{"id":10894,"date":"2022-03-03T12:50:14","date_gmt":"2022-03-03T10:50:14","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10894"},"modified":"2022-03-03T12:50:15","modified_gmt":"2022-03-03T10:50:15","slug":"gegen-den-nationalen-rausch-kein-frieden-mit-dem-krieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10894","title":{"rendered":"Gegen den nationalen Rausch: Kein Frieden mit dem Krieg"},"content":{"rendered":"<p><em>Peter Schaber. <\/em>Es ist Krieg in Europa. Zwar nicht, wie man derzeit viel h\u00f6rt, der erste seit 1945, denn der war in Jugoslawien. Aber zumindest der erste, bei dem Deutschland nicht auf Seite der angreifenden Armee mitspielt. Dementsprechend aufgew\u00fchlt ist die \u00f6ffentliche Stimmung und dementsprechend ungern gesehen sind Misst\u00f6ne, die das Narrativ<!--more--> der deutschen Nation st\u00f6ren. \u201eWir\u201c sind endlich auf der richtigen Seite und das soll uns jetzt auch kein Nestbeschmutzer madig machen.<\/p>\n<p><strong>Was also sagen Linke zum Krieg?<\/strong><\/p>\n<p>\u201eDie gr\u00f6\u00dften Verlierer des Krieges sind die Arbeiter, die Armen, die Frauen und die Jugend\u201c, hei\u00dft es in einer\u00a0<a href=\"https:\/\/hdp.org.tr\/tr\/savasa-karsi-baris-hemen-simdi-ve-her-yerde\/16178\/\">Stellungnahme mehrerer sozialistischer Parteien aus der T\u00fcrkei und Nordkurdistan<\/a>. Die V\u00f6lker m\u00fcssen sich nicht zwischen der NATO auf der einen und Russland auf der anderen Seite entscheiden. Vielmehr stehe man auf der Seite der Menschen \u00fcberall auf der Welt, die sich gegen den Krieg wehren. \u201eAlle Nationalit\u00e4ten, Arbeiter und Werkt\u00e4tigen unseres Landes m\u00fcssen sich gegen Krieg, Militarismus und Chauvinismus vereinen.\u201c<\/p>\n<p>In eine \u00e4hnliche Kerbe schl\u00e4gt die Stellungnahme\u00a0<a href=\"https:\/\/www.redglobe.de\/2022\/02\/zk-der-kke-zur-russischen-invasion-in-die-ukraine\/\">der Kommunistischen Partei Griechenlands<\/a>: \u201eDie Antwort aus der Sicht der Interessen unseres Volkes liegt nicht darin, sich dem einen oder anderen imperialistischen Pol anzuschlie\u00dfen. Das Dilemma ist nicht USA \u2013 Russland oder NATO \u2013 Russland. Der Kampf der Arbeiterklasse und des Volkes muss sich einen eigenst\u00e4ndigen Weg bahnen, fern von allen b\u00fcrgerlichen und imperialistischen Pl\u00e4nen.\u201c<\/p>\n<p>Diese Position \u2013 so oder so \u00e4hnlich formuliert von sehr vielen anarchistischen, sozialistischen und kommunistischen Gruppen weltweit \u2013 klingt auf den ersten Blick nachvollziehbar, vern\u00fcnftig und massentauglich. Wer will schon sein Leben f\u00fcr die jeweilige herrschende Klasse in die Wagschale werfen? Wer, der noch halbwegs bei Verstand ist, w\u00fcrde f\u00fcr die russischen, deutschen, US-amerikanischen oder ukrainischen Eliten andere einfache Leute anderer Nationalit\u00e4ten umbringen und sich im Vollzug dieses Verbrechens t\u00f6ten lassen?<\/p>\n<p>Nun braucht aber jeder Krieg das schlachtwillige Fu\u00dfvolk und die richtige ideologische Vorbereitung der Bev\u00f6lkerung, an deren Widerwillen er sonst scheitern k\u00f6nnte. \u201eDer Krieg ist ein methodisches, organisiertes, riesenhaftes Morden. Zum systematischen Morden muss aber bei normal veranlagten Menschen erst der entsprechende Rausch erzeugt werden. Dies ist seit jeher die wohlbegr\u00fcndete Methode der Kriegf\u00fchrenden\u201c, schrieb Rosa Luxemburg. Jede Nation muss ihren Anh\u00e4ngern mitteilen, warum sie f\u00fcr sie im Zweifelsfall sterben sollen. Und so muss die einfache, vern\u00fcnftige Position diffamiert werden als Verrat am Vaterland, an der Freiheit oder am Menschenleben. Und es muss ein Mythos hegemonial gemacht werden, der die Untertanen zu Heldentaten anspornt.<\/p>\n<p><strong>Der heilige Verteidigungskrieg<\/strong><\/p>\n<p>Eines der zentralen Elemente dieser Erz\u00e4hlung ist, dass von jeher der Gegner derjenige ist, der angreift. Die Barbarei des Krieges ist so augenf\u00e4llig, dass sogar die reaktion\u00e4rsten Regime ihn als letztes Mittel zur Verteidigung verkl\u00e4ren m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Als Deutschland in den ersten Weltkrieg zog, betonte Wilhelm der II., es sei Verdienst seiner Regierung gewesen, so lange den Frieden gewahrt zu haben. \u201eFast ein halbes Jahrhundert lang konnten wir auf dem Weg des Friedens verharren. Versuche, Deutschland kriegerische Neigungen anzudichten und seine Stellung in der Welt einzuengen, haben unseres Volkes Geduld oft auf harte Proben gestellt\u201c, er\u00f6ffnete er die ber\u00fchmte\u00a0<a href=\"https:\/\/www.1000dokumente.de\/index.html?c=dokument_de&amp;dokument=0081_kwi&amp;object=translation&amp;l=de\">Thronrede vom 4. August 1914<\/a>. Man habe bis zu letzt das \u201e\u00c4u\u00dferste\u201c abwenden wollen, aber nun: \u201eIn aufgedrungener Notwehr mit reinem Gewissen und reiner Hand ergreifen wir das Schwert.\u201c<\/p>\n<p>Hitler hielt unmittelbar nach der Macht\u00fcbergabe an die deutschen Faschisten eine viel beachtete Friedensrede und wenige Jahre sp\u00e4ter wurde \u201ezur\u00fcckgeschossen\u201c.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=9Tf2xGb5Nsg\">Lyndon B. Johnson<\/a>\u00a0erkl\u00e4rte zum Vietnamkrieg, dass die USA dort Krieg gegen eine \u201ekraftvolle Aggression\u201c des \u201ekommunistischen Expansionismus\u201c f\u00fchrten. Und Harry S. Truman f\u00fchrte die amerikanischen Truppen in den Koreakrieg, um die \u201eAggression\u201c der Kommunisten einzud\u00e4mmen und \u201eden internationalen Frieden und die Sicherheit\u201c zu bewahren.<\/p>\n<p>Auch Putin muss seiner eigenen Bev\u00f6lkerung den Einmarsch in der Ukraine als defensiven Akt verkaufen. In ausschweifenden Reden erkl\u00e4rt er den pr\u00e4ventiven Charakter seines Einmarsches in der Ukraine. Das zentrale Motiv seiner Rechtfertigungen sind \u201ediese fundamentalen Bedrohungen, die Jahr f\u00fcr Jahr, Schritt f\u00fcr Schritt grob und ungeniert von unverantwortlichen Politikern im Westen gegen unser Land gerichtet werden. Ich meine damit die Ausdehnung des Nato-Blocks nach Osten, die Ann\u00e4herung seiner milit\u00e4rischen Infrastruktur an die Grenze Russlands\u201c,\u00a0<a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2022-02\/wladimir-putin-rede-militaereinsatz-ukraine-wortlaut\">so der russische Autokrat in seiner Kriegserkl\u00e4rung vom 24. Februar<\/a>.<\/p>\n<p>Putins Medien und seine Think-Tanks ergie\u00dfen dieses Narrativ in die russische \u00d6ffentlichkeit, so wie die unserer Herren das ihre in unsere. Es sind keine schr\u00e4gen AfD-Komiker, die in Russland diese Erz\u00e4hlung vorantreiben, es ist der dortige Mainstream. Die \u201ekonstruktive Destruktion\u201c sei die neue au\u00dfenpolitische Doktrin Putins, schreibt ein mit vielen Titeln behangener Professor auf\u00a0<em>RT. D<\/em>iese aber sei \u201enicht aggressiv\u201c. Russland \u201ewird niemanden angreifen oder in die Luft jagen\u201c, doziert er an dem Tag, an dem Russland angreift und in die Luft jagt. Denn: \u201eMit einer gro\u00dfen Ausnahme. Die Expansion der NATO und der formale oder informelle Einschluss der Ukraine [in das System der NATO] stellt ein Risiko f\u00fcr die Sicherheit des Landes dar, das Moskau einfach nicht akzeptieren kann.\u201c<\/p>\n<p>Nun ist es keine allzu schwere kognitive Leistung aus der historischen Distanz die Propaganda Kaiser Wilhelms oder aus der geographischen Distanz die Wladimir Putins zu entlarven. Aber wie steht es mit der aktuellen \u201eeigenen\u201c?<\/p>\n<p><strong><em>Kriegsvorbereitung\u00a0als Friedenssicherung<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Die Stimmung in Teilen der deutschen Bev\u00f6lkerung ist seit dem Einmarsch Russlands gekippt. Noch unmittelbar vor Putins Invasion sprach sich eine Mehrheit in Umfragen gegen Waffenlieferungen in die Ukraine aus \u2013 jetzt ist man daf\u00fcr. Auch das gigantische 100-Milliarden-Paket f\u00fcr die Aufr\u00fcstung der Bundeswehr scheint, glaubt man den Umfragen, auf Zustimmung zu sto\u00dfen.<\/p>\n<p>Die Ideologie hinter diesem Gesinnungswandel kommt aus den Schreibstuben der Bundesregierung und wird durch die stets heimattreuen Medien in unterschiedliche Nuancen verpackt in die letzten Winkel der Republik gedr\u00fcckt. Man kann sich die Dosis westliche Selbstvergewisserung ungefiltert als Trommelwirbel bei Springer oder mit eher antipatriarchalen Nuancen bei der taz abholen, am Ende bleibt die selbe Story \u00fcbrig.<\/p>\n<p>Das zugrunde liegende Geschichtsbild gibt Olaf Scholz vor: \u201eEs gibt kein Zur\u00fcck in die Zeit des 19. Jahrhunderts, als Gro\u00dfm\u00e4chte \u00fcber die K\u00f6pfe kleinerer Staaten hinweg entschieden. Es gibt kein Zur\u00fcck in die Zeit des Kalten Krieges, als Superm\u00e4chte die Welt unter sich aufteilten in Einflusszonen\u201c, erkl\u00e4rte der Bundeskanzler zu Beginn des Krieges dem nach Orientierung d\u00fcrstenden Publikum. Der Westen hat Werte \u2013 Solidarit\u00e4t, Demokratie, Freiheit -, der Feind will Einflusssph\u00e4ren.<\/p>\n<p>Diese Geschichtsphilosophie besagt: Es gibt eine internationale Friedens- und Rechtsordnung, die durch den Westen garantiert wird und die auf Gleichheit, Unabh\u00e4ngigkeit, Souver\u00e4nit\u00e4t fu\u00dft. Der russische Feind ist angetreten, um uns alle, die wir gl\u00fccklich in diesem Schlaraffenland leben, zu drangsalieren und da wir keine andere Wahl haben, m\u00fcssen nun auch wir reinen Gewissens zu den Waffen greifen, um uns zu verteidigen. Wobei wir zun\u00e4chst einmal, denn der Feind hat Atomwaffen, nur zu den Waffen greifen, um sie an die wahren Verteidiger Europas zu verschicken, die Ukrainer. Was sp\u00e4ter kommt, wird die Zeit zeigen.<\/p>\n<p>\u201eAbschreckung\u201c ist das Gebot der Stunde. Und \u201eAbschreckung\u201c bedeutet Aufr\u00fcstung. Wer diese nicht will, ist entweder Egoist oder gleich Vaterlandsverr\u00e4ter \u2013 vulgo: Putin-Troll. Die Vorbereitung auf die Verteidigung des Vaterlandes muss alle Bereiche der Gesellschaft einbeziehen. Die eben noch als unmittelbar zu vollziehende \u201eEnergiewende\u201c weicht der Notwendigkeit\u00a0<a href=\"https:\/\/www.rnd.de\/wirtschaft\/gasbranche-warnt-zwei-lng-terminals-reichen-nicht-um-putins-gas-zu-ersetzen-7AIFO6IZ5NF5LD7YNBL3RPMCBA.html\">Anlande-Terminals f\u00fcr US-amerikanischen Fracking-Gas<\/a>\u00a0zu bauen, denn ohne das Freedom-Gas aus den USA h\u00e4tte uns der Russe im Kriegsfall im W\u00fcrgegriff. Die R\u00fcckwirkungen der Sanktionen auf die von Inflation und Lohnstagnation gebeutelte Durchschnittsbev\u00f6lkerung muss euphorisch als \u201e<a href=\"https:\/\/www.liberale.de\/content\/der-preis-der-freiheit\">Preis der Freiheit<\/a>\u201c in Kauf genommen werden. Noch die letzten\u00a0<a href=\"https:\/\/www.n-tv.de\/leute\/Staatsoper-trennt-sich-von-Anna-Netrebko-article23165318.html\">Putin-Versteher<\/a>\u00a0m\u00fcssen aus dem Kunst-, Kultur- und Medienbetrieb entfernt werden. Superm\u00e4rkte\u00a0<a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/wirtschaft\/unternehmen\/supermaerkte-russland-produkte-krieg-101.html\">listen russische Produkte aus<\/a>, Restaurants\u00a0<a href=\"https:\/\/twitter.com\/Laura638272331\/status\/1498197627967582210\/photo\/1\">erkl\u00e4ren, keine Russen mehr beherbergen zu wollen<\/a>.<\/p>\n<p>Wer sich dagegen sperrt, wird aus der nationalen Gemeinschaft ausgesto\u00dfen. Denn schlie\u00dflich dient all das der Friedenssicherung und wer gegen Friedenssicherung ist, ist logischer Weise f\u00fcr Krieg und in diesem Fall sogar f\u00fcr einen Krieg, der vom geopolitischen Feind angezettelt wurde. Aber ist dem so?<\/p>\n<p><strong>Imperialistische Konkurrenz<\/strong><\/p>\n<p>Nicht, wenn man die zwar mit viel Begeisterung vorgetragene, aber keiner auch nur oberfl\u00e4chlichen Betrachtung standhaltende Selbstverkl\u00e4rung des Westens in Frage stellt. Die Welt ist in keinem post-imperialistischen Zustand internationaler Freundschaft, der allein von Schurkenstaaten in Frage gestellt w\u00fcrde. Sie ist immer noch bestimmt durch Konflikte kapitalistischer Nationen, die bisweilen mit den Mitteln der \u00d6konomie und des Handels, bisweilen durch Vertr\u00e4ge und Diplomatie, bisweilen durch Entwicklungshilfe und gelegentlich, aber immer h\u00e4ufiger eben milit\u00e4risch ausgetragen wird.<\/p>\n<p>Die USA, zusammen mit denjenigen, die in ihrer F\u00fchrung die sicherste Art der Aufrechterhaltung des eigenen Gesch\u00e4ftsmodells sehen, sind dabei bem\u00fcht ihre ererbte Vormachtstellung auf dem globalen Parkett zu erhalten. Andere, allen voran China und Russland, sehen in der seit langem schwelenden Schw\u00e4chung des US-Imperialismus die Gelegenheit zur eigenen Erweiterung der Einflusszonen. Im Zuge dieses Ringens hat der \u201eWesten\u201c in den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche \u201esouver\u00e4ne Nationen\u201c \u00fcberfallen, Coups unterst\u00fctzt, Wirtschaftssanktionen gegen sie eingesetzt, um sie gef\u00fcgig zu machen. Alleine im Fall des Irak mit \u00fcber einer Million Toten. In Afghanistan waren es \u00fcber die Jahre ein paar hunderttausend, im Jemen \u00fcber eine Viertel Million.<\/p>\n<p>Und der russische \u2013 eher \u201elokal\u201c handlungsf\u00e4hige \u2013 Gegenspieler versuchte sich an der Niederschlagung ihm gef\u00e4hrlicher \u201eDemokratiebewegungen\u201c in der direkten Umgebung \u2013 zuletzt in\u00a0<a href=\"https:\/\/lowerclassmag.com\/2022\/01\/15\/kasachstan-vom-sanften-machttransfer-zu-aufstand-und-intervention\/\">Kasachstan<\/a>\u00a0\u2013 oder an der Erhaltung des ihm treu ergebenen Assad-Regimes in Syrien. Gerade in Syrien versuchte sich Russland zugleich an einer anderen Strategie, die mit dem jetzigen Krieg ihr vorl\u00e4ufiges Ende gefunden hat: Der Einbindung der die S\u00fcd-Flanke der NATO bildenden T\u00fcrkei in die eigene imperiale Machtpolitik.<\/p>\n<p>F\u00fcr Erdogan wie f\u00fcr Putin galt \u2013 und das wurde in Syrien durchexerziert -, dass die Hegemonialmacht USA \u201eFreir\u00e4ume\u201c gelassen hatte f\u00fcr eigenst\u00e4ndige Ambitionen. Die Player mit eher regionaler Strahlkraft versuchten, diese auszusch\u00f6pfen. Nicht nur in Syrien, auch an anderen Konfliktherden \u2013 Libyen, Armenienkrieg \u2013 wurde die eigenst\u00e4ndige Gestaltungsmacht der Gegenspieler des US-Imperialismus graduell gr\u00f6\u00dfer.<\/p>\n<p>Anders allerdings in Osteuropa. Dort blieb der russische Versuch, sich beanspruchte Gebiete zumindest als Vasallenstaaten zu erhalten, in der Defensive. Die NATO-Osterweiterung ist selbstverst\u00e4ndlich gegen Russland (und in the long run China) gerichtet, wer das jetzt aus irgendeiner Halluzination heraus bestreitet, muss nur die eigenen Strategiepapiere der NATO lesen. Wozu sonst sollte sie \u00fcberhaupt existieren?<\/p>\n<p>Die Ukraine hatte dabei von jeher eine besondere Bedeutung und das Ringen um ihre Ost- bzw. Westbindung begleitet sie seit dem Ersten Weltkrieg. Die Vorgeschichte des nun begonnenen Angriffskriegs liegt in der\u00a0<a href=\"https:\/\/lowerclassmag.com\/2014\/02\/27\/aufbruch-in-den-abgrund\/\">Maidan-Revolution<\/a>, in deren Zuge die von Moskau abh\u00e4ngige korrupte Figur Janukowitsch durch eine Reihe von ihr Heil im Westen suchenden Machthabern abgel\u00f6st wurde.<\/p>\n<p>Putin machte rasch klar, wie die Reaktion Russlands aussehen w\u00fcrde: Unterst\u00fctzung des bewaffneten Aufstands im Osten der Ukraine, Annexion der Krim. Der Westen machte rasch klar, wie seine Antwort aussehen w\u00fcrde: Verst\u00e4rkung der Westbindung, Beitrittsperspektive zu EU und NATO, Waffenlieferungen, Ausbildungsmissionen, Wirtschaftskooperationen, Handelsvertr\u00e4ge, gemeinsame Milit\u00e4r\u00fcbungen. Beide Bl\u00f6cke zerrten an der Ukraine \u2013 das als \u201eSelbstbestimmung\u201c zu verkl\u00e4ren, egal von welcher Seite, verkennt alle machtpolitischen Dynamiken. Dann kam der russische Angriffskrieg.<\/p>\n<p>Die meisten Beobachter h\u00e4tten die Anerkennung der \u201eVolksrepubliken\u201c noch als strategisch motivierten Schritt vorhergesagt, aber den jetzigen vollst\u00e4ndigen Einmarsch in die Ukraine wohl, wie\u00a0<a href=\"https:\/\/player.fm\/series\/jacobin-radio-1354006\/dig-russia-invades-w-tony-wood\">Left-Review-Redakteur Tony Woods<\/a>\u00a0in einem Interview attestiert, nicht. \u201eDie russische Entscheidung zum Einmarsch hat mich \u00fcberrascht und eine Menge an Russland-Analysten versuchen derzeit irgendwie, ihre Ansichten des Putin-Regimes zu reinterpretieren. Ich hatte in den vergangenen zwanzig Jahren viel Kritik an dem Putin-Regime, aber ich dachte nicht, dass es auf fundamentale Art und Weise irrational sei. Kriminell, ja. Aggressiv, ja. Alle Arten anderer Dinge, auf jeden Fall. Aber fundamental irrational, nein. Doch diese Invasion erscheint mir auf fundamentale Art und Weise irrational.\u201c<\/p>\n<p>Man kann daran einiges richtiges finden. Denn nicht aus einer externen Draufsicht, sondern selbst aus der Sicht der in Russland herrschenden Klasse d\u00fcrfte dieser Einmarsch kaum die gew\u00fcnschten Resultate zeitigen. Abgesehen von den Sch\u00e4den an der russischen \u00d6konomie, hat er zu einem immensen Schulterschluss innerhalb der NATO gef\u00fchrt. Weit davon entfernt, irgendeine Perspektive auf die Installation eines nachhaltig bestehenden Vasallenregimes in der Ukraine zu haben, st\u00e4rkt er zudem die Westbindung weiterer Nationen, etwa Finnlands. Eine Exitstrategie gibt es nicht.<\/p>\n<p>Zu erwarten ist vielmehr, dass andere, \u201eabgek\u00fchlte\u201c Konfliktherde neue Fahrt aufnehmen. In Syrien wird die zumindest die T\u00fcrkei versuchen, das fragile Gleichgewicht zu revidieren und sich erhoffen k\u00f6nnen, von den USA f\u00fcr ihre B\u00fcndnistreue mit neuen Zugest\u00e4ndnissen gegen\u00fcber den Kurden bedacht zu werden. Andere Konflikte im Osten warten auf Belebung: Georgien, Armenien\/Aserbaidschan, Taiwan.<\/p>\n<p>Was wir zu erwarten haben, ist eine Zeit der Militarisierung der zwischenimperialistischen Konflikte \u2013 und damit eine Intensivierung jener Propaganda, die es braucht, um die Bev\u00f6lkerung auf Linie zu bringen. Das w\u00e4re in Zeiten einer massenf\u00e4higen Arbeiterbewegung schwieriger gewesen, heute ist es eine Leichtigkeit. Aber was k\u00f6nnen wir unter solchen Voraussetzungen als Linke noch tun?<\/p>\n<p><strong>Eine Bewegung gegen den Krieg aufbauen<\/strong><\/p>\n<p>Es mag nach nichts klingen, aber die erste Aufgabe ist, sich von der Propaganda nicht irre machen zu lassen. Man steht mit einer konsequent antiimperialistischen Position zwischen dem \u2013 zwar marginalisierten, aber in der Linken noch vorhandenen \u2013 Block von Anh\u00e4ngern der russischen Invasion und dem mit gro\u00dfer \u00dcbermacht in die Debatte dr\u00fcckenden Block von pro-westlichen Imperialismusfans.<\/p>\n<p>Die linke, antimilitaristische (nicht zu verwechseln mit einer pazifistischen) Position ist marginalisiert, aber sie bleibt nichtsdestoweniger die einzige, die Bestand haben kann: No war but class war. Dieser Krieg, genauso wie irgendeinanderer der imperialistischen M\u00e4chte, ist nicht unser Krieg, es ist kein Krieg f\u00fcr Befreiung und Sozialismus, sondern einer, in den Menschen f\u00fcr die jeweiligen Interessen kapitalistischer Nationen geschickt werden, um andere zu t\u00f6ten, die von der gegnerischen Nation geschickt werden.<\/p>\n<p>Es sind die einfachen Forderungen, die wir in den Mittelpunkt der \u00d6ffentlichkeitsarbeit stellen m\u00fcssen: Das nationale \u201eWir\u201c ist nicht unser \u201eWir\u201c, sondern das der Herrschenden. \u201eWir\u201c haben kein Interesse an Krieg und wir haben an ihm nichts zu gewinnen, so wenig wie das russische oder ukrainische Proletariat. Keine Aufr\u00fcstung, keine Zustimmung zu den Ma\u00dfnahmen der Kriegsvorbereitung \u2013 auch wenn sie noch so \u201edefensiv\u201c daherkommen. Kein Einstimmen in die Kriegsges\u00e4nge, den Nationalismus und die Glorifizierung des \u201eheiligen Verteidigungskriegs\u201c. Zusammenschluss aller gegen den Krieg gerichteten progressiven Kr\u00e4fte.<\/p>\n<p>Die Losung, die eine Linke popularisieren muss, ist die der Revolution. Es gibt keine \u201eFriedensordnung\u201c im Kapitalismus, die mehr w\u00e4re als ein tempor\u00e4res Kr\u00e4ftegleichgewicht, das im Krieg untergeht, sobald einer der konkurrierenden M\u00e4chte die Zeit g\u00fcnstig erscheint.<\/p>\n<p>Diese Losung steht zwar jederzeit in der Gefahr, von den \u201ePragmatikern\u201c des \u201ekleineren \u00dcbels\u201c als Utopismus verlacht zu werden, die Wahrheit ist aber, dass wir in allen Belangen sehen, dass diese \u201ePragmatiker\u201c nicht in der Lage sind, irgendeine der Krisen zu bew\u00e4ltigen, vor denen die Menschheit steht: Nicht die der Zerst\u00f6rung aller nat\u00fcrlichen Lebensgrundlagen und nicht die der drohenden Gefahr eines \u00fcberregionalen Krieges mit im schlimmsten Fall Atomwaffen. Dass das so ist, ist nicht die Schuld der als \u201eUtopisten\u201c verschrieenen Revolution\u00e4r:innen, sondern gerade der \u201ePragmatiker\u201c, die stets ein System fortf\u00fchren, das Ausbeutung, Unterdr\u00fcckung und Krieg braucht.<\/p>\n<p>Nicht, wer den Umsturz der Verh\u00e4ltnisse organisieren will, verabschiedet sich von der realistischen L\u00f6sung der Probleme. Sondern wer in den Trippelschritten des Pragmatismus Mal um Mal mit den Elendsverwaltern des Kapitalismus im Gleichschritt der Alternativlosigkeit in den Abgrund mitl\u00e4uft.<\/p>\n<p>In dieser Situation k\u00f6nnen wir als Sozialist:innen und Kommunist:innen nichts anderes tun, als uns in die Tradition stellen, in der wir eben stehen. Als 1914 das deutsche Reich in den heiligen Verteilungsweltkrieg zog, jubelten die Sozialdemokraten mit, das ganze deutsche Volk war in einer hysterischen Kriegsbegeisterung. Jeder Schuss ein Russ, jeder Sto\u00df ein Franzos. Die Losung \u201eProletarier aller L\u00e4nder vereinigt euch\u201c wurde, so schrieb Rosa Luxemburg, zur Losung: \u201eProletarier aller L\u00e4nder, vereinigt euch im Frieden, und schneidet euch die Gurgeln ab im Kriege.\u201c<\/p>\n<p>Es waren international zun\u00e4chst sehr wenige Sozialist:innen, die der antimilitaristischen \u00dcberzeugung der Arbeiterbewegung treu blieben. Sie hatten Kerker und \u00c4chtung zu bef\u00fcrchten, doch sie blieben ihren \u00dcberzeugungen treu. In der Zimmerwalder Konferenz taten sie sich \u00fcber alle nationalen Grenzen hinweg zusammen und sagten ihren V\u00f6lkern: \u201eDie Kapitalisten aller L\u00e4nder, die aus dem vergossenen Blut des Volkes das rote Gold der Kriegsprofite m\u00fcnzen, behaupten, der Krieg diene der Verteidigung des Vaterlandes, der Demokratie, der Befreiung unterdr\u00fcckter V\u00f6lker. Sie l\u00fcgen. In Tat und Wahrheit begraben sie auf den St\u00e4tten der Verw\u00fcstung die Freiheit des eigenen Volkes mitsamt der Unabh\u00e4ngigkeit anderer Nationen.\u201c<\/p>\n<p>Und sie schlossen das Manifest mit dem Aufruf: \u201eArbeiter und Arbeiterinnen! M\u00fctter und V\u00e4ter! Witwen und Waisen! Verwundete und Verkr\u00fcppelte! Euch allen, die ihr vom Kriege und durch den Krieg leidet, rufen wir zu: \u00dcber die Grenzen, \u00fcber die dampfenden Schlachtfelder, \u00fcber die zerst\u00f6rten St\u00e4dte und D\u00f6rfer hinweg, Proletarier aller L\u00e4nder vereinigt euch!\u201c<\/p>\n<p>Es dauerte Jahre, bis dieser Schlachtruf erh\u00f6rt wurde und es brauchte die mit Leichen gef\u00fcllten Gr\u00e4berfelder Verduns, um den Hurrapatriotismus aus jenen Hirnen zu sp\u00fclen, durch die noch keine Kugel geflogen war. Tun wir alles, dass es dieses Mal ohne diesen Erkenntnisprozess geht.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/lowerclassmag.com\/2022\/03\/02\/gegen-den-nationalen-rausch-kein-frieden-mit-dem-krieg\/\"><em>lowerclassmag.com&#8230;<\/em><\/a><em> vom 3. M\u00e4rz 2022<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Peter Schaber. Es ist Krieg in Europa. Zwar nicht, wie man derzeit viel h\u00f6rt, der erste seit 1945, denn der war in Jugoslawien. Aber zumindest der erste, bei dem Deutschland nicht auf Seite der angreifenden &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":10827,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6,7],"tags":[25,39,18,12,62,27,4,15,54],"class_list":["post-10894","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-geschichte-und-theorie","category-international","tag-arbeiterbewegung","tag-deutschland","tag-imperialismus","tag-lenin","tag-rosa-luxemburg","tag-russland","tag-strategie","tag-syrien","tag-tuerkei"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10894","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=10894"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10894\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10895,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10894\/revisions\/10895"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/10827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=10894"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=10894"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=10894"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}