{"id":1097,"date":"2016-04-11T14:15:04","date_gmt":"2016-04-11T12:15:04","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1097"},"modified":"2016-04-11T15:29:30","modified_gmt":"2016-04-11T13:29:30","slug":"steueroasen-und-der-krieg-der-reichen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1097","title":{"rendered":"Steueroasen und der Krieg der Reichen"},"content":{"rendered":"<p><strong>In ihrer Ausgabe vom Samstag den 9. April 2016 hat die Neue Z\u00fcrcher Zeitung, das Leitorgan der Schweizer Grossbourgeoisie, sichtlich M\u00fche bekundet, das Schweizer Modell der Steuerbeg\u00fcnstigung f\u00fcr die Reichen und Unternehmen zu begr\u00fcnden. <\/strong><!--more--><\/p>\n<p><strong>Dieses Schweizer Modell hat international sicher Pioniercharakter, auch wenn mittlerweile das Bankgeheimnis auf Druck der grossen imperialistischen L\u00e4nder weitgehend geschleift werden musste. Die neuesten Enth\u00fcllungen um die ausgefeilten Praktiken der Geldw\u00e4sche und der Steuerflucht gem\u00e4ss den Panama-Papieren nennen die Schweizer Finanzinstitute und Treuh\u00e4nder als sehr wichtige Auftraggeber an die zwielichtige panamaischen Kanzlei Mossack Fonseca, wo 214.488 Briefkastenfirmen zum Zecke von Steuerhinterziehung oder Geldw\u00e4sche registriert waren. Die simple, kriminelle Steuerflucht ist ein Auslaufmodell. Legale \u201eSteuergestaltung\u201c richtet aber noch mehr Schaden an. Weltweit verschwinden j\u00e4hrlich ca 130 Milliarden \u20ac in den schmuddeligen L\u00f6chern der Steueroasen. <\/strong><\/p>\n<p><strong>Die Schweizer Finanzindustrie sch\u00fctzt gegenw\u00e4rtig mindestens 2\u00b4000 Milliarden \u20ac an ausl\u00e4ndischem Verm\u00f6gen vor dem Zugriff der ausl\u00e4ndischen Steuerbeh\u00f6rden; die Schweiz ist damit weiterhin der gr\u00f6sste Fluchthafen \u00a0f\u00fcr ausl\u00e4ndische Gelder. Gleichzeitig kennt die Schweiz\u00a0hingegen eine der weltweit\u00a0restriktivsten Gesetzgebungen f\u00fcr menschliche Fl\u00fcchtlinge aus Kriegs- und Hungergebieten.\u00a0\u00a016 % der von Mossack Fonseca gegr\u00fcndeten Briefkasten-Firmen gehen auf Auftr\u00e4ge von Schweizer Banken und Treuh\u00e4ndern zur\u00fcck. [Redaktion <em>maulwuerfe.ch<\/em>]<\/strong><\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;-<\/p>\n<p><em>Ulrike Herrmann<\/em>. Wer will schon in Panama wohnen? Der Zwergstaat hat zwar einen Kanal, Regenw\u00e4lder und W\u00e4rme zu bieten, aber sonderlich attraktiv scheint das Land nicht zu sein. Wie das Online-Portal <em>Auswandern Info<\/em> meldet, siedelten im Jahr 2014 genau 89 Deutsche nach Panama \u00fcber \u2013 w\u00e4hrend ebenfalls 89 Deutsche von dort zur\u00fcckkehrten. Selbst der zentrale Vorteil Panamas, bei <em>Auswandern Info<\/em> schn\u00f6rkellos als \u201eSteueroase und Bankgeheimnis\u201c bezeichnet, scheint nicht viele Deutsche anzulocken.<\/p>\n<p>Dies ist verst\u00e4ndlich: Die eigentlichen Steueroasen sind nicht tropische Zwergstaaten wie Panama oder die Jungferninseln. Die Orchestrierung der Steuerflucht findet in den gro\u00dfen Finanzzentren New York, London, Z\u00fcrich und Luxemburg statt. Steuerhinterzieher k\u00f6nnen gem\u00fctlich zuhause bleiben, wenn sie ihr Geld verstecken wollen.<\/p>\n<p>Es klingt zwar eindrucksvoll, was <a href=\"http:\/\/panamapapers.sueddeutsche.de\/articles\/56ff9a28a1bb8d3c3495ae13\/\">die Panama Papers<\/a> jetzt offenbart haben: Bei der panamaischen Kanzlei Mossack Fonseca waren 214.488 Briefkastenfirmen registriert, die auch diverse Spitzenpolitiker involvieren. Der isl\u00e4ndische Premier Gunnlaugsson musste bereits zur\u00fccktreten.<\/p>\n<p>Doch die panamaischen Briefkastenfirmen existieren nur, weil amerikanische und europ\u00e4ische Banken sie bestellt haben. Die westlichen Institute \u00fcberweisen Geld nach Panama, und nehmen es zur\u00fcck, nachdem es anonymisiert wurde. Man stelle sich einmal vor, Panama w\u00e4re auf sich allein gestellt und die Steuers\u00fcnder m\u00fcssten mit einem Koffer Bargeld nach Panama City fliegen. Unangenehm. Au\u00dferdem k\u00f6nnten sie ihr Bargeld dort nirgends anlegen, mangels Firmen, in die man in gro\u00dfem Ma\u00dfstab investieren k\u00f6nnte. Steuerhinterzieher wollen aber nicht wie Dagobert Duck in Goldm\u00fcnzen baden. Ihr Geld soll \u201earbeiten\u201c, es soll Renditen erwirtschaften, Gewinne abwerfen. Also muss es zur\u00fcck nach Europa und in die USA flie\u00dfen.<\/p>\n<p>Die reale Wirtschaftsmacht liegt bei den europ\u00e4ischen Regierungen und den USA. Sie k\u00f6nnten einseitig beschlie\u00dfen, alle Steueroasen zu boykottieren. Doch stattdessen wird langwierig an OECD-Transparenzstandards laboriert, denen m\u00f6glichst alle L\u00e4nder beitreten sollen.<\/p>\n<p><strong>Westliche Banken profitieren<\/strong><\/p>\n<p>Dieser abstruse Umweg soll verschleiern, dass die wahren Profiteure der Steuerflucht amerikanische und europ\u00e4ische Banken sind. Heftig wird an der Legende der \u201eGlobalisierung\u201c gestrickt und so getan, als m\u00fcssten s\u00e4mtliche 193 Staaten der Welt zustimmen, bevor sich die Steueroasen austrocknen lassen. Das ist Humbug. Die Steueroasen sind kein internationales Problem, sondern dahinter verbirgt sich ein \u00f6konomischer Krieg zwischen einzelnen europ\u00e4ischen Staaten und den USA. Es ist ein Krieg, bei dem fast alle B\u00fcrger verlieren \u2013 und nur wenige Reiche profitieren.<\/p>\n<p>Dieser Krieg hat diverse Facetten: Einige europ\u00e4ische L\u00e4nder legen sich exterritoriale Steueroasen zu \u2013 dazu geh\u00f6rt vorneweg Gro\u00dfbritannien, das seine Kronkolonien und die Kanalinseln systematisch zu Steuerparadiesen ausgestaltet hat. Andere L\u00e4nder wie die USA oder die Schweiz lassen Steueroasen im eigenen Territorium zu, ob das der Kanton Zug oder der US-Staat Delaware ist. Luxemburg ist eine einzige gro\u00dfe Steueroase, aber auch Irland lockt mit niedrigen Steuers\u00e4tzen gezielt Unternehmen an. Andere EU-L\u00e4nder setzen auf Stiftungen (\u00d6sterreich) oder \u201eLizenzboxen\u201c (Niederlande), um fremdes Geld hereinzuholen.<\/p>\n<p><strong>Opfer der Schattenfinanz<\/strong><\/p>\n<p>Um popul\u00e4re Irrt\u00fcmer auszur\u00e4umen: Bei diesem Wirtschaftskrieg geht es nicht darum, dass sich die westlichen L\u00e4nder gegenseitig Steuereinnahmen klauen, denn durch die diversen Steuersparmodelle fallen kaum Steuern an. Auch werden L\u00e4nder nicht \u201ereicher\u201c, weil Fluchtgeld ins Land str\u00f6mt.<\/p>\n<p>Das eigentliche Ziel ist, einen gro\u00dfen Finanzsektor aufzubauen. Wo viel Geld ist, werden viele Banken ben\u00f6tigt \u2013 und Banken sind attraktive Arbeitgeber. Diese Logik zeigt sich klar in <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/!5029278\/\">Luxemburg<\/a>: Einst lebte das kleine Land von der Stahlindustrie. Nach deren Niedergang in den 1970er Jahren drohte Armut, denn sonst produzierte Luxemburg nur noch ein bisschen Wein. Also erfand man aggressive Steuersparmodelle. Inzwischen tragen die \u201eFinanzdienstleistungen\u201c 40 Prozent zur Wirtschaftsleistung bei.<\/p>\n<p>Auch in Gro\u00dfbritannien dienen die exterritorialen Steueroasen nur dazu, den Finanzplatz London aufzuplustern. Die einheimische Wirtschaftsleistung ist zu bescheiden, als dass man diese aufgebl\u00e4hten Banken ben\u00f6tigen w\u00fcrde. Doch trotz der Finanzjobs haben die normalen Engl\u00e4nder nichts vom steten Geldstrom. Im Gegenteil: F\u00fcr sie wird es unerschwinglich, in London zu leben. H\u00e4user werden immer teurer, weil sie als Spekulationsobjekt dienen. Das zustr\u00f6mende Geld bleibt ja nicht in den britischen Banken h\u00e4ngen, sondern sucht nach Rendite \u2013 und da f\u00e4llt der Immobilienmarkt sofort ins Auge.<\/p>\n<p>Es ist ein Teufelskreis: Weil so viel Geld nach Gro\u00dfbritannien flie\u00dft, sind Anlagen in Pfund extrem \u201eliquide\u201c. Wer britische Aktien oder Immobilien hat, kann sie bei Bedarf sofort ver\u00e4u\u00dfern. Also sind H\u00e4user, gerade in London, extrem begehrt.<\/p>\n<p><strong>7,6 Billionen Dollar Schwarzgeld<\/strong><\/p>\n<p>Auch in der Schweiz steigen die Hauspreise rasant, und wieder ist es die gleiche Wirkungskette: Weil das Land eine Steueroase ist, hat es einen \u00fcberdimensionierten Finanzsektor, weswegen der Franken als \u201esicherer Hafen\u201c gilt, so dass viel Geld hereinstr\u00f6mt, das dann in Franken angelegt werden soll. Also explodiert der Immobiliensektor.<\/p>\n<p>Ganz klar sind es nicht nur Fluchtmilliarden, die in die Schweiz oder nach England flocken. Das meiste Geld ist versteuert und sucht nur einen Finanzplatz, an dem sich gut und sicher spekulieren l\u00e4sst. Aber umgekehrt ist eben auch wahr: Weder Gro\u00dfbritannien noch die Schweiz w\u00e4ren so bedeutende Finanzpl\u00e4tze, wenn sie nicht zugleich Steueroasen w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Es ist logischerweise unbekannt, wie viel geheimes Geld in Steueroasen gebunkert wird. Die beste Sch\u00e4tzung stammt vom franz\u00f6sischen \u00d6konomen Gabriel Zucman, der aktuell auf 7,6 Billionen Dollar Schwarzgeld kommt. Was bedeutet, dass den Heimatl\u00e4ndern der Steuerfl\u00fcchtlinge etwa 190 Milliarden Dollar j\u00e4hrlich an Steuereinnahmen entgehen.<\/p>\n<p>Allerdings ist abzusehen, dass die illegale Steuerflucht nachlassen wird. Denn immer neue CDs sind unterwegs, die die Straftaten der Steuers\u00fcnder verzeichnen. Die Panama Papers sind ja nur das letzte Beispiel, dass der Computer einer Bank oder eines Finanzdienstleisters geknackt wurde. Wie ironisch: Die weltweite Steuerflucht w\u00e4re ohne Computer nicht denkbar, ist aber genau deswegen so gef\u00e4hrlich. Jeder Klick hinterl\u00e4sst eine Datenspur, und irgendein Bankangestellter mit Geldbedarf oder Rachegel\u00fcsten findet sich immer, der die Konteninformationen an den Fiskus oder Zeitungen weiterreicht.<\/p>\n<p><strong>Sch\u00e4dliche Privilegien<\/strong><\/p>\n<p>Die simple, kriminelle Steuerflucht ist ein Auslaufmodell, doch gibt es l\u00e4ngst Ersatz: die legale \u201eSteuergestaltung\u201c. Ber\u00fcchtigt sind F\u00e4lle wie Apple oder Amazon, die ihre Gewinne von einem Land ins n\u00e4chste schieben, bis sie fast keine Steuern mehr zahlen. Dieser Unsinn hei\u00dft offiziell \u201eSteuerwettbewerb\u201c. Zucman hat den Schaden k\u00fcrzlich gesch\u00e4tzt: Dem deutschen Staat entgehen durch diese legale Steuergestaltung j\u00e4hrlich 20 Milliarden Euro, bei der kriminellen Steuerflucht sind es \u201enur\u201c 10 Milliarden.<\/p>\n<p>Wie die legale Steuerflucht funktioniert, war auch bei den Panama Papers wunderbar zu erleben: Unter anderem geriet der Formel-1-Rennfahrer Nico Rosberg in Verdacht, Briefkastenfirmen zu unterhalten. Dies wurde jedoch prompt dementiert: Sein Arbeitgeber Mercedes lie\u00df wissen, Rosbergs Gehalt werde \u201edirekt nach Monaco bezahlt\u201c. Dass Rosberg in diesem Ministaat residiert, ist kein Zufall. Das F\u00fcrstentum ist f\u00fcr seine freundliche Steuergestaltung bekannt \u2013 jedenfalls f\u00fcr Promis.<\/p>\n<p>Diese Privilegien f\u00fcr Reiche und f\u00fcr Unternehmen sind ungerecht und untergraben die Demokratie. Normalen Staatsb\u00fcrgern ist nicht zu vermitteln, warum sie Steuern zahlen sollen, w\u00e4hrend sich das oberste Prozent entziehen kann.<\/p>\n<p>Noch schlimmer ist es f\u00fcr arme Staaten: <a href=\"http:\/\/www.gfintegrity.org\/report\/illicit-financial-flows-from-developing-countries-2004-2013\/\">Wie der amerikanische Think Tank Global Financial Integrity ausgerechnet hat<\/a>, flie\u00dfen inzwischen j\u00e4hrlich mehr als eine Billion Dollar aus den Entwicklungs- und Schwellenl\u00e4ndern ab. Allein zwischen 2004 und 2013 wurden 7,8 Billionen Dollar ins Ausland geschafft. Wenn man annimmt, dass dieses Verm\u00f6gen eine j\u00e4hrliche Rendite von zehn Prozent erwirtschaftet, die man mit etwa 40 Prozent besteuern k\u00f6nnte, dann hei\u00dft dies: Den Entwicklungs- und Schwellenl\u00e4nder entgehen j\u00e4hrlich 312 Milliarden Dollar an Steuern. Damit lie\u00dfen sich sehr viele Krankenh\u00e4user und Schulen bauen.<\/p>\n<p>Und die Tragik dabei ist: Niemand hat etwas davon, dass eine kleine Elite in den Schwellen- und Entwicklungsl\u00e4ndern ihre Mitb\u00fcrger auspl\u00fcndert. Davon profitieren nur aufgebl\u00e4hte Finanzinstitute im Westen, die auch niemand braucht.<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.taz.de\/Essay-Steueroasen\/!5290602\/\">www.taz.de&#8230;<\/a> vom 11. April 2016<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In ihrer Ausgabe vom Samstag den 9. 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