{"id":10728,"date":"2022-01-21T11:35:50","date_gmt":"2022-01-21T09:35:50","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10728"},"modified":"2022-01-21T11:35:51","modified_gmt":"2022-01-21T09:35:51","slug":"die-gruenen-turnschuh-radikale","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10728","title":{"rendered":"Die Gr\u00fcnen: Turnschuh-Radikale"},"content":{"rendered":"<p><em>Dar Ronge. <\/em>In einem Westberliner Unih\u00f6rsaal steht er. Mit erhobenem Arm, die Hand geballt zur Faust. Flugbl\u00e4tter regnen auf das versammelte Publikum. Fahnen wirbeln die rauchdurchzogene Luft auf. \u201eHo! Ho! Ho-Chi-Minh!\u201c l\u00e4rmen die jungen Genossen und Genossinnen.<!--more--><\/p>\n<p>Es hei\u00dft, dass die Nacht immer kurz vor Sonnenaufgang am dunkelsten sei. Doch am Ende der 60er scheint der rote Morgen endlich zum Greifen nah: Aurora scheint das Ende der Alptr\u00e4ume einer ewig dunklen Nacht aus Vietnamkrieg, Springer-Niedertracht und Sp\u00e4tkapitalismus anzuk\u00fcndigen.<\/p>\n<p>Rudi Dutschke hebt die Faust nicht mehr. Er ist tot. Die Reihen sind nicht mehr fest geschlossen. Der vermeintliche Silberstreif am Horizont ist nichts anderes, als ein weiteres Dorf in Nordvietnam, dass den Napalmbomben der US-Air Force zum Opfer f\u00e4llt.<\/p>\n<p>Was bleibt, ist eine Anwandlung zur Verlorenheit. Was folgt, sind zwei Entgegnungen: W\u00e4hrend Ensslin, Baader und Meinhof zu den Waffen greifen, bewaffnet sich ein Haufen Studierender aus dem Mittelstand mit Turnschuhen und Fahrr\u00e4dern. W\u00e4hrend die RAF im Untergrund k\u00e4mpft, will man auf der anderen Seite\u00a0nicht so viel mit dem Proletariat und kollektiver Befreiung zu tun haben. Nein: Die individuelle Freiheit und der Frieden auf der Welt standen im Vordergrund.<\/p>\n<p>Es verstummen die Waffen von Ensslin, Baader und Meinhof. Sie sind tot. Joschka Fischer allerdings, der wohl \u00f6fters seine Faust gehoben hat, um zusammen mit Hans-Joachim Klein Polizist:innen zu verpr\u00fcgeln, findet eine entgegenkommende Antwort auf den Tod der Stammheimer: Er spurtet von einer Demonstration zu n\u00e4chsten. Dort wirft jemand, der so aussieht wie er, einen Molotov-Cocktail auf ein Polizeiauto. Fischer wird wegen Landfriedensbruch, Bildung einer kriminellen Vereinigung und versuchten Mordes in Untersuchungshaft gesperrt.<\/p>\n<p>Auch das lodernde Feuer eines brennenden Polizeiautos erlischt irgendwann und so auch die autonome Rebellion in der BRD. Man f\u00e4llt zur\u00fcck in das (pseudo-)befreite Lebensgef\u00fchl der Friedensbewegung. Befeuert durch den Soundtrack einer abgegriffenen Woodstock-Platte gr\u00fcnden sich 1980 in Karlsruhe: die Gr\u00fcnen.<\/p>\n<p>Trotz des friedfertigen Kanons versprechen deren anf\u00e4ngliche Parteiprogramme in ihrem eigent\u00fcmlichen Stil endlich wieder die Radikalit\u00e4t, die die deutsche Studierenden-Bewegung einst auf die Stra\u00dfe brachte. Mit einer marxistisch anmutenden Feder, getunkt in der Tinte der K-Gruppen, gef\u00fchrt durch die Hand von ehemaligen Mitgliedern des Kommunistischen Bunds, werden Basisdemokratie, Gewaltfreiheit, \u00d6kologie und Soziale Gerechtigkeit gro\u00dfgeschrieben.<\/p>\n<p>Joschka Fischer spaziert ohne Verurteilung aus dem Knast und stolziert mit Turnschuhen durch deutsche Parlamente. Dort spielt er weiter den frechen, jugendlichen Rebellen, der mit seiner Partei endlich Frieden und \u00f6kologische Nachhaltigkeit in das Land und sp\u00e4ter in die ganze Welt bringen will. Die Emp\u00f6rungsrufe hartn\u00e4ckiger deutscher Unab\u00e4nderlicher lassen am Anfang auch sowas wie Hoffnung aufflammen, dass diese neue Partei etwas \u00e4ndern w\u00fcrde.<\/p>\n<p>\u201ePaul ist tot\u201c, die Glocken f\u00fcr Conny Kramer sind verstummt. Die Deutschen erheben ihre Transparente mit den Parolen nach Freiheit, Demokratie und D-Mark und rei\u00dfen die Mauer ein. Nach der Wende vereinigt sich nicht nur die eine Bananenrepublik mit der anderen bananenlosen Republik, sondern auch die West-Gr\u00fcnen mit den Ost-Gr\u00fcnen zum B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen. Wie so vieles, was mit der Wende zu tun hat, ist das keine Erfolgsgeschichte. Erst einige Jahre nach der Fusion k\u00f6nnen die Gr\u00fcnen wieder an einer Bundesregierung teilnehmen. Doch aus dem Genossen Turnschuhrebell ist in der Zwischenzeit der Au\u00dfenminister Fischer geworden.<\/p>\n<p>Wie wird ein Turnschuhradikaler, der einst im Stra\u00dfenkampf gegen den Staat in Erscheinung trat und nun mit einer Hippie-Partei im R\u00fccken politischen Umbruch fordert, Au\u00dfenminister eines b\u00fcrgerlich-bodenst\u00e4ndigen Landes? Sicherlich nicht, indem er seinen Idealen und der Parteilinie treu bleibt. Fischer wei\u00df das und sorgt f\u00fcr eine entscheidende Z\u00e4sur bei den Gr\u00fcnen: Die einst strikte und dogmatische Friedenspartei wird zu einem, wenn nicht sogar dem widerspr\u00fcchlichen politischen Akteur Deutschlands. Unter Au\u00dfenminister Fischer wird die Bundeswehr in ihren ersten Einsatz seit dem 2. Weltkrieg gef\u00fchrt: in den Kosovo. Die Austrittswelle bei den Gr\u00fcnen wird ignoriert und die Bundeswehr marschiert weiter nach Afghanistan. Die Zeiten von Demonstrationen gegen NATO, Atomwaffen und Krieg sind vorbei. Seite an Seite mit NATO-Truppen wird Frieden und Demokratie in die Welt exportiert und der Opportunismus in die Gr\u00fcnen importiert.<\/p>\n<p>In Jugoslawien sind tausende tot. In Wech Bagthu und Haska Meyna (Afghanistan) schwingt niemand mehr die H\u00e4nde zum Hochzeitstanz.<\/p>\n<p>Die Gr\u00fcnen stehen kurz vor dem Versacken in der Opposition, schaffen es aber noch, die Agenda 2010 mitzutragen, Versammlungs- und Pers\u00f6nlichkeitsrechte \u00fcber Antiterrorgesetze einzuschr\u00e4nken und das mittlerweile als verfassungswidrig eingestufte Luftsicherheitsgesetz durchzudr\u00fccken.<\/p>\n<p>In den Jahren der Merkel-Regierung wird das Anbiedern der Gr\u00fcnen an konservative Parteilinien deutlicher: W\u00e4hrend der sogenannten \u201eFl\u00fcchtlingskrise\u201c stimmt die Partei f\u00fcr die Versch\u00e4rfung von Migrationsgesetzen und blockiert Untersuchungsaussch\u00fcsse zum Mord an Oury Jalloh. Joschka Fischer betreibt bei RWE Lobbyismus, w\u00e4hrend die Gr\u00fcne Jugend im Hambacher Forst von der Polizei verdroschen wird. Doch all das hat den Gr\u00fcnen weder geschadet noch genutzt. Erst mit dem erneuten Aufflammen des \u00f6ffentlichen Diskurses \u00fcber den Klimawandel \u00f6ffnet sich den Gr\u00fcnen eine neue Chance.<\/p>\n<p>Ein Kind in einem roten Shirt liegt an einem Strand. Aylan Kurdi ist tot.<\/p>\n<p>Tod, Katastrophen und Sterben pr\u00e4gen auch die Rhetorik der neuen Klimabewegung.<\/p>\n<p>Im Laufe weniger Wochen politisieren sich weltweit Jugendliche und bestreiken ihre Schulen. Die Fridays For Future Bewegung schafft, trotz ihrer blutjungen Naivit\u00e4t und verk\u00fcrzten Analyse, eine Art neues, fortschreitendes Erwachen. Eine Generation, der man keine politische Urteilsf\u00e4higkeit zutraute, verharrt nun Woche f\u00fcr Woche in ihren Turnschuhen auf der Stra\u00dfe und setzt die globale Politik unter Druck. An den Seitenlinien der deutschen FFF-Proteste stehen, neben emp\u00f6rten Lehrer:innen und der noch emp\u00f6rteren AfD, auch die Gr\u00fcnen und die Linkspartei. Man erkennt, dass man dieser neuen Bewegung eine feste Struktur und eine politische Heimat geben muss: Das gro\u00dfe Buhlen um junge politische Aktivist:innen beginnt und auf der Gewinnerseite stehen eindeutig die Gr\u00fcnen.<\/p>\n<p><strong>Jeglicher revolution\u00e4re Eifer ist tot, keiner hebt mehr den Arm und keiner ballt die Faust<\/strong><\/p>\n<p>Die Gr\u00fcne Partei ist wie ein alter, merkw\u00fcrdig vertrauter Freund, der nach Jahren der Abwesenheit wieder ankommt, eine gute Zeit verspricht und am Ende mit einem geliehenen Fuffi in der Tasche abhaut. Wieder im \u00f6ffentlichen Bewusstsein angekommen, legt die Partei ihr Image einer Korn-und-Schrot-CDU ab und nutzt die neue \u00f6kologische Welle aus, um ihre Umfragewerte, besonders bei Erstw\u00e4hler:innen, in die H\u00f6he zu treiben.<\/p>\n<p>F\u00fcr dieses Vorhaben kommen gleich zwei alte Freunde um die Ecke: Annalena Baerbock und Robert Habeck. Die Freude auf das Wiedersehen f\u00fchlen im Wahlkampf selbst gestandene Linke: Vielleicht dieses Mal doch die Gr\u00fcnen w\u00e4hlen, vielleicht wird Baerbock Kanzlerin und kein anderer, alter, wei\u00dfer Mann, hei\u00dft es. An Habeck kann man sich sowieso nicht st\u00f6ren: Ein unbekannter, semi-charismatischer Reisender, der durch politisches F\u00fchlen und Selbstreflexion soziale Ungleichheit besiegen will, ist schlie\u00dflich keine besonders rege Figur auf dem innenpolitischen Spielfeld.<\/p>\n<p>Dann kommt Covid-19, und Merkel geht. Die Gr\u00fcnen biedern sich bei klimainteressierten Jugendlichen und linken Aktivist:innen bis zum Wahlsieg an. Covid-19 ist immer noch da, Merkel und die CDU sind weg. Baerbock und Habeck sind angelangt: 118 Sitze im Bundestag und durch eine Koalition mit SPD und FDP an der Regierung. Der Fuffi ist in der Tasche, doch bevor er verschwindet, macht uns unser alter Freund noch ein Abschiedsgeschenk: Der Nazi-Paragraf zu Schwangerschaftsabbr\u00fcchen soll \u00fcberarbeitet werden, Klimaschutz wird im Koalitionsvertrag festgeschrieben und Kiffen wird legal. Unser alter Freund ist weg und v\u00f6llig zugekifft vor lauter Freude \u00fcber diese Neuerungen merken wir nicht, dass die Bundeswehr nun auch bewaffnete Drohnen bekommen soll und Klimaschutz mit einer Partei voller \u201eFreier-Markt\u201c-Fetischist:innen nicht wirklich m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Cem \u00d6zdemir in einem der plumpsten Akte politischer Performativit\u00e4t auf dem Fahrrad zu seiner Vereidigung f\u00e4hrt und die Gr\u00fcnen voller Jauchzen und Frohlocken \u00fcber Baerbocks Zugfahrten sind, werden wir langsam n\u00fcchtern und die Katerstimmung bem\u00e4chtigt sich unser, wie all die Jahre zuvor. Wirtschaftsminister Habeck verk\u00fcndet \u00f6ffentlich, nicht mal einen Monat nach der Wahl, dass die angepeilten Klimaziele in den n\u00e4chsten zwei Jahren gar nicht zu erreichen sind. \u00d6zdemir will Geringverdienende zu gesunder Ern\u00e4hrung zwingen, indem er w\u00e4hrend Inflation und anstehender Rezession vorschl\u00e4gt, die Preise f\u00fcr ungesunde Lebensmittel zu erh\u00f6hen.<\/p>\n<p>Jeglicher revolution\u00e4re Eifer ist tot, keiner hebt mehr den Arm und keiner ballt die Faust. Die Sonne w\u00e4lzt sich langsam \u00fcber die scharfen Gebirgsketten von Afghanistan und bet\u00f6rt unseren alten Freund. Das dumpfe Schnaufen des neuesten E-Panzers, aus den Krupp-Werken, der \u00fcber die verdorrten Steppengr\u00e4ser rollt, st\u00f6rt ihn nicht, w\u00e4hrend er seine Turnschuhe putzt. Ein Joint kokelt in seinem Mundwinkel, ein paar Solardrohnen schwirren in Richtung einer Hochzeit. Unser Freund steht auf und blickt in die Ferne dieses doch so vertrauten Landes. \u201cEs ist der n\u00e4chste Krieg,\u201d denkt er sich, \u201cmit einer super CO2 Bilanz.\u201d<\/p>\n<p><em>#Titelbild: Gr\u00fcndungskongress Die Gr\u00fcnen, Stadthalle Karlsruhe, 12.\/13.1.1980<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/lowerclassmag.com\/2022\/01\/20\/turnschuh-radikale\/\"><em>owerclassmag.com&#8230;<\/em><\/a><em> vom 21. Januar 2022 <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dar Ronge. In einem Westberliner Unih\u00f6rsaal steht er. Mit erhobenem Arm, die Hand geballt zur Faust. Flugbl\u00e4tter regnen auf das versammelte Publikum. Fahnen wirbeln die rauchdurchzogene Luft auf. \u201eHo! Ho! 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