{"id":1102,"date":"2016-04-15T14:39:49","date_gmt":"2016-04-15T12:39:49","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1102"},"modified":"2016-04-15T14:42:57","modified_gmt":"2016-04-15T12:42:57","slug":"die-krise-der-fluechtlinge-als-indiz-eines-zerfallenden-systems","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=1102","title":{"rendered":"Die Krise der Fl\u00fcchtlinge als Indiz eines zerfallenden Systems"},"content":{"rendered":"<p><em>Sandra Bloodworth.<\/em> In Berlin hat ein Beamter die in Deutschland ankommenden Fl\u00fcchtlinge als \u201cunerw\u00fcnschten Abfall der Welt\u201d bezeichnet. Dies geschah 1946. Der Beamte war ein Migrationsspezialist der britischen Besatzungsarmee.<!--more--> Er beklagte sich, dass Deutschland kein Abfalleimer mit einer unendlichen Aufnahmekapazit\u00e4t f\u00fcr diesen M\u00fcll sei.<\/p>\n<p>Siebzig Jahre danach ist die Rede von Fl\u00fcchtlingen, die in Europa einfallen oder Europa \u00fcberschwemmen. Eine der gr\u00f6ssten Massenversammlungen, die je in Warschau stattfanden, skandierte im vergangenen Jahr \u201cPolen den Polen!\u201d. Es kommt h\u00e4ufig zu t\u00f6dlichen Angriffen auf Fl\u00fcchtlingsunterk\u00fcnfte in Deutschland; die extreme Rechte w\u00e4chst in ganz Europa und verspottet mit ihrem anti-islamischen Schmutz die Losung \u201cNie wieder!\u00a8.<\/p>\n<p>Diese menschliche Trag\u00f6die verweist auf ein grunds\u00e4tzlicheres Problem als es der Rassismus ist: Es geht um ein zerfallendes, in einer Krise verstricktes System.<\/p>\n<p>Karl Marx sagte, dass sich der Kapitalismus von Kopf bis Fuss von Blut und Schmutz triefend entwickelte, dass er als Konkurrenzsystem nach derWeltherrschaft dr\u00e4ngt und dass der Krieg unvermeidlich sei. Die Entfesselung der Marktkr\u00e4fte w\u00fcrde das System regelm\u00e4ssig in Krisen treiben.<\/p>\n<p>Seit der weltweiten Finanzkrise von 2008 sind abnehmendes Wachstum und wachsende Armut neben obs\u00f6nem Reichtum zur neuen Normalit\u00e4t geworden; 62 Personen besitzen mittlerweile gleichviel des weltweiten Reichtums wie die \u00e4rmere H\u00e4lfte der Menschheit.<\/p>\n<p>In Europa sind 22 Millionen Lohnabh\u00e4ngige ohne Arbeit. Die Regierungen des Kontinents, in vollem Bewusstsein des wachsenden Unmuts \u00fcber die sich versch\u00e4rfenden Wellen von Austerit\u00e4t, antworten mit der uralten Strategie: teile und herrsche. Bewaffnete Polizeieinheiten verwandeln friedliche Proteste in Kriegsgebiete und erkl\u00e4ren sie zu \u201cAufst\u00e4nden\u201d. Die Muslime werden verunglimpft und verfolgt. Fl\u00fcchtlinge stehen zunehmend faschistischen Gesetzen gegen\u00fcber, die nahelegen, dass sie eine Gefahr seien.<\/p>\n<p>Diese Art des Leidens ist unvermeidbar solange der Kapitalismus weiter lebt.<\/p>\n<p>Wir haben dies bereits fr\u00fcher und auf erweiterter Stufenleiter erlebt. Nach dem Zweiten Weltkrieg\u00a0 wurden viele Millionen mehr als heute wie Bauern auf einem Schachbrett von den Siegerm\u00e4chten\u00a0 bei ihrem Machtspiel hin- und hergeschoben.<\/p>\n<p>Im Juli 1945, als sich Churchill, Roosevelt und Stalin in Potsdam trafen, um die Kriegsbeute unter sich aufzuteilen, vereinbarten sie \u201canzuerkennen, dass die Verschiebung der deutschen Bev\u00f6lkerung aus Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn nach Deutschland vorgenommen werden soll\u201d. Polen wurden aus den ostpolnischen Gebieten vertrieben, die die UdSSR annektiert hatte; Tausende, insbesondere Juden, wurden zu Vertriebenen, als sie um Asyl baten.<\/p>\n<p>R.M. Douglas, der diese Ereignisse untersuchte, kommt zur Schlussfolgerung: \u201cDie Allierten machten sich an die Vertreibung von 12 bis 14 Millionen Menschen aus ihrer Heimat: die gr\u00f6sste Episode ethnischer S\u00e4uberung in der menschlichen Geschichte \u2026 Mindestens 500\u00b4000 \u2026 starben wegen Hunger, Vergewaltigung, Krankheit, Gewalt und aussergerichtlichen Hinrichtungen durch Soldaten und Milizverb\u00e4nden der vertreibenden L\u00e4nder\u201d.<\/p>\n<p>Churchill versprach 1944: \u201cEs wird keine Durchmischung von V\u00f6lkern geben, die endlose Schwierigkeiten bereiten \u2026 es wird sauberer Tisch gemacht werden\u201d. So \u00e4usserten sich die politischen F\u00fchrer, die sich \u00fcber wunderbare \u201cEurop\u00e4ische Werte\u201d und Demokratie grosstaten; sie stellten fest, dass unterschiedliche ethnische Gemeinschaften nicht in Frieden zusammen leben k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Ein grosser Teil Europas wurde in Schutt und Asche gelegt. Der grossangelegte Wiederaufbau trug zur wirtschaftlichen Belebung bei. Dies ist die Logik des kapitalistischen Marktes. Die Zerst\u00f6rung von Leben, St\u00e4dten und Reicht\u00fcmern erm\u00f6glicht den Kapitalisten, billig zu kaufen und aus der Krise zu kommen. Die L\u00e4nder auf dem Wellenberg dieses neuen Aufschwungs nehmen Fl\u00fcchtlinge auf \u2013 keineswegs aus humanit\u00e4ren Erw\u00e4gungen, sondern weil es sich um potentiell billige Arbeitskr\u00e4fte handelt. So lautete die Losung des australischen Einwanderungsministers Arthur Calwell \u201cbev\u00f6lkere oder gehe unter\u201d. Zwischen 1947 und 1953 unterst\u00fctzte die australische Regierung \u00fcber 170\u00b4000 Vertriebene bei ihrer Einwanderung nach Australien. Eine Webseite der Regierung unterrichtet uns, dass die Einwanderung von 3 Millionen Menschen zwischen 1945 und 1975 \u201cdas Schl\u00fcsselelement waren, um die Bev\u00f6lkerung Australiens in die H\u00f6he zu treiben, damit die wirtschaftliche und milit\u00e4rische Sicherheit gew\u00e4hrleistet werden konnte\u201d.<\/p>\n<p>Heute haben die Kapitalisten und die Regierungen keine L\u00f6sung f\u00fcr die Krise des Neoliberalismus. Ihre Kriege im Mittleren Osten zerst\u00f6ren keine Reicht\u00fcmer im Herzen des Systems; damit steht der Wiederaufbau nicht auf der Agenda. Die Millionen, die nach Europa fliehen, sind ein Bruchteil der betroffenen Bev\u00f6lkerungen. Mit 500 Millionen Einwohnern und seinem Reichtum ist Europa gegen\u00fcber den 1940er Jahren florierend und k\u00f6nnte den Fl\u00fcchtlingen leicht ein neues Leben verschaffen. Stattdessen werden Milliarden ausgegeben, um die Menschen draussen zu halten.<\/p>\n<p>Beinahe 9 Milliarden $ werden ausgegeben, um die Fl\u00fcchtlinge von Griechenland zur\u00fcck in die T\u00fcrkei zu schicken. Millionen werden aufgewendet f\u00fcr den rassierklingenscharfen Stacheldrahtzaun und die Grenzpatrouillen, anstatt sich der N\u00f6te der Verzweifelten anzunehmen \u2013 wie beispielsweise der Verschaffung von Wohnung und Arbeit.<\/p>\n<p>Die extreme Rechte gedeiht auf einer rassistischen Traition, wie sie von Regierungen und Literaten seit dem Ersten Weltkrieg ausgedr\u00fcckt wird. Sie dringt in ein wachsendes Milieu vor, das mit Unsicherheit geplagt wird, da die Menschen ihre Arbeit durch Prekarit\u00e4t und Arbeitslosigkeit bedroht sehen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Kapitalismus in zunehmenden Zerfall und Chaos gleitet, wof\u00fcr die breiten Massen bezahlen sollen, verabschiedet sich die EU von der Vision eines kultivierten und demokratischen Europa. Der alternde Kapitalismus wird zunehmend barbarisch.<\/p>\n<p>Die Krise des Systems bedeutet nicht l\u00e4nger, dass Fl\u00fcchtlinge wie Bauern auf dem\u00a0 Schachbrett herumgeschoben werden, damit sie durch die Kapitalisten besser ausgebeutet werden k\u00f6nnen. Sie bedeutet Aussschluss, Diskriminierung und die Rolle von S\u00fcndenb\u00f6cken, die von der verzweifelten Bev\u00f6lkerung beschuldigt werden k\u00f6nnen, anstelle des wirklichen M\u00fclls, diese verabscheuungsw\u00fcrdigen Verbrecher und Parasiten, deren Kriege Fl\u00fccjhtlinge generieren und die den Reichtum verzehren, der zum Aufbau einer anst\u00e4ndigen Gesellschaft eingesetzt werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/redflag.org.au\/node\/5225\">redflag.org.au&#8230;<\/a> <\/em><em>vom 8. April 2016; \u00dcbersetzung aus dem Englischen durch Redaktion maulwuerfe.ch<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sandra Bloodworth. In Berlin hat ein Beamter die in Deutschland ankommenden Fl\u00fcchtlinge als \u201cunerw\u00fcnschten Abfall der Welt\u201d bezeichnet. Dies geschah 1946. Der Beamte war ein Migrationsspezialist der britischen Besatzungsarmee.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6,7],"tags":[41,45,11],"class_list":["post-1102","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-geschichte-und-theorie","category-international","tag-europa","tag-neoliberalismus","tag-rassismus"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1102","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1102"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1102\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1105,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1102\/revisions\/1105"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1102"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1102"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1102"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}