{"id":1086,"date":"2016-04-02T18:34:08","date_gmt":"2016-04-02T16:34:08","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1086"},"modified":"2016-04-02T18:34:08","modified_gmt":"2016-04-02T16:34:08","slug":"ein-comeback-des-sozialismus-in-den-usa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1086","title":{"rendered":"Ein Comeback des Sozialismus in den USA?"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Gespr\u00e4ch zwischen Alan Maass und Bashar Sunkara. <\/em><\/strong><strong>Meinungsumfragen zufolge nimmt in den USA die Zahl der Leute, die sich mit dem Sozialismus identifizieren oder zumindest eine positivere Sicht vom Sozialismus als vom Kapitalismus haben, zu. <\/strong><!--more--><\/p>\n<p><strong>Wo kommen all die Sozialisten her? Der Hauptgrund ist nat\u00fcrlich die Kampagne von Bernie Sanders, aber es gibt auch andere Faktoren, die erkl\u00e4ren, warum der Sozialismus en vogue ist. Bhaskar Sunkara, Herausgeber des Magazins Jacobin (<a href=\"http:\/\/www.jacobinmag.com\/\">www.jacobinmag.com<\/a>) und Alan Maass, Herausgeber von <a href=\"http:\/\/socialistworker.org\/\">SocialistWorker.org<\/a>, diskutieren, was das f\u00fcr die Linke und die kommenden K\u00e4mpfe bedeutet.<\/strong><\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<\/p>\n<p><strong>Alan Maass<\/strong>: In unserer letzten Printausgabe hatten wir die Schlagzeile \u00abSocialism in the air\u00bb (Sozialismus liegt in der Luft) auf dem Cover von Socialist Worker. Der Ausdruck passt bemerkenswert auf die letzten Monate, in denen Meinungsumfragen zeigen, dass vor allem junge Leute mehr dem Sozialismus als dem Kapitalismus zuneigen. Die Webseite vom W\u00f6rterbuch Merriam-Webster meldet, \u00abSocialism\u00bb sei im letzten Jahr das am h\u00e4ufigsten abgefragte Wort gewesen.<\/p>\n<p>Sowas gibt es in der Industriegesellschaft mit dem virulentesten Antikommunismus; das Ph\u00e4nomen muss also tiefe Wurzeln haben: die wachsende Ungleichheit und der Verfall der Lebensbedingungen der Bev\u00f6lkerungsmehrheit w\u00e4hrend der \u00c4ra des Neoliberalismus; die \u00f6konomische und politische Instabilit\u00e4t im Gefolge der Gro\u00dfen Rezession.<\/p>\n<p>Wir haben auch vorher schon Ausdr\u00fccke dieser Gef\u00fchlslage erlebt \u2013 z.B. die Popularisierung von Klassenkampf durch Occupy Wall Street mit der Losung von den 1% gegen die 99%. Aber die Kampagne von Bernie Sanders f\u00fcr seine Nominierung zum Pr\u00e4sidentschaftskandidaten der Demokraten hat mehr als alles andere daf\u00fcr getan, die Diskussion \u00fcber Sozialismus wieder gesellschaftsf\u00e4hig zu machen.<\/p>\n<p>In unseren Publikationen kritisieren wir Sanders, seine politischen Positionen und Strategien, aber wir m\u00fcssen ihm zugute halten, dass er die sozialistische Fahne auch noch hochgehalten hat, als seine Popularit\u00e4t zu wachsen begann und er allm\u00e4hlich die F\u00fchrungsrolle von Hillary Clinton herausforderte.<\/p>\n<p>Mit dem Fortgang der Vorwahlen wird den Anh\u00e4ngern von Sanders\u2019 Botschaft zunehmend klar, dass seine Chancen, die Nominierung der Demokratischen Partei zu gewinnen, gering sind. Dennoch glaube ich nicht, dass das Interesse an sozialistischen Ideen deshalb wieder verschwindet. Was haben nun Sozialisten dieser neuen Generation, die sich mit dem Sozialismus als Alternative zu Ungerechtigkeit und Armut identifiziert, wie auch immer er definiert wird, zu sagen?<\/p>\n<p><strong>Bhaskar Sunkara<\/strong>: Wir m\u00fcssen die Leute wissen lassen, dass wir die Dinge, die sie wollen, auch wollen. Auch wenn wir Kritik an Sanders\u2019 Programm haben und meinen, dass es nicht weit genug geht \u2013 zweifellos sehen die meisten Sozialisten in diesem Land, dass Sanders\u2019 Positionen zur Au\u00dfenpolitik und anderen Fragen viel zu w\u00fcnschen \u00fcbrig lassen \u2013, so ist doch sein Programm im Kern ein breites sozialdemokratisches, das wir als Sofortforderung unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>Es ist wichtig, dass wir uns mit Sanders\u2019 Anh\u00e4ngern auseinandersetzen, damit die Leute uns nicht als Au\u00dfenstehende betrachten, die heimlich eine eigene Agenda verfolgen, sondern verstehen, dass wir kurzfristig f\u00fcr dieselben Dinge eintreten, f\u00fcr die auch Sanders steht: die St\u00e4rkung der amerikanischen Werkt\u00e4tigen und die Aufstellung breiter Forderungen, die die Arbeit gegen\u00fcber dem Kapital st\u00e4rken.<\/p>\n<p>Wir gehen aber weiter und glauben, das mit solchen Reformen die Bedingungen geschaffen werden k\u00f6nnen, um sie nachhaltig zu machen und um in der Zukunft gr\u00f6\u00dfere Ver\u00e4nderungen einzuleiten. Sanders\u2019 Vision hingegen endet wom\u00f6glich in einer Art Wohlfahrtsstaat skandinavischer Art \u2013 wobei es schwierig ist zu sagen, worin sie eigentlich besteht. Durch neue K\u00e4mpfe f\u00fcr diese Sofortforderungen k\u00f6nnen wir organische Verbindungen zu diesen Menschen kn\u00fcpfen.<\/p>\n<p>Doch auf diesem Weg gilt es, eine doppelte Schlacht zu schlagen: nicht nur gegen das, was Sanders die Milliard\u00e4rsklasse nennt, sondern auch gegen eine Menge von Vertretern der Demokratischen Partei \u2013 nicht nur die konservativsten Elemente der Partei, sondern auch Kr\u00e4fte des offiziellen Reformfl\u00fcgels, darunter Teile der Gewerkschaftsb\u00fcrokratie, Segmente linker Gruppierungen im Kongress usw.<\/p>\n<p>Dass K\u00e4mpfe und Forderungen auch nur f\u00fcr begrenzte Reformen in Konflikt mit diesen Kr\u00e4ften treten werden, ist etwas, das viele Sanders-Anh\u00e4nger nicht verstehen. Einer der Vorteile der Sanders-Kampagne ist, dass zu es einer Polarisierung gegen Hillary Clinton und den von ihr vertretenen Fl\u00fcgel der Partei gekommen ist. Aber ich glaube nicht, dass viele Sanders-Anh\u00e4nger verstehen, dass es hierbei um mehr als die Clinton-Dynastie geht, dass das an die Wurzeln und die Struktur der Demokratischen Partei geht.<\/p>\n<p><strong>Alan Maass<\/strong>: [\u2026] Bei den meisten Menschen \u2013 einschlie\u00dflich derer, die sich f\u00fcr Sanders begeistern und sagen, wenn er ein Sozialist ist, sind sie das auch \u2013 ist das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die sozialistische Tradition verschwommen. Ich dachte, ein Ort, wo man beginnen k\u00f6nnte, f\u00fcr diese Generation Sozialismus neu zu definieren, k\u00f6nnte ein Essay sein, der vor 50 Jahren ver\u00f6ffentlicht wurde: Hal Drapers The Two Souls of Socialism*. Draper geht auf Marx und Engels zur\u00fcck und zeigt, dass es stets eine Kluft gab zwischen dem, was er \u00abSozialismus von oben\u00bb und \u00abSozialismus von unten\u00bb nennt.<\/p>\n<p>Auf dem H\u00f6hepunkt des Kalten Krieges zwischen den USA und der UdSSR hatte der \u00abSozialismus von oben\u00bb die Gestalt des Stalinismus in Russland und den Satellitenstaaten. Aber Draper stellte auch die Gleichsetzung von Sozialismus mit sozialdemokratischen Regierungen in Europa und ihren sozialen Reformprogrammen in Frage; aus der Warte des Neoliberalismus scheinen diese heute sehr ehrgeizig, aber damals hatten sie deutliche Grenzen.<\/p>\n<p>Draper konfrontiert in The Two Souls diese Ans\u00e4tze mit dem, wie Marx und die marxistische Tradition \u00fcber den Sozialismus sprachen \u2013 vor allem mit der Idee, dass Sozialismus die Selbstemanzipation der Arbeiterklasse sein muss. In dieser Vorstellung geht es beim Sozialismus von unten um Massendemokratie und eine massenhafte Beteiligung der Mehrheit der Bev\u00f6lkerung an der Schaffung einer neuen Gesellschaft.<\/p>\n<p>Dieser Aspekt kann verloren gehen, wenn Sozialismus auf Bernie Sanders\u2019 Pr\u00e4sidentschaftskandidatur reduziert wird. Eine der Dinge, die Sozialisten tun k\u00f6nnen, wenn sie mit Leuten sprechen, die der Idee des Sozialismus zuneigen, ist, dass sie auf diese Tradition verweisen, die Demokratie, Freiheit und Solidarit\u00e4t stets als Grundprinzipien des Sozialismus verfochten hat.<\/p>\n<p><strong>Bhaskar Sunkara<\/strong>: Ich bin weitgehend deiner Auffassung. Ab meinem 19.Lebensjahr schrieb ich f\u00fcr New Politics, kurze Zeit sp\u00e4ter trat ich der Redaktion bei. Das ist eine der wenigen Publikationen auf der Welt \u2013 Socialist Worker ist eine weitere \u2013, die sich explizit in der Tradition des Sozialismus von unten sieht. Tats\u00e4chlich wurde Drapers Essay 1966 in New Politics ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p>Es ist wichtig, dass wir die Sprache der Demokratie verwenden, um \u00fcber Sozialismus zu sprechen; damit unterscheiden wir uns von der stalinistischen Tradition und k\u00f6nnen das Menschen erkl\u00e4ren, die dazu Fragen haben. Und Stalinismus und Reformismus hingen vielf\u00e4ltig zusammen.<\/p>\n<p>Andererseits glaube ich, wenn wir uns f\u00fcr das engagieren, wof\u00fcr Sanders steht, also f\u00fcr die besten Traditionen der europ\u00e4ischen Sozialdemokratie, dann bringt es nichts, wenn wir sagen, die linkssozialdemokratischen Str\u00f6mungen waren keine sozialistischen Bewegungen. Es macht mehr Sinn, wenn wir sagen, es waren Bewegungen, die in einer kapitalistischen Gesellschaft regieren mussten und deshalb durch die Interessen der privaten Kapitalisten eingeschr\u00e4nkt wurden. Sie waren in der Lage, unter kapitalistischen Bedingungen kleine Dosen von Sozialismus zu verabreichen, aber das, was wir als Sozialisten wollen, ist ein Sozialismus nach dem Kapitalismus.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen uns davor h\u00fcten, der unmittelbaren Vision, die Sanders vertritt, unsere weiterreichenden Vorstellung von Sozialismus entgegenzusetzen. Sanders will Teile von dem, was wir wollen, aber wir wollen mehr. Wir d\u00fcrfen auch nicht vergessen, dass wir die Mehrheit der Leute, die f\u00fcr Sanders\u2019 sozialdemokratischen Reformen eintreten, nicht f\u00fcr die revolution\u00e4re sozialistische Vision mobilisieren k\u00f6nnen, die wir vertreten.<\/p>\n<p><strong>Alan Maass<\/strong>: Es ist einer der am meisten verbreiteten Mythen \u00fcber Sozialisten, dass sie Reformen der Revolution entgegensetzen. Wir sind jedoch nicht der Auffassung, dass ein gesellschaftlicher Wandel in kleinen Schritten m\u00f6glich ist, es bedarf revolution\u00e4rer Ver\u00e4nderung. Ich denke, wir sollten Strategien in Frage stellen, die versuchen, sozialen Wandel durch \u00abArbeit von innen heraus\u00bb zu erreichen.<\/p>\n<p>Aber das bedeutet nicht, dass wir die Bedeutung von Reformen ignorieren \u2013 erstens verbessern sie unmittelbar das Leben der Werkt\u00e4tigen und zweitens geben sie Menschen das Vertrauen, f\u00fcr mehr zu k\u00e4mpfen. Sozialisten werden vor der Revolution viel Zeit damit verbringen, Reformen zu erreichen. Die Frage ist, f\u00fcr welche Reformen k\u00e4mpfen wir und wie.<\/p>\n<p>Das geht ebenfalls auf Marx und Engels zur\u00fcck. Eine der wichtigsten Quellen f\u00fcr ihr Verst\u00e4ndnis von Sozialismus war der Kampf f\u00fcr die Demokratie und gegen die alte Ordnung, die in Europa zu der Zeit herrschte. Diese K\u00e4mpfe sind wichtig um ihrer selbst willen, aber sie legen auch die Grundlage f\u00fcr weitere K\u00e4mpfe \u2013 um die Demokratie \u00fcber die politische Sph\u00e4re hinaus auf die ganze Gesellschaft auszudehnen, wie du sagtest. Und sie bringen die Bewegung in Konflikt mit denen, die f\u00fcr Beschr\u00e4nkungen einer umfassenden Demokratie eintreten.<\/p>\n<p>Die Wahlkampagne von Bernie Sanders wird in den kommenden Monaten einer Menge Menschen deutlich die Grenzen des Zwei-Parteien-Systems und die realen Mechanismen, nach denen die Demokratische Partei funktioniert, zeigen.<\/p>\n<p><strong>Bhaskar Sunkara<\/strong>: Richtig. Man darf nicht in die Falle tappen, dass man oberfl\u00e4chlich sagt, Sanders\u2019 Programm ist nicht viel linker als der Mainstream des amerikanischen Liberalismus der 60er Jahre oder gar als Elemente der heutigen europ\u00e4ischen Sozialdemokratie. Denn die Sanders-Kampagne steht in einem Kontext, in dem die Kapitalisten nicht einmal willens sind, eine Ausdehnung des Wohlfahrtstaats zu akzeptieren. Seine Forderungen erhalten damit einen weitaus radikaleren Charakter. Sollte die Bewegung um Sanders weiter wachsen, werden seine Mittel, einen Wandel herbeizuf\u00fchren, deshalb auf reale Grenzen sto\u00dfen. Dies wird entweder zu einer Art Desillusionierung und einer Abkehr vieler Menschen, die sich f\u00fcr Sanders eingesetzt haben, von Politik \u00fcberhaupt f\u00fchren \u2013 oder zu einer weiteren Radikalisierung.<\/p>\n<p>An diesem Punkt, glaube ich, kann die radikale Linke, so klein sie ist, ihre N\u00fctzlichkeit unter Beweis stellen \u2013 wenn sie in der Lage ist zu intervenieren, weil sie eine politische Organisation und eine Reihe von Ideen hat, denen Menschen sich zuwenden und die sie f\u00fcr sich nutzbar machen und gestalten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Alan Maass<\/strong>: Das f\u00fchrt uns zu den anderen Schaupl\u00e4tzen des Kampfes und des politischen Engagements, die wir ins Auge fassen m\u00fcssen als Teil des Wiederaufbaus der sozialistischen Bewegung in diesem Land.<\/p>\n<p>Seit der Sanders-Kampagne ist Eugene Debs jetzt der zweitbekannteste sozialistische Pr\u00e4sidentschaftskandidat. An der Schwelle zum 20.Jahrhundert kandidierte Debs f\u00fcnfmal f\u00fcr die Sozialistische Partei. Er gewann Millionen Stimmen als Vertreter einer bl\u00fchenden sozialistischen Bewegung. Aber dies war auch eine Zeit, in der unter Sozialismus etwas verstanden wurde, bei dem es um mehr ging als um Wahlen.<\/p>\n<p>Debs war ber\u00fchmt daf\u00fcr, dass er in der politischen Debatte auf einer Seite mit den Revolution\u00e4ren stand, die die Beteiligung an Wahlpolitik ablehnten \u2013 bspw. den Anarchisten und Sozialisten, die die Industrial Workers of the World (IWW) bildeten. Debs\u2019 eigenes politisches Leben gr\u00fcndete auf den Arbeitsk\u00e4mpfen aus der Zeit, als er Sozialist wurde [und die erste Industriegewerkschaft der USA gr\u00fcndete]. Es zeigt, dass Wahlen nur ein Aspekt \u2013 und nicht einmal der wichtigste \u2013 einer sozialistischen Bewegung sind.<\/p>\n<p>Jetzt, zu Beginn des 21.Jahrhunderts, haben wir offensichtlich nichts von der Art der sozialistischen Bewegung, die zu Debs\u2019 Zeiten existierte. Dennoch es wichtig anzuerkennen, dass Sanders, einschlie\u00dflich der Art und Weise, wie er den Sozialismus wieder in die Alltagsdebatten eingef\u00fchrt hat, das Gesicht einer sich vollziehenden Radikalisierung ist. Sanders hat die Aufmerksamkeit auf soziale und politische Fragen gerichtet, bei denen wir eine Alternative zum Status quo haben \u2013 bspw. die Krankenversicherung und die Korruption des Washingtoner Systems. Aber es ist auch wichtig, dar\u00fcber zu sprechen, was uns die anderen Gesichter der Radikalisierung \u00fcber den Sozialismus erz\u00e4hlen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ich lebe in Chicago, und ich w\u00fcnsche jedem, dass er die elektrisierende Wirkung des Lehrerstreiks von 2012 h\u00e4tte erfahren k\u00f6nnen. Das war eine knallharte Auseinandersetzung einer Gewerkschaft gegen eine der m\u00e4chtigsten politischen Figuren im Land, Rahm Emanuel, der f\u00fcr Austerit\u00e4t und Neoliberalismus steht. Am besten erinnere ich mich daran, wie die Chicagoer Arbeiterklasse dadurch wieder zu Leben erweckt wurde. Jeder, der morgens zur Arbeit ging, stie\u00df auf einen Streikposten vor Schulen in allen Teilen der Stadt. Und am Nachmittag waren die Stra\u00dfen der Innenstadt von Demonstrationen von Lehrern, Eltern und Sch\u00fclern sowie Anwohnern verstopft.<\/p>\n<p>\u00dcberall, wo man hinging und mit wem man auch sprach, gab es Diskussionen, die es zuvor so nicht gab: \u00fcber die Ziele der Lehrer, was die Gemeinde ben\u00f6tigt, wie Emanuel und die Stadtverwaltung die Schulen und alles andere herunterwirtschafteten. Das Gef\u00fchl von Solidarit\u00e4t und Selbstvertrauen war unglaublich. Das waren nur neun Tage in einer Stadt, aber es gab einem ein anderes Gef\u00fchl von dem, worum es beim Sozialismus geht: Massenmobilisierung und Massenaktionen.<\/p>\n<p><strong>Bhaskar Sunkara<\/strong>: Solche kleinen Brutst\u00e4tten von der Macht der kollektiven Aktion, wenn nicht gar von dem, wie der Sozialismus aussieht, lassen sich immer wieder finden. Die Erinnerung an solche Momente \u2013 Streiks und andere au\u00dferparlamentarische Aktivit\u00e4ten \u2013 ist dauerhafter und nachhaltiger als eine Pr\u00e4sidentschaftskampagne.<\/p>\n<p>Um die Gesellschaft zu \u00e4ndern, braucht es nicht nur den Kampf der Ideen und das \u00dcberzeugen von Menschen, wir m\u00fcssen auch herausfinden, wie Menschen zu organisieren sind, um schlagkr\u00e4ftig zu sein \u2013 sei es durch einen Streik oder indem die allt\u00e4gliche Routine von politischen Parteien wie der Demokratischen Partei durchkreuzt wird, oder indem die regul\u00e4ren Praxis der Gewerkschaftsbewegung durch die Entfachung von Basisaktivit\u00e4ten ersch\u00fcttert wird.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber l\u00e4sst sich eine Menge sagen. Nur weil ich momentan den Fokus auf die Sanders-Kampagne lege, hei\u00dft das nicht, dass ich denke, das sei der einzige Schauplatz des Kampfes.<\/p>\n<p>Ich halte die Sanders-Kampagne wirklich f\u00fcr eine gewaltige Gelegenheit \u2013 die nicht ewig dauern wird \u2013, um ein ganz neues Segment der Bev\u00f6lkerung zu erreichen. Die Probleme, mit denen die Menschen t\u00e4glich konfrontiert sind und die sie gew\u00f6hnlich als ihre eigenen, individuellen Probleme, als pers\u00f6nliche M\u00e4ngel begreifen \u2013 als w\u00e4re es ihr Fehler, dass sie erwerbslos oder anderem Unbill ausgesetzt sind \u2013, werden von Sanders zu gesellschaftlichen Problemen erkl\u00e4rt, und die L\u00f6sung, die er vorschl\u00e4gt, ist die kollektive Aktion.<\/p>\n<p>Deshalb glaube ich, dass Sanders nicht blo\u00df ein Sozialdemokrat ist; er ist wom\u00f6glich, was ich einen \u00abklassenk\u00e4mpferischen Sozialdemokraten\u00bb nennen m\u00f6chte. Er sagt, dass es eine Gruppe von Leuten gibt, die vom Status quo profitieren, und dass wir es mit ihnen aufnehmen m\u00fcssen, wenn wir kollektive L\u00f6sungen erreichen wollen.<\/p>\n<p>Dieser Antagonismus ist der vielversprechendste Teil der Sanders-Kampagne, denn er verweist auf einen Grad an Klassenbewusstsein und Klassenorganisation, der bei keiner Wahl in der j\u00fcngeren US-Geschichte zum Ausdruck gekommen ist. Er hat \u00c4hnlichkeit mit dem Geist, der Streiks und andere au\u00dferparlamentarische Aktionen animiert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Alan Maass<\/strong>: [\u2026] Vergleichen wir das mit den Erfahrungen aus anderen Mobilisierungen. Etwa mit der Bewegung Black Lives Matter. Die Proteste gegen die rassistische Polizeigewalt hatten gro\u00dfe Auswirkungen auf politische Haltungen, sie haben einer neuer Generation antirassistischer Aktivisten Energie verliehen, sie haben sogar die Herrschaft einiger politisch m\u00e4chtiger Personen wie Rahm Emanuel hier in Chicago ersch\u00fcttert. Aber der Backlash gegen den Kampf und die hartn\u00e4ckige Opposition des Staates gegen alles, was \u00fcber oberfl\u00e4chliche \u00c4nderungen des Justizsystems hinausgeht, zwingen diese Generation, sich den gr\u00f6\u00dferen Herausforderungen zu stellen, mit denen alle politischen Bewegungen, auch in der Vergangenheit, konfrontiert waren.<\/p>\n<p>Es gibt aus diesen politischen Erfahrungen eine Menge zu lernen, Erfahrungen, die die Linke den Leuten weitergeben sollte, die gerade anfangen \u00fcber Fragen des Sozialismus nachzudenken. Wir haben jetzt auch die Gelegenheit, die Grundgedanken des Sozialismus wieder unters Volk zu bringen. Ich wei\u00df z.B., dass Jacobin an einem kleinen Buch \u00fcber das ABC des Sozialismus arbeitet.<\/p>\n<p><strong>Bhaskar Sunkara<\/strong>: Es ist jetzt tats\u00e4chlich ein l\u00e4ngeres Buch geworden. Wir sind dabei, es in den n\u00e4chsten Wochen abzuschlie\u00dfen, sodass es bald erscheinen wird.<\/p>\n<p>Nun, was ist jetzt f\u00fcr uns wichtig? F\u00fcr Leute wie ich, die zur sozialistischen Linken geh\u00f6ren, aber Sanders unterst\u00fctzen, liegt der Schl\u00fcssel darin, einen Mittelweg zu gehen, indem wir Sanders ernsthaft unterst\u00fctzen und uns mit seinen Anh\u00e4ngern auseinandersetzen, gleichzeitig jedoch unsere Identit\u00e4t als Sozialisten nicht in der Sanders-Kampagne unterordnen und unsere Vorstellungen von unabh\u00e4ngiger politischer Aktion nicht aufgeben.<\/p>\n<p>Die Zeit f\u00fcr eine breite Aufnahme der Idee, dass politische Aktion unabh\u00e4ngig von den beiden Hauptparteien die erste und unmittelbare Priorit\u00e4t haben sollte, ist noch nicht gekommen. Noch liegt die Priorit\u00e4t f\u00fcr die an der Sanders-Kampagne Beteiligten auf dem Sieg \u00fcber Hillary Clinton. Doch in Zukunft wird es entlang dieser Frage wirkliche \u00d6ffnungen geben. [\u2026]<\/p>\n<p><em>* Deutsch auf <\/em><a href=\"http:\/\/www.anu.edu.au\/polsci\/marx\/intros\/2seelen.htm\"><em>www.anu.edu.au\/polsci\/marx\/intros\/2seelen.htm<\/em><\/a><em>.<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><em><a href=\"http:\/\/www.sozonline.de\/2016\/04\/ein-gespraech-ueber-das-comeback-des-sozialismus-in-den-usa\/\">www.sozonline.de\/&#8230;.<\/a><\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gespr\u00e4ch zwischen Alan Maass und Bashar Sunkara. 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