe damit auf der \u00dcberausbeutung der arbeitenden Bev\u00f6lkerung in den armen L\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Die Theorie des ungleichen Tausches erkl\u00e4rt somit die ung\u00fcnstigen Terms of Trade f\u00fcr Peripheriel\u00e4nder aus dem niedrigen Lohnniveau bei gleichzeitigem Vorherrschen einer internationalen gleichen Profitrate und Kapitalzusammensetzung. Zus\u00e4tzlich, und das ist der entscheidende Kern der Theorie, schlussfolgerte sie eine Dynamik, die aufgrund der Werttransfers die Lohndifferenz zwischen den beiden Teilen der Welt immer mehr auseinanderdriften l\u00e4sst, was wiederum den ungleichen Tausch expandieren hilft. Dieser sich verst\u00e4rkende Kreislauf k\u00f6nne nur durch Schutzma\u00dfnahmen gegen den Weltmarkt bis hin zur Autarkie durchbrochen werden.<\/p>\n<p>Insbesondere f\u00fchrt diese These auch dazu, Lohngewinne in den imperialistischen L\u00e4ndern als Verst\u00e4rkung der Ausbeutung in den Halbkolonien zu erkl\u00e4ren. Die auseinandergehenden Lohnniveaus, auch durch die gewerkschaftlichen K\u00e4mpfe in den Metropolen, f\u00fchren zu verst\u00e4rktem Werttransfer aus der Peripherie, die letztlich auch die gr\u00f6\u00dferen Verteilungsspielr\u00e4ume in den Metropolen erm\u00f6glichen. Die ArbeiterInnen in den Metropolen werden so zur globalen \u201eArbeiterInnenaristokratie\u201c, die den K\u00e4mpfen der Ausgebeuteten in der Peripherie genauso entgegenst\u00fcnden wie die gro\u00dfen Kapitale. Somit k\u00f6nne der Imperialismus in seinen Heimatl\u00e4ndern einen breiten gesellschaftlichen Konsens f\u00fcr seine globale Ausbeutungsordnung organisieren.<\/p>\n<p><strong>Kritik des \u201eungleichen Tausches\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Die Theorie des ungleichen Tausches hat mehrere methodische Fehler, die sich aus den Voraussetzungen, das Durcheinanderw\u00fcrfeln mehrerer Analyseebenen, ergeben und zu einem Verfehlen des Zusammenhangs der Entwicklungsgesetze des Kapitals durch die im Schema dargestellten Tauschverh\u00e4ltnisse auf dem Weltmarkt f\u00fchren.<\/p>\n<p>Die Marx\u2019sche Werttheorie entwickelt die Wertrechnung der erweiterten Reproduktion des Kapitals im abstrakten Modell eines grenzenlosen globalen Gesamtkapitals. Eine solche Berechnung auf dem Weltmarkt durchzuf\u00fchren, muss damit schon begr\u00fcndet werden. Immerhin sto\u00dfen im Weltmarkt verschiedene Produktionssph\u00e4ren mit unterschiedlichen Produktivit\u00e4ts- und Kapitalzusammensetzungen aufeinander, indem verschiedene Zirkulationssph\u00e4ren \u00fcber ihn vermittelt werden. Die Wert-Preistransformation zu Weltmarktpreisen hat also noch einiges mehr an Vermittlungsschritten einzubeziehen als die nationale Preisbildung, die aber z.&nbsp;B. in der Frage der Lohnkosten sehr wohl auch eine Rolle spielt. Wir werden im n\u00e4chsten Kapitel auf die Differenzen von nationaler und Weltmarktpreisbildung genauer eingehen \u2013 und dabei zeigen, dass ein zusammengefasstes Reproduktionsschema \u2013 wie oben dargestellt \u2013 somit ein Zusammenw\u00fcrfeln von Ebenen der Abstraktion ist.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst aber ist die zentrale Voraussetzung von Emmanuels Theorie, dass man weltweit von gleichen Wertzusammensetzungen des Kapitals und einem bereits abgeschlossenen Ausgleich zu einer \u201eWeltdurchschnittsprofitrate\u201c ausgehen kann, abzulehnen. Ersteres l\u00e4sst sie sich schon empirisch widerlegen (wie sich schon oben an den Unterschieden in der Kapitalproduktivit\u00e4t gezeigt hat). Wesentlicher noch ist, dass ein Fehlverst\u00e4ndnis der Rolle der \u201eDurchschnittsprofitrate\u201c in der Akkumulationstheorie von Marx vorliegt. Die Durchschnittsprofitrate ist keine \u201ean sich\u201c gegebene Gr\u00f6\u00dfe, die sich auf derselben Ebene wie die Produktionskosten berechnen lie\u00dfe. Es geht vor allem darum, dass es einen Prozess des Ausgleichs hin zur Durchschnittsprofitrate gibt, der die Unterschiede der Kapitalzusammensetzung der verschiedenen Sektoren des Gesamtkapitals und ihre Dynamik in Bezug auf die Produktivit\u00e4tsentwicklung widerspiegelt.<\/p>\n<p>Marx f\u00fchrt die Tendenz zum Ausgleichen der Profitrate im dritten Band des Kapitals im Rahmen des Modells eines globalen Gesamtkapitals ein, in der verschiedene Sektoren der \u00d6konomie unter unterschiedlichen Anforderungen an Kapital- und Arbeitskr\u00e4ftebedarf produzieren. Einige Bereiche der Konsumg\u00fcterindustrie m\u00f6gen mit wenig Einsatz von Maschinerie und auch mit wenig qualifizierten ArbeiterInnen produzieren, w\u00e4hrend andere Bereiche, z.&nbsp;B. in der Produktion von Flugzeugen, mit sehr hohem Kapitaleinsatz und h\u00f6herem Bedarf an speziell qualifizierter Arbeit rechnen m\u00fcssen. Bei gegebener Mehrwertrate w\u00fcrden erstere Sektoren h\u00f6heren Profit als letztere machen. Allerdings f\u00fchren die unterschiedlichen Produktionsbedingungen dazu, dass sich sehr viel mehr Kapital im \u201eeinfacheren\u201c Sektor als in dem mit hohen Anforderungen konzentriert. Dies f\u00fchrt zu einem Angebots\u00fcberhang im ersten und einem Nachfrage\u00fcberhang im zweiten. Da auch in den Sektoren die einzelnen Kapitale mit unterschiedlicher Produktivit\u00e4t agieren, bedeutet diese Verteilung von Angebot und Nachfrage, dass sich der Preis in den Sektoren mit niedrigerer Kapitalzusammensetzung hin zu den produktiveren Unternehmen verschiebt, in den Sektoren mit h\u00f6herer organischer Zusammensetzung aber zu den Kapitalen, die weniger produktiv sind. Im Konsumg\u00fcterbereich m\u00fcssen die Waren daher unter Wert verkauft werden (womit die Masse der ProduzentInnen einen betr\u00e4chtlichen Teil der Mehrarbeit nicht in Profit realisieren kann), w\u00e4hrend im Flugzeugbau \u00fcber Wert verkauft werden kann. Da der in der Gesamt\u00f6konomie geschaffene Wert gleichbleibt, bedeutet dies, dass ein Werttransfer zwischen den Sektoren stattfindet, durch den sich die Profitraten angleichen.<\/p>\n<p>Marx erkl\u00e4rt den Ausgleich der Profitraten also gerade durch die Wirkung von unterschiedlicher Kapitalzusammensetzung und Arbeitsproduktivit\u00e4t im Verh\u00e4ltnis zu derjenigen in anderen Sektoren. Der Fluss von Kapital und Arbeit innerhalb und zwischen Sektoren, im Zusammenwirken mit der durch den Markt vermittelten Reproduktion des Gesamtsystems (die in einem Austauschschema dargestellt werden kann), bringt einen Werttransfer hervor, der erst den Profitratenausgleich erzeugt \u2013 und nicht umgekehrt!<\/p>\n<p>Damit ist ein dynamischer Prozess in Gang gesetzt: So zwingt die erh\u00f6hte Konkurrenz in den weniger kapitalintensiven Bereichen diese tendenziell eher dazu, gr\u00f6\u00dfere Produktivit\u00e4tssteigerungen zu erzielen, Arbeitsproduktivit\u00e4t zu erh\u00f6hen und tendenziell Arbeitskr\u00e4fte auf die Stra\u00dfe zu setzen. Diese finden aber in den kapitalintensiveren Bereichen Arbeit, da dort auch nicht so produktive, arbeitsintensivere Unternehmen immer noch zu kostendeckenden Preisen verkaufen k\u00f6nnen. Die Bewegung ist also zugleich eine Bewegung der wechselseitigen Anstachelung zu weiterer Produktivit\u00e4tssteigerung wie auch zur Angleichung der Kapitalzusammensetzung selbst. Wie Marx es formulierte, wirft diese Bewegung zugleich best\u00e4ndig ArbeiterInnen aus dem einen Sektor heraus, um sie im anderen aufzunehmen, und das in rascher Folge. Da die Gesamtbewegung eine der erweiterten Reproduktion ist (also ein Teil des Profits zur Ausdehnung von Kapital und Arbeit in allen Sektoren verwendet wird), ver\u00e4ndern sich so best\u00e4ndig auch die Austauschverh\u00e4ltnisse (Zusammensetzung der wertbildenden Komponenten) und damit auch Umfang und Richtung des Werttransfers. Die langfristige Tendenz dabei ist die des rascheren Anstiegs der konstanten Kapitalanlage wie auch des Wachstums der Arbeitsbev\u00f6lkerung. Diese w\u00e4chst zwar auch, aber im Vergleich zum Gesamtwachstum immer abgebremster.<\/p>\n<p>Das Modell des ungleichen Tausches geht dagegen von einem gegebenen Schema von Tauschverh\u00e4ltnissen auf der Grundlage einer \u201efixen\u201c Gegebenheit aus, der unterschiedlichen Lohnniveaus in A und B. Die gleiche Profitrate wird dann als weitere \u201egegebene\u201c Annahme eingef\u00fchrt, ohne auf die wechselseitigen Einfl\u00fcsse einzugehen. Tats\u00e4chlich spricht ein geringes Lohnniveau zumeist auch f\u00fcr eine geringere Produktivit\u00e4t und daher nicht, wie zus\u00e4tzlich angenommen, f\u00fcr eine gleiche organische Zusammensetzung des Kapitals. Emmanuels statisches Modell bleibt bei einer Periode der Reproduktion stehen \u2013 im dynamischen Modell der Ausgleichungsprozesse der Durchschnittsprofitrate kann das beschriebene Schema ganz anders fortgeschrieben werden: Die g\u00fcnstigen Gewinnm\u00f6glichkeiten in B-L\u00e4ndern k\u00f6nnten tats\u00e4chlich mehr Kapital in diese L\u00e4nder flie\u00dfen lassen, was zu einem \u00dcberangebot z.&nbsp;B. der kaffeeproduzierenden L\u00e4nder f\u00fchren w\u00fcrde, w\u00e4hrend die hochkonzentrierte Automobilindustrie viel weniger Konkurrenz und gr\u00f6\u00dfere Hemmnisse f\u00fcr NeueinsteigerInnen bietet. Dies bevorzugt dann aber diejenigen B-L\u00e4nder, die mit h\u00f6herem Kapitaleinsatz und h\u00f6herer Arbeitsproduktivit\u00e4t auch bei niedrigem Preis ihrer Waren noch Gewinn machen. Wie im nationalen Rahmen auch w\u00fcrde die Gesamtbewegung zu einer Aufgabe vieler B-L\u00e4nder f\u00fchren, f\u00fcr die der Export dieser Ware nicht mehr rentabel ist (Konkurrenz nimmt zu und Kapitalzufluss nimmt ab), andererseits aber zu einem \u00dcberleben von B-ExporteureInnen mit h\u00f6herer Produktivit\u00e4t (organische Zusammensetzung nimmt zu). Die Abnahme der Zahl der Exportl\u00e4nder kann in den jetzt beg\u00fcnstigteren und technisch besser ausgestatteten B-L\u00e4ndern dann sogar zu einem Aufbau von Besch\u00e4ftigung in dem Sektor f\u00fchren, was dort auch die Bedingungen f\u00fcr Lohnsteigerungen schafft.<\/p>\n<p>Die Entwicklung der Ausgleichsbewegung kann also auch unter Bedingungen des Werttransfers dazu f\u00fchren, dass nicht alle weniger entwickelten L\u00e4nder in der Abw\u00e4rtsspirale der ung\u00fcnstigen Weltmarktpreise immer mehr verarmen. Wie auch die tats\u00e4chliche, zuvor gezeigte Entwicklung beweist, kann es unter den Halbkolonien zu sehr verschiedenen Akkumulationsniveaus kommen, bei denen einige stark von dem Emmanuel\u2018schen Modell abweichen \u2013 z.&nbsp;B. halbkoloniale \u00d6konomien, die nicht durch ung\u00fcnstige ToT dem Werttransfer ausgeliefert sind, sondern z.&nbsp;B. durch ihre Einordnung in internationale Produktionsketten. Dass diese Halbkolonien nicht mehr speziell durch den ung\u00fcnstigen Weltmarktpreis ihrer Roh- oder Agrarprodukte ausgebeutet werden, sondern durch ihre Rolle im internationalen Produktionsprozess, macht sie nicht weniger zu Opfern der kapitalistischen Weltordnung. Im Gegenteil, oft wird die \u201egem\u00fctlichere\u201c Form von z.&nbsp;B. Plantagenwirtschaft durch die M\u00fchle von Ausbeutungsverh\u00e4ltnissen ersetzt, wie sie in Europa die erste industrielle Revolution gekennzeichnet haben. Jedenfalls zeigt sich in der Entwicklung der Kapitalzusammensetzung in der Peripherie \u00fcberhaupt nicht die Annahme von Emmanuel: wie gesehen gibt es entwickelte Halbkolonien, die sich in der Kapitalproduktivit\u00e4t den Zentren angleichen, w\u00e4hrend andere weiterhin einen sehr viel geringeren Kapitalstock im Verh\u00e4ltnis zum BIP aufweisen.<\/p>\n<p>Die andere zentrale Voraussetzung von Emmanuel, die Bedeutung der Lohndifferenz zwischen A- und B-L\u00e4ndern, greift theoretisch ebenso zu kurz. Wichtig f\u00fcr das Kapital ist ja nicht die Lohnh\u00f6he an sich, sondern wieviel Mehrwert aus dem Produktionsprozess angeeignet werden kann. Dies bezieht sich sowohl auf die Mehrwertrate als auch darauf, wieviel Masse an Mehrwert durch welche Masse an notwendiger Arbeitszeit erzielt werden kann (Arbeitsproduktivit\u00e4t).<\/p>\n<p>Nun f\u00fchren die best\u00e4ndigen Steigerungen der Arbeitsproduktivit\u00e4t in \u201eHochlohnl\u00e4ndern\u201c (Tendenz des Kapitals zur Rationalisierung des teureren Faktors \u201eArbeit\u201c) einerseits zu Druck auf die L\u00f6hne, andererseits aber auch zur Verbilligung der Konsumprodukte der ArbeiterInnen, also jedenfalls zur Erh\u00f6hung der (absoluten und relativen) Mehrwertrate. Da Mehrwertrate und Mehrwertmasse durch solche Produktivit\u00e4tssteigerungen wesentlich st\u00e4rker erh\u00f6ht werden k\u00f6nnen als durch Methoden der Besch\u00e4ftigung von elenden, kaum ausgebildeten Menschen (denen durch Arbeitszeitverl\u00e4ngerung und noch unmenschlichere Arbeitsbedingungen nur marginal mehr Mehrwert abgepresst werden kann), hielten marxistische KritikerInnen Emmanuel zumeist entgegen, dass die Mehrwertaneignung in den entwickelteren L\u00e4ndern sogar h\u00f6her als in der Peripherie ist \u2013 dass also in den Metropolen die ArbeiterInnen zwar besser bezahlt, aber st\u00e4rker ausgebeutet werden Dies w\u00e4re ein Faktor, der nat\u00fcrlich auch der Ausgleichsbewegung der Profitraten stark entgegenwirken w\u00fcrde, da Kapitalanlage in den entwickelteren L\u00e4ndern daher durchaus noch bei gr\u00f6\u00dferem Kapitalzufluss (statt Abfluss in die Peripherie) profitable Preise erzielen kann. Dies passt z.&nbsp;B. auch mit der Beobachtung zusammen, dass das Ausma\u00df der FDI in andere imperialistische L\u00e4nder bei weitem den Kapitalfluss in die Peripherie \u00fcbersteigt. Das Modell der sich immer mehr erh\u00f6henden Lohndifferenz in den beiden Welten h\u00e4tte dagegen eigentlich zu einem Abfluss des Kapitals aus den Metropolen f\u00fchren m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Der Faktor der Arbeitsproduktivit\u00e4t muss eben als wichtiges Moment der Relativierung von Lohndifferenzen und der Angleichung der Mehrwertraten gesehen werden. Die Abbildung zeigt die Entwicklung des Outputs (in Kaufkraftparit\u00e4ts-US-Dollar) pro Besch\u00e4ftigtem\/r in vier Vergleichsl\u00e4ndern seit den 1960er Jahren:<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-20.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"503\" height=\"289\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-20.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-10663\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-20.jpg 503w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-20-300x172.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 503px) 100vw, 503px\" \/><\/a><figcaption>Abbildung 21: Vergleich der Entwicklung der Arbeitsproduktivit\u00e4t Metropolen\/Peripherie\u00a0<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn57\">[lvii]<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p>Es wird deutlich, dass die Arbeitsproduktivit\u00e4t in Indien im Vergleich sehr geringes Wachstum aufweist und erst im 2000er Jahrzehnt eine leichte Bewegung nach oben zeigt. Brasilien erreichte Ende der 1970er Jahre einen Zenit des Anstiegs, um danach auf einem Niveau darunter zu stagnieren. Beide L\u00e4nder halten jedenfalls keinem Vergleich zu S\u00fcdkorea und noch weniger zu Japan stand. Letzteres hat bis Anfang der 1990er Jahre konstant hohe Wachstumsraten, mit einer Delle in den 1990er Jahren. S\u00fcdkorea ist dagegen ein Modell f\u00fcr die nachholende Entwicklung einer Halbkolonie, die sich seit den 1990er Jahren sogar auf Aufholkurs zu Japan befindet. Die niedrigeren L\u00f6hne in Indien oder Brasilien k\u00f6nnen also in den anderen beiden L\u00e4ndern dadurch aufgewogen werden, dass Investitionen dort durch das Vielfache der Arbeitsproduktivit\u00e4t einfach mehr Wert produzieren lassen.<\/p>\n<p>Die Lohnquote, die an fr\u00fcherer Stelle dargestellt wurde, zeigt jedenfalls auch eine Ann\u00e4herung zwischen Zentrum und Peripherie. Zus\u00e4tzlich spiegelt die Lohnquote nur bedingt die Mehrwertrate wider. Ber\u00fccksichtigt werden muss die stark unterschiedliche Klassenstruktur in beiden. In den imperialistischen Zentren konzentriert sich ein Gro\u00dfteil der ManagerInnen und B\u00fcrokratInnen des globalen Kapitalismus sowie deren gro\u00dfes Heer an lohnabh\u00e4ngigen \u201eMittelschichten\u201c. Eine Masse von abgeleiteten Elementen des \u201efungierenden Kapitals\u201c wird \u00fcber die Form des Lohnes alimentiert. Dies sind eigentlich andere Elemente des Abzugs vom Profit (neben Zins oder Grundrente), die aber in die Lohnquote als \u201eArbeitseinkommen\u201c eingehen. Piketty (wie andere) hat ausf\u00fchrliche l\u00e4nderspezifische Aufstellungen dieser \u201eversteckten Kapitaleinkommen\u201c aufgestellt. Danach kann man davon ausgehen, dass die Lohnquote in den Metropolen im Durchschnitt um mindestens 10&nbsp;% geringer ausf\u00e4llt als eigentlich angegeben. Rechnet man dann noch die etwa 10 \u2013 20&nbsp;% besonders privilegierten Teile der Lohnabh\u00e4ngigen (die \u201eArbeiterInnenaristokratie\u201c ab), ergibt sich f\u00fcr den Rest der ArbeiterInnenklasse eine Mehrwertrate, die sich im Mittel der Halbkolonien befindet.<\/p>\n<p>Zusammen mit der Tatsache der gr\u00f6\u00dferen Arbeitsproduktivit\u00e4t (gr\u00f6\u00dfere Masse an Mehrwert) ergibt sich damit, dass tats\u00e4chlich in den imperialistischen Zentren auch anteilsm\u00e4\u00dfig mehr Mehrwert ausgepresst wird als in den Halbkolonien.<\/p>\n<p>Ein weiteres Argument gegen die Theorie des ungleichen Tausches ist, dass Emmanuel von einem Modell perfekter Konkurrenz zwischen L\u00e4ndern mit abgegrenzter sektoraler Spezialisierung ausgeht. Tats\u00e4chlich gibt es auf dem Weltmarkt durchaus Waren, die sowohl im Zentrum wie in der Peripherie produziert werden: unter den gr\u00f6\u00dften WeizenproduzentInnen finden sich sowohl L\u00e4nder wie die USA und die EU als auch Indien, Argentinien und die Ukraine; \u00e4hnlich z.&nbsp;B. bei Schweineb\u00e4uchen. Trotzdem werden f\u00fcr diese Waren Weltmarktpreise \u00fcber globale Marktinstitutionen (z.&nbsp;B. Warenterminb\u00f6rsen) gebildet. F\u00fcr die Emmanuel\u2019schen Schemata ist das t\u00f6dlich: F\u00fcgt man in seine Austauschgleichungen eine weitere Ware hinzu (z.&nbsp;B. Weizen), die in A und B produziert wird, so \u00e4ndert sich die Situation. Sogar unter den Annahmen von gleicher Profitrate und h\u00f6herer Mehrwertrate in B kommt jetzt als weiterer Faktor hinzu, wie Arbeit und Kapital auf die gemeinsame Ware verteilt werden. Anderson<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn58\">[lviii]<\/a>&nbsp;hat gezeigt, dass sich damit f\u00fcr alle Hauptthesen von Emmanuel leicht plausible Verteilungen finden lassen, die genau zum Gegenteil f\u00fchren: z.&nbsp;B. wo die Erh\u00f6hung der L\u00f6hne in A zur Verminderung des Werttransfers f\u00fchrt, zur Verbesserung der Terms of Trade von B bzw. zur Erh\u00f6hung der L\u00f6hne dort. Dies sagt nichts dar\u00fcber aus, ob das Szenario des ungleichen Tausches wahrscheinlich ist, sondern nur, dass die Begr\u00fcndung aus der wachsenden Lohndifferenz keine notwendige Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit ausdr\u00fcckt.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich ist auch die Annahme der perfekten Konkurrenz zwischen L\u00e4ndern mit sektoraler Spezialisierung nicht aufrechtzuerhalten. Immerhin gibt es ganze Sektoren (z.&nbsp;B. im Agrarbereich) die heute von sehr wenigen gro\u00dfen Konzernen und Finanzgruppen beherrscht werden \u2013 und das auf Weltmarktebene. Bei diesen Weltmarktpreisen kann davon ausgegangen werden, dass sie eine starke monopolistische Gegentendenz zu einer Ausgleichsbewegung der Profitraten ergeben. Insgesamt zeigen die Tendenzen der Profitratenbewegungen global (so wie wir das oben versucht haben zu zeigen), dass sich die Profitraten zwischen imperialistischen L\u00e4ndern zwar ann\u00e4hernd angleichen, dass dies aber f\u00fcr die halbkoloniale Welt nicht gilt! Sowohl die Kapitalzusammensetzung als auch die Profitraten zeigen dort ein sehr differenziertes Bild und geringere organische Zusammensetzung als auch h\u00f6here Profitraten sind das vorherrschende Bild. Daher ist eher Unterkapitalisierung das Problem, als es ung\u00fcnstige Profiterwartungen (durch \u00fcberm\u00e4\u00dfigen Verlust durch den ungleichen Tausch) darstellen. Die zu geringe Akkumulation von Kapital gegen\u00fcber dem Potential ist auch der Grund f\u00fcr relative Unterbesch\u00e4ftigung. Damit aber ist dann das niedrige Lohnniveau ein Resultat von zu geringer Teilnahme an der globalen Akkumulation, nicht eines von zu viel!<\/p>\n<p>Ein letztes wichtiges Argument gegen die Theorie des ungleichen Tausches ist die Frage der Quantifizierung des Werttransfers. Der Werttransfer durch Tausch muss ja durch das Gesamtausma\u00df des Exports der Peripheriel\u00e4nder in die Industriel\u00e4nder begrenzt sein. Da der im Verh\u00e4ltnis zum Gesamtprodukt in den 1960er Jahren nicht besonders hoch war, w\u00e4re damit auch der Werttransfer nicht so bedeutsam, dass die gro\u00dfe Abw\u00e4rtsspirale, die daraus gefolgert wurde, gut begr\u00fcndet werden konnte. Samir Amin<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn59\">[lix]<\/a>\u00a0sch\u00e4tzte daraufhin den Anteil des Werttransfers an den Exporten auf sagenhafte 88\u00a0%. Damit kam er dann zu der Schlussfolgerung, dass die armen L\u00e4nder an die 15\u00a0% ihres BIP durch Werttransfer an die reichen abf\u00fchren. Das w\u00e4re dann nat\u00fcrlich gro\u00df genug, um die eigenst\u00e4ndige Entwicklung nachhaltig zu bremsen. Allerdings: wenn die Untersuchungen zur Prebisch-Singer-These zeigen, dass sich auch heute noch die Terms of Trade der Peripherie best\u00e4ndig verschlechtern, w\u00e4re das bei 88\u00a0% Werttransfer schon in den 1960er Jahren kaum vorstellbar (schon in den 1970er Jahren w\u00e4re dann bereits gar nichts mehr an Profit bei Exporten beim Peripherie-Kapital \u00fcbriggeblieben). Angesichts des heute enorm gestiegenen Volumens des Welthandels w\u00e4re eine fundiertere Absch\u00e4tzung des Ausma\u00dfes des Werttransfers durch die Bildung von Weltmarktpreisen zu Ungunsten der Peripherie tats\u00e4chlich angebracht.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-21.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-21.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-10664\" width=\"584\" height=\"329\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-21.jpg 448w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-21-300x169.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 584px) 100vw, 584px\" \/><\/a><figcaption>Abbildung 22: Anteil des Handels mit Waren, Dienstleistungen und Kapital im Vergleich mit dem Welt-BIP in Prozent\u00a0<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn60\">[lx]<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p>Hier ist ersichtlich, dass nach dem Zusammenbruch des Welthandels in den 1930er\/1940er Jahren, erst in den 1970er Jahren wieder das Niveau des Welthandels der klassischen Periode des Imperialismus erreicht wurde. Nach der Krisenperiode der 1970er\/1980er Jahre brachte der Globalisierungsschub einen Anteil von \u00fcber 50&nbsp;% des Welthandels am Welt-BIP. Mit der gro\u00dfen Rezession stagniert der Anteil nun auf diesem Niveau. Trotzdem zeigt dies die enorme Globalisierung des Kapitalismus, die internationale Vernetzung als Waren\u00f6konomie. Der gewachsene Anteil des \u00fcber Importe gekauften Warenangebots und der \u00fcber Exporte geleisteten Arbeit stellt Fragen neu nach der Bewertung der in einem Land geleisteten Arbeit in Relation zu den dort erzielten Einkommen aller Art \u2013 und dies im Vergleich zu den L\u00e4ndern, mit denen Handel getrieben wird.<\/p>\n<p><strong>Wertbildung, Weltmarktpreise und \u201eKaufkraftparit\u00e4ten\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Ende der 1960er Jahre startete die UN-Statistikbeh\u00f6rde ein Programm zum Vergleich von Preisniveaus unterschiedlicher L\u00e4nder und Regionen mit Namen ICP (International Comparison Program)<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn61\">[lxi]<\/a>. Es ging von der Erkenntnis aus, dass die in US-Dollar ausgedr\u00fcckten Preis- und Statistikgr\u00f6\u00dfen (wie das BIP) nicht tats\u00e4chlich f\u00fcr den Vergleich von \u00d6konomien und ihre Austauschverh\u00e4ltnisse herangezogen werden k\u00f6nnen. Das Programm begann erst mit wenigen L\u00e4ndern, um inzwischen 199 \u00d6konomien zu umfassen. Dabei werden jetzt an die 700 Waren und deren Preise in diesen L\u00e4ndern in den jeweiligen Landesw\u00e4hrungen gemessen und f\u00fcr den Untersuchungszeitraum (inzwischen 6 Jahre) in Zeitreihen (samt US-Dollar-Entwicklung der Landesw\u00e4hrung) erfasst. Daraus werden verschiedene Indikatoren berechnet, insbesondere ein internationaler Preisindex (Prozentsatz pro Land gegen\u00fcber dem weltweiten Durchschnitt, der bei 100&nbsp;% angesetzt wird). Aufgrund von \u201eWarenk\u00f6rben\u201c, die f\u00fcr jedes Land einen entsprechenden Konsum- oder Produktionsbereich charakterisieren, werden Preisindizes f\u00fcr Ausgabenkategorien im internationalen Vergleich erstellt und letztlich die \u201eKaufkraftparit\u00e4ten\u201c (KKP, englisch PPP = purchasing power parities) erstellt.<\/p>\n<p>Der Preisindexvergleich ergibt zum Beispiel, dass eine Person, die in Pakistan 300 US-Dollar f\u00fcr den Einkauf zur Verf\u00fcgung hat, damit Nahrungsmittel erwerben k\u00f6nnte, f\u00fcr die man in Deutschland 750 US-Dollar ausgeben m\u00fcsste. Wie kommen solche Aussagen zustande?<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst werden f\u00fcr individuelle Waren PPP-Relationen berechnet: Kostet etwa ein Burger in Deutschland 4,80 Euro in den USA aber 4,00 US-Dollar, so ist die PPP-Relation 0,83 US-Dollar zum Euro aus deutscher Perspektive, d.&nbsp;h. f\u00fcr jeden Euro in Deutschland, den man f\u00fcr Burger ausgibt, m\u00fcsste man in den USA 0,83 US-Dollar ausgeben. F\u00fcr die Berechnung der PPP-Relation zwischen L\u00e4ndern werden nun Gruppen von Waren gebildet und deren Preissummen in PPP-Relation gesetzt, bis man auf der Ebene des BIP angelangt ist. In der ICP-Untersuchung 2011 errechnete man f\u00fcr Deutschland eine PPP f\u00fcr das BIP von 0,78 US-Dollar \u2013 d.&nbsp;h. f\u00fcr jeden Euro, der f\u00fcr einen Bestandteil des Gesamtprodukts von Deutschland ausgegeben w\u00fcrde, m\u00fcsste man in den USA f\u00fcr ein dortiges Produkt 0,78 US-Dollar ausgeben. Tats\u00e4chlich erhielt man f\u00fcr einen Euro 2011 im Durchschnitt nur 0,72 US-Dollar \u2013 der US-Dollar war also um etwa 6 Cents unterbewertet (aus der Sicht des PPP). PPP-Umrechnungsraten sind streng genommen immer auf bestimmte Aggregate bezogen (BIP, Konsum, Nahrungsmittelkonsum etc.). So liegt etwa die PPP in Bezug auf individuellen Nahrungsmittelkonsum in Pakistan 2011 bei 41 US-Dollar. F\u00fcr die gleiche Menge an Nahrungsmitteln, f\u00fcr die man in Pakistan 10 Rupien ausgeben musste, h\u00e4tte man also in den USA 410 US-Dollar gebraucht. Nach dem offiziellen Kurs der Rupie w\u00e4re die pakistanische Ware noch doppelt so wenig wert gewesen (Kurs 1:85).<\/p>\n<p>Woran liegen diese gro\u00dfen Unterschiede in den PPP-Relationen zwischen Zentrums- und Peripheriel\u00e4ndern? Erstens gibt es immer bestimmte geographische Faktoren. So sind agrarische Erzeugerl\u00e4nder aufgrund der geringeren Transport- oder Handelskosten in der Lage, auf lokalen M\u00e4rkten sehr viel n\u00e4her an den Erzeugerkosten zu verkaufen. Zweitens sind die Kosten der Reproduktion der Ware Arbeitskraft, d.&nbsp;h. die Lohnkosten geringer. Dies liegt einerseits eben gerade an den billigeren Waren im Agrarbereich. Andererseits aber auch an oft noch weit verbreiteter Subsistenzwirtschaft, in der Familien sehr viel mehr unbezahlte Arbeit zur Erm\u00f6glichung eben dieser Reproduktion leisten (z.&nbsp;B. Hausarbeit, informeller Sektor, kleine Landwirtschaft). Die informelle \u201eSchatten\u201cwirtschaft f\u00fchrt auch dazu, dass viele Ausgaben, die im Zentrum gro\u00dfe Teile der Reproduktionskosten ausmachen (Wohnung, Energie, Transport), einen sehr viel kleineren Anteil einnehmen (z.&nbsp;B. durch Wohnen in Slums). Drittens fallen \u00f6ffentliche Leistungen, z.&nbsp;B. f\u00fcr Gesundheit, Bildung, Transport, Sozialversicherungen, sehr viel geringer aus. Dies schl\u00e4gt sich in weniger indirekten bzw. weniger Lohnsteuern nieder \u2013 letzteres senkt auch wiederum die Bruttolohnkosten. Viertens l\u00e4sst sich der Entwicklungsstand auch an dem \u201esozialen Minimum\u201c ablesen, also dem, was in dem Land als das angesehen wird, was \u201ezum Leben notwendig ist\u201c.<\/p>\n<p>Offensichtlich wird der Wert der Ware Arbeitskraft (das \u201enationale Lohnniveau\u201c) wie auch der vieler Konsumg\u00fcter und pers\u00f6nlicher Dienstleistungen st\u00e4rker von der Wertbildung in der nationalen Zirkulationssph\u00e4re bestimmt. Dagegen werden Export und Import offensichtlich nicht in PPP-Werten abgewickelt, sondern in US-Dollar\u00e4quivalenten. Sicherlich sind PPP-Vergleichswerte wesentlich best\u00e4ndiger als W\u00e4hrungsvergleiche. Trotzdem kann man die systematische \u201eUnterbewertung\u201c der nationalen Zirkulationssph\u00e4ren von Peripheriel\u00e4ndern gegen\u00fcber denen der Metropolen (Unterschied der Bewertungen des BIP in PPP und in US-Dollar) nicht auf \u201eW\u00e4hrungsspekulation\u201c oder volatile Kapitalfl\u00fcsse zur\u00fcckf\u00fchren \u2013 im Unterschied zum Auf und Ab etwa im US-Dollar\/Euro-Verh\u00e4ltnis, bleibt die PPP\/US-Dollar-Differenz bei Halbkolonien systematisch unvorteilhaft. Es muss hier von zwei Ebenen der Wertbildung ausgegangen werden, die sowohl differenzieren als auch wechselwirken: einerseits der nationalen Wertbildung, abh\u00e4ngig von der durchschnittlichen nationalen Produktivit\u00e4t, dem nationalen Kapitalstock, der Arbeitsproduktivit\u00e4t und Zusammensetzung der Lohnarbeit vor Ort, des national bestimmten Werts der Ware Arbeitskraft etc.. Andererseits besteht seit Beginn des Kapitalismus die Sph\u00e4re des Weltmarktes mit der Herausbildung von Weltmarktpreisen, zumeist in Form des vorherrschenden \u201eWeltgeldes\u201c, fr\u00fcher also in Goldw\u00e4hrung, heute in US-Dollar. Diese Sph\u00e4re koppelt nicht unvermittelt alle nationalen Branchen, sondern bildet eine Stufenleiter von eigenen Wertbildungsprozessen. Es gibt einige Bereiche der Produktion (wie heute die meisten \u201egro\u00dfen Industrien\u201c, z.&nbsp;B. Automobilindustrie), die vollst\u00e4ndig auf den Weltmarkt ausgerichtet sind und wo sich die Konkurrenz auf dem Weltmarkt in der Durchsetzung der produktivsten Kapitale auch in der Preisbildung ausdr\u00fcckt. D.&nbsp;h., hier bestimmt eine \u00fcbernationale Zusammensetzung von Kapital und Arbeit die global notwendige durchschnittlich notwendige Arbeitszeit, die den Wert des Produkts ausmacht. Dagegen waren eine Ebene darunter z.&nbsp;B. Zulieferindustrien lange Zeit noch stark von nationalen Wertbildungsprozessen bestimmt, allerdings schon lange von der dar\u00fcber liegenden Ebene der multinationalen Konzerne in Kostenkonkurrenz gebracht und so je nach Branche mehr oder weniger der Weltmarktsph\u00e4re angeglichen. Staatliche und \u00f6ffentliche Bereiche waren fr\u00fcher stark in nationalem Wertbildungsprozess (bzw. Werttransfers) verankert, wurden jedoch durch Privatisierungen und Outsourcing in vielen Bereichen (z.&nbsp;B. Transport oder Gesundheit) f\u00fcr die Weltmarktebene ge\u00f6ffnet. Die dort geforderte h\u00f6here gesellschaftliche (globale) Durchschnittsproduktivit\u00e4t muss sich notwendigerweise in einer Wertdifferenz zur noch bestehenden nationalen Wertbildung ausdr\u00fccken. Ohne Schutz durch eine schw\u00e4chere W\u00e4hrung w\u00fcrden viele Bereiche dieser nationalen Wertbildung in Frage gestellt bzw. die Preise so gedr\u00fcckt, dass viele nationale ProduzentInnen das Feld r\u00e4umen m\u00fcssten. Der Mechanismus der Vermeidung von Handelsbilanzdefiziten und Kapitalabfluss (Sicherung von US-Dollarreserven), der zur W\u00e4hrungsabwertung f\u00fchrt, vermittelt hier nur die zeitweise Koexistenz dieser beiden Zirkulationssph\u00e4ren. Auf die Dauer ist die Ausweitung des Weltmarktsektors unvermeidlich und f\u00fchrt so auch immer wieder zu neuen \u201eGleichgewichtszust\u00e4nden\u201c dieser Ebenen. Schon zuvor untergraben die dynamischen Ausschl\u00e4ge der Weltmarktpreise und ihre Auswirkungen auf die noch bestehenden Inlandsm\u00e4rkte diese Gleichgewichte zuungunsten der Halbkolonien.<\/p>\n<p>Was die statistische Differenzierung dieser beiden Bereiche betrifft, so berechnet das ICP systematisch den PPP-Wert der sogenannten Inlandsnachfrage (\u201edomestic absorption\u201c), der Differenz von BIP und der Handelsbilanz (was den Bereich der Produkte und Dienstleistungen umfassen soll, der f\u00fcr den inl\u00e4ndischen Bedarf produziert wird). Hier macht sich die Differenz von der PPP-Bewertung zur US-Dollarbewertung besonders deutlich:<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-22.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"479\" height=\"283\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-22.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-10665\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-22.jpg 479w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-22-300x177.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 479px) 100vw, 479px\" \/><\/a><figcaption>Abbildung 23: Wert des reinen Inlandsprodukts in KKP und US-Dollar (Milliarden)\u00a0<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn62\">[lxii]<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p>Es wird deutlich, dass die PPP-Werte sicherlich besser die tats\u00e4chliche Gr\u00f6\u00dfe des inneren Marktes wiedergeben, w\u00e4hrend sie in US-Dollar eher nach der Weltmarktgeltung gewichtet werden. Dieser letztere Unterschied wird klar, wenn man die unterschiedliche Gewichtung des Handelsbilanz\u00fcberschusses gegen\u00fcberstellt:<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-23.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"497\" height=\"283\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-23.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-10666\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-23.jpg 497w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-23-300x171.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 497px) 100vw, 497px\" \/><\/a><figcaption>Abbildung 24: Wert des Au\u00dfenhandels\u00fcberschusses oder -defizits in KKP und US-Dollar (Milliarden)\u00a0<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn63\">[lxiii]<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p>In Halbkolonien ist der \u201enationale Wert\u201c der exportierten oder importierten Waren sehr viel h\u00f6her als der US-Dollarwert. F\u00fcr Handelsbilanz\u00fcbersch\u00fcsse muss also viel mehr an Arbeit und Kapital im nationalen Ma\u00dfstab aufgebracht werden bzw. verlangen Handelsbilanzdefizite auch umso mehr Aufwand, um sie wieder abzubauen (oder eine entsprechend gr\u00f6\u00dfere Abwertung der W\u00e4hrung gegen\u00fcber dem US-Dollar). Umgekehrt m\u00fcssen imperialistische L\u00e4nder weniger f\u00fcr ihre Export\u00fcbersch\u00fcsse anstellen bzw. erhalten in US-Dollar mehr, als sie an Arbeit erbringen mussten. Damit ist diese Differenz im Au\u00dfenbeitrag ein gewisser Ma\u00dfstab f\u00fcr den \u201eWerttransfer\u201c durch ungleichen Tausch am Weltmarkt. Tats\u00e4chlich sollte deutlich geworden sein, dass dies ein \u201eWerttransfer\u201c nur in einem \u00fcbertragenen Sinn ist. Denn EINEN Wert auf Weltebene gibt es so nicht: vom Ma\u00dfstab des nationalen Werts aus gesehen wird tats\u00e4chlich Wert an die importierenden reichen L\u00e4nder abgegeben, vom Ma\u00dfstab der Wertbildung am Weltmarkt jedoch herrscht gleicher Tausch und es findet kein Werttransfer statt. Die unterschiedlichen Entwicklungsniveaus der L\u00e4nder in Bezug auf Produktivit\u00e4t, Kapitalbildung und Lohnniveaus f\u00fchren zu einer Differenz in der Wertbildung, die f\u00fcr die weniger entwickelten L\u00e4nder einen gr\u00f6\u00dferen Teil an Arbeit erfordert, um die Arbeitsprodukte von entwickelteren L\u00e4ndern einzukaufen. In diesem Sinn herrscht \u201eungleicher Tausch\u201c vor, der aber aus einem auf dem Weltmarkt modifizierten Wertgesetz resultiert. Er ist damit sicherlich ein Hindernis f\u00fcr die aufholende Entwicklung, gleichzeitig aber unentbehrlich f\u00fcr den Fortschritt der Produktivkraftentwicklung in den davon betroffenen L\u00e4ndern. Eine Angleichungsbewegung der Profitraten (in US-Dollarpreisen) ist dann Folge dieses ungleichen Tausches (infolge der w\u00e4hrungsbedingten Preissenkung), nicht jedoch Ursache daf\u00fcr (wie Emmanuel postuliert hat).<\/p>\n<p><strong>Historischer Materialismus und die Frage der \u201eEntwicklung\u201c<\/strong><\/p>\n<p>In den vorherigen Abschnitten wurde oft von \u201eEntwicklung\u201c, \u201eEntwicklungsstufen\u201c, \u201eentwickelteren\u201c oder \u201eweniger entwickelten\u201c L\u00e4ndern etc. gesprochen. Nat\u00fcrlich ist diese Begrifflichkeit, sp\u00e4testens nach den \u201epost-colonial studies\u201c h\u00f6chst umstritten. Entwicklung macht nur Sin gegen\u00fcber einem Ma\u00dfstab, einem Ziel, wohin sich etwas entwickelt oder entwickeln soll. Viele der globalen Institutionen, die sich mit \u201eEntwicklung\u201c besch\u00e4ftigen, sehen offensichtlich die reichen L\u00e4nder wie die USA oder \u201eKern-Europa\u201c als Vorbilder, an denen Fortschritt gemessen wird. Dies hat dem Begriff insgesamt eine stark ideologische, \u201eeurozentristische\u201c Mitbedeutung verliehen. Andererseits geht auch der Marxismus in Form des historischen Materialismus von einem Begriff des gesellschaftlichen Fortschritts aus, der einen globalen Ma\u00dfstab f\u00fcr Entwicklung begr\u00fcndet. Gegen\u00fcber den marktliberalen Entwicklungsbegriffen werden hier die sozialen und kulturellen Errungenschaften, die auf bestimmter \u00f6konomischer Grundlage m\u00f6glich werden, in den Vordergrund ger\u00fcckt. Au\u00dferdem betrachtet der historische Materialismus die Entwicklung von Gesellschaften nicht als linearen Fortschrittsprozess, sondern als notwendig von Widerspr\u00fcchen zwischen der Entfaltung der sozialen und \u00f6konomischen Potenziale gepr\u00e4gt. Keine dieser von Widerspr\u00fcchen gepr\u00e4gte Gesellschaftsformationen ist ewig. Jede wird letztlich zur Fessel der weiteren Entwicklung, so dass nur historische Br\u00fcche, Umw\u00e4lzungen der ihnen zugrundeliegenden Produktionsweisen Fortschritt bringen, nicht immanente Entwicklung. Auch wenn Marx seine Beispiele vornehmlich aus der europ\u00e4ischen Geschichte entnommen hat, ist diese historische Methode, die von den jeweiligen materiellen Bedingungen des gesellschaftlichen Zusammenlebens ausgeht und diese in der Dynamik von Entwicklung, Entwicklungshemmnissen und historischen Bruchpunkten betrachtet, allgemein genug, um auf die verschiedensten Regionen und Kulturen angewendet werden zu k\u00f6nnen. Dies betrifft insbesondere die Klassenverh\u00e4ltnisse, die sich unmittelbar um den gesellschaftlichen Arbeitsprozess herausbilden und sich in Eigentums- und Ausbeutungsverh\u00e4ltnissen reproduzieren.<\/p>\n<p>Bekanntlich postulierte Marx, dass es vor dem Kapitalismus im Wesentlichen vier verschiedene historische Produktionsweisen gab: den Urkommunismus, die Sklavenhaltergesellschaft, den Feudalismus und die asiatische Produktionsweise&nbsp;<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn64\">[lxiv]<\/a>. Marx behauptete keinesfalls eine notwendige Stufenleiter, die hier bis zur Moderne durchlaufen werden m\u00fcsse. Schon die asiatische Produktionsweise passt hier nicht in ein solches Stufenschema. Immerhin hat sie zumeist Elemente der anderen Gesellschaftsformationen wie Gemeinschaftseigentum (wie im Urkommunismus) der Dorfgemeinde verkn\u00fcpft mit Abgaben an die Autorit\u00e4ten (wie im Feudalismus), aber auch SklavInnen im Dienst dieser Autorit\u00e4ten (wie in der antiken Sklavenhaltergesellschaft). Tats\u00e4chlich hat die stalinistische Karikatur des historischen Materialismus diesen zu einem quasi-deterministischen Entwicklungsmodell vereinfacht \u2013 und dabei konsequent die st\u00f6rende asiatische Produktionsweise unter den Tisch fallen lassen.<\/p>\n<p>Dies ist deswegen so wichtig, da die sozialistischen\/kommunistischen Parteien der (halb-)kolonialen Welt zumeist diesem mechanistischen Entwicklungsmodell gefolgt sind. Ihre Analyse der \u201eR\u00fcckst\u00e4ndigkeit\u201c ihrer L\u00e4nder war dann: Entscheidendes Entwicklungshemmnis sind die \u201efeudalen \u00dcberreste\u201c (wenn nicht gar noch das Vorherrschen des Feudalismus, besonders durch den Gro\u00dfgrundbesitz). Kolonialismus und Feudalismus sind gemeinsame Feinde aller an der Entwicklung \u201eder Nation\u201c interessierten, auch der \u201enationalen Bourgeoisie\u201c. Durch die geringe Entwicklung des Kapitalismus sind sowohl die nationale Bourgeoisie als auch die ArbeiterInnenklasse weniger stark als in \u201emodernen Gesellschaften\u201c, wohingegen die arme Bauern-\/B\u00e4uerinnenschaft die am meisten ausgebeutete Klasse sei. Das vordringlichste Ziel sozialistischer Parteien m\u00fcssten unter diesen Bedingungen die nationale Unabh\u00e4ngigkeit und die \u00dcberwindung der r\u00fcckst\u00e4ndigen, feudalen Verh\u00e4ltnisse sein, d.&nbsp;h., zun\u00e4chst b\u00fcrgerlich-demokratische Verh\u00e4ltnisse und eine \u201emoderne Gesellschaft\u201c (d.&nbsp;h. einen entwickelten Kapitalismus) zu erk\u00e4mpfen, im B\u00fcndnis mit nationaler Bourgeoisie und Bauern-\/B\u00e4uerinnenschaft. Erst dies w\u00fcrde die Voraussetzung f\u00fcr eine weitergehende, sozialistische Entwicklung schaffen. Wir werden sp\u00e4ter darstellen, dass weder die Analyse von den \u201efeudalen \u00dcberresten\u201c (mit Abstraktion von anderen vor- oder nicht-kapitalistischen Gesellschaftselementen) noch das Absehen von der Strukturierung der kolonialen Gesellschaften und \u00d6konomien durch den Weltkapitalismus dem historischen Materialismus und einer darauf aufbauenden revolution\u00e4ren Strategie gerecht werden.<\/p>\n<p>Das Scheitern dieser Strategie, die sich f\u00e4lschlicherweise auf den Marxismus berufen hat, hat dann zugleich auch \u201eden historischen Materialismus\u201c (d.&nbsp;h. die Karikatur desselben) diskreditiert. Die nationalen Bourgeoisien haben, wenn es kritisch wurde, immer lieber mit den \u201er\u00fcckst\u00e4ndigen\u201c Kr\u00e4ften oder den imperialistischen M\u00e4chten zusammengearbeitet als mit \u201edem Volk\u201c. Jede \u201eVolksfront\u201c mit der Bourgeoisie war letztlich ein Massengrab f\u00fcr die Organisationen, die ArbeiterInnen, Landproletariat oder kleine Bauern und B\u00e4uerinnen organisiert haben. Die \u201eunabh\u00e4ngigen\u201c, \u201edemokratischen\u201c Staaten dienten weniger der Entwicklung moderner \u00d6konomien mit entsprechenden Sozialsystemen als vielmehr der Durchsetzung der Ausbeutungsinteressen von nationaler und internationaler Bourgeoisie im Verbund mit \u201er\u00fcckst\u00e4ndigen\u201c Besitzklassen aller Art. Die Entt\u00e4uschung \u00fcber die tats\u00e4chlichen Ergebnisse der \u201eDekolonisation\u201c, die wiederum in die Entbehrungen der abh\u00e4ngigen (Unter-)Entwicklung f\u00fchrte, mussten zumeist repressiv und diktatorisch abgesichert werden \u2013 auch gegen die sozialistischen Organisationen und Gewerkschaften, die trotz ihrer Politik ein Hindernis f\u00fcr die neue, neokoloniale Ordnung waren.<\/p>\n<p>In der \u201epostkolonialen Theorie\u201c, wie sie im Laufe der 1990er Jahre unter anderem in Indien entwickelt wurde, erscheint das obige Modell, das man eigentlich als \u201eeurozentristisch\u201c abgelegt haben will, noch wie in einem zerbrochenen Spiegel. Eines der zentralen Motive der Theorie ist die These der \u201eDominanz ohne Hegemonie\u201c&nbsp;<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn65\">[lxv]<\/a>: Anders als im globalen Norden habe sich die Bourgeoisie in der Peripherie als zu schwach erwiesen, um tats\u00e4chlich \u201edie Macht\u201c zu ergreifen, alle die Entwicklung des Kapitalismus hemmenden Relikte zu beseitigen. Sie h\u00e4tte zwar durch die \u00f6konomische Vorherrschaft des Kapitalismus eine Dominanz \u00fcber die Gesellschaft erlangt, sei aber weit davon entfernt, die Hegemonie \u00fcber sie auszu\u00fcben. Es g\u00e4be eine Menge von sozialen Beziehungen (nicht nur was alte Grundbesitzerschichten betrifft, sondern auch spezielle solidarische Strukturen der \u201eSubalternen\u201c), die der b\u00fcrgerlichen Vorherrschaft Grenzen setzen. Damit spielen aber auch \u201eeurop\u00e4ische Begriffe\u201c wie Nation, Klasse, nationale Entwicklung eine \u201efalsche Rolle\u201c, die f\u00fcr die Opfer der \u201eEntwicklung\u201c nichts Gutes bringen k\u00f6nnen. Nicht in der \u201eEntwicklung der Nation\u201c, sondern in der Besinnung auf die St\u00e4rken der eigenen subalternen Kulturen und Netzwerke liege der Ausweg aus Abh\u00e4ngigkeit und Fremdbestimmung&nbsp;<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn66\">[lxvi]<\/a>.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst einmal war auch im globalen Norden das Ziel der Bourgeoisie nie die Entwicklung einer modernen, sozialen Gesellschaft \u2013 sondern schlicht die Verwertung des Kapitals und das Wegr\u00e4umen aller Hindernisse, die dem im Weg stehen. Dies gelang nat\u00fcrlich nirgends vollst\u00e4ndig \u2013 immerhin ist in der Verwertung des Kapitals schon selbst der Klassenwiderspruch angelegt (die Bestimmung der Grenze von notwendiger Arbeit zu Mehrarbeit). Kapitalistische Gesellschaft ist daher immer von Klassenk\u00e4mpfen und der Herstellung von zeitweisen, periodischen Kompromissen, bedingt durch das Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis zwischen den Klassen, gepr\u00e4gt. Aufgrund des zentralen Klassenwiderspruchs ist das Kapital, wie Marx in den \u201eTheorien \u00fcber den Mehrwert\u201c ausgef\u00fchrt hat, auch zur Integration einer gro\u00dfen Menge an \u00fcberkommenen Klassen und Schichten (GrundbesitzerInnen, B\u00fcrokratie, privilegierte St\u00e4nde, Kleinb\u00fcrgertum aller Art etc.) gezwungen bzw. gibt ihrer Alimentierung spezielle Wertformen (Grundrente, Honorare, staatliche Einkommen aller Art, \u2026). Erst auf dieser Grundlage baut sich die b\u00fcrgerliche Hegemonie auf, als Verschleierung der eigentlich grundlegenden Klassenherrschaft. Dass die Bourgeoisie nicht als \u201eHauptdarstellerin\u201c der Szenerie auftritt, ist gerade nicht ein Zeichen mangelnder Hegemonie, sondern ist die Normalform einer um die Macht der Kapitalverwertung und der daraus folgenden Alimentierung aller anderen besitzenden Schichten organisierten Gesellschaft. Der Mythos von der nicht an der Macht seienden Bourgeoisie in den Halbkolonien ist eigentlich eine Wiederholung der falschen stalinistischen Orientierung auf den \u201eFortschritt\u201c, den die nationale Bourgeoisie durch die Schaffung eines m\u00e4chtigen, unabh\u00e4ngigen Nationalstaates im Verbund mit den Volksklassen hervorbringen w\u00fcrde. Dass die Bourgeoisie in den Halbkolonien stattdessen jede Menge r\u00fcckst\u00e4ndiger Verh\u00e4ltnisse integriert hat, hei\u00dft dagegen \u00fcberhaupt nicht, dass sie nicht gerade dar\u00fcber ihre Macht in geeigneter Weise aus\u00fcbt. Schlie\u00dflich bleibt die Bourgeoisie in den Halbkolonien selbst eine vom internationalen Kapital und dessen weltpolitischen AkteurInnen abh\u00e4ngige Klasse. Das Zusammenwirken von internationaler Kapitalherrschaft und der nationalen Stellung der Bourgeoisie bestimmt auch letztlich die inneren Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse zu ihren Gunsten.<\/p>\n<p>Die Dependenztheorie, allen voran Frank, hat bereits in den 1960er Jahren in ganz anderer Weise mit dem stalinistischen Modell der antikolonialen Entwicklung gebrochen: Frank erkl\u00e4rte in seinen Lateinamerika-Studien die These von den \u201efeudalen \u00dcberresten\u201c f\u00fcr Unsinn und die nationalen Bourgeoisien f\u00fcr das Haupthindernis der Entwicklung in den Halbkolonien. Zu Recht kritisiert Frank in seiner auch heute noch lesenswerten Studie \u201eKapitalismus und der Mythos des Feudalismus in der brasilianischen Landwirtschaft\u201c<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn67\">[lxvii]<\/a>&nbsp;die Vorstellung von zwei getrennten Sektoren in Halbkolonien: dem entwickelten industriellen Bereich, der den Kapitalismus repr\u00e4sentiere, gegen\u00fcber der r\u00fcckst\u00e4ndigen, von Gro\u00dfgrundbesitz gekennzeichneten Landwirtschaft, der den Feudalismus verk\u00f6rpere. Die Vorstellung eines feudalistischen Sektors stimmt mit der Charakteristik von feudalen Gesellschaften \u00fcberein, in sich weitgehend geschlossen, von pers\u00f6nlichen Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnissen und geringer Ver\u00e4nderungsdynamik gekennzeichnet zu sein. Am Beispiel der brasilianischen Landwirtschaft, die wegen der gro\u00dfen Rolle bestimmter Gro\u00dfgrundbesitzerfamilien hier ein gutes Beispiel zu sein scheint, zeigt Frank, dass dies mit der Realit\u00e4t wenig zu tun hat. Tats\u00e4chlich waren L\u00e4nder wie Brasilien gerade in ihrem Agrarbereich (Zucker, Kaffee, Fleisch, etc.) immer schon stark in eine von den kapitalistischen Zentren und ihren Handelsinteressen bestimmte internationale Arbeitsteilung eingebunden, die ihnen gerade die Rolle als Agrarproduzentinnen zuwies (im Gegensatz zu anderen L\u00e4ndern, die f\u00fcr bestimmte Industrien oder Bergbau auserkoren wurden). Dies bedeutete auch, dass diese Landwirtschaft stark von kapitalistischen Organisationsprinzipien und Verwertungsprinzipien bestimmt war. In mehreren Wellen kann man die verst\u00e4rkte Kapitalisierung (im Bezug von Saatgut, D\u00fcnger, Arbeitsmitteln \u2026) feststellen wie auch die Einbindung in gro\u00dfe Handelsmonopole. Sowohl von der Kapitalseite (Kreditfinanzierung, Kapitalgesellschaften als Eigent\u00fcmerinnen, wachsende Konzentration, \u2026) als auch von der Arbeitsseite (Pachtsystem, Lohnarbeitssystem nach Aufhebung der Sklaverei, Vertreibung von vormals \u201eeigentumslosen\u201c LandbewohnerInnen \u2026) ist diese Landwirtschaft sogar st\u00e4rker kapitalistisch organisiert als die vieler europ\u00e4ischer L\u00e4nder.<\/p>\n<p>Die Kritik an der Vorstellung der getrennten Sektoren \u2013 von den Metropolen dominierter Weltmarkt und ihre Satelliten in der Halbkolonie, nationale Industrie, r\u00fcckst\u00e4ndige Landwirtschaft \u2013 ist sicherlich ein sehr wichtiger Punkt. Wie wir oben gesehen haben, sind die verschiedenen Produktions- und Zirkulationssph\u00e4ren zwar differenziert, aber doch durch die globalen und regionalen Akkumulationsbewegungen eng miteinander verflochten. Frank geht hier, wie schon dargestellt, von einem hierarchischen Weltsystem aus, in dem von Stufe zu Stufe eine Absch\u00f6pfung von Surplus Richtung Metropolen stattfindet. Insofern st\u00fcnden damit Landwirtschaft, lokale Industrie und Exportsektoren in einem Zusammenhang, der sich wesentlich aus der kapitalistischen Struktur des globalen Kapitalismus ableitet. Auch wenn sein Monopol- und Surplusbegriff ungen\u00fcgend ist, die Funktionsweise und Dynamik des globalen Kapitalismus richtig zu erfassen, ist diese Schlussfolgerung sicherlich richtig und wesentlich fruchtbarer als die heutigen postkolonialen Theorien.<\/p>\n<p><strong>Immanuel Wallerstein<\/strong><\/p>\n<p>Diese beherrschende Funktion des kapitalistischen Gesamtsystems f\u00fcr den Zusammenhang der widerspr\u00fcchlichen Teile wird noch st\u00e4rker betont von einem anderen Exponenten aus dem Umfeld der Dependenztheorie, dem k\u00fcrzlich verstorbenen Immanuel Wallerstein<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn68\">[lxviii]<\/a>. Wallerstein sieht alle L\u00e4nder, welchen Entwicklungsstand sie auch haben m\u00f6gen, seit dem 16. Jahrhundert als Bestandteile eines einzigen, kapitalistischen \u201eWeltsystems\u201c. Kulturen und \u00d6konomien w\u00e4ren seit einer gewissen Stufe der Zivilisation immer schon Bestandteile von solchen Weltsystemen gewesen, d.&nbsp;h. eines Netzwerks von kulturellen, politischen und \u00f6konomischen Beziehungen unterschiedlicher L\u00e4nder, die normalerweise keinen \u00fcbergreifenden Staat bilden (au\u00dfer in den besonderen Umst\u00e4nden von \u201eImperien\u201c). Im 16. Jahrhundert nun sei es dem Kapitalismus gelungen, alle bis dahin bestehenden Weltsysteme (insbesondere durch die Einbeziehung Asiens in den europ\u00e4ischen \u201eWeltmarkt\u201c) in ein einziges kapitalistisches System einzugliedern. Das Akkumulationsprinzip des Kapitalismus sei besonders geeignet f\u00fcr eine solche globale Zusammenfassung. Andererseits erfordern Monopolbildung und die Durchsetzung von deren Interessen die St\u00e4rkung der Staaten, die mit diesen Monopolen verbunden sind. Auch bei Frank sind es die Monopole, die eine Hierarchie von Zentrum bis Peripherie herausbilden, die auch das System der Staaten und ihrer Beziehungen bestimmt. Dabei f\u00fchrt Wallerstein zus\u00e4tzlich die Kategorie von \u201esemiperipheren\u201c L\u00e4ndern ein, die zeitweise eine unabh\u00e4ngigere Stellung, mitsamt besserer Akkumulationsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr ihre Monopole hervorbringen k\u00f6nnen \u2013 um in einem n\u00e4chsten Zyklus wieder zur\u00fcckzufallen. Auch wenn Wallerstein eine sehr gering entwickelte eigene Akkumulationstheorie besitzt (im Wesentlichen geht er davon aus, dass ohne Monopolisierung und Staatseingriffe die Akkumulation durch Profitratenfall und Absatzprobleme zugrunde gehen w\u00fcrde), erkennt er zurecht, dass das kapitalistische Weltsystem grundlegend von der Tendenz zur Krise gepr\u00e4gt ist. Er geht von langfristigen Zyklen aus, in denen sich bestimmte Monopolstrukturen herausbilden, die aber in sich verkrusten und durch konkurrierende aufsteigende MonopolaspirantInnen herausgefordert werden. Dies w\u00fcrde weltweite Krisenzyklen von etwa 20\u2013 30 Jahren Dauer bewirken, in denen sich jeweils das Gesicht des Weltsystems grundlegend \u00e4ndert.<\/p>\n<p>Gleichzeitig sieht Wallerstein mit dem Weltsystem eine universelle Geokultur am Wachsen, die aber durch Beharrungskr\u00e4fte, Rassismus und Sexismus zu einem widerspr\u00fcchlichen Ganzen zusammenwirkt. Grundlegend sieht er die globale Tendenz zur \u00dcberwindung des Kapitalismus als Grundlage des Weltsystems in dieser Geokultur zunehmen. Jedoch ist es unm\u00f6glich, ein solches totales Weltsystem in einem seiner Teile (in einem Land oder einer Region) zu transformieren. Diese \u00dcberwindung sei nur global, weltweit m\u00f6glich. Wallerstein sieht die Welt heute in einer solchen Fundamentalkrise:&nbsp;<em>\u201eDiese Krise mag auch noch 25 bis 50 Jahre andauern. Da ein zentrales Merkmal einer solchen \u00dcbergangsphase ist, dass wir wilde Oszillationen all jener Strukturen und Prozesse erleben, die wir als festen Bestandteil des gegebenen Welt-Systems kennen gelernt haben, stellen sich unsere kurzfristigen Aussichten notwendigerweise als ziemlich instabil heraus\u201c&nbsp;<\/em><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn69\">[lxix]<\/a>.<\/p>\n<p>Ausdruck dieser instabilen Lage sei die Aufgabe des \u201eDevelopmentalismus\u201c (sowohl gegen\u00fcber Halbkolonien als auch, was die \u00dcberwindung sozialer Gegens\u00e4tze im Zentrum betrifft) und die Hegemonie des \u201eNeoliberalismus\u201c einerseits (\u00d6ffnung der M\u00e4rkte, Privatisierung, Abbau von Regulierungen \u2026), sowie im Verh\u00e4ltnis zu den Halbkolonien die Unterordnung unter den \u201eWashington Consensus\u201c (Primat der internationalen M\u00e4rkte f\u00fcr \u201eAnpassungsprogramme\u201c in den Halbkolonien). Die internationalen Institutionen seien zu reinen Umsetzungsorganen dieser Prinzipien geraten, die nur noch zur Dekoration den Begriff der \u201eEntwicklung\u201c verwenden. Damit habe man eine weltweite Polarisierung hervorgebracht, die starke Gegenkr\u00e4fte und globale \u201eAnti-System Bewegungen\u201c hervorbringen w\u00fcrden, die sich besonders auch gegen diese Institutionen und die dahinter liegende Krisenregulierung namens \u201eGlobalisierung\u201c organisieren. Wallerstein und seine NachfolgerInnen wurden damit intellektuelle MentorInnen der \u201ealtermondialistischen\u201c Bewegung (\u201eeine andere Welt ist m\u00f6glich\u201c).<\/p>\n<p>In seinen historischen Abhandlungen zum Kolonialismus hat Wallerstein ebenfalls das \u00fcbliche Muster der stalinistischen Entwicklungsstufen kritisiert, besonders ihr Beharren auf den \u201efeudalen Strukturen\u201c, die angeblich \u00fcberall in der kolonialisierten Welt konserviert worden w\u00e4ren. Zu Recht bemerkt Wallerstein, dass Feudalismus au\u00dferhalb von Europa nur sehr selten \u00fcberhaupt als historisches Stadium eines ganzen Landes zu finden war \u2013 Japan stellt hier eher eine seltene Ausnahme dar. Wie schon andere vor ihm hat auch Wallerstein hier die \u201easiatische Produktionsweise\u201c als theoretische Errungenschaft des Marxismus rehabilitiert. Tats\u00e4chlich sind in vielen L\u00e4ndern, die von der europ\u00e4ischen Expansion betroffen waren, zun\u00e4chst viele Elemente von Gemein- oder Claneigentum Hindernisse und dann auch Opfer der Herausbildung des kolonialen Kapitalismus geworden. Die Oligarchien, die sich zuvor \u00fcber den lokalen Gemeinschaften und feudalen Teilsystemen erhoben, waren sehr viel schneller in der Lage, sich in kapitalistische Eigent\u00fcmerInnen, Gro\u00dfgrundbesitzerInnen, B\u00fcrokratInnen im kolonialen System zu verwandeln.<\/p>\n<p>Rosa Luxemburg hat dies in ihrem ber\u00fchmten Buch \u201eDie Akkumulation des Kapitals\u201c&nbsp;<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn70\">[lxx]<\/a>&nbsp;eindrucksvoll anhand der Geschichte Algeriens in der franz\u00f6sischen Kolonialzeit dargestellt&nbsp;<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn71\">[lxxi]<\/a>. Dabei macht sie klar, dass der Kolonialismus wesentliche Elemente der urspr\u00fcnglichen Akkumulation perpetuiert. Schon Marx hatte im Kapitel \u00fcber den Kolonialismus in \u201eDas Kapital\u201c festgestellt, dass er vor allem die Aspekte der urspr\u00fcnglichen Akkumulation nachholt, die zur Schaffung eines Proletariats f\u00fchren \u2013 weniger diejenigen, die zur Bildung von Kapital dienen. Immerhin ist er als Raubsystem mitels des merkantilen Kapitals ja ein wichtiger Faktor bei der Formierung des europ\u00e4ischen Kapitalismus gewesen. Das Werk der urspr\u00fcnglichen Akkumulation stie\u00df auch in der kolonialen Welt auf vielf\u00e4ltige vorkapitalistische Strukturen, die sich einer warenf\u00f6rmigen Organisation stark entgegensetzen. W\u00e4hrend feudaler Grundbesitz \u00fcber Pachtsysteme, Verschuldung, Landverkauf etc. relativ leicht in kapitalistische Verh\u00e4ltnisse \u00fcberf\u00fchrt werden kann, entziehen sich Elemente der Gemeinnutzung durch ihre Marktferne dieser Transformation sehr viel st\u00e4rker. Luxemburg beschreibt die Verh\u00e4ltnisse in Algerien zu Beginn der Kolonialzeit (1830) auf dem Land als mehrheitlich von Claneigentum gekennzeichnet. Die \u201eEigent\u00fcmerinnen\u201c des Landes waren wechselnde Oligarchien, die zwar Abgaben erhoben, aber ohne das Wirtschaften der Clans gro\u00df zu bestimmen. Der Erwerb dieses \u201eEigentums\u201c durch die KolonialistInnen \u00e4nderte daher aus der Sichtweise der Clans nichts an ihren Rechten auf \u201eihr\u201c Land \u2013 anders aus Sicht der kapitalistischen ErwerberInnen. Dies musste notwendigerweise zu einem harten Aufeinandertreffen von \u201eRechtsvorstellungen\u201c f\u00fchren, das zumeist in Vertreibungen oder blutigem Widerstand m\u00fcndete. \u201e<em>Die planm\u00e4\u00dfige, bewusste Vernichtung und Aufteilung des Gemeineigentums, das war der unverr\u00fcckbare Pol, nach dem sich der Kompass der franz\u00f6sischen Kolonialpolitik ungeachtet aller St\u00fcrme im Inneren des Staatslebens w\u00e4hrend eines halben Jahrhunderts richtete\u201c<\/em>&nbsp;<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn72\">[lxxii]<\/a>. Dies einerseits sicherlich zur Sicherung der eigenen Herrschaft, andererseits um \u00fcberhaupt kapitalistische Verh\u00e4ltnisse herzustellen. Die Vertreibung vom Gemeineigentum war die Voraussetzung f\u00fcr die Schaffung eines landlosen Proletariats als Grundlage f\u00fcr Kapitalverwertung. Insbesondere war aber die Durchsetzung des Privateigentums am Land auch die Voraussetzung f\u00fcr intensive, kapitalistische Landwirtschaft, wie diese auch die Lebensmittel in Waren umwandelt, die nur gegen Geld zu erlangen sind. So war dieser Prozess der Entwicklung einer \u201efortschrittlichen\u201c Landwirtschaft zugleich ein Prozess der massenhaften Vernichtung von Lebensbedingungen, von gro\u00dfen Hungersn\u00f6ten unter denen, die pl\u00f6tzlich durch den Markt von dem getrennt waren, was sie bisher in Gemeinwirtschaft sich erarbeiten konnten. Kapitalisierung der Landwirtschaft, Zerst\u00f6rung der Dorfwirtschaften, Verwandlung allen Bodens in Privateigentum, Durchsetzung des Marktes als alleinigen Zugangspunkt zu Lebensmitteln, all das sind die Elemente der urspr\u00fcnglichen Akkumulation, deren Werk der Kolonialismus in unterschiedlichen Auspr\u00e4gungen \u00fcberall verrichtet hat.<\/p>\n<p>Insofern sind weiterhin bestehende \u201einformelle\u201c Sektoren, Subsistenzwirtschaft, Besetzung und Nutzung von \u201eeigentumslosem\u201c Land genauso wie \u201eillegale\u201c Siedlung und die Vorgehensweise dagegen der Beweis, dass dieses Werk der urspr\u00fcnglichen Akkumulation von den neuen Oligarchien der postkolonialen Welt genauso fortgesetzt wird und tats\u00e4chlich ein wichtiges Zeichen ihrer fortgesetzten kolonialen Strukturen ist. Es sind weniger \u00fcbriggebliebene \u201efeudale Reste\u201c als vielmehr tief in den Unterschichten verankerte nicht marktf\u00f6rmige Lebens- und Arbeitsweisen, die sich f\u00fcr die Kapitalentwicklung als Schranken erweisen. Sie begrenzen das Arbeitskr\u00e4ftepotential, das verf\u00fcgbare Land, die m\u00f6gliche Nachfrage auf den Konsumm\u00e4rkten etc. und tragen zur Festsetzung eines niedrigeren Lohnniveaus bei. Andererseits bilden sie eine best\u00e4ndige Quelle des Aufstands gegen Kapitalverh\u00e4ltnisse, gegen fortgesetzte Enteignung und f\u00fcr solidarische gesellschaftliche Beziehungen. Wie die Landlosenbewegung in Brasilien (MST) und sp\u00e4ter die Bewegung der Favela-BewohnerInnen (MTST) zeigte, kann dies zu einer stabilen langfristigen Organisierung f\u00fchren, die in ein enges B\u00fcndnis zur organisierten ArbeiterInnenbewegung tritt. Der Terror des Agrarkapitals gegen die MST, der Kampf um besetztes Land, die Verteidigung gegen die R\u00e4umung von Favelas etc. zeigen, dass die Konflikte des Kolonialkapitals nur eine neue Form angenommen haben: Das agierende Kapital bleibt das gleiche, ob in kolonialer oder dekolonialisierter Verkleidung.<\/p>\n<p><strong>Agrarfrage, kapitalistische Entwicklung und soziale Revolution<\/strong><\/p>\n<p>Aus dem Jahr 1881 stammt ein Briefwechsel von Karl Marx mit der jungen russischen Revolution\u00e4rin Wera Sassulitsch<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn73\">[lxxiii]<\/a>&nbsp;\u00fcber die Bedeutung der russischen Dorfgemeinschaft, der sogenannten Obschtschina (oder Mir). In Russland hatten sich bis zu dieser Zeit Elemente des Gemeineigentums in den agrarischen Dorfgemeinschaften gehalten, wenn auch traditionell kombiniert mit einem System von Abh\u00e4ngigkeiten und Abgaben in Richtung Gro\u00dfgrundbesitzerInnen bzw. Staat. Sassulitsch nahm Bezug auf die \u201eoffiziellen\u201c MarxistInnen in Russland, die den Untergang der alten Dorfgemeinschaften als \u201ehistorisch notwendige\u201c Voraussetzung f\u00fcr die Entwicklung Russlands ansahen, w\u00e4hrend die \u201eVolkst\u00fcmlerInnen\u201c dem Dorf eine zentrale Rolle f\u00fcr den \u00dcbergang zum Sozialismus beima\u00dfen.<\/p>\n<p>Marx arbeitete sich an dieser Fragestellung in vier Antwortentw\u00fcrfen<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn74\">[lxxiv]<\/a>&nbsp;ab, um dann (aufgrund pers\u00f6nlicher Umst\u00e4nde) nur eine sehr knappe Antwort zu schreiben. Die Briefentw\u00fcrfe werfen jedoch sehr zentrale Fragen zum Entwicklungsbegriff auf, die zu einer starken Nachwirkung in Teilen des Marxismus bis heute gef\u00fchrt haben. Schon in einer Antwort auf eine Frage einer russischen Zeitung 4 Jahre zuvor nach der Notwendigkeit des Nachholens der&nbsp;<em>\u201eurspr\u00fcnglichen Akkumulation\u201c<\/em>&nbsp;in Russland schrieb Marx, dass man seine&nbsp;<em>\u201ehistorische Skizze von der Entstehung des Kapitalismus in Westeuropa\u201c<\/em>&nbsp;nicht in eine&nbsp;<em>\u201egeschichtsphilosophische Theorie des allgemeinen Entwicklungsganges verwandeln\u201c<\/em>&nbsp;solle,&nbsp;<em>\u201eder allen V\u00f6lkern schicksalsm\u00e4\u00dfig vorgeschrieben ist, was immer die geschichtlichen Umst\u00e4nde sein m\u00f6gen\u201c<\/em>&nbsp;<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn75\">[lxxv]<\/a>. Er erinnert dabei daran, dass die Vertreibung der Bauern\/B\u00e4uerinnen vom Land im alten Rom, anders als im Britannien der Industrialisierung, diese nicht zu ProletarierInnen im modernen Sinne, sondern zu plebejischen Anh\u00e4ngseln der auf Sklavenarbeit beruhenden Produktionsweise gemacht hat \u2013 und meint dazu:&nbsp;<em>\u201eWenn man jede dieser Entwicklungen f\u00fcr sich studiert und sie dann miteinander vergleicht, wird man leicht den Schl\u00fcssel zu dieser Erscheinung finden, aber man wird niemals dahin gelangen mit dem Universalschl\u00fcssel einer allgemeinen geschichtsphilosophischen Theorie, deren gr\u00f6\u00dfter Vorzug darin besteht, \u00fcbergeschichtlich zu sein\u201c&nbsp;<\/em><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn76\">[lxxvi]<\/a>.<\/p>\n<p>Auf Marx kann sich also niemand berufen, der von \u201enotwendigen Etappen\u201c oder einer mechanischen Anwendung von Entwicklungsschemata ausgeht. Stattdessen ist die konkrete, historische Analyse auf der Grundlage eines Verst\u00e4ndnisses des Werdegangs, der Widerspr\u00fcche und der Entwicklungsm\u00f6glichkeiten der untersuchten gesellschaftlichen Formation notwendig. Marx betont nochmals in seiner Antwort an Sassulitsch, dass seine Analyse der \u201eurspr\u00fcnglichen Akkumulation\u201c von den in Westeuropa vorherrschenden Formen des Privateigentums ausging:&nbsp;<em>\u201eDas Privateigentum, das auf pers\u00f6nlicher Arbeit gegr\u00fcndet ist \u2026 wird verdr\u00e4ngt durch das kapitalistische Privateigentum, das auf der Ausbeutung der Arbeit andrer, der Lohnarbeit gegr\u00fcndet ist\u201c<\/em>&nbsp;<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn77\">[lxxvii]<\/a>. Das aus dem Feudalismus hervorgegangene b\u00e4uerliche Kleineigentum war f\u00fcr die Entstehungsgeschichte des Kapitalismus in Westeuropa so geeignet, weil es durch die Kapitalisierung des Bodens, die Verschuldung der Bauern\/B\u00e4uerinnen, die Umwandlung von Gemeindeland in Privateigentum etc. letztlich gro\u00dfe Teile der Landbev\u00f6lkerung enteignen konnte, um sie als ProletarierInnen in den st\u00e4dtischen Industrien nutzen zu k\u00f6nnen. Daher sei diese Entwicklung in einem Land wie Russland, in dem das b\u00e4uerliche Privateigentum nie eine \u00e4hnliche Rolle gespielt hat, eben auch nicht einfach \u00fcbertragbar:&nbsp;<em>\u201eWeil in Ru\u00dfland, dank eines einzigartigen Zusammentreffens von Umst\u00e4nden, die noch im nationalen Ma\u00dfstab vorhandene Dorfgemeinde sich nach und nach von ihren primitiven Wesensz\u00fcgen befreien und sich unmittelbar als Element der kollektiven Produktion in nationalem Ma\u00dfstab entwickeln kann\u201c<\/em>&nbsp;<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn78\">[lxxviii]<\/a>.<\/p>\n<p>Marx f\u00fchrt hier die M\u00f6glichkeit an, dass aufgrund der Entwicklung um Russland herum, dieses viele Stufen, die in anderen L\u00e4ndern m\u00fchsam durchlaufen werden mussten, \u00fcberspringen k\u00f6nne. Wenn dies in Bezug auf das Fabriksystem und die Herausbildung einer modernen Zirkulationssph\u00e4re m\u00f6glich gewesen sei, warum nicht auch in Bezug auf eine kollektivierte Landwirtschaft, wenn diese wiederum Teil einer proletarischen Umw\u00e4lzung in ganz Europa, einschlie\u00dflich Russlands ist?<\/p>\n<p>Anders als dies viele InterpretInnen der Sassulitsch-Briefe herauszulesen meinten, zeichnet Marx ein durchaus kritisches Bild der russischen Dorfgemeinde und macht daraus keineswegs ein kommunistisches Landkommunen-Idyll, das es zu verallgemeinern gelte:<\/p>\n<p>Erstens handelt es sich um ein Relikt aus der langen Geschichte des Verfalls von Urgemeinschaften, die viele Unterschiede, aber auch gemeinsame Stufen des \u00dcbergangs in andere Produktionsformationen aufweisen. D\u00f6rfliche Agrarwirtschaft mit gemeinsamer Haushaltung und Arbeit gro\u00dfer Familienverb\u00e4nde in einer beanspruchten Dom\u00e4ne erwies sich \u00fcber viele wechselnde Produktionsweisen als sehr widerstandsf\u00e4hig, gleichzeitig aber auch limitiert, was ihre \u00f6konomische Leistungsf\u00e4higkeit anbelangt, und damit in entsprechendem Umfeld letztlich zum Untergang verurteilt. Darin einbegriffen ist nach Marx, dass es viele \u00dcbergangsformen gibt, in denen das Gemeineigentum (z.&nbsp;B. an Ger\u00e4tschaften, Waldnutzung, besonderen Ernteereignissen) kombiniert wird mit privatem Eigentum an Parzellen oder Einzelh\u00e4usern. Familienbande und patriarchale Strukturen sind nicht nur Schutz, sondern auch Elemente der R\u00fcckst\u00e4ndigkeit, pers\u00f6nlicher Abh\u00e4ngigkeit und sozialer Unterdr\u00fcckung. Durch den Kontakt mit der Au\u00dfenwelt l\u00f6st sich die Dorfgemeinde besonders durch den notwendigen Zerfall dieser Schranken zugunsten der Absonderung der privaten Parzellenbauern\/-b\u00e4uerinnen im Verbund mit den sich ausweitenden lokalen und \u00fcberregionalen M\u00e4rkten auf.<\/p>\n<p>Wenn Marx davon spricht, dass die Entwicklung Russlands diesen Aufl\u00f6sungsprozess lange verz\u00f6gert hat, so spricht er damit etwas aus, das nat\u00fcrlich auf viele L\u00e4nder au\u00dferhalb Europas zutrifft. Im zaristischen Russland kam hinzu, dass die zentrale Agrarreform, die sogenannte \u201eAbschaffung der Leibeigenschaft\u201c von 1861, stark auf die Funktion der alten Obschtschina angewiesen war. Als Kompromiss mit der adeligen Gro\u00dfgrundbesitzerschaft wurde den \u201ebefreiten\u201c Bauern\/B\u00e4uerinnen vor allem das schlechtere Land zugeteilt bzw. f\u00fcr ihr \u201cLos\u201c auch noch ein Kaufpreis abverlangt, den sie \u00fcber Kredite und Abgaben zu finanzieren hatten. Nur \u00fcber die Dorfgemeinschaft, die die gemeinsame Bewirtschaftung und die finanziellen Abgaben b\u00fcndelte, konnte der Teil der Landbev\u00f6lkerung, der sich nicht gleich wieder an die GrundbesitzerInnen verkaufte, \u00fcberleben. So standen noch zu Zeiten der 1905er Revolution \u00fcber 9 Millionen Dorfgemeinden gerade mal 2 Millionen privaten Kleinbauern\/-b\u00e4uerinnen gegen\u00fcber. Russland war hier nur ein Vorl\u00e4ufer vieler \u201eAgrarreformen\u201c, die im Namen der \u201eGerechtigkeit auf dem Lande\u201c zu einer Ausdehnung des Gro\u00dfgrundbesitzes auf kapitalistischer Basis bei gleichzeitiger Wiedererstehung oder Transformation alter Formen des Kommunenwesens f\u00fchrten. Wie Lenin zu Recht in seiner Analyse der Bauern-\/B\u00e4uerinnenwirtschaften zu Beginn des 20. Jahrhunderts nachwies, waren die \u201eDorfgemeinschaften\u201c ein Anh\u00e4ngsel der Agrarbourgeoisie, an die sie verschuldet waren und von deren Handelsorganisationen sie abhing.<\/p>\n<p>Die agrarischen Solidargemeinschaften, wie sie in verschiedenen Weltregionen als \u00dcberbleibsel alter Produktionsformationen zu finden sind, sind einerseits Entwicklungshemmnisse:<\/p>\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>geringe Produktivit\u00e4t aufgrund zur\u00fcckgebliebener Produktivkr\u00e4fte (Werkzeuge, Maschinerie, Saatgut, D\u00fcngemittel \u2026);<\/li>\n<li>sie binden eine gro\u00dfe Zahl an wenig qualifizierter Arbeitskr\u00e4fte, die in diesen Produktionsformen gerade so \u00fcberleben k\u00f6nnen. Der \u00dcberfluss an Arbeitskraft befestigt die geringe Produktivit\u00e4t pro landwirtschaftlich Besch\u00e4ftigten;<\/li>\n<li>die traditionalen Strukturen zeigen gro\u00dfe Widerst\u00e4nde gegen Ver\u00e4nderung der Produktionsweise und damit auch Aufnahme von Wissen, neuen Verfahren etc.;<\/li>\n<li>die kleinteilige Struktur der Agrargemeinden verhindert die Wirkung positiver Skaleneffekte, die Gro\u00dfbetriebe erreichen k\u00f6nnen (Reduktion von Fixkosten, Mengeneffekte, Mechanisierung, Losgr\u00f6\u00dfenaufteilung gem\u00e4\u00df Bodenbeschaffenheit \u2026)<\/li>\n<li>f\u00fcr viele ihrer Beteiligten (z.&nbsp;B. Frauen, Kinder \u2026) stellen sie eher ein Gef\u00e4ngnis dar, das sie an zur\u00fcckgebliebene patriarchalische Strukturen bindet und geringe Bildungs- und Entfaltungsm\u00f6glichkeiten bietet.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die St\u00e4rke dagegen ist die zumeist garantierte gesicherte materielle Existenz in einer Solidargemeinschaft, auf welch geringen Niveau auch immer (nat\u00fcrlich gef\u00e4hrdet durch Naturkatastrophen oder menschengemachten Klimawandel). Daher ist es kein Wunder, dass in Krisenzeiten diese Solidargemeinschaften wieder stark zum Vorschein kommen. So auch in Russland, wo sie durch die liberalen Reformen nach 1905 (Stolypin-Reformen) gegen\u00fcber b\u00e4uerlichen Klein- und Gro\u00dfbetrieben stark zur\u00fcckgedr\u00e4ngt wurden: Mit der Not des ersten Weltkriegs kehrten sie massiv zur\u00fcck und wurden nach der Februarrevolution zu Zentren der Umverteilung des Landes an die Dorfgemeinschaften (\u201eschwarze Enteignung\u201c).<\/p>\n<p>Es ist kein Wunder, dass kapitalistische Gro\u00dfbetriebe im Agrarbereich regional und \u00fcber den Weltmarkt die b\u00e4uerliche Kleinproduktion durch ihre Produktivit\u00e4tsvorteile \u00fcber die Preiskonkurrenz verdr\u00e4ngen, sofern nicht staatliche Schutzma\u00dfnahmen oder das Ausweichen in Nischenbereiche helfen. Daher \u00fcberrascht es auch gegenw\u00e4rtig nicht, dass die Gr\u00f6\u00dfen landwirtschaftlicher Betriebe weiter zunehmen.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-24.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"440\" height=\"253\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-24.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-10667\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-24.jpg 440w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-24-300x173.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 440px) 100vw, 440px\" \/><\/a><figcaption>Abbildung 25: Unterschied von Anzahl landwirtschaftlicher Betriebe und Betriebsgr\u00f6\u00dfe\u00a0<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn79\">[lxxix]<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p>Weltweit gesehen sind es nur 2\u00a0% der agrarischen Betriebe, die \u00fcber zwei Drittel der landwirtschaftlichen Nutzfl\u00e4che bewirtschaften (also tats\u00e4chlich Gro\u00dfbetriebe sind). Dabei gibt es in einigen \u201eEntwicklungsl\u00e4ndern\u201c sogar die gr\u00f6\u00dften landwirtschaftlichen Betriebe mit \u00fcber 10.000 ha. Inzwischen werden solche Gro\u00dffl\u00e4chen auch zu starken Investitionsfeldern des multinationalen Kapitals. Dagegen gelten laut den Statistiken der FAO 80\u00a0% der landwirtschaftlichen Betriebe als Kleinbetriebe mit weniger als 2 ha. Von den weltweit gesch\u00e4tzten 580 Millionen landwirtschaftlichen Betrieben gelten 88\u00a0% als \u201eFamilienbetriebe\u201c. Von den 2,6 Milliarden Menschen, die heute in der Landwirtschaft arbeiten, arbeitet also ein Gro\u00dfteil weiter auf kleinster Fl\u00e4che, ist aber f\u00fcr einen Gro\u00dfteil der Nahrungsmittelversorgung der armen L\u00e4nder verantwortlich. Dabei ist der Begriff des \u201eFamilienbetriebs\u201c der FAO sehr weit gesteckt: er umfasst Kleinbauern\/-b\u00e4uerinnen, Dorfgemeinschaften, indigene Bewirtschaftung etc. (lt. FAO werden z.\u00a0B. auch 33\u00a0% der Waldfl\u00e4che der Welt \u201egemeinschaftlich\u201c bewirtschaftet). Die Bedeutung dieser Kleinbetriebe wird auch klar, wenn die FAO behauptet, dass sie f\u00fcr etwa 80\u00a0% der Nahrungsmittelgrundversorgung gerade in den \u201eEntwicklungsl\u00e4ndern\u201c verantwortlich sind. Folglich ist damit ihre Verdr\u00e4ngung durch die Weltmarktdominanz des globalen Agrobusiness f\u00fcr viele L\u00e4nder existenzbedrohend \u2013 wie man nach der Krise 2008\/2009, die zu einem starken Anstieg der Weltmarktreise f\u00fchrte, sehen konnte. Zus\u00e4tzlich gibt es eine starke regionale Differenzierung: W\u00e4hrend in Lateinamerika die gro\u00dffl\u00e4chige Landwirtschaft schon l\u00e4nger dominant ist, befindet sie sich in Asien und Afrika erst auf dem Vormarsch. Die Abbildung zeigt die durchschnittliche \u201eHofgr\u00f6\u00dfe\u201c nach Region in ha. Daher ist es kein Wunder, dass in weiten Teilen Afrikas und Asiens (vor allem dem indischen und indochinesischen Subkontinent) heute noch \u00fcber 40\u00a0% der Menschen von der Landwirtschaft leben, w\u00e4hrend dieser Anteil in Lateinamerika und den imperialistischen L\u00e4ndern unter 5\u00a0% liegt. Letzteres wird laut offizieller Statistik inzwischen auch von China behauptet (ein Zeichen einer massiven gesellschaftlichen Ver\u00e4nderung in den letzten zwei Jahrzehnten).<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-25.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"309\" height=\"238\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-25.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-10668\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-25.jpg 309w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/lehn-25-300x231.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 309px) 100vw, 309px\" \/><\/a><figcaption>Abbildung 26: Durchschnittliche Hofgr\u00f6\u00dfe in Hektar nach Region\u00a0<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn80\">[lxxx]<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p>Der Fortschritt der kapitalistischen Durchdringung der Landwirtschaft ist wie jeder im Kapitalismus eine zweiseitige Angelegenheit. Die grundlegende Vergesellschaftung auch der landwirtschaftlichen Arbeit (im Verbund mit vorgelagerter Schaffung von Voraussetzungen und nachgelagerter Verarbeitung) ist sicherlich ein Fortschritt f\u00fcr die Ern\u00e4hrungsgrundlagen einer wachsenden Weltbev\u00f6lkerung. Andererseits setzt sie einen elementaren Bereich der Grundversorgung der Krisenhaftigkeit dieser Produktionsweise aus, genauso der \u00f6kologischen Katastrophe des Verwertungszwangs ohne Grenzen der Nachhaltigkeit. Die Zerst\u00f6rung der traditionellen landwirtschaftlichen Strukturen, ohne dass die vom Land vertriebenen Arbeitskr\u00e4fte vollst\u00e4ndig in die industrielle Akkumulation aufgesogen werden k\u00f6nnen, f\u00fchrt zum Entstehen prek\u00e4rer Existenzbedingungen rund um die gro\u00dfen Metropolen der Halbkolonien (bzw. zu gro\u00dfen Migrationsbewegungen). Dies beinhaltet auch das Wiederentstehen von Formen der solidarischen Subsistenzwirtschaft in prek\u00e4rer Form.<\/p>\n<p>Die Frage der \u201eDorfgemeinschaft\u201c bleibt also aktuell. Marx gibt hier insofern einen wichtigen Hinweis, als er den \u00dcbergangscharakter dieser Erscheinungen analysiert hat. Sie sind durch ihre Elemente kollektiver Arbeit nicht an sich \u201eKeimzellen des Kommunismus\u201c. Sie sind vielmehr unter den vorherrschenden kapitalistischen Bedingungen immer eine Notgemeinschaft als Resultat besonderer Bedingungen der Durchsetzung des Kapitalismus auf dem Land. In Bezug auf die russische Dorfgemeinde stellt Marx deren R\u00fcckst\u00e4ndigkeit, Elend und Zersplitterung fest \u2013 alles Elemente, die \u00fcberwunden werden m\u00fcssen, auch in einer sozialistischen Revolution. Andererseits gab es in Russland eine lange Tradition des Zusammenschlusses der Dorfgemeinden in sogenannten Artels, einer Form, die im Westen als \u201eGenossenschaften\u201c bezeichnet wurde. Das Artel beinhaltete gemeinsames Eigentum an den Ger\u00e4tschaften, dem Saatgut und den gemeinschaftlich erarbeiteten Produkten, lie\u00df aber den einzelnen Bauern\/B\u00e4uerinnen das Eigentum an H\u00e4usern und selbst bebauten Nutzfl\u00e4chen. Im Unterschied zu westlichen Genossenschaften war es weniger formalisiert und mehr Zusammenschluss von Gro\u00dffamilien zu einem Verband.<\/p>\n<p>Marx sieht in dieser Tendenz die M\u00f6glichkeit, die Revolution in der Stadt mit der auf dem Land zu verbinden. Die russische Dorfgemeinde sei durch die Entwicklung der kapitalistischen Landwirtschaft extrem bedroht. Andererseits erm\u00f6gliche eine sozialistische Revolution, dass sie den Landgemeinden die Mittel nicht nur zum \u00dcberleben liefert, sondern ihnen auch eine Perspektive der Weiterentwicklung des Artel-Wesens bietet:&nbsp;<em>\u201eEinerseits gestattet ihr das Gemeineigentum am Boden, den parzellierten und individualistischen Ackerbau unmittelbar und allm\u00e4hlich in kollektive Bearbeitung umzuwandeln; und die russischen Bauern betreiben dies ja bereits auf den ungeteilten Wiesen. Die physische Beschaffenheit des russischen Bodens l\u00e4dt zu einer maschinellen Bearbeitung in gro\u00dfem Ma\u00dfstab geradezu ein; das Vertrautsein des Bauern mit den Artelbeziehungen erleichtert ihm den \u00dcbergang von der Parzellen- zur genossenschaftlichen Arbeit, und schlie\u00dflich schuldet ihm die russische Gesellschaft, die solange auf seine Kosten gelebt hat, die notwendigen Vorsch\u00fcsse f\u00fcr einen solchen \u00dcbergang\u201c<\/em>&nbsp;<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn81\">[lxxxi]<\/a>.<\/p>\n<p>Es wird klar, dass Marx eine massenhafte Aneignung von Grund und Boden durch die Dorfgemeinden vorhersah, die f\u00fcr eine genossenschaftliche Bewirtschaftung gewonnen werden mussten. Kernelement dieser Genossenschaften musste ihre Entschuldung und die Bereitstellung der produktiven Mittel f\u00fcr die Kollektivbewirtschaftung sein, also die Ausr\u00fcstung der Genossenschaften mit Maschinerie, Saatgut, Wissen etc., die sie zur produktiven Bewirtschaftung des kollektivierten Landes bef\u00e4higen. Eben letzteres ist es, was b\u00fcrgerliche Agrarreformen den \u201ebeg\u00fcnstigten\u201c Bauern\/B\u00e4uerinnen nicht zuteilen \u2013 sie m\u00f6gen B\u00f6den erhalten, sind aber nicht bef\u00e4higt, sie schuldenfrei auch in entsprechend konkurrenzf\u00e4higer Form zu bewirtschaften.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich waren in der Russischen Revolution die Dorfgemeinden die Zentren der b\u00e4uerlichen Aneignung. Mit dem \u201eDekret \u00fcber den Boden\u201c, in dem die Sowjetregierung diese Aneignungen sanktionierte, gewann diese auch die Unterst\u00fctzung der Bauern-\/B\u00e4uerinnenmassen. Allerdings gelang es in Zeiten des B\u00fcrgerkriegs und des Kriegskommunismus, nur wenige Dorfgemeinden f\u00fcr Kollektivierung in Form von Genossenschaften zu gewinnen. Dazu fehlten auch die Mittel aus einer zusammenbrechenden Industrie, die vor allem auf Kriegsproduktion ausgerichtet war, um hier der Bauern-\/B\u00e4uerinnenschaft etwas bieten zu k\u00f6nnen. Die Dorfgemeinden blieben Subsistenzwirtschaften zum \u00dcberleben im B\u00fcrgerkrieg und mussten mit Zwangsma\u00dfnahmen zur Ern\u00e4hrung der St\u00e4dte gezwungen werden. Das Auseinanderklaffen von Industrie- und Agrarpreisen (die sogenannte Scherenkrise) f\u00fchrte auch nach Ende des B\u00fcrgerkriegs zu einem faktischen Produktionsstreik der Landwirtschaft. Dies konnte im Rahmen der N\u00d6P nur durch die Liberalisierung des Agrarmarktes und F\u00f6rderung von privater Landwirtschaft \u00fcberwunden werden. W\u00e4hrend die Zahl genossenschaftlicher Betriebe auf unter 5&nbsp;% sank, stieg die von kleinen und mittleren privaten Bauern\/B\u00e4uerinnen enorm an. Dies erwuchs nicht aus einer mangelnden Betonung der \u201ekommunistischen Elemente\u201c der Dorfgemeinde durch die Bolschewiki, sondern aus der Dynamik der Dorfgemeinde unter den gegebenen Umst\u00e4nden selbst.<\/p>\n<p>Die Probleme der fr\u00fchen Sowjetunion sind tats\u00e4chlich exemplarisch f\u00fcr L\u00e4nder, bei denen eine antikapitalistische Umw\u00e4lzung mit der Notwendigkeit der nachholenden Entwicklung verbunden ist. Russland hatte einerseits eine hochentwickelte, auf den Weltmarkt ausgerichtete Industrie, die im Rahmen der Gesamt\u00f6konomie zwar klein war, aber das herausragendste Wachstum aufwies. Andererseits war der Binnenmarkt von r\u00fcckst\u00e4ndigen Strukturen, insbesondere in der Landwirtschaft bestimmt, in der insbesondere Kleinbetriebe und Dorfgemeinden wesentlich f\u00fcr die Nahrungsmittelversorgung blieben. Die moderne Industrie war durch die Umw\u00e4lzung nicht nur geschw\u00e4cht, sondern war auch gar nicht auf die Bed\u00fcrfnisse der Binnen\u00f6konomie ausgerichtet. Die Landwirtschaft war zwar umverteilt, aber nicht kollektiviert. Sie war einer der zentralen Teile der \u00d6konomie, der weiterhin \u00fcber den Markt mit dem verstaatlichten Teil der \u00d6konomie im Austausch stand. F\u00fcr diese Situation entwickelte der f\u00fchrende bolschewistische \u00d6konom Jewgeni Preobraschenski die Theorie der \u201eurspr\u00fcnglichen sozialistischen Akkumulation\u201c&nbsp;<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn82\">[lxxxii]<\/a>.<\/p>\n<p>Hiernach gibt es einerseits die Entwicklung der vergesellschafteten Industrie, die nicht mehr dem Wertgesetz folgt \u2013 in der also die Entscheidungen \u00fcber Produktivit\u00e4tsentwicklung, Arbeitskr\u00e4fteeinsatz, Produktionsmenge etc. bewusst, \u00fcber einen Entwicklungsplan, gef\u00e4llt werden. Diese sozialistische Akkumulation muss unter Bedingungen der nachhaltigen Entwicklung schrittweise mehr und mehr Wirtschaftszweige einbeziehen, die zun\u00e4chst aufgrund der unterschiedlichen Entwicklungsniveaus nicht vergesellschaftet werden k\u00f6nnen. Hier spricht Preobraschenski von einem der urspr\u00fcnglichen Akkumulation \u00e4hnlichen Prozess, in dem ein \u201eWerttransfer\u201c oder \u201eungleicher Tausch\u201c von den nichtsozialistischen Sektoren in die sozialistischen stattfindet. Auch hier kann wieder nur in analoger Weise von Werttransfer gesprochen werden, da ja im sozialistischen Sektor gar kein Wert produziert wird. Sehr wohl handelt es sich aber wiederum um einen Vergleich von Arbeitsquanten, die jeweils in der staatlichen Industrie gegen\u00fcber der privaten Landwirtschaft geleistet werden. Erh\u00f6ht sich zum Beispiel die Produktivit\u00e4t der Traktorenfertigung, so kann dies in einer Preisreduktion weitergegeben werden \u2013 oder zu Aneignung von landwirtschaftlicher Mehrarbeit f\u00fchren, durch nur teilweise Senkung der Industriepreise. Letzteres l\u00e4sst sich wiederum in eine Ausweitung der Industrie umsetzen, durch die gr\u00f6\u00dfere Zahl an ArbeiterInnen, die ern\u00e4hrt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Der Vorschlag von Preobraschenski, dem auch Trotzki gefolgt ist, sah also vor, durch Konzentration auf die Modernisierung der Industrie und ihre Ausrichtung auf die Binnenbed\u00fcrfnisse auch Anreize f\u00fcr die Entwicklung der Landwirtschaft zu setzen, um insgesamt ein Wachstum zu erzielen, das die weitere sozialistische Akkumulation erm\u00f6glichen w\u00fcrde. Gleichzeitig sollte das Industriemonopol dazu genutzt werden, die Bildung landwirtschaftlicher Genossenschaften (Kolchosen) durch deren bevorzugten Zugang zu Produktionsvoraussetzungen und den Aufbau eines staatlichen Verteilungsmechanismus landwirtschaftlicher G\u00fcter anzureizen.<\/p>\n<p>Die Parteif\u00fchrung um Stalin und Bucharin folgte diesem Weg nicht, sondern setzte auf die Parallelentwicklung von privater Landwirtschaft und einem auf die Stabilisierung der bestehenden Industrien ausgerichteten ersten 5-Jahresplan 1927. Dies f\u00fchrte zu einer Versch\u00e4rfung der Scherenkrise und einer Bedrohung der sozialen Basis der Revolution durch eine wachsende private Bauern-\/B\u00e4uerinnenschaft. Stalin war Ende der19 20er Jahre daraufhin zu einer totalen Kehrtwende gezwungen \u2013 der Zwangskollektivierung der Landwirtschaft. Statt wie Preobraschenski\/Trotzki auf die langfristige \u00dcberzeugung der Bauern-\/B\u00e4uerinnenschaft und ihre organische Eingliederung in die Kollektivwirtschaft zu setzen, wurde diese gegen gro\u00dfen b\u00e4uerlichen Widerstand eingef\u00fchrt, ohne die Vorbereitungen f\u00fcr daf\u00fcr notwendige Planungsstrukturen und deren Zusammenwirken mit der industriellen Entwicklung getroffen zu haben. Auch wenn das Kolchosensystem letztlich bis Mitte der 1930er Jahre zum Funktionieren gebracht wurde, hatte dies Tausende von Opfern gefordert und war von vornherein mit starken Effektivit\u00e4tsproblemen konfrontiert.<\/p>\n<p>In der Dependenztheorie, z.&nbsp;B. bei Frank oder Amin, finden wir einen Anklang an das Stalin\u2019sche Modell des \u201eSozialismus in einem Land\u201c, indem sie als Antwort auf ungleichen Tausch und monopolistische Surplusabsch\u00f6pfung eine Wirtschaftspolitik der Autarkie vorschlagen, die einzig eine nachholende Entwicklung erm\u00f6glichen w\u00fcrde. Die Sowjetunion war durch die historischen Umst\u00e4nde zun\u00e4chst auf eben eine solche Autarkie (Zusammenbruch des Au\u00dfenhandels bis Mitte der 1920er Jahre) zur\u00fcckgeworfen \u2013 und selbst unter den g\u00fcnstigen Bedingungen eines sehr gro\u00dfen, bev\u00f6lkerungsreichen Landes mit vielen nat\u00fcrlichen und kulturellen Ressourcen erwies sich die autarke nachholende Entwicklung als Utopie. Die Haupttr\u00e4gerInnen der Umw\u00e4lzungen auf dem Land werden in vielen F\u00e4llen wie in der Sowjetunion nicht von vornherein f\u00fcr kollektive landwirtschaftliche Bewirtschaftung zu gewinnen sein. Auch wenn es durch die gr\u00f6\u00dferen Agrarbetriebe heute mehr M\u00f6glichkeiten f\u00fcr von Beginn an verstaatliche Landwirtschaft gibt, wird insbesondere die Versorgungssicherheit bei R\u00fcckfall auf Autarkie wesentlich durch einen Agrarmarkt von KleinproduzentInnen gesichert werden m\u00fcssen. Dies zu \u00fcberwinden bedarf es wie gesehen einer Industrie, die durch die Herausl\u00f6sung aus dem Weltmarkt zun\u00e4chst \u00fcberhaupt nicht daf\u00fcr geeignet ist.<\/p>\n<p>Hier kommt ein zweiter, noch wesentlicherer Faktor dazu: Selbst die Sowjetunion erwies sich letztlich nicht als unabh\u00e4ngig vom Weltmarkt, die Autarkie war auch in Bezug auf die industrielle Entwicklung eine reaktion\u00e4re Utopie. So stellte Trotzki 1928 fest&nbsp;<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn83\">[lxxxiii]<\/a>, dass die industrielle Basis der russischen Industrie auch damals noch zu zwei Dritteln aus Produktionsmitteln bestand, die so nur das kapitalistische Ausland produzieren konnte. Aufgrund des nicht so schnell gelingenden eigenen Ersatzes war es unumg\u00e4nglich, dass ab Mitte der 1920er Jahre nicht nur der Import von Produktionsmittelg\u00fctern zu Weltmarktpreisen immer mehr anstieg \u2013 sondern dies wurde sogar zu einem lebenswichtigen Element der industriellen Entwicklung.&nbsp;<em>\u201eNichts versetzt der Theorie eines isolierten \u201avollst\u00e4ndigen Sozialismus\u2018 einen so t\u00f6dlichen Schlag wie die einfache Tatsache, dass unsere Au\u00dfenhandelszahlen in den letzten Jahren zu den Eckpfeilern unserer Wirtschaftspl\u00e4ne geworden sind. Die \u201aSchwachstelle\u2018 unserer Wirtschaft, einschlie\u00dflich unserer Industrie, ist der Import, der vollst\u00e4ndig vom Export abh\u00e4ngt\u201c&nbsp;<\/em><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn84\">[lxxxiv]<\/a>. D.&nbsp;h., selbst unter den f\u00fcr eine nachholende Entwicklung g\u00fcnstigen Bedingungen eines staatlichen Au\u00dfenhandelsmonopols \u00e4ndert sich nichts an der Sprengwirkung von Weltmarktpreisen: Die Sowjetunion musste teure, lebenswichtige Industrieg\u00fcter auf dem Weltmarkt erwerben, und daf\u00fcr zu ung\u00fcnstigen Preisen eigentlich dringend ben\u00f6tigte, niedriger wertige Produkte vor allem aus dem Agrarbereich exportieren. Das Au\u00dfenhandelsmonopol sch\u00fctzte zwar die eigene Industrie im Binnenmarkt vor ausl\u00e4ndischer Konkurrenz, soweit Import nicht notwendig war \u2013 auf Kosten des einheimischen Konsums. Gleichzeitig befestigte es damit aber auch ein Preissystem im Inneren, das den Produktivit\u00e4tsstandards des Weltmarktes nicht entsprach (damit notwendig Schattenwirtschaft, doppelte Preise etc. hervorbrachte).&nbsp;<em>\u201eUnser Au\u00dfenhandelsmonopol ist selbst das beste Zeugnis der Schwere und Gef\u00e4hrlichkeit unserer Abh\u00e4ngigkeit. Die entscheidende Bedeutung des Monopols f\u00fcr unseren sozialistischen Aufbau entspringt gerade diesem f\u00fcr uns ung\u00fcnstigen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis. Doch wir d\u00fcrfen keinen Augenblick vergessen, dass das Au\u00dfenhandelsmonopol unsere Abh\u00e4ngigkeit vom Weltmarkt nur regelt, aber nicht abschafft\u201c&nbsp;<\/em><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn85\">[lxxxv]<\/a>.<\/p>\n<p>Autarkie samt Importsubstitution, urspr\u00fcngliche sozialistische Akkumulation samt Kollektivierung der Landwirtschaft, Regulierung der Weltmarktabh\u00e4ngigkeit durch das Au\u00dfenhandelsmonopol \u2013 all das k\u00f6nnen nur \u00dcbergangsformen, nicht das Ger\u00fcst einer Etappe des Aufbaus in einem Land sein, in dieser grundlegenden Verschiebung des Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisses zwischen ArbeiterInnenstaaten und kapitalistischem Weltmarkt. Diese Verschiebung kann es einerseits nur durch eine den Kapitalismus \u00fcberholende Produktivit\u00e4tsentwicklung geben, andererseits vor allem aber in der Ausweitung der revolution\u00e4ren Umw\u00e4lzung auf immer mehr L\u00e4nder, so dass dem kapitalistischen Weltmarkt eine international geplante, den ungleichen Tausch \u00fcberwindende, nachkapitalistische Welt\u00f6konomie entgegengestellt werden kann. Die wirtschaftlichen Zusammenschl\u00fcsse der degenerierten ArbeiterInnenstaaten, wie der Comecon\/RGW, waren dagegen weder \u00f6konomisch konkurrenzf\u00e4hig noch in der Lage, einen internationalen Zusammenhang herzustellen, der auch nur ansatzweise die Vernetzungsqualit\u00e4ten des kapitalistischen Weltmarktes gehabt h\u00e4tte. Mangel an Demokratie, b\u00fcrokratische Schwerf\u00e4lligkeit und nationalistische Engstirnigkeit hemmten die Produktivkraftentwicklung weit mehr, als sie durch kollektive Eigentumsformen, Planwirtschaft und Au\u00dfenhandelsmonopol gef\u00f6rdert werden konnten. Sp\u00e4testens seit den 1970er Jahren war der technologische R\u00fcckstand so gro\u00df, dass die Finanzierung der notwendigen Importe durch immer gr\u00f6\u00dfere Anstrengungen, Verschuldung und Inflation erkauft werden musste \u2013 was letztlich zum \u00f6konomischen und politischen Kollaps f\u00fchrte.<\/p>\n<p><strong>Ungleichzeitige und kombinierte Entwicklung und revolution\u00e4re Strategie<\/strong><\/p>\n<p>Die hier entwickelte Dominanz des Weltmarktes, sowohl was die Halbkolonien betrifft als auch selbst die ersten ArbeiterInnenstaaten, ist Ausdruck der Totalit\u00e4t des Kapitalismus als Weltsystem. Das Kapital mag die nationale Zirkulationssph\u00e4re als seine urspr\u00fcngliche Operationsbasis betrachten \u2013 es bleibt doch seinem Wesen als Akkumulationsmaschine gem\u00e4\u00df schrankenlos, d.&nbsp;h. gleichzeitig auf die \u00dcberwindung auch aller nationaler Schranken ausgerichtet. Sp\u00e4testens mit der imperialistischen Epoche, der Vorherrschaft von \u201eMonopolkapital\u201c und Kapitalexport, ist das globale kapitalistische System eine Totalit\u00e4t \u2013 es bestimmt alle seine Teile, seien diese auch noch so wenig \u201eentwickelt\u201c. In jedem Land wirken Weltmarkt und seine kapitalistischen Subsysteme vor Ort als die beherrschenden und seine Entwicklungsweise bestimmenden \u00f6konomischen Faktoren. Jede Etappentheorie, die f\u00fcr ein Land noch etwa eine \u201eanti-feudale\u201c Umw\u00e4lzung als \u201en\u00e4chsten Entwicklungsschritt\u201c oder \u00e4hnliches vorsieht, hat sich er\u00fcbrigt \u2013 alle Bewegungen von Unterdr\u00fcckten m\u00fcssen allenthalben mit dem Kapital, sei es in seinen nationalen oder internationalen Repr\u00e4sentanten, als ihrem Hauptgegner rechnen.<\/p>\n<p>Die Auswirkung dieser globalen Totalit\u00e4t auf jedes einzelne, insbesondere (halb-)koloniale, Land im gegenw\u00e4rtigen Kapitalismus hat Trotzki im Gesetz von der \u201eungleichzeitigen und kombinierten Entwicklung\u201c ausgesprochen<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn86\">[lxxxvi]<\/a>. Die Stalin\u2019sche wie auch die Dependenztheorie gehen dagegen von einer Verk\u00fcrzung der Lenin\u2019schen Imperialismustheorie zu einer Tendenz zur \u201eungleichzeitigen Entwicklung\u201c aus: Danach gab es zwar im Kapitalismus immer schon unterschiedliche Entwicklungsniveaus, die von den nachholenden Kapitalen nur schwer \u00fcberwindbar waren (z.&nbsp;B. Deutschland und Japan, die mit besonderen Mitteln den R\u00fcckstand zu Britannien und Frankreich aufholen mussten), doch mit der imperialistischen Epoche ist es f\u00fcr L\u00e4nder mit nachholender Entwicklung so gut wie unm\u00f6glich, in den Kreis der etablierten imperialistischen \u00d6konomien aufzusteigen. Oder wie es das Komintern-Programm von 1928 auf den Punkt brachte:&nbsp;<em>\u201eDie Ungleichm\u00e4\u00dfigkeit der politischen und \u00f6konomischen Entwicklung ist ein unbedingtes Gesetz der kapitalistischen Entwicklung. Das Zeitalter des Imperialismus steigert und versch\u00e4rft diese Ungleichm\u00e4\u00dfigkeit noch mehr\u201c<\/em>&nbsp;<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn87\">[lxxxvii]<\/a>.<\/p>\n<p>Wie Trotzki bemerkt, wird hier nur eine Seite des Kapitalismus und der Expansion des Kapitals beleuchtet, die eigentlich auch f\u00fcr die meisten anderen Produktionsweisen zutrifft. Dem Kapital ist aber auch die gegenteilige Tendenz zur \u00dcberwindung von Schranken und Ungleichzeitigkeiten eigen, wie es sich auch im nationalen Ma\u00dfstab in der Ausgleichung der Profitrate zeigt. Wie gesehen, setzt sich der Ausgleich der Profitrate zwar nicht ungebremst auf dem Weltmarkt fort \u2013 trotzdem wird die Wertbildung im nationalen Rahmen in jedem Land dominiert von den Weltmarktbranchen, ganz egal, ob dies \u00fcber Direktinvestitionen, Export-\/Import-Industrien, Agroindustrien, Kredit- und Finanzkapital etc. geschieht. Die Entwicklung der f\u00fcr diese Kapitalbewegungen interessanten Sektoren wird vorangetrieben, w\u00e4hrend gleichzeitig die r\u00fcckst\u00e4ndigen durch die globale Organisation von Akkumulationsbewegung und Welthandel befestigt werden zum Zwecke des Werttransfers, Erhalten des niedrigen Lohnniveaus, ung\u00fcnstigen Terms of Trade f\u00fcr die Waren dieser Sektoren \u2013 kurz als fortgesetztes Reservoir f\u00fcr neokoloniale Ausbeutung. Genau dies hat Trotzki im Sinn, wenn er die beiden Seiten der fieberhaften Entwicklung einerseits und der Befestigung von R\u00fcckst\u00e4ndigkeit andererseits in eine widerspr\u00fcchliche Tendenz fasst:<em>&nbsp;\u201eDer Imperialismus hat, dank seiner allgegenw\u00e4rtigen, alles durchdringenden leichtbeweglichen dampfartigen Triebkraft \u2013 dem Finanzkapital \u2013 diese beiden Tendenzen noch verst\u00e4rkt. Er verbindet die einzelnen L\u00e4nder und Kontinente noch viel rascher und st\u00e4rker miteinander. Er bringt sie in engste lebendige Abh\u00e4ngigkeit und gleicht deren Wirtschaftsmethoden, gesellschaftliche Formen und Entwicklungsstufen einander an. Er erreicht das aber durch solche feindseligen Methoden, durch solche L\u00f6wenspr\u00fcnge und \u00dcberf\u00e4lle auf zur\u00fcckgebliebene L\u00e4nder und Gebiete, dass die von ihm angestrebte Vereinigung und Nivellierung der Weltwirtschaft noch viel st\u00fcrmischer und konvulsionsartiger gest\u00f6rt wird, als es in der vorangehenden Epoche der Fall war\u201c<\/em>&nbsp;<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn88\">[lxxxviii]<\/a>.<\/p>\n<p>Diese Charakterisierung des globalen Kapitalismus passt offensichtlich sehr viel mehr auf die Entwicklung des Neokolonialismus nach 1945 als die Theorie von der sich \u201ebest\u00e4ndig versch\u00e4rfenden Ungleichzeitigkeit\u201c. Stattdessen sehen wir eine rasche Entwicklung bestimmter Sektoren und Regionen wie auch schnelle Umkehr in krisenhaften Perioden; gro\u00dfen Bedeutungsgewinn einiger auch industrialisierter Bereiche in der Peripherie, bei gleichzeitiger Steigerung der Abh\u00e4ngigkeit vom Finanz- und Konzernkapital des Zentrums; eine Zunahme von abgeh\u00e4ngten Regionen, Bev\u00f6lkerungsschichten, bei gleichzeitiger enormer Ausdehnung der LohnarbeiterInnenschaft \u2013 insgesamt aber jedenfalls eine immer gr\u00f6\u00dfere Dominanz des Weltmarktes, der internationalen Produktions- und Handelszusammenh\u00e4nge und nicht zuletzt der kulturellen Globalisierung. Die Entwicklung des globalen Kapitalismus macht die Form des Nationalstaates immer obsoleter, schw\u00e4cht seine sowieso schon eingeschr\u00e4nkte Handlungsf\u00e4higkeit und f\u00fchrt schon von den materiellen Grundlagen zur Politisierung von \u00fcbernationalen, globalen Fragen, die nur internationale politische Kr\u00e4fte l\u00f6sen k\u00f6nnen. Die einzige Form der internationalen Politik, die die Bourgeoisie in unserer Epoche besitzt, ist weiterhin die Aufteilung der Welt unter konkurrierende Gro\u00dfm\u00e4chte, die auf dem Metropolenkapital ihre Macht begr\u00fcnden. Der Imperialismus ist daher die reaktion\u00e4re L\u00f6sung der Bourgeoisie f\u00fcr die Krisenhaftigkeit des globalen kapitalistischen Systems mit seinen Charakteristiken der ungleichzeitigen und kombinierten Entwicklung und der \u00dcberholtheit des Nationalstaates.<\/p>\n<p>Es ist daher klar, dass eine Perspektive der \u00dcberwindung des Kapitalismus, d.&nbsp;h. des Imperialismus, heute keine Revolution im nationalstaatlichen Rahmen mehr sein kann.<\/p>\n<p>Eine der bedeutsamsten Auseinandersetzungen um die Oktoberrevolution ist sicherlich die Frage, ob in einem \u201eunterentwickelten\u201c Land, das stark von einer \u201er\u00fcckst\u00e4ndigen\u201c Landwirtschaft und einer nur in bestimmten Zentren vorhandenen gro\u00dfen Industrie gepr\u00e4gt ist, \u00fcberhaupt eine sozialistische Revolution m\u00f6glich ist. Eine mechanische Anwendung der Marx\u2019schen Formeln von der Entwicklung des Widerspruchs von Produktivkr\u00e4ften und Produktionsverh\u00e4ltnissen f\u00fchrte auch viele westliche \u201eMarxistInnen\u201c zu der Ansicht, dass dort zun\u00e4chst eine demokratische, b\u00fcrgerliche Revolution n\u00f6tig sei, die eine entsprechende Entwicklung von Industrie und Landwirtschaft einleiten w\u00fcrde, die erst die Voraussetzungen f\u00fcr eine sozialistische Umw\u00e4lzung sch\u00fcfe. Wie wir gesehen haben, ist eine solche Entwicklungsperspektive f\u00fcr zur\u00fcckgebliebene L\u00e4nder in der imperialistischen Epoche jedoch eine Illusion, sowohl was die \u00f6konomische Entwicklung betrifft (die h\u00f6chstens bestimmte Bereiche im Interesse des Weltmarkts voranbringt, aber ansonsten die R\u00fcckst\u00e4ndigkeit sogar bef\u00f6rdert), als auch, was die Klassenbasis betrifft. Denn einerseits ist die Bourgeoisie vollst\u00e4ndig mit dieser abh\u00e4ngigen Entwicklung verbunden und f\u00fcrchtet die revoltierenden Massen weitaus, mehr als sie die Abh\u00e4ngigkeiten von den ausl\u00e4ndischen Investoren \u00fcberwinden will. Andererseits gibt es f\u00fcr den \u00fcberwiegenden Teil der Landbev\u00f6lkerung durch \u201eAgrarreformen\u201c keine Perspektive au\u00dfer weiterer Verdr\u00e4ngung von den agrarischen Produktionsmitteln. Damit hat die Russische Revolution in ihrem schnellen \u00dcbergang von der Februar- zur Oktoberrevolution die enge Verbindung aufgezeigt, die in der imperialistischen Epoche zwischen \u201edemokratischen Aufgaben\u201c in den abh\u00e4ngig entwickelten L\u00e4ndern und der Perspektive der sozialistischen Revolution besteht. Da die Bourgeoisie wesentliche Elemente dieser Aufgaben nicht umsetzen will und kann, wird sie nicht nur das Proletariat, sondern auch gro\u00dfe Teile der l\u00e4ndlichen und kleinb\u00fcrgerlichen Massen zu weitergehenden Schritten vorantreiben \u2013 mit der unerbittlichen Konsequenz, dass entweder Imperialismus und eigene Bourgeoisie eine konterrevolution\u00e4re Stabilisierung erzwingen oder die Revolution zur Enteignung der Bourgeoisie, zur sozialistischen Revolution voranschreitet.<\/p>\n<p>Dies meinte Trotzki, als er den von Marx in der 1848er Revolution gepr\u00e4gten Begriff der \u201epermanenten Revolution\u201c erst auf die Russische Revolution und dann auf die seit den 1920er Jahren in der halbkolonialen Welt beginnenden Revolutionen anwandte&nbsp;<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn89\">[lxxxix]<\/a>. In seiner ber\u00fchmten gleichnamigen Verteidigungsschrift von 1929 fasste Trotzki die Theorie in drei Punkte zusammen&nbsp;<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn90\">[xc]<\/a>:<\/p>\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Charakter der Verbindung von demokratischen und sozialistischen Umw\u00e4lzungen.<\/li>\n<li>Dynamik der Klassenk\u00e4mpfe nach der sozialistischen Umw\u00e4lzung.<\/li>\n<li>Notwendige internationale Verkn\u00fcpfung der revolution\u00e4ren Ersch\u00fctterungen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die Ver\u00e4nderungen der globalen \u00d6konomie durch die Durchsetzung des Imperialismus als Weltsystem, gepr\u00e4gt durch die ungleichzeitige und kombinierte Entwicklung, bestimmen auch die Frage der \u201eReife\u201c der Widerspr\u00fcche des Kapitalismus als Ganzes. Dieses oder jenes Land mag in seiner Entwicklung der einzelnen Elemente zur\u00fcck sein, die als Voraussetzungen einer sozialistischen Umw\u00e4lzung gelten k\u00f6nnen. Doch der Weltkapitalismus hat in seiner imperialistischen Entwicklung das Stadium erreicht, in dem er als Ganzes zu einem grundlegenden Hindernis geworden ist f\u00fcr eine \u00f6konomisch und \u00f6kologisch sinnvolle Entwicklung der Produktivkr\u00e4fte insbesondere in den Halbkolonien. Daher ist es kein Wunder, dass die Widerspr\u00fcche des Systems gerade in den kapitalistisch gesehen r\u00fcckst\u00e4ndigeren L\u00e4ndern aufbrechen m\u00fcssen. Zentrale Probleme der Versorgung, Bildung, Gesundheit, Sicherung der Lebensverh\u00e4ltnisse in Stadt und Land k\u00f6nnen auf der Grundlage der abh\u00e4ngig entwickelten L\u00e4nder nur zu oft nicht auf \u201edemokratische\u201c Weise gel\u00f6st werden \u2013 die nicht gel\u00f6sten demokratischen Fragen verbinden sich notwendigerweise mit sozialen Explosionen. Je mehr Forderungen der Massen nach sozialen Ver\u00e4nderungen zur Umsetzung dr\u00e4ngen, desto sicherer erfolgen die Reaktionen der imperialistischen Agenturen und der antidemokratischen Repression. Daher ist die alte \u201eEntwicklungstheorie\u201c einer langen Phase der demokratischen und sozialen Umgestaltung der Gesellschaft als Voraussetzung f\u00fcr den Sozialismus unm\u00f6glich geworden. Grundlegende K\u00e4mpfe um soziale und demokratische Rechte setzen in zugespitzten Situationen in den Halbkolonien immer die Frage Sozialismus oder Konterrevolution auf die Tagesordnung. Auch in China und Kuba erwiesen sich die Pl\u00e4ne f\u00fcr eine l\u00e4nger dauernde Phase der \u201eneuen Demokratie\u201c&nbsp;<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn91\">[xci]<\/a>&nbsp;in Koexistenz mit \u201enationaler Bourgeoisie\u201c und westlichem Imperialismus als Illusion \u2013 vor die Wahl gestellt, entschieden sich die stalinistischen F\u00fchrungen dann sehr schnell f\u00fcr ihre Variante der \u201eDiktatur des Proletariats\u201c.<\/p>\n<p>Der objektiven Dynamik der Verbindung der Fragen von demokratischer und sozialistischer Revolution entspricht aber auch die Richtung der Klassenk\u00e4mpfe. Die Bourgeoisie hat nicht nur in den Metropolen ihre \u201erevolution\u00e4re Rolle\u201c verloren (wie dies Marx schon 1848 festgestellt hat). Auch in den Halbkolonien brauchte es nicht erst die Analysen von Andr\u00e9 Gunder Frank, um festzustellen, dass es keinen Teil der Bourgeoisie gibt, der dort noch eine fortschrittliche, anti-(neo-)koloniale Rolle spielt (also auch keine \u201enationale\u201c im Vergleich zur \u201eKompradoren\u201c-Bourgeoisie). Die Bourgeoisie der Halbkolonien, selbst von Monopolisierungen der wichtigen Wirtschaftsbereiche gepr\u00e4gt, ist aufs Engste in die Hierarchie des weltweiten Monopolkapitals eingebunden. Daher stehen die halbkolonialen Volksmassen, die ArbeiterInnen, kleinen Bauern und B\u00e4uerinnen, Landlose, st\u00e4dtische Arme, Kleinb\u00fcrgerInnen des informellen Sektors etc. in ihren K\u00e4mpfen letztlich gegen den Verband der Herrschenden im In- und Ausland: die gro\u00dfe und mittlere Bourgeoisie, die gro\u00dfen GrundbesitzerInnen, die VertreterInnen der internationalen Konzerne und ihre Agenturen in den Metropolen. Angesichts des weiterhin gro\u00dfen Anteils der Landbev\u00f6lkerung in vielen Halbkolonien spielt auch die Rebellion der l\u00e4ndlichen Armut und ihre berechtigten Forderungen nach Landaufteilung in den Klassenk\u00e4mpfen eine gro\u00dfe Rolle. Als Marx erkannte, dass in der 1848er Revolution die Bourgeoisie nicht mehr in der Lage war, der l\u00e4ndlichen Rebellion eine soziale Perspektive zu geben, sah er voraus, dass damit auch die Agrarrevolution eine neue Dynamik erhalten w\u00fcrde: Von einer \u201edemokratischen\u201c Frage, die nat\u00fcrlicherweise die Bauern-\/B\u00e4uerinnenschaft in den Windschatten einer b\u00fcrgerlichen Revolution f\u00fchrt, zu einer, die nur eine proletarische Revolution l\u00f6sen kann:&nbsp;<em>\u201eDie ganze Sache in Deutschland wird abh\u00e4ngen von der M\u00f6glichkeit, der proletarischen Revolution durch eine Art zweiter Auflage des Bauernkrieges Deckung zu geben.\u201c<\/em>&nbsp;<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn92\">[xcii]<\/a><\/p>\n<p>Weiterhin sind die armen Volksmassen auf dem Land in den Halbkolonien viel zu aufgef\u00e4chert in ihren sozialen Lagen und Interessen, als dass sie eine einheitliche, f\u00fcr die gesamte Gesellschaft weisende Entwicklungsperspektive hervorbringen k\u00f6nnten. Notwendigerweise m\u00fcssen sie sich objektiv mit einer der beiden Hauptklassen verbinden, um ihren Interessen zum Durchbruch zu verhelfen. In der imperialistischen Epoche geraten ihre revolution\u00e4ren Bewegungen dabei aber notwendiger Weise in scharfen Widerspruch mit der Bourgeoisie, so dass sie offen f\u00fcr das B\u00fcndnis mit revolution\u00e4ren Bestrebungen der ArbeiterInnenklasse werden. Lenin und Trotzki erkannten daher sehr richtig, dass nach der Februarrevolution die russische Auflage des Bauern-\/B\u00e4uerinnenkriegs zur hervorragenden Deckung der proletarischen Revolution werden konnte \u2013 dass daher das Aufgreifen der Landfrage, wie Marx es nach 1848 und sp\u00e4ter in den Sassulitsch-Briefen angedeutet hatte, zur Grundlage einer proletarischen Diktatur werden kann, die sich auf das B\u00fcndnis mit der Bauern-\/B\u00e4uerinnenschaft st\u00fctzt.<\/p>\n<p>Wesentlich bleibt hier die Erkenntnis Trotzkis (der zweite seiner Punkte), dass auch dieses B\u00fcndnis keine lange Etappe einer \u201eDiktatur der Arbeiter und Bauern\/B\u00e4uerinnen\u201c ist. Die sozialistische Revolution mag vor allem durch die Aufst\u00e4nde am Land sich siegreich durchsetzen. Entscheidend f\u00fcr ihre Befestigung und Etablierung ist jedoch die Umsetzung eines Programms der proletarischen Diktatur, d.&nbsp;h. der Umsetzung von Vergesellschaftung der \u00f6konomischen Schl\u00fcsselbereiche, der Kontrolle \u00fcber den Au\u00dfenhandel und des Beginns eines langfristigen sozialistischen Umbauprojektes. Dies muss notwendigerweise zu Konflikten mit den kleinb\u00fcrgerlichen Bestrebungen auf dem Land f\u00fchren, zu einem Klassenkampf zur Vergesellschaftung auch der landwirtschaftlichen Produktion (z.&nbsp;B. \u00fcber den beschriebenen Prozess des Genossenschaftswesens). Jegliche Verwischung der Klassenfrage, z.&nbsp;B. durch Bildung populistischer Arbeiter-\/Bauern-\/B\u00e4uerinnen-Parteien&nbsp;<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn93\">[xciii]<\/a>, angeblich sozialistischer Umgestaltungen durch \u201elinke\u201c Bauern-\/B\u00e4uerinnenparteien oder eben die Konstruktion einer Etappe der \u201edemokratischen Diktatur der Arbeiter und Bauern\/B\u00e4uerinnen\u201c, wie er f\u00fcr eine bestimmte Phase des Stalinismus typisch war, f\u00fchren damit grundlegend in die Irre. Ganz zu schweigen nat\u00fcrlich von der maoistischen Verirrung des B\u00fcndnisses der \u201evier revolution\u00e4ren Klassen\u201c (Proletariat, Kleinb\u00fcrgertum, Halbproletariat und (!) nationale Bourgeoisie). Letztlich erwiesen sich die stalinistischen FreundInnen des Bauern-\/B\u00e4uerinnentums in den zugespitzten \u00f6konomischen Krisen, die sie mit ihrer Agrarpolitik ausl\u00f6sten, als ihre Schl\u00e4chterInnen, unf\u00e4hig die Bauern-\/B\u00e4uerinnenschaft wirklich f\u00fcr eine sozialistische Umgestaltung der Verh\u00e4ltnisse auf dem Land zu gewinnen.<\/p>\n<p>Heute ist es keine Frage mehr, dass in den Globalisierungswellen des Kapitals seit dem 2. Weltkrieg das Lohnarbeitsverh\u00e4ltnis zur vorherrschenden Form der Arbeitsorganisation weltweit geworden und damit auch das Weltproletariat enorm gewachsen ist. Die dargestellte Ausweitung des Welthandels, die Ausdehnung der multinationalen Kapitale und die Schaffung tief gestaffelter internationaler Produktionsketten haben eine Unzahl \u201echinesischer Mauern\u201c zwischen Kapital und Arbeit niedergerissen, haben nationale Grenzen immer mehr zu einem Anachronismus gemacht. Trotzdem brauchen die b\u00fcrgerlichen Klassen zur Herstellung ihrer politischen und ideologischen Hegemonie weiterhin vor allem den Nationalstaat und die nationalistische Aufspaltung der Welt. Kleinb\u00fcrgertum, lohnabh\u00e4ngige Mittelschichten und die mit ihnen verbundenen Teile von ArbeiterInnenb\u00fcrokratie und ArbeiterInnenaristokratie krallen sich ebenso an der nationalstaatlichen Absicherung ihrer besonderen \u201eVorrechte\u201c fest. Es ist im Wesentlichen die WeltarbeiterInnenklasse, die objektiv als dem Weltkapital gegen\u00fcberstehende Kraft ein fundamentales Interesse an der \u00dcberwindung des Nationalstaates, seinen krisenhaften Erscheinungen in der imperialistischen Epoche und an einem international vereinigten Kampf gegen das global agierende Kapital hegt. Dies ist die Grundlage des dritten Merkmals der permanenten Revolution \u2013 ihr notwendig internationalistischer Charakter:&nbsp;<em>\u201eDer internationale Charakter der sozialistischen Revolution \u2026 ergibt sich aus dem heutigen Zustand der \u00d6konomik und der sozialen Struktur der Menschheit. Der Internationalismus ist kein abstraktes Prinzip, sondern ein theoretisches und politisches Abbild des Charakters der Weltwirtschaft, der Weltentwicklung der Produktivkr\u00e4fte und des Weltma\u00dfstabes des Klassenkampfes. \u2026 Die Aufrechterhaltung der proletarischen Revolution in nationalem Rahmen kann nur ein provisorischer Zustand sein\u2026 Von diesem Standpunkte aus gesehen, ist eine nationale Revolution kein in sich verankertes Ganzes: sie ist nur ein Glied einer internationalen Kette. Die internationale Revolution stellt einen permanenten Proze\u00df dar \u2026 \u201c<\/em>&nbsp;<a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_edn94\">[xciv]<\/a>.<\/p>\n<p>In allen Krisen und tiefgreifenden Ersch\u00fctterungen in der neokolonialen Welt hat sich diese Verkettung revolution\u00e4rer Prozesse, von der Trotzki hier spricht, best\u00e4tigt. Zuletzt zeigte sich dies, als sich mit den Nachwirkungen der gro\u00dfen Weltrezession 2009 die Versorgungslage in vielen arabischen Halbkolonien versch\u00e4rfte und die folgenden Proteste zu einer verallgemeinerten Revolte gegen jahrzehntelange Unterdr\u00fcckungsregime fortschritten. Der \u201eArabische Fr\u00fchling\u201c erfasste von Tunesien ausgehend ein arabisches Land nach dem anderen und er\u00f6ffnete eine erste Phase demokratischer Revolutionen. Ohne eine politische F\u00fchrung, die diese Er\u00f6ffnung nutzen konnte, die demokratische Umw\u00e4lzung zu einer sozialen Umw\u00e4lzung fortzutreiben, m\u00fcndete der Prozess notwendigerweise in einer blutigen Konterrevolution, in B\u00fcrgerkriegen wie in Libyen oder Syrien, letztlich in der Restauration repressiver proimperialistischer Regime. Ebenso f\u00fchrte die \u201eSchwellenl\u00e4nderkrise\u201c in Gefolge der langen Stagnation nach 2009 am Ende des Jahrzehnts zu einer untragbaren sozialen Situation in Lateinamerika, die 2019 zu einem Proteststurm f\u00fchrte, der ebenso ein Land nach dem anderen erfasste. In der gegenw\u00e4rtigen Periode des globalisierten Kapitalismus sind diese internationalen Kettenreaktionen unvermeidlich. Ebenso stellt es sich immer mehr als zentrales Problem der Massenproteste heraus, dass es nicht gelingt, darauf auch eine internationale Antwort zu geben, eine internationale Koordination der K\u00e4mpfe zu bilden, die das Problem an der imperialistischen Wurzel packt.<\/p>\n<p>Die gegenw\u00e4rtige Krise, die mit der Unf\u00e4higkeit des Weltkapitalismus im Umgang mit der Corona-Pandemie beginnt und sich zu einem der schwersten Weltwirtschaftseinbr\u00fcche in der Geschichte des Kapitalismus entwickelt, wird die Frage der internationalen Antwort auf die Krise auf eine neue Qualit\u00e4t heben. Insbesondere die neokoloniale Welt, die sowohl durch die ungen\u00fcgenden Gesundheitssysteme als auch durch den massiven Kapitalabfluss im Gefolge der imperialistischen Krisenpolitik schwer gebeutelt ist, wird wiederum im Zentrum von verzweifelten Massenrevolten stehen. Die Frage der permanenten Revolution wird sich in einem nie gekannten globalen Ausma\u00df stellen. Der Aufbau einer proletarischen Internationale, die gegen\u00fcber dem versagenden Weltkapitalismus die K\u00e4mpfe der ArbeiterInnen und der verzweifelten Massen l\u00e4nder\u00fcbergreifend vereint, ist mehr denn je das Gebot der Stunde!<\/p>\n<p><strong>Endnoten<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[i]<\/a>&nbsp;\u201eDie Tendenz, den&nbsp;<em>Weltmarkt<\/em>&nbsp;zu schaffen, ist unmittelbar im Begriff des Kapitals selbst gegeben.\u201c MEW 42 (\u201eGrundrisse\u201c), Berlin\/O. 1983, S. 321.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[ii]<\/a>&nbsp;In Portugal war schon fr\u00fch der Begriff \u201eImperio\u201c f\u00fcr die \u201e\u00fcberseeischen\u201c Besitzungen im Gebrauch, auch wenn dies mehr einen mittelalterlich-religi\u00f6sen Hintergrund hatte. Tats\u00e4chlich wurden ab dem 17. Jahrhundert die meisten Kolonialunternehmungen Besitz privater Handels- und Aktiengesellschaften. Erst im 19. Jahrhundert wurde der Imperiumsbegriff wieder modern. Auch der britische \u201eEmpire\u201c-Begriff hatte jedoch starke religi\u00f6se Bez\u00fcge und wurde mit Bibelzitaten hinterlegt, die angeblich die Herrschaft \u00fcber alle Weltmeere f\u00fcr ein christliches Imperium voraussagen. Zur christlichen Mythologie kam aber im 19. Jahrhundert eine immer ausgepr\u00e4gtere rassistische Komponente.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[iii]<\/a>&nbsp;Anders als in den USA waren die Unabh\u00e4ngigkeitsbewegungen in&nbsp; Lateinamerika erst durch die Schw\u00e4chung Spaniens durch die napoleonischen Kriege erfolgversprechend, brauchten aber auch dann noch mehrere Anl\u00e4ufe, bis in den 1820er Jahren eine Reihe schwacher und rivalisierender Republiken entstand \u2013 entgegen dem Traum Simon Bolivars von einer geeinten lateinamerikanischen Republik. Mit der franz\u00f6sischen Revolution gelang auch erstmals eine erfolgreiche SklavenarbeiterInnenrevolution, die letztlich zur Unabh\u00e4ngigkeit Haitis von Frankreich f\u00fchrte. Die restliche Karibik blieb bis ins 20. Jahrhundert Kolonialgebiet \u2013 auch Kuba, als letzte wichtige spanische Kolonie.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[iv]<\/a>&nbsp;Das Propagieren des \u201eFreihandels\u201c, des Abbaus von Handelsschranken und Z\u00f6llen und die \u201e\u00d6ffnung\u201c von M\u00e4rkten als Abl\u00f6sung des Merkantilismus war die theoretisch vorherrschende Richtung der politischen \u00d6konomie in Gro\u00dfbritannien seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Vorstellung, dass ohne staatliche Regulierung global frei agierendes Kapital \u00fcberall zu Wohlstand und Demokratie f\u00fchren w\u00fcrden, wurde jedoch schnell selbst zum Vorwand politisch-milit\u00e4rischer Intervention.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[v]<\/a>&nbsp;E. Hobsbawm, Das Zeitalter der Extreme, M\u00fcnchen, 1998, S. 253<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[vi]<\/a>&nbsp;Zitiert nach: Der Spiegel, \u201eDer hei\u00dfe Ziegelstein\u201c, 3.8.1960 (zum Dekolonisationsprozess von Belgisch-Kongo). Auch lesenswert, um den zu dieser Zeit noch sehr offenen Rassismus auch solcher Bl\u00e4tter wie \u201eDer Spiegel\u201c gegen\u00fcber \u201eden Negern\u201c zu bemerken.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[vii]<\/a>&nbsp;Siehe ausf\u00fchrlich: W. Reinhard, Die Unterwerfung der Welt, Kapitel \u201eEin Dekolonisationsprogramm, die USA und der Nahe Osten\u201c, S. 1121ff., M\u00fcnchen 2016<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[viii]<\/a>&nbsp;Ra\u00fal Prebisch war 1948 einer der Begr\u00fcnder der CEPAL, der Wirtschaftskommission der UNO f\u00fcr Lateinamerika und die Karibik, und lange ihr Generalsekret\u00e4r. In den 1930er Jahren war er Zentralbankchef Argentiniens gewesen. Hans Singer war Leiter der Entwicklungsabteilung im UN-Sekretariat, verantwortlich f\u00fcr den Aufbau von Entwicklungsbanken z.&nbsp;B. f\u00fcr Afrika und f\u00fcr Besch\u00e4ftigungsprogramme der ILO.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[ix]<\/a>&nbsp;Jos\u00e9 Antonio Ocampo\/Mariangelica Parra, The continuing Relevance of the Terms of Trade and Industrialization Debate,&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.academia.edu\/309071\/The_continuing_relevance_of_the_terms_of_trade_and_industrialization_debates\">in: Vernengo and Perez-Caldentey (eds),&nbsp;<em>Ideas, Policies and Economic Development in the Americas<\/em>, Routledge Studies in Development Economics, Routledge, 2007.<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[x]<\/a>&nbsp;Das Magazin \u201eMonthly Review\u201c besteht seit 1949 als Sammelpunkt marxistischer Theorieproduktion in den USA. Zu seinen pr\u00e4genden Gr\u00fcndungspers\u00f6nlichkeiten z\u00e4hlten Paul M. Sweezy und Leo Huberman. Im gleichen Jahr stie\u00df Paul A. Baran hinzu, sp\u00e4ter u.&nbsp;a. Harry Magdoff. Seit dessen Tod 2006 ist John Bellamy Foster der alleinige Herausgeber.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[xi]<\/a>&nbsp;In der deutschen \u00dcbersetzung unter diesem Titel erschien es 1968 bei EVA, Frankfurt.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[xii]<\/a>&nbsp;Ebd., S. 12<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[xiii]<\/a>&nbsp;Ebd., S. 14. Frank blieb intellektueller Begleiter verschiedener linker Bewegungen in Lateinamerika, musste mehrfach ins Exil gehen. Er war bei ImperialistInnen wie StalinistInnen gleicherma\u00dfen unbeliebt und mit diversen Lehr- und Einreiseverboten belegt. Nach dem Milit\u00e4rputsch in Chile fand er untergeordnete akademische Posten in Westdeutschland und den Niederlanden.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[xiv]<\/a>&nbsp;Franks Aufsatz hier bezieht sich speziell auf Chile (seiner damaligen Wirkungsst\u00e4tte), das hier aber nur exemplarisch genannt ist.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[xv]<\/a>&nbsp;Ebd., S. 25f.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[xvi]<\/a>&nbsp;P. Baran, On the political Economy of Backwardness, Manchester, 1952<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[xvii]<\/a>&nbsp;Im Original als \u201eMonopoly Capital (For Che Guevara)\u201c 1966 bei Monthly Review Press erschienen, auf Deutsch 1967 bei Suhrkamp.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[xviii]<\/a>&nbsp;Rudi Dutschke bezeichnete es in seinem 1966 erschienenen Aufsatz \u201eZur Literatur des revolution\u00e4ren Sozialismus von Karl Marx bis in die Gegenwart\u201c als den \u201eunserer Meinung nach bedeutendsten theoretischen polit\u00f6konomischen Beitrag seit dem Ende des zweiten Weltkriegs\u201c (SDS-Korrespondenz Jg. 1, Sondernummer, Frankfurt a. M., 1966, S. 22).&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[xix]<\/a>&nbsp;Baran\/Sweezy, a.&nbsp;a.&nbsp;O., S. 15<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[xx]<\/a>&nbsp;Frank, a.&nbsp;a.&nbsp;O., S. 25.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[xxi]<\/a>&nbsp;Paul Mattick war ein deutscher R\u00e4tekommunist, der seit 1926 in den USA lebte und seit den 1930er Jahren grundlegende polit\u00f6konomische Analysen mit starken R\u00fcckbez\u00fcgen auf das Werk von Marx und in Abgrenzung zur \u201eoffiziellen\u201c Marx-Lekt\u00fcre erarbeitete. Er trug wesentlich zur Verbreitung der Pr\u00e4zisierung der Marx\u2019schen Krisentheorie durch Henryk Grossmann und zusammen mit Roman Rosdolsky (\u201eZur Entstehungsgeschichte des Marxschen &lt;&lt;Kapital&gt;&gt;\u201c, 1967) zur R\u00fcckbesinnung auf eine werttheoretisch begr\u00fcndete Kapitalismuskritik bei.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[xxii]<\/a>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Hier zitiert nach \u201eMonopolkapital. Thesen zu dem Buch von Paul A. Baran und Paul M. Sweezy\u201c, Hrsg. von Federico Hermanin, Karin Monte und Claus Rolshausen, EVA, Frankfurt\/Main, 1969, S. 31 \u2013 59.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[xxiii]<\/a>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Marx, \u201eDas Kapital\u201c, Band 3, MEW 25, Berlin\/O. 1969, S. 886f.: \u201eEs ist nach der bisher gegebenen Entwicklung \u00fcberfl\u00fcssig, von neuem nachzuweisen, wie das Verh\u00e4ltnis von Kapital und Lohnarbeit den ganzen Charakter der Produktionsweise bestimmt.\u201c<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[xxiv]<\/a>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Mattick, a.&nbsp;a.&nbsp;O., S. 32.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[xxv]<\/a>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Siehe auch: Marx, \u201eDas Kapital\u201c, Band 3, Kapitel 50, \u201eDer Schein der Konkurrenz\u201c: \u201eFindet endlich die Ausgleichung des Mehrwerts zur Durchschnittsprofitrate ein Hindernis an \u2026 Monopolen \u2026, so da\u00df ein Monopolpreis m\u00f6glich w\u00fcrde, der \u00fcber den Produktionspreis und \u00fcber den Wert der Waren stiege, auf die das Monopol wirkt, so w\u00fcrden die durch den Wert der Waren gegebnen Grenzen dadurch nicht aufgehoben. Der Monopolpreis gewisser Waren w\u00fcrde nur einen Teil des Profits der andern Warenproduzenten auf die Waren mit dem Monopolpreis \u00fcbertragen. Es f\u00e4nde indirekt eine \u00f6rtliche St\u00f6rung in der Verteilung des Mehrwerts unter die verschiedenen Produktionssph\u00e4ren statt, die aber die Grenze dieses Mehrwerts unver\u00e4ndert lie\u00dfe.\u201c (a.&nbsp;a.&nbsp;O., S. 868f.)<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[xxvi]<\/a>&nbsp;Marx, ebd., S. 230.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[xxvii]<\/a>&nbsp;Mattick, a.&nbsp;a.&nbsp;O., S. 58<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[xxviii]<\/a>&nbsp;Ebd., S. 45<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[xxix]<\/a>&nbsp;Ebd.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[xxx]<\/a>&nbsp;A. Marquetti, Extended Penn World Tables (EPWT), <a href=\"https:\/\/sites.google.com\/a\/newschool.edu\/duncan-foley-homepage\/home\/EPWT\">https:\/\/sites.google.com\/a\/newschool.edu\/duncan-foley-homepage\/home\/EPWT<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[xxxi]<\/a>&nbsp;Michael Roberts, Towards a World Rate of Profit \u2013 again, 2017, <a href=\"https:\/\/thenextrecession.wordpress.com\/2017\/09\/09\/towards-a-world-rate-of-profit-again\/\">https:\/\/thenextrecession.wordpress.com\/2017\/09\/09\/towards-a-world-rate-of-profit-again\/<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[xxxii]<\/a>&nbsp;Aus: T. Piketty, Das Kapital im 21. Jahrhundert, M\u00fcnchen 2014, S. 218<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[xxxiii]<\/a>&nbsp;CreditSwiss, Z\u00fcrich, 2010-2019, <a href=\"https:\/\/www.credit-suisse.com\/about-us\/en\/reports-research\/global-wealth-report.html\">https:\/\/www.credit-suisse.com\/about-us\/en\/reports-research\/global-wealth-report.html<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[xxxiv]<\/a>&nbsp;Credit Swiss, Global Wealth Report 2012, S.11, Figure 3<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[xxxv]<\/a>&nbsp;EPWT, Spalten J und K \u2013 in KKP von 2005<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[xxxvi]<\/a>&nbsp;Ebd.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[xxxvii]<\/a>&nbsp;Die FLN-Revolutionsregierung hatte in den Friedensabkommen mit Frankreich Erd\u00f6l und Gas in der Sahara weiterhin in franz\u00f6sischem Besitz belassen, anscheinend weil sie meinte, die garantierten Zahlungen aus den Eink\u00fcnften der 4 franz\u00f6sischen Konzerne f\u00fcr ihre Zwecke zu gebrauchen. 1971 wurde gegen den Widerstand der franz\u00f6sischen Regierung ein Aufkauf von 51&nbsp;% des Gesellschaftseinkommens durchgesetzt. Der Beitrag Algeriens zur Preispolitik der OPEC war in Folge entscheidend f\u00fcr den \u201e\u00d6lpreisschock\u201c 1973 und die danach ausgel\u00f6ste Weltwirtschaftsrezession 1974.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[xxxviii]<\/a>&nbsp;Aus den EPWT<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[xxxix]<\/a>&nbsp;Siehe z.&nbsp;B. WTO u.&nbsp;a., Global Value Chain Report 2017, Measuring and Analyzing the Impact of GVCs on Economic Development<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[xl]<\/a>&nbsp;Ebd., S. 55.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[xli]<\/a>&nbsp;Ebd., S. 51<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[xlii]<\/a>&nbsp;Ebd., The middle-income trap and upgrading along global value chains, S. 119 \u2013 134<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[xliii]<\/a>&nbsp;Aus den EPWT, Spalte J.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[xliv]<\/a>&nbsp;Aus: T. Piketty, Das Kapital im 21. Jahrhundert, a.&nbsp;a.&nbsp;O., S. 92<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[xlv]<\/a>&nbsp;World Bank Data Team, New Country Classifications by Income Level, 2019, <a href=\"https:\/\/blogs.worldbank.org\/opendata\/new-country-classifications-income-level-2019-2020\">https:\/\/blogs.worldbank.org\/opendata\/new-country-classifications-income-level-2019-2020<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[xlvi]<\/a>&nbsp;EPWT, Spalte T,<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[xlvii]<\/a>&nbsp;Themistoklis Kalogerakos, Financialization, the Great Recession and the Rate of Profit: profitability trends in the US corporate business sector, 1946 \u2013 2011, Lund 2013<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[xlviii]<\/a>&nbsp;Ebd., S. 28<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[xlix]<\/a>&nbsp;D. Zachariah, Determinants of the average profit rate and the trajectory of capitalist economies. Presented at the conference on Probabilistic Political Economy, Kingston University, July 2008. Published in Bulletin of Political Economy, Vol.3, No.1, New Dehli, 2009<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[l]<\/a>&nbsp;Ebd., S. 10<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[li]<\/a>&nbsp;Berechnungen basierend auf BIP, GNI in current US Dollar; Daten aus: Weltbank, World Development Indicators, <a href=\"https:\/\/databank.worldbank.org\/data\/download\/WDI_excel.zip\">https:\/\/databank.worldbank.org\/data\/download\/WDI_excel.zip<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[lii]<\/a>&nbsp;Aus: United Nations Conference on Trade and Development, World Investment Report 2019, S. 12. Hier sind \u201eRemittances\u201c die Transferzahlungen von MigrantInnen. Unter \u201eother investments\u201c z\u00e4hlen z.&nbsp;B. Kredite oder Derivate.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[liii]<\/a>&nbsp;EUROSTAT 2017, <a href=\"https:\/\/ec.europa.eu\/eurostat\/statistics-explained\/index.php\/World_direct_investment_patterns\">https:\/\/ec.europa.eu\/eurostat\/statistics-explained\/index.php\/World_direct_investment_patterns<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[liv]<\/a>&nbsp;UNCTAD, World Investment Report 2019, S.2015<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[lv]<\/a>&nbsp;Tats\u00e4chlich wurde Emmanuels Theorie erst durch sein 1969 ver\u00f6ffentlichtes Buch \u201eL\u2019\u00e9change in\u00e9gal: Essais sur les antagonismes dans les rapports \u00e9conomiques internationaux\u201c, Paris (Fran\u00e7ois Maspero), bekannt, das durch sp\u00e4tere \u00dcbersetzungen erst in den 1970er Jahren international zug\u00e4nglich war. Erstmals vertreten hat Emmanuel die Theorie aber bereits in Vorlesungen in Paris Anfang der 1960er Jahre<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[lvi]<\/a>&nbsp;Die Darstellung und Kritik der Theorie st\u00fctzt sich wesentlich auf: M. C. Howard\/J. E. King, A History of Marxist Economy, London 1992, Band 2, Kapitel 10 \u201eUnequal Exchange\u201c, S. 186 \u2013 204.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[lvii]<\/a>&nbsp;Berechnung aufgrund der EPWT als Verh\u00e4ltnis von BIP zu Lohnsumme in KKP von 2005.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[lviii]<\/a>&nbsp;J.-O. Anderson, Studies in the Theory of Unequal Exchange, \u00c5bo (Turku), 1976; ausgef\u00fchrt in Howard\/King a.&nbsp;a.&nbsp;O., S. 195f., wo auch ein ausf\u00fchrliches Modellbeispiel gem\u00e4\u00df Andersons Reformulierung der Theorie gerechnet wird.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[lix]<\/a>&nbsp;Samir Amin, Unequal Development: An Essay on the Social Formations of Peripheral Capitalism, New York 1976 (Monthly Review Press), S. 143f.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[lx]<\/a>&nbsp;Deutsche Bank, Jahresausblick 2017, interne Quellen und die Penn World Tables 2016:&nbsp; <a href=\"https:\/\/www.deutsche-bank.de\/pfb\/content\/jahresausblick-2017_die-weltwirtschaft-im-zeichen-der-usa.html\">https:\/\/www.deutsche-bank.de\/pfb\/content\/jahresausblick-2017_die-weltwirtschaft-im-zeichen-der-usa.html<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[lxi]<\/a>&nbsp;Das Programm wird heute unter Federf\u00fchrung der Weltbank durchgef\u00fchrt und ver\u00f6ffentlicht seine Langfriststudien z.&nbsp;B. unter:&nbsp; <a href=\"https:\/\/www.worldbank.org\/en\/programs\/icp\">https:\/\/www.worldbank.org\/en\/programs\/icp<\/a>. Die Daten, die im Folgenden verwendet wurden, stammen aus dem Download \u201eICP 2011 results Excel data file\u201c.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[lxii]<\/a>&nbsp;Berechnung aus dem ICP data report 2011<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[lxiii]<\/a>&nbsp;Ebd.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[lxiv]<\/a>&nbsp;Siehe zusammenfassend: Karl Marx, Zur Kritik der politischen \u00d6konomie, Vorwort, MEW 13, Berlin\/O. 1974, S. 7ff.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[lxv]<\/a>&nbsp;Siehe z.&nbsp;B.: R. Guha, Dominance without Hegemony: History and Power in Colonial India, Dehli, 1983. D. Chakrabarty, Provincializing Europe, Princeton, 2000.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[lxvi]<\/a>&nbsp;Zur Kritik an der \u201epostkolonialen Theorie\u201c siehe vor allem: V. Chibber, Postkoloniale Theorie und das Gespenst des Kapitals, Berlin 2018.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[lxvii]<\/a>&nbsp;In: Kapitalismus und Unterentwicklung in Lateinamerika, Frankfurt a. M. 1968 (EVA), S. 220 \u2013 276<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[lxviii]<\/a>&nbsp;Siehe vor allem: Immanuel Wallerstein, Das moderne Weltsystem, 4 B\u00e4nde, 2004, 2012, 2004, 2012, Wien (Promedia). Eine kurze zusammenfassende Darstellung: I. Wallerstein, Welt-System-Analyse, Wiesbaden, 2019.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[lxix]<\/a>&nbsp;I. Wallerstein, Welt-System-Analyse, a.&nbsp;a.&nbsp;O., S. 88<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[lxx]<\/a>&nbsp;R. Luxemburg, Die Akkumulation des Kapitals. Ein Beitrag zur \u00f6konomischen Erkl\u00e4rung des Imperialismus, Gesammelte Werke Band 5, Berlin 1985, S. 5 \u2013 411 (urspr\u00fcnglich 1913)<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[lxxi]<\/a>&nbsp;Ebd., S. 325f., wo neben Algerien auch die Geschichte der indischen Landwirtschaft behandelt wird<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[lxxii]<\/a>&nbsp;Ebd., S. 323<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[lxxiii]<\/a>&nbsp;Wera I. Sassulitsch war eine russische Revolution\u00e4rin, die als 28-J\u00e4hrige mit einem Attentat auf den Stadthauptmann von Petersburg russlandweit legend\u00e4re Bekanntheit erlangte (1878). Von den Volkst\u00fcmlerInnen entwickelte sie sich im Exil zur Marxistin und wurde Mitbegr\u00fcnderin der ersten sozialdemokratischen Partei (1883) in Russland. Nach der ISKRA-Spaltung war sie Vertreterin der Menschewiki.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[lxxiv]<\/a>&nbsp;Karl Marx, Entw\u00fcrfe einer Antwort auf den Brief von V.I. Sassulitsch, MEW 19, Berlin\/O. 1974, S. 384 \u2013 406. Der Brief selber findet sich im selben Band, S. 242f. Ebenso in diesem Band findet sich zum selben Thema eine Antwort an die Redaktion der \u201eOtetschestwennyje Sapiski\u201c, einer progressiven russischen Zeitschrift, S. 107 \u2013 112.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[lxxv]<\/a>&nbsp;Ebd., S. 111<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[lxxvi]<\/a>&nbsp;Ebd., S. 112<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[lxxvii]<\/a>&nbsp;Ebd., S. 384<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[lxxviii]<\/a>&nbsp;Ebd., S. 385<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[lxxix]<\/a>&nbsp;FAO, The State of Food and Agriculture 2014, S.12<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[lxxx]<\/a>&nbsp;FAO, Weltagrarbericht, <a href=\"https:\/\/www.weltagrarbericht.de\/themen-des-weltagrarberichts\/baeuerliche-und-industrielle-landwirtschaft.html\">https:\/\/www.weltagrarbericht.de\/themen-des-weltagrarberichts\/baeuerliche-und-industrielle-landwirtschaft.html<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[lxxxi]<\/a>&nbsp;MEW 19, a.&nbsp;a.&nbsp;O., S. 389<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[lxxxii]<\/a>&nbsp;E. Preobraschenski, Die Neue \u00d6konomik, Verlag Neuer Kurs, Berlin\/W. 1971 (Original 1926); eine ausf\u00fchrliche und lesenswerte Analyse findet sich in: M. Seelos, Revisited: Die Theorie der urspr\u00fcnglichen sozialistischen Akkumulation. Oder: Welches Verh\u00e4ltnis kann die Planwirtschaft zu der b\u00e4uerlichen Agrarwirtschaft haben, Wien 2014.&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[lxxxiii]<\/a>&nbsp;L.Trotzki, Die Dritte Internationale nach Lenin, Der Programmentwurf der Komintern, Kapitel \u201eDie Abh\u00e4ngigkeit der UdSSR von der Weltwirtschaft\u201c, Essen 1993 (Original 1928), S. 61ff.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[lxxxiv]<\/a>&nbsp;Ebd., S. 63f.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[lxxxv]<\/a>&nbsp;Ebd., S. 65f.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[lxxxvi]<\/a>&nbsp;Z.&nbsp;B. in: ebd., S. 35ff.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[lxxxvii]<\/a>&nbsp;Zitiert in: ebd., S. 38<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[lxxxviii]<\/a>&nbsp;Ebd., S. 39<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[lxxxix]<\/a>&nbsp;Siehe: L. Trotzki, Ergebnisse und Perspektiven (1906); Die permanente Revolution (1928). Beides erscheinen als Reprint in einem Band bei EVA, Frankfurt a. M.&nbsp; 1971 (Zitate aus dieser Ausgabe).<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[xc]<\/a>&nbsp;Ebd., Permanente Revolution, S. 26ff.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[xci]<\/a>&nbsp;So erkl\u00e4rte Mao 1940, dass angesichts der relativen Kleinheit des chinesischen Proletariats von der KPCh die b\u00fcrgerliche Revolution fortgesetzt werden m\u00fcsse, nur dass die \u201eDemokratie\u201c durch die unter F\u00fchrung der KP stehenden \u201evier revolution\u00e4ren Klassen\u201c einen ganz anderen, progressiven Charakter bek\u00e4me. (Mao Tse-tung, \u00dcber die Neue Demokratie, Januar 1940:&nbsp; <a href=\"http:\/\/www.infopartisan.net\/archive\/maowerke\/MaoAWII_395_449.htm\">http:\/\/www.infopartisan.net\/archive\/maowerke\/MaoAWII_395_449.htm<\/a>) .<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[xcii]<\/a>&nbsp;Zitiert in Trotzki, Permanente Revolution, a.&nbsp;a.&nbsp;O., S. 130<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[xciii]<\/a>&nbsp;Siehe ausf\u00fchrlich zu diesen Revisionen: Trotzki, Dritte Internationale nach Lenin, a.&nbsp;a.&nbsp;O., Kapitel \u201eDie reaktion\u00e4re Theorie der \u201akombinierten Arbeiter- und Bauernparteien\u2018 f\u00fcr den Orient\u201c, S. 211ff.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/#_ednref\">[xciv]<\/a>&nbsp;Trotzki, Permanente Revolution, a.&nbsp;a.&nbsp;O., S. 28f.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2021\/01\/06\/imperialismustheorie-und-neokolonialismus\/\"><em>Revolution\u00e4rer Marxismus&#8230;<\/em><\/a><em> vom 5. 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