{"id":10718,"date":"2022-01-20T18:11:20","date_gmt":"2022-01-20T16:11:20","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10718"},"modified":"2022-01-20T18:11:21","modified_gmt":"2022-01-20T16:11:21","slug":"nato-gegen-nato","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10718","title":{"rendered":"Nato gegen Nato"},"content":{"rendered":"<p><em>Wassilis Aswestopoulos. <\/em><strong>Griechenland bereitet neuem Kriegsger\u00e4t einen Staatsempfang. Aufr\u00fcstung wird zum Event. Tats\u00e4chlich ist sie Ausdruck einer Krise an der S\u00fcdostflanke des B\u00fcndnisses.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>So einen Empfang hat eine Waffenlieferung selten erhalten: Am Mittwoch hoben nahe der griechischen Hauptstadt Athen Mirage-J\u00e4ger ab, um beim Eintritt in den griechischen Luftraum den neuen Stolz der Luftwaffe zu empfangen und zum Fliegerhorst Tanagra in B\u00f6otien zu geleiten: sechs Rafale-Kampfjets aus franz\u00f6sischer Produktion.<\/p>\n<p>In Tanagra wartete ein Empfangskomitee mit Premierminister Kyriakos Mitsotakis an der Spitze, weiteren Regierungsvertretern, dem franz\u00f6sischen Botschafter, der F\u00fchrung der Luftwaffe und einer Ehrengarde.<\/p>\n<p>Es gab einen Staatsempfang und nach der Segnung der Flugzeuge durch Geistliche hielt der Premier eine Rede zur Feier des Tages. Es sprachen auch der Botschafter, der Verteidigungsminister, der Kommandeur der Luftwaffeneinheit sowie der Vertreter der Herstellerfirma. Es folgte der Segen von Erzbischof Hieronymos II.<\/p>\n<p>Trotz der massiven Infektionswelle mit der Omikron-Variante des Coronavirus und der ansonsten sehr strengen Pandemieregeln im Land standen Offizielle und Pressevertreter dicht gedr\u00e4ngt am Flugfeld.<\/p>\n<p>N\u00fcchtern betrachtet l\u00e4sst sich das Ereignis so beschreiben: Ein Nato-Staat, Griechenland, r\u00fcstet mithilfe eines weiteren Nato-Staates, Frankreich, gegen einen dritten Nato-Staat, die T\u00fcrkei, auf. Und dies, obwohl Griechenland und die T\u00fcrkei in massiven wirtschaftlichen Schwierigkeiten stecken.<\/p>\n<p>Trotz, oder gerade deswegen, wird von der Regierung in Griechenland eine Show inszeniert. Nicht eingehalten werden konnte die Zeitplanung, die vorsah, dass die neuen Jagdflieger um 12:12 Uhr \u00fcber die Akropolis fliegen.<\/p>\n<p>Es gab rund drei Minuten Versp\u00e4tung. Menschen in B\u00fcros lie\u00dfen kurz die Arbeit liegen und eilen ans Fenster, um das Schauspiel am Himmel zu beobachten. Andere kleben f\u00f6rmlich am Fernseher und fotografieren Erinnerungsfotos mit dem Mobiltelefon.<\/p>\n<p>Medien berichteten live von der 114. Luftwaffeneinheit, wo die ersten sechs, der insgesamt vierundzwanzig Rafale-Jagdflugzeuge f\u00fcr das 332. Geschwader aus Frankreich erwartet wurden. Das staatliche Fernsehen\u00a0<em>ERT<\/em>\u00a0unterbrach im Vorfeld immer wieder sein Programm, um \u00fcber den Stand der Vorbereitungen zu berichten. Es war eine penibel geplante Show.<\/p>\n<p><strong>Regierungspartei nutzt R\u00fcstungskauf politisch<\/strong><\/p>\n<p>&#8222;Willkommen zu Hause&#8220;, so\u00a0<em>ERT<\/em>\u00a0in einem Live-Bericht von der Ankunft der Flieger. Die Kommentatorin zeigte sich begeistert \u00fcber die Glaskuppel der Pilotenkanzel, w\u00e4hrend die Zuschauerinnen und Zuschauer \u00fcber technische Details und Einsatzm\u00f6glichkeiten aufgekl\u00e4rt wurden.<\/p>\n<p>Die Kampfflugzeuge werden als Gamechanger beim S\u00e4belrasseln mit der T\u00fcrkei bezeichnet. Eingef\u00e4delt wurde der Kauf \u00fcber den franz\u00f6sischen Pr\u00e4sidenten Emmanuel Macron.<\/p>\n<p>Vier der sechs Flieger sind gebraucht. Zwei haben Platz f\u00fcr einen Copiloten. Bei der \u00dcberf\u00fchrung von Frankreich sa\u00dfen in den Zweisitzern Fluglehrer der Herstellerfirma Dassault. Die Maschinen werden in Griechenland als Schulflugzeuge eingesetzt.<\/p>\n<p>Die regierende Nea Dimokratia feiert das Ereignis, als w\u00fcrde es die mit rund 350 Millionen Euro hoffnungslos \u00fcberschuldete Partei selbst bezahlen. Ein mit martialischer Musik unterlegter Videoclip zeigte ein Rafale-Kampfflugzeug, an dem der Aufkleber mit dem griechischen Hoheitszeichen angebracht wird.<\/p>\n<p>Ein erster Pilot mit Hoheitszeichen am Arm kommt ins Bild. Zwei Piloten steigen in den Jet, der abhebt. Am Ende des kurzen Videos erscheint das Logo der Nea Dimokratia. &#8222;Sie kommen&#8220;, steht auf Ver\u00f6ffentlichungen in sozialen Netzwerken \u2013 zusammen mit der griechischen und franz\u00f6sischen Flagge sowie dem Hashtag #Rafale.<\/p>\n<p>Premierminister Mitsotakis setzte unter anderem\u00a0<a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/tv\/CY4HF9bBIF4\/?utm_source=ig_embed\">seinen pers\u00f6nlichen Instagram-Account daf\u00fcr ein<\/a>. Die Nea Dimokratia sorgt\u00a0<a href=\"https:\/\/twitter.com\/neademokratia\/status\/1483463537431298053\">mit der offiziellen Parteipr\u00e4senz auf Twitter f\u00fcr Furore<\/a>. Die Reaktionen der Griechen sind mit &#8222;gemischt&#8220;, vorsichtig umschrieben.<\/p>\n<p>Anh\u00e4nger und Repr\u00e4sentanten der Regierungspartei feiern stolz &#8222;ihren Erfolg&#8220;. Aufgebrachte Nutzer kommentieren das Video dagegen mit dem Verweis darauf, was alles im Land fehlt, unter anderem Pflegepersonal und Intensivstationen.<\/p>\n<p>In zahlreichen Schulen im Land ist den Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern im Winter buchst\u00e4blich die Decke auf den Kopf gefallen. F\u00fcr kostenlose PCR-Tests f\u00fcr Covid-Kontaktpersonen, aber auch f\u00fcr Infizierte, fehlt es dem Staat an Geld.<\/p>\n<p>Mitten in der Pandemie wurde wegen Personalmangels die Klassenst\u00e4rke in den Schulen erh\u00f6ht. All dies wurde in Kommentaren rund um den R\u00fcstungskauf thematisiert.<\/p>\n<p><strong>Kritik von allen Seiten<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr den Kauf der bis 2025 auszuliefernden 24 Kampfflieger \u2013 14 gebraucht, zehn neu \u2013 stimmten im Parlament bis auf die Kommunisten alle Parteien. 3,3 Milliarden Euro sind f\u00e4llig. \u00dcber den Kauf von sechs weiteren Jets wird derzeit verhandelt.<\/p>\n<p>Griechenland ist innerhalb der Nato gemessen am Bruttoinlandsprodukt nach den USA der zweitgr\u00f6\u00dfte R\u00fcstungsk\u00e4ufer.<\/p>\n<p>Die Opposition, allen voran Syriza, st\u00f6rt sich daran, dass die Regierungspartei den Kauf als parteipolitische Leistung ausschlachtet. Eine Kritik, der sich alle Oppositionsparteien anschlossen.<\/p>\n<p>Die Flieger seien vom griechischen Steuerzahler bezahlt und nicht vom Premierminister, der den Kauf als pers\u00f6nliche Leistung auf seinem privaten Instagram-Account ausschlachtet, hei\u00dft es.<\/p>\n<p>Kritik bekam die Regierung auch von ungewohnter Seite, \u00fcber den TV-Sender\u00a0<em>Skai<\/em>. Die dortigen Moderatoren und Kommentatoren der morgendlichen Sendung\u00a0<em>Simera<\/em>\u00a0(Heute), werden von Griechen gern das &#8222;inoffizielle Presseb\u00fcro der Nea Dimokratia&#8220; genannt.<\/p>\n<p>Chefkommentator Aris Portosalte zeigte sich ungew\u00f6hnlich kritisch. Der Missbrauch des R\u00fcstungsprogramms f\u00fcr Parteizwecke ist f\u00fcr ihn entweder ein Zeichen geplanter vorgezogener Neuwahlen oder aber ein kapitaler Fehler.<\/p>\n<p>Zudem zitierte Portosalte aus einer Mail, welche er von Professor Panayiotis Carydis erhalten hat.\u00a0<a href=\"http:\/\/www.carydis.com\/index_en.html\">Carydis<\/a>\u00a0ist einer der f\u00fchrenden Wissenschaftler f\u00fcr Seismologie, insbesondere erdbebensicheres Bauen im Land.<\/p>\n<p>Der Experte legte in seinem Schreiben dar, warum die \u00dcbertretung des eigentlich bestehenden Flugverbots \u00fcber der Akropolis ein gef\u00e4hrlicher Fehler war. Durch die Ersch\u00fctterungen des Formationsflugs \u00fcber dem antiken Weltkulturerbe, so sch\u00e4tzt er, w\u00fcrden die Fugen der Marmors\u00e4ulen besch\u00e4digt, was die Stabilit\u00e4t des Bauwerks beeintr\u00e4chtigen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><em>#Titelbild: Mitsodakis vor Kampfflugzeug. Bild: Prime Minister Office\/ Dimitris Papamitsos (Photographer)<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Nato-gegen-Nato-6332686.html?seite=all\"><em>Telepolis&#8230;<\/em><\/a><em> vom 20. Januar 2022<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wassilis Aswestopoulos. Griechenland bereitet neuem Kriegsger\u00e4t einen Staatsempfang. Aufr\u00fcstung wird zum Event. 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