{"id":10779,"date":"2022-02-09T19:29:22","date_gmt":"2022-02-09T17:29:22","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10779"},"modified":"2022-02-09T19:29:24","modified_gmt":"2022-02-09T17:29:24","slug":"warum-klima-aktivismus-gegen-die-pendelnden-umweltsaeue-nichts-bringt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10779","title":{"rendered":"Warum Klima-Aktivismus gegen die pendelnden Umwelts\u00e4ue nichts bringt"},"content":{"rendered":"<p><em>Hubert Maulhofer. <\/em>Am Sonntag, den 6. Februar 2022, war \u201eDicke-Pulli-Tag\u201c in Hannover. Das Nachhaltigkeitsb\u00fcro der nieders\u00e4chsischen Landeshauptstadt machte sich daran, Welt und Klima zu retten und so streifte eine Handvoll angehender Modedesigner:innen wie schon im Vorjahr schr\u00e4g anmutende Kollektionen \u00fcber und hielt Schilder mit Parolen in die Kamera. \u201eHeizung aus, Pulli an\u201c, war da zu lesen. Und noch witziger:<!--more--> \u201eMan muss nur\u00a0<em>wolle<\/em>\u201c auf einem Wollpullover.<\/p>\n<p>Ist das zynisch in einer Zeit, in der sich viele Werkt\u00e4tige und Erwerbslose die Heizkosten nicht mehr leisten k\u00f6nnen, w\u00e4hrend Jeff Bezos sich eine Yacht bauen l\u00e4sst, f\u00fcr deren Durchfahrt eine Br\u00fccke in Rotterdam demontiert werden muss? Ja. Hilft es bei der Bew\u00e4ltigung der Klimakrise? Null. Und genau deshalb liegen Aktionen wie diese im Trend.<\/p>\n<p>Rund 16 Stunden Fahrradfahrt entfernt, in Berlin, blockierten schon in den Wochen vor dem Hannoveraner \u201eDicke-Pulli-Tag\u201c eine Handvoll Klima-Aktivist:innen immer wieder zu den Sto\u00dfzeiten Autobahnen. Hier sind nicht die Heizungsaufdreher:innen im Fokus, sondern die mit Auto zur Arbeit pendelnden. Die Pendler:innen reagieren gereizt, gelegentlich mit Gewalt. Die rechte Presse schlachtet gen\u00fcsslich aus, dass auch Rettungsw\u00e4gen eingeschr\u00e4nkt werden. Diejenigen, die ohnehin nichts von Umweltaktivismus halten, ergie\u00dfen sowieso ihre H\u00e4me. Aber auch viele, die grunds\u00e4tzlich die Ziele teilen, sehen den Sinn der Protestform nicht. Die Verteidiger:innen offenbaren im Internet in der Defensive ihr Weltbild: Man sehe gar nicht ein, warum Leute noch arbeiten gehen, sollen sie doch einfach aufh\u00f6ren, schreiben einige. Schlie\u00dflich sei es \u201e5 nach 12\u201c und man m\u00fcsse jetzt \u201ewas tun\u201c, egal was. Manche Aktivist:innen versteigen sich zu offenem Sozialchauvinismus: Umverteilung von Verm\u00f6gen bringe f\u00fcr Klimaschutz gar nichts, da konsumieren ja nur dann Arme statt Reiche. Und: \u201eWir haben z.B. gerade die schwierige Situation, dass diverse Schwellenl\u00e4nder sich unserem Lebensstandard ann\u00e4hern (mit Bauboom, Verkehr und Fleischkonsum) und das eigentlich nicht zugelassen werden darf. So hart das klingt.\u201c<\/p>\n<p><strong>Individualisierung der Umweltkrise<\/strong><\/p>\n<p>Eigentlich ist die Sache offenkundig und in den antikapitalistischen Kreisen der Klimabewegung l\u00e4ngst common sense: Der Kapitalismus ist nicht in der Lage, das Mensch-Natur-Verh\u00e4ltnis auf eine Grundlage zu stellen, die das \u00dcberleben der Menschheit gew\u00e4hrleistet. Er kann es nicht, weil sein Imperativ Kapital zu akkumulieren, nur aufgeht, indem er die zwei Springquellen des Reichtums, den Arbeiter und die Natur, ausbeutet. Und weil die Akkumulation ma\u00df- und schrankenlos ist, kann ein Planet mit endlichen Ressourcen an ihr nur zugrunde gehen. Es ist irrelevant, welche Technologien angeblich eine \u201egr\u00fcne Wende\u201c im Kapitalismus einleiten sollen, sie werden sofort in den Imperativ der Kapitalakkumulation eingebettet und die Sache geht weiter in Richtung Abgrund. Es gibt keine \u201enachhaltige Z\u00e4hmung\u201c dieses Monsters und alle Daten aus vorherigen mit viel PR-Ged\u00f6ns vorgetragenen Ans\u00e4tzen dazu st\u00fctzen diese Auffassung.<\/p>\n<p>Weil die Sache so einfach ist, m\u00fcssen von denjenigen, die an der Erhaltung eben dieses Kapitalismus interessiert sind, Ideologien in Umlauf gebracht werden, die sie verschleiern. Die Individualisierung der Umweltkrise ist eine der wichtigsten S\u00e4ulen der Erhaltung des Status Quo. Es ist ein alter Hut, dass die Popularisierung des personalisierten \u201ecarbon foot print\u201c auf die Kappe von PR-Agenturen ging, die von\u00a0<a href=\"https:\/\/mashable.com\/feature\/carbon-footprint-pr-campaign-sham\">multinationalen Konzernen beauftragt<\/a>\u00a0wurden. Vermittelt werden sollte: Wir sind alle im selben Boot und ihr, die Konsument:innen, seid ja am Ende Schuld dran, dass so viel Dreck produziert wird.<\/p>\n<p>Die These, die dahinter steht, ist \u2013 auch bei denen, die gerne die auswendig gelernten Phrasen von \u201estrukturellen Ursachen\u201c bem\u00fchen -, dass letztlich ohne Revolution und im Kapitalismus die Sache noch irgendwie gewuchtet werden k\u00f6nne, wenn \u201ewir\u201c uns nur \u201ealle\u201c einschr\u00e4nken. Da das \u201ewir\u201c klassenneutral gedacht ist \u2013 also den auf Mindestlohn darbenden LKW-Fahrer genauso einschlie\u00dft wie den Vorstandsvorsitzenden von BMW -, ist es einfacher sich an denen abzuarbeiten, die ohnehin schon nichts mehr haben. Den anderen l\u00e4uft man selten \u00fcber den Weg. Die anonyme Masse, die sich vermeintlich oder tats\u00e4chlich weigert, sich \u201eeinzuschr\u00e4nken\u201c, ist die treibende Kraft hinter der Zerst\u00f6rung der Natur. Der Bockwurst fressende, Stinke-Auto fahrende Pendelproll, der einmal j\u00e4hrlich nach Malle fliegt, ist, eingestanden oder nicht, die Zielfigur dieser Politik. Der muss bestraft werden, indem man ihn besch\u00e4mt oder sich eben am Freitag nachmittag vor sein Auto setzt, auf dass er demn\u00e4chst mit dem Fahrrad zur Arbeit radle. Der Unternehmensberater aus Stuttgart tut ja schon alles, er hat sogar Solarzellen auf seinem Eigenheim, was soll man an ihm noch \u00e4ndern?<\/p>\n<p><strong>Wen erreichen?<\/strong><\/p>\n<p>Der letztlich liberale Aktivismus, der aus der Analyse entspringt, dass \u201ewir alle\u201c jetzt sofort \u201eunseren Lebensstil\u201c \u00e4ndern m\u00fcssen, hat mehrere Probleme. Das systematische ist, dass er die Ursachen f\u00fcr die vom Kapitalismus gemachte Klimakrise verkennt und sich deshalb an Symptomen abarbeiten muss. Die zweifellos notwendige Ver\u00e4nderung des Konsumverhaltens wird von ihrer Voraussetzung \u2013 der \u00c4nderung der Produktionsweise \u2013 getrennt und l\u00e4uft ins Leere.<\/p>\n<p>Das organisatorische Manko ist: Der Ansatz f\u00fchrt in die Isolation, weil irgendwie will ihn die stumpfe Masse nicht verstehen \u2013 und selbst die, die ihn total gut finden, schr\u00e4nken sich selbst in den seltensten F\u00e4llen bis zur Wald- und Wiesenexistenz ein. Man redet sich dann zwar gegenseitig gut zu, klopft sich auf die Schulter und erkl\u00e4rt die dummen Arschl\u00f6cher, die trotz wissenschaftlich best\u00e4tigtem Countdown immer noch zur Maloche fahren, zu unverbesserlichen Anh\u00e4ngern der \u201eAuto-Ideologie\u201c, die Grillfraktion zu Opfern der \u201eFleisch-Ideologie\u201c. Aber am Ende hilft alles nichts, man steht hier, die anderen da.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite der Barrikade sieht es nicht besser aus. Ich kann es aus meinem Arbeitsumfeld sagen und stand selber in einem der Staus. Den Aktivist:innen wird alles m\u00f6gliche zugeschrieben, was eigentlich auf die Kappe anderer geht. Sie werden als \u201eprivilegiert\u201c wahrgenommen, der Stress, der durch den Stau entsteht, wird nicht als Auswirkung des sowieso vorhandenen Arbeitsdrucks gesehen, sondern eben individualisiert: Die Aktivist:innen sind schuld. Dass man selber nicht gut genug verdient, liegt nicht am Chef, sondern dass man auch noch \u201esolche da\u201c durchf\u00fcttern muss, die ja wohl sicherlich von staatlichen Leistungen leben. Und so weiter. Auch hier jede Menge Ideologie der Herrschenden.<\/p>\n<p>Die Blockade-Aktion, wie nobel auch immer ihre Intention war, verst\u00e4rkt eine Kluft, die vielleicht ohnehin schon vorhanden war. Jedenfalls aber hat sie kein Interesse an denen, die sie da blockiert. Auf der\u00a0<a href=\"https:\/\/letztegeneration.de\/forderungen\/\">Homepage der Organisation<\/a>, die das Autobahnsitzen betreibt, wird auch klar, warum. Es handelt sich nicht um eine \u201eRadikalisierung\u201c der Klima-Bewegung, sondern vielmehr das Gegenteil: Man hofft auf Gesetze durch die Regierung, Verantwortungsgef\u00fchl bei den Konzernen und beschw\u00f6rt die Verfassung. Man will nicht eine Massenbewegung erreichen, sondern man will durch \u201edirekte Aktionen\u201c so st\u00f6ren, dass die Herrschenden aus Einsicht oder warum auch immer, Gesetze beschlie\u00dfen, die das Menschheitsdesaster abwenden.<\/p>\n<p><strong>Ohne Massen keine L\u00f6sung<\/strong><\/p>\n<p>Dass Aktivist:innen \u00fcberhaupt etwas tun, sich selbst in die Wagschale werfen, ist anzuerkennen. Einer liberalen Ideologie aufzusitzen, die Tag f\u00fcr Tag durch die Leitmedien, die Think Tanks, die PR-Agenturen der Unternehmen und die auf \u00f6kologisches Marketing setzenden Parteien in die K\u00f6pfe gedr\u00fcckt wird, ist auch keine moralische Schuld. V\u00f6llig nachvollziehbar ist, dass angesichts der Gr\u00f6\u00dfe der Krise viele das Gef\u00fchl haben, jetzt schnell etwas tun zu m\u00fcssen \u2013 was auch durchaus eine richtige Einsch\u00e4tzung der Lage ist.<\/p>\n<p>Nur leider f\u00fchrt \u201eirgendwas tun\u201c in den seltensten F\u00e4llen zu dem Ziel, das man sich gesetzt hat, manchmal auch einfach davon weg. Und die Sache an der Klima-Krise ist eben, dass sie von den anderen multiplen Krisen des Kapitalismus nicht zu trennen ist: Nicht von der imperialistischen Produktionsweise, die vom Outsourcing und Offshoring der arbeitsintensiven und umweltsch\u00e4dlichen Produktionsteile in den Trikont lebt; nicht von Krieg und Hochr\u00fcstung; und nicht von der Klassenspaltung. Man muss Klima-Krise und diese anderen Aspekte des Kapitalismus nicht \u00e4u\u00dferlich \u201ezusammendenken\u201c, man kann sie nur trennen um den Preis, in liberale Irrwege abzurutschen.<\/p>\n<p>Ohne die Vergesellschaftung der Produktion und die Aneignung der Macht durch die organisierte Gesellschaft gibt es nicht einmal die M\u00f6glichkeit, die Katastrophe noch abzuwenden. Das aber geht nicht ohne Massenbewegung. Wer das teilt, kann aber Aktionen weder nur zum Appell an die Eliten, noch zur Selbstbest\u00e4tigung machen. Das Gef\u00fchl \u201eich tue ja was, die dumme Mehrheit aber nicht\u201c mag \u00fcber die Wintermelancholie retten, vor dem Untergang der Menschheit rettet es nicht. Auch wenn es \u201e5 nach 12\u201c ist, f\u00fchrt an dem langen Weg zum Ziel, zumindest eine handlungsf\u00e4hige Mehrheit der Gesellschaft gegen den Kapitalismus und seinen Staat in Stellung zu bringen, kein Weg vorbei. Auf Autobahnen sitzen oder das Abdrehen der Heizung zu romantisieren, bis es 10 nach 12 ist, bringt diesem Ziel keinen Schritt n\u00e4her.<\/p>\n<p># Bildquelle: <a href=\"https:\/\/letztegeneration.de\/presse\/pressebilder\/\">https:\/\/letztegeneration.de\/presse\/pressebilder\/<\/a><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/lowerclassmag.com\/2022\/02\/06\/das-ende-der-welt-auf-der-a100-aussitzen-warum-klima-aktivismus-gegen-die-pendelnden-umweltsaeue-nichts-bringt\/\"><em>lowerclassmag.com&#8230;<\/em><\/a><em> vom 9. Februar 2022<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hubert Maulhofer. Am Sonntag, den 6. Februar 2022, war \u201eDicke-Pulli-Tag\u201c in Hannover. 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