{"id":10761,"date":"2022-01-29T11:14:26","date_gmt":"2022-01-29T09:14:26","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10761"},"modified":"2022-01-29T11:14:47","modified_gmt":"2022-01-29T09:14:47","slug":"10761","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10761","title":{"rendered":"Wozu eigentlich ein \u00f6ffentliches Gesundheitssystem?"},"content":{"rendered":"<p>J<em>os\u00e9 Sanchez. <\/em><strong>Anti-Impf-Bewegungen, oft von rechten bis rechtsextremen R\u00e4delsf\u00fchrer:innen dominiert und gelenkt, scheinen die lautst\u00e4rkste Kritik an den gegenw\u00e4rtigen Massnahmen der Beh\u00f6rden zur Eind\u00e4mmung der Pandemie zu \u00fcben. Das bedeutet nicht, dass Kritik am Staat und \u00a0an dessen Handhabung der Pandemie nicht gerechtfertigt sei. Im Gegenteil! Aber konstruktive Kritik muss<\/strong> <!--more--><strong>ein solidarisches und umf\u00e4ngliches Gesundheitssystem als zentrale Forderung erheben. Hinter den abgedroschenen Phrasen der Impfgegner:innen f\u00fcr mehr Freiheit und Selbstbestimmung verbirgt sich tats\u00e4chlich eine Ideologie, welche die grossen gesellschaftlichen Herausforderungen (Gesundheit, aber auch Ern\u00e4hrung, Wohnraum etc.) in die Verantwortung der:des Einzelnen schiebt. <\/strong><\/p>\n<p>Die Kritiken, die nur allzu oft auf das Zertifikat oder die Impfung sowie die Inkoh\u00e4renzen der politischen und gesundheitspolitischen Beh\u00f6rden w\u00e4hrend der COVID-Krise fokussiert sind, d\u00fcrfen uns nicht davon abhalten, Forderungen nach einem umfassenden \u00f6ffentlichen Gesundheitssystem als Grundlage einer gerechten und solidarischen Gesellschaft zu erheben.<\/p>\n<p>Indem die Anti-Impf-Bewegungen in der Debatte \u00fcber die Durchsetzung der Impfungen von \u201eSegregation\u201c sprechen, ignorieren sie die tats\u00e4chlichen sozialen Bedingungen. Dabei sind gerade die Arbeitszeit und die Arbeitsbedingungen, die Motivation und der Sinn der Arbeit, die Arbeitswege und die Gestaltung der Umwelt wichtige Komponenten unseres Gesundheitszustands. Dieselben Beobachtungen lassen sich auch f\u00fcr die Wohn- und Ern\u00e4hrungsbedingungen, das Realeinkommen, Erholung und Freizeit machen. Eine umfassende \u00f6ffentliche Gesundheitspolitik geht also weit \u00fcber die individuelle Wahl eine:r \u00c4rzt:in, eines Medikaments\u2026 oder einer Terrasse hinaus! Vor allen Dingen bleiben die wirklichen Segregationen also sozial, (entlang des Zugangs zu Ressourcen und nicht entlang des (Un)geimpftseins; Anm. Red), und lassen sich nicht auf einen individuellen Zustand oder auf die \u201eFreiheit\u201c oder das \u201eRecht\u201c, zu w\u00e4hlen, reduzieren.<\/p>\n<p><strong>Am Beispiel der NHS<\/strong><\/p>\n<p>Als das staatliche Gesundheitssystem (National Health Service; NHS) 1948 in Grossbritannien gegr\u00fcndet wurde, f\u00fchrte es folgende Grunds\u00e4tze ein:<\/p>\n<ol>\n<li>den Bed\u00fcrfnissen jeder:s Einzelne:n gerecht werden,<\/li>\n<li>v\u00f6llig kostenlos sein<\/li>\n<li>und auf den medizinischen Bed\u00fcrfnissen der Patient:innen basieren, nicht auf der deren Zahlungsf\u00e4higkeit.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Ausgehend von diesem Modell muss man verschiedene Aspekte ber\u00fccksichtigen: Pr\u00e4vention, Pflege, Forschung, Kontrolle der Angestellten.<\/p>\n<p>1) Die Pr\u00e4vention in der Gesundheitspolitik sollte auf den zahlreichen Elementen basieren, die hier eine Rolle spielen: die medizinische Pr\u00e4vention, der allgemeine Gesundheitszustand (Ern\u00e4hrung, Arbeit, Wohnen, Erholungsaktivit\u00e4ten, Freizeit), st\u00e4ndige Weiterbildung \u00fcber alle wissenschaftlichen Aspekte von Krankheiten, das Immunsystem, die Geschichte der Wissenschaften (mit ihren Erfolgen und Misserfolgen), den freien Zugang zu wissenschaftlichen Ver\u00f6ffentlichungen und \u00fcber das Studium der verschiedenen medizinischen Schulen (die \u201etraditionellen\u201c wie die \u201ealternativen\u201c, um es einfach auszudr\u00fccken).<\/p>\n<p>2) Die Pflege verlangt nach einer grossen Anzahl medizinischer Einrichtungen (Ambulanzen, Krankenh\u00e4user, Apotheken) und Dienstleistungen (h\u00e4usliche Pflege, psychosoziale Zentren) mit einer geografischen Vernetzung in der unmittelbaren N\u00e4he aller Bev\u00f6lkerungsgruppen. Besagte Infrastrukturen m\u00fcssen mit ausreichend qualifiziertem Personal ausgestattet sein, das gute Arbeitsbedingungen und eine kontinuierliche Weiterbildung hat. Die Pflege darf nicht mit einer industriellen Logik der Rationalisierung und der Kosteneinsparungen umgesetzt werden. Auch der Einsatz von Medikamenten und deren Behandlung muss transparent und offen f\u00fcr Kritik sein, indem die verschiedenen historischen Erfahrungen ber\u00fccksichtigt werden.<\/p>\n<p>3) Die \u00f6ffentliche Kontrolle der Finanzen und die Planung der gesamten Gesundheitsindustrie (Medikamente, Ger\u00e4te, Forschung) ist unverzichtbar, um alle diese lebenswichtigen Sektoren aus der Logik des Privatprofits herauszuholen, und, um Priorit\u00e4ten setzen und planen zu k\u00f6nnen. Dies muss mit dem Ende der Patente, der kompletten Transparenz \u00fcber alle Forschungsarbeiten sowie mit dem Einbezug anderer medizinischer Methoden und Wissensquellen als nur derjenigen der Grosslabore einhergehen. Zudem w\u00fcrde ein Ende der Forschung und Herstellung von chemischen und bakteriologischen Waffen auch immense Ressourcen freisetzen, um sie der Gesundheit zugutekommen zu lassen und grosse Gesundheitsrisiken zu vermeiden.<\/p>\n<p>4) Die Ausweitung der Rechte der Arbeitnehmer:innen im Gesundheitssektor, in der pharmazeutischen und chemischen Industrie w\u00fcrde eine weitreichende und permanente Kontrolle der Produktion erm\u00f6glichen sowie Pr\u00e4ventivmassnahmen erm\u00f6glichen zur Erhaltung der Umwelt und Artenvielfalt, zur Verhinderung der Verschmutzung der Luft, des Wassers, der Nahrung und des Lebensraums. So w\u00fcrde eine breitere \u00f6ffentliche Kontrolle durch die gesamte Bev\u00f6lkerung garantiert.<\/p>\n<p><strong>Welche Oppositionen gibt es?<\/strong><\/p>\n<p>In Deutschland, \u00d6sterreich und den Niederlanden f\u00fchren rechtsextremen Bewegungen die \u00f6ffentlichen Demonstrationen gegen die Beh\u00f6rden an. Selbst wenn die Demonstrant:innen ein breiteres Spektrum abdecken und auch andere ideologische Tendenzen (insbesondere naturalistische und religi\u00f6se) sowie eine grosse Verunsicherung angesichts der Fehlentwicklungen in der Gesundheitspolitik zum Ausdruck bringen, bleibt der gemeinsame Nenner gr\u00f6sstenteils das Misstrauen gegen\u00fcber dem \u00f6ffentlichen Sektor und die Bef\u00fcrwortung eines individualistischen oder profitorientierten Ansatzes in Gesundheitsfragen. So sind in der Schweiz beispielsweise elf von zw\u00f6lf ungeimpften Nationalr\u00e4ten Mitglieder der SVP.<\/p>\n<p>Sie nehmen eine staats- und regierungsfeindliche Haltung ein und lehnen jegliche staatliche Intervention in einen Bereich ab, der aus rein ideologischen Gr\u00fcnden haupts\u00e4chlich, oder gar ausschliesslich, als privat angesehen wird. Sie \u00fcben eine liberale Kritik an der \u00f6ffentlichen Gesundheitspolitik und der Rolle des Staates im Allgemeinen. Offensichtlich kann man diesen Positionen nicht mit medizinischen und gesundheitspolitischen Argumenten oder durch mehr Aufkl\u00e4rung beikommen. Wenn diese Gruppen zahlenm\u00e4ssig zu gross bleiben, ist die Ausrottung jedes Virus unm\u00f6glich. In diesem Fall m\u00fcsste eine Impfpflicht eingef\u00fchrt werden. \u00d6sterreich und Deutschland bereiten sich etwa bereits darauf vor, eine Impfpflicht einzuf\u00fchren.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/sozialismus.ch\/schweiz\/2022\/wozu-eigentlich-ein-oeffentliches-gesundheitssystem\/\"><em>sozialismus.ch&#8230;<\/em><\/a><em> vom 29. Januar 2022 <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jos\u00e9 Sanchez. Anti-Impf-Bewegungen, oft von rechten bis rechtsextremen R\u00e4delsf\u00fchrer:innen dominiert und gelenkt, scheinen die lautst\u00e4rkste Kritik an den gegenw\u00e4rtigen Massnahmen der Beh\u00f6rden zur Eind\u00e4mmung der Pandemie zu \u00fcben. 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