{"id":10764,"date":"2022-01-29T17:50:51","date_gmt":"2022-01-29T15:50:51","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10764"},"modified":"2022-01-29T17:50:53","modified_gmt":"2022-01-29T15:50:53","slug":"querdenker-von-der-ohnmacht-der-aufklaerung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10764","title":{"rendered":"Querdenker: Von der Ohnmacht der Aufkl\u00e4rung"},"content":{"rendered":"<p><em>G\u00f6tz Eisenberg. <\/em>Zu den Protesten gegen die Corona-Ma\u00dfnahmen: Bindungslosigkeit ist die sozialpsychologische Signatur des Zeitalters.<\/p>\n<p><em>Wenn die Gewalt aus der Unterdr\u00fcckung aufsteigt, dann der Hass aus der Entleerung. Jean Baudrillard<\/em><!--more--><\/p>\n<p>Die Proteste gegen die Corona-Ma\u00dfnahmen ebben nicht ab, sondern scheinen an Intensit\u00e4t und Breite zuzulegen. Am Montag, den 10. Januar 2022, sollen sich bundesweit rund 200.000 Menschen an mehr als 1.000 Aktionen beteiligt haben. Viele davon fanden in Kleinst\u00e4dten und in der Provinz statt. Hier und da kam es zu Auseinandersetzungen mit der Polizei. Es gab Verletzte auf beiden Seiten.<\/p>\n<p>Eingebettet in die Mehrzahl von friedlich Demonstrierenden, die Lichterketten und Luftballons in Herzform mit sich f\u00fchren und &#8222;Lass dein Herz nicht labeln&#8220; und &#8222;Friede, Freiheit, keine Diktatur&#8220; skandieren, suchen Rechtsradikale ihr tr\u00fcbes S\u00fcppchen zu kochen und das Handgemenge mit der Polizei. Diese zeigt sich \u00fcberrascht vom Ausma\u00df des Hasses, der ihr entgegenschl\u00e4gt, und der H\u00e4rte der k\u00f6rperlichen Attacken, denen sie ausgesetzt ist.<\/p>\n<p>&#8222;Wir waren auf verlorenem Posten&#8220;, sagt ein Polizist im Gespr\u00e4ch mit der\u00a0<em>S\u00fcddeutschen Zeitung<\/em>. Der Protest der Mehrzahl der Demonstrierenden richtet sich gegen die allgemeine Impflicht, die laut Kanzler Scholz im Fr\u00fchjahr kommen soll, und gegen das, was sie &#8222;Corona-Diktatur&#8220; nennen.<\/p>\n<p>Die Aktionen werden via Telegram organisiert und nicht offiziell angemeldet. Es gibt meist keinen Versammlungsleiter, an den die Polizei sich wenden und halten kann. Abstandsregeln und Maskenpflicht werden weithin ignoriert. Die Maske gilt als eine Art Gesslerhut, also als Symbol der Unterwerfung.<\/p>\n<p><strong>&#8222;Spaziergangsproteste&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Um Versammlungsverbote zu umgehen und die Polizei auszutricksen, deklariert man die Demonstrationen als Spazierg\u00e4nge, die ja trotz Corona-Verordnungen erlaubt sind. Vor Jahren hat der Historiker Volker Wei\u00df in seinem klugen Buch\u00a0<a href=\"https:\/\/www.klett-cotta.de\/buch\/Gesellschaft_\/_Politik\/Die_autoritaere_Revolte\/79925\">Die autorit\u00e4re Revolte<\/a>\u00a0bereits darauf hingewiesen, dass die Rechte l\u00e4ngst nicht mehr so tumb ist, wie viele Linke immer noch denken.<\/p>\n<p>Wer sich die Rechten noch immer als stiefeltragende, glatzk\u00f6pfige Schl\u00e4ger vorstelle, k\u00f6nne die Realit\u00e4t der Rechten und ihre eloquenten Ideologen nicht verstehen. Wei\u00df spricht von einem &#8222;68 von rechts&#8220; und zeigt, wie sich die neue Rechte aus dem Arsenal linker Protesttraditionen bedient. Ein solches Beispiel liefert dieser Tage auch die Revolte der Impfgegner in Sachsen, die ihre unangemeldeten und nicht erlaubten Demonstrationen &#8222;Spazierg\u00e4nge&#8220; nennt.<\/p>\n<p>Anzeige<\/p>\n<p>Die &#8222;Spaziergangsproteste&#8220; waren eine Taktik des Berliner SDS aus dem Jahr 1966, der sie wiederum von den Amsterdamer Provos entliehen hatte, einer Brutst\u00e4tte phantasievoller, antiautorit\u00e4rer Protestformen. Ein &#8222;Ausschuss Rettet die Polizei e.V.&#8220; erl\u00e4uterte: &#8222;Diese Spa-Pro-Taktik will die versteinerte Legalit\u00e4t l\u00e4cherlich machen&#8220;. Um beim Protest gegen den amerikanischen Krieg in Vietnam nicht st\u00e4ndig das zu tun, was die Polizei erwartete und &#8222;die hilflosen Objekte der Aggressivit\u00e4t junger Leute in Uniform zu sein&#8220;, verfiel der SDS auf die &#8222;Spa-Pro-Taktik&#8220;.<\/p>\n<p>In kleinen Gr\u00fcppchen schlenderten Demonstranten \u00fcber den Berliner Kudamm, verteilten Flugbl\u00e4tter und verwickelten die Passanten in spontane Diskussionen. Maschke, Rabehl, Mahler, B\u00f6ckelmann und andere ehemalige SDSler haben in den letzten Jahren die Seiten gewechselt und tauchten pl\u00f6tzlich bei der \u00e4u\u00dfersten Rechten auf. M\u00f6glicherweise haben sie die antiautorit\u00e4ren Protestformen dort publik gemacht.<\/p>\n<p>&#8222;Aneignung linker Energien von rechts&#8220;, nannte das Ernst Bloch. Er hat diese Prozesse in seinem fr\u00fchen Buch\u00a0<a href=\"https:\/\/www.suhrkamp.de\/buch\/ernst-bloch-gesamtausgabe-in-16-baenden-stw-werkausgabe-mit-einem-ergaenzungsband-t-9783518281536\">Erbschaft dieser Zeit<\/a>\u00a0schon f\u00fcr die Weimarer Rechte beschrieben. Darin scheinen die zeitgen\u00f6ssischen Rechtsradikalen ganz geschickt zu sein. Erleichtert wird ihnen das Gesch\u00e4ft dadurch, dass wir Linken unsere eigenen Traditionen nicht pflegen und hochhalten, das Terrain nicht besetzen und vieles dem Gegner \u00fcberlassen.<\/p>\n<p><strong>&#8222;Wer ist schuld an mir?&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Als Beobachter gewinnt man den Eindruck, dass die Versuche der Versprachlichung und die von den Demonstranten vorgetragenen Verlautbarungen und Forderungen eher Chiffren f\u00fcr ein diffuses Unbehagen sind. Auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage &#8222;Wer ist schuld an mir und meiner Misere?&#8220; greifen die Leute zu allen m\u00f6glichen und unm\u00f6glichen Erkl\u00e4rungen. Sie w\u00e4hnen sich im Widerstand gegen eine halluzinierte Diktatur und sehen sich als Objekte finsterer Machenschaften irgendwelcher Eliten. Es gibt keinen Bl\u00f6dsinn, der nicht gl\u00e4ubige Anh\u00e4nger findet.<\/p>\n<p>Menschen w\u00fcrden Geld erhalten, wenn ihre verstorbenen Angeh\u00f6rigen als Corona-Tote gez\u00e4hlt werden d\u00fcrften, \u00c4rzte eine Pr\u00e4mie, wenn sie entsprechende Totenscheine ausstellten. Es gibt eine verbreitete Suche nach einem Universalschl\u00fcssel zur L\u00f6sung lebensgeschichtlicher und gesellschaftlicher R\u00e4tsel. &#8222;Diejenigen sind schuld an dir, die dir die Spritze in den Arm rammen wollen&#8220;, lautet die Antwort der Verschw\u00f6rungsapostel. &#8220; &#8222;Drosten, Lauterbach und Konsorten haben die Pandemie erfunden und ausgerufen, um dich gef\u00fcgig zu machen und dir irgendwelche toxischen Substanzen zu verabreichen.&#8220;<\/p>\n<p>Die Leute lassen sich von gegenl\u00e4ufigen Fakten nicht irritieren, was ihr Weltbild st\u00f6rt, wird ausgeblendet. Ihre phantasiegeleitete, mitunter ans Wahnhafte grenzende Realit\u00e4tsverleugnung ist gegen jede wohlmeinende Korrektur perfekt abgeschottet. Aufkl\u00e4rung st\u00f6\u00dft an ihre Grenzen.<\/p>\n<p>Angesichts der Sturheit und Unbelehrbarkeit der Querdenker und Impfgegner fiel mir eine Passage aus Eugen Ruges Roman\u00a0<a href=\"https:\/\/www.rowohlt.de\/buch\/eugen-ruge-metropol-9783499000973\">Metropol<\/a>\u00a0ein: Der Richter Wassili Wassiljewitsch Ulrich, der im Auftrag Stalins die Schauprozesse mit ihren wahnsinnigen Gest\u00e4ndnissen durchf\u00fchrt, kommt zu der Erkenntnis:<\/p>\n<p><em>Die Menschen glauben, was sie glauben wollen. Betonung auf wollen. \u2026 Nein, der Glaube der Menschen h\u00e4ngt nicht von Fakten ab, nicht von Beweisen. Schlimmer noch \u2013 und das ist fast so etwas wie ein zweiter Teil der Erleuchtung, eine Steigerung: Man kann ihnen Fakten liefern, man kann sie widerlegen, es hilft nichts. Im Gegenteil, wer etwas glauben will, findet einen Weg! Er wird sich durch den winzigen Spalt quetschen, den die Wahrheit ihm l\u00e4sst. Wird die Dinge so lange drehen und wenden, bis sie wieder in seinen Glauben hineinpassen, und seine ganze Klugheit wird ihn nicht etwa daran hindern, sondern ihm noch dabei behilflich sein.<\/em><\/p>\n<p><em>Aus dem Roman &#8222;Metropol&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Der gro\u00dfe Alltagspsychologe Gerhard Polt hat die Ohnmacht des aufkl\u00e4rerischen Ansatzes einmal in seinem ber\u00fchmten Sketch Nikolausi vorgef\u00fchrt, in dem ein Erwachsener vergeblich versucht, einem kleinen Jungen zu erkl\u00e4ren, dass sein Osterhasi in Wahrheit ein Nikolausi ist. Am Ende seiner vergeblichen Bem\u00fchungen hei\u00dft es kurz und b\u00fcndig: &#8220; \u2026 also wenn einer mal sich in einen Gedanken f\u00f6rmlich hineinverrennt, dann ist er ja wie vernagelt.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Die Einsamkeit grassiert<\/strong><\/p>\n<p>Immer mehr Menschen haben &#8222;einen Hass&#8220;, ohne zu wissen, woher er kommt und worauf er sich richtet. Der frei flottierende Hass tr\u00e4umt davon, eine leidenschaftliche Feindschaft wachzurufen, die die herrschende Gesellschaft, in der alle Konflikte von einem Schaumteppich zugedeckt werden, nicht mehr zu bieten hat.<\/p>\n<p>Herrschaft ist abstrakt und anonym geworden und versteckt sich als Sachzwang. Der Klassenkampf wird nicht mehr gef\u00fchrt und scheint stillgestellt, das Proletariat, das designierte Subjekt der sozialen Revolution, ist verschwunden. Wem sollten wir heute die Schuld geben? Die fiesen, fetten Repr\u00e4sentanten der herrschenden Klasse, die bei Bert Brecht und George Grosz noch auftauchten, sind weitgehend verschwunden oder an die Peripherie abgewandert, wo die Diktatoren hausen.<\/p>\n<p>Wir leben in einem Kapitalismus ohne Bourgeoisie; die Kapitalisten verschwinden, w\u00e4hrend die kapitalistische Produktionsweise fortexistiert. Diese wird von smarten Managern und B\u00f6rsenmagnaten repr\u00e4sentiert, die von Nachhaltigkeit reden, Yoga betreiben, blendend wei\u00dfe Z\u00e4hne haben und unentwegt l\u00e4cheln. Aber das Ungl\u00fcck existiert weiter, kaum jemand f\u00fchlt sich wirklich wohl in seiner Haut.<\/p>\n<p>Psychische und psychosomatische Erkrankungen schie\u00dfen ins Kraut, Drogen- und Alkoholkonsum nehmen stetig zu, immer mehr Menschen greifen regelm\u00e4\u00dfig zu psychoaktiven Substanzen und regulieren ihre Gef\u00fchlszust\u00e4nde pharmakologisch. Die Suizidrate ist hoch. Sie ist nach Emile Durkheim ein Seismograph f\u00fcr den Grad an Anomie, der in einer Gesellschaft herrscht. An einem \u00dcberma\u00df an Anomie, das hei\u00dft Normunsicherheit und Orientierungsverlust, k\u00f6nnen Menschen verzweifeln. Die Einsamkeit grassiert.<\/p>\n<p><strong>Innere \u00f6kologische Krise und Verlust der Koh\u00e4renz<\/strong><\/p>\n<p>Alle neun Minuten stirbt hierzulande jemand durch eigene Hand, der Suizid verursacht mehr Tote als Verkehrsunf\u00e4lle, Drogen und Gewaltdelikte zusammen. Menschen haben ein grundlegendes Bed\u00fcrfnis nach Koh\u00e4renz.<\/p>\n<p>Zur Koh\u00e4renz geh\u00f6ren nach dem israelischen Medizin-Soziologen Aaron Antonovsky drei Aspekte: Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit. Menschen wollen die Situation, in der sie sich befinden, verstehen, sie wollen ihr Leben gestalten k\u00f6nnen und sie brauchen das Gef\u00fchl, dass ihr Leben einen Sinn hat. Entbehren sie das Gef\u00fchl der Koh\u00e4renz, werden sie auf mannigfache Weise krank.<\/p>\n<p>Viele Menschen k\u00f6nnen das, was der Kapitalismus ihnen antut, einfach nicht mehr ertragen, wissen aber nicht, wie sie sich gegen seine Verhaltenszumutungen zur Wehr setzen k\u00f6nnen. Widerst\u00e4ndige Milieus und Traditionen haben sich aufgel\u00f6st und zersetzt, die Menschen existieren in einem dumpfen, traumlosen Pr\u00e4sens.<\/p>\n<p>Widerstand kann nur leisten, wer eine Differenzerfahrung gemacht hat und wei\u00df, dass es einmal anders war. Es muss noch etwas nicht ganz von der Warenform Erfasstes vorhanden gewesen sein, von dem man wenigstens noch einen Zipfel zu fassen bekommen hat. Das macht einem ein Ged\u00e4chtnis, aus dem die F\u00e4higkeit erwachsen kann, dem Bestehenden das Realit\u00e4tsmonopol streitig zu machen. Wenn die Erinnerung an den Gebrauchswert g\u00e4nzlich getilgt ist, ist die Entfremdung komplett und jeder Ausweg verbaut.<\/p>\n<p>Neben den \u00f6konomischen und \u00f6kologischen Krisen drau\u00dfen gibt es also auch eine innere \u00f6kologische Krise, von der Peter Br\u00fcckner schon Mitte der 1970er Jahre gesprochen hat. Wenn wir uns die Lebenswirklichkeit vieler Menschen in der &#8222;fl\u00fcchtigen Moderne&#8220; (Zygmunt Bauman) anschauen, m\u00fcssen wir feststellen, dass das Gef\u00fchl der Koh\u00e4renz zur Mangelware wird.<\/p>\n<p>Die Trias Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit verkehrt sich in das Zugleich von Orientierungsverlust, Ohnmacht und Sinnentzug. Wir leben also unter extrem angst- und krankmachenden Bedingungen und sollten uns schon unter dem Aspekt unseres leib-seelischen Wohlergehens f\u00fcr die Errichtung einer solidarischen Gesellschaft einsetzen.<\/p>\n<p>Statt sich mittels Medikamenten und allerhand Entspannungs\u00fcbungen fit zu machen, sollten wir die wild gewordene \u00d6konomie zur\u00fcckpfeifen und die Arbeitswelt menschenf\u00f6rmig gestalten. Das und nichts anderes ist Sozialismus.<\/p>\n<p><strong>Die Wut dreht sich im Kreis<\/strong><\/p>\n<p>John Steinbeck hat in seinem im Jahr 1939 erschienenen Roman\u00a0<a href=\"https:\/\/www.dtv.de\/buch\/john-steinbeck-fruechte-des-zorns-10474\/\">Fr\u00fcchte des Zorns<\/a>, f\u00fcr den er mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, das Schicksal der aggressiven Regungen angesichts der Unsichtbarkeit des Gegners schon fr\u00fch beschrieben.<\/p>\n<p>Das Land eines kleinen P\u00e4chters ist verkauft worden, sein Haus soll niedergerissen werden. Er greift zu seinem Gewehr und will den Mann erschie\u00dfen, der sich seinem Haus mit einer Planierraupe n\u00e4hert. Dieser verwickelt ihn in ein Gespr\u00e4ch, in dessen Verlauf er ihm klarmacht, dass er lediglich Befehle ausf\u00fchrt, dass, wenn er ihnen nicht Folge leistet, ein anderer an seiner Stelle das Zerst\u00f6rungswerk fortsetzen wird. &#8222;Nun gut, dann sag mir, wer dir die Befehle gegeben hat, dann werde ich den erschie\u00dfen.&#8220;<\/p>\n<p>So einfach sei das nicht: Sein Boss habe den Befehl von der Bank, die Bank sei aber nur eine Filiale eines riesigen Imperiums, das seinen Hauptsitz im Osten habe. Schlie\u00dflich sagt der P\u00e4chter: &#8222;Aber wo h\u00f6rt das denn auf? Wen k\u00f6nnen wir denn erschie\u00dfen? Ich habe keine Lust zu verhungern, eh&#8216; ich den Mann umgebracht habe, der wo mich aushungert.&#8220; &#8211; &#8222;Ich wei\u00df es nicht. Vielleicht ist da \u00fcberhaupt niemand zu erschie\u00dfen. Vielleicht ist das Ganze \u00fcberhaupt nicht von Menschen gemacht. Vielleicht ist wirklich, wie du sagst, die Besitzung selbst dran schuld. Jedenfalls habe ich dir gesagt, was f\u00fcr Befehle ich habe&#8220;, erwidert der Angestellte des neuen Landeigent\u00fcmers. &#8222;Ich muss mir\u2018s \u00fcberlegen&#8220;, sagt der P\u00e4chter.<\/p>\n<p>Die Wut des P\u00e4chters angesichts seiner Enteignung und Vertreibung dreht sich im Kreis, er bleibt auf seinen Aggressionen sitzen. Man muss bef\u00fcrchten, dass sie sich gegen Frau und Kinder oder gegen die eigene Person richten werden. Heute hat sich die Situation des P\u00e4chters verallgemeinert, Gef\u00fchle von Ohnmacht und Hilflosigkeit sind universell verbreitet.<\/p>\n<p>Wie sollen die Lebensl\u00e4ufe der Menschen eine Identit\u00e4t haben, wenn sie in lauter unverbundene Fragmente und Trennungen zerfallen? Wie soll man den Kopf \u00fcber der Wasseroberfl\u00e4che der Realit\u00e4t behalten, wenn diese sich einem st\u00e4ndig entzieht und immer spukhafter, anonymer und unheimlicher wird? Wie soll man es in sich und mit sich aushalten, wenn einem permanent die Grundlagen des Lebenslaufs entzogen werden?<\/p>\n<p><strong>Das gro\u00dfe &#8222;Arbeiterlegen&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Im Grunde ahnen oder sp\u00fcren die Menschen, dass sie \u00fcberfl\u00fcssig sind oder es demn\u00e4chst werden. Das, was man Digitalisierung nennt, wird sich als gigantisches &#8222;Arbeiterlegen&#8220; (Helmut Reinicke) erweisen, die Wiederholung dessen, was Marx im Kontext der &#8222;urspr\u00fcnglichen Akkumulation des Kapitals&#8220; als &#8222;Bauernlegen&#8220; beschrieben hat.<\/p>\n<p>Aus Bauern sollten Lohnarbeiter werden, heute werden diese zu Dienstleistern und Datenproduzenten. Das Kapital hat sich von der Ausbeutung der Ware Arbeitskraft weitgehend emanzipiert und nullt gespenstisch und tautologisch vor sich hin. Geldstr\u00f6me zischen um die Erde. Die Erscheinungsweise des Kapitals wird seinem Begriff ad\u00e4quat: Es ist sich selbst verwertender Wert, Geld heckendes Geld, das zum Zwecke seiner Vermehrung kaum noch den Umweg \u00fcber die Produktion realer Dinge geht.<\/p>\n<p>Das Finanzkapital ist der automatische Fetisch, die vor sich hin nullende Null, die Marx als logischen Endpunkt der Verselbst\u00e4ndigung des Wertes begriffen hat. Die Menschen sind gehalten, das ihnen zur Verf\u00fcgung stehende Geld auszugeben, Serien zu gucken, \u00fcber ihre Smartphones zu wischen und dabei Daten zu produzieren, das ist alles.<\/p>\n<p>Das vage Gef\u00fchl der \u00dcberfl\u00fcssigkeit ist der Kern der um sich greifenden Indifferenz. Die aus dieser Indifferenz r\u00fchrende Leidenschaft ist der Hass, ein Hass, der ohne Gegenstand und ohne Bindung an ein Objekt ist. Bindungslosigkeit ist die sozialpsychologische Signatur des Zeitalters.<\/p>\n<p>Die wirtschaftlichen M\u00e4chte sind damit besch\u00e4ftigt, in einer sich totalisierenden Warenproduktion Bindungen bewusst zu zerst\u00f6ren, weil sie die Flexibilit\u00e4t und Mobilit\u00e4t behindern. Die Menschen sollen alle Hemmungen, und Bindungen sind Hemmungen, ablegen, damit sie zu allem f\u00e4hig werden. So ist es denn auch.<\/p>\n<p><strong>Vandalismus und Wahnsinn<\/strong><\/p>\n<p>Die historische oder leidenschaftliche Gewalt hatte einen Gegenstand, einen Feind, einen Zweck. Der Hass hat keinen. Er ist etwas ganz anderes. Selbst der Klassenhass erscheint im R\u00fcckblick beinahe als eine b\u00fcrgerlich-kleinb\u00fcrgerliche Leidenschaft. In der glitzernden Welt des Konsums und der Serien scheint Widerstand nur noch in Form des Vandalismus oder Wahnsinns m\u00f6glich zu sein.<\/p>\n<p>Gegenw\u00e4rtig kristallisiert sich der Hass an der und um die Impfung aus, die auch als Metapher f\u00fcr all das verstanden werden kann, was den Menschen von au\u00dfen und oben angetan und zugef\u00fcgt wird. Da der wirkliche Aggressor im Verborgenen bleibt und nicht oder nur schwer ausmachbar ist, h\u00e4lt man sich an den, der sicht- und greifbar ist.<\/p>\n<p>Und das ist Karl Lauterbach mit seiner Spritze und die Regierung, die im Nebel der Pandemie herumstochert und versucht, die Bev\u00f6lkerung zu sch\u00fctzen. Wenn eine staatliche Ordnung, die wir als Bedingung unseres Lebens vorfinden, \u00dcberleben und geschichtliche Errungenschaften nicht mehr zu sichern vermag, verliert sie ihre Legitimit\u00e4t und ist dem Untergang geweiht.<\/p>\n<p>Angesichts des Mangels an emanzipatorischen Alternativen und der Schw\u00e4che der linken Kr\u00e4fte, steht zu bef\u00fcrchten, dass es die Rechtsradikalen sein werden, die von der Selbstzerst\u00f6rung der b\u00fcrgerlichen Ordnung und dem mit ihr einhergehenden moralischen Zerfall profitieren. Das hatten wir schon einmal.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Von-der-Ohnmacht-der-Aufklaerung-6342509.html?seite=all\"><em>heise.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 29. Januar 2022<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>G\u00f6tz Eisenberg. 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