{"id":10990,"date":"2022-03-24T17:30:12","date_gmt":"2022-03-24T15:30:12","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10990"},"modified":"2022-03-24T17:30:13","modified_gmt":"2022-03-24T15:30:13","slug":"marxismus-versus-postmodernismus-versteckspiel-mit-der-wahrheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=10990","title":{"rendered":"Marxismus versus Postmodernismus: Versteckspiel mit der Wahrheit"},"content":{"rendered":"<p><em>Daniel Morley und Hamid Alizadeh.<\/em> Die Geschichte der Philosophie kennt eine breite Palette von Denkschulen, Untergruppierungen und Str\u00f6mungen, die ein vielf\u00e4ltiges Spektrum von Weltanschauungen und Grunds\u00e4tzen umfassen. Doch inmitten dieser Unzahl an philosophischen Richtungen \u2013 einige rational und materialistisch, andere idealistisch und v\u00f6llig mystisch \u2013 existierte<!--more--> zumindest der Grundkonsens, dass der Ma\u00dfstab f\u00fcr gute Theorie Konsistenz, Genauigkeit und viel Liebe zum Detail ist. Was auch immer die jeweilige Philosophie formulierte, letztendlich war es ein Ringen um die Wahrheit. Selbst die reaktion\u00e4rsten Philosophen stellten sich auf diesen Standpunkt. Personen wie Augustinus von Hippo, dessen Theorie der g\u00f6ttlichen Erleuchtung das ideologische R\u00fcckgrat f\u00fcr die Reaktion des finsteren Mittelalters bildete, versuchten ihre Argumente zumindest schl\u00fcssig und vern\u00fcnftig darzustellen.<\/p>\n<p>Wie sich die Zeiten ver\u00e4ndert haben: In der Periode des kapitalistischen Verfalls wird auch die Philosophie von einem Niedergangsprozess erfasst. Der Postmodernismus ist der klarste Ausdruck f\u00fcr diese Entwicklung. Seit einem guten halben Jahrhundert verbreitet sich diese Denkschule \u00fcber die ganze Welt, springt von einem Land ins andere und mutiert dabei st\u00e4ndig in neue und immer absonderlichere Varianten. So entstand ein Komplex von Teildisziplinen und Str\u00f6mungen wie der Postkolonialismus, die Queer-Theory, verschiedene Spielarten des Feminismus und viele mehr, die in offener oder versteckter Form in den heutigen Sozialwissenschaften sowie in der akademischen Welt im Allgemeinen vorherrschen.<\/p>\n<p>Die postmoderne Philosophie begegnet den ausgezeichnetsten DenkerInnen der Geschichte mit Verachtung und entledigt sich ihrer r\u00fcde. Die Vernunft wird unter Generalverdacht gestellt, w\u00e4hrend gleichzeitig Irrationalit\u00e4t und Unverst\u00e4ndlichkeit zum Prinzip erhoben werden. Aufrichtigkeit in der Theorie und das Streben nach der Wahrheit werden in endlosen Vorbehalten, Mehrdeutigkeiten und unverst\u00e4ndlicher Sprache ertr\u00e4nkt. Folgende Passage von Lyotard bietet ein Musterbeispiel f\u00fcr diesen Trend:<\/p>\n<p>\u201eViel wichtiger als der politische Linksradikalismus, viel enger mit einer Politik der Intensit\u00e4ten verbunden: eine ungeheure unterirdische Bewegung, noch z\u00f6gernd, eher noch eine Unruhe. Sie entzieht dem Wertgesetz die Affekte. Bremsen der Produktion, Konsumverweigerung, \u201aArbeits\u2018-verweigerungen, (illusorische?) Kommunen, Happenings, Bewegungen zur sexuellen Befreiung, Fabrik- und Hausbesetzungen, Entf\u00fchrungen, Produktion von T\u00f6nen, Worten, Farben ohne \u201aWerkintentionen\u2018. Das sind die \u201aMenschen der Steigerung\u2018, die \u201aHerren\u2018 von heute: Au\u00dfenseiter, experimentierende Maler, Popk\u00fcnstler, Hippies und Yippies, Parasiten, Verr\u00fcckte, Eingesperrte. Eine Stunde ihres Lebens enth\u00e4lt mehr an Intensit\u00e4t (und weniger an Intention) als tausend Worte eines Berufsphilosophen.\u201d[1]<\/p>\n<p>Wir wissen nicht, ob eine Stunde im Leben von Au\u00dfenseitern, experimentierenden Malern, Popk\u00fcnstlern, Hippies und Yippies, Parasiten, Verr\u00fcckten oder Eingesperrten mehr Intensit\u00e4t bzw. Tiefgang bieten kann, als die W\u00f6rter eines nicht n\u00e4her bestimmten \u201eBerufsphilosophen\u201c. Doch durch diesen auch nur sehr kurzen Textauszug wird glasklar, dass nur f\u00fcnf Minuten aus dem Leben irgendeines Menschen weitaus mehr wert sind als 300.000 W\u00f6rter dieses speziellen Philosophen.<\/p>\n<p>Ohne nur mit der Wimper zu zucken, stellen postmoderne PhilosophInnen die l\u00e4cherlichsten und absurdesten Behauptungen und Thesen auf. Jean Baudrillard sagt beispielsweise, dass die Realit\u00e4t und mit ihr jeglicher Sinn nun einfach verschwunden w\u00e4re. Um seine Aussage zu veranschaulichen, paraphrasiert (und \u00fcberspitzt) er die Worte von Elias Canetti mit offensichtlicher Zustimmung:<\/p>\n<p>\u201eJenseits eines bestimmten Zeitpunkts ist die Geschichte nicht mehr real. Ohne es zu merken, lie\u00df die gesamte Menschheit pl\u00f6tzlich die Realit\u00e4t hinter sich. Nichts, was seither geschehen ist, ist wahr, aber wir sind nicht in der Lage, es zu erkennen. Unsere Aufgabe und Pflicht ist es nun, diesen Punkt zu entdecken, oder wir sind, solange wir ihn nicht fassen, dazu verdammt, unseren gegenw\u00e4rtigen zerst\u00f6rerischen Kurs fortzusetzen.\u201c[2]<\/p>\n<p>Der Leser f\u00fchlt sich m\u00f6glichweise im Recht zu fragen: Was soll das hei\u00dfen? Doch diese Frage wurde im Vorhinein bereits beantwortet. Da die Realit\u00e4t sich jetzt aufgel\u00f6st hat und mit ihr jeglicher tiefer Sinn, so ist es generell sinnlos, nach irgendeiner Bedeutung zu fragen. Diese Methode hat den unzweifelhaften Vorteil, jede unbequeme Frage im Vorhinein auszuschlie\u00dfen. Sie l\u00e4sst jede m\u00f6gliche Kritik verstummen und l\u00f6st konsequent angewandt die Grundlage f\u00fcr rationales Denken im Allgemeinen auf.<\/p>\n<p>Diese Argumentationslinie, die uns als etwas fabelhaft Neues aufgetischt wird, ist \u2013 wie jeder andere Aspekt des Postmodernismus \u2013 weder neu noch originell. Es ist lediglich ein Wiederk\u00e4uen der alten Argumente von Tertullian aus dem dritten Jahrhundert, der die Absurdit\u00e4ten des christlichen Dogmas mit der Aussage rechtfertigte: \u201eCredo quia absurdum est \u2013 \u201eIch glaube, weil es der Vernunft zuwiderl\u00e4uft.\u201c<\/p>\n<p>In Wirklichkeit f\u00fchrt uns dieser Hang zum Widersinn direkt zum Kerngedanken des Postmodernismus, welcher jegliches rationale Denken ablehnt. Gilles Deleuze und F\u00e9lix Guattari, die oft als \u201elinker Fl\u00fcgel\u201c des Postmodernismus dargestellt werden, heben diese Absurdit\u00e4ten auf ein v\u00f6llig neues Level:<\/p>\n<p>\u201e&#8230;das menschliche Wesen der Natur und das nat\u00fcrliche Wesen des Menschen werden in der Natur als Produktion oder Industrie, das hei\u00dft gleicherma\u00dfen im Gattungsleben der Menschen, identisch. Die Industrie wird in diesem Falle nicht mehr unter einem \u00e4u\u00dferlichen Verh\u00e4ltnis der N\u00fctzlichkeit begriffen, vielmehr in ihrer fundamentalen Identit\u00e4t mit der Natur als Produktion des Menschen und durch den Menschen. Nun aber nicht der Mensch als Krone der Sch\u00f6pfung, sondern eher jener von allen Formen und Auspr\u00e4gungen des Lebens ergriffene Mensch,\u00a0<strong>dem selbst Sterne und Tiere zur B\u00fcrde aufgegeben sind und der nie aufh\u00f6ren wird, eine Organmaschine an eine Energiemaschine anzuschlie\u00dfen, oder einen Baum in seinen K\u00f6rper, eine Brust in den Mund, die Sonne in den Hintern einzuf\u00fchren, ewiger Verwalter der Maschinen des Universums.<\/strong>\u00a0Darin besteht die zweite Bedeutung des Prozesses; Mensch und Natur stehen sich nicht wie zwei distinkte Begriffe gegen\u00fcber&#8230;\u201c [3]<\/p>\n<p>Michel Foucault, einem engen Freund von Deleuze und Guattari, gingen in seinem \u00fcberschw\u00e4nglichen Lob dieses Schwachsinns die Pferde durch. Sein Kommentar lautet:<\/p>\n<p>\u201e\u2026ein Licht, das einmal den Namen Deleuze tragen wird. Ein neues Denken ist m\u00f6glich geworden; es ist \u00fcberhaupt wieder m\u00f6glich zu denken.\u201d [4]<\/p>\n<p>Hier haben wir es! Anscheinend war es v\u00f6llig unm\u00f6glich zu denken, bis Monsieur Deleuze die Flamme der Weisheit entz\u00fcndete.<\/p>\n<p>Die gesamte postmoderne Literatur ist reichlich mit dieser pomp\u00f6sen, selbstgef\u00e4lligen, grobschl\u00e4chtigen Rhetorik durchzogen, was nichts als ein Feigenblatt f\u00fcr ihre schlecht durchdachten Theorien ist. Diese Lobpreisung aber schl\u00e4gt dem Fass den Boden aus: Nach der Lekt\u00fcre der obigen Zeile, kann die gesamte Menschheit erleichtert aufatmen.\u00a0<em>Wir k\u00f6nnen alle endlich anfangen zu denken.<\/em><\/p>\n<p>Hier stellt sich nun die Frage: \u00dcber was genau sollen wir nachdenken?<\/p>\n<p><strong>Das Undefinierbare definieren<\/strong><\/p>\n<p>Eine Philosophie, die einen solch gro\u00dfen Anspruch an sich selbst stellt, ist es mit Sicherheit wert, beachtet zu werden. Wir \u00fcben uns deshalb in Geduld und scheuen keine M\u00fchen, alles zu erfassen, was sich an Bedeutung in ihr finden l\u00e4sst. Was genau ist Postmodernismus, was verbirgt sich hinter diesem Begriff? Hier sto\u00dfen wir sofort auf das erste Problem: den Selbstanspruch des Postmodernismus, dass er undefinierbar sei. Es handelt sich beim Postmodernismus um eine Idee, welche per Definition Definitionen ablehnt \u2013 so weit, so unklar.<\/p>\n<p>Der Begriff \u201ePostmoderne\u201c wurde erstmals 1979 von Jean-Fran\u00e7ois Lyotard gepr\u00e4gt. In seinen eigenen Worten \u2013 und zwar \u201ebei extremer Vereinfachung\u201c \u2013 definierte er ihn als die \u201eSkepsis gegen\u00fcber Metaerz\u00e4hlungen\u201c[5].<\/p>\n<p>Das Oxford English Dictionary definiert \u201eMetaerz\u00e4hlung\u201c folgenderma\u00dfen:<\/p>\n<p>\u201eEin umfassendes Verst\u00e4ndnis oder eine Interpretation von Ereignissen und Umst\u00e4nden, eine Vorlage oder Struktur f\u00fcr die \u00dcberzeugungen von Menschen zur Verf\u00fcgung stellen und ihren Erlebnissen Bedeutung verleihen.\u201d<\/p>\n<p>Aber Moment mal! Ist Lyotards eigene Definition nicht auch \u2026\u00a0<em>eine Metaerz\u00e4hlung<\/em>? Gewiss \u2013 so ist es! Wenn er uns informiert, dass wir unbedingt vermeiden m\u00fcssen, in gewissen Weisen zu denken, mit denen er sich nicht einverstanden erkl\u00e4rt, bietet er uns dann etwa nicht eine allgemeine Theorie bzw. \u201eein umfassendes Verst\u00e4ndnis oder eine Interpretation von Ereignissen und Umst\u00e4nden\u201c? Und wenn er uns erz\u00e4hlt, dass gewisse Ideen vermieden werden m\u00fcssen, bietet er uns nicht auch \u201eeine Vorlage oder Struktur f\u00fcr die \u00dcberzeugungen von Menschen\u201c, die \u201eihren Erlebnissen Bedeutung verleihen\u201c?<\/p>\n<p>Beide Fragen sind eindeutig zu bejahen. Daher steht Jean-Fran\u00e7ois Lyotard von vornherein unter der Anklage des absurden Selbstwiderspruchs oder des himmelschreienden Betrugs. Wir haben es entweder mit einem T\u00f6lpel oder einem Gauner zu tun; oder m\u00f6glicherweise mit beidem. Es ist schwer, sich hier festzulegen.<\/p>\n<p><strong>\u201eKein Fortschritt\u201c?<\/strong><\/p>\n<p>PostmodernistInnen sind ebenfalls daf\u00fcr bekannt, die Auffassung des Fortschritts in der Geschichte abzulehnen. Sie behaupten, die Entwicklung der Wissenschaft und der Philosophie kenne keinen Fortschritt, es g\u00e4be schlichtweg nur unterschiedliche Arten, die Welt zu interpretieren. Au\u00dferdem handele es sich um eine Welt, die nicht einmal unseren Interpretationen von ihr entspricht. Und doch pr\u00e4sentiert der Postmodernismus seine Denkschule als die Einzige, die diese Situation erkl\u00e4ren k\u00f6nne. Wenn wir diesen Standpunkt akzeptieren, ist jeder Gedanke so gut wie der n\u00e4chste, unabh\u00e4ngig davon, ob er dem Verstand eines steinzeitlichen Schamanen, eines Aristoteles, eines Einsteins oder eines Marx entspringt. Zu keinem Zeitpunkt konnte das menschliche Verst\u00e4ndnis der Natur und der Gesellschaft einen einzigen Schritt voranschreiten \u2013 tats\u00e4chlich gibt es f\u00fcr die postmodernen PhilosophInnen gar kein \u201evorw\u00e4rts\u201c. Nichts ist progressiv, abgesehen nat\u00fcrlich vom Postmodernismus selbst, welcher sp\u00e4t aber triumphierend auf die B\u00fchne tritt, um die uralte Schande des Fortschrittsglaubens aufzudecken.<\/p>\n<p>Einer Sache k\u00f6nnen wir leicht zustimmen. Es stimmt, dass im kapitalistischen System der Epoche seines Niedergangs kein ernsthafter Fortschritt f\u00fcr die Menschheit m\u00f6glich ist. Aber k\u00f6nnen wir daraus schlie\u00dfen, dass Fortschritt im Allgemeinen nicht existiert oder die Geschichte keine Phasen kannte, in denen riesige Schritte nach vorne gemacht wurden? Nein, dies steht uns nicht zu. Alle, die die Geschichte studieren, werden sofort entdecken, dass die menschliche Gesellschaft Phasen des gro\u00dfen Fortschritts kennt, gekennzeichnet durch eine rasante Entwicklung der Produktivkr\u00e4fte, der Wissenschaft und Technologie sowie dem Aufbl\u00fchen von Kunst und Kultur.<\/p>\n<p>Die Geschichte kennt auch andere Epochen der Stagnation, der Degeneration, des Verfalls und sogar des R\u00fcckfalls in die Barbarei. Der Untergang des R\u00f6mischen Reiches war der Beginn von hunderten Jahren der R\u00fcckw\u00e4rtsentwicklung in Europa, die berechtigterweise als \u201edunkles Zeitalter\u201c bezeichnet werden. Die Renaissance (15. und 16. Jahrhundert) war ein Wendepunkt der Entwicklung der Kultur in jedem Bereich. Kunst, Wissenschaft, Literatur: Alles erfuhr eine beeindruckende Wiedergeburt (die eigentliche Bedeutung des Wortes \u201eRenaissance\u201c). Das war das Zeitalter des Aufstiegs der Bourgeoisie, der Tr\u00e4gerin einer neuen, h\u00f6heren Entwicklungsstufe der menschlichen Gesellschaft. Sie leitete ein Zeitalter der Entdeckungen ein und erl\u00f6ste dabei die Menschheit aus den Ketten des Feudalismus, mitsamt der irrationalen Obskurit\u00e4t der Kirche und dem Feuer der Inquisition.<\/p>\n<p>Im weiteren Verlauf schuf die revolution\u00e4re Bourgeoisie in Frankreich die Aufkl\u00e4rung, die die Postmoderne mit besonderer Abscheu betrachtet, gerade weil sie f\u00fcr rationales Denken und f\u00fcr Wissenschaftlichkeit steht. Wie schon der Name impliziert, glaubt der Postmodernismus, dass die sogenannte Moderne am Ende ist. Die Moderne bezeichnet in der Philosophie das Set der Ideen, die aus der Aufkl\u00e4rung hervorgegangen sind. Dies war die heroische Epoche des Kapitalismus, als die Bourgeoisie noch in der Lage war, eine fortschrittliche Rolle zu spielen. Doch die aktuelle Epoche zeichnet ein Bild des sozialen, \u00f6konomischen, politischen und ideologischen Zerfalls. Der menschliche Fortschritt ist in der Tat zum Stillstand gekommen. Die tiefste Krise seit 300 Jahren l\u00e4hmt die Produktivkr\u00e4fte. Die kulturelle Entwicklung steht still und die Errungenschaften der Wissenschaft, weit davon entfernt, die Menschheit zu befreien, drohen sich in Massenarbeitslosigkeit und Umweltkatastrophe zu verwerten. Die kapitalistische Klasse wurde zu einem Hindernis f\u00fcr den Fortschritt.<\/p>\n<p>Auf Basis des aktuellen Systems ist die Aussicht f\u00fcr die Menschheit in der Tat d\u00fcster. Doch statt den Schluss zu ziehen, dass das kapitalistische Gesellschaftssystem dem Fortschritt den Weg versperrt, folgern die PostmodernistInnen, dass Fortschritt an sich ausgeschlossen sei, weil er nie existiert habe. Die herrschende Klasse und ihre Mittelschichts-Groupies an den Universit\u00e4ten sind von einem Geist des Pessimismus durchdrungen. Sie beklagen sich \u00fcber den schrecklichen Zustand der Gesellschaft. Doch indem sie Wissenschaft, rationales Denken und Fortschritt im Allgemeinen ablehnen, spiegeln sie selbst nur die Weltanschauung einer degenerierten und heruntergekommenen herrschenden Klasse wider.<\/p>\n<p><strong>Unehrlichkeit<\/strong><\/p>\n<p>Der Pionier der deutschen Arbeiterbewegung, Josef Dietzgen, sagte einmal, dass die offizielle Philosophie keine Wissenschaft sei, sondern \u201eein Schutzschirm gegen die Sozialdemokratie\u201c, wobei Dietzgen mit der Sozialdemokratie die revolution\u00e4re Bewegung der Arbeiterklasse meinte. Die Aufgabe der herrschenden Ideen ist gerade die Verschleierung der Kluft zwischen den Interessen der Massen und dem Status-quo des Kapitalismus. Dies ist die Grundlage f\u00fcr die Kniffe, T\u00e4uschungen und die extreme Verlogenheit, die die b\u00fcrgerliche Philosophie im Allgemeinen und den Postmodernismus im Besonderen auszeichnen. Einer dieser Kniffe ist das st\u00e4ndige Runterrasseln von widerspr\u00fcchlichen Aussagen, um die eigenen Spuren zu verwischen. In einem Interview von 1977, ver\u00f6ffentlicht unter dem Titel \u201ePrison Talk\u201c, wurde Foucault mit einer unangenehm direkten Frage zu seiner Ablehnung des \u201eFortschrittsbegriffs\u201c konfrontiert.<\/p>\n<p>Hier ein Auszug:<\/p>\n<p>\u201eIch bin auf einen Satz in \u201aWahnsinn und Gesellschaft\u2018 gesto\u00dfen in dem Sie sagen, dass wir \u201ahistorische Chronologien und sukzessive Ordnungen von allen Formen der progressistischen Perspektive befreien\u2018 m\u00fcssen.\u201c<\/p>\n<p>Foucault darauf:<\/p>\n<p>\u201eDas ist etwas, was ich den Wissenschaftshistorikern verdanke. Ich mache mir die methodische Vorsicht und den radikalen, aber nicht aggressiven Skeptizismus zu eigen, der es sich zum Prinzip macht, den Zeitpunkt, an dem wir jetzt stehen, nicht als Resultat eines teleologischen Vorw\u00e4rtsschreitens zu betrachten, das es historisch zu rekonstruieren g\u00e4lte: jene Skepsis gegen\u00fcber uns selbst und dem, was wir sind, unserem Hier und Jetzt, die verhindert, dass man annimmt, das, was wir haben, sei besser als \u2013 oder mehr als \u2013 in der Vergangenheit. Das hei\u00dft nicht, dass man nicht versuchen soll, generative Prozesse zu rekonstruieren, sondern dass man dies tun muss, ohne ihnen eine Positivit\u00e4t oder eine Aufwertung aufzuerlegen.\u201c[6]<\/p>\n<p>Wenn wir uns die M\u00fche machen, in die obskure Welt der foucaultschen Sprache einzudringen, sehen wir, dass seine Ablehnung der interpretativen \u201eAufwertung\u201c des \u201egenerativen Prozesses\u201c der Geschichte nichts anderes als die Ablehnung des Fortschritts ist. In einem Akt zynischer T\u00e4uschung f\u00fchrt er den Begriff \u201eteleologisch\u201c ein, um die Sache verworrener zu machen.<\/p>\n<p>Jeder mit dem geringsten philosophischen Wissen wei\u00df, dass Teleologie ein Begriff ist, der die \u201eVorherbestimmung\u201c bezeichnet. Diese religi\u00f6s konnotierte Idee ist himmelweit von der marxschen Entdeckung entfernt, dass Geschichte von bestimmten Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten beherrscht wird, die unabh\u00e4ngig vom subjektiven Willen der individuellen Menschen wirken. Beiden gegen\u00fcber steht die foucaultsche Vorstellung, dass die menschliche Geschichte eine reine Aneinanderreihung von bedeutungslosen Zuf\u00e4llen ist.<\/p>\n<p>Der Interviewer, der sich nicht so einfach von der F\u00e4hrte abbringen l\u00e4sst, stellte darauf die logische Folgefrage:<\/p>\n<p>\u201eAuch wenn die Wissenschaft seit langer Zeit den Grundsatz teilt, dass der Mensch sich weiterentwickelt?\u201c<\/p>\n<p>Foucault erwidert:<\/p>\n<p>\u201eEs ist nicht die Wissenschaft, die das sagt, sondern die Geschichte der Wissenschaft. Und ich sage nicht, dass die Menschheit keinen Fortschritt macht. Ich sage, es ist eine schlechte Methode das Problem so darzustellen: \u201aWie kommt es, dass wir Fortschritte gemacht haben?\u2018 Das Problem ist: Wie geschehen die Dinge? Und was jetzt passiert, ist nicht unbedingt besser oder fortschrittlicher oder besser verstanden als das, was in der Vergangenheit passiert ist.\u201c<\/p>\n<p>Ein klassischer Fall von gleichzeitig \u00fcberall sein wollen. W\u00e4hrend er den Fortschritt in der Geschichte klar leugnet (zumindest so klar, wie es ihm seine eigenartige Sprache erlaubt) erkl\u00e4rt er im darauffolgenden gelassen das Gegenteil: Er w\u00fcrde gar nicht sagen, dass \u201edie Menschheit keinen Fortschritt macht\u201c. Doch im n\u00e4chsten Atemzug f\u00fcgt er hinzu \u201ewas jetzt passiert, ist nicht unbedingt besser oder fortschrittlicher oder besser verstanden als das, was in der Vergangenheit passiert ist\u201c. Also gab es tats\u00e4chlich keinen Fortschritt. Ist das deutlich genug?<\/p>\n<p>Dies ist ein gutes Beispiel, wie sich diese Damen und Herren drehen und wenden, mit W\u00f6rtern spielen, um ihre Bedeutung zu verdunkeln, so wie ein Tintenfisch zur Verwirrung seiner Fressfeinde eine Tintenwolke absondert. Wenn also jemals irgendjemand Foucault kritisiert, den Fortschritt in der Geschichte zu verneinen \u2013 was der Kern seines Werks ist \u2013 k\u00f6nnte er dies jederzeit zur\u00fcckweisen und sagen \u201eOh nein, einmal habe ich doch gesagt, dass ich nicht sage, dass die Menschheit nicht voranschreite.\u201c<\/p>\n<p>Intellektuelle Verlogenheit und Feigheit ist ein essentieller Bestandteil des Postmodernismus. Er vollzieht eine ganze Menge an Man\u00f6vern, um die LeserInnen zu verwirren und irritieren, um sie von seinem tats\u00e4chlichen reaktion\u00e4ren Charakter abzulenken. Beeindruckend sind die schamlose Arroganz und K\u00fchnheit, mit der diese Irref\u00fchrung vorgetragen wird.<\/p>\n<p><strong>Sprachspiele<\/strong><\/p>\n<p>\u201eManchmal denke ich bereits vor dem Fr\u00fchst\u00fcck an sechs unm\u00f6gliche Dinge.\u201c (Lewis Carrol, Alice im Wunderland)<\/p>\n<p>Postmodernismus beruht auf der Grundannahme, dass Konzepte, Ideen und selbst die Sprache subjektive und beliebige \u201eKonstrukte\u201c sind. Somit sind auch alle konzeptionellen Gedanken, inklusive der Wissenschaft, unterdr\u00fcckerisch. Es kann keine objektive Wahrheit geben. Nichts ist wahr oder kann als sicheres Kriterium gelten. Die einzige Wahrheit liegt in der individuellen Erfahrung, der \u201egelebten Erfahrung\u201c, und dies kann immer nur eine pers\u00f6nliche Wahrheit sein.<\/p>\n<p>Nicht zufrieden damit, jeden rationalen Gedanken und \u201eMetanarrative\u201c zu verwerfen, gehen manche PostmodernistInnen so weit, die Idee zu vertreten, dass, da die Sprache ein unterdr\u00fcckerisches Konstrukt sei, auch die Grammatik als unterdr\u00fcckerisches, der menschlichen Freiheit abtr\u00e4gliches Konstrukt abzuschaffen sei. Wenn wir einmal frei von den fesselnden Ketten der Grammatik und Syntax sind, k\u00f6nnen wir in den Himmel der absoluten Freiheit aufsteigen, wo wir in einer v\u00f6llig neuen Art, jeder f\u00fcr sich allein, aber untereinander unverst\u00e4ndlich, reden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Doch die Sprache ist kein Konstrukt. Sie wurde von niemandem erfunden. Sie entwickelte sich \u00fcber einen langen Zeitraum von hunderttausenden Jahren, als Folge der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft. Dies trifft auch auf die Gesetze des Denkens zu, die die PostmodernistInnen gerne zerst\u00f6rt w\u00fcnschen. Doch durch was sollen sie ersetzt werden? Uns k\u00f6nnen die Regeln der Grammatik und der Syntax zusagen oder missfallen, egal ob es sich dabei um die Grammatik einer Hochsprache handelt oder um eine nicht-kanonisierte Grammatik eines Dialektes. Doch ohne diese Regeln wird die Sprache komplett unverst\u00e4ndlich oder mindestens hochgradig inkoh\u00e4rent. Die PhilosophInnen der Postmoderne haben aber nat\u00fcrlich auch f\u00fcr diese Schachtel einen passenden Deckel.<\/p>\n<p>Auf den Vorwurf ihrer eigenen Unverst\u00e4ndlichkeit antwortend, prangerte Judith Butler, eine S\u00e4ulenheilige der Postmoderne, das \u201eErlernen der Regeln, die verst\u00e4ndliches Sprechen regulieren\u201c[7] an. Gem\u00e4\u00df Butler ist das Lernen solcher Regeln \u201eeine Einimpfung normalisierter Sprache, wobei der Preis der Nicht-Anpassung der Verlust der Verst\u00e4ndlichkeit an sich ist&#8220;[8]. Sie f\u00e4hrt fort:<\/p>\n<p>\u201eEs ist nichts Radikales am gesunden Menschenverstand. Es w\u00e4re ein Fehler zu denken, dass die allgemein akzeptierte Grammatik das beste Vehikel ist, um radikale Ansichten auszudr\u00fccken, angesichts des Zwanges, die die Grammatik dem Denken, ja dem Denkbaren an sich auferlegt.\u201c<\/p>\n<p>So, jetzt wissen es alle! Der \u201egesunde Menschenverstand\u201c ist nicht radikal, der Unsinn aber schon. Gest\u00e4rkt und ger\u00fcstet macht Butler sich auf den Weg, um ihre eigene Grammatik zu erobern, eine, die sich nicht ihren Gedanken \u201eaufzwingt\u201c. Nach dieser Eroberung bestreitet sie allerhand weitere Abenteuer, denkt an Dinge, die f\u00fcr jene von uns, die in der Sprache der Normalsterblichen gefangen sind, vollst\u00e4ndig \u201eundenkbar\u201c sind.<\/p>\n<p>Die Frage ist nur, wie sie diese undenkbaren Gedanken mit Normalsterblichen kommunizieren kann, welche nach wie vor an die Einschr\u00e4nkungen der \u201everst\u00e4ndlichen Sprache\u201c gebunden sind, die nicht die geringste Ahnung haben, von was sie eigentlich redet? Butlers Methode ist reine Sophistik. In anderen Worten, sie ist ein T\u00e4uschungsman\u00f6ver: \u201eMeine Ideen sind nicht schlecht und unverst\u00e4ndlich; du bist nur nicht fortgeschritten genug, um sie zu verstehen.\u201c<\/p>\n<p>Dies gesagt habend, w\u00e4re es \u00fcbertrieben zu behaupten, dass postmoderne Texte v\u00f6llig unbegreifbar sind. Der Zweck ihrer verworrenen Rhetorik ist ihre alten, albernen und reaktion\u00e4ren Ideen originell, ausgefeilt und sogar radikal erscheinen zu lassen. Es verlangt ein wenig Aufwand, dies offenzulegen, doch es existiert definitiv ein durchg\u00e4ngiges Motiv hinter der rhetorischen Fassade. Wenn ihre Ideen erst mal aus ihrer \u201eFachsprache\u201c in die Sprache von Normalsterblichen \u00fcbersetzt wurden, sind sie nicht so schwierig zu erfassen.<\/p>\n<p><strong>Es gibt nichts au\u00dferhalb des Textes<\/strong><\/p>\n<p>Von Jacques Derrida, einem der einflussreichsten Postmodernisten, stammt der ber\u00fchmte Ausspruch: \u201eEin Text-\u00c4u\u00dferes gibt es nicht.\u201c[9] Damit meint er, dass Bedeutung \u2013 und damit Erkenntnis \u2013 sich nicht auf die Wirklichkeit, sondern nur auf sich selbst bezieht. Die W\u00f6rter, die wir verwenden, sind in keiner Weise mit den Dingen verbunden, die wir bezeichnen wollen. Nach Derrida ist vielmehr jedes einzelne Wort nur durch sein Verh\u00e4ltnis zu anderen W\u00f6rtern definiert. Um irgendetwas verstehen zu k\u00f6nnen, m\u00fcssen wir also zuerst alle W\u00f6rter erfassen, die unseren W\u00f6rtern Bedeutung geben, und dann all die W\u00f6rter, die jenen W\u00f6rtern Bedeutung geben und so weiter und so fort. Das ist nat\u00fcrlich unm\u00f6glich und deshalb wird das fl\u00fcchtige Ding, das man \u201eBedeutung\u201c nennt, so sagt man uns, immer weiter \u201everschleppt\u201c und nie ganz erfassbar sein.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich kann die Bedeutung der Sprache Derridas niemals wirklich begriffen werden, aber das ist ein anderes Thema. Auf was Derrida abzielt, ist die Ersch\u00fctterung der Vorstellung, dass die objektive Realit\u00e4t an sich erfassbar sei. Anders ausgedr\u00fcckt, in letzter Instanz g\u00e4be es gar keine Realit\u00e4t \u201eau\u00dferhalb des Textes\u201c. Wir haben m\u00f6glicherweise ein Wort f\u00fcr Hund oder Katze, aber wenn es nach Derrida geht, sind diese Begriffe lediglich abstrakte und subjektive Sch\u00f6pfungen des menschlichen Verstandes und haben keine Verbindung zu irgendeiner echten Katze oder einem Hund.<\/p>\n<p>Trotz dieser \u201etiefen\u201c Beobachtung haben Menschen \u00fcber tausende Jahre nie aufgeh\u00f6rt die Sprache zu nutzen, unbek\u00fcmmert jener h\u00f6heren Wahrheit, die ihnen sagt, dass ein Hund nicht wirklich ein Hund sei und eine Katze nicht wirklich eine Katze und generell die Sprache nicht f\u00e4hig sei, \u00fcberhaupt irgendetwas Verst\u00e4ndliches zu formulieren.<\/p>\n<p>Weit von einer allseitigen Sichtweise entfernt, wie es Derrida behaupten w\u00fcrde, zeigt seine Philosophie vielmehr ein sehr einseitiges Verst\u00e4ndnis von Erkenntnis. Wenn unsere Vorstellungen keine objektive Wahrheit widerspiegeln und wenn \u201eSinn\u201c von den Menschen nach Lust und Laune erzeugt und \u201edekonstruiert\u201c werden kann, wie k\u00f6nnen Menschen, sei es durch Texte oder durch andere Mittel, kommunizieren? Wieso m\u00fcht sich Derrida mit dem Schreiben von Texten ab, wenn es keine objektive oder gemeinsame Basis f\u00fcr Sprache gibt? Und wie k\u00f6nnen wir \u00fcberhaupt feststellen, dass wir alle die gleiche Realit\u00e4t erleben? Sofern eine solche \u00fcberhaupt existiert, ist sie doch f\u00fcr uns alle unerfassbar?<\/p>\n<p>Derartige Widerspr\u00fcchlichkeiten scheinen Derrida nicht zu st\u00f6ren. Wie alle gefestigten postmodernen DenkerInnen empfindet Derrida Inkonsistenz als Ehrenauszeichnung. Sein bekanntester Begriff, jener der \u201eDekonstruktion\u201c, bedeutet \u2013 wenn \u00fcberhaupt irgendetwas \u2013 nur, dass die \u201eFreiheit\u201c darin besteht, die Konsistenz und Koh\u00e4renz von Ideen zu zerst\u00f6ren. So kann jedes Individuum seine eigene Realit\u00e4t konstruieren und \u201edekonstruieren\u201c. In der Tat argumentiert dies auch Judith Butler, die einflussreichste postmoderne Feministin:<\/p>\n<p>\u201eDie Unbestreitbarkeit des \u201abiologischen Geschlechts\u2018 oder seiner \u201aMaterialit\u00e4t\u2018 \u201aeinzur\u00e4umen\u2018 hei\u00dft stets, da\u00df man irgendeine Version des \u201abiologischen Geschlechts\u2018, irgendeine Ausformung von \u201aMaterialit\u00e4t\u2018 anerkennt. Ist nicht der Diskurs, in dem und durch den dieses Zugest\u00e4ndnis erfolgt \u2013 und zu diesem Zugest\u00e4ndnis kommt es ja unweigerlich \u2013 selbst formierend f\u00fcr genau das Ph\u00e4nomen, das er einr\u00e4umt? [\u2026] Auf ein solches au\u00dfer-diskursives Objekt naiv oder direkt \u201azu referieren\u2018, wird sogar immer die vorausgegangene Abgrenzung des Au\u00dfer-Diskursiven erfordern.\u201c[10]<\/p>\n<p>Der \u201eDiskurs\u201c ist \u201eformierend f\u00fcr genau das Ph\u00e4nomen, das er einr\u00e4umt\u201c. Denken schafft also Realit\u00e4t. Die materielle Realit\u00e4t, sogar das biologische Geschlecht ist \u201ediskursiv\u201c und kann selbstverst\u00e4ndlich durch den Diskurs ver\u00e4ndert werden. Wenn das biologische Geschlecht nur ein Produkt des \u201eDiskurses\u201c ist, dann trifft dies auch auf dich, mich und alles andere zu. Aber ist es dann nicht auch einfach m\u00f6glich, dass du meine eigene Realit\u00e4t konstruierst und dekonstruierst, und ich umgekehrt die deine? Butler sagt nichts dazu.<\/p>\n<p>Diese Theorie ist weder modern noch postmodern, sondern ziemlich alt. Womit wir es hier zu tun haben, ist subjektiver Idealismus \u2013 eine philosophische Str\u00f6mung, die auf die Fr\u00fchzeit der Philosophie zur\u00fcck geht. Das Grundprinzip des subjektiven Idealismus ist die Ablehnung einer unabh\u00e4ngig von den Gedanken und Sinneswahrnehmungen der Menschen existierenden, objektiven Realit\u00e4t.<\/p>\n<p>Derridas Ansatz ist schlichtweg eine primitive Kopie Immanuel Kants, der im 18. Jahrhundert argumentierte, dass das menschliche Bewusstsein die materielle Wirklichkeit, oder wie er es nannte, das \u201eDing an sich\u201c, nie wirklich erkennen k\u00f6nne. Laut Kant ist der Verstand \u201ea priori\u201c (von vornherein, unabh\u00e4ngig von der Erfahrung und Wahrnehmung; Anm. d. \u00dc.) mit einer Reihe von Denkkategorien, wie Raum, Zeit, Substanz, etc., ausgestattet, die es uns erm\u00f6glichen die \u201eWelt der Erscheinungen\u201c (Ph\u00e4nomene) sinnlich wahrzunehmen. Doch unser Verstand sei dabei nicht in der Lage, die materielle Wirklichkeit, so wie sie wirklich \u201ean sich\u201c ist, verstehen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Derrida greift jedoch vor Kant zur\u00fcck, indem er f\u00fcr jegliche Konzepte nur Spott \u00fcberhat. Alle verallgemeinerten Konzepte sieht er als Produkte des menschlichen Verstandes an, ohne dass diese in Verbindung zur objektiven Realit\u00e4t st\u00fcnden. Diese Ideen setzen noch vor Kant an. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts brachte Bischof George Berkeley im Kampf gegen den Materialismus die gleichen absurden Argumente vor, wenngleich auf eine viel durchdachtere Weise:<\/p>\n<p>\u201eEs besteht in der Tat eine auffallend verbreitete Meinung, dass H\u00e4user, Berge, Fl\u00fcsse, mit einem Wort, alle sinnlichen Objekte eine nat\u00fcrliche oder reale Existenz haben, die von ihrem Perzipiertwerden durch den Verstand verschieden ist.\u201d[11]<\/p>\n<p>Es gibt allerdings ein Problem bei dieser Theorie, das nicht so leicht vom Tisch gewischt werden kann. Dieses Argument f\u00fchrt n\u00e4mlich logisch unausweichlich zum Solipsismus (aus dem lateinischen solo ipsus, dt.: nur ich selbst). Dies ist die Vorstellung, dass wir der Existenz von nichts und niemandem sicher sein k\u00f6nnen, au\u00dfer jener unseres Denkens. Daher m\u00fcssen wir uns darauf beschr\u00e4nken, nichts als Einzelh\u00e4ftlinge unserer inneren Welten zu sein und alles andere ist eine Einbildung unserer Vorstellungskraft. Aber wenn dies so ist, so muss auch Gott nur eine Einbildung unseres Denkens sein.<\/p>\n<p>Geht es nach dieser Vorstellung, kann nichts jemals objektiv sein, da niemandes Existenz bewiesen werden kann. Alles ist eine Sch\u00f6pfung (\u201eKonstrukt\u201c) des Denkens. Diese Vorstellung ist klarerweise durch tausende Jahre menschlicher Erfahrung und Praxis widerlegt. Auch mindestens zweieinhalb Jahrtausende Wissenschaftsgeschichte widerlegen diese Aussage. Doch dies bek\u00fcmmert die PostmodernistInnen nicht, sie bestreiten sowieso jeglichen Fortschritt.<\/p>\n<p>Bischof Berkeley war ein reaktion\u00e4rer und entschiedener Verteidiger der Kirche. Sein erkl\u00e4rtes Ziel war es, den Kampf gegen die Wissenschaft, das rationale Denken, den Atheismus sowie den Materialismus der Aufkl\u00e4rung zu f\u00fchren. In allen Punkten, au\u00dfer einem (Atheismus), befinden sich die PostmodernistInnen in vollst\u00e4ndiger \u00dcbereinstimmung mit ihm. Seine Argumentation richtete sich gegen den Empirismus, eine fr\u00fche, damals vorherrschende Erscheinungsform des Materialismus. Die Empiriker behaupteten, dass alle Erkenntnis in letzter Instanz aus den Sinneseindr\u00fccken kommt. Das stimmt, ist aber einseitig. Die Argumentation wurde vom schottischen Philosophen David Hume bis zur Absurdit\u00e4t \u00fcberspitzt. Er vertrat den Standpunkt, dass wir nicht beweisen k\u00f6nnten, dass es mehr gibt, als unsere Sinneseindr\u00fccke.<\/p>\n<p>Wenn wir die Grundannahme der subjektiven Idealisten akzeptieren, existiert nur ein Ausweg aus dieser Absurdit\u00e4t: der Weg, den Bischof Berkeley vorschl\u00e4gt. Namentlich, dass es Gott ist, der auf uns einwirkt, so dass unsere Ideen objektiv werden und in einem allgemeinen Bezugsrahmen eingebettet sind. Doch es gibt auch einen anderen Weg: jenen des Materialismus und der Wissenschaft. Zu der Pr\u00e4misse, dass jegliche Erkenntnis \u00fcber die Sinneserfahrung gewonnen wird, m\u00fcssen wir eine weitere hinzuf\u00fcgen: dass eine objektive materielle Wirklichkeit unabh\u00e4ngig von unseren Ideen und Erfahrungen tats\u00e4chlich existiert und dass die Menschen in der Lage sind, diese Realit\u00e4t zu untersuchen und ihre Merkmale und inneren Bewegungsgesetze offenzulegen. Genau das lehnt der Postmodernismus jedoch ab.<\/p>\n<p><strong>Kann man die Wahrheit feststellen?<\/strong><\/p>\n<p>Eine wahre Idee steht im Einklang mit der Realit\u00e4t. Das ist allgemein anerkannt. Ein kleines Kind k\u00f6nnte denken, dass es Spa\u00df macht, mit dem Feuer zu spielen. Es wird schnell entdecken, dass dies keine richtige Annahme ist. \u00dcber einen schmerzhaften Lernprozess, durch praktisches Herumprobieren, wird das Kind jedoch mit der Zeit die Idee entwickeln, dass Feuer mit der richtigen Herangehensweise etwas sehr N\u00fctzliches sein kann und in gewissen Situation vielleicht sogar Spa\u00df macht. Das Feuer wird von einem \u201eDing an sich\u201c zu einem \u201eDing f\u00fcr uns\u201c. So verl\u00e4uft der generelle Weg der menschlichen Entwicklung \u2013 von der Unwissenheit zur Erkenntnis.<\/p>\n<p>Die PostmodernistInnen allerdings lehnen diesen Ansatz ab. Mehr noch, sie lehnen kategorisch ab, dass Ideen \u00fcberhaupt richtig oder falsch sein k\u00f6nnen. Sie verspotten grunds\u00e4tzliche Aussagen (wiewohl nicht alle, wie wir noch sehen werden), da dies implizieren w\u00fcrde, dass manche Aussagen richtiger w\u00e4ren als andere. Dementsprechend stopfen sie ihre Schriften mit vagen und im h\u00f6chsten Ma\u00dfe zweideutigen \u00c4u\u00dferungen voll, welche reich an bedingten Aussagen und langen, widerspr\u00fcchlichen Erkl\u00e4rungen sind.<\/p>\n<p>Foucault, der bedeutendste Denker der Postmoderne, findet es unm\u00f6glich, nach der objektiven Wahrheit zu streben. Wir k\u00f6nnten nicht auf einen Gedanken hoffen, dessen Inhalt nicht von Menschen abhinge. Der Wahrheitsgehalt einer Idee \u2013 das Wissen \u2013 soll ihm zufolge nicht von unserer Erfahrung der materiellen Wirklichkeit abgeleitet sein, sondern von dem, was er \u201eMacht\u201c nennt. Macht in dem Sinn, den wir diesem Begriff f\u00fcr gew\u00f6hnlich geben, etwa die Staatsmacht oder die Macht einer Klasse \u00fcber eine andere, ist damit nicht gemeint. \u201eMacht\u201c im foucaultschen Sinn bezeichnet im Wesentlichen ganz allgmein Wissen. Das hei\u00dft, die \u201eMacht\u201c schafft das Wissen und das Wissen schafft die \u201eMacht\u201c. Oder, um es anders auszudr\u00fccken, Wissen erzeugt Wissen. Das ist eine reine Tautologie, die genau nichts erkl\u00e4rt. Im Wesentlichen ist es das gleiche Prinzip, welches Derrida aufstellt. N\u00e4mlich dass Ideen und allgemeine Konzepte nicht die objektive Realit\u00e4t widerspiegeln, sondern nur andere Ideen und Konzepte.<\/p>\n<p>Foucault argumentiert weiter, dass Wahrheit nichts ist, was wir durch Austesten von Ideen in der realen Welt erreichen k\u00f6nnen. Vielmehr w\u00fcrde die Wahrheit von der \u201eMacht\u201c \u201ageschaffen\u2018. Und \u201eWahrheitsregime\u201c[12] werden der Gesellschaft von der \u201eMacht\u201c aufgezwungen. Die \u201eMacht\u201c bestimmt, was richtig und was falsch ist. Laut Foucault existieren in Wirklichkeit die Kategorien \u201erichtig\u201c und \u201efalsch\u201c jedoch nicht. Folglich ist nichts richtig oder falsch. Einer der Wege, dies zu entdecken, sei die Einnahme von LSD, informiert Foucault seine Leserschaft:<\/p>\n<p>\u201eNun sieht man auch leicht, wie LSD das Verh\u00e4ltnis zwischen schlechter Laune, Dummheit und Denken umzukehren vermag. Es setzt nicht die Oberhoheit der Kategorien au\u00dfer Kraft, sondern entzieht der Indifferenz [der Oberhoheit] den Boden und reduziert die stumpfsinnige Nachahmung der Dummheit auf null. Und diese ganze einstimmige, akategoriale Masse erscheint nun nicht nur als bunt, beweglich, asymmetrisch, dezentriert, spiralf\u00f6rmig und klingend, sondern wimmelt pl\u00f6tzlich von Phantasma-Ereignissen.\u201d[13]<\/p>\n<p>Wenn wir uns an einer \u00dcbersetzung dieses Kauderwelschs versuchen, vermittelt uns Foucault hier, dass LSD-induzierte Halluzinationen offenbaren, dass die Realit\u00e4t nicht so beschaffen ist, wie wir es normalerweise annehmen w\u00fcrden. An einem Tag denkt man, Elefanten w\u00e4ren wilde Tiere, die in Zoos oder tropischen Regionen leben und am n\u00e4chsten Tag sind sie m\u00f6glicherweise kleine, pinke Kreaturen, die im Kreis rund um meinen Kopf fliegen. Wer darf denn urteilen, welche dieser Vorstellungen richtig und welche falsch ist?<\/p>\n<p>Keinesfalls k\u00f6nne man \u00fcber Wahrheit reden, weder \u00fcber meine noch \u00fcber deine. Hierzu gibt es nat\u00fcrlich eine Ausnahme, die absolut und ewig g\u00fcltige Wahrheit der universellen Zur\u00fcckweisung des Wahrheitsbegriffes durch Monsieur Foucault. Hier haben wir ein weiteres Beispiel eines postmodernen Selbstwiderspruchs. Foucault bemerkt nicht einmal, dass er versucht, die \u201eRichtigkeit\u201c seiner Auffassung der Nicht-Existenz von Wahrheit zu beweisen. Wurde nicht genau das zuvor als Unm\u00f6glichkeit argumentiert?<\/p>\n<p>Kann man tats\u00e4chlich behaupten, wie es Foucault im Wesentlichen tut, dass die objektive Wahrheit eine Fiktion sei? Man kann glauben, ein Vogel zu sein und fliegen zu k\u00f6nnen. Doch wenn man vom Rand einer Klippe runterspringt, wird diese Vorstellung zusammen mit dem fallenden K\u00f6rper abst\u00fcrzen. Man kann sich vorstellen, ein Multimillion\u00e4r zu sein. Wenn man aber in die Bank geht und eine Million abheben will, wird man f\u00fcr verr\u00fcckt erkl\u00e4rt werden, etc., etc. Anh\u00e4ngerInnen der Postmoderne sind herzlich eingeladen, den Gegenbeweis anzutreten. Die Praxis wird uns dann zeigen, wer hier im Recht ist.<\/p>\n<p>\u00dcber das ganze Mittelalter hinweg, bis hinein ins 18. Jahrhundert glaubte man in Europa landl\u00e4ufig, dass Gott die Erde vor wenigen Jahrtausenden erschaffen habe. Doch die Wissenschaft hat diese Ansicht vollst\u00e4ndig zerst\u00f6rt. Heutzutage existiert diese Vorstellung daher nur noch auf Basis des Glaubens. Die Ablehnung der objektiven Wahrheit l\u00e4uft schlussendlich darauf hinaus, die ganze menschliche Erkenntnis auf das Niveau von Glauben und Aberglaube zu dr\u00fccken. Sie zieht uns zur\u00fcck in den Sumpf der Religion.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zum Glauben fu\u00dft jede Wissenschaft auf der Annahme, dass die nat\u00fcrliche Welt unabh\u00e4ngig von unseren Ideen existiert und unsere Vorstellungen Naturph\u00e4nomene widerspiegeln k\u00f6nnen. Wahrheit existiert folglich objektiv, das bedeutet unabh\u00e4ngig vom menschlichen Verstand. Das abzulehnen, kommt der Ablehnung von Wissenschaft gleich. Dies ist allerdings genau, was die PostmodernistInnen tun, wie wir sp\u00e4ter noch sehen werden.<\/p>\n<p><strong>Subjektive und objektive Erkenntnis<\/strong><\/p>\n<p>Der Postmodernismus erhebt die Subjektivit\u00e4t zu einem absoluten Prinzip. Daraus leitet er ab, dass das Denken im Allgemeinen begrenzt und einseitig ist, weshalb es die objektive Wahrheit nicht erfassen kann. F\u00fcr die kleinkarierten AkademikerInnen h\u00f6rt die Welt tats\u00e4chlich jenseits der eigenen Nasenspitze oder wenigstens an der T\u00fcr ihres Seminarraums auf zu existieren. Universit\u00e4tsprofessoren produzieren Worte. Das ergibt die Gesamtsumme ihrer eigenen, kleinen Welt, ihr Habitat \u2013 die einzige Umgebung, die sie kennen. So erkl\u00e4rt sich die Besessenheit der PostmodernistInnen auf Worte und Sprache. Es erkl\u00e4rt auch die extreme Enge ihrer Weltanschauung und die Armut ihres Denkens.<\/p>\n<p>Doch das Denken geht \u00fcber \u201edas Subjekt\u201c hinaus. Die gro\u00dfen wissenschaftlichen und philosophischen Theorien der Geschichte sind nicht blo\u00df das Produkt von gro\u00dfen Denkern; sie sind der h\u00f6chste Ausdruck der Entwicklung des menschlichen Denkens in ihrer jeweiligen gesellschaftlichen Epoche. Wenn wir \u00fcber menschliches Denken sprechen, besprechen wir nicht die Gedankeng\u00e4nge eines individuellen Denkers, sondern das kollektive, menschliche Denken im Allgemeinen.<\/p>\n<p>Es stimmt, dass jeder einzelne Mensch von Natur aus eine einseitige und begrenzte Perspektive hat. Aber durch Kooperation kann die Menschheit die Grenzen des Individuums \u00fcberwinden, indem sie die Objektivit\u00e4t jeder Behauptung aus einer Vielzahl von Blickwinkeln kollektiv pr\u00fcft und im wirklichen Leben anwendet. Die Gedanken im Kopf eines Menschen geh\u00f6ren nicht ihm allein \u2013 alle unsere Theorien und unsere Sprache sind das Produkt der Gesamtheit menschlich-gesellschaftlicher Entwicklung, die von einer Generation zur n\u00e4chsten weitergegeben wird. Das Verh\u00e4ltnis von Subjekt und Objekt ist aber auch nicht nur eine Frage abstrakten Nachdenkens. Die Menschheit interagiert aktiv mit der materiellen Welt, nicht passiv.<\/p>\n<p>Der Mensch ver\u00e4ndert die Welt durch kollektive Arbeit und dadurch ver\u00e4ndert er sich selbst. Dieser unaufh\u00f6rliche Schaffensprozess findet im Fortschritt der Wissenschaft seinen h\u00f6chsten Ausdruck, eine offensichtliche Tatsache, die der Postmodernismus abzustreiten sucht. Von der Unwissenheit zur Erkenntnis ist es ein endloser Weg. Was wir heute noch nicht wissen, werden wir morgen wissen. In diesem Sinne ist das kollektive menschliche Denken nicht nur zur Objektivit\u00e4t f\u00e4hig, es ist auch grenzenlos und absolut. Kein Wissen ist au\u00dferhalb seiner Reichweite.<\/p>\n<p>Marx erkl\u00e4rte in seinen Thesen \u00fcber Feuerbach:<\/p>\n<p>\u201eDie Frage, ob dem menschlichen Denken gegenst\u00e4ndliche Wahrheit zukomme \u2013 ist keine Frage der Theorie, sondern eine praktische Frage. In der Praxis mu\u00df der Mensch die Wahrheit, i.e. die Wirklichkeit und Macht, Diesseitigkeit seines Denkens beweisen. Der Streit \u00fcber die Wirklichkeit oder Nichtwirklichkeit des Denkens &#8211; das von der Praxis isoliert ist \u2013 ist eine rein scholastische Frage.\u201c[14]<\/p>\n<p>Losgel\u00f6st von der realen menschlichen Aktivit\u00e4t die Frage nach der Objektivit\u00e4t von Wahrheit zu stellen, l\u00e4uft auf leere Spekulation hinaus. Denken ist ein Ausdruck der Praxis und letztendlich werden Ideen in der Praxis abgetestet. Die Weiterentwicklung von Ideen dient der Verbesserung unserer Praxis. Ebenso werden bei dieser T\u00e4tigkeit die objektiv wahren Elemente aller Ideen bestimmt und von ihren falschen oder \u00fcberbetonten Aspekten getrennt.<\/p>\n<p><strong>Relative und absolute Wahrheit<\/strong><\/p>\n<p>Bedeutet aber die Tatsache, dass Ideen als objektiv wahr bewiesen werden k\u00f6nnen, dass menschliche Ideen wahr sind, von dem Moment an, in dem sie gedacht werden, bis in alle Ewigkeit? Nat\u00fcrlich nicht. Vom Standpunkt des Materialismus aus betrachtet, ist es sinnlos, vom Erreichen einer absoluten Wahrheit, im Sinne einer abschlie\u00dfenden Erkenntnis der Gesamtheit des Universums, zu sprechen. Die Menschheit ist in der Lage, die Naturgesetze auf allen Ebenen zu entdecken. Der st\u00e4ndige Fortschritt in der modernen Wissenschaft und Technologie beweist dies. Doch die Menschheit wird nie einen Punkt erreichen, an dem sie alles entdeckt hat, was es zu entdecken gibt. F\u00fcr jede Frage, die die Wissenschaft l\u00f6st, und f\u00fcr jedes Gebiet der Natur, das der Mensch meistert, er\u00f6ffnen sich neue Wege und neue Fragestellungen.<\/p>\n<p>Die Geschichte der Wissenschaft ist ein Prozess einer nie enden wollenden Reihe von Theorien, die aufsteigen und angesichts fortgeschrittener Theorien bald wieder verblassen. Doch auch hier zieht der Postmodernismus wieder aus einer formal korrekten Beobachtung eine \u00fcbertriebene und einseitige Schlussfolgerung. Da alle Theorien ab einem gewissen Punkt durch neuere und fortgeschrittenere Theorien ersetzt werden, wird daraus abgeleitet, dass keine Idee richtig sein kann und jegliche Wahrheit relativ und beliebig ist.<\/p>\n<p>In seinem Buch \u201eWahnsinn und Gesellschaft: Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft\u201c \u2013 das vorgeblich eine historische Abhandlung der Psychiatrie ist \u2013 pr\u00e4sentiert uns Foucault eine Reihe von Ideen und Methoden, die in der Vergangenheit in der Psychiatrie angewandt wurden, sich aber dann als falsch herausstellten. Tats\u00e4chlich w\u00e4re eine heutige Anwendung dieser Methoden \u00e4u\u00dferst reaktion\u00e4r. Auf dieser Grundlage versucht er, den Anspruch der Wissenschaft auf objektive Wahrheit im Allgemeinen anzugreifen.<\/p>\n<p>Dies ist ein allgemeiner Trend in allen \u201ehistorischen Abhandlungen\u201c von Foucault. Es ist, als erwarte er, dass die Wissenschaft der heilige Gral der absoluten und ewigen Wahrheit sei. Aufgrund dieser Erwartungshaltung ist er stets von dem entt\u00e4uscht, was er vorfindet und folgert, dass es notwendig sei, alle Wissenschaft und den Begriff der Wahrheit komplett zu verwerfen. Ein klassisches Strohmann-Argument. Denn in der Wissenschaft kann es nie darum gehen, die absolute Wahrheit festzulegen. Sie setzt sich ein weit bescheideneres Ziel: Schritt f\u00fcr Schritt die Wahrheit zu entdecken, durch die geduldige Anwendung der wirklichen wissenschaftlichen Methode: Beobachtung und Experiment.<\/p>\n<p>PostmodernistInnen betrachten die Wissenschaft vorangegangener Perioden mit Verachtung. Nat\u00fcrlich ist es leicht, eine weniger fortgeschrittene Periode vom sp\u00e4teren Standpunkt aus zu kritisieren. Es offenbart eine ignorante und feige Haltung, wie ein Erwachsener, der ein Kind l\u00e4cherlich macht, weil es nicht so raffiniert und selbstbewusst spricht, wie er selbst. Aber die Ideen verschiedener historischer Etappen sind nicht zuf\u00e4llig entstanden. Sie spiegeln die F\u00e4higkeiten der menschlichen Gesellschaft in jeder ihrer Phasen wider und sind als solche f\u00fcr diesen Zeitraum absolut. Das hei\u00dft, sie sind die h\u00f6chsten Wahrheiten, die die Gesellschaft zu dieser bestimmten Zeit erreichen konnte.<\/p>\n<p>Die von einer bestimmten Gesellschaft entdeckten besonderen Wahrheiten werden nicht willk\u00fcrlich erkannt. Es w\u00e4re f\u00fcr Newton unm\u00f6glich gewesen, die Quantenmechanik zu entwickeln. Die Newtonsche Mechanik ist ein notwendiges Bindeglied, das sp\u00e4ter zu den Entdeckungen der Quantenmechanik f\u00fchrte. Letztlich spiegelt das Denken \u2013 mit dem wissenschaftlichen Denken als dessen h\u00f6chsten Ausdruck \u2013 den Entwicklungsstand der Gesellschaft ihrer jeweiligen Zeit wider. Sie entwickelt aber wiederum auch die Gesellschaft als Ganzes, so dass diese Entwicklung zu einem bestimmten Zeitpunkt selbst zum Aufkommen neuer, komplexerer und fortschrittlicherer Denkformen f\u00fchrt. Dies ist der nie endende Entwicklungsprozess von der Unwissenheit zur Erkenntnis; von niedrigeren zu h\u00f6heren Wahrheitsformen.<\/p>\n<p>Das bedeutet nicht, dass die alten Ideen als reiner Unsinn verworfen werden. Im Gegenteil, ihr rationaler Kern wird zu einem notwendigen Element f\u00fcr den weiteren Fortschritt der Wissenschaft. Jede Ebene der Natur, die der Mensch zu beherrschen lernt, \u00f6ffnet den Weg zu einer tieferliegenden Ebene. Die Entwicklung der Newtonschen Mechanik war eine gro\u00dfe Eroberung f\u00fcr die Menschheit. Es war einer der ersten gro\u00dfen Fortschritte, die durch den Aufstieg des Kapitalismus eingeleitet wurden und spielte eine wichtige Rolle f\u00fcr die Entwicklung der Wissenschaft und der Gesellschaft im Allgemeinen. Aber die Wissenschaft war damit nicht zu Ende. Nach der klassischen Mechanik kam die Quantenmechanik. Die Quantenmechanik hat die klassische Mechanik nicht au\u00dfer Kraft gesetzt. Im Gegenteil, sie hat sie als Voraussetzung ben\u00f6tigt, so wie auch die Quantenmechanik in Zukunft die Grundlage f\u00fcr noch gr\u00f6\u00dfere wissenschaftliche Fortschritte bilden wird. Die Quantenmechanik wird den Boden bereiten, um \u00fcber sich selbst hinausgehen zu k\u00f6nnen. Sie wird dabei bis zu einem gewissen Grad g\u00fcltig bleiben, aber \u00fcber sie hinaus werden h\u00f6here Theorien entstehen.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zur Vorstellung der PostmodernistInnen springt die Geschichte des wissenschaftlichen Denkens nicht von einer zuf\u00e4lligen Theorie zur anderen, in einer ungl\u00fccklichen Jagd auf eine fl\u00fcchtige, ultimative Wahrheit. Es ist ein nie endender Prozess von immer tieferem Verst\u00e4ndnis der Natur und der Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten, die sie beherrschen. Jede Theorie wird letztendlich durch unerm\u00fcdliches Ausprobieren und Experimentieren abgetestet. Ihre zuf\u00e4lligen, subjektiven und falschen Elemente werden ausgesiebt, ihre Grenzen definiert und so ihr wahrer Kern der Gesamtheit menschlicher Erkenntnis hinzugef\u00fcgt, um so den Weg f\u00fcr neue, weiterentwickeltere Ideen zu ebnen, die sie dann ersetzen.<\/p>\n<p>Eine einzelne Theorie ist nicht isoliert von anderen und diesen diametral entgegengesetzt. Vielmehr bilden sie alle zusammen unterschiedliche Stadien der dialektischen Entwicklung der menschlichen Erkenntnis als Ganzes \u2013 eine unendliche Weiterentwicklung von niedrigen zu h\u00f6heren Formen der Wahrheit.<\/p>\n<p><strong>\u201eMetaerz\u00e4hlung\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Da die PhilosophInnen der Postmoderne den Wahrheitsbegriff ablehnen, sehen sie ihren Hauptgegner in jenen, die ihn anerkennen. Kehren wir f\u00fcr einen Moment zu dem Buch \u201eDas postmoderne Wissen\u201c zur\u00fcck, in dem Jean-Francois Lyotard versucht, die Bedeutung vom Begriff \u201epostmodern\u201c zu erkl\u00e4ren:<\/p>\n<p>\u201eWenn dieser Metadiskurs explizit auf diese oder jene gro\u00dfe Erz\u00e4hlung zur\u00fcckgreift wie die Dialektik des Geistes, die Hermeneutik des Sinns, die Emanzipation des vern\u00fcnftigen oder arbeitenden Subjekts, so beschlie\u00dft man \u201amodern\u2018 jene Wissenschaft zu nennen, die sich auf ihn bezieht, um sich zu legitimieren.<\/p>\n<p>Bei extremer Vereinfachung h\u00e4lt man die Skepsis gegen\u00fcber den Metaerz\u00e4hlungen f\u00fcr \u201apostmodern\u2018. Diese ist ohne Zweifel ein Resultat des Fortschritts der Wissenschaften; aber dieser Fortschritt setzt seinerseits diese Skepsis voraus. Dem Veralten des metanarrativen Dispositivs der Legitimation entspricht namentlich die Krise der metaphysischen Philosophie und der von ihr abh\u00e4ngigen universit\u00e4ren Institution. Die narrative Funktion verliert ihre Funktoren, den gro\u00dfen Heroen, die gro\u00dfen Gefahren, die gro\u00dfen Irrfahrten und das gro\u00dfe Ziel.\u201c[15]<\/p>\n<p>Hier haben wir ein absolut unbezahlbares Beispiel f\u00fcr das unverst\u00e4ndliche Kauderwelsch des Postmodernismus vor uns. Bitte bedenkt, dass Lyotard zu unserem Vorteil \u201ebei extremer Vereinfachung\u201c formuliert. Das ist auch gut so, denn sonst w\u00fcrden wir ernsthaft Gefahr laufen, wirklich zu verstehen, was er sagen m\u00f6chte: N\u00e4mlich, dass die Postmoderne alle Denkrichtungen ablehnt, die versuchen, eine zusammenh\u00e4ngende, koh\u00e4rente Weltsicht zu entwickeln.<\/p>\n<p>Die Ablehnung einer in sich geschlossenen Weltanschauung folgt logischerweise aus der Ablehnung der Existenz einer vom menschlichen Bewusstsein unabh\u00e4ngigen, objektiven Realit\u00e4t. Wenn die Existenz einer objektiven Realit\u00e4t und damit einer objektiven Wahrheit unabh\u00e4ngig von unserem Verstand geleugnet wird, dann kann es niemals allgemein g\u00fcltige Theorien geben. Jedes Individuum wird seine eigenen Theorien entwickeln, die auf seine besondere Realit\u00e4t anwendbar sind. In einem solchen Fall w\u00fcrden \u201eMeta-Erz\u00e4hlungen\u201c in der Tat auf den Formalismus und Schematismus hinauslaufen, die Gesetze meiner Welt der der anderen aufzuzwingen oder umgekehrt. Diejenigen, die sich dieses Verbrechens schuldig gemacht h\u00e4tten, w\u00e4ren aber die PostmodernistInnen selbst.<\/p>\n<p>Die Ablehnung von Metaerz\u00e4hlungen ist selbst die vulg\u00e4rste und umfassendste Metaerz\u00e4hlung, die man sich nur vorstellen kann. Und sie wird uns ohne einen einzigen Beweis oder ein einziges echtes Argument vorgesetzt. Im Wesentlichen wird von uns verlangt, die postmoderne Metaerz\u00e4hlung einfach in blindem Vertrauen zu akzeptieren. Der Postmodernismus ist die einzig wahre Metaerz\u00e4hlung. Alle anderen liegen falsch, weil er das einfach behauptet. Dies ist genau die Art jenes intellektuellen Mobbings und jener \u201eUnterdr\u00fcckung\u201c, gegen die die PostmodernistInnen so vehement protestieren. Und es ist die Grundlage f\u00fcr ihre hysterischen Angriffe auf jeden, der ernsthafte Einw\u00e4nde gegen ihre Aussagen erhebt. Die postmodernen Ideen unterscheiden sich damit nicht von irgendwelchen religi\u00f6sen Dogmen.<\/p>\n<p>PostmodernistInnen kritisieren den Marxismus daf\u00fcr, dass er dogmatisch sei und die Einbeziehung anderer Ideen in die marxistische Theorie ablehne. F\u00fcr manche Personen mag diese Kritik stimmig erscheinen. Wieso bei einer Philosophie bleiben, wenn man aus den besten Ideen, unabh\u00e4ngig davon, von welchem Philosophen oder welcher Denkrichtung sie entwickelt wurden, ausw\u00e4hlen kann? Doch das ist der springende Punkt. Die PostmodernistInnen\u00a0<em>sagen eben nicht<\/em>, dass wir die besten Ideen ausw\u00e4hlen sollten. Wir erinnern uns: Es gibt keine guten oder schlechten, wahren oder falschen Ideen! Es geht nicht darum, richtige Ideen zu haben, sondern darauf zu bestehen, dass die Ideen inkoh\u00e4rent sein m\u00fcssen. Erstmals in der Geschichte der Philosophie wird die \u201eeklektische Bettelsuppe\u201c, wie Engels sie nannte, zum Leitprinzip einer philosophischen Denkschule erhoben.<\/p>\n<p>MarxistInnen werden auch daf\u00fcr kritisiert, dass sie anderen Denkschulen gegen\u00fcber nicht \u201eoffen\u201c sind. Aber in Wirklichkeit ist das genaue Gegenteil der Fall! Die Damen und Herren des Postmodernismus sind besessen davon, neu und originell zu sein (was bei weitem nicht der Fall ist). Sie tun so, als ob die Geschichte mit ihnen selbst beginne und auch ende. Der Marxismus hingegen erhebt nicht den Anspruch, sich als etwas von fr\u00fcheren philosophischen Str\u00f6mungen v\u00f6llig Losgel\u00f6stes abzuheben. Wir behaupten nicht, dass die Ideen des wissenschaftlichen Sozialismus allein aus dem besonderen sch\u00f6pferischen Genie von Karl Marx und Friedrich Engels entsprungen seien.<\/p>\n<p>Der Marxismus ist eine Synthese des rationalen Kerns\u00a0<em>aller<\/em>\u00a0fr\u00fcheren Philosophien, die jeweils auf den Fortschritt fr\u00fcherer Epochen aufbauen. Er bildet ein einheitliches und harmonisches Ganzes. Die marxistische Lehre enth\u00e4lt in sich die wertvollsten und best\u00e4ndigsten Bestandteile der fr\u00fcheren Denkschulen \u2013 der antiken griechischen Philosophie, der deutschen klassischen Philosophie, der franz\u00f6sischen Materialisten der Aufkl\u00e4rung, der englischen politischen \u00d6konomie und der brillanten Entw\u00fcrfe der fr\u00fcheren utopischen Sozialisten. All dies enthielt auf die eine oder andere Weise wertvolle Wahrheiten und Einsichten, die verschiedene Seiten und Aspekte\u00a0<em>derselben, einzigen objektiven Realit\u00e4t<\/em>\u00a0widerspiegelten.<\/p>\n<p>Im Laufe der Jahrtausende der Entwicklungsgeschichte der Wissenschaft und des Denkens hat sich das Bild einer einzigen, wechselwirkenden materiellen Welt geformt, die nach ihren eigenen inh\u00e4renten Bewegungs- und Entwicklungsgesetzen funktioniert. Dies wird jeden Tag deutlicher und bildet die Grundlage f\u00fcr die einheitliche Weltanschauung des Marxismus und jeder echten wissenschaftlichen Theorie. Die systematische Untersuchung dieser Gesetze auf den verschiedensten Ebenen der Natur ist der Hauptzweck jeder Wissenschaft. All dies ist den postmodernen PhilosophInnen, die sich gegen s\u00e4mtliche Formen von systematischem Denken str\u00e4uben, ein Gr\u00e4uel.<\/p>\n<p><strong>\u201eAnti-Wissenschaft\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Die Ablehnung der systematischen Untersuchung und der Wissenschaft im Allgemeinen ist genau, was hinter der Ablehnung der \u201eMetaerz\u00e4hlungen\u201c steckt. Achtet im Folgenden auf Foucaults sp\u00f6ttische Schimpftirade gegen \u201edie Tyrannei der \u00fcbergreifenden Diskurse mitsamt ihrer Hierarchie und s\u00e4mtlichen Privilegien der theoretischen Avantgarden\u201c[16], und weiter: \u201eDen Machtwirkungen, wie sie einem als wissenschaftlich betrachteten Diskurs eigen sind, muss die Genealogie den Kampf ansagen.\u201c[17]<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich definiert Foucault seine wichtigste Methode, die \u201eGenealogie\u201c, nicht mehr und nicht weniger als \u201eAnti-Wissenschaft\u201c.<\/p>\n<p>\u201eNicht Empirismus also durchdringt das genealogische Projekt, noch folgt aus ihm ein Positivismus im \u00fcblichen Sinn des Worts. Vielmehr geht es darum, lokale, unzusammenh\u00e4ngende, disqualifizierte, nicht legitimierte Wissen gegen die theoretische Einheitsinstanz ins Spiel zu bringen, die den Anspruch erhebt, sie im Namen wahrer Erkenntnis, im Namen der Rechte einer von gewissen Leuten betriebenen Wissenschaft zu filtern, zu hierarchisieren und zu ordnen. Die Genealogien sind somit nicht positivistische R\u00fcckgriffe auf eine gewissenhaftere und genauere Form der Wissenschaft.\u00a0<strong>Die Genealogien sind gerade Anti-Wissenschaft<\/strong>.\u201c[18]<\/p>\n<p>Was ist dies anderes, als eine Kriegserkl\u00e4rung gegen die Wissenschaft und das rationale Denken, sowie eine Verteidigung des Obskurantismus?[19] Schlimmer noch, diese reaktion\u00e4ren Ideen werden als die radikalste existierende Denkweise verkauft. Die Feministin Luce Irigaray beispielsweise zeichnet sich durch ihre Ablehnung von Einsteins Relativit\u00e4tstheorie aus. Sie begr\u00fcndet dies damit, dass die Theorie \u201esexistisch\u201c sei, vermutlich weil Albert Einstein das Pech hatte, ein Mann zu sein. Ihr Aufsatz von 1987 tr\u00e4gt den Titel \u201eLe Sujet de la Science Est-il Sexu\u00e9?\u201c (Ist das Subjekt der Wissenschaft vergeschlechtlicht?). Sich mit dieser Frage auseinandersetzend schreibt sie:<\/p>\n<p>\u201eM\u00f6glicherweise ist es das. Stellen wir die Hypothese auf, dass es das insofern so ist, als es die Lichtgeschwindigkeit gegen\u00fcber anderen Geschwindigkeiten bevorzugt, die f\u00fcr uns lebenswichtig sind. Was mir eine m\u00f6gliche Vergeschlechtlichung der Gleichung nahezulegen scheint, ist nicht unmittelbar ihre Verwendung durch Atomwaffen, sondern die Privilegierung dessen, was am schnellsten geht.\u201c[20]<\/p>\n<p>An anderer Stelle f\u00fchrt Irigaray ihre Schm\u00e4hrede gegen den bedauernswerten Einstein fort:<\/p>\n<p>\u201eAber was bringt uns die m\u00e4chtige Relativit\u00e4tstheorie, au\u00dfer die Errichtung der Kernkraftwerke und die Infragestellung unserer k\u00f6rperlichen Tr\u00e4gheit, jener notwendigen Bedingung des Lebens?\u201c[21]<\/p>\n<p>Nach der verworrenen Argumentation von Irigaray ist Geschwindigkeit also ein \u00fcberwiegend m\u00e4nnliches Merkmal und daher ist Einsteins \u201eFixierung\u201c auf die Geschwindigkeit in seiner Gleichung (E = mc\u00b2) \u201esexistisch\u201c. Warum M\u00e4nner mehr von Geschwindigkeit besessen sein sollten, als Frauen, ist ein R\u00e4tsel, das nur Irigaray kl\u00e4ren kann. Soweit wir aber wissen, w\u00fcrde es Mann und Frau genau gleich schwer fallen, sich auf Lichtgeschwindigkeit zu beschleunigen.<\/p>\n<p>Hier zeigt sich die irrationale wissenschaftsfeindliche Natur der Postmoderne in ihrer vollen Pracht. Die Relativit\u00e4tstheorie, einer der grundlegendsten Eckpfeiler der modernen Wissenschaft, wird als \u201esexistisch\u201c angeprangert, weil ihr Urheber, Albert Einstein, ein Mann war.<\/p>\n<p>Hinter der scheinbar unschuldigen Absage an \u201eMetaerz\u00e4hlungen\u201c und \u201e\u00fcbergreifende Diskurse\u201c, gekleidet in radikal klingende Rhetorik, betreibt der Postmodernismus weltweit eine wahrhafte Inquisition gegen Wissenschaft und Kultur. Hier wird \u201elokales, unzusammenh\u00e4ngendes, disqualifiziertes, nicht legitimiertes Wissen\u201c angepriesen, im Klartext: diskreditierte, mystische Ideen, die auf dem Abfallhaufen der Philosophiegeschichte herumliegen. Gleichzeitig werden die gro\u00dfartigsten Theorien und K\u00f6pfe der Menschheit verdammt, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Sollten diese Ideen jemals im realen Leben umgesetzt werden, w\u00fcrde dies die vollst\u00e4ndige Verw\u00fcstung aller Errungenschaften der Zivilisation anrichten.<\/p>\n<p><strong>Antimarxistisch<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Postmoderne die h\u00f6chste Entwicklungsstufe der Irrationalit\u00e4t darstellt, ist der Marxismus die h\u00f6chste Form des wissenschaftlichen Denkens. Gerade weil der Marxismus die konsequenteste und wissenschaftlichste Weltanschauung ist, zieht er den besonderen Zorn der PostmodernistInnen auf sich. Es ist interessant festzuhalten, dass Foucaults Haupteinwand gegen den Marxismus gerade darin besteht, dass er wissenschaftlich ist. Um mit Foucaults Worten zu sprechen:<\/p>\n<p>\u201eWenn wir etwas gegen den Marxismus einzuwenden haben, dann eben dies, dass er wirklich eine Wissenschaft sein k\u00f6nnte.\u201c[22]<\/p>\n<p>An einer anderen Stelle im selben Text schreibt er:<\/p>\n<p>\u201eOb diese Institutionalisierung des wissenschaftlichen Diskurses in einer Universit\u00e4t oder, allgemeiner, in einem theoretisch-kommerziellen Netz wie der Psychoanalyse oder in einem politischen Apparat sich verk\u00f6rpert, mit all ihren Seitenlinien, wie im Falle des Marxismus, ist im Grunde genommen von nachrangiger Bedeutung.\u00a0<strong>Den Machtwirkungen, wie sie einem als wissenschaftlich betrachteten Diskurs eigen sind, muss die Genealogie den Kampf ansagen<\/strong>.\u201c [23]<\/p>\n<p>Hier entlarvt sich der Postmodernismus als eine wissenschaftsfeindliche und konterrevolution\u00e4re Ideologie, die dem Marxismus auf das fundamentalste entgegengesetzt ist. Manchmal wird die Meinung vertreten, dass man postmoderne und marxistische Ideen miteinander verbinden soll. Doch diese zwei Denkschulen sind grundlegend miteinander unvereinbar. Foucault erkennt dies an, wenn er schreibt:<\/p>\n<p>\u201eNicht, dass diese umfassenden und globalen Theorien nicht ziemlich konstant lokal einsetzbare Instrumente geliefert h\u00e4tten und immer noch liefern: Marxismus und Psychoanalyse sind nur dazu da, dies zu beweisen. Aber sie haben diese lokal einsetzbaren Instrumente, wie ich glaube,\u00a0<strong>nur unter der Bedingung bereitgestellt, dass die theoretische Einheit des Diskurses gleichsam aufgehoben oder jedenfalls unterteilt, hin und her gezerrt, zerfetzt, umgedreht, verschoben, karikiert, ausgespielt, theatralisiert usw. werde.<\/strong>\u00a0In jedem Fall hat jede Wiederaufnahme sogar in Kategorien die Totalit\u00e4t [zu denken] in Wirklichkeit zu einem Bremseffekt gef\u00fchrt.\u201c[24]<\/p>\n<p>Marxismus und Postmodernismus sind nur auf Kosten der \u201etheoretischen Einheitlichkeit\u201c des Marxismus miteinander in Einklang zu bringen, also wenn der Marxismus aufh\u00f6rt, eine Wissenschaft zu sein, wenn der Marxismus aufh\u00f6rt, wahr zu sein und wenn er aufh\u00f6rt, materialistisch zu sein &#8230; Anders formuliert: Postmoderne und Marxismus sind nur vereinbar, wenn der Marxismus aufh\u00f6rt, Marxismus zu sein.<\/p>\n<p>Der Marxismus steht in unvers\u00f6hnlicher Opposition zum Postmodernismus. Wir sind MaterialistInnen und stehen fest auf der Grundlage der objektiven Wahrheit und der Wissenschaftlichkeit. Wir sind von der Existenz einer einzigen, zusammenh\u00e4ngenden materiellen Welt \u00fcberzeugt, die schon immer existiert hat und weder die Sch\u00f6pfung eines Gottes, noch der \u201eMacht\u201c von Monsieur Foucault ist. Das Leben ist ein Produkt der materiellen Welt und der Mensch ist seine h\u00f6chstentwickelte Lebensform. Durch unsere T\u00e4tigkeit sind wir in der Lage, die Naturgesetze zu entdecken und zu unserem Vorteil zu nutzen, wiewohl auch die menschliche Spezies den Naturgesetzen unterliegt, gestalten wir unsere Umwelt und wir ver\u00e4ndern uns dabei auch selbst.<\/p>\n<p>Eine konsequente, materialistische Erkenntnistheorie vertritt, dass Wissen letztlich aus Sinneserfahrungen abgeleitet wird. Unsere Sinne sind keine Barrieren, sondern vielmehr Br\u00fccken zur Au\u00dfenwelt. Warum sollten unsere Sinne sonst unser Hirn mit genau jener, und nicht mit einer beliebigen anderen Information versorgen? Wir \u00e4ndern die Welt nicht, indem wir die Sprache oder unsere Denkweise ver\u00e4ndern. Die Wahrheit l\u00e4sst sich nicht im \u201eText\u201c oder im \u201eDiskurs\u201c finden, sondern in der realen, materiellen Welt. Wir k\u00f6nnen die Welt auf bestimmte Weisen ver\u00e4ndern und unsere Sinne vermitteln uns, ob wir erfolgreich waren. Durch die Interaktion mit der Welt entdecken, testen und perfektionieren wir unsere Ideen und verleihen ihnen letztendlich objektive G\u00fcltigkeit.<\/p>\n<p>Das sind die Grunds\u00e4tze der Wissenschaft. Sich von ihnen zu entfernen, bedeutet, den Weg der Religion und Mystik zu betreten. Die PostmodernistInnen haben die Wissenschaftlichkeit \u00fcber Bord geworfen und f\u00fchren auch einen aktiven Kampf gegen das Wesen der Wissenschaft selbst. Die Tatsache, dass diese reaktion\u00e4ren Ideen an den Universit\u00e4ten, Schulen und \u00fcber die Medien auf der ganzen Welt auf und ab gepredigt werden, zeigt, wie kaputt der Kapitalismus heute ist. Die Existenz dieses Systems ist mit den Interessen der \u00fcberwiegenden Mehrheit der Menschheit nicht mehr vereinbar.<\/p>\n<p>Die Ablehnung der Existenz einer objektiven Realit\u00e4t und objektiver Wahrheit dient letztendlich der Beh\u00fcbschung und der ideologischen Verteidigung des Status quo. Wenn Fortschritt unm\u00f6glich ist, ist es auch zwecklos, bewusst eine bessere Gesellschaft anzustreben. Und wenn es keine objektive Wahrheit gibt, k\u00f6nnen wir nicht sagen, dass Ausbeutung, Armut, Unterdr\u00fcckung und Krieg \u201eschlecht\u201c sind \u2013 es ist alles nur eine Frage der Perspektive. Die VerfechterInnen der Postmoderne enden so als ApologetInnen des Kapitalismus. Eine wahrhaft revolution\u00e4re Philosophie kann nur eine durch und durch wissenschaftliche und materialistische Philosophie sein, die der Realit\u00e4t direkt ins Gesicht sieht. Nur das klarste und genaueste Verst\u00e4ndnis der Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten von Natur und Gesellschaft kann einen Weg aus der Sackgasse des Kapitalismus und der Klassengesellschaft aufzeigen.<\/p>\n<p>In den Worten von Karl Marx, der das endg\u00fcltige und vernichtende Urteil \u00fcber die gesamte b\u00fcrgerliche Philosophie gesprochen hat: Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt drauf an, sie zu ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p><strong>Fussnoten<\/strong><\/p>\n<p>[1] Jean-Fran\u00e7ois Lyotard (1978): Bemerkungen \u00fcber die Wiederkehr und das Kapital, in: Intensit\u00e4ten. Merve Verlag, Berlin, S. 32.<\/p>\n<p>[2] Jean Baudrillard (1990): Cool Memories 1980-1985. Verso, London, S. 67 \u2013 eigene \u00dcbersetzung.<\/p>\n<p>[3] Gilles Deleuze und Felix Guattari (1974): Anti-\u00d6dipus. Kapitalismus und Schizophrenie I. SuhrkampVerlag, Frankfurt a. M., S. 10.<\/p>\n<p>[4] Michel Foucault (1981): Theatrum Philosophicum, in: Schriften in vier B\u00e4nden: Band 2: 1970\u2013 1975. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M., S. 122.<\/p>\n<p>[5] Jean-Fran\u00e7ois Lyotard (1979): Das postmoderneWissen: Ein Bericht. Passagen Verlag, Wien, S. 24.<\/p>\n<p>[6] Michel Foucault (1977): Prison Talk: an interview, in: Radical Philosophy, Vol. 16. Group, London, S. 14 &#8211; eigene \u00dcbersetzung.<\/p>\n<p>[7] Judith Butler (1990): Gender Trouble: Feminism and the Subversion of Identity. Routledge, New York\/London, S. xviii \u2013 eigene \u00dcbersetzung.<\/p>\n<p>[8] Butler verwendet den mehrdeutigen Begriff \u201eIntelligibilit\u00e4t\u201c, was eigentlich das nur durch Vernunft Erfassbare bezeichnet; Anm. d. \u00dc.<\/p>\n<p>[9] Jacques Derrida: Grammatologie. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M., S. 274.<\/p>\n<p>[10] Judith Butler (1993): K\u00f6rper von Gewicht. Die diskursiven Grenzen des Geschlechts. Berlin Verlag, Berlin, S. 33f.<\/p>\n<p>[11] George Berkeley (1710\/1979): Eine Abhandlung \u00fcber die Prinzipien der menschlichen Erkenntnis. Meiner Verlag, Hamburg, S. 27.<\/p>\n<p>[12] Michel Foucault (1980): Power\/Knowledge: Selected Intervies &amp; Other Writings 1972 \u2013 1977. Pantheon Books, New York, S. 83 \u2013 eigene \u00dcbersetzung.<\/p>\n<p>[13] Michel Foucault (1981): Theatrum Philosophicum, S. 117.<\/p>\n<p>[14] Karl Marx: Thesen \u00fcber Feuerbach, in: MEW Bd. 3, Dietz Verlag, Berlin, 1969, S. 533f.<\/p>\n<p>[15] Jean-Fran\u00e7ois Lyotard (1979): Das postmoderne Wissen: Ein Bericht. Passagen Verlag, Wien, S.23f.<\/p>\n<p>[16] Michel Foucault (1976\/2001): In Verteidigung der Gesellschaft: Vorlesungen am Coll\u00e8ge de France (1975 \u2013 76). Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M., S. 23.<\/p>\n<p>[17] Ebd. S. 24.<\/p>\n<p>[18] Ebd. S. 23.<\/p>\n<p>[19] Bestrebung die Menschen unwissend zu haltenund im Glauben an \u00dcbernat\u00fcrliches zu erziehen;Anm. d. \u00dc.<\/p>\n<p>[20] Luce Irigaray &amp; Carol Mastrangelo Bov\u00e9(1987): Le Sujet de la Science Est-ll Sexu\u00e9?\/Is the Subject of Science Sexed?, in: Feminism &amp; Sciene.Vol. 2. No. 3. Cambridge University Press, Cambridge, S. 65 \u2013 87 \u2013 eigene \u00dcbersetzung.<\/p>\n<p>[21] Ebd.<\/p>\n<p>[22] Michel Foucault (1976\/2001): In Verteidigung der Gesellschaft, S. 24.<\/p>\n<p>[23] Ebd.<\/p>\n<p>[24] Ebd. S. 20.<\/p>\n<p>[<a href=\"https:\/\/derfunke.at\/theorie\/ideologiekritik\/11872-marxismus-versus-postmodernismus-versteckspiel-mit-der-wahrheit\"><strong>Source<\/strong><\/a>]<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.marxist.com\/marxismus-versus-postmodernismus-versteckspiel-mit-der-wahrheit.htm\"><em>marxist.com&#8230;<\/em><\/a> <em>vom 24. M\u00e4rz 2022<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Daniel Morley und Hamid Alizadeh. Die Geschichte der Philosophie kennt eine breite Palette von Denkschulen, Untergruppierungen und Str\u00f6mungen, die ein vielf\u00e4ltiges Spektrum von Weltanschauungen und Grunds\u00e4tzen umfassen. 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