{"id":11047,"date":"2022-04-06T11:03:48","date_gmt":"2022-04-06T09:03:48","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11047"},"modified":"2022-04-06T11:03:49","modified_gmt":"2022-04-06T09:03:49","slug":"der-krieg-in-der-ukraine-und-die-globale-unordnung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11047","title":{"rendered":"Der Krieg in der Ukraine und die \u201eglobale Unordnung\u201c"},"content":{"rendered":"<p><em>Esteban Mercatante.<\/em> In meinem Buch\u00a0<a href=\"https:\/\/www.laizquierdadiario.com\/El-imperialismo-en-tiempos-de-desorden-mundial\"><strong><em>El imperialismo en tiempos de desorden mundial<\/em><\/strong><\/a>\u00a0(\u201eDer Imperialismus in Zeiten globaler Unordnung\u201c, Ediciones IPS, Buenos Aires 2021) habe ich einige der wichtigsten Tendenzen er\u00f6rtert, die den Imperialismus heute kennzeichnen. Dazu geh\u00f6ren der R\u00fcckgang der Macht der USA, die st\u00f6rende Rolle, die Trump<!--more--> als US-Pr\u00e4sident f\u00fcr die zwischenstaatlichen Beziehungen spielte, und die Herausforderung durch China. Dies waren einige der Elemente der Tendenzen hin zur \u201eglobalen Unordnung\u201c oder zum\u00a0<a href=\"https:\/\/www.laizquierdadiario.com\/El-imperialismo-hoy-hacia-un-caos-sistemico\"><strong>\u201esystemischen Chaos\u201c<\/strong><\/a>, wie einige der in dem Buch besprochenen Autor:innen es definierten. Beschleunigt der Krieg in der Ukraine, dessen Ausgang noch offen ist, den bisherigen Trend oder definiert er das gesamte Szenario neu und setzt neue Akzente?<\/p>\n<p><strong>Illusionen eines erneuerten Atlantizismus<\/strong><\/p>\n<p>Mehr als einen Monat nach Kriegsbeginn herrscht in den meisten Mainstream-Medien und Entscheidungszentren der USA ein Klima der triumphalen Euphorie vor. Verschiedene Faktoren f\u00fchrten zu Optimismus hinsichtlich des Ausgangs des Konflikts: die Erf\u00fcllung der Vorhersagen, die Biden fast im Alleingang \u00fcber die russische Invasion gemacht hatte; die F\u00e4higkeit, die NATO-L\u00e4nder schnell dazu zu bewegen, mit harten Wirtschaftssanktionen zu reagieren, die beispiellos waren und weit \u00fcber das hinausgingen, was zuvor prognostiziert worden war; und schlie\u00dflich das Stocken der russischen Armee \u2013 das nach den Einsch\u00e4tzungen des Pentagons sowohl auf Russlands Schw\u00e4chen und verschiedene Fehler als auch auf die Unterst\u00fctzung, die die Ukraine seit 2014 in Form von milit\u00e4rischer Ausbildung und Nachschub erhalten hat, zur\u00fcckzuf\u00fchren ist \u2013. Die Euphorie veranlasste Biden dazu, in Polen zu behaupten, dass Putin nicht an der Macht bleiben kann \u2013 ein Satz, dessen Bedeutung einige seiner Mitarbeiter:innen zu kontextualisieren und zu relativieren versuchten, den der US-Pr\u00e4sident aber bis heute nicht zur\u00fcckgenommen hat.<\/p>\n<p>Die Entscheidung Russlands, in die Ukraine einzumarschieren, erm\u00f6glichte es den USA, eine Einigkeit im atlantischen Block zu schmieden, wie es sie seit den unmittelbaren Folgen des 11. September 2001 nicht mehr gegeben hat. Die Sch\u00e4rfe der Wirtschaftssanktionen wurde durch die Entschlossenheit Europas bestimmt und die USA konnten sich den Luxus erlauben, sich zur\u00fcckzuhalten und ihren Verb\u00fcndeten die F\u00fchrung zu \u00fcberlassen. Obwohl man angesichts der Abh\u00e4ngigkeit Europas von russischer Energie mehr Z\u00f6gern oder Ambivalenz h\u00e4tte erwarten k\u00f6nnen, wurden die Reihen bisher mit Nachdruck geschlossen. Die Ma\u00dfnahmen zur beschleunigten Lieferung europ\u00e4ischer R\u00fcstungsg\u00fcter in der Ukraine und die Wende Deutschlands, seine Milit\u00e4rausgaben zu erh\u00f6hen \u2013 vorerst zur Versorgung der NATO-Streitkr\u00e4fte, obwohl dies gleichzeitig ein erster Schritt zur Wiedererlangung des eigenen Handlungsspielraums in diesem Bereich ist, der Deutschland seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs gefehlt hat \u2013 vervollst\u00e4ndigen die Antwort des Blocks auf die russische Aggression.<\/p>\n<p>Nach den vier Jahren Trump und seinem \u201eAmerica First\u201c, in denen er versuchte, die USA auf einen Kurs zu bringen, der irgendwo zwischen Austritt oder Unterh\u00f6hlung der zentralen globalen Institutionen liegt, mit denen die USA ihre Vorherrschaft seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs zementiert hatten, trat Biden sein Amt an und versprach eine R\u00fcckkehr der USA zu ihrem F\u00fchrungsanspruch in der \u201efreien Welt\u201c. Doch das Debakel in Afghanistan kennzeichnete sein erstes Amtsjahr und verdeutlichte die Kontinuit\u00e4t des auff\u00e4lligen Niedergangs als imperiale Macht. Gemessen an diesem Tiefpunkt erscheint die gegenw\u00e4rtige Situation als ein klarer Gewinn f\u00fcr den US-Imperialismus.<\/p>\n<p>Nach dem Debakel in Afghanistan sind die R\u00fcckschl\u00e4ge der russischen Armee im ukrainischen Gebiet auch f\u00fcr das Pentagon ein Grund zum Feiern, wie Medien wie die\u00a0<em>Washington Post<\/em>\u00a0unter Berufung auf Aussagen verschiedener Funktion\u00e4r:innen berichten. Dies mag etwas \u00fcbertrieben sein, wenn man die vielen R\u00fcckschl\u00e4ge bedenkt, die die USA bei ihren gro\u00dfen milit\u00e4rischen Abenteuern erlitten haben.<\/p>\n<p>Verlangsamt sich also der nicht lineare, aber beobachtbare Trend zum R\u00fcckgang der US-Macht, den wir vor dem Krieg beschrieben hatten, oder kehrt er sich sogar um?<\/p>\n<p>Dies w\u00e4re eine zu voreilige Schlussfolgerung. Nat\u00fcrlich wird dies, wie alles andere auch, vom endg\u00fcltigen Ausgang des Konflikts abh\u00e4ngen. Doch schon die Tatsache, dass Russland die \u201eregelbasierte Ordnung\u201c in Frage stellt, welche die USA zu verteidigen vorgeben, sollte f\u00fcr Skepsis sorgen. Einige andere klare Grenzen sprechen ebenfalls gegen die Behauptung, dass sich der Niedergang der USA umkehrt. Schauen wir sie uns an.<\/p>\n<p>Die Reaktion der USA und der NATO erfolgt ohne direkte Beteiligung am Kriegsschauplatz, wo sie nur durch die Unterst\u00fctzung der ukrainischen Armee eine Rolle spielen. Dabei w\u00e4gen sie jederzeit ab, was von Russland als milit\u00e4rische Aggression aufgefasst werden k\u00f6nnte, um ein milit\u00e4risches Vorgehen au\u00dferhalb der Ukraine zu rechtfertigen (was die russischen Streitkr\u00e4fte auch nicht so leicht durchhalten k\u00f6nnten). Diese Intervention ohne Truppen vor Ort hat f\u00fcr den US-Imperialismus und seine Verb\u00fcndeten den Vorteil, dass sie den Verschlei\u00df durch die Kriegsanstrengungen vermeidet. Aber es schr\u00e4nkt auch die M\u00f6glichkeit ein, den Ausgang des Konflikts zu beeinflussen. Die Sanktionen werden die russische Wirtschaft empfindlich st\u00f6ren, was sich \u00fcber einen langen Zeitraum bemerkbar machen wird, aber sie gew\u00e4hrleisten nicht, dass die milit\u00e4rischen Ziele des Kremls gebremst werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Andererseits ist es der EU und den USA nicht gelungen, eine Reihe von L\u00e4ndern, darunter wichtige Abnehmer russischer Rohstoffe wie Indien, in ihre Sanktionen einzubeziehen. Nicht einmal Israel, ein zentraler St\u00fctzpunkt des US-Imperialismus im Nahen Osten \u2013 auch wenn derzeit Meinungsverschiedenheiten in der Frage des Atomabkommens mit dem Iran bestehen \u2013, zog dabei mit. Das geht auf die Rolle Russlands im Nahen Osten und insbesondere in Syrien zur\u00fcck, wo \u201eRussland Israel erlaubt, spezifische milit\u00e4rische Operationen innerhalb Syriens durchzuf\u00fchren, um der Bedrohung durch die Hisbollah zu begegnen\u201c, wie der israelische Au\u00dfenpolitikexperte der Brookings Institution, Natan Sachs,\u00a0<a href=\"https:\/\/www.bbc.com\/mundo\/noticias-internacional-60581770\"><strong>gegen\u00fcber der BBC<\/strong><\/a>\u00a0erkl\u00e4rte.<\/p>\n<p>Zu den L\u00e4ndern, die sich den westlichen Sanktionen nicht angeschlossen haben, geh\u00f6rt kein Geringeres als China, das sich seit Beginn des Konflikts \u201ef\u00fcr den Frieden\u201c ausgesprochen hat, ohne jedoch irgendwelche Schritte zu unternehmen, um seinen Verb\u00fcndeten in Frage zu stellen. Angesichts der teilweisen Abtrennung Russlands vom internationalen SWIFT-Zahlungssystem hat sich das chinesische Zahlungsystem CIPS als Alternative erwiesen. Es stimmt zwar, dass chinesische Unternehmen nicht wie Huawei blo\u00dfgestellt werden wollen, dessen Finanzchefin Meng Wanzhou 2018 in Kanada mit der Begr\u00fcndung verhaftet wurde, das Unternehmen habe Man\u00f6ver durchgef\u00fchrt, um die durch die Iran-Sanktionen auferlegten Beschr\u00e4nkungen zu umgehen. Aber der asiatische Riese hat keine Motivation, sich von Russland zu l\u00f6sen und mit den USA zu spielen, die sich darauf vorbereiten, selbst gegen China vorzugehen. China hat jedoch auch nicht die Absicht, sich Sanktionen auszusetzen, obwohl es wei\u00df, dass deren Anwendung gegen China f\u00fcr den westlichen Imperialismus ein ganz anderes Ausma\u00df annehmen und viel teurer sein w\u00fcrde. Denn der Handel des westlichen Imperialismus ist in allen Bereichen vollst\u00e4ndig mit China verkn\u00fcpft und nicht nur wie im Falle Russlands auf Rohstoffe und Brennstoffe beschr\u00e4nkt. Nach Einsch\u00e4tzung von\u00a0<a href=\"https:\/\/next-media-api.ft.com\/renditions\/16480511953540\/1280x720.mp4\"><strong>Alexander Gabuev vom Cargenie Moscow Center<\/strong><\/a>\u00a0\u201etut China alles, was legitim ist und au\u00dferhalb der Reichweite der US-Sanktionen liegt\u201c, w\u00e4hrend es sich gleichzeitig darauf vorbereitet, Russlands Erholung in der Zeit nach dem Ukrainekrieg und der eventuellen Lockerung oder Aufhebung der Sanktionen rasch zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>Hinzu kommt, dass die gegen Russland ergriffenen Ma\u00dfnahmen einen Rebound-Effekt ausl\u00f6sen, der genau die L\u00e4nder trifft, die sie anwenden, insbesondere die EU (da die USA zumindest von saftigen Gesch\u00e4ften wie dem Verkauf von Fl\u00fcssiggas an ihre NATO-Partner zu einem viel h\u00f6heren Preis als russisches Gas profitieren k\u00f6nnen), und wahrscheinlich bereits ein Niveau erreicht haben, bei dem eine weitere Eskalation sehr gef\u00e4hrlich ist. Die Inflation, die aufgrund der Ma\u00dfnahmen zur Eind\u00e4mmung der Pandemiekrise und der\u00a0<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/produktionsketten-engpaesse-und-strategische-positionen\/\"><strong>Unterbrechung der globalen Produktionsketten<\/strong><\/a>\u00a0im Jahr 2020 bereits gestiegen ist, wird durch die steigenden Lebensmittel- und \u00d6lpreise angeheizt, die durch den Krieg selbst in die H\u00f6he getrieben, aber durch die Auswirkungen der Sanktionen auf das Angebot noch versch\u00e4rft werden. Zwar haben sich die USA und die EU die M\u00f6glichkeit offengelassen noch sch\u00e4rfere Sanktionen zu verh\u00e4ngen, falls Putin seine Milit\u00e4raktionen weiter versch\u00e4rft, doch k\u00f6nnten die Auswirkungen auf die Weltwirtschaft, die dies mit sich bringen w\u00fcrde, von der Anwendung dieser Sanktionen abhalten.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich k\u00f6nnte die Festigkeit des atlantischen Blocks mit zunehmender Dauer des Krieges ins Wanken geraten. Nach Jahrzehnten, in denen das Auseinanderdriften der Interessen und Perspektiven zwischen den USA und ihren europ\u00e4ischen Verb\u00fcndeten \u2013 angesichts der Invasion im Irak, der Krise nach 2008 und ihrer europ\u00e4ischen Folgen mit der Schuldenkrise in der Eurozone und den wiederholten Zusammenst\u00f6\u00dfen w\u00e4hrend der Trump-Administration \u2013 immer deutlicher zutage getreten ist, gibt es keinen einfachen Weg zur\u00fcck zum \u201eNullpunkt\u201c. Die Abh\u00e4ngigkeit von der russischen Energieversorgung hat sich von Anfang an als Risiko erwiesen, das mit dem wirtschaftlichen Schlag der Sanktionen einhergeht und sich mit dem Fortschreiten des Konflikts weiter versch\u00e4rfen wird. Der Leitartikler der\u00a0<em>Financial Times<\/em>,\u00a0<a href=\"https:\/\/www.ft.com\/content\/c0a7e365-2cd6-4b3b-b5de-0500aec8c830\"><strong>Gideon Rachman<\/strong><\/a>, warnt: \u201eEs besteht die Gefahr, dass Russland den Kampf noch viele Monate lang fortsetzen kann\u201c, w\u00e4hrend \u201edie Auswirkungen des wirtschaftlichen Bruchs mit Moskau in Europa in Form von steigenden Preisen, Energieknappheit, Arbeitsplatzverlusten und den sozialen Folgen der Aufnahme von bis zu 10 Millionen ukrainischen Gefl\u00fcchteten sehr viel deutlicher zu sp\u00fcren sein werden\u201c. Da der wirtschaftliche Druck zunimmt, warnt Rachman, \u201ek\u00f6nnte die Einheit des Westens zerbrechen und widerspr\u00fcchlichen Druck auf die politischen Anf\u00fchrer:innen aus\u00fcben\u201c. Dar\u00fcber hinaus wird die deutsche Industrie, die\u00a0<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/vergiss-mein-nicht-du-treues-herz\/\"><strong>seit der Umsetzung des als Agenda 2010 bekannten neoliberalen Reformprogramms durch die Regierung Gerhard Schr\u00f6der in den Jahren 2003 bis 2005<\/strong><\/a>\u00a0um Umstrukturierung und Wettbewerbsf\u00e4higkeit bem\u00fcht ist, indem sie die Arbeits- und Lebensbedingungen der Arbeiter:innenklasse in der BRD verschlechtert, nicht einfach einen Teil ihrer Errungenschaften opfern, indem sie auf unbestimmte Zeit den Kauf teurerer Energie aus alternativen Quellen zu Russland akzeptiert, was ihre Kosten in die H\u00f6he treiben und Waren \u201emade in Germany\u201c von den Weltm\u00e4rkten verdr\u00e4ngen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>F\u00fcr Rachman liegen die Risiken f\u00fcr die Einheit des westlichen imperialistischen Blocks nicht nur in diesen Differenzen, sondern auch in der M\u00f6glichkeit, dass durch diese wirtschaftlichen Effekte \u2013 die bereits vor dem Krieg bestanden, aber durch ihn unendlich versch\u00e4rft wurden \u2013 ein \u201efruchtbarer Boden f\u00fcr das Wiederaufleben von Populist:innen wie Donald Trump in den USA, Marine Le Pen in Frankreich oder Matteo Salvini in Italien entsteht, die alle in der Vergangenheit Bewunderer Putins waren\u201c.<\/p>\n<p>Das Bild des Konsenses zwischen den USA und der EU \u00fcber die Reaktion auf die russische Invasion kann daher nicht als das Ende des Films angesehen werden.<\/p>\n<p><strong>Russland: Pyrrhussieg oder durchschlagende Niederlage?<\/strong><\/p>\n<p>Putin hat die \u201eSonderoperation\u201c in der Ukraine mit der Zuversicht lanciert, dass er seine Ziele schnell erreichen w\u00fcrde. Es gibt keine Beweise daf\u00fcr, dass er mehr Territorium einnehmen will als den Osten des Landes, die Donbassregion, in der die russischsprachige Bev\u00f6lkerung lebt und wo sich ein gro\u00dfer Teil der Energieressourcen der Ukraine befindet. Diese begrenzten territorialen Anspr\u00fcche wurden jedoch auch offiziellen Erkl\u00e4rungen zufolge seit Beginn der Kampagne von dem Bestreben begleitet, unter dem Vorwand der \u201eEntnazifizierung\u201c einen Regimewechsel in der Ukraine herbeizuf\u00fchren und die k\u00fcnftige Neutralit\u00e4t des Landes zu gew\u00e4hrleisten, wodurch ein NATO-Beitritt verhindert werden sollte (welcher, trotz aller Erkl\u00e4rungen des ukrainischen Pr\u00e4sidenten, der sich f\u00fcr eine Ann\u00e4herung an die NATO aussprach, auch nicht unmittelbar in Aussicht gestellt wurde).<\/p>\n<p>Wahrscheinlich hat sich die Strategie des Kremls in zwei wichtigen Punkten als falsch erwiesen: dass der ukrainische Widerstand schw\u00e4cher sein w\u00fcrde und dass die USA und die EU nur mit begrenzten Sanktionen reagieren w\u00fcrden, die eher denen entsprechen, die seit der Invasion der Krim 2014 verh\u00e4ngt wurden.<\/p>\n<p>Einen Monat nach Kriegsbeginn k\u00fcndigte Russland eine \u00c4nderung seiner Ziele an, die sich hinter dem Hinweis verbarg, dass die Ziele der \u201eersten Phase\u201c des Krieges erreicht worden seien. Auf dieser Grundlage w\u00fcrden sie sich nun auf die Besetzung des Ostens des Landes konzentrieren. Auch wenn die Bombardierung der \u00fcbrigen Ukraine seither fortgesetzt wurde, ist dies eine Art und Weise, die Schwierigkeiten zu verschleiern und die Anspr\u00fcche zu justieren. So k\u00f6nnte ein erfolgreicher Ausstieg verk\u00fcndet werden, auch wenn die Aussicht auf einen \u201eRegimewechsel\u201c zur Einsetzung einer eher pro-russischen Regierung heute in weiter Ferne zu liegen scheint. Wie der US-Analyst\u00a0<a href=\"https:\/\/geopoliticalfutures.com\/the-emerging-order\/\"><strong>George Friedman mit einiger Ironie feststellt<\/strong><\/a>:<\/p>\n<p><em>Die Trag\u00f6die besteht darin, dass die diskutierte L\u00f6sung das zu best\u00e4tigen scheint, was urspr\u00fcnglich der Fall war. Die Russen behaupten nun, dass ihre einzige Absicht in diesem Krieg darin bestand, die \u00f6stliche Donbass-Region zu sichern, und nicht, die Ukraine zu besetzen. Deswegen einen Krieg zu beginnen, erscheint sinnlos, da ein Gro\u00dfteil der Donbass-Region seit den Ereignissen von 2014 unter informeller, aber sehr effektiver russischer Kontrolle steht. Es handelt sich um eine von ethnischen Russen dominierte Region, und die Ukraine war zwar nicht gl\u00fccklich \u00fcber die Besetzung ukrainischen Territoriums, aber kaum in der Lage, Russland ernsthaft herauszufordern. Was die russischen Behauptungen zweifelhaft erscheinen lie\u00df, waren nat\u00fcrlich die Panzerkolonnen, die sich von Wei\u00dfrussland aus nach S\u00fcden in Richtung Kiew bewegten, und andere Dinge. Es schien, als wollten die Russen der Ukraine generell den Krieg erkl\u00e4ren und nicht nur die Kontrolle \u00fcber ein Gebiet formalisieren, das sie bereits kontrollierten. Es ist wahrscheinlich, dass ihre Forderungen noch extremer werden und sie die Kontrolle \u00fcber das Gebiet zwischen Donbass und der Krim fordern, so dass sie sich den S\u00fcdosten der Ukraine aneignen. Aber wie ich schon sagte, haben sie einen Krieg gef\u00fchrt, der mit noch weiter reichenden Ambitionen gef\u00fchrt wurde. [\u2026] Die Trag\u00f6die ist, dass es Tausende von Toten brauchte, um uns an den Punkt zur\u00fcck zu bringen, wo alles begann.<\/em><a href=\"applewebdata:\/\/0A446F25-B754-4DB0-A365-AAC84FD34C82#_ftn1\"><strong><em>[1]<\/em><\/strong><\/a><\/p>\n<p>Mit der Einleitung der \u201eSonderoperation\u201c setzte sich Putin in beispielloser Weise \u00fcber das selbsternannte Recht der USA hinweg, gemeinsam mit ihren Verb\u00fcndeten festzulegen, welche milit\u00e4rischen Operationen und Besetzungen legitim sind, bzw. in Ermangelung einer solchen Vereinbarung als einziges Land Operationen durchzuf\u00fchren, die nicht vom UN-Sicherheitsrat oder der UN-Vollversammlung unterst\u00fctzt werden, wie zum Beispiel im Irak, ohne daf\u00fcr Konsequenzen zu tragen. Russlands Kalk\u00fcl bestand darin, den Warnungen der USA und der NATO zu trotzen, aber die wirtschaftlichen Folgen der Sanktionen w\u00e4hrend des Konflikts zu \u00fcberstehen, um seine milit\u00e4rischen Ziele zu erreichen und eine Aufhebung der Sanktionen nach dem Konflikt zu erzwingen. Aufgrund der Erfahrungen aus dem Jahr 2014 war das Land darauf vorbereitet, die wirtschaftlichen Folgen der Sanktionen zu \u00fcberstehen, und verf\u00fcgte \u00fcber umfangreiche Reserven in H\u00f6he von 640 Milliarden USD. Die russische Zentralbank hat durch das Einfrieren der Sanktionen den Zugang zu fast der H\u00e4lfte dieser Mittel verloren.<\/p>\n<p>Der Ausgang des Krieges ist noch offen, und trotz der Fortschritte ist der Ausgang der Verhandlungen noch ungewiss. Die USA und ihre europ\u00e4ischen Verb\u00fcndeten setzen darauf, dass die Kombination aus ukrainischem Widerstand und Sanktionen den gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Zerm\u00fcrbungseffekt hat und Putin zu einem Sturzflug zwingt, der weit hinter seinen Ambitionen zur\u00fcckbleibt. Doch trotz der viel h\u00f6heren Kosten als erwartet, die Russland vor Ort und wirtschaftlich zu tragen hatte \u2013 obwohl seine W\u00e4hrung nach den Ma\u00dfnahmen zur Verrechnung von Gas- und \u00d6lexporten in Rubel wieder an Wert gewann \u2013, und der M\u00e4\u00dfigung seiner urspr\u00fcnglichen Ambitionen, k\u00f6nnte das Ergebnis ganz anders ausfallen als die katastrophale Falle, die einige westliche Leitartikelautor:innen f\u00fcr Putin und sein Regime beschreiben. Andere, n\u00fcchternere Ansichten erkennen an, dass es kaum einen anderen Weg geben kann, als mit Russland zu verhandeln. Wie Thomas Graham und Rajan Menon vor einigen Tagen in\u00a0<em>Foreign Affairs<\/em>\u00a0warnten:<\/p>\n<p><em>Es gibt keinen offensichtlichen Weg zu einem fr\u00fchen und entscheidenden Sieg \u00fcber Russland. Die Vereinigten Staaten und ihre Verb\u00fcndeten haben die M\u00f6glichkeit eines direkten milit\u00e4rischen Eingreifens zur Verteidigung der Ukraine abgelehnt, da die Gefahr besteht, dass dies einen Atomkrieg ausl\u00f6sen k\u00f6nnte. Westliche Waffen, die in die Ukraine flie\u00dfen, werden Russlands ohnehin schon betr\u00e4chtliche Verluste an Soldaten und R\u00fcstungsg\u00fctern noch vergr\u00f6\u00dfern, aber Putin scheint bereit zu sein, diese Kosten in Kauf zu nehmen, wenn es darum geht, die Ukrainer zu unterwerfen [\u2026] Die Ukraine und ihre westlichen Unterst\u00fctzer sind zwar nicht in der Lage, Russland in einem vern\u00fcnftigen Zeitrahmen zu besiegen, aber sie haben ein Druckmittel, um die Verhandlungen voranzutreiben.<\/em><\/p>\n<p>Die internationale Ordnung herauszufordern, territoriale Ziele in der Ukraine voranzutreiben und nicht v\u00f6llig isoliert zu sein, sondern Teil eines ausgehandelten Ausstiegs zu sein, mag weniger sein, als Putin urspr\u00fcnglich erhofft hatte, aber es ist keineswegs eine Niederlage auf ganzer Linie. W\u00e4hrend die NATO-Strateg:innen also hoffen, dass Russland aus dem Krieg viel schlechter hervorgehen wird als es hineingegangen ist, wird der Makel dieser Herausforderung der imperialistischen Ordnung durch eine \u201erevisionistische\u201c Macht \u2013 wie westliche\u00a0<em>Think-Tanks<\/em>Russland aufgrund seiner Anti-Washington-Position, die es mit China teilt, zu definieren pflegen \u2013 wahrscheinlich nicht verschwinden.<\/p>\n<p><strong>Ein weiterer Schritt zur Konfrontation zwischen Gro\u00dfm\u00e4chten<\/strong><\/p>\n<p>Der Krieg in der Ukraine ist zwar noch kein direktes milit\u00e4risches Aufeinandertreffen von Gro\u00dfm\u00e4chten, aber er markiert eine gef\u00e4hrliche Ann\u00e4herung in diese Richtung. Und so wie die USA selbst inmitten der Eskalation nie aus den Augen verloren haben, dass das Terrain, auf dem die f\u00fcr ihre Vorherrschaft entscheidenden strategischen Fragen gekl\u00e4rt werden, nicht in Osteuropa, sondern in Asien liegt, so beobachtet auch Peking die Entwicklung des Krieges in der Ukraine mit Blick auf die m\u00f6glichen Szenarien f\u00fcr einen hypothetischen Konflikt um Taiwan.\u00a0<a href=\"https:\/\/youtu.be\/E1k_rtqL4Cw?t=2507\"><strong>Wie Ho-Fung Hung in einer k\u00fcrzlich gef\u00fchrten Debatte hervorhob<\/strong><\/a>, k\u00f6nnte sich die Frage, wie Russland in dieser Auseinandersetzung abschneidet, f\u00fcr China als entscheidend f\u00fcr den Fahrplan zur Durchsetzung seiner Anspr\u00fcche auf Taiwan erweisen. Die Wiederbelebung des atlantischen Blocks ist trotz der oben genannten Schw\u00e4chen und Widerspr\u00fcche eine Warnung an China und ein positives Signal f\u00fcr die USA in diesem strategischen Streit. Am vergangenen Freitag wurde Xi Jinping\u00a0<a href=\"https:\/\/www.ft.com\/content\/5aff68f9-af65-4aa4-9c47-f4fbb35df48f\"><strong>in einem Videogipfel<\/strong><\/a>\u00a0mit der Pr\u00e4sidentin der Europ\u00e4ischen Kommission, Ursula von der Leyen, und dem Chef des Europ\u00e4ischen Rates, Charles Michel, gewarnt, dass gegen China Vergeltungsma\u00dfnahmen getroffen w\u00fcrden, wenn es Moskau helfen w\u00fcrde. Der chinesische Staatschef reagierte darauf, indem er die EU aufforderte, mit der \u201eMentalit\u00e4t des Kalten Krieges\u201c zu brechen und unabh\u00e4ngig von den USA zu handeln. Nat\u00fcrlich ist noch nichts entschieden, und auch wenn es im US-Establishment \u201ePro-Globalisierungs\u201c-Kreise gibt, die auf diese Ann\u00e4herung dr\u00e4ngen, k\u00f6nnten infolge dieses Krieges und der wirtschaftlichen Auswirkungen, die er mit sich bringen wird, auch die Kreise wiederbelebt werden, die eher Trumps Linie folgen und auf eine andere Weltordnung abzielen, um gegen China vorzugehen \u2013 und dabei sogar eine Ann\u00e4herung an Russland anstreben \u2013.<\/p>\n<p>Um auf die eingangs gestellte Frage zur\u00fcckzukommen: Die Tendenzen zur globalen Unordnung machen mit diesem Krieg einen qualitativen Sprung. Trotz des unmittelbaren Anscheins wird die Wiederbelebung des atlantischen Blocks nicht unbedingt von langer Dauer sein. Sicher ist, dass wir den Konfrontationen, auf die sich der US-Imperialismus seit langem mit der aufstrebenden \u00f6stlichen Macht vorbereitet hat, einen Schritt n\u00e4herkommen.<\/p>\n<p><em>Dieser Artikel erschien zuerst am 3. April 2022 auf Spanisch bei\u00a0<\/em><a href=\"https:\/\/www.izquierdadiario.es\/La-guerra-en-Ucrania-y-el-desorden-mundial-cambio-de-tendencias-o-aceleracion\"><strong><em>Ideas de Izquierda<\/em><\/strong><\/a><em>.<\/em><\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/0A446F25-B754-4DB0-A365-AAC84FD34C82#_ftnref1\"><strong>[1]<\/strong><\/a>\u00a0Es gibt jedoch auch Stimmen, die davon ausgehen, dass sich das Ziel von Anfang an auf den Donbass beschr\u00e4nkte und der breitere Feldzug auf die \u00dcberwindung des Widerstands in der Ukraine ausgerichtet war. Dies klingt jedoch nach einer \u00fcberm\u00e4\u00dfig kostspieligen Strategie f\u00fcr solch relativ begrenzte Ziele, so schmackhaft sie auch sein m\u00f6gen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/der-krieg-in-der-ukraine-und-die-globale-unordnung-trendwechsel-oder-beschleunigung\/\"><em>klassegegenklasse.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 6. April 2022 <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Esteban Mercatante. In meinem Buch\u00a0El imperialismo en tiempos de desorden mundial\u00a0(\u201eDer Imperialismus in Zeiten globaler Unordnung\u201c, Ediciones IPS, Buenos Aires 2021) habe ich einige der wichtigsten Tendenzen er\u00f6rtert, die den Imperialismus heute kennzeichnen. Dazu geh\u00f6ren &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":11048,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6,7],"tags":[18,27,4,19,46],"class_list":["post-11047","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","category-international","tag-imperialismus","tag-russland","tag-strategie","tag-ukraine","tag-usa"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11047","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=11047"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11047\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11049,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11047\/revisions\/11049"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/11048"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=11047"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=11047"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=11047"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}