{"id":10844,"date":"2022-02-21T19:06:21","date_gmt":"2022-02-21T17:06:21","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10844"},"modified":"2022-02-21T19:06:22","modified_gmt":"2022-02-21T17:06:22","slug":"kasachstan-zhanaozen-steht-an-der-spitze-einer-zweiten-protestwelle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10844","title":{"rendered":"Kasachstan: Zhanaozen steht an der Spitze einer zweiten Protestwelle"},"content":{"rendered":"<p>Am Dienstag, den 15.02.2022, streikten Arbeiter:innen aus allen Abteilungen und Unterabteilungen von Ozenmunaigas in Zhanaozen und schlossen sich damit den \u00d6l-Bohrer:innen an, die bereits am 9. Februar die Arbeit niedergelegt hatten. Die Beh\u00f6rden versuchen ihrerseits, die Demonstrant:innen mit verschiedenen kleinen Versprechungen zu beschwichtigen, aber die Streiks<!--more--> weiten sich immer weiter aus und ziehen neue Teilnehmer:innen an.<\/p>\n<p>Alles begann am Morgen, als sich am Busbahnhof von Zhanaozen den Schichtarbeiter:innen der Burgylau-GmbH, die streikten und die sofortige Verstaatlichung forderten, ihre Kolleg:innen von Ozenmunaigas anschlossen, die ebenfalls einen Streik verk\u00fcndeten. Auf der gemeinsamen Kundgebung brachten sie nicht nur ihre sozialen und wirtschaftlichen Forderungen zum Ausdruck, sondern forderten die Beh\u00f6rden auch auf, die Repressionen unverz\u00fcglich einzustellen und alle Verhafteten freizulassen.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus wiesen Besch\u00e4ftigte darauf hin, dass sie f\u00fcr ihre Arbeit unterbezahlt seien und statt f\u00fcr 12 Stunden nur f\u00fcr 11 Stunden bezahlt w\u00fcrden. Sie forderten bezahlte 12-Stunden-Schichten, die Einf\u00fchrung von Wechselschichten, eine 50-prozentige Lohnerh\u00f6hung und zus\u00e4tzliche Einstellungen, da die Arbeiter:innen aufgrund der K\u00fcrzungen eine zus\u00e4tzliche Arbeitsbelastung zu tragen h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Auch Elektriker:innen und Schwei\u00dfer:innen, deren L\u00f6hne niedriger sind als die der anderen Berufsgruppen, brachten ihre Unzufriedenheit zum Ausdruck und forderten eine 50-prozentige Lohnerh\u00f6hung. Sie forderten auch den Ersatz veralteter und abgenutzter Ausr\u00fcstung durch neue, die Einf\u00fchrung von Wochenschichten, die Wiedereinf\u00fchrung von Zuschl\u00e4gen f\u00fcr gef\u00e4hrliche und schwierige Arbeitsbedingungen und die Schaffung neuer Arbeitspl\u00e4tze f\u00fcr verschiedene Spezialist:innen f\u00fcr die Hauptproduktionsanlagen, da jene zuvor entlassen worden waren.<\/p>\n<p>Die Streiks der Arbeiter:innen von Ozenmunaigas begannen am Montagabend, als die Mitarbeiter:innen der \u201eAbteilung f\u00fcr Bohrarbeiten\u201c sich in ihrem Betrieb versammelt hatten und den Pr\u00e4sidenten Kasachstans Tokajew wegen des Befehls zur Einleitung gro\u00df angelegter Repressionen kritisierten. Die Abteilung war \u00fcbrigens eigens f\u00fcr die 2011 entlassenen \u00d6l-Arbeiter:innen gegr\u00fcndet worden, die einen Streik durchgef\u00fchrt hatten, der in Blut ertr\u00e4nkt wurde.<\/p>\n<p>Dann, am Nachmittag des 15. Februar, fanden die wichtigsten Ereignisse auf dem Betriebsgel\u00e4nde der \u201eAbteilung f\u00fcr Bohrarbeiten\u201c statt, wo eine Massenversammlung der Arbeiter:innen aller Abteilungen von Ozenmunaigas abgehalten wurde. Alik Aidarbayev, der Vorstandsvorsitzende von KazMunayGas, kam in das B\u00fcro dieser Abteilung, wo er erfolglos mit Vertreter:innen der streikenden Arbeiter:innen und mit einer Delegation der Erwerbslosen von Zhanaozen verhandelte.<\/p>\n<p>Auf der Kundgebung stellte Aidarbajew fest, dass er die L\u00f6hne nicht einmal um 30-40 Prozent anheben k\u00f6nne. Gleichzeitig wurde er an ein fr\u00fcheres Versprechen erinnert, die L\u00f6hne um 15 Prozent als Anpassung infolge der Inflation zu erh\u00f6hen, was jedoch immer noch nicht geschehen ist. Die Erwerbslosen verwies er an die lokalen Beh\u00f6rden, die das Problem ihrer Besch\u00e4ftigung l\u00f6sen sollten. Der Konzern Ozenmunaigas selbst versprach lediglich, 150 Menschen zu besch\u00e4ftigen, was nur ein Tropfen auf den hei\u00dfen Stein ist.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich gelang es dem Chef des staatlichen Unternehmens KazMunayGas nicht, die streikenden Arbeiter:innen dazu zu bewegen, sich zu zerstreuen und er war praktisch zum R\u00fcckzug gezwungen. Den Arbeiter:innen zufolge wurde Aidarbajew eigens zu ihnen geschickt, um die Demonstrant:innen zu beruhigen.<\/p>\n<p>Gleichzeitig versuchte er immer wieder, auf die gelben Gewerkschaften zu verweisen, mit denen angeblich Verhandlungen gef\u00fchrt w\u00fcrden. Aber niemand in der \u00d6l-Industrie traut den offiziellen Gewerkschaften des Gewerkschaftsbundes der Republik Kasachstan (FPRK), und die Beh\u00f6rden und Kapitaleigent\u00fcmer weigern sich, unabh\u00e4ngige Gewerkschaften anzuerkennen und mit ihnen zu verhandeln. Es kann so keine ernsthaften Diskussionen mit ihnen geben.<\/p>\n<p>Inzwischen sind auch die Belegschaften weiterer \u00d6l-Konzerne in den Streik getreten. Insbesondere die Besch\u00e4ftigten des Transportunternehmens Kezbi-GmbH, die bereits im vergangenen Jahr mehrmals gestreikt hatten, legten am Dienstag die Arbeit nieder und forderten die R\u00fcckkehr ihres Unternehmens in den Mutterkonzern KazMunayGas. Die Weigerung des Energieministeriums, eine Verstaatlichung auch nur in Erw\u00e4gung zu ziehen, hat sie buchst\u00e4blich auf die Barrikaden gebracht.<\/p>\n<p>Dies umso mehr, als fr\u00fchere Forderungen ebenfalls nicht erf\u00fcllt und Versprechen nie eingehalten worden waren. Sie forderten au\u00dferdem eine Lohnerh\u00f6hung von 50 Prozent und schlossen sich dem Streik an. Am Abend versprachen die \u00d6l-Arbeiter:innen von Aktau, von den \u00d6l-Feldern Kalamkas und Karazhanbas, sich den streikenden Arbeiter:innen von Zhanaozen anzuschlie\u00dfen. Am 16. Februar wird die Zahl der Streikenden noch gr\u00f6\u00dfer sein.<\/p>\n<p>An diesem Tag besetzten die Erwerbslosen in einer Reihe von Bezirkszentren die Rath\u00e4user und forderten, dass Alik Aidarbayev zu ihnen kommt. In Zhanaozen selbst fand eine Massenaktion vor dem Rathaus statt, bei der die Forderungen der vergangenen Tage nach der Schaffung neuer Arbeitspl\u00e4tze, auch durch den Bau neuer Betriebe, bekr\u00e4ftigt wurden. Gleichzeitig lehnten die Demonstrant:innen die vorgeschlagene Priorit\u00e4tenliste ab.<\/p>\n<p>Das Ausma\u00df und die Politisierung der Proteste lie\u00dfen die lokalen Beh\u00f6rden erschaudern, die nun versuchen, die Streiks durch k\u00fcnstlich geschaffene Aussch\u00fcsse zu stoppen, die aber nichts entscheiden. Am Abend trat der Pr\u00e4sident des Bezirks Mangistau, Nurlan Nogayev, der im Januar von Kundgebungen in Zhanaozen und Aktau verjagt worden war, im lokalen Fernsehen auf. Er sprach auf Russisch, was f\u00fcr eine Region, in der haupts\u00e4chlich Kasachisch gesprochen wird, ungew\u00f6hnlich ist, und versprach, das Besch\u00e4ftigungsproblem Schritt f\u00fcr Schritt zu l\u00f6sen, allerdings haupts\u00e4chlich auf Kosten der kleinen und mittleren Unternehmen, die bereits Verluste machen und in Konkurs gehen.<\/p>\n<p>Er sprach erneut davon, 150 Personen in der \u00d6l-Industrie zu besch\u00e4ftigen, was \u00fcberhaupt keine L\u00f6sung f\u00fcr die Situation darstellt. Schlie\u00dflich forderte Nogayev die Einwohner:innen auf, sich nicht provozieren zu lassen. \u201eAls Oberhaupt des Bezirks und als besorgter B\u00fcrger unserer Region wende ich mich an Sie mit der Bitte, nicht auf Provokationen einzugehen und sich nicht auf populistische Parolen und leere Versprechungen einzulassen\u201c, betonte Nogayev.<\/p>\n<p>Dies deutet darauf hin, dass die Beh\u00f6rden m\u00f6glicherweise eine gewaltsame Unterdr\u00fcckung der Streiks und Kundgebungen, die derzeit in Zhanaozen stattfinden, vorbereiten und alle Opfer \u201eTerroristen\u201c und \u201eProvokateuren\u201c zuschreiben. Daher sollten die Ereignisse so weit wie m\u00f6glich publik gemacht und alle Forderungen der \u00d6l-Arbeiter:innen, einschlie\u00dflich der Verstaatlichung von Konzernen und der Legalisierung unabh\u00e4ngiger Gewerkschaften, unterst\u00fctzt werden.<\/p>\n<p>Die Bedeutung von erfolgreichen Streiks und Protesten im Bezirk Mangistau kann kaum \u00fcbersch\u00e4tzt werden, da die Arbeiter:innen des Bezirks der gesamten Arbeiter:innenbewegung des Landes ein Beispiel f\u00fcr den Kampf geben. Hinzu kommen die Erfahrungen aus fr\u00fcheren Streiks, und alle Teilnehmer:innen an den Aktionen haben den Januar-Aufstand mitgemacht und sind nicht gebrochen. Es handelt sich nicht nur um eine weitere Streikaktion, sondern um eine neue, zweite Protestwelle, die bald alle Regionen des Landes erfassen k\u00f6nnte. Schlie\u00dflich wurde keine der Forderungen der Streikenden vom Januar erf\u00fcllt, au\u00dfer einer Senkung der Gaspreise, und das f\u00fcr 180 Tage.<\/p>\n<p>\u00c4hnliche Forderungen nach h\u00f6heren L\u00f6hnen und besseren Arbeitsbedingungen wurden am 15. Februar von Arbeiter:innen der Petro Kazakhstan Kumkol Resources im Gebiet Kyzylorda und sogar von Krankenwagenfahrer:innen in Aktjubinsk, deren Betrieb an t\u00fcrkische Investoren verkauft wurde, erhoben. Ihre L\u00f6hne wurden seit 10 Jahren nicht mehr erh\u00f6ht und die Arbeiter:innen haben sich an den t\u00fcrkischen Pr\u00e4sidenten Erdogan gewandt, dass sie zu einem Streik aufrufen werden, wenn ihre Forderungen nicht erf\u00fcllt werden.<\/p>\n<p>Der Februar entwickelt sich also nicht weniger k\u00e4mpferisch und die Klassenk\u00e4mpfe sind nicht mehr aufzuhalten.<\/p>\n<p><em>Dieser Artikel der Sozialistischen Bewegung Kasachstans wurde zuerst am 16.02.2022 auf Russisch auf der Website socialismkz.info ver\u00f6ffentlicht ( <\/em><a href=\"http:\/\/socialismkz.info\/?p=27264\"><em>http:\/\/socialismkz.info\/?p=27264<\/em><\/a><em>) und von Christoph W\u00e4lz \u00fcbersetzt.<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2022\/02\/20\/kasachstan-zhanaozen-steht-an-der-spitze-einer-zweiten-protestwelle\/\"><em>arbeiterinnenmacht.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 21. Februar 2022<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Dienstag, den 15.02.2022, streikten Arbeiter:innen aus allen Abteilungen und Unterabteilungen von Ozenmunaigas in Zhanaozen und schlossen sich damit den \u00d6l-Bohrer:innen an, die bereits am 9. Februar die Arbeit niedergelegt hatten. 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