{"id":10699,"date":"2022-01-16T12:54:26","date_gmt":"2022-01-16T10:54:26","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10699"},"modified":"2022-01-16T12:54:56","modified_gmt":"2022-01-16T10:54:56","slug":"globale-jagd-nach-dem-mehrwert-drei-aktuelle-buecher-ueber-imperialismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10699","title":{"rendered":"Globale Jagd nach dem Mehrwert: Drei aktuelle B\u00fccher \u00fcber Imperialismus"},"content":{"rendered":"<p><em>Hubert Maulhofer. <\/em>&nbsp;Kommentatoren aus Handel, Industrie und Forschung, ein Jahr der \u201eKnappheit\u201c. Die Engp\u00e4sse in globalen Lieferketten werden bleiben, mit \u201eeiner schnellen Entspannung sei nicht zu rechnen\u201c,&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.finanzen.net\/nachricht\/aktien\/materialengpaesse-deutsche-wirtschaft-lieferengpaesse-bleiben-2022-hohe-inflation-auch-10878956\">warnt der Pr\u00e4sident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie<\/a>&nbsp;(BDI), Siegfried Russwurm. Die Stockungen betreffen alle Bereiche des wirtschaftlichen Lebens, von Rohstoffen \u00fcber Halbfrabrikate bis zu Lebensmitteln. Die Lieferengp\u00e4sse<!--more--> seien in Deutschland inzwischen \u201eAlltag\u201c, erkl\u00e4rt auch&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.welt.de\/wirtschaft\/article235941772\/Rewe-Chef-Lieferengpaesse-bei-Lebensmitteln-sind-in-Deutschland-inzwischen-Alltag.html\">REWE-Chefmanager Lionel Souque<\/a>. \u201eIn vielen Wochen werden zurzeit von der Industrie weniger als 90 Prozent der bestellten Lebensmittel geliefert. Das ist v\u00f6llig ungew\u00f6hnlich und teilweise inakzeptabel\u201c, sagte er.<\/p>\n<p>Die Krise in den Lieferketten macht sichtbar, was in Zeiten des reibungslosen Ablaufes im Hintergrund bleibt. Die meisten Waren, die in den westlichen Zentren des Kapitalismus konsumiert werden, haben weite Reisen zur\u00fcckgelegt. Der Kaffee aus Brasilien, die T-Shirts aus Bangladesch, die Schuhe aus der Dominikanischen Republik, die Smartphones aus China und Indien, die Auto-Bestandteile aus S\u00fcdafrika \u2013 sie alle sind fester Bestandteil eines Systems, in dem sich die herrschenden Klassen einiger weniger Nationen die Arbeitskraft und Ressourcen des gesamten Planeten aneignen.<\/p>\n<p>Die Internationalisierung der Produktion in weltumspannenden Warenketten hat sp\u00e4testens seit den 1980er-Jahren zu einer neuen Phase in dem gef\u00fchrt, was marxistische Theoretiker:innen seit der Wende zum 20. Jahrhundert \u201eImperialismus\u201c nannten. Viel deutschsprachige Literatur gibt es leider zur neueren Imperialismusforschung nicht. Deshalb soll es im folgenden um einige B\u00fccher internationaler Marxist:innen gehen, die genau hier ansetzen und Imperialismusanalysen entwickeln, die in erster Linie von dieser globalen Produktionsweise ausgehen: John Smith (\u201eImperialism in the twenty-first century. Globalization, Super-Exploitation and Capitalism\u2018s Final Crisis\u201c) und Intan Suwandi (\u201eValue Chains. The New Economic Imperialism\u201c) kommen aus dem Umfeld der Zeitschrift \u201emonthly review\u201c, f\u00fcr die einst Albert Einstein sein Essay \u201eWhy Socialsm?\u201c schrieb und die sp\u00e4ter einflussreiche Antiimperialist:innen wie Samir Amin hervorbrachte. Torkil Lauesen (\u201eThe Global Perspective. Reflections on Imperialsm and Resistance\u201c) war Mitglied der antiimperialistischen militanten Gruppe \u201eBlekingegade-Bande\u201c,die aus einer maoistischen Tradition kommend spektakul\u00e4re \u00dcberf\u00e4lle in D\u00e4nemark durchf\u00fchrte, deren Erl\u00f6s an Befreiungsbewegungen im Trikont ging.<\/p>\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/imp-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"301\" height=\"430\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/imp-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-10700\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/imp-1.jpg 301w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/imp-1-210x300.jpg 210w\" sizes=\"auto, (max-width: 301px) 100vw, 301px\" \/><\/a><figcaption><em>John Smith: Imperialism in the Twenty First Century, New York 2016<\/em><\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n<p><strong>Imperialismus und Globale Warenketten<\/strong><\/p>\n<p>Im allt\u00e4glichen Sprachgebrauch findet \u201eImperialismus\u201c statt, wenn eine Nation sich milit\u00e4risch auf das Territorium einer anderen Nation ausdehnen will. Auch f\u00fcr Marxist:innen spielte Krieg stets eine wichtige Rolle f\u00fcr den Imperialismusbegriff \u2013 allerdings als Symptom, nicht als erstes Wesensmerkmal. \u201eDer Kapitalismus tr\u00e4gt den Krieg in sich wie die Wolke den Regen\u201c, formulierte einst der franz\u00f6sische Sozialist Jean Jaures. Und Revolution\u00e4r:innen wie Rosa Luxemburg, W.I. Lenin oder Nikolaj Ivanovic Bucharin ging es in erster Linie darum, zu verstehen, wie die Wolke beschaffen ist, dass sie \u00fcberhaupt zum Regen f\u00fchrt.<\/p>\n<p>W\u00fcrde man eine m\u00f6glichst kurze \u201eDefinition\u201c von Imperialismus in dieser Tradition geben wollen, bietet sich eine Formulierung an, die John Smith k\u00fcrzlich&nbsp;<a href=\"https:\/\/mronline.org\/2019\/03\/19\/john-smith-on-imperialism-part-1\/\">in einem Interview gebraucht hat<\/a>: \u201eDie konziseste und konkreteste Definition von Imperialismus, die mir in den Sinn kommt, ist die Unterordnung der gesamten Welt unter die Interessen der herrschenden kapitalistischen Klassen aus einer Hand voll Unterdr\u00fcckernationen.\u201c<\/p>\n<p>Bleibt diese Formulierung zwar f\u00fcr alle Phasen des Imperialismus gleich, so \u00e4nderten sich seit Lenins Zeiten doch auch fundamentale Eigenschaften des Systems,&nbsp;<em>wie<\/em>&nbsp;sich die in den imperialistischen Nationen ihre Basis habenden herrschenden Klassen den aus aller Welt abgesch\u00f6pften Surplus aneignen. Seit der formalen Dekolinialisierung hat sich die globale Arbeitsteilung drastisch ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Als die beiden \u00d6konomen Hans Wolfgang Singer und Raul Prebisch im Jahr 1949 ihre These entwickelten, dass die Verschlechterung der \u201eterms of trade\u201c f\u00fcr die abh\u00e4ngigen Nationen aus dem Umstand resultieren, dass sie vor allem Rohstoffe und Agrarg\u00fcter in den Weltmarkt einbrachten, konnte man noch die Hoffnung hegen, eine nachholende Industrialisierung w\u00fcrde diese L\u00e4nder aus dem Joch der \u201eUnterentwicklung\u201c befreien. Doch diese ist zumindest in einigen L\u00e4ndern der Peripherie l\u00e4ngst eingetreten \u2013 und dennoch blieb der Globale S\u00fcden abh\u00e4ngig, \u201eunterentwickelt\u201c und verarmt. Woran liegt das?<\/p>\n<p>John Smith und Intant Suwandi sehen den wesentlichen Punkt in der gegenw\u00e4rtigen imperialistischen Produktionsweise in Globalen Warenketten, deren Knotenpunkte dazu dienen, dem Proletariat im Globalen S\u00fcden per \u201eSuper-Exploitation\u201c Mehrwert abzupressen und ihn in die Zentren zu schaffen. In diesen Zentren sind es einige Zehntausend Mulitnationaler Konzerne, die an der Spitze der jeweiligen Ketten von Zulieferern stehen und die direkt \u2013 per Ausl\u00e4ndische Direktinvestition \u2013 oder indirekt \u2013 per amrs lenght contracts \u2013 bestimmen, was, wie und wieviel produziert wird.<\/p>\n<p>Am \u201eunteren\u201c Ende der Warenketten stehen die bis aufs Blut ausgebeuteten Arbeiter:innen der Peripherie, die in endlosen Schichten zu niedrigsten L\u00f6hnen in den Produktionsablauf eingespeist werden, die Sweatshops der Textilfabrikanten genauso wie die Assembly Lines der Smartphone-Hersteller. Am oberen Ende die Eigent\u00fcmer und das Management der Multis samt ihrer Marketing-, Forschungs- und Brandingabteilungen in den imperialistischen Zentren.<\/p>\n<p><strong>Globale&nbsp;Warenketten<\/strong><\/p>\n<p>\u201eOutsourcing\u201c und \u201eOffshoring\u201c sind \u2013 diese These ist der Kern der Theorien von Suwandi und Smith \u2013 Symptome der Suche nach billigeren Lohnst\u00fcckkosten. Diese Ausnutzung der \u201eArbitrage\u201c von Arbeitskosten (global labor arbitrage) motiviert die Verlagerung gro\u00dfer Teile der Produktion aus den Zentren in ausgew\u00e4hlte L\u00e4nder der Peripherie. Der \u201efundamentale Treiber und Formgeber der Globalisierung\u201c sei die \u201eglobal labor arbitrage, die Ersetzung von Arbeitern mit relativ hohen L\u00f6hnen in imperialistischen Zentren durch Niedriglohnarbeiter in China, Bangladesch und anderen Nationen des Globalen S\u00fcdens\u201c, konstatiert Smith (S188). Die marxistische Theorie m\u00fcsse auf diese Neuerung mit einer \u201eWerttheorie des Imperialismus\u201c antworten, die in Rechnung stellt, dass zus\u00e4tzlich der beiden von Marx ausf\u00fchrlich analysierten Arten der Erh\u00f6hung des relativen und absoluten Mehrwerts auch eine dritte, vom Autor des&nbsp;<em>Kapital<\/em>&nbsp;angedeutete Form der Maximierung der Mehrwertrate eine immer gr\u00f6\u00dfere Rolle spielt, die auf \u201e\u00dcberausbeutung\u201c basiert \u2013 dem Versuch des Kapitals, die Ware Arbeitskraft unter ihren Wert zu dr\u00fccken.<\/p>\n<p>Smith und Suwandi wissen, dass es gegen diese Theorie in den fr\u00fcheren Auseinandersetzungen zwischen Dependenztheorie und \u201eorthodoxem\u201c Marxismus gewichtige werttheoretische Einw\u00e4nde gab. Doch es gelingt ihnen, sie sowohl auf Basis der Marxschen Theorie wie auch empirisch zu widerlegen \u2013 insbesondere die alte M\u00e4r, dass der Lohnunterschied zwischen Zentrum und Peripherie schlichtweg die Widerspiegelung von unterschiedlichen Produktivit\u00e4tsniveaus sei. \u201eDie deutlich h\u00f6heren Ausbeutungsraten der Arbeiter im Globalen S\u00fcden haben nicht einfach mit niedrigen L\u00f6hnen zu tun, sondern auch mit dem Fakt, dass die Lohnunterschiede zwischen Nord und S\u00fcd gr\u00f6\u00dfer sind als die Unterschiede in der Produktivit\u00e4t\u201c, so Suwandi (S.59).<\/p>\n<p>Smith verabschiedet sich aber zugleich auch von Vorstellungen, der Werttransfer lie\u00dfe sich ausschlie\u00dflich als \u201eMonopolrente\u201c begreifen \u2013 viel mehr gehe es um ein \u201eKonzept, dass das \u00f6konomisch wesentliche \u2013 Monopolkapitalismus \u2013 mit dem politisch Wesentlichen \u2013 der Teilung der Erde in unterdr\u00fcckte und Unterdr\u00fcckernationen \u2013 vereint und beides in Begriffen der von Marx in seinem Hauptwerk&nbsp;<em>Das Kapital<\/em>&nbsp;entwickelten Werttheorie erkl\u00e4ren vermag.\u201c<\/p>\n<p>Den Transfer von Mehrwert dabei tats\u00e4chlich empirisch nachzuverfolgen, ist nicht immer einfach: Die Rahmentheorien von b\u00fcrgerlichen Statistiken taugen dazu nur beschr\u00e4nkt. Das \u201eBruttoinlandsprodukt\u201c etwa, so bem\u00e4ngeln beide Autor:innen, sei etwa keineswegs ein zureichender Ma\u00dfstab der produktiven Leistungen einer Volkswirtschaft. Es bezeichne in Wahrheit nicht \u201evalue added\u201c, sondern eher schon \u201evalue captured\u201c, sei also eher ein Indikator daf\u00fcr, wie viel Wert in einer Nation angeeignet, nicht produziert werde. Sieht man sich etwa die \u2013&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.etla.fi\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/B244.pdf#page=99\">gut erforschte \u2013 Wertkette eines Nokia-Smartphones&nbsp;<\/a>an, so erscheint der \u00fcberwiegende Teil von \u201evalue added\u201c als Leistung des Mutterkonzerns \u2013 und damit des Landes, in dem sich dessen Firmensitz befindet -, selbst wenn die Teile und die Endproduktion des physischen Ger\u00e4ts \u201eSmartphone\u201c in Asien oder anderswo stattfinden.<\/p>\n<p>Die Werttransfers sind zudem nicht immer offen sichtbar. Werden bei ausl\u00e4ndischen Direktinvestitionen die Profite zumindest teilweise noch ausweisbar ins Mutterland r\u00fcckgef\u00fchrt, so bleiben bei \u201earms length contracts\u201c die Ausbeutungs- und Machtverh\u00e4ltnisse hinter Ketten von \u00c4quivalententausch unsichtbar. Gerade diese allerdings werden in den Produktionsketten immer relevanter: Apple produziert kein Iphone selbst, Nike keinen Schuh. Das machen Zulieferer, die im Konkurrenzkampf um die Gnade der Multis ihre Arbeiter:innen so preiswert wir m\u00f6glich auf den Weltmarkt werfen.<\/p>\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/imp-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"373\" height=\"557\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/imp-2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-10701\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/imp-2.jpg 373w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/imp-2-201x300.jpg 201w\" sizes=\"auto, (max-width: 373px) 100vw, 373px\" \/><\/a><figcaption><em>Intan Suwandi: Global Value Chains, New York 2019<\/em><\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n<p><strong>Globale&nbsp;Klasse, gespaltene Klasse<\/strong><\/p>\n<p>Die Notwendigkeit einer \u201eWerttheorie des Imperialismus\u201c ist angesichts der globalen Klassenrealit\u00e4t keine theoretische Spielerei. Das Gros des Industrieproletariats lebt schon heute in den Nationen des Globalen S\u00fcdens. Rechnet man die im \u201einformellen Sektor\u201c, der globalen \u201eSlum-\u00d6konomie\u201c, dahindarbenden, aber oft genug in die Wertketten des Kapitals eingebundenen Proletarier:innen sowie die Kleinb\u00e4uer:innen dazu, sehen wir eine aus Milliarden Menschen bestehende Masse unter der Knute des Imperialismus.<\/p>\n<p>Ohne eine internationale Verbindung von deren K\u00e4mpfen mit denen in den Metropolen wird keine Befreiung m\u00f6glich sein. Doch der Haken ist: Die Interessen dieser Teile der Klasse und zumindest der \u201eprivilegierteren\u201c Schicht von Arbeiter:innen in den imperialistischen Zentren sind nicht einfach deckungsgleich. Schon Lenin sprach von einer \u201ekleinen Schicht\u201c der \u201eArbeiteraristokratie\u201c in den entwickelten imperialistischen Zentren, die von \u201eihrem\u201c nationalen Kapital mit Kr\u00fcmeln gef\u00fcttert werden, um den nationalen Klassenfrieden gegen den \u00e4u\u00dferen und inneren Feind zu sichern. Diese Arbeiteraristokratie bildete die potentielle soziale Basis von Opportunismus und Sozialchauvinismus, modern gesprochen: Der \u201eSozialpartnerschaft\u201c f\u00fcr den kapitalistischen Standort.<\/p>\n<p>Torkil Lauesen und die aus dem \u201eKommunistischen Arbeitskreis\u201c in D\u00e4nemark hervorgegangene Theorietradition des \u201eSchmarotzerstaats\u201c \u00fcberspitzten nun in den 1970er-Jahren diese These im Eindruck der Nachkriegsphase des Klassenkompromisses bis zu der Schlussfolgerung: Eigentlich sind in den Metropolen gar keine revolution\u00e4ren Klassenk\u00e4mpfe mehr m\u00f6glich oder zu erwarten, solange nicht der stetige Zufluss von Monopolprofiten aus dem Trikont abgerissen ist. Ergo: Die Praxis verschob sich von lokalen K\u00e4mpfen zu Unterst\u00fctzungsaktionen f\u00fcr K\u00e4mpfe anderswo.<\/p>\n<p>In seinem aktuellen Buch vertritt Lauesen diese These nicht mehr in dieser Form, bleibt aber bei der Betonung der Relevanz, die \u201eArbeiteraristokratie\u201c in die aktuellen Klassenanalysen einzubeziehen: \u201eEine Reihe von Faktoren binden die Interessen der Arbeiterklassen des Nordens an die des Globalen Kapitals. Die Superprofite der transnationalen Konzerne aus Investitionen im Globalen S\u00fcden erm\u00f6glichen es ihnen, relativ hohe L\u00f6hne im Globalen Norden zu zahlen, die Arbeiter dort mit einer signifikanten Kaufkraft ausstattet. (\u2026) Gleichzeitig halten die Niedrigl\u00f6hne des Globalen S\u00fcdens die Preise f\u00fcr Konsumg\u00fcter relativ niedrig.\u201c Wenngleich Lauesen auch eingesteht, dass sich seit der Aufk\u00fcndigung des Klassenfriedens durch die \u201eneoliberale\u201c Offensive auch in den Metropolen die K\u00e4mpfe versch\u00e4rfen, bleibt er bei der These: Die aus dem globalen System der Ausbeutung entspringenden Profite sind die Bedingung der M\u00f6glichkeit, sich einen (relativen) Klassenfrieden in den imperialistischen Metropolen zu erkaufen.<\/p>\n<p><strong>Notwendiger Antiimperialismus<\/strong><\/p>\n<p>Aus einer einigerma\u00dfen ausgearbeiteten Theorie des Imperialismus erw\u00e4chst auch die M\u00f6glichkeit, die g\u00e4ngigen Debatten des \u201eprogressiven Neoliberalismus\u201c besser einzuordnen und die b\u00fcrgerlichen Spielarten von Antirassismus und Feminismus besser von den proletarischen zu unterscheiden.<\/p>\n<p>So spielen etwa nationale Grenzen eine zentrale Rolle in der Theorie der \u201eglobal labor arbitrage\u201c. Sie sind jene Schranke, die die \u00fcberausgebeutete Klasse nicht \u00fcberschreiten kann : \u201eW\u00e4hrend die Arbeitskraft nach wie vor durch das Migrationsregime in nationale Grenzen eingeschlossen ist, k\u00f6nnen das globale Kapital und die Waren sich weitaus freier bewegen \u2013 zunehmend noch durch die in den vergangenen Jahren durchgesetzte Liberalisierung des Handels\u201c, schreibt Suwandi (S53). Die Grenzen sind so eingerichtet, dass sie die gro\u00dfe Masse des globalen Proletariats da halten, wo es \u201ehingeh\u00f6rt\u201c und damit die M\u00f6glichkeit der h\u00f6heren Mehrwertraten in der Peripherie garantieren. Gleichzeitig sind sie aber durchl\u00e4ssig genug, um billigere, migrantische Arbeitskraft (so weit sie n\u00f6tig ist) in die Metropolen durchzulassen. Die Millionen \u201eundocumented workers\u201c in den USA spielen dabei genauso eine wichtige Rolle f\u00fcr das imperialistische Gesch\u00e4ftsmodell wie die immer Wanderarbeiter aus Osteuropa und die immer noch deutlich schlechter verdienenden Arbeiter:innen mit \u201eMigrationshintergrund\u201c in Deutschland. Die systematische Abwertung des Werts der Ware Arbeitskraft im Hinblick auf \u201emigrantische\u201c Werkt\u00e4tige oder das Proletariat in der Peripherie bildet zugleich die Grundlage des Rassismus \u2013 und nicht der \u201eschlechte Charakter\u201c von ungebildeten Wei\u00dfen in den Zentren, wie ein auf v\u00f6llige Individualisierung angelegter b\u00fcrgerlicher Antirassismus meint.<\/p>\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/imp-3.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/imp-3.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-10702\" width=\"405\" height=\"608\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/imp-3.jpg 272w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/imp-3-200x300.jpg 200w\" sizes=\"auto, (max-width: 405px) 100vw, 405px\" \/><\/a><figcaption><em>Torkil Lauesen, The Global Perspective, Montreal 2018<\/em><\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n<p>Weiters zeigt sich in den Globalen Warenketten in bestimmten Sektoren \u2013 ganz deutlich in der Textilindustrie, aber auch in vielen \u201eExportproduktionszonen\u201c generell \u2013 ein \u00fcberwiegender Anteil von Frauen, die noch schlechter bezahlt werden als ihre m\u00e4nnlichen Kollegen und einer Reihe zus\u00e4tzlicher Belastungen \u2013 von famili\u00e4ren oder kulturellen Verpflichtungen bis sexualisierter Gewalt \u2013 ausgesetzt sind. Die Auslagerung der sozialen Kosten der Reproduktion der Ware Arbeitskraft in weitere Familienzusammenh\u00e4nge geh\u00f6rt genauso in diesen Bereich wie das internationale \u201egender pay gap\u201c und das Problem der Kinderarbeit. Auch hier ist es eine Frage des Klassenstandpunkts: Sind die Textilarbeiter:innen in Bangladesch ein Bezugspunkt feministischer K\u00e4mpfe oder die Girlboss-Stars des Westens, die ihre Modekollektionen in Bangladesch n\u00e4hen lassen?<\/p>\n<p>Die Ausarbeitung einer antiimperalistischen Theorie auf Grundlage des Marxismus ist aber vor allem in einer Hinsicht zentral: Wer sich als Sozialist:innen in der Klassenfrage ausschlie\u00dflich auf den Bezugsrahmen der \u201eeignen\u201c Arbeiterklasse innerhalb der nationalen Grenzen stellt, landet in den imperialistischen Metropolen nahezu automatisch bei Opportunismus und Sozialchauvinismus. In den Worten Lenins: \u201eDie \u00f6konomische Grundlage des Opportunismus und des Sozialchauvinismus ist ein und dieselbe: die Interessen einer ganz geringf\u00fcgigen Schicht von privilegierten Arbeitern und Kleinb\u00fcrgern, die ihre privilegierte Stellung, ihr \u201aRecht\u2018 auf Brocken vom Tische der Bourgeoisie verteidigen, auf Brocken von den Profiten, die \u201aihre\u2018 nationale Bourgeoisie durch die Auspl\u00fcnderung fremder Nationen, durch die Vorteile ihrer Gro\u00dfmachtstellung usw. einstreicht.\u201cUnd dieser Standpunkt f\u00fchrt unweigerlich zum Verrat der Interessen des gesamten Proletariats.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/lowerclassmag.com\/2022\/01\/06\/globale-jagd-nach-dem-mehrwert-drei-aktuelle-buecher-ueber-imperialismus\/\"><em>lowerclassmag.com&#8230;<\/em><\/a><em> vom 9. Januar 2022<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hubert Maulhofer. &nbsp;Kommentatoren aus Handel, Industrie und Forschung, ein Jahr der \u201eKnappheit\u201c. 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