{"id":11053,"date":"2022-04-06T15:06:03","date_gmt":"2022-04-06T13:06:03","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11053"},"modified":"2022-04-06T15:06:04","modified_gmt":"2022-04-06T13:06:04","slug":"ich-bin-ukrainerin-und-kann-kein-blau-gelb-mehr-sehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=11053","title":{"rendered":"Ich bin Ukrainerin \u2013 und kann kein Blau-Gelb mehr sehen"},"content":{"rendered":"<p><em>Marija Hirt. <\/em>Mein Alltag ist derzeit blau und gelb. \u00dcberall in der deutschen Stadt, in der ich seit langem lebe, lauern die Farben des Landes, in dem ich gro\u00df geworden bin. Das macht mir gemischte Gef\u00fchle. Ich wei\u00df, dass die Leute das gut meinen. Aber es \u00fcberwiegen die Bauchschmerzen.<!--more--><\/p>\n<p>Der Ursprung dieser Schmerzen ist kompliziert. Also fange ich bei ihrer Wirkung an: Es ist f\u00fcr mich sehr schwierig,\u00a0<a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/der-freitag\/theater-im-krieg-wir-begreifen-nicht-also-schauen-wir-zu\">mit deutschen Bekannten \u00fcber den Krieg zu reden<\/a>. Und doch sprechen mich fast alle darauf an \u2013 aus einer ziemlich einheitlichen Haltung. Menschen, die bis vor Kurzem nicht wussten, welcher Fluss durch Kiew flie\u00dft oder wo das Asowsche Meer liegt, versuchen, mich \u00fcber mein Land zu belehren. Und wenn ich sage, dass der Krieg \u2013 der sofort aufh\u00f6ren muss \u2013 auch eine Vorgeschichte hat, ernte ich Erstaunen und Kopfsch\u00fctteln: Ist das nicht Putin-Propaganda? Habe ich all die herzzerrei\u00dfenden Bilder aus meiner Heimat nicht gesehen? M\u00fcsste nicht gerade ich es besser wissen?<\/p>\n<p>Geboren wurde ich zu Sowjetzeiten auf der Krim. Meine Mutter ist ethnische Russin, der Vater Ukrainer, damals war das egal. Aufgewachsen bin ich in Kherson, studiert habe ich in Simferopol. Der Name \u00fcber dem Text ist nicht mein echter. Noch will ich nicht glauben, dass ich oder meine deutsche Familie Nachteile h\u00e4tten, wenn dort kein Pseudonym st\u00fcnde. Aber ich habe Angeh\u00f6rige in der Ukraine. Und die sind allem ausgesetzt, was noch kommen mag. Da bleibe ich lieber vorsichtig.<\/p>\n<p><strong>Kommt danach wilde Rache?<\/strong><\/p>\n<p>Warum? Enden wird das alles in einem Deal,\u00a0<a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/der-freitag\/autor-jo-nesbo-wir-brauchen-eine-bessere-geschichte-als-wladimir-putin\">den beide Seiten als Sieg verkaufen k\u00f6nnen<\/a>. Aber was ist dann in der Ukraine los? Es wurden massenhaft Waffen in Umlauf gebracht. Man hat f\u00fcr den Kampf zahlreiche H\u00e4ftlinge freigelassen, auch Gewaltt\u00e4ter und M\u00f6rder, wie j\u00fcngst in einer deutschen Zeitung stand. Laut Regierung sind ausl\u00e4ndische K\u00e4mpfer in f\u00fcnfstelliger Zahl im Land, ideologisch hoch motiviert, nicht selten rechtsradikal. Nach dem Krieg werden diese jungen M\u00e4nner traumatisiert sein und zugleich euphorisch \u00fcber den \u201eSieg\u201c. Wer sammelt dann die Waffen wieder ein? Wer bringt die \u201eLegion\u00e4re\u201c unter Kontrolle? Man muss nicht \u00e4ngstlich sein, um \u00fcberall, wo sich diese Kr\u00e4fte dann bewegen k\u00f6nnen, wilde Rache an \u201eVerr\u00e4tern\u201c zu f\u00fcrchten. Wer sollte das stoppen? Die Polizei und Justiz, die den Massenmord im Gewerkschaftshaus von Odessa nicht ahnden? Viele dieser Waffen werden in kriminelle H\u00e4nde geraten. Auch darunter wird das Land noch lange leiden.<\/p>\n<p>Doch erst einmal ist offener Krieg. Wladimir Putin hat ihn begonnen.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/the-guardian\/ein-monat-krieg-in-der-ukraine-entwicklung-einer-tragoedie\">F\u00fcr seinen Verlauf<\/a>\u00a0hat aber auch die ukrainische Seite eine Verantwortung, etwa f\u00fcr die Trag\u00f6die von Mariupol. Die Gro\u00dfstadt an der K\u00fcste ist \u201estrategisch wichtig\u201c. Bewohnt wird sie \u00fcberwiegend von Russen, denen Kiew nicht traut. Deshalb wurde hier nach 2014 das Asow-Regiment stationiert, die rechtsradikale Folgeorganisation des militanten Fl\u00fcgels vom \u201eEuromaidan\u201c ist ja jetzt Teil der Armee. Trotzdem scheint Kiew die Stadt kaum halten zu k\u00f6nnen. Vergangene Woche sah Pr\u00e4sident Wolodymyr Selenskyj \u201ekeine milit\u00e4rische L\u00f6sung\u201c. Doch kurz darauf hie\u00df es, Mariupol werde keinesfalls \u00fcbergeben. Die Menschen aber wurden nicht gefragt, ob ihre Stadt einen M\u00e4rtyrer-Endkampf f\u00fchren soll. Wo seit 2014 das Verh\u00e4ltnis zur Regierung recht k\u00fchl war, entstehen jetzt Bilder, mit denen ebendiese im Westen hei\u00dfe Emotionen mobilisiert. Eine enge Verwandte hat sich vergangene Woche aus Mariupol auf die Krim gerettet. Sie ist verbittert \u00fcber diese Ironie: zwei Fliegen mit einer Klappe, so sieht sie das, wenn nicht noch drastischer.<\/p>\n<p>Ein anderes Beispiel ist mein Kherson, gleichfalls strategisch bedeutend. Dort hatte man sich zu Kriegsbeginn ganz anders verhalten. Zun\u00e4chst war der Spuk binnen Stunden vorbei, ohne gro\u00dfe Sch\u00e4den und Opfer. Bleibt das so? Versucht die ukrainische Seite, durch Guerillataktiken eine Eskalation zu provozieren, um den \u201emoralischen Preis\u201c f\u00fcr die Stadt hochzutreiben? Ich wei\u00df es nicht. Am Montag vergangener Woche wurde gemeldet, dass russische Soldaten auf eine der kleinen pro-ukrainischen Demos geschossen h\u00e4tten, die dort nach dem russischen Einzug stattfanden. Jetzt sagt man in Washington, die Russen h\u00e4tten nicht mehr die volle Kontrolle \u00fcber die Stadt meiner Jugend. Laut Familie vor Ort stimmt beides \u2013 bisher \u2013 nicht.<\/p>\n<p><strong>Zerrbilder in den Medien<\/strong><\/p>\n<p>Im Krieg ist Medien nicht zu trauen. Die russischen verbreiten abenteuerliche Geschichten und \u00fcbertreiben ma\u00dflos, um die \u201eMilit\u00e4roperation\u201c als \u201eEntnazifizierung\u201c oder unmittelbare Notwehr zu verkaufen. In Wahrheit geht es um k\u00fchle Geopolitik. Aber auch hierzulande zeigen die Medien ein Zerrbild. Ihnen zufolge steht die ganze Ukraine Gewehr bei Fu\u00df gegen den \u2013 wahrscheinlich verr\u00fcckten \u2013 Aggressor. Wer von Spaltung redet, bediene nur das \u201ePutin-Narrativ\u201c! Warum hat die Regierung dann jetzt \u201epro-russischen\u201c Parteien jede Bet\u00e4tigung verboten? Wenn hierzulande Kriegsbilder gesendet werden oder Fl\u00fcchtlinge befragt, passt alles genau zum Tenor. Zwischent\u00f6ne gibt es kaum. Warum? Weil man aus der Ostukraine Deutschland nicht erreichen kann? Glauben die Befragten, mit ihren Erz\u00e4hlungen ihre Anwesenheit rechtfertigen zu m\u00fcssen? Will man nichts berichten, was \u201edem Feinde n\u00fctzt\u201c?<\/p>\n<p>Sicher festigt Putins Angriff das ukrainische Nationalgef\u00fchl, vor allem da, wo es schon vorher stark war. Ich bin vielleicht kein gutes Beispiel. Ich hatte nie eine starke nationale Identit\u00e4t und lebe schon lange im Ausland. Doch die Lage ist komplizierter als im deutschen Fernsehen.<\/p>\n<p>Nach meiner Wahrnehmung sehen viele im Osten die Katastrophe nach wie vor auch als bittere Konsequenz des \u201eEuromaidan\u201c. Als 2014 mit offener Unterst\u00fctzung fremder M\u00e4chte eine relativ fair gew\u00e4hlte Regierung gest\u00fcrzt wurde, die dort ihre Basis hatte, roch es nach Krieg. Wie wohl die meisten hatte ich zuletzt zwar nicht mehr damit gerechnet. Doch hat dieser Einschnitt immer ein gewaltsames Zerbrechen des Landes riskiert. Und dass damals in Kiew der harte Kern auf dem Platz bezahlt wurde, wei\u00df in der Ukraine jeder.<\/p>\n<p>Finden Sie mich zynisch? Einem Kind des ukrainischen Ostens steht auch die Oblast Donezk vor Augen, die wie Luhansk und die Krim den Umsturz von 2014 nie anerkannt hat \u2013 und hart daf\u00fcr bestraft wurde. In die Stadt von der Gr\u00f6\u00dfe und Bedeutung Hamburgs haben oder hatten viele in meiner Gegend Verbindungen. Und von dort aus betrachtet steht der Februar 2022 nicht nur f\u00fcr den Beginn eines Krieges, sondern einstweilen auch f\u00fcr das Ende eines solchen. Acht Jahre hat er gedauert und weit mehr als zehntausend Menschen get\u00f6tet. Immer wieder haben ukrainische Truppen dabei Zivilisten beschossen. H\u00f6re ich schon \u201eWhataboutismus\u201c? Dann gebe ich das \u201ezynisch\u201c gerne zur\u00fcck.<\/p>\n<p><strong>Der Grund f\u00fcr die Bauchschmerzen<\/strong><\/p>\n<p>Jetzt herrscht der Krieg im ganzen Land. Er bedroht Leben. Und vielfach das Einzige, was die normalen Leute besitzen: ihre Wohnungen, die ihnen beim Ende der UdSSR \u00fcberschrieben wurden. Er h\u00e4tte nie begonnen werden d\u00fcrfen, aber aus meiner Sicht auch nicht so k\u00fchn riskiert. Jetzt muss er ein Ende haben.<\/p>\n<p>Noch aber suchen die Kriegsparteien den milit\u00e4rischen Vorteil. Und das treibt mich im Alltag um: Was die Deutschen sich w\u00fcnschen, mag f\u00fcr den Krieg nicht wichtig sein. F\u00fcr meine Nerven ist es das aber. Und wollen denn meine Mitmenschen wirklich, dass das Schie\u00dfen jetzt aufh\u00f6rt? Wenn ich h\u00f6re, wie man redet, wenn ich die Zeitungen sehe, bekomme ich ein anderes Gef\u00fchl:\u00a0<a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/michael-angele\/ukraine-krieg-weniger-geschichte-wagen\">Der Krieg soll \u201egewonnen\u201c werde<\/a>n. Irgendwie auch von den Deutschen, endlich einmal \u2013 koste es fast, was es wolle.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df, wer jetzt zu den Waffen gegriffen hat. Ich verstehe, warum sich dem so viele entziehen, ob aus Kiew oder weniger betroffenen Orten. Ich spreche diesen Landsleuten weder Erlebnisse noch Gef\u00fchle ab. Ist aber mein Blick, ist die Haltung all der Menschen dort, die diese Dinge anders sehen, nicht auch Resultat von Geschichte?<\/p>\n<p>Womit ich endlich beim Grund f\u00fcr meine Bauchschmerzen bin: Wenn Deutschland Blau-Gelb hisst, wenn man sich bei Unterlassung fast rechtfertigen muss, dann sp\u00fcre ich in dieser \u201eSolidarit\u00e4t\u201c auch einen Griff nach dem Land, das trotz allem mein Land ist und dem ich das Beste w\u00fcnsche.<\/p>\n<p><em>Marija Hirt\u00a0ist ein Pseudonym. Die Identit\u00e4t der Autorin ist der Redaktion bekannt.<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/der-freitag\/die-deutschen-wollen-den-krieg-in-der-ukraine-gewinnen\"><em>freitag.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 6. April 2022<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Marija Hirt. Mein Alltag ist derzeit blau und gelb. \u00dcberall in der deutschen Stadt, in der ich seit langem lebe, lauern die Farben des Landes, in dem ich gro\u00df geworden bin. 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