{"id":11011,"date":"2022-03-28T17:32:59","date_gmt":"2022-03-28T15:32:59","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11011"},"modified":"2022-03-28T17:33:56","modified_gmt":"2022-03-28T15:33:56","slug":"11011","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11011","title":{"rendered":"Unruhen im Sudan und Ausbreitung des Hungers in Afrika wegen Ukrainekrieg"},"content":{"rendered":"<p><em>Jean Shaoul. <\/em>Im Sudan protestierten letzte Woche Tausende von Arbeitern und Studierenden gegen die rasant steigenden Lebensmittel- und Spritpreise. Die Lebensmittelpreise sind im Vergleich zum Vorjahr um 100 bis 200 Prozent gestiegen und die Inflation liegt bei 250 Prozent.<!--more--><\/p>\n<p>In der Hauptstadt Khartum wurden letzte Woche Tr\u00e4nengas und Blendgranaten gegen Demonstranten eingesetzt, die sich dem Pr\u00e4sidentenpalast bis auf 200 Meter gen\u00e4hert hatten.<\/p>\n<p>Im Vorfeld der Massenproteste war im letzten Monat der Wert des sudanesischen Pfunds stark gesunken, weil die Milit\u00e4rjunta ihre Politik der festen Wechselkurse beendet hatte. Zeitgleich streiken in Atbara Lehrkr\u00e4fte und Bahnarbeiter gegen extrem niedrige L\u00f6hne.<\/p>\n<p>Laut dem Weltern\u00e4hrungsprogramm der Vereinten Nationen wird aufgrund des Milit\u00e4rputsches gegen Premierminister Abdalla im Oktober letzten Jahres (in dessen Folge internationale Finanzinstitute wichtige Finanzhilfen in H\u00f6he von mehreren Milliarden Dollar aussetzten), des Kriegs in der Ukraine und der Sanktionen gegen Russland fast die H\u00e4lfte der 44 Millionen Einwohner des Sudan in diesem Jahr unter Hunger leiden.<\/p>\n<p>Das Weltern\u00e4hrungsprogramm erkl\u00e4rt, dass dieses Jahr etwa 20 Millionen Menschen unter akuter Ern\u00e4hrungsunsicherheit auf \u201eNotfall\u201c- oder \u201eKrisenniveau\u201c leiden werden. Das sind doppelt so viele wie im Jahr 2021. Aufgrund der steigenden Getreidepreise, dem Mangel an Devisen und der D\u00fcrre in einigen Teilen des Landes hat sich die Situation dramatisch verschlechtert. Die Entwicklungen treiben die wachsende Protestbewegung f\u00fcr ein Ende der Milit\u00e4rherrschaft an.<\/p>\n<p>Wie viele andere L\u00e4nder Afrikas hat auch der Sudan etwa 35 Prozent seiner Weizenimporte aus Russland und der Ukraine bezogen. Jetzt muss er einen anderen Anbieter finden, der deutlich h\u00f6here Preise fordert. Letztes Jahr entfielen auf Russland und die Ukraine fast ein Drittel der weltweiten Getreideexporte, ein F\u00fcnftel des Maishandels und fast 80 Prozent der Produktion von Sonnenblumen\u00f6l. Laut dem US-Landwirtschaftsministerium werden die weltweiten Weizenbest\u00e4nde knapp werden, da die Exporte aus Russland und der Ukraine vermutlich sieben Millionen Tonnen geringer ausfallen werden als vor dem Krieg.<\/p>\n<p>Seit Beginn des von den USA und der Nato provozierten Kriegs sind die Exporte aus Russland und der Ukraine nahezu zum Erliegen gekommen. Die Ursache daf\u00fcr sind zum einen die von Washington und den europ\u00e4ischen M\u00e4chten verh\u00e4ngten Sanktionen gegen die russischen Banken, Reedereien und Fluggesellschaften, zum anderen das ukrainische Exportverbot von Getreide und anderen Lebensmitteln, mit dem eine innere humanit\u00e4re Krise verhindert werden soll. Die n\u00f6rdlichen Schwarzmeerh\u00e4fen, wo einige der verheerendsten K\u00e4mpfe stattfinden und \u00fcber die ein Gro\u00dfteil der russischen und ukrainischen Getreideexporte abgewickelt werden, sind geschlossen. Frachtflugzeuge k\u00f6nnen den russischen Luftraum aufgrund von Flugverboten nicht nutzen. Diese Situation hat die Lebensmittelpreise in die H\u00f6he getrieben, die schon zuvor wegen der Pandemie und den daraus resultierenden Problemen bei den Lieferketten gestiegen waren. Die Armut greift um sich.<\/p>\n<p>Aus der n\u00f6rdlichen Schwarzmeerregion werden mindestens 12 Prozent der weltweit gehandelten Nahrungskalorien exportiert. Da die Ukraine \u00fcber ein Drittel der fruchtbarsten B\u00f6den der Welt verf\u00fcgt, sind 45 Prozent ihrer Exporte Landwirtschaftsprodukte. Da ein Teil der ukrainischen Exporte als Tierfutter dienen, wird das Exportverbot und die Beeintr\u00e4chtigungen durch den Krieg vermutlich Folgen f\u00fcr den Viehbestand haben. Zudem wird die Anbausaison durch die Flucht von Bauern und die Zerst\u00f6rung der Infrastruktur und von landwirtschaftlichen Ger\u00e4ten gef\u00e4hrdet.<\/p>\n<p>Laut dem Internationalen W\u00e4hrungsfonds (IWF) ist der Weizenpreis zwischen April 2020 und Dezember 2021 aufgrund der Pandemie um 80 Prozent gestiegen. Damit haben die Lebensmittelpreise den h\u00f6chsten Stand seit den 1970ern erreicht. Im Jahr 2022 sind die Weizenpreise bereits um 37 Prozent und die Preise f\u00fcr Mais um 21 Prozent gestiegen. Termingesch\u00e4fte mit Weizen haben im Vergleich zum Zeitraum vor sechs Monaten um 80 Prozent zugelegt, die mit Mais um 58 Prozent.<\/p>\n<p>Dreiundzwanzig der 54 Staaten Afrikas beziehen mehr als die H\u00e4lfte ihrer importierten Grundnahrungsmittel aus Russland und der Ukraine. Einige L\u00e4nder sind noch abh\u00e4ngiger: Der Sudan, \u00c4gypten, Tansania, Eritrea und Benin importieren 80 Prozent ihres Weizens und Algerien, der Sudan sowie Tunesien mehr als 95 Prozent ihres Sonnenblumen\u00f6ls aus Russland und der Ukraine. Auch in diesen L\u00e4ndern steigen s\u00e4mtliche Preise und versch\u00e4rfen die Hungersnot. Gleichzeitig verf\u00fcgen die meisten afrikanischen Staaten \u00fcber keinerlei soziales Sicherungsnetz.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Bild1-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Bild1-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-11012\" width=\"712\" height=\"738\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Bild1-1.jpg 523w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Bild1-1-289x300.jpg 289w\" sizes=\"auto, (max-width: 712px) 100vw, 712px\" \/><\/a><figcaption><em>Abh\u00e4ngigkeit der afrikanischen Staaten von russischem und ukrainischem Weizen. 25 afrikanische Staaten importieren mehr als ein Drittel ihres Weizens aus Russland und der Ukraine, 15 L\u00e4nder mehr als die H\u00e4lfte. (Konferenz der Vereinten Nationen f\u00fcr Handel und Entwicklung-@UNCTAD\/Twitter)<\/em><\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Lebenshaltungskosten werden rapide steigen, vor allem in L\u00e4ndern wie Nigeria, Kenia, Ghana, Ruanda und \u00c4gypten, die einen Gro\u00dfteil ihrer Lebensmittel importieren. Hier sind auch die wirtschaftlichen Folgen von Covid-19 am st\u00e4rksten sp\u00fcrbar. Die Zahl der vom Hunger bedrohten Menschen in Afrika wird sich vermutlich auf mehr als 500 Millionen von insgesamt 1,2 Milliarden Einwohnern des Kontinents verdoppeln.<\/p>\n<p>In \u00c4gypten sind die Gefahren besonders akut, da das Land der weltweit gr\u00f6\u00dfte Importeur von Weizen ist und auf Russland und die Ukraine 80 Prozent der Gesamtimporte entfallen. Von den 104 Millionen Einwohnern \u00c4gyptens leben etwa 30 Millionen von weniger als 1,50 Dollar pro Tag. Mehr als 70 Millionen sind abh\u00e4ngig von staatlich subventionierten Importen von Brot und pflanzlichem \u00d6l.<\/p>\n<p>Die Regierung hat den Export von Weizen, Mehl und anderen Grundnahrungsmitteln verboten, was zu einem scharfen Anstieg der Preise f\u00fchren wird. Besonders betroffen werden L\u00e4nder wie der Jemen sein, wo schon jetzt die gr\u00f6\u00dfte humanit\u00e4re Krise der Welt herrscht. Der \u00e4gyptische Pr\u00e4sident Abdel Fattah al-Sisi k\u00fcndigte letztes Jahr eine Erh\u00f6hung der subventionierten Brotpreise an. Da die \u00e4gyptischen Brotsubventionen bereits 3,2 Milliarden Dollar pro Jahr kosten, rechnet das Finanzministerium f\u00fcr 2021\u201322 mit Mehrkosten von 763 Millionen Dollar.<\/p>\n<p>Letzten Juli hatte die Regierung die Subventionen f\u00fcr Sonnenblumen- und Soja\u00f6l um 20 Prozent gek\u00fcrzt, f\u00fcr unvermischtes Pflanzen\u00f6l um 23,5 Prozent. Diese Woche erh\u00f6hte Premierminister Moustafa Madbouly den Preis f\u00fcr nicht-subventioniertes Brot um ein Viertel auf 11,5 \u00e4gyptische Pfund, w\u00e4hrend die W\u00e4hrung angesichts des Kriegs in der Ukraine im Vergleich zum Dollar um 14 Prozent an Wert verlor.<\/p>\n<p>In Libyen, das mehr als 40 Prozent seines Weizens aus der Ukraine importiert, sind die Preise f\u00fcr Weizen und Mehl um bis zu 30 Prozent gestiegen. Laut dem Weltern\u00e4hrungsprogramm hingen im Jahr 2022, bereits vor dem russischen \u00dcberfall auf die Ukraine, 12 Prozent der Bev\u00f6lkerung bzw. 511.000 Menschen von Nahrungsmittelhilfen ab. Dazu kommen 635.051 Migranten, Asylsuchende und Fl\u00fcchtlinge, von denen ein Viertel unter mittlerer oder hoher Ern\u00e4hrungsunsicherheit leiden. Diese schrecklichen Zahlen verdeutlichen, wie stark der Nato-Krieg von 2011 das Land zerst\u00f6rt hat, das zuvor zu den L\u00e4ndern mit mittlerem Einkommen geh\u00f6rte.<\/p>\n<p>Im S\u00fcdsudan, der seit seiner Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung im Jahr 2011 unter einem B\u00fcrgerkrieg und Konflikten zwischen rivalisierenden Cliquen um die \u00d6lvorkommen leidet, sind in der kommenden Trockenzeit vermutlich 8,9 Millionen der 12 Millionen Einwohnern von Hunger bedroht; 680.000 davon waren seit Mai 2021 von \u00dcberschwemmungen betroffen.<\/p>\n<p>In \u00c4thiopien wurden durch die K\u00e4mpfe in und um die n\u00f6rdliche Provinz Tigray mehr als zwei Millionen Menschen zu Binnenfl\u00fcchtlingen. Ein Gro\u00dfteil der verbliebenen vier Millionen Einwohner haben nicht genug Nahrung und \u00fcberleben, indem sie ihre Ern\u00e4hrung reduzieren, Agrarprodukte verkaufen, um ihre Schulden zu bezahlen, oder betteln. 454.000 Kinder sind unterern\u00e4hrt, davon mehr als ein Viertel schwer. Hinzu kommen 120.000 unterern\u00e4hrte schwangere oder stillende Frauen. Die Situation wird noch verschlimmert, weil die UN seit Mitte Dezember nicht in der Lage ist, Tigray mit Notfall-Lieferungen von Lebensmitteln zu versorgen.<\/p>\n<p>Laut dem Weltern\u00e4hrungsprogramm stehen weltweit 44 Millionen Menschen am Rande der Hungersnot und weitere 232 Millionen sind nur einen Schritt davon entfernt. Das Weltern\u00e4hrungsprogramm wurde stark in Mitleidenschaft gezogen, weil die H\u00e4lfte des Weizens, den die Organisation in humanit\u00e4ren Krisen verteilt, aus der Ukraine stammt. Deshalb muss sie den Weizen von anderen Anbietern zu h\u00f6heren Preisen beziehen. Gleichzeitig ist die Nachfrage aus L\u00e4ndern, die von US-gef\u00fchrten oder -provozierten Kriegen betroffen sind \u2013 wie Afghanistan, Syrien, Jemen, \u00c4thiopien und der Sudan \u2013 massiv gestiegen und die Finanzierung durch die Industriestaaten bricht zusammen, weil diese ihre Gelder an den Krieg in der Ukraine umverteilen.<\/p>\n<p>Die f\u00fchrenden Politiker und Analysten der Welt wissen, dass der steigende Hunger zu sozialer Instabilit\u00e4t, Migration und politischen Unruhen f\u00fchren wird, \u00e4hnlich wie im Jahr 2011 die steigenden Lebenshaltungskosten zum Arabischen Fr\u00fchling f\u00fchrten. Letztes Jahr kam es in Westafrika zu f\u00fcnf Staatsstreichen. Nur 22 Prozent der 1,2 Milliarden Einwohner des Kontinents wurden gegen Covid-19 geimpft, und die von den Industrienationen versprochenen Hilfsgelder zum Kampf gegen die Pandemie in H\u00f6he von 100 Milliarden Dollar wurden noch nicht bereitgestellt. Etwa 20 L\u00e4nder sind massiv verschuldet und stehen kurz davor, ihre internationalen Kredite nicht mehr zur\u00fcckzahlen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><em>#Bild: Demonstration gegen den Milit\u00e4rputsch in der sudanesischen Hauptstadt Khartum am 14. M\u00e4rz 2022 (AP Photo\/Marwan Ali)<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2022\/03\/27\/food-m27.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 28. M\u00e4rz 2022<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jean Shaoul. Im Sudan protestierten letzte Woche Tausende von Arbeitern und Studierenden gegen die rasant steigenden Lebensmittel- und Spritpreise. 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